FR-Projekt: Ankunft nach Flucht — Berichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

vor einer Weile wies Dr. Andrea Günter aus Freiburg in einem Leserinbrief darauf hin, dass die Geschichte der Flucht von Millionen von Deutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht vollständig erforscht sei. Während wir sowohl über die Fluchtgründe als auch über die Fluchtgeschichten selbst recht gut Bescheid wissen, gibt es nur spärliche Informationen darüber, was nach der Ankunft der Flüchtlinge in den vier Besatzungszonen geschah, in die das Land nach dem Krieg aufgeteilt war. 12 bis 14 Millionen Binnenflüchtlinge musste Deutschland damals aufnehmen und integrieren – ein Deutschland, das in Trümmern lag. Wie ist es diesen Menschen ergangen? Was haben sie mit dem erlebt, was man heute „Aufnahmegesellschaft“ nennen würde?

Diese Geschichten dürfen nicht verlorengehen. Daher möchten wir Sie einladen zu erzählen, was Ihnen damals widerfahren ist – und zwar speziell nach der Ankunft in Deutschland. Manche von Ihnen werden sich noch an diese Zeit erinnern, die sie als Kinder erlebten, andere können vielleicht Geschichten erzählen, die in ihren Familien weitergegeben wurden. Vielleicht gibt es auch Tagebuchaufzeichnungen Ihrer Eltern oder Großeltern, die veröffentlicht werden könnten. Oder haben Sie alte Fotografien, welche die Lebensumstände der Flüchtlinge in den Nachkriegsjahren dokumentieren?

Bis zu 14 Millionen Flüchtlinge – das könnte bedeuten, dass so gut wie jeder lebende Deutsche Berührungen mit Flüchtlingsschicksalen in der Familiengeschichte hat. Viele von ihnen vielleicht, ohne dass sie davon wissen?

Flucht ist ein aktuelles Thema. Das Leserforum der FR zeugt jeden Tag davon, wie sehr Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, an diesem Thema liegt. Bundespräsident Joachim Gauck hat im Juni gesagt, die Erinnerung an die Menschen von damals könne „unser Verständnis für geflüchtete und vertriebene Menschen von heute vertiefen“. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht bei unserem Projekt nicht darum, die Flucht damals mit der Flucht heute zu vergleichen. Die Begleitumstände waren völlig andere, nicht zuletzt deswegen, weil die Flüchtlinge durch dieselbe Kultur mit der Aufnahmegesellschaft verbunden waren. Vielmehr geht es darum, diese Fluchtgeschichten zu dokumentieren, bevor sie möglicherweise für immer vergessen sind. Aber es lässt sich natürlich nicht ausschließen, dass wir auf Ähnlichkeiten im Verhalten der Aufnahmegesellschaft damals und heute stoßen, etwa auf große Hilfsbereitschaft oder auf heftige Ablehnung.

Lassen Sie uns versuchen, Teile dieser verschütteten kollektiven Erinnerung wieder auszugraben. Berichten Sie uns und den Leserinnen und Lesern der FR! Wenn Sie selbst keine Fluchterinnerungen haben, gibt es vielleicht in Ihrem Umkreis Menschen, die Sie ansprechen und dazu bewegen könnten, sich an unserem Projekt zu beteiligen. Jede und jeder kann sich an unserem Projekt mit seinen Erinnerungen beteiligen:

FR-Projekt: Ankunft nach Flucht —

Berichte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Alle Zuschriften werden online veröffentlicht, eine Auswahl bringen wir im Leserforum der gedruckten Zeitung. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!

Ihr Bronski

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Und jetzt noch einmal der Leserinbrief von Dr. Andrea Günter, in dem sie sich zu einer FR-Reportage über Flüchtlingsfrauen in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg äußert:

„Ich begrüße es sehr, dass die FR-Redaktion von Flüchtlingssituationen nach dem Zweiten Weltkrieg berichtet. Viele meiner Studierenden wissen heute gar nicht mehr, dass ihre Großeltern oder Urgroßeltern selbst Flüchtlinge waren. Aufgrund der Flüchtlingserfahrungen meiner Mutter scheint es mir allerdings notwendig, nicht nur von den Anlässen der Flucht und den Erfahrungen auf der Flucht zu sprechen. Denn die Art und Weise, wie manche, viele Flüchtlinge damals von der heimischen deutschen Bevölkerung aufgenommen wurden, scheint nach wie vor kaum thematisiert. Damals wurden die Flüchtlingsströme in den Häusern und Wohnungen einquartiert, die Bevölkerung wurde aufgefordert, wenn nicht sogar gezwungen, Zimmer zur Verfügung zu stellen.
Die Flüchtlinge lösten mancherorts die einquartierten Soldaten ab. 3-, 4-, 5-köpfige Familien lebten auf wenigen Quadratmetern. Wenn Kinder auf den abgeernteten Feldern die Reste sammelten (nach denen keiner mehr geschaut hätte), weil sie und ihre Familien Hunger hatten, hetzten die Bauern die Hunde auf sie. In den Schulen wurden sie isoliert, wegen ihrer anderen Sprache, nämlich anderen deutschen (!) Dialekten verspottet, als dreckig und krank gemobbt, usw. Die Aufnahme von Flüchtlingen aus diesen Zeiten ist nicht aufgearbeitet, die Ressentiments vieler scheinen geblieben.“

 

 

34 Kommentare

  1. runeB sagt:

    Ein Raum vielleicht 12 m², kein Strom, kein Wasser, kein Waschbecken,keine Toilette, kein verglastes Fenster. Auch kein Mobiliar. Einfach nichts.

    So meine Kindheitserinnerungen. Nur vier Wände, ein Boden, ein winziger Kanonenofen, sonst nichts.

    Die Eltern kamen aus der CSSR, dem Kohlerevier, wo es gekachelte beheizte Schwimmbäder gab,in ein Dorf in Niedersachsen, das nicht einmal eine Wasserleitung hatte.

    Einen Link hierzu kann ich leider nicht liefern.

    Meine Mutter musste mit zwei Marmeladeeimern a 10 Liter etwa 20 bis 25 Höhenmeter (etwa 6 bis acht Stockwerke) vorsichtig geschätzt hinuntergehen, um an einer Handpumpe Wasser zu holen, um dann diese Höhenmeter den Berg hinaufzusteigen. Und das jeden Tag.
    Im Winter war diese Pumpe eingefroren und musste aufgetaut werden.

    Eine Vater hatte ich auch, der aus Russland zurückkkam, schwer verwundet, schwerst traumatisiert, wie sich später herausstellen sollte, aber ohne Behandlung. Er blieb auch ohne Behandlung bis zu seinem frühen Tod.

    Allerdings bin ich kein Flüchtlingskind, sondern gehöre der Kategorie Vertriebene an.

    Mir wurde eingebläut. Wenn die Leute Essen auftischen, dann musst du sofort gehen. Das schickt sich nicht, zu bleiben, wenn andere essen. Das macht man nicht.

    Als Kind durchlebte ich zahllose Ängste, weil ich ein Fremdkörper in dieser Dorfgemeinschaft war. Aber das war mir nicht erklärt worden, also blieb ich mit meinen Ängsten allein.

    Etwas besser wurde es für mich, als ich mich mit dem robusten Sohn des größten Bauerns, der älter als ich war, dem ich aber bei den Schulaufgaben helfen konnte, befreundet war.

    Zurzeit arbeite ich an meinen Erinnerungen für meine kleine Familie, damit man vielleicht meinen Hintergrund besser begreift. Das ist mit allen seinen Folgen schon schmerzhaft genug.

  2. Walter Kuckertz sagt:

    Ich habe zwar selbst nur den Umzug aus dem Rheinland ins Sauerland erlebt, allerdings mit wenig Erinnerungen. Was aber an „Willkommenskultur“ den Flüchtlingen aus dem Osten entgegen gebracht wurde, so kann ich mich noch an einige hässliche Witze erinnern. Ich weiß auch noch, dass man den Flüchtlingen, die in Olpe im ehem. Wehrmeldeamt untergebracht waren, „Krätzestinker“ nachgerufen hat. Insbesondere an die Umdichtung des Karnevalsschlagers “ Am 30. Mai ist der Weltunergang, wir leben nicht mehr lang…“ aus dem Jahr 1954, also fast zehn (!) Jahre nach Kriegsende, in „Am 30. Mai geht ein Flüchtlingstransport, dann sind sie wieder fort…“ kann ich mich gut erinnern. Das soll ein kurzer Abriss darüber sein, wie wenig willkommen die Flüchtlinge waren, wie lange aber auch die Eingliederung gedauert hat; zehn und mehr Jahre nach Kriegsende.
    Viel Erfolg für das Projekt und herzliche Grüße,
    Walter Kuckertz

  3. Walter Kuckertz sagt:

    Ich möchte noch hinzufügen (um insbesondere auch den guten Olpern gerecht zu werden), dass die Familie (ein älteres Ehepaar, deren drei Söhne vermisst bzw in Gefangenschaft waren), die uns im Novemer 1944 aufgenommen hat, ausgesprochen freundlich und hilfsbereit war. Wir wohnten mit drei Erwachsenen und vier Kindern (im Alter von drei (das war ich) bis 11 Jahren) in zwei kleinen Dachzimmern bis Anfang 1951, als wir endlich ein neu gebautes Eigenheim beziehen konnten.
    Nochmals Grüße,
    Walter Kuckertz

  4. petersohr sagt:

    Meine Erfahrungen nach der mehrmonatigen Flucht mit Mutter und zwei jüngeren Schwestern:

