Mir geht schon seit längerem der Gedanke durch den Kopf, das FR-Blog auch zu nutzen, um kleine Einblicke in meinen Arbeitstag und in die FR-Redaktion zu geben, und zwar in Form von Tagebucheinträgen. Wenn ich das jetzt tatsächlich angehe, übernehme ich allerdings keine Gewähr dafür, dass daraus eine Serie wird. Aber es gibt einen konkreten Anlass. Geschmacklich ist die Sache etwas schwierig, aber sie gibt in Teilen anschaulich wieder, mit welchen Problemen ich manchmal konfrontiert werde. – Heute Mittag schrieb mir nämlich Thomas Stillbauer, Redakteur in der Magazin-Redaktion, eine sehr bewegende Mail: Er breche auf der Stelle zusammen; gerade habe er einen bestimmten Aushang am Leserboard gesehen, und jetzt denke er, dass ich diese Zuschrift wirklich veröffentlichen müsse. Kurz darauf liefen wir uns draußen über den Weg, als ich mir in der Bäckerei nebenan einen Cappuccino holte, was eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist. Er lachte sofort wieder, als er mich sah, und wirkte insgesamt sehr freudvoll, so wie einer, dessen Tag gerettet ist.

Die Zuschrift, die der Grund für seine Freude war, ist allerdings auch wirklich originell. Absolut direkt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Ein Leser namens „besucher samstag“ hatte Feedback zu einem von Thomas‘ Texten gegeben, und mir eine Mail geschrieben, die ich am Schwarzen Brett ausgehängt hatte. Falls ihr es nicht mitbekommen habt: Dieses Schwarze Brett – „Leser schreiben der FR“ übertitelt – habe ich nach dem Einzug ins Depot am Frankfurter Südbahnhof anbringen lassen, um dort intern, also für die Redaktion, Zuschriften von Leserinnen und Lesern anzupinnen, die der FR etwas mitteilen wollen. Meistens kritische Zuschriften, natürlich. Auch die, um die es hier geht, war kritisch, aber doch etwas … anders. Speziell. Moment, ich komme gleich dazu.

So, und dieses Schwarze Brett wird von den Kolleginnen und Kollegen eifrig gelesen. Immer wieder werde ich auf einzelne Zuschriften angesprochen – in diesem Fall von Thomas, der nun wünschte, dass ich diesen speziellen Text veröffentliche. Das kann ich nicht machen, erwiderte ich, was glaubst du, was die Leser dazu sagen? Sowas Schmutziges! Ja, gut, meinte Thomas, aber wenn es doch so war? Müssen die anderen Leser das dann nicht erfahren?

Rechtlich wäre es wohl möglich, den Leserbrief tatsächlich zu veröffentlichen denn „besucher samstag“ – unzweifelhaft handelt es sich um einen Mann – hat den Leserbrief zur Veröffentlichung freigegeben. Wäre es anders, dann hätte er im Online-Formular, mit dem man Leserbriefe als direkte Reaktion auf Online-Texte schicken kann, ein Häkchen bei „Ich bin mit der Veröffentlichung nicht einverstanden“ machen müssen. Hat er aber nicht.  Außerdem bringt „besucher samstag“ in diesem Leserbrief Einblicke, die, hmm, nicht uninteressant sind. Er hat sich nämlich, angeregt durch den oben erwähnten Text von Thomas, mehr oder weniger widerwillig zur Recherche in ein bestimmtes Etablissement in Stuttgart begeben und dort Feldstudien betrieben – oder behauptet es zumindest.

„Ich war am Samstag in dem Pussy Club, und nie mehr in meinem Leben, es ist alles verlogen was die Homepage verspricht, das Essen zum Kotzen, die Frauen machen einen sehr sehr schlechten Service, es wird teilweise in einem Zimmer mit 4 Frauen und 4 Männern geschlafen, weil kein Platz mehr in den Zimmern ist. Das ist eine Fließband-Popperei, die Frauen alle aus Rumänien, sprechen kaum Deutsch oder wollen es nicht verstehen, was der Kunde will. Und von 100 männlichen Gästen sind 99 Türken. Mein Gott, das muss ich mir nie mehr antun, stinkende alte fette Türken, die sich durchpoppen. Gut, die mögen fette frauen, aber ich nicht. Und leider sind nur hässliche fette Frauen in dem Pussy Club.“

Man merkt, dass der Rechercheur sehr besorgt ist um die Frauen, die dort arbeiten, um ihre Rechte, ihre Würde; das war ja das Thema von Thomas‘ Text, den man sicher nur sehr schwer als Werbung für den Pussy Club verstehen kann. Und dann diese Islamophilie! Nein, diesen Text kann ich wirklich nicht veröffentlichen. Inhaltlich lässt er sich nur mit schwerem körperlichen Einsatz überprüfen, und davon möchte ich doch weiten Abstand nehmen. Zumal das nicht gut für den Haussegen wäre, denn wie ich meine Gattin kenne, hätte sie erstens was dagegen und würde es zweitens sowieso rausbekommen. Zum Glück liest sie mein Blog so gut wie nie und wird daher auch nie erfahren, dass sowas in der Luft lag, rein atmosphärisch gesehen; sie findet nämlich, dass ich mir viel zu viel Arbeit mit nach Hause nehme, und boykottiert sie daher konsequent.

Ja, und wer weiß, vielleicht verfolgt der Autor eigene Ziele? Vielleicht ist er selbst Betreiber eines Bordells und damit Konkurrent des Pussy Clubs und will ihn nur schlechtmachen? Die Telefonnummer, die er im Online-Formular angegeben hat, stimmt jedenfalls nicht; ich habe versucht, ihn anzurufen. Und daher gilt: Es handelt sich um eine anonyme Zuschrift. Ab damit in den elektronischen Orkus. Löschen! Mit sowas muss ich mich nicht aufhalten.

Verwandte Themen

19 Kommentare zu “16. Juli 2009

  1. Für mich klingt „besucher samstag“ sehr glaubhaft: Er will kaum was zahlen, aber dafür natürlich eine 1a Dienstleistung. Kennen wir doch alle… Wenn er die geschilderten Zustände vermeiden will, soll er in ein Luxusbordell gehen und 1000 Euro hinblättern. Damit will ich nicht andeuten, das schonmal ausprobiert zu haben. Diese Meinung ist lediglich abgeleitet aus marktwirtschaftlichen Prinzipien. 😉

    Klammert man mal die Problematik aus, ob hier „freiwillig“ gearbeitet wird oder unter Zwang, die natürlich in jedem Einzelfall, egal ob Flatrate oder nicht, geklärt werden müsste, so scheint es, als ob eine Flatrate im Prostitutionsgewerbe grundsätzlich so gedeutet wird, daß Ausbeutung der Damen vorliegen muß. Wer dies tut, wird, denke ich, die durchschnittliche männliche Potenz allerdings doch ziemlich überschätzen. Wenn überhaupt, so ist diese Flatratesache in meinen Augen ein Betrug am Kunden. Weil dieser Betrug aber auch irgendwie mit der Selbstüberschätzung der Männer zusammenhängt, geht er in meinen Augen völlig in Ordnung. Meine Vermutung ist jedenfalls, daß nach Einführung der teureren Flatrate mehr Geld pro Dienstleistung in die Kasse des Betreibers kommt als davor. Ob dieses Mehr dann auch bei den Damen landet, ist allerdings eine andere Frage.

  2. max, was meinst du denn mit „durchschnittlicher männlicher potenz“? was bitte sehr ist an männlicher potenz durchschnittlich? das will ich mir wirklich nicht vorstellen. nich mal metaphorisch. wir männer sind doch alle immer die besten, oder?

    also, pussy club, 100 euro, dafür essen und f*** so lange du willst und kannst. lasse mer mol die männliche selbstüberschätzung beiseite. was denkst du denn, wie viel von den 100 bei den huren anlangt und wie oft sie dafür … da verstehe ich so einen satz wie den von dir irgendwie nicht:

    „… als ob eine Flatrate im Prostitutionsgewerbe grundsätzlich so gedeutet wird, daß Ausbeutung der Damen vorliegen muß …“

    grammaratisch übrigens an zwei stellen falsch, aber ich bin klar der letzte, der sich da aus dem fenster lehnen sollte

    klar liegt da ausbeutung vor. was denn sonst?

  3. @thomas, die ausbeutung in einem bordell mit flatrate muß aber nicht zwangsläufig großer sein als in einem ohne… kleines rechenbeispiel: eine handentspannung im untersten preissegment kostet 20 euro… zahlt jemand 100 euro eintritt, würde sich die flatrate an diesem abend für ihn nach dem 6. ständer lohnen, bzw. wenn man noch den billigfraß abrechnet, vielleicht schon nach dem fünften… kann ja jeder selber sich mal überlegen, wieviele männer an einem abend 5 mal einen hochkriegen, insbesondere wenn man berücksichtigt, daß die durchschnittsklientel männer jenseits der 50 ist (gibt einen puff in einer nachbarwohnung, vor dem die herren teilweise schlange stehen, da konnte ich das mühelos recherchieren)… und beim poppen siehts auch nicht viel anders aus…

    Groß/Kleinschreibung übrigens an mehreren Stellen falsch…

  4. Unter Berücksichtigung der tatsächlichen Manneskraft ist 100 EU eine gute Kalkulation.
    Alles inkl Essen und Selbstüberschätzung.
    Das wird sich schon rechnen!:-)
    Sollte mal ein Adones über dem Durchschnitt liegen,tragen die anderen Luschen das locker mit Ihrem Beitrag.
    Problematisch wird es erst wenn eine viel frisst!

  5. …da ich irgendwann in den letzten Wochen „rausgeschmissen“*) wurde, versuche ich es heute nochmal.

    Zum Thema : Da sieht man es wieder mal, wieviel Probleme es bei uns doch gibt, von denen der „Normalverbraucher“ keine Ahnung hat.

    Ich habe mein Leben gelebt. Glücklich und zufrieden. Bordellbesuche habe ich nie verstanden…

    *) Hier meinte ich den Zugang zum Forum !

  6. Tagchen Herr Bronski, schön ihre Schreibe zu lesen, schön Sie wieder im Städtchen zu wissen… 🙂

    Nun rü, ich äußere mich hierzu nicht direkt, aber…

    Die Redaktion der Frankfurter Rundschau, wer immer für das Portal „Stadtmenschen“ zuständig ist, steht auf dem Standpunkt, daß solche Wörter wie „poppen“ und ähnliches nicht der Netiquette entspricht und stellt sich über alles als Wertefinder, schmeißt diese Wörter raus, obwohl in diesem Fall bei mir es um eine männliche Eigenschaft geht, Dinge nach dem Motto Mein Haus, mein Auto… als ****meßspiele zu bezeichnen.

    Ich habe die Redaktion der Frankfurter Rundschau wissen lassen – wer immer sich hinter diesem Begriff versteckt (es ist ein Versteckspiel… namenlose Feiglinge), daß sie selbst nicht zimperlich mit der Wortwahl ist, was nun hier auch zu lesen ist.

    Ich habe damit keine Probleme, Kinder sollte man beim Namen nennen, wenn es so ist. Siehe den Dreckshaufen Männerstrich für Arme A661 (Buchrain) im Landschaftschutzgebiet inkl. Naturdenkmal.

    So gesehen habe ich mich nun auch geäußert, ob Bordell oder Outdoor, über Mann kann man teilweise nur noch kotzen, grün ist die Heide und leider nur der Strich unter dem Schriftzug „Frankfurter Rundschau“.

    Ich mag sie dennoch, Herr Bronski. Nur mit der FR habe ich langsam ein Problem.

    Schönen Sonntag allen (Glückskeckse allen hinlegt)

  7. wer will denn den Scheiß aus der Redaktion lesen. Alle die nichts zu sagen (schreiben) haben berichten immer in ihren Blättchen von den lustigen Dingen die in den Redaktionen geschehen.*würg*
    Schein altersbedingt manisch zu sein und mit zunehmenden Dienstjahren glaubt der „Journalist“ offensichtlich dann unfehlber an sich.
    Wenn mann also über Prostitution schreiben will, sollte man es einfach tun.
    Rooke

  8. @bronski

    Nee, der hätte wohl gleich in die „Ablage P“ gehört, nicht an das schwarze Brett, das nun unschön bräunlich geworden ist.

    Kann man über die Äusserungen des „besuchers“ überhaupt etwas sagen?

    Nur dies: Die Huren sind zu schade für ihn.

  9. @bronski

    Nun mach‘ mal ein richtiges Thema daraus.

    Überschrift: „Gretchen, wie hältst Du’s mit der Prostitution?“

    Dann das volle Programm: Soziale Funktion der Prostitution, soziale Ächtung derselben, Prostitution im armen und reichen Kontext, Ausbeutung der Frauen und die gleichzeitige Verklärung (Maria Magdalena bis Irma la Douce, Tita von Teese und Tante Anna.), Berichte aus dem wahren Leben…

    Das muß 6 Seiten geben, mindestens.

  10. *räusper*

    Das war ein Terminus aus dem Netz? Wusste ich gar nicht. Ich dachte, der wäre älter

    ;o)

  11. Herr Bronski, ich muß es loswerden…

    Sagens mal, was hat sie dann geritten, so eine Drei-Groschen-Oper in Romanform à la „Das Goldene Blatt“ als Diskussionsgrundlage ins Spiel zu bringen?

    Die FR war mal besser im Geschichten erzählen… kennt irgendwer von der FR das Leben auf dem Strich? Die Geschichten der Südseite vom Frankfurter Hauptbahnhof, der Hauptwache, Grüneburgpark?

    Sie und BvG finden das vielleicht spaßig und unterhaltsam, naja, wo es hinfäällt und wenne s auf dem misthaufen inden Schreibstuben ist.

    Entschuldigen Sie, aber die Medienmarke FR kann ich nicht mehr ernst nehmen.

    In diesen Sinne, schönen Tag heute im Süden Frankfurts, ich bin Osten unterwegs, Straße kehren.

    cu rü

  12. Ich verweise mal auf die FR von heute, Seite 9. Dort ist eine ziemlich große Anzeige geschaltet zu diesem Thema. Wer die (Papier-)FR nicht hat, kann sich unter http://www.donacarmen.de sicher auch weiter informieren. Zumindest scheint es so, als würde es den Frauen nicht gefallen, als unbedarft hingestellt zu werden. Recht haben sie.

Kommentarfunktion geschlossen