Privates ist immer auch politisch

Der bisherige Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Jens Spahn ist mit seinem Ehemann und mit der Hilfe einer Leihmutter Vater geworden. Dieses Verhalten ist mit den konservativen Positionen, die Spahn stets vertreten hat, nicht kompatibel. Er ist zurückgetreten – wegen seiner eigenen Doppelmoral.

Vorweg: Ich, der Autor dieser Zeilen, bin ebenfalls ein schwuler Mann – so wie Jens Spahn, auch wenn wir weltanschaulich ansonsten nichts gemein haben. Es gab Situationen in meinem Leben, in denen ich hätte Vater werden können. Ich kenne schwule Paare mit Kinderwunsch, und erst kürzlich ist ein Paar in meinem Umfeld auf dem gleichen Weg zu Vätern geworden wie Jens Spahn und sein Mann Daniel Funke. Ich bin im Lauf meines Lebens auch anderen Modellen begegnet, wie schwule Männer zu Kindern kommen. Manche tun sich mit Frauen zusammen, mit denen sie sich verstehen und die ebenfalls Kinderwunsch haben. Diese Paare heiraten und bedienen sich der Eizellen-Implantation, die in der EU hier und da erlaubt ist. Etwa in Belgien. In Deutschland nicht, da Prä-Implantations-Diagnostik (PID) auch aus historischen Gründen hier nicht gelitten ist, weil dabei Embryonen selektiert werden. Für die schwulen Männer, die Vater werden wollen, kommt es darauf an, dass sie den Zeugungsakt nicht physisch mit der Frau vollziehen müssen und dass die Medizin hilft. So weit, so gut.

So ähnlich läuft das auch mit der Leihmutterschaft: Die Frau, die das Kind austrägt, hat genetisch mit dem Embryo, der in ihr heranwächst, nichts zu tun. Die befruchtete Eizelle, die ihr eingepflanzt wird, stammt von anderen Menschen. Biologisch gesehen wird die austragende Frau dennoch Mutter, denn der Embryo wächst in ihrem Körper. Damit deutet sich an, wie schwierig dieses Thema ist, auch ohne die rechtlichen Windungen, die das alles anschließend noch aufwirft. Knapp und forsch gesagt: Die Leihmutter erbringt eine Dienstleistung, für die sie bezahlt wird. Ob das Ausbeutung ist oder Fortschritt, dürfte sich an der Frage bemessen, ob die Frau ihre Entscheidung, Leihmutter werden zu wollen, freiwillig getroffen hat. Hier wird es erst recht kompliziert, denn welche Kriterien spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle? Geldnot? Dann ist die Freiwilligkeit wohl nicht gegeben. Wohltätigkeit bzw. Altruismus? Das wäre vermutlich etwas anderes. Wer prüft und entscheidet das? In den USA: die Leihmütter selbst.

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Spahns Skandale / Lehren aus dem Fall Spahn

„Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden“, hat Jens Spahn 2015 in einem Interview mit der Zeitschrift GQ gesagt. Diese Position hat er auch für und mit der CDU/CSU vertreten – im aktuellen Geschehen allerdings, ohne sich in die Positionsfindung seiner Partei noch weiter einzubringen: Während des Parteitags im Februar wusste er vermutlich schon, dass er per „gemietetem Mutterbauch“ Vater wird. Er hat das nicht eingespeist. In der Formulierung „persönlich nur sehr schwer“ deutet sich allerdings an: im Notfall würde er das wohl hinkriegen. Dieses Zitat fügt der Debatte eine weitere Dimension hinzu: das Christliche. Damit wird die ganze Sache komplett unübersichtlich. Es entsteht eine Art gordischer Knoten, den vielleicht nicht mal ein Alexander durchschlagen könnte.

Die Frage ist: Warum überhaupt Kinderwunsch? Wenn man seine Gene so wertvoll findet, dass sie unbedingt weitergegeben werden müssen, dann gibt es auch andere Wege, etwa Genarchive. Das ist allen Menschen möglich, egal welcher sexuellen Identität. Dahinter steht die Idee, dass in einem umfassenden Genpool nichts verloren gehen muss.