    Nach etwa 2-monatiger Flucht aus Komotau (heute Chomutov in Tschechien) trafen meine Mutter mit uns drei Kindern (7, 6 und 3 Jahre) Mitte Juli 1945 in Berlin ein, wo sich meine Eltern bei Tante Käthe, einer Schwester meiner Mutter, für den Fall verabredet hatten, dass sie sich in den zu erwarteten Wirren der Nachkriegszeit aus den Augen verloren haben würden. Unser Vater war – wie wir später erfuhren – in polnische Kriegsgefangenschaft geraten. Glücklicherweise hatte die Tante in ihrer Mietwohnung in Eichkamp den Krieg überlebt und nahm uns in einem Zimmer auf.
    Eichkamp kam bei der Teilung Berlins im Potsdamer Abkommen zum britischen Sektor und wir wohnten nicht weit von einem Militärlager der „Tommies“. Da die Versorgungslage in dieser Zeit erbärmlich war, wurden wir älteren Kinder von unserer Mutter auf Entdeckungsjagd nach Essbarem geschickt. Wie froh waren wir, als wir herausfanden, dass die Engländer hinter ihrem Maschendrahtzaun durchaus für unsere pantomimischen Versuche ansprechbar waren und uns aufforderten, beim nächsten Besuch ein Gefäß mitzubringen. Mit unserer Mutter und voller Erwartung auf eine Überraschung kamen wir bald wieder und waren hocherfreut, als wir mittels einer von den Militärs mitgebrachten Schnur unsere Milchkanne hin- und zurück über den Zaun befördert sahen, gefüllt mit warmem Tee mit viel Zucker und Milch. Leider war diese Versorgungquelle nicht immer verlässlich und versiegte nach ein paar Wochen ganz – vermutlich wegen einer Versetzung des uns so zugeneigten Soldaten. Erfahren haben wir dabei eine unerwartete Freundlichkeit durch den Vertreter unseres bisherigen Feindes, die die sonst uns gegenüber geübte skeptische Haltung der ansässigen Deutschen weit übertraf.
    Ein anderes Beispiel der unerwarteten Freundlichkeit der britischen Feindesvertreter: Ebenfalls in Eichkamp war ein offensichtlich höherer Militär mit seiner Ehefrau in einem requirierten Privathaus einquartiert, zu dem meine Mutter Kontakt bekommen hatte – wahrscheinlich durch Übernahme irgendwelcher Näharbeiten. Ich wurde jedenfalls über mehrere Wochen jeweils zum Mittagessen bei Frau Oberst eingeladen und erhaschte so einen Einblick in ein mir paradiesisch erscheinendes Leben. Meine Mutter, die uns sonst kaum einmal etwas mehr als die gefürchtete Heringsschwanzsuppe mit Kartoffelschalen vorsetzen konnte, verschaffte offensichtlich mit diesem „Geschäft“ wenigstens einem in der Familie – mir – eine verbesserte Kalorienaufnahme! Außerdem kam ich in den unvergesslichen Genuss, mit den Modellautos des Oberst spielen zu dürfen und dazu „Cadbury“ – Schokolade zu naschen.

  5. petersohr sagt:

    noch zu meinem obigen Beitrag:
    Als ich einige Jahrzehnte später – während des Völkermords in Ruanda und Burundi – im Rahmen eines Erwachsenenbildungsprogramms in Uganda arbeitete, wurde ich oft u.a. auch von Flüchtlingen aus den Nachbarländern gefragt, ob ich mir überhaupt vorstellen könnte, was dieses aktuelle Problem überaupt bedeutete. Ich glaube, zum ersten Mal erzählte ich spontan, wie es mir und meiner Familie als Flüchtlinge damals selbst erging. Niemand meiner damaligen afrikanischen Gesprächspartner hätte es für möglich gehalten, dass dieser europäische Berater Ähnliches erlebt hatte wie einige unter ihnen. Diese „Gemeinsamkeit“ hat viel Vertrauen und Positives bewirkt… und letztlich dazu beigetragen, dass mich die Flüchtlingsproblematikl bis heute und ganz aktuell hier nicht los lässt. So schliesst sich der Kreis.

  6. BvG sagt:

    Ein sehr wichtiges Projekt.

    An konkreten Fluchterfahrungen habe ich nur wenig beizusteuern, aber die tiefgehende Erfahrung meines Vaters, dem durch den Nationalsozialismus Jugend und Heimat genommen wurden und Schuld aufgezwungen wurde, wirkt bis heute nach.
    Millionen von Deutschen, der Kriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration, ist es unmöglich gemacht worden, zu ihrem Land zu stehen.
    Deutscher zu sein ist für Generationen in den Dreck gezogen worden und wird auch heute wieder in den Dreck gezogen.
    Ein halbes Jahrhundert mußte man sich schämen, Deutscher zu sein, zwischendrin, als Wiedervereinigung und „Sommermärchen“ trotz aller Widersprüche ein bißchen Hoffnung auf ein anständiges Deutschland machen konnten, konnte man sich wieder als Deutscher wieder beheimatet fühlen.
    Aber dann krochen die schlechten Deutschen wieder hervor und man mußte sich abermals schämen, daß Deutschland und Heimat sich wieder auf Nationalismus und Verbrechen reimten.
    So tragisch und traumatisch die räumliche Flucht gewesen ist, so tragisch und traumatisch ist auch die innere Flucht.
    Es ist nicht so, als könne man sich nicht wehren. Das Schmerzliche ist, daß es wieder undemokratische Deutsche gibt, gegen die sich demokratische Deutsche wehren müssen.

  7. Josef Ullrich sagt:

    Josef Ullrich, Jahrg. 1938, Frankfurt am Main früher Aussig an der Elbe, Sudetenland

    Unsere Vertreibung aus der Tschechoslowakei
    Unsere Familie hätte wegen ihrer Anerkennung als Antifaschisten in Aussig/Elbe (heute Usti nad Laben) bleiben können. In den Beneš-Dekreten waren wir von der Vertreibung ausgenommen. Mein Vater wurde nämlich als Sozialdemokrat 1938 von den Nazis inhaftiert. Ich war gerade vier Wochen alt. 1948 wurde ihm jedoch von den Tschechen dieser Status wieder aberkannt. So kam auch für uns die Einsicht, dass es für die verbliebenen Deutschen keine Perspektiven in der neuen Tschechoslowakei gab. Unsere Verwandten übersiedelten bereits 1946, in die amerikanische Zone, nach Hessen.
    1948 war es auch für uns soweit. Mein Vater meldete uns mit den Großeltern für den nächsten Aussiedlertransport an, nachdem wir die Einreiseerlaubnis für Bayern von meinem Onkel zugesandt bekommen hatten. Wir waren also die Letzten unserer Familie. Mein Großvater dachte lange, dass dieses Unrecht der Vertreibung nicht bleiben könne und alle wieder zurückkommen würden. Meine Mutter wollte nicht ihre Eltern alleine zurück lassen, sonst wären wir schon früher weg. Als der Großvater merkte, so wie vor 1938 würde es nicht mehr werden, resignierte auch er. Für ihn war die Befreiung vom Naziregime eine doppelte Enttäuschung; denn alle seine Hoffnungen, die mit dem Ende dieser Zeit verbunden waren, erfüllten sich nicht. Zwar erhielt er die tschechische Staatsbürgerschaft, aber sein Haus, das ihm die Nazis genommen hatten, bekam er nicht mehr zurück. Dass man nun auf allen Ämtern tschechisch sprechen musste, gab ihm den Rest und schließlich im Februar 1948 der Umsturz auf der Prager Burg. Die Tschechoslowakei wurde ein Satellitenstaat Moskaus.
    Als die Formalitäten für unsere Ausreise abgewickelt waren, musste es mein Vater seiner Arbeitsstelle verheimlichen, da er praktisch unabkömmlich war. Er war als Betriebsschlosser für den Maschinenpark eines Schotterwerkes verantwortlich. Er reichte daher einfach seinen Urlaub ein. Wie alle Verwandten konnten auch wir unsere Möbel mitnehmen.
    Am 10. September 1948 ging es los. Wir fuhren zusammen mit anderen mit der Bahn von Aussig nach Eger und dann mit LKWs nach Asch. Unsere Möbel waren schon seit Tagen mit der Bahn unterwegs. Es war der letzte Antifatransport aus der Tschechoslowakei. Tausende Kommunisten und Sozialdemokraten übersiedelten mit diesen Transporten entweder in die amerikanische oder russische Zone. 1948 war es offiziell nicht mehr so einfach, in die Westzonen zu kommen; die waren mit Flüchtlingen und Aussiedlern überfüllt. Es wäre also nur die Ostzone in Frage gekommen. Mit Elbkähnen gingen Transporte mit überwiegend Kommunisten nach Sachsen. Zu den Russen wollten meine Eltern aber auf keinen Fall. Da mein Onkel in Friedberg/Hessen auf dem Wohnungsamt arbeitete, konnte er für uns eine Wohnung nachweisen. Ein Bürgermeister übernahm die Bürgschaft gegen das Versprechen, dass er uns nicht zu Gesicht bekäme. Formal war unsere Ausreise Familienzusammenführung.
    In Asch angekommen, mussten wir alle bis zur Dunkelheit im Zollhaus warten. Später, nachdem Gruppen gebildet worden waren, ging es unter der Führung eines tschechischen Grenzbeamten in den Wald. Für mich als Zehnjährigen eine aufregende Sache. An der Grenzlinie verabschiedete sich der Tscheche und schickte uns über eine große Wiese ins Ungewisse. Es war eine helle Mondnacht mit entferntem Hundegebell. Alles sollte sich geräuschlos abwickeln, fast wie in einem Indianerfilm. Wir gingen auf eine Hecke zu. Eine schemenhafte Gestalt trat hervor und kam auf uns zu. Ich erkannte den Gewehrlauf der geschulterten Waffe und eine deutsche Landsermütze. Es war der bayerische Grenzer, der uns freundlich begrüßte. Er war über unser Kommen bereits informiert. Wir waren im Westen! Und ich zusammen mit meinem Wellensittich, den ich in einem selbst gebastelten Holzkästchen immer bei mir hatte. Offensichtlich wurden hier Absprachen an den Amerikanern vorbei zwischen den tschechischen und bayerischen Behörden getroffen. Die Tschechen wollten alle Deutsche loswerden, auch die Antifaschisten.
    Der bayerische Grenzbeamte führte uns ins deutsche Zollhaus. Im Treppenhaus übernachteten wir. Und welch eine Überraschung am Morgen: nur ein Stück die Straße hätten wir am Abend zuvor vom tschechischen Zollhaus aus weitergehen brauchen, um nach Bayern zu kommen. So aber führte man uns in einem größeren Bogen durch den Wald. Dies gehörte eben dazu, um aus unserer Ausreise eine Flucht zu machen. Den Eltern wurde offiziell mitgeteilt, dass sie wieder zurückgeschickt werden würden, da die Amerikaner keine Flüchtlinge mehr aufnähmen. Hinter der vorgehaltenen Hand meinte man aber, dagegen könne man sich ja wehren. Dieser Vorgang spielte sich dann auf dem Selber Amtsgericht ab. Großvater soll gesagt haben, lieber lassen wir uns alle erschießen, als wieder zurückzugehen. Jedenfalls blieben wir und kamen für vier Tage ins Flüchtlingslager nach Hof. In einer Holzbaracke waren wir untergebracht und schliefen auf amerikanischen Feldbetten. Wir wurden gesundheitlich untersucht. Dazu gehörte auch eine vorsorgliche Entlausung. Da inzwischen der Kalte Krieg ausgebrochen war, wurden die Erwachsenen auch geheimdienstlich überprüft, wahrscheinlich vom CIA. Hier sah ich die ersten amerikanischen Soldaten, die so ganz anders waren als die Deutschen und Russen. Ihre Uniformen wirkten elegant, vor allem ihre Schuhe, die nicht so klobig wie die Knobelbecher aussahen.
    Von Hof aus fuhren wir mit der Bahn über Nürnberg, Würzburg nach Frankfurt am Main, wo wir auf der Bahnhofsmission übernachteten. Am nächsten Tag ging es weiter nach Friedberg in Hessen. Die Trümmer der bombardierten Städte waren unübersehbar. Auf dem Friedberger Bahnhof erwarteten uns Onkel und Tante. Zunächst blieben wir für ein paar Tage bei ihnen in Ober-Rosbach, bis uns der Onkel eine Wohnung in Friedberg-Fauerbach durch seine Beziehungen besorgt hatte. Die Möbel waren inzwischen angekommen und standen auf dem Friedberger Güterbahnhof. Mit einem Lastwagen gelangten die Großeltern nach Reichelsheim im Odenwald, wo meine Tante schon seit zwei Jahren wohnte. Überhaupt war für mich die Übersiedlung mehr Abenteuer als Heimatverlust.
    Unsere Wohnung in Fauerbach lag in der Fauerbacher Straße. Der Ort, trist und ohne baulichen Charakter, allein geprägt von der Zuckerfabrik, hatte nur zwei nennenswerte Straßen. Und unser Haus lag genau an der einzigen Kreuzung. Im Herbst, wenn die Bauern ihre Zuckerrüben anfuhren, waren die beiden Hauptstraßen lehmig und glitschig. Anfangs waren die Hauseigentümer uns gegenüber sehr reserviert – wir waren ja schließlich zwangsweise bei ihnen einquartiert worden. Als sie merkten, dass wir keine Zigeuner waren, wurden sie freundlicher. Die Eingliederung in unsere neue Heimat war einfacher als meine Eltern gedacht hatten. Am einfachsten ging es bei mir durch meinen großen Gummiball, ein Juwel zu dieser Zeit. Bei allen Fußballspielen durfte ich mitmachen. Die Jungs warteten nach dem Mittagessen auf mich.
    Mein Großvater musste jedoch erleben, wie kurz vor seiner Einweisung auf einem Odenwälder Bauernhof der Besitzer die Zimmerdecke der beiden winzigen Räume mit der Spitzhacke zerstört hatte. Danach zog er in das kleine Häuschen, das zur alten Reichelsheimer Ziegelei gehörte und seit dem Auszug von Tante Emma leer stand. Für heutige Wohnverhältnisse unzumutbar. Für ihn war es aber wichtiger, unabhängig zu sein.
    Mein Vater hatte in Frankfurt bei einem amerikanischen Büromaschinen-Hersteller, eine Stelle als Versuchsmechaniker gefunden. Ich kam in die dritte Klasse der Fauerbacher Volksschule, die nur zwei Klassenräume hatte. Die Anpassung war für mich nicht einfach, besonders in Deutsch, was auch noch sehr lange mein Problemfach blieb. Wegen meines Akzents, ö und ü als e bzw. i auszusprechen, wurde ich anfangs gehänselt. Zur damaligen Zeit verdienten sich die Kinder mit Feldarbeit wie Zuckerrüben vereinzeln und Kartoffellesen nach der Schule ihr Taschengeld. Für eine Mark und ein Doppelbrot mit Wurst bestrichen rutschte auch ich auf den Knien die Fauerbacher Zuckerrübenfelder ab. Eigentlich eine harte Arbeit für Kinder. Heute wäre das Kinderarbeit. Ganz stolz war ich am Ende der Saison, dreizehn Mark verdient zu haben. Auch Altmetall sammelte ich. Geld war bei uns immer knapp. Papas Verdienst reichte nur fürs Nötigste. Mama verdiente als Putzfrau hinzu. Wir sammelten Fallobst, Holz im Wald, Kohlen auf den Bahngleisen und gingen die geernteten Kartoffelfelder ab. Papa reparierte nebenher Uhren, was er auch schon in Aussig tat. Aus der alten Heimat hatte mein Vater eine größere Menge Zigaretten mitgebracht, die er an seine Kollegen verkaufen konnte.
    Im Herbst 1944 kam ich in die Schreckensteiner Bürgerschule. Das Alphabet lernten wir in Sütterlin. Zweimal musste meine Klasse die Schule wegen der ständigen Luftangriffe wechseln. Im Frühjahr 1945 war dann vorerst meine Schulzeit zu Ende. Alle Schulen, bis auf die Bürgerschule in Schreckenstein, waren zerstört. Und in dieser war eine SS-Einheit einquartiert. Mit ihrer Fahne auf dem Schuldach machten sie Schreckenstein erst richtig zur Zielscheibe. Das Kriegsende erlebten wir mit Bomberangriffen auf Aussig und Schreckenstein, der flüchtenden Wehrmacht und SS, die kampflose Einnahme von Aussig durch die Roten Armee und die Massaker der Tschechen an der deutschen Bevölkerung. Schlechte Erfahrungen mit den Russen machten wir nicht. Ein Offizier kam zu uns und bat um etwas zu trinken. Er sprach etwas deutsch. Auf den Hinweis meines Vaters, dass der Krieg doch jetzt zu Ende sei und es nach Hause ginge, lachte er: Unser Ziel ist jetzt Konstantinopel. Mein Vater war nicht eingezogen und arbeitete als Werkzeugmacher in einem Rüstungsbetrieb. Regelmäßig hörte er BBC und Radio Moskau, was strengstens verboten war. Mit meinem Großvater wurden immer die aktuellen Meldungen diskutiert.
    Erst 1947 sah ich wieder eine Schule von innen. Ich kam in die zweite Klasse der tschechischen Volksschule in Schreckenstein. Da war ich schon neun Jahre alt. Vorher nahm man mich als Deutschen in die Schule nicht auf. Mit meinem mündlichen Tschechisch, das ich auf der Straße gelernt hatte, ging es ganz gut, nur nicht mit dem Schriftlichen. Ich sprach einen Dialekt, der in der Gegend um Prag gesprochen wurde. Als der Klassenlehrer meine Nationalität erwähnte, schauten mich alle erstaunt an. Keine Erinnerung habe ich wie ich Tschechisch gelernt hatte und auch nicht an die tschechischen Freunde. Bis auf die Vier im schriftlichen Tschechisch hatte ich nur gute Noten. Mir konnte auch niemand helfen, denn meine Eltern konnten kein Tschechisch. Lesen, Schreiben und Rechnen hatte ich in der Zeit von 1945 bis 1947, in der ich als Deutscher nicht in die Schule gehen konnte, mit meiner Mutter geübt. Auch die lateinische Schrift lernte ich von meinen Eltern.
    1951 zogen wir nach Frankfurt am Main. Ich lernte nach der Volksschule Mechaniker und über den Zweiten Bildungsweg studierte ich Feinwerktechnik an der FH Frankfurt.
    Mit meinem Vater war ich 1964 in Prag. Auf dem Wenzelsplatz fragte uns ein Tscheche: Wann kommt Ihr Deutschen denn wieder und befreit uns von den Stalinisten? Darauf mein Vater: Da könnt Ihr lange warten. Ich bin Euch dankbar, dass Ihr mich rausgeschmissen habt. Mir wäre es bei Euch nie so gut gegangen wie in Deutschland.

