Kann man nationalen Stolz ins Positive wenden?

Es war einmal ein „Sommermärchen“, das der ganzen Welt die verbindende Kraft des Fußballs vorgeführt hat. Die Protagonisten: lauter Nationalmannschaften. Nationalstolz hat Schattenseiten, doch der neue Bundestrainer Jürgen Klopp will ihn nicht „den falschen Leuten“ überlassen.

Klopp sagte auf einer Pressekonferenz des DFB: „Ich möchte mir oder uns gerne die Fahne zurückholen. Ich möchte, dass, wenn jemand sie schwingt, niemand denkt: ‚Was ist mit dir nicht in Ordnung?‘ Sondern dass man einfach das Gefühl hat, du bist happy und verstehst, dass du Glück hattest, in diesem wundervollen Land geboren, aufgewachsen, zugezogen zu sein.“

Diesen Worten werden viele Menschen zustimmen können. Den Lautsprechern von rechts außen wurde viel zu viel Platz gelassen für ihr Narrativ, dass das Leben in Deutschland zwischen Zumutung und Katastrophe oszilliert: Alles ist schlecht. Man kann nicht leugnen, dass es tatsächlich viele Probleme gibt, von sozialem Elend bis hin zu organisierter Steuerhinterziehung – und doch ist in Deutschland beileibe nicht alles schlecht. Wer das glaubt, sollte sich mal im Rest der Welt umschauen, insbesondere außerhalb der EU.

Es kann also nicht schaden, wenn eine integrierende Figur wie der Fußball-Bundestrainer etwas gegen dieses Narrativ und gegen diese Stimmung zu setzen versucht, zumal er eine Mannschaft zusammenstellt, in der es nach Können geht und nicht nach Herkunft oder Hautfarbe. Wenn diese Mannschaft nun auch noch das eine oder andere Spiel gewinnt, wird das der von Selbstzweifeln geplagten deutschen Befindlichkeit gut tun. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das findet auch FR-Kommentator Jan-Christian Müller.

Damit auch wirklich niemand übersieht, dass Nationalstolz durchaus ins Negative gewendet werden kann, kommt hier ein Kontra-Leserbrief.


Nationalstolz ist ausgrenzend und zuweilen rassistisch

Man spürt die Sehnsucht von Herrn Müller, dass der „Menschenfänger“ Klopp endlich wieder für internationale Erfolge der deutschen Fußballer sorgt. Damit steht er wahrscheinlich für eine Mehrheit der Deutschen. Dieser Sport ist also keinesfalls Nebensache. Klopps Aussage suggeriert, irgendwie könne man nationalen Stolz umverteilen – etwa wie Einkommen und Vermögen – und ins Positive wenden. Ich halte das aus mehreren Gründen für einen gravierenden Irrtum. Zum einen baut der „gute“ Nationalstolz auf derselben Grundlage auf wie der ausgrenzende, gar rassistische nationale Stolz, nämlich auf der Suggestion von kollektivem „Besonders-Sein“. Nationalstolz impliziert/erfordert dann ein kollektives „Besser-Sein“. Abgesehen davon, dass sich jede Art von nationaler Homogenität sehr schnell in Luft auflöst, wenn man konkret hinschaut, fördert diese Einbildung feindliche Ab- und Ausgrenzung. Daher gibt es wohl eine Mehrheit von Deutschen (eben nicht nur in der AfD!), deren Empathie angesichts von Zumutungen jenseits der nationalen Zugehörigkeit rapide abnimmt. Verbunden fühle ich mich dagegen gedanklich und emotional den (natürlich auch nicht-deutschen) Menschen, die sich – frei von nationalem „Wir“-Gefühl – für gute Lebensbedingungen überall einsetzen.

Im schlimmsten Fall führt nationale Identifikation im Konflikt zu unermesslichen Grausamkeiten, weil sie unweigerlich verzerrende Parteilichkeit hervorbringt und damit als Brandbeschleuniger wirkt. Um mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nur ein fürchterlich entgrenztes Beispiel zu nennen: Die überwiegende wahrnehmbare Identifikation mit den Opfern jeweils nur einer Seite eskaliert den Konflikt ins Endlose. Leider stehen nur wenige kleine Organisationen dagegen, in denen Israelis und Palästinenser miteinander versuchen, Versöhnung zu erreichen. Sie identifizieren sich mit Menschlichkeit, nicht mit Herkunft. 

Schließlich verstellt das nationale „Wir“-Gefühl den Blick auf massive Gegensätze innerhalb einer Nation. Am einen Ende sind die Vielen, die ständig unter beträchtlichen materiellen Sorgen leiden und dadurch in ihrer Freiheit massiv beeinträchtigt sind; am anderen Ende gibt es die, die unermesslichen Reichtum aus der Arbeit aller schöpfen („Lidl lohnt sich“) und ihre Freiheit ziemlich grenzenlos missbrauchen können.

Joachim Reinhardt, Hüttenberg


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4 Kommentare zu “Kann man nationalen Stolz ins Positive wenden?”

  1. Der Leserbrief von Herrn Reinhardt spricht mir aus dem Herzen. Einfach genial.
    Die Leserbriefseite der FR birgt oft positive Überraschungen ich lese sie gerne.

  2. Ach wie gerne haben wir sie vernommen. Die PK unseres neuen Bundestrainers Jürgen Klopp. Besonders die Bemerkung, man solle nicht immer darauf schauen, was wir nicht haben, sondern erkennen was wir haben.
    Auch wenn Kloppo hierauf kein Copyright hat – der Satz stammt aus Obamas Antrittsrede, der er danach auch Taten folgen ließ – wir haben es gerne gehört! Doch was vernahm ich am Morgen nach dem ersten Spiel aus den Radionachrichten? „Die deutsche Nationalmannschaft hat auch das erste Spiel unter Klopp nicht gewonnen!“
    Nicht dass die Jungs gut gelaunt, frisch fröhlich frei (und zum Teil auch vogelwild) gekickt haben oder dass es wieder Spaß gemacht hat zuzugucken. Nein: „Nicht gewonnen“!
    Wenn es einen Beweis für die larmoyante Miesepetrigkeit in diesem unserem Lande gibt – et voila!

  3. Da ist Michael Hesse aber ein wahrer Volltreffer gelungen. Schade, dass sein Essay nicht an prominenterer Stelle platziert wurde, so ist er vielleicht manchem Leser entgangen. Es ist schon bemerkenswert, worauf man in diesen deutschen Landen glaubt, stolz sein zu dürfen oder gar zu sollen. Zu Recht weist Hesse darauf hin, dass Stolz eine Urheberschaft voraussetzt, also eine nennenswerte Leistung diesem zugrunde liegen sollte. Womit wir es aber meistenteils zu tun hatten und haben, ist ein durch nichts zu rechfertigender Dünkel, der gelegentlich in regelrechter Großmannssucht, zuweilen auch in üblem Rassismus gipfelte, bei dem es dann zum Untermenschen nicht mehr weit war. In dieser schrecklichen Ausprägung gab es diese Haltung, zumindest offiziell, nach 1945 nicht mehr, was uns Deutschen aber nicht hinderte, in unserem Dünkel auf Menschen aus Kulturvölkern wie Italien, Spanien oder Griechenland herabzublicken, wie Hesse richtig feststellt, als geborene Weltmeister in Sport, Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Wir glauben ja auch allen Ernstes, dass in den 50er-und 60er Jahren über Nacht aus fanatischen Hitleranhängern lupenreine Demokraten wurden, die das einzigartige deutsche Wirtschaftswunder hervorbrachten. War es nicht vielmehr so, dass dieses Land, im Gegensatz zur DDR, von seinen Besatzern, insbesondere den Amerikanern, im Wiederaufbau so entscheidend unterstützt wurde, dass die damit einhergehende Prosperität zur Basis einer dadurch erst demokratischen Gesellschaft wurde.
    Das daraus erwachsene deutsche Überlegenheitsgefühl ist durchaus mit schuld an unserer derzeitigen Misere, denn es hinderte uns, einmal über den Zaun zu schauen, was unsere Nachbarn vielleicht besser machen: Österreichs Rentensystem, Dänemarks Krankenversicherung, Finnlands Bildungssystem, um nur einige Beispiele zu nennen. War es nicht dieses selbstgerechte Gebaren, das uns Wessis 1990 den Neubürgern aus dem Osten mit einer verletzenden Arroganz begegnen und deren Lebensleistungen geringschätzen , andererseits einen gewissen Franz. B. nach Gewinn der Fußball-WM schwadronieren ließ, Deutschland werde auf Jahrzehnte den Weltfußball dominieren?
    Und jetzt gibt es wieder einen solchen vermeintlichen Heilsbringer, dessen zur Schau getragener Nationalstolz sogar von Qualitätsmedien wie der Zeit begrüßt wird. Herr Klopp mag sich hinsichtlich Nationalstolz mit seinem Kumpel Watzke einig sein, der wiederum ein Jugendfreund von Merz ist, aber es war an der Zeit zu der grassierenden Kloppomanie ein Stoppzeichen zu setzen. Das ist Michael Hesse bestens gelungen. Aber vielleicht wird ja auch die sportliche Realität nach den nächsten vier Länderspielen ähnliches bewirken …

  4. Klopps ausdrückliche Einbeziehung Zugezogener passt für mich nicht zu „Nationalstolz ist ausgrenzend und zuweilen rassistisch“. Zugehörigkeit kann hier auch gemeinsame Verbundenheit meinen, ohne daraus Überlegenheit abzuleiten.

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