Hinter dem Kinderwunsch steckt also möglicherweise eine andere Geschichte: Man möchte sich selbst nachwachsen sehen. Also eine narzisstische Geschichte, die mehr mit den Menschen zu tun hat, die den Kinderwunsch hegen, als mit den Kindern selbst. Um die geht es eigentlich gar nicht. Vielleicht geht es darum, dem Ideal einer Familie gerecht werden zu wollen, auch wenn man das aus nachvollziehbaren biologischen Gründen eigentlich nicht kann. Manche Menschen haben dieses Ideal möglicherweise derart verinnerlicht, dass sie ihm auch dann folgen wollen, wenn das eigentlich nicht ihrer Natur entspricht. Dann stellt sich die Frage: Warum wollen sie das unbedingt? Warum machen sie sich nicht davon frei?

Die Familie sei die Keimzelle der Gesellschaft, hat ein Altkanzler mal gesagt. Das ist ebenso richtig wie falsch. In Familien passiert viel Mist. Es gibt keinen ernsthaften Grund, dieses Prinzip zu verklären, außer als Reproduktionsmodell für die Spezies Homo sapiens. Das heißt nicht, dass in Familien nicht geliebt wird. Das alles heißt außerdem nicht, dass schwule Väter ihre Kinder nicht lieben – egal, auf welchen Wegen die Kinder entstanden sind. Es zeigt aber, dass sich Privates nicht von Politischem trennen lässt.

Das scheint Jens Spahn gleichwohl zu glauben, doch das Private ist immer politisch. Das war noch nie anders und fängt bei völlig anderen Entscheidungen an als solch schwierigen, in denen es um Kinder geht. Meine private, persönliche Entscheidung etwa für ein E-Auto ist politisch. Ob ich im Supermarkt zu Bio-Produkten greife, hat eine politische Dimension. Mit wem ich geschlechtlich verkehre, war schon immer politisch. Jens Spahn als schwuler Mann hat sich in die Tasche gelogen, wenn er wirklich geglaubt haben sollte, dass sich diese Dinge trennen lassen. Das hat noch nie funktioniert. Spahns Rücktritt und sein vorläufiges Ausscheiden aus den oberen Rängen politischer Entscheidungen ist daher nur konsequent. Er sollte jetzt gründlich darüber nachdenken, was daraus folgt. Und wir alle sollten über unsere eigene Doppelmoral nachdenken, denn auch die hat viele Dimensionen.


Unruhe in der parlamentarischen Sommerpause

Bis Samstagmittag fragte ich mich während meiner sportlichen Betätigung, wie viel Dilettantismus im Amt (Corona), Skandale (Richterinnenwahl, Maskendeals) und privater Immobiliengeschäfte mit Geschmäckle es noch bedarf, bis auch ein Jens Spahn bemerkt, dass seine Zeit (zumindest momentan) endlich ist? Dass er, der von Ehrgeiz und Machtgewinn Zerfressene, begreift, dass es Spielregeln gibt, die auch für einen Politiker dringend einzuhalten sind. Am Samstagmittag war es dann, früher als erwartet, doch so weit: Spahn ist von seinem Amt als Fraktionsvorsitzender der CDU im Bundestag zurückgetreten. Gut, richtig und zügig, aber Dank und Anerkennung bekommt er von mir dennoch nicht. Warum? Weil er sich wieder, siegesgewiss und selbstbewusst, wie er nun mal ist, nicht nur über Moral, sondern auch über einen von ihm mitgetragenen (!) Standpunkt in Bezug auf Leihmutterschaftsmodelle seiner eigenen Partei hinweggesetzt hat. Ob seine Entscheidung, sich mit seinem Mann dann eben in den USA gegen eine horrende Summe eine Leihmutter zu suchen, gegen Ethik und Moral verstößt, vermag und will ich nicht beurteilen. Auf alle Fälle hat er aber mit seiner Entscheidung Unruhe in die parlamentarische Sommerpause seiner Partei gebracht, muss doch schnellstens ein geeigneter Nachfolger gefunden werden – Friedrich Merz wird sich bedanken.

Was wird nun aus Spahn selbst? Muss er seinen Traum von der Kanzlerschaft begraben? Kommt er nach einem politischen Sabbatical zurück oder geht er, nach einer Schamfrist, wie so viele, auch von Politikern anderer Parteien vorgemacht, in die Wirtschaft? Wir werden es gespannt verfolgen. Aber so ganz ohne einen Seitenhieb hat sich Spahn in seiner Erklärung doch nicht zu Wort gemeldet. Mit der ihm eigenen Chuzpe hat er, der sonst anderen gegenüber Härte und Entschlossenheit angewandt hat, nun darum gebeten, „doch menschlich, auch im Wort, miteinander umzugehen“. Er hat seine Linie halt noch, oder gerade wegen der Ohrfeige, die er bekommen hat, nicht verloren: leider, muss man sagen. Eines noch zum Schluss: Ein junger Sportler, den ich im Fitness-Studio zum Thema befragte, antwortete auf die Frage, ob er zu solchen Politikern Vertrauen habe, mit einem knappen, glasklaren „Nein“! Das ist dann halt auch ein negatives und ärgerliches Ergebnis solchen Handelns.