    Nachtrag:
    Geboren wurde ich noch als tschechoslowakischer Staatsbürger, deutscher Volkszugehörigkeit. Der im November 1938 zwischen der Tschechoslowakischen Republik und dem Deutschen Reich abgeschlossene – im Münchner Abkommen erzwungene – Vertrag über Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen und der entsprechenden Verordnung vom 20. April 1939 wurde ich durch Sammeleinbürgerung zum deutschen Staatsbürger. Theoretisch hätten meine Eltern die Option gehabt, tschechoslowakischer Staatsbürger bleiben zu können. Aus rationalen Gründen akzeptierte mein Vater aber die deutsche Staatsbürgerschaft. Schließlich war es dem Münchner Abkommen nach rechtens. Außerdem hätte es bedeutet, dass meine Eltern Aussig hätten verlassen müssen.
    Wäre ich 1938 nicht zur Welt gekommen, wären meine Eltern vielleicht vor den Nazis geflohen und nach Schweden ausgewandert, wie viele andere Sozialdemokraten, wie mir meine Mutter erzählte.
    Meine Eltern hatten insgesamt vier Staatsbürgerschaften: Geboren wurden sie als Deutsch-Österreicher, nach 1918 wurden sie unfreiwillig tschechoslowakische Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit, 1938 dann Reichsdeutsche und schließlich Bundesrepublikaner. Mein Vater wurde 1918 von den Österreichern, 1931 von den Tschechen und während des Krieges von der Wehrmacht gemustert und immer für untauglich befunden.

  8. Bessarabiendeutscher sagt:

    Bereits vor etlichen Jahrhunderten migrierte meine Familie aus der Nähe von Freudenstadt in das Hinterland von Danzig. Daran schloss sich eine weitere Wanderungsbewegung ans Schwarze Meer an. Nach einer relativ kurzen Sesshaftigkeit als Kolonisten wurden meine Großeltern im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes in das frühere Westpreußen zwangsweise umgesiedelt. Dort ist auch mein Vater geboren. Vor der heranrückenden Kriegsfront flüchtete meine Großmutter mit den fünf Kindern. Es ist einem überaus großen Zufall zu verdanken, dass sie an der Oder meinem Großvater wiederfand. In Bremen angekommen, war alles in die Wege geleitet, in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Lediglich die Erkrankung einer meiner Tanten verhinderte die Schiffspassage. Schließlich fand die Familie in Süddeutschland Aufnahme. An dem sozialen Kapital allerdings, das über die Generationen hinweg die Voraussetzung dafür bildet, einen solch langen Weg zurücklegen zu können, besteht vonseiten der hiesigen Bevölkerung bis heute keinerlei Interesse.

  9. Bronski sagt:

    Vielen Dank für diese ersten Reaktionen!

    @ Josef Ullrich

    Lieber Herr Ullrich, eine kurze Nachfrage zu dem Erlebnis Ihres Großvaters im Odenwald: Ich verstehe Ihre Schilderung so, dass der Besitzer des Bauernhofs die Räume mutwillig unbewohnbar machte, also um zu verhindern, dass Ihr Großvater dort einziehen konnte. Ist das richtig? Darum zog Ihr Großvater in das Häuschen, das zur alten Reichelsheimer Ziegelei gehörte.

  10. Josef Ullrich sagt:

    Lieber Herr Bronski,
    genau so war es. Mein Großeltern wohnten dann bis zu ihrem Tod 1956 glücklich und zufrieden dort.

  11. Gerry sagt:

    Was geschah nach Ankunft der Flüchtlinge aus dem Osten, die nach Kriegsende im Westen eine neue Heimat suchten? Was haben sie erlebt, wie war es mit der Aufnahme? Der Ort hieß im 19 Jahrhundert „Vosshusen“, d.h. „Fuchshausen“, ein Flecken in der Nähe von Hamburg, wo sich früher viele Füchse tummelten, unbebaute und nahezu unbewohnte Heidelandschaft. Und da immer mehr Menschen zuzogen, wurde der Name „Neu Wulmstorf“ (PLZ: 21629) gewählt, in Abgrenzung zum bestehenden alten Dorf Wulmstorf. Eine große Zuzugswelle begründete sich durch die Bombenangriffe auf Hamburg und die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Und meine Mutter. verw. Kühn, verheiratete Ferchau (mit meinem Vater Alfred Ferchau), verw. Pohl führte den Flüchtlingstreck aus dem Osten an – vom 22.01.1945, 20 h bis zum 17.03.1945, 12 h. war sie mit Eltern, „mit Pferd und Wagen“ und Geschwistern unter schrecklichen Bedingungen unterwegs, um endlich in Itzenbüttel b. Hamburg anzukommen.
    Der 1. Ehemann meiner Mutter, Artur Kühn, blieb verschollen und wurde am 06.05.1952 vom Amtsgericht Tostedt rückwirkend zum 31.12.1945 für tot erklärt. Meine Mutter heiratete am 20.10.1951 den Tischler Alfred Ferchau, meinen Vater, in Itzenbüttel. Sie lebten in Reindorf, Kr. Harburg. Ich wurde am 17.11.1953 in Buchholz i.d.N. geboren. Siedlungsgeschichte Im Vertrag vom 30.10.1953 räumt die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft m.b.H. meinen Eltern in Neu-Wulmstorf, Parzelle 60a, eine „Anwartschaft auf Übertragung einer Kleinsiedlung“ ein. Im Jahr 1955 trat mein Vater der Heidesiedlung Neu-Wulmstorf bei. (Mitgliedskarte Heidesiedlung Neu-Wulmstorf vom 02.10.1955.)
    Die Flüchtlinge begannen schnell mit den ersten Arbeiten, obwohl das Land noch nicht vollständig vermessen war. Spöttisch sprach man von „Maulwurfshausen“: Die Menschen schachteten aus, zogen ihren Keller hoch, bewohnten ihn und bauten dann nach oben weiter aus. Dieser Zustand Anfang der 50er Jahre wurde am 24.12.1983 sehr eindrucksvoll im „Buxtehuder Tageblatt“ am Beispiel der Familie Ripke beschrieben, die in der gleichen Straße wie meine Eltern lebten (Pommernweg, 21629 Neu Wulmstorf).
    Wie wurden die Flüchtlinge aufgenommen? Die Siedler bekamen Parzellen, die im südlichen Bereich der heutigen Bundesstraße 73 liegen. Die Flüchtlinge waren sozusagen unter sich, das weisen auch die Straßennamen aus: Breslauer Str., Königsbergerstraße, Bromberger Str., Pommernweg usf. Alle Siedler hatten ein gemeinsames Ziel: Ein eigenes Haus bauen und ein eigenes Grundstück bewirtschaften. Selbstversorgung war angesagt und Zwangsbewirtschaftung. Und das bedeutete: Meine Eltern mussten in ihrem Haus ein Ehepaar in der oberen Wohnung aufnehmen – und das passte besonders meiner Mutter überhaupt nicht, zumal der Mann starker Raucher war. Sie war froh, als die ungeliebten Fremden endlich auszogen. Meine Mutter, selbst ein Flüchtling, war kein Freund ihresgleichen. Sie hatte es mit meinem Vater geschafft: Haus und Garten standen bereit für unsere Familie, jetzt wollte sie keine anderen Personen mehr aufnehmen. Sie war ja kein Flüchtling mehr und sie sah auch keine Notwendigkeit, anderen zu helfen. Sind das nicht eklatante Parallelen zu heute? Vor 60 Jahren mussten 12 (!) Millionen Menschen im zusammengedampften Westdeutschland aufgenommen und integriert werden. Das ging nicht reibungslos, es war ein mühsamer und langwieriger Prozess. Heute bekommen viele Mitbürger in der reichen Bundesrepublik unerklärlicherweise Panikattacken, wenn sie an die Flüchtlinge denken, die jetzt bei uns Schutz suchen?! Vergessen wir zu schnell, weil oder wenn es uns gut geht?

  12. Bronski sagt:

    @ all

    Mich würde interessieren, ob Sie eventuell noch über Fotografien aus jener Zeit verfügen. Mir ist bewusst, dass die Menschen damals anderes im Sinn hatten, als ihre Not zu fotografieren, aber ich suche nach Möglichkeiten, die damalige Situation auch noch auf andere Weise zu dokumentieren als rein schriftlich. Gerade bei solchen langen Texten wie dem von Herrn Ullrich muss ich mich auch um optische Elemente kümmern, wenn ich sie im Print-Leserforum (zumindest auszugsweise) veröffentlichen will, und da bietet es sich natürlich an, nach persönlichen Bilddokumenten zu fragen, die genau jene persönliche Situation bebildern, von der die Rede ist. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, etwa das „Rezept“ für die gefürchtete Heringschwanzsuppe, lieber @ petersohr, oder einen Scan von der Mitgliedskarte Heidesiedlung Neu-Wulmstorf, lieber @ Gerry. Alles ist willkommen, was unseren Leserinnen und Lesern die damalige Situation auch optisch etwas näherbringt.

    @ Bessarabiendeutscher

    „An dem sozialen Kapital allerdings, das über die Generationen hinweg die Voraussetzung dafür bildet, einen solch langen Weg zurücklegen zu können, besteht vonseiten der hiesigen Bevölkerung bis heute keinerlei Interesse.“

    Erzählen Sie doch bitte mal, wie dieses soziale Kapital aussieht, woraus es besteht, wie es sich ausdrückt.

  13. Gerry sagt:

    @Bronski:
    Danke für die Veröffentlichung meines Beitrages.
    Eine optisch aufgelockerte Darstellung begruesse ich, deshalb werde ich ich Fotomaterial bereitstellen.

  14. Werner Engelmann sagt:

    Ich begrüße dieses Projekt und seine Zielsetzung. Berichte über Flucht, vorwiegend unter dem Aspekt einer Befreiung von einem über Jahrzehnte anhaltenden latenten Trauma, gab es um 2005 herum schon viele. Erfahrungen zu Problemen der Integration zu dokumentieren ist angesichts ähnlicher gegenwärtiger Herausforderungen sicher ein wichtiges und wahrscheinlich hilfreiches Vorhaben.
    Ich möchte in meinem Bericht auch auf Überlebensstrategien und sich verändernde Grundeinstellungen unter solchen Umständen eingehen.

