Das große Ziel, Theologe zu werden

Frankfurter Rundschau Projekt

Das große Ziel, Theologe zu werden,
und wie die Zweifel daran wuchsen

Von Thomas Kuhn

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1945 in einem kleinen Dorf bei Bad Soden-Salmünster geboren, besuchte ich ab 1955 die Rhabanus-Maurus-Schule in Fulda, ein altsprachliches Gymnasium für Jungen. Dieses Domgymnasium war sehr konservativ ausgerichtet, allerdings gab es dort auch einige fortschrittliche Lehrkräfte, z. B. Herrn Adolf Lorenz, Sozialkundelehrer, der die Halbjahreskurse vorwegnahm und uns den Marxismus (Diamat und Histomat) nahebrachte, übrigens mit einem Schulbuch von Iring Fetscher. Vor allem aber prägte mich Rudolf Kubesch, ein Erdkundelehrer, der die Schüler damals bereits selbstständig Referate erarbeiten ließ. Vor allem aber vermittelte er uns die moderne Kunst, ihr Streben nach Originalität und wir sollten bei unseren praktischen Arbeiten vor allem darauf achten, dass uns etwas Besonderes einfällt, z. B. bei der Gestaltung unserer Anfangsbuchstaben. Bis zum Ende meiner Tätigkeit als Lehrer benutzte ich dieses Signe als fälschungssichere Unterschrift unter die korrigierten Schülerarbeiten. In seinen Erläuterungen zu modernen Kunstwerken wurden auch die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse und die spießbürgerlichen Verhaltensweisen der Menschen zum Thema gemacht. Seine kritische Sichtweise amüsierte uns nicht nur, sondern schärfte unseren Blick auf die Gesellschaft.

Während der Gymnasialzeit wohnte ich im Bischöflichen Knabenkonvikt. Dieses Internat wurde auf eine außergewöhnlich freiheitliche Weise geführt. Es wohnten dort 200 Jungen, die von der Sexta bis zur Oberprima eine der drei Fuldaer Gymnasien besuchten. Nur drei Aufsichtspersonen kümmert sich um uns: der charismatische Direktor Pius Burkardt, ein junger Priester, der gerade geweiht, seine erste „Kaplansstelle“ im Konvikt verbrachte, und Franz Ochsenkühn, ein älterer Herr, der für die Aufsichten zuständig war. Die Hausaufgaben wurden nur in den ersten zwei Jahren kontrolliert, dann war man sich selbst überlassen, ging in der Freizeit von 14 – 15 Uhr in der Stadt einkaufen, spielte Fußball, ging schwimmen, sorgte selbst dafür, dass man sauber angezogen war und fuhr nach Hause, wenn Wäschewechsel angesagt war. Also ein freies Leben mit den Kumpels, das man selbst organisieren konnte und musste. Manch einer konnte mit dieser Freizeit nicht umgehen und scheiterte in der Schule. Andere bewältigten das, einige wenige gingen nach dem Abitur ins Priesterseminar, wie ich auch zum Sommersemester 1965. Die fortschrittlichen Predigten von Pius Burkardt hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.
Dort trafen wir auf eine ganz andere Welt mit Vorschriften und Einschränkungen, die wir nur hingenommen haben, weil wir ein großes Ziel hatten: katholische Geistliche zu werden. Das Studium an der Katholisch-Theologischen Hochschule beginnt mit der Philosophie, die auf breiter Basis die Philosophen aller Epochen behandelte. Nach vier Semestern machten wir eine Prüfung, das Philosophicum, das mich in die Lage versetzte, von 1980 an mit großem Interesse Ethik zu unterrichten. Nach Aussage ehemaliger Abiturienten, das Fach, in dem man wirklich etwas fürs Leben mitnehmen konnte.
Nach dem vierten Semester wechselten die Seminaristen auf andere Universitäten und verbrachten dort zwei sogenannte Freisemester. Ich verbrachte sie von April 1967 bis Februar 1968 in München und sehr schnell gewann der progressive akademische Betrieb meine Aufmerksamkeit. Die Exegese des Neuen Testaments hatte es mir angetan. Professor Kuss hielt freitags eine Vorlesung, die 500 Studenten besuchten, weil er rhetorisch herausragte und sehr fortschrittliche Auslegungen vortrug, z. B. zum „Vater unser“ als endzeitlichem Gebet, das in der Urkirche Aufbruchsstimmung verbreiten sollte. Genau erinnre ich mich, dass der linksgerichtete Asta 1967 im Eingangsbereich der Universität Schautafeln aufstellte, die den Tod von Benno Ohnesorg dokumentierte, der durch den gewaltsamen Übergriff eines Polizisten verursacht worden war. Es folgten zahlreiche Demonstrationen, Teach-Ins und Vollversammlungen, an denen ich teilnahm. Es kam in meinem Umfeld aber nie zu Gewalttätigkeiten. Nach den Schwabinger Krawallen einigen Jahre zuvor war die Münchner Polizei immer, sich deeskalierend zu verhalten.
Zurückgekehrt nach Fulda, begann die eigentliche theologische Ausbildung unter dogmatischen Gesichtspunkten. Allerdings war von den Studenten ein eigener Asta gegründet worden, der u. a. Professor Ratzinger, dem späteren Papst, zu einem öffentlichen Vortrag eingeladen hatte: „Schöpfung und Evolution“ hieß das Thema. Nach dem fortschrittlichen theologischen Vortrag erlebten wir anschließend in einem persönlichen Gespräch in kleinerem Rahmen einen zögerlichen, letztlich sehr konservativ denkenden Menschen. Und waren schwer enttäuscht.
Zunehmend begann ich daran zu zweifeln, ob es mir möglich sein würde, die aktuelle Lehre der Kirche zu vertreten, denn die sogenannte Pillenenzyklika war erschienen. Die Zweifel an der theologischen und pastoralen Ausrichtung der Amtskirche wurden so stark, dass ich das Ziel, Priester werden zu wollen, aufgab und nach München zurückkehrte, ein Germanistikstudium begann, aber auch das Studium der Theologie mit dem Diplom beendete. So qualifiziert, wurde ich von der Universität als Tutor angestellt, der Studienberatung in der Katholischen Fakultät machte und einen Kurs „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ durchführte. Dieser Kurs war als studentisches Seminar kurz vorher mit großem Erfolg von uns Studenten angeboten worden. Als Studentenvertreter saß ich dann auch in den Dekanatkonferenzen. Es gelang uns sogar, eine Studienreform durchzusetzen, die Studenten und Dozenten Sitz und Stimme in den Gremien verschaffte, eine zentrale Forderung der Studentenbewegung.

