Der Antisemitismus-Vorwurf als ideologische Waffe

Wenn Christian Bommarius einen Leitartikel zum Thema Antisemitismus schreibt, dann gibt es was zu knabbern. „Unter dem Deckmantel einer juristischen Frage werden antisemitische Affekte erkennbar“, schrieb er im Jahr 2012 in seinem Leitartikel „Das Recht zur Beschneidung„, in dem er (verkürzt gesagt) das Recht der Eltern auf freie Ausübung ihrer Religion gegen das Recht von Menschen – in diesem Fall Säuglingen, Kinder dieser Eltern – auf körperliche Unversehrtheit ins Feld führte. Das hieß also: Wenn man für ein menschliches Grundrecht eintritt, kann das einen antisemitischen Hintergrund haben. Oder? Nicht wahr? Ist nicht so ganz einfach.

Jetzt hat Christian Bommarius ähnlich plakativ erneut einen Leitartikel geschrieben, der davon handelt, dass Antisemitismus in Deutschland „kein Import“ sei, sondern Tradition habe.  Zum Beleg recouriