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Jürgen Klopp: „Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“, FR-Titel vom 18.9.
Man spürt die Sehnsucht von Herrn Müller, dass der „Menschenfänger“ Klopp endlich wieder für internationale Erfolge der deutschen Fußballer sorgt. Damit steht er wahrscheinlich für eine Mehrheit der Deutschen. Dieser Sport ist also keinesfalls Nebensache. Klopps Aussage suggeriert, irgendwie könne man nationalen Stolz umverteilen – etwa wie Einkommen und Vermögen – und ins Positive wenden. Ich halte das aus mehreren Gründen für einen gravierenden Irrtum. Zum einen baut der „gute“ Nationalstolz auf derselben Grundlage auf wie der ausgrenzende, gar rassistische nationale Stolz, nämlich auf der Suggestion von kollektivem „Besonders-Sein“. Nationalstolz impliziert/erfordert dann ein kollektives „Besser-Sein“. Abgesehen davon, dass sich jede Art von nationaler Homogenität sehr schnell in Luft auflöst, wenn man konkret hinschaut, fördert diese Einbildung feindliche Ab- und Ausgrenzung. Daher gibt es wohl eine Mehrheit von Deutschen (eben nicht nur in der AfD!), deren Empathie angesichts von Zumutungen jenseits der nationalen Zugehörigkeit rapide abnimmt. Verbunden fühle ich mich dagegen gedanklich und emotional den (natürlich auch nicht-deutschen) Menschen, die sich – frei von nationalem „Wir“-Gefühl – für gute Lebensbedingungen überall einsetzen.
Im schlimmsten Fall führt nationale Identifikation im Konflikt zu unermesslichen Grausamkeiten, weil sie unweigerlich verzerrende Parteilichkeit hervorbringt und damit als Brandbeschleuniger wirkt. Um mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nur ein fürchterlich entgrenztes Beispiel zu nennen: Die überwiegende wahrnehmbare Identifikation mit den Opfern jeweils nur einer Seite eskaliert den Konflikt ins Endlose. Leider stehen nur wenige kleine Organisationen dagegen, in denen Israelis und Palästinenser miteinander versuchen, Versöhnung zu erreichen. Sie identifizieren sich mit Menschlichkeit, nicht mit Herkunft.
Schließlich verstellt das nationale „Wir“-Gefühl den Blick auf massive Gegensätze innerhalb einer Nation. Am einen Ende sind die Vielen, die ständig unter beträchtlichen materiellen Sorgen leiden und dadurch in ihrer Freiheit massiv beeinträchtigt sind; am anderen Ende gibt es die, die unermesslichen Reichtum aus der Arbeit aller schöpfen („Lidl lohnt sich“) und ihre Freiheit ziemlich grenzenlos missbrauchen können.