    Meine Familie stammt, nach Recherchen in Kirchenbüchern bis zum 17. Jahrhundert, ursprünglich aus Nordböhmen. Meine Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits waren auf der Iglauer Sprachinsel in Mähren ansässig.
    Als jüngstes von 7 Kindern habe ich meinen Vater nie kennengelernt.
    Mein Vater, Tischler von Beruf, verließ zu Beginn der 40er Jahre die Stadt Iglau (Jihlava), um im rein tschechischen Gebiet südlich von Iglau die Leitung eines holzverarbeitenden Betriebs mit ca. 200 Mitarbeitern, fast ausschließlich Tschechen, zu übernehmen.
    Bei einem Aufstand der tschechischen Arbeiter seines Betriebs Anfang Mai 1945 wurde er von diesen gefangen genommen und misshandelt. Meine älteste Schwester (damals 15 Jahre) hat als einzige Zeugin die dadurch ausgelöste Traumatisierung bis an ihr Lebensende nicht überwunden.
    Nach Berichten meiner Mutter wurde mein Vater von durchfahrenden deutschen Truppen, die sich von der Ostfront zurückgezogen hatten, befreit. Mehrere der Aufständischen wurden von diesen danach standrechtlich erschossen.
    Mein Vater hatte die Flucht der Familie am 8. Mai noch vorbereitet. Schon in Bayern, kam er aufgrund einer Denunziation in tschechische Gefangenschaft und wurde 1946 von einem tschechischen „Volksgericht“, offenbar als Rache für die Erschießungen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. (1)
    Meine Mutter hat vom Tod unseres Vaters erst 1948 durch Bericht eines Augenzeugen und einen über die Grenze geschmuggelten Abschiedsbrief erfahren.
    Auf der Flucht nach Österreich war unsere Familie getrennt worden, nachdem ein Wagenrad gebrochen war. 6 der Kinder wurden von einem Miltärtreck mitgenommen. Mein Vater und meine Mutter schlugen sich mit mir (damals 10 Monate) alleine durch. In einem Flüchtlingslager an der bayrischen Grenze konnte sich die Familie wieder finden.
    Aufnahme fanden wir durch eine Gastwirtin in einem kleinen Dorf an der Ilz nahe Passau. Wir hatten dies dem Umstand zu verdanken, dass der Sohn der Gastwirtin in einem Brief von der Ostfront von schrecklichen Bedingungen für Flüchtlinge berichtet und seine Mutter angefleht hatte, alles in ihrer Macht Stehende für solche Menschen zu tun.

    An die Anfangsjahre in der „neuen Heimat“ habe ich selbst wenig Erinnerungen. Durch die Fluchtumstände sehr krank, verbrachte ich mehrere Monate in einem Krankenhaus.
    Der erste bezogene Raum neben der Gaststätte muss nach Berichten völlig verwanzt gewesen sein. Erst viel später konnten wir einen Raum mit anhängender kleiner Dachkammer beziehen.
    Meine beiden ältesten Schwestern fanden bald bei Bauern als Dienstmägde Arbeit und Unterkunft. Später konnten beide in eine Ausbildung als Krankenschwester eintreten und arbeiteten danach bis zu ihrer Hochzeit in Kliniken im bayrischen bzw. hessischen Raum.
    Mein ältester Bruder fand nach einiger Zeit eine Ausbildung, dann Anstellung als Landschaftsgärtner am Bodensee, im Rheinland, schließlich im badischen Raum.
    Wir übrigen 4 Kinder wohnten mit unserer Mutter 10 Jahre lang, bis Anfang 1955 in dem genannten Raum. Danach holte uns mein ältester Bruder zu sich in eine Betriebswohnung nahe Freiburg in Baden.
    In den letzten Jahren waren die beiden jüngeren Schwestern teilweise in einem Internat der Klosterschule in Passau. Mein 3 Jahre älterer Bruder besuchte nach der Volksschule das Gymnasium Passau. Mein Besuch dort dauerte wegen unseres Umzugs 1955 nur wenige Monate.

    Es mag seltsam klingen, doch in meiner Erinnerung waren diese Nachkriegsjahre für mich eine vergleichbar unbeschwerte Zeit.
    Um den Lebensunterhalt (später auch Schulkosten) zu bestreiten, arbeitete meine Mutter ganztägig als Wäscherin in einer 3 km entfernten Fleischfabrik. Als „Schlüsselkinder“ waren wir fast immer uns selbst überlassen.
    Als belastend habe ich allerdings die unerbittliche Strenge meiner Mutter erfahren. In der Bewahrung des „Andenkens“ an meinen Vater sah sie sich verpflichtet, alle seine Prinzipien ungesehen zu übernehmen und durchzusetzen. Die einzige Distanzierung, zu der sie sich genötigt sah, war die Wiederannäherung an die katholische Kirche, aus der mein Vater ausgetreten war. Dementsprechend wurde ich, mit über 2 Jahren, nachträglich getauft.
    Die Prinzipien meines Vaters galten uneingeschränkt in positiver (so etwa Gestaltung von Weihnachten) wie in negativer Hinsicht (Methoden der Bestrafung). Ein Weihnachtsabend ist mir in Erinnerung, an dem ich viele Stunden kniend verbracht habe. Vaters Prinzipien folgend, sah es meine Mutter als Aufgabe an, mich zu zwingen, für meine „Untat“ (die ich nicht als solche erkennen konnte) um Verzeihung zu bitten und so meinen „Eigenwillen zu brechen“.
    Trotz solcher Erfahrungen empfand ich die Situation als erträglich, bis meine Mutter, offenbar mit ihrer Kraft am Ende, den Entschluss fasste, meinem ältesten Bruder mit dem 18. Geburtstag 1952 die „Erziehungsgewalt“ über uns jüngere Kinder zu übertragen, Züchtigungsrecht eingeschlossen. Von diesem Tag an verwandelte sich meine Mutter von der Frau der Tat zurück in eine dem eigenen Sohn untergebene Frau. Für die familiäre Atmosphäre erwies sich dies als katastrophal.
    Heute sehe ich diese Vorgänge und Verhaltensweisen als symptomatisch für den radikalen Umbruch der Nachkriegsjahre an. Insbesondere für „Trümmerfrauen“, aber auch für Kinder erwuchs, geboren aus der Not, eine Art „Emanzipation der Tat“. Das Verhältnis von Frauen zu Männern betrug in dieser Zeit in Deutschland 170:100.
    Auch bez. des Geschlechterverhältnisses ergab sich aus dem Rollentausch vorübergehend eine erstaunliche Liberalität (beschrieben etwa in Böll, „Das Brot der frühen Jahre“).
    Ich habe dies auf eigene Weise erfahren. Als Jüngster dazu bestimmt, die getragene Wäsche der Älteren abzutragen, trug ich (wie auf alten Fotos zu erkennen) auch in der Schule vorwiegend Mädchenblusen. Ich kann mich aber nicht nicht erinnern, in dieser bayrischen Provinz jemals deshalb gehänselt worden zu sein.
    Das starre Festhalten an Prinzipien etwa meiner Mutter diente dabei offenbar als „moralische“ Stütze, das ein Aus-dem-Ruder-Laufen verhindern sollte. Dies war wohl der Grund dafür, dass eine durch die Tat bereits begonnene Emanzipation der Frauen nicht von Dauer war und sie im Zuge der gesellschaftlichen Restauration mit beginnendem Wohlstand der Adenauer-Ära in den fünfziger Jahren wieder zu „Heimchen am Herd“ wurden.

    Die Anforderungen, die sich aus der Flüchtlingssituation ergaben, wurden in unserer Familie sehr schnell verinnerlicht. Aus der Situation völliger Mittellosigkeit erwuchs zugleich starker Stolz und Ehrgeiz, es „aus eigener Kraft zu schaffen“. Der Wahlspruch meiner Mutter, den sie uns auf den Weg gab, hieß: „Alles, was ihr besitzt, steckt in eurem Kopf.“
    Ein Aspekt, der im Umgang mit Flüchtlingen sicher von herausragender Bedeutung ist. Nach der demütigenden Erfahrung als faktischer „Almosen-Empfänger“ bedarf ein Mittelloser dieses Stolzes, um das notwendige Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten. Entscheidend für Bereitschaft zur Integration ist das Gefühl, akzeptiert zu werden, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und eigene Fähigkeiten und Kräfte entwickeln zu können.

    Das Wissen, auf sich selbst gestellt zu sein und eigene Verteidigungsstrategien finden zu müssen, galt für uns Kinder auch in Bezug auf Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung. Es gabe nur einen Versuch meiner Mutter, nach Prügeln durch ältere Nachbarskinder zu unserem Schutz einzugreifen, was die Situation aber noch verschlimmerte.
    „Fremde“ gab es außer uns auch in dem 3 km entfernten größeren Ort mit der Volksschule (ca. 500 Einwohner) nur wenige. Reserviertheit bei Einheimischen gegen uns war öfter sprürbar, teils erwachsend aus Neidgefühlen wegen der schulischen Erfolge aller Kinder der Familie. Dennoch kam es nie zu gezielten Versuchen der Ausgrenzung. Andererseits gab es auch Respektsbezeugungen, die z.B. nach dem Gottesdienst geäußert wurden, und gelegentlich auch materielle Unterstützung, z.B. durch Kleidung.
    Ein Mittel der Integration war sprachliche Anpassung. Zu Hause bayrisch zu sprechen, hatte unsere Mutter uns verboten. Unter Freunden war dies aber Bedingung, akzeptiert zu werden. Ein anderes Mittel war die Teilnahme an Aktivitäten, so etwa an Sammelaktionen, aber auch an Festveranstaltungen wie das Aufstellen des Maibaums und „Tanz in den Mai“ – meist unserer Mutter mühsam abgerungen. Sonntags galt es., möglichst als erste die Kegelbahn zu besetzen, um als „Kegeljungen“ das erste Geld zu verdienen. Damit wurde zur Fußballweltmeisterschaft 1954 auch gemeinsam das erste Radio finanziert.

    Verwandte aus unserer Heimat, die ab 1946 von der organisierten Vertreibung betroffen waren, siedelten überwiegend in Bayern, die meisten im Allgäu an. Von unserer Seite bestanden zu ihnen nur wenige Kontakte. Außer gelegentlicher Teilnahme einer meiner Schwestern an „Heimattreffen“ hielt sich unsere Familie von sudentendeutschen Landsmannschaften, besonders von den politisch organisierten Vertriebenenverbänden fern, was ich im Nachhinein befürworte.
    Die Situation von „Flüchtlingen“ und „Vertriebenen“ unterschied sich in keiner Weise. Sich auf z.T. unterschiedliche Ursachen bzw. Verantwortliche zu fixieren und danach zwischen diesen Gruppen zu unterscheiden, halte ich für wenig hilfreich, in politischer Hinsicht sogar für kontraproduktiv. Erkennbar wurde dies am Wirken verschiedener Vertriebenenverbände, denen es nicht nur um Traditionspflege ging. Indem sie jahrzehntelang Illusionen über Reparationen bzw. mögliche Rückkehr nährten, erschwerten sie die Auseinandersetzung mit den neuen Realitäten und verstärkten Tendenzen der Abgrenzung.
    Entscheidend erscheint mir die Fähigkeit, erlittenen Traumata zum Trotz den Blick nach vorn zu richten. Insofern habe ich meine alte Heimat auch nie vermisst.

    ————–
    (1) Bei diesen „Volksgerichten“, eingerichtet nach Benes-Dekret vom 19.6.1945, verlängert bis 4.5.1947, waren von 5 Richtern 4 „Volksrichter“, d.h. ohne juristische Kenntnisse, mit vollem Stimmrecht auch bez. des Strafmaßes. Im Abschlussbericht von Mai 1947 wird deren „ungenügende Intelligenz“ gerügt. Von Seiten des Nationalausschusses (MNV) wurde rasche Aburteilung gefordert, um wachsender Neigung zu Lynchjustiz in der tschechischen Bevölkerung zuvorzukommen. Im Jahr 1946 waren von 1600 Gefangenen in Brünn 1500 Deutsche. Bez. einer Anklageschrift in der Sache meines Vaters sind wir nie fündig geworden.
    Vgl. Katerina Kocová: Die Außerordentlichen Volksgerichte („MLS“) in den böhmischen Ländern 1945-48,
    in: JUSTIZ UND ERINNERUNG, hrsg. v. Verein zur Förderung justizgeschichtlicher Forschungen und Verein zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihrer Aufarbeitung, Wien, Mai 2005

    P.S.:
    Lieber Lutz, Fotos von der Zeit schicke ich Dir per Mail.

  15. petersohr sagt:

    ja, da kommt noch was… morgen.

  16. Werner Engelmann sagt:

    Ergänzung zu #14:

    Zur Frage von Kinderarbeit und „Diebstählen“ nach dem Krieg.
    Dass Kinder durch entsprechende Arbeiten zum Bestreiten des Lebensunterhalts beizutragen htten, war eine Selbstverständlichkeit. In meinem Fall wurde das ab knapp 5 Jahren erwartet. Zu solchen Arbeiten gehörten im Haus Putz- und Hilfsarbeiten aller Art, etwa Schuheputzen für die ganze Familie, außer Haus das Sammeln von Brennholz und Tannenzapfen, Garten- und Feldarbeiten wie Kartoffelnachlese auf abgeernteten Kartoffelfeldern (was auch kostenpflichtig war), im Sommer Sammeln von Kartoffelkäfern, gelegentlich Einsatz bei Erntearbeiten bei geringer Entlohnung, bei etwas Älteren auch Holz Sägen und Holz Hacken.
    Die Herbstferien Ende Oktober, eingeführt, um die Hilfe von Kindern bei der Kartoffelernte zu ermöglichen, werden in Bayern heute noch „Kartoffelferien“ genannt.
    Ein Beitrag zum Bestreiten des Lebensunterhalts war auch das Sammeln von Fallobst, z.B. am Schulweg unter Apfelbäumen am Straßenrand. Meine Mutter hatte uns allen eingeschärft, keinesfalls Obst vom Baum zu pflücken, was wir auch nie taten. Was freilich nicht verhinderte, aus vorbeifahrenden Autos gelegentlich als „Apfelstehler“ tituliert zu werden.
    Im Kölner Sprachraum ist heute noch das Wort „fringsen“ im Gebrauch. Es geht zurück auf den sehr beliebten Kardinal Frings, der in der Silvesterpredigt 1946 Mundraub mit den Worten legitimierte:
    „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“ (Wikipedia: Joseph Frings)
    Eine Interpretation katholischer „Sünden“lehre, die auch für aktuelles Verhalten, so etwa aufgebauschte Berichte über „Diebstähle“ von Flüchtlingen, aufschlussreich ist.

  17. Werner Engelmann sagt:

    Korrektur zu # 14

    Im Hinweis auf Böll in Abschnitt 4 wäre „Das Brot der frühen Jahre“ durch „Haus ohne Hüter“ zu ersetzen. In diesem Roman behandelt Böll den pragmatischen Umgang mit dem Problem außerehelicher sexueller Beziehungen sogar im katholischen Milieu der Nachkriegszeit.

  18. G.Krause sagt:

    Ich bin in Danzig geboren worden, wir lebten im Ostseebad Zoppot. Mein Vater war alter Kämpfer in der SA, er brachte es bis zum Ortsgruppenleiter. Als ich 10 Jahre alt war sollte ich zur Oberschule der Hitlerjugend. Meine Eltern mussten einen Stammbaum anfertigen
    damit sichergestellt war, dass ich Arier bin,
    der Amtsarzt hat meinen Kopf vermessen. Ich wurde aufgenommen. Der Schulalltag begann immer
    mit Antreten auf dem Schulhof, die Hände mussten sauber sein und auch die Ohren, wenn der Lehrer etwas Unsauberes gefunden hat gab es was mit dem Rohrstock. Dann ging es in die Aula, dort mussten wir das Deutschlandlied singen und anschließend „Die Fahne Hoch“. Im Januar 1945 wurde Danzig zur Festung erklärt.
    Wir sollten evakuiert werden. Da mein Vater ein alter Kämpfer war hatten wir natürlich Fahrkarten für die Wilhelm Gustloff. Um 5 Uhr morgens standen wir abholbereit im Flur. Meine Mutter sagte auf einmal, ich glaube da passiert etwas, wie bleiben hier. Da hat sie mir das erste mal das Leben gerettet. Die Nazigrößen hatten alle Ihre Familien auf der Gustloff, am nächsten Tag wurde ein Bus bereitgestellt um nach Kolberg zu den Überlebenden zu fahren. Da noch Plätze frei waren fuhren meine Mutter und ich mit meinen beiden Schwestern mit. In Kolberg wurden wir in einer Turnhalle untergebracht und mussten auf Strohsäcken schlafen. Dort waren auch die Überlebenden der Gustloff untergebracht. Meine Mutter tröstete eine Frau die 3 Kinder verloren hat. Die Frau berichtete uns, dass vor dem Untergang der Gustloff der Führer eine Rede zum Tag der Machtergreifung gehalten hat. Alle die noch an ihn glaubten haben sich die Rede angehört, sie wurde nämlich auf dem Oberdeck übertragen, und wer oben war hatte die größte Chance gerettet zu werden. Am nächsten Tag fuhr der Bus weiter bis Neuruppin,
    dort wurden wir in ein kleines unbewohntes Haus einquartiert. Meine Mutter wurde krank und kam ins Krankenhaus. Wir Kinder kamen zu Pflegeeltern. Mein Pflegevater nahm mich immer mit zur Arbeit. Sein Arbeitsplatz war von Stacheldraht umzäunt es gab dort viel grüne Barracken und die Insassen hatten gestreifte Kleidung an. Die Sträflinge sahen sehr verhungert aus und weil ich mich frei bewegen konnte, bin ich in die Küche gegangen und habe etwas Essbares besorgt und es im Gelände abgelegt was den Sträflingen nicht entgangen war. Nach ein paar Tagen schenkte mir ein Sträfling ein sehr schönes Flugzeug. Mein Pflegevater war nicht begeistert und hat mich nicht mehr mitgenommen. Der Arbeitsplatz hieß Sachsenhausen. Wir hatten auch mehrmals Fliegeralarm am Tag, aber niemand ging in den Keller, weil die Flieger weiter nach Berlin geflogen sind, bis eines Tages auch bei uns Bomben abgeladen wurden. Nach der Entwarnung gingen wir nach draußen und sahen die furchtbare Zerstörung. Ich fand einen Schuh mit Fleisch drin und einen Arm, die Menschen waren ja noch in ihren Wohnungen und nicht im Luftschutzkeller. Eines Nachts haben Bomber den Flughafen platt gemacht, 5 Stunden wurde ununterbrochen bombardiert, die Erde bebte.
    Ohne Hilfe kann man das nicht verarbeiten.
    Das war schon etwas anderes als Videospiele.
    Dann kam der Einmarsch der Russen, es sind keine Schüsse gefallen der Krieg war damals schon verloren. Aber jetzt lernten wir wie Hunger schmeckt. Auf unserem Marktplatz waren russische Lastwagen, ich half einem Russen den LKW zu putzen, dafür bekam ich von ihm zu essen. Durch das Rote Kreuz haben wir erfahren, dass mein Vater in amerikanischer Gefangenschaft ist, also auf nach Westen. Im Viehwagen fuhren wir nach Salzwedel und wollten in die englische Zone. Als wir zur Grenze kamen standen dort russische Soldaten, schossen in die Luft und riefen dawai zurück.
    Etwa so wie heute in Ungarn. Wo sollten wir nun hin? Ein lieber Bauer nahm uns in sein Haus auf und hat uns versorgt. Der 2. Anlauf war wieder vergebens, aber beim 3. Mal ließ uns
    ein russischer Soldat durch und wir kamen in ein englisches Auffanglager nach Warendorf in die Reithallen. Von dort wurden wir nach Bevern in Niedersachsen weitergeschickt. Wir bekamen in einem Lehrerhaus ein Zimmer zugewiesen, ohne Möbel, es wurden ein Herd auf den Fußboden gemauert, 4 Strohsäcke und eine Handvoll Nägel. Die Nägel sollten wir in die Wand schlagen, das waren dann unsere Möbel. Ich habe noch vergessen wir bekamen auch einen Tisch und 4 Stühle. Als die Einheimischen sahen wie wir hausen mussten, nannten sie uns nur noch Pollacken. Ein großer Bauer im Ort sollte auch Flüchtlinge aufnehmen, er weigerte sich und schickte die Leute in den Schweinestall. Das hat der englische Kommandant erfahren. Der Kommandant gab dem Bauern 1/2 Stunde Zeit und dann wurde der Bauer für 3 Wochen in ein Flüchtlingslager gesperrt. Als der Bauer wieder zu Hause war, öffnete er sein Haus für die Flüchtlinge und tat alles was er nur konnte für die traumatisierten Menschen. Sehr zu empfehlen für die Pegidaanhänger durch Erfahrung wird man klug.