Inzwischen war jedoch die linke Dominanz in der Studentenvertretungen zu Ende gegangen, denn sie zersplitterte zunehmend in einzelne immer radikalere Gruppieren, sodass der RCDS bald die Vertretung der Studenten an der Münchner Universität übernahm – es ging das Gerücht, dass das von der CSU unterstützt und finanziert wurde.
Fortschrittliche Konzepte präsentierte vor allem auch die Katholische Hochschulgemeinde (KHG). Soziales Engagement war angesagt, zunächst im Caritaskreis, der „Essen auf Rädern“ anbot. Dort lernte ich meine spätere Frau kennen. Gemeinsam betätigten wir uns dann auch im Sozialen Arbeitskreis, der sehr schnell von uns zum Sozialpolitischer Arbeitskreis (SPAK) weiterentwickelt wurde. Er bot in Hasenbergl Nord, dem größten Obdachlosenviertel in Deutschland mit 5000 Wohneinheiten eine Hausaufgabenhilfe an, die schnell zu einer weitergehenden Kinderbetreuung ausgebaut werden musste. Professionelle Sozialarbeiter der Stadt München unterstützten das, vor allem auch nachdem wir 1970 an alle Stadtverordnete und Jochen Vogel, dem damaligen Ober-Bürgermeister einen Brief geschrieben hatten und darum baten, nicht alles Geld in die Vorbereitung der Olympischen Spiele zu stecken. Tatsächlich fand ein Gespräch mit ihm statt, das unserer Arbeit sehr nützte.
Inzwischen hatte sich unser Berufsziel verfestigt, Lehrer werden zu wollen. Beide studierten wir Germanistik, zusätzlich Sozialkunde und meine Frau Geographie. Wir legten die Staatsexamen für das Lehramt Realschulen und an Gymnasien ab, nicht ohne schlechtere Bewertung, weil meine Frau in der Lehrprobe die geplanten Reformen Allendes in Chile für die Schüler als sachgerecht dokumentierte. In diesem besonders autoritär strukturierten Schulbetrieb in Bayern wollten wir nicht bleiben und wechselten nach Hessen, wo gerade die Rahmenrichtlinien eingeführt worden waren. Bei Ausbildern im Studienseminar Offenbach, die Autoren dieser fortschrittlichen Konzepte für Deutsch und Gesellschaftslehre waren, landete ich – zu meiner großen Freude – als Referendar und wurde an einer Integrierten Gesamtschule Rodgauschule in Rödermark / Ober-Roden ausgebildet. Meine Frau unterrichtete nach dem Mutterschaftsurlaub ebenfalls dort. Meine erste Stelle war 1975 dann die IGS in Nieder-Roden, heute Heinrich-Böll-Schule. In beiden Kollegien verstanden sich die Lehrerinnen und Lehrer zum überwiegenden Teil als links-liberal, der fortschrittlichen schülerorientierten Unterricht organisierte. Viele verstanden dies als adäquate Fortsetzung der studentischen Reformbestrebungen.
Angefeindet von konservativen Politikern und in ihrem Namen tätigen Elternvertretern standen die Schulen unter ständigem Rechtfertigungsdruck. Dennoch gelang es diese Schulform auf Dauer erfolgreich zu etablieren. Schließlich wurde in Ober-Roden, heute Oswald-von-Nell-Breuning-Schule, sogar eine Oberstufe errichtet, die als Profiloberstufe ein fortschrittliches Konzept verfolgt, das die Wahlfreiheit des Kurssystems mit der sozialen Komponente eines Tutoriums verbindet, das den Schülern mindestens 10 Wochenstunden Unterricht in einer festen Lerngruppe ermöglicht, z. B. in den Profilen „Europa“, „Naturphilosphie“ oder „Gesellschaft im Wandel“. Formen alternativen Lernens in den Profilwochen, Oberstufenpraktikum und schülernahe Unterrichtsformen waren so erfolgreich, dass die Zentralprüfungen ohne Probleme bewältigt werden konnten, manchmal mit Ergebnissen über dem hessischen Durchschnitt.

2009 beendeten wir unser Lehrertätigkeit und gingen in Pension bzw. Altersteilzeit mit der Überzeugung, ein erfolgreiches Berufsleben abgeschlossen zu haben, das mit dem Engagement in der Studentenzeit, also 1968, begonnen hat und damals theoretisch begründet wurde: eine gute Theorie ist die beste Praxis. Zudem haben wir Grundüberzeugungen weiterentwickelt, die unser soziales Engagement in den Lehrerberuf einmünden ließ. Uns war seine politische Dimension jederzeit bewusst und von den Schülerinnen und Schüler wurde dies anerkannt – auch von den Eltern. Wir fühlten uns in unseren Kollegien von vielen gleich gesinnten „Mitstreitern“ getragen, sonst kann eine fortschrittliche Schule nicht auf Dauer existieren. Diesen Weg könnte man auch als einen „Marsch durch die Institutionen“ bezeichnen, der zur Veränderung der Gesellschaft beigetragen hat, vor allem auch weil viele Lehrerinnen und Lehrer die Studentenbewegung in der dargestellte Weise oder auch in ähnlichen Aktivitäten fortgeführt haben. Wir haben im Lauf der Jahre viele davon bei den Lehrgängen des Hessischen Instituts für Lehrerfortbildung kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Unser Weg dürfte typisch sein für viele, die in ihrem überschaubaren Rahmen progressive, kritische und linksgerichtete Konzepte vertreten und bis zu einem gewissen Grad realisiert haben, ohne politisch im engeren Sinne, also als Abgeordnete oder Gewerkschaftsvertreter aktiv gewesen zu sein. Bedauerlich, aber alternativlos aus unserer Sicht.

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Der Autor

Thomas Kuhn
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