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Großangriffe auf Kiew: „Putin hat uns den Tod geschickt“, FR-Titel vom 26. Mai
Angriff auf die kulturelle Identität
Die Bilder aus Kyjiw erinnern daran, worum es in diesem Krieg tatsächlich geht. Nicht nur um Territorium oder geopolitische Einflusszonen. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine längst gegen Kultur, Erinnerung und die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich als eigenständige Nation zu behaupten. Die jüngsten massiven Angriffe machen das sichtbar. Rund 90 Raketen verschiedener Typen und fast 600 Drohnen griffen ukrainische Städte an. Mit dem erneuten Einsatz der Oreschnik-Rakete sendet Russland zudem ein kalkuliertes Signal strategischer Eskalation. Wohnhäuser wurden zerstört, Menschen verletzt, Kinder aus dem Schlaf gerissen. Gleichzeitig trafen die Angriffe kulturelle Einrichtungen in Kyjiw: das Nationale Kunstmuseum, die Nationale Philharmonie, die Musikakademie, die Nationalbibliothek Jaroslaw Mudryj und die Kyjiwer Oper.
Diese Zerstörung ist kein Zufall. Russland führt diesen Krieg nicht allein gegen ukrainisches Territorium, sondern gegen die Ukraine als eigenständige politische, kulturelle und historische Realität. Museen, Bibliotheken, Theater und Universitäten sind Teil der Frontlinie. Laut Angaben des ukrainischen Kulturministeriums wurden seit Beginn der großflächigen Invasion mehr als 1780 Kulturdenkmäler und über 2500 Objekte kultureller Infrastruktur zerstört oder beschädigt. Wer dies als bloße „Kollateralschäden“ betrachtet, ignoriert das Muster systematischer kultureller Gewalt.
Darin liegt auch eine zentrale europäische Fehleinschätzung. Die Dringlichkeit der Lage wird im Westen oft intellektuell verstanden, aber nicht existenziell empfunden. Während Zeit in Europa häufig als politische Variable behandelt wird, verteidigt die Ukraine sie täglich als existenzielle Ressource. Daraus entsteht eine gefährliche Asymmetrie der Dringlichkeit.
Europa handelt bereits – wirtschaftlich, politisch und militärisch. Doch Tempo und Konsequenz stehen noch immer nicht vollständig im Verhältnis zur Realität dieses Krieges. Europa muss endlich mit der notwendigen Geschwindigkeit und Konsequenz handeln. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Denn dieser Krieg entscheidet nicht nur über die Zukunft der Ukraine, sondern auch über die Sicherheit und Stabilität Europas selbst.
Nataliya Pryhornytska, Berlin
Putin will eine Ukraine, die abhängig ist
Die Blaupause für die Ukraine ist nach russischer Lesart Belarus. Die Ukraine sollte nach den Vorstellungen des Kreml kein eigenständiger, pro-europäischer Staat bleiben, sondern politisch und militärisch abhängig werden – mit einer Führung, die Moskau nahesteht. Präsident Selensky steht dabei symbolisch für den gegenteiligen Weg: Er wurde nach dem Sturz Janukowitschs und dem Euromaidan demokratisch gewählt und vertritt einen pro europäischen Kurs.
Putin führt Krieg wegen des Bekenntnisses der Ukraine zur EU. Genau das scheint aber aus Sicht Putins nicht akzeptabel zu sein. Die Ukraine soll sich nach dem Willen des Kreml zu einem weiteren Belarus entwickeln – regiert von einem Russland freundlich gesinnten Präsidenten gegen den ausdrücklichen Willen großer Teile der ukrainischen Bevölkerung.
Würde Russland dieses Ziel erreichen, stünde als Nächstes wohl auch die militärische Integration der Ukraine in den russischen Militärbereich bevor – bis hin zur Stationierung russischer Atomraketen. Dieser Krieg geschieht nicht im Namen der Menschen in Russland. Er dient vor allem dem Ausbau von Macht und Einfluss des russischen Präsidenten. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine bleibt deshalb ein erbarmungsloser und unbegründeter Angriffskrieg gegen die Selbstbestimmung eines souveränen Staates.