  19. Bessarabiendeutscher sagt:

    Aufgrund meiner Erkrankung kann ich die am 8. Dezember von Bronski an mich gerichtete Frage nach dem sozialen Kapital und seinen spezifischen Ausdrucksformen erst heute beantworten: Die Kolonisten am Schwarzen Meer lebten in multiethnischen und multireligiösen Gemeinschaften. Ohne sich notwendig von jeglicher eindimensionalen Auffassung verabschiedet zu haben, wie es prominent vor allem Herbert Marcuse zur Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA fordert, wäre ein zum Wohle aller gedeihliches Miteinander bereits damals zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht möglich gewesen. Daran lässt sich mehr als augenfällig ablesen, wie aktuell die Kritik der Frankfurter Schule an den gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland vorherrschenden Verhältnissen noch immer ist. Das hiesig überaus weit verbreitete „Desinteresse“ an solch einer im Mindesten wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnis beklagte übrigens der einstige Bundespräsident Köhler, dessen Familie ebenfalls aus Bessarabien stammt und der auch wie mein Vater nach der zwangsweisen Umsiedlung unter dem zynischen Motto „Heim ins Reich“ im ehemaligen Westpreußen zur Welt kam.

  20. Wolfgang Franke sagt:

    Sehr geehrter Herr Ullrich, ich bin 1947 in Reichelsheim geboren, wo meine Eltern nach Krieg und Ausbombung gelandet waren. Ich würde gerne Erinnerungen mit Ihnen austauschen; das muss aber nicht im Blog stattfinden. Wenn die Redaktion Ihnen meine email-Adresse weiterleitet, könnten Sie mir schreiben – es würde mich freuen.
    mit freundlichen Grüßen und allen guten Wünschen für die Feiertage, W. Franke

  21. Josef Ullrich sagt:

    Sehr geehrter Herr Franke,
    es freut mich, dass mit mir einen Gedankenaustausch suchen. Unter (…) können sie mich erreichen.
    Mit den besten Grüßen
    Josef Ullrich

  22. Bronski sagt:

    @ Wolfgang Franke, Josef Ullrich

    Ich habe Ihnen eine Mail geschrieben.

    Mich würde interessieren, was aus Ihrem Austausch wird. Vielleicht berichten Sie irgendwann mal kurz.

  23. Bessarabiendeutscher sagt:

    Nachdem wesentliche Teile meines Beitrags vom 7. Dezember nur noch sehr verstümmelt zu lesen sind, frage ich mich, ob die Betreiber dieses Blogs es tatsächlich ernst meinen. Mir jedenfalls fällt es angesichts dessen sehr schwer, das nötige Vertrauen aufzubringen und ich bereue es zutiefst, jemals meine ohnehin begrenzte Zeit dafür verwendet zu haben, um ausgewählte Ausschnitte aus meiner Familiengeschichte öffentlich zugänglich zu machen, wenn damit solch ein Schindluder getrieben wird.

  24. Bronski sagt:

    @ Bessarabiendeutscher

    Ihr Kommentar wird hier im FR-Blog so wiedergegeben, wie Sie ihn abgeschickt haben. Ich habe mir eigens noch einmal die Mail herausgesucht, die mich am 7.12. davon unterrichtet hat, dass Sie einen Kommentar gepostet haben. Der Text dieser Mail ist identisch mit dem Text im Kommentar #8 in diesem Thread.

    Ich kann mir die Sache nur so erklären, dass es sich um ein Darstellungsproblem Ihres Browsers handelt. Bitte sehen Sie sich den Kommentar doch einmal mit einem anderen Browser an, nehmen also statt Internet Explorer ausnahmsweise Firefox oder Opera oder Google Chrome.

    Damit ich mir vorstellen kann, wie die Darstellung bei Ihnen aussieht, könnten Sie mir auch einen Screenshot schicken. (Strg und Druck, dann ein neues Word-Dokument anlegen, Strg und V, und das dann per Mail an mich.)

  25. Bessarabiendeutscher sagt:

    Inzwischen ist mein Text wieder vollständig lesbar. Ein Screenshot erübrigt sich dadurch. Woran es gelegen hat, dass er nur verstümmelt angezeigt wurde, kann ich nicht sagen. Als Browser verwende ich seit dem Upgrade des Betriebssystems auf Windows 10 nicht mehr den Internet Explorer.

  26. Gerry sagt:

    @aBronski
    In diesem Blog befindet sich ein riesiger Schatz: Erlebnisse, Erfahrungen, Bewertungen … . Mein Vorschlag: Überführung des Blogs nach angemessener Zeit mit optischen Elementen in Buchform, um dieses aggregierte Wissen auch für nacfolgende Generationen verfügbar zu halten.

  27. Klaus Finke sagt:

    Hallo Bronski, habe eine kleine Fluchtgeschichte auf Plattdeutsch geschrieben, wie sie mir von Oma und Mutter berichtet worden war:
    Wi mööt wech hier
    Een Obend in´n Harfst negenteinhundertfiefunveertich in´n lütten Dörp bi Magdeburg. Se seten tosomen in eeren lütten Kabuff in´n Pfarrhus un snackt ganz lies. Se: dat wür een ole Fru mit twee Döchtern. De een wür wat trücht bleeben, nich klor in´n Kopp. De anner het sülms twee Kinner: een Deern vun sößtein und een lütten Jung vun eenunhalf Johrn, de slöpt all.
    Wi mööt wech hier, wispert de junge Fru un de Ole stimmt to. Morgen schall dat losgoon. Mang de russ´schen Soldaten is nich good sien. De gaht överall ut un in un grieb sick wat se kreegen künnt: Freten, Smuck, Klocken un Fruunslüüd. Dat Wedder schull good blieven. Dörch Magdeburg no West door schall dat een Koolgruuv geven un een Isenboon. Dor wüllt se hen un so packt se all´ns tosomen un leggt sick slopen.
    Annerndaags freu an´n Morgen deelt se sick op. De ole Fru un de tüdelige Dochter gaaht vör sick, dormit dat nich so opfallt, wenn se all tohop löppt. De lütte Jung sitt in sien Kinnerwogen op dat Gepäck, de Fru schuuft vun achtern und de Deern hät een Tampen vörn anbunnen un treckt vorwards. An de Sied klappert de Pisspot vun den Lütten vör sick hen. So geiht dat Stünn üm Stünn. Af un to geit een Rad af, dat mutt wedder ranset war´n. Af un to steiht de Jung op un kreiht Oma? Oma? Tante Totte? Denn möt se em fasthullen, dat he nich rutföllt. Denn kreeg he een Tweeback, dat he sit un to doon het, un sien Snut höllt.
    Dörch Magdeburg wür nich swoor to goon. Dor würn soveel Lüüd ünnerwegens, de Straaten weer´n all klaar vun Schutt. Denn gung dat wedder dörch de Natuur.
    Bi´n lüdden no´n obend to, komen se nah no de Grens, un nu heet dat oppassen, dat se keen Possen in de Arme löppt. De Jung kreeg een Tweeback no´n annern un op eenmol heet dat: „Stoj!!“ Nu suust jüm dat Hart inne Büx. Achtern Busch keem een Russen vör, son ganzen jungen, dat Gewehr över den Arm. Dor steit de lütsche Jung in sien Wogen op, kreiht: „Hä, Hä“ un hölt em sien Tweeback hen. De Soldat weet nich wat he seggen schall. Denn grient he över all veer Backens, smeet dat Gewehr hen, nöhmt den Tweeback, bit´n Stück av un denn griept he sick den Lütten un smitt em in de Luft un fung em op un nochmol un nochmol. Denn hölt he dat Kind op den Arm un knutsch em af un set dat wedder in den Wogen. Denn wiest he över de Grens no de annere Sied un seggt: „Dawei, dawei“.
    Dat laten se sick nich tweemol seggen. De Deern treckt wat dat Tüch hölt, de Fru schuuft mit een Hann´. Mit de anner hölt se den Jung fast. Dor gung mol wedder dat Rad af. Ditmol avers mutt dat ersmol wieder gohn. Se smit dat Rad in´n Wogen. No korten is de Russ nich mihr to seen: se sünd op de Westsied. Nu noch´n Stück un denn ersmol verpussen.
    Halv Stünn later hebt se ok de Isenboon funnen und dree Stünn later köm de ole Fru mit de anner Dochter. An´n End vun de Isenboon hebt se `n poor open Waggons leddich vun Kooln avers vull vun Minschen un ob een dorvun warden se nu rophüsert mitsamt den Kinnerwogen. Dor seten se nu in Ruß un Grus. Avers denn ruckelt dat un los gung de Reis. Dor leeg se sick in de Arme un weent vör Glück, dat se sowied komen un wedder tosomen sünd.
    Dree dog duert de Fohrt bit no Hagen. Un de Lüüd dreiht sick üm un keek weg, wenn wedder mol een min Pisspot utleehnt har.
    Hamburg, Wiehnachten 2015 Klaus Finke

  28. maiillimi sagt:

    bitte fuer alemannischsprachige und plattunkundige uebersetzen.