Michael W. Rimkus, Bad Hersfeld


Kindeswohl und wirtschaftliche Abhängigkeit

Das Vertrauen in die Politik zerbricht selten an einem einzelnen Gesetz. Es zerbricht dort, wo Bürger den Eindruck gewinnen, dass Überzeugungen verhandelbar sind – solange genügend Geld, Einfluss oder geografische Distanz vorhanden sind.

Der deutsche CDU/CSU-Fraktionschef Jens Spahn betont, aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen abzuleiten. Genau darin liegt jedoch das Problem. Niemand muss von einem Politiker verlangen, dass sein Privatleben makellos ist. Man darf aber erwarten, dass zwischen dem, was er politisch für richtig erklärt, und dem, was er persönlich für sich in Anspruch nimmt, kein unüberbrückbarer Widerspruch entsteht.

Die Debatte handelt deshalb nicht in erster Linie von Homosexualität oder vom Wunsch nach einem Kind. Beides verdient Respekt und gehört nicht zum eigentlichen Konflikt. Diskutiert wird vielmehr über Leihmutterschaft – eine Praxis, die Spahns Partei aus Gründen des Kindeswohls und des Schutzes potenziell wirtschaftlich abhängiger Frauen ablehnt. Wer diese Argumente öffentlich vertritt und gleichzeitig im Ausland genau jene Möglichkeit nutzt, die er im eigenen Land verbieten will, schafft kein ethisches Dilemma. Er schafft ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Politik lebt von Kompromissen. Glaubwürdigkeit dagegen kennt keinen Export. Wer Gesetze mitgestaltet, sollte sie nicht nur formal respektieren, sondern auch den Geist ernst nehmen, auf den er sich selbst beruft. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass Prinzipien für jene gelten, die sich keine Alternative leisten können.

Der eigentliche Schaden liegt deshalb nicht in einer persönlichen Entscheidung. Er liegt in der Botschaft, dass Überzeugungen offenbar dort enden, wo individuelle Wünsche beginnen.

John Patrick Platzer, Keutschach am See (A)


Riesiges Ausmaß von Gleichgültigkeit

Ich bin bedrückt und traurig und fühle mich bedroht dadurch, dass in der Diskussion um die Leihmutterschaft die sogenannte Leihmutter und deren Wohlergehen keine Rolle spielt. Ich bin keine Anhängerin der CDU, finde es aber genau wie die CDU richtig, dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten sein sollte und nicht nur dort. Richtig ist, dass rein rechtlich die Frau Mutter eines Kindes ist, die es geboren hat. Eine Änderung dieser Rechtslage würde eine gravierende Verschlechterung für Frauen und Mütter bedeuten. Also gibt es nur Mütter und und keine Leihmütter in Deutschland.

Ich hatte das Glück, dass Schwangerschaft und Geburt meiner beiden Kinder komplikationslos verlaufen sind. Aber das geht nicht allen Müttern so. Ich kenne mindestens zwei Frauen, die bei der Geburt eines Kindes in eine lebensbedrohliche Lage gekommen sind. In Deutschland sterben zwischen 30 und 40 Frauen jährlich bei der Geburt eines Kindes. Weiter kann es noch sehr viele gesundheitlichen Folgeschäden durch Schwangerschaften und Geburten geben. Ich bin keine Expertin aber wissen sollte das jede und jeder. Und ich hatte gehofft, dass in dem Zusammenhang von der sogenannten Leihmutterschaft die Medien jede Menge an Hintergrundinformationen zu diesem Thema liefern. Dabei habe ich anscheinend das Ausmaß von Gleichgültigkeit gegenüber der Gesundheit und dem Wohlergehen von Frauen und Müttern unterschätzt.

Sophie Wegener-Stahlschmidt, Wiesbaden


Wasser und Wein

Spahn predigt uns Wasser, doch selbst trinkt er Wein. Wer macht‘s ihm nach und stimmt freudig mit ein?

Martin Schallert, Schöffengrund


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