  29. manfred petersmark sagt:

    (…)

    Kommentar gelöscht. Anm. Bronski

  30. manfred petersmark sagt:

    @ 28; Liebes maiillimi,

    ich habe auch nur soviel verstanden, daß es im Verlauf der Fluchtgeschichte um ein „Pisspot“, wohl um einen Nachttopf ging. Mehr nicht. Mein Kommentar dazu war dann doch wohl unpassend.

  31. G.Krause sagt:

    So ist nun mal die Sprache in Deutschland.
    Das hessische Gebabble versteht ein Norddeutscher auch nicht, also mal wieder Urlaub in Norddeutschland machen.
    Übrigens Bayrisch ist auch nicht viel besser.

  32. Rainer-W. Hoffmann sagt:

    Die norddeutsche Kleinstadt Bockenem war nicht sonderlich von Kriegsfolgen betroffen. Flüchtlinge wurden naturgemäß bevorzugt untergebracht, wo etwas leer stand und was eigentlich unbewohnbar war. Durch eine Verkettung netter Zufälle hatte ich Gelegenheit, Plätze von damals aufzusuchen und fand einiges schmuck und zeitgemäß, anderes nahezu unverändert schäbig vor. Die Fotos von 2013 zeigen sozusagen 1946 ff. in Farbe!
    Jeder Flüchtlingsfamilie wurde einer der abgebildeten Schuppen zugeteilt, die noch heute die Nummern von damals tragen. Meine Eltern hatten „irgendwie“ einen zweiten davon ergattert, den sie für einen Luxus der besonderen Art ausgebaut haben. Sie entflohen den Gemeinschaftstoiletten mit den anderen Flüchtlingen und bauten einen der Schuppen zum separaten Plumpsklo aus. Von schräg oberhalb schaute einen während des „Geschäfts“ öfter eine rötliche Ratte an. Neben den Kakerlaken in der Küche ist dies die wohl lebhafteste Ekel-Erinnerung aus der Kindheit.
    „Die“ Flüchtlinge waren übrigens keine einheitliche Gruppe, die als ein „Wir“, eine „Schicksalsgemeinschaft“, wahrgenommen wurde. Der Lokus-Luxus war auch Abgrenzung gegen „diese Leute“. Und dass ein Kind, ich, später mal aufs Gymnasium kommen würde, war wohl schon damals ausgemachte Sache. Meine Eltern waren einfach entschlossen, sich wieder „hochzuarbeiten“ und „es“ zu schaffen.
    In dem zweiten Schuppen wurde ein Haustier gehalten, das mit eiserner Logik den Weg vom Spielkameraden (das Schweinchen „Putscher“) zur Bereicherung des Speisezettels zu durchlaufen hatte. Aus Kindersicht war dieser Weg sehr ambivalent: das Zicklein akzeptierte mich als Chef und wich ständig meckernd nicht von meiner Seite. Ich war froh, als es weg kam.
    Um Etagen höher in der Erinnerungshierarchie stehen allerdings die Erfahrungen von Zuwendung und Aufnahme der „Neubürger“ durch die Alteingesessenen aus dem Blickwinkel des Jungen von damals. Die Grundschule mit der sprichwörtlichen Unvoreingenommenheit von Kindern war eindeutig die entscheidende Instanz für Prozesse, die heute unter „Integration“ und „Eingliederung“ laufen. Mitschüler Gerhard hat das Flüchtlingskind mit in VatersTischlerwerkstatt genommen, wo wir unter liebevoller Aufsicht sägen und schnitzen durften; ein Messer aus unglaublich hartem Eichenholz habe ich heute noch. Mit Klassenkamerad Henning habe ich in der elterlichen Gärtnerei gespielt. Auf Betonfußboden kniend haben wir gemeinsam darum gerungen, uns nach dem Vorbild von Westernhelden und Indianern abzuhärten und Männer zu werden.
    Dass alle von Haus aus die gleiche Sprache sprachen, war selbstverständlich: die Kinder untereinander, aber natürlich auch zwischen den Generationen. Diese Grundvoraussetzung fehlt heute oftmals, sie muss erst und unbedingt geschaffen werden.
    Wir Flüchtlinge waren damals auch auf Spenden angewiesen, und dass die Kaffeekanne woanders ausrangiert worden war, wurde nicht als Demütigung empfunden.
    Durch die allgemeine materielle Lage nach dem Krieg waren aber die Zwänge (zugleich Spielräume) zur Ertüchtigung durch eigene Leistungen ungleich größer als heute. Ein Ferkel oder Lamm aufziehen, einen Flecken Ackerland urbar machen, Beeren und Wildkräuter sammeln, den Rest eines Bäumchens zum Küchenquirl umarbeiten: all diese damals gängigen Dinge waren durch Not angetrieben, waren Teil eines Kampfes ums Überleben. Aber sie hatten auch den Aspekt von Tätigwerden, Lernen, sinnvollem Tun. Sie waren unfreiwillig, aber auch Beiträge zum Menschen als „homo faber“ und zum Leben als „vita activa“. Diese wichtigen Dimensionen fehlen im Flüchtlingsdasein von heute weitgehend, sollten aber gerade in der wohlhabenden Gesellschaft der Gegenwart gefördert werden. Die späteren Rückwirkungen können auch für die zunächst Gebenden nur positiv sein: wer als Kind in einer Atmosphäre von Warten, Bitten, Anstehen und Erdulden aufgewachsen ist, tut sich wahrscheinlich auch später schwer mit dem Entwickeln von Qualitäten und Qualifikationen, die für ihn selbst wie auch im Arbeitsleben und in der Zivilgesellschaft von heute unerlässlich sind.

  33. Bronski sagt:

    @ all

    Herzlichen Dank für diesen Strom an Input, wie man heutzutage dazu sagt. Ich hoffe, es kommt noch sehr, sehr viel mehr.

    Kurze Information: Ich habe begonnen, Ihre Beiträge archivarisch zu erfassen. Mittelfristig kann daraus ein umfangreiches Archiv von Ankunftsberichten werden, das auch Historikern als Quelle dienlich sein kann. Dieses Archiv soll wachsen.

    Meine Bitte an alle, die hier bisher Beiträge eingereicht haben: Überprüfen Sie die Einträge, die es dort von Ihnen bisher gibt, und senden Sie mir per Mail oder als Blog-Kommentar die Daten, die noch fehlen. Ich habe sie bisher, so wie mir dies möglich war, aus Ihren Kommentaren ausgelesen.

    Zu jedem Eintrag brauche ich: Geburtsjahr, Geburtsort bzw. Ort, an dem die Flucht / Vertreibung begann sowie Ankunftsort in der Aufnahmegesellschaft. Damit ist nicht unbedingt der erste Ort gemeint, an dem Sie sich eine Weile aufgehalten haben, sondern der erste Ort, an dem es möglich war, Wurzeln zu schlagen. Die Stationen dorthin sollen trotzdem dokumentiert werden, aber das geschieht ja bereits in Ihren Berichten und Kommentaren.

    Ich ziehe dieses Archiv „Ankunft nach Flucht“ zunächst hier im FR-Blog auf und habe eine provisorische Startseite angelegt, die immer oben im FR-Blog stehen wird. Das eigentliche Archiv erreicht man über einen Link auf dieser Startseite.

    Hier geht es direkt zum Archiv.

    Noch eine Info: Die Bitte bzw. das Angebot, Geschichten, Berichte, Erzählungen beizusteuern, beschränkt sich selbstverständlich nicht auf FR-Leserinnen und -Leser bzw. Abonnenten. Erzählen Sie in Ihrem Umfeld von unserem Projekt, ermuntern Sie Freunde und Bekannte, etwas dazu beizusteuern. Jeder Beitrag ist willkommen, und alle Beiträge werden hier im FR-Blog veröffentlicht. Für die Print-FR muss ich selbstverständlich eine Auswahl treffen, aber das gelingt mir hoffentlich auf eine Weise, die einen Besuch im „Ankunft nach Flucht“-Archiv interessant macht.

    Herzlichen Dank Ihnen allen!

  34. Bessarabiendeutscher sagt:

    Nebenbei gesagt: Als Student der Sozialwissenschaften besuchte ich etliche von Prof. em. Dr. Rainer-W. Hoffmann an der Georg-August-Universität in Göttingen veranstaltete Seminare. Dessen Betonung der Sprache als eine der zu erfüllenden Grundvoraussetzungen trifft insbesondere auf meine Großeltern zu. Um in den naturwüchsig äußerst heterogen verfassten Gemeinwesen Bessarabiens bestehen zu können, war unabdingbar, sich außer auf Deutsch auch auf Rumänisch, Russisch und in Teilen auch auf Französisch verständigen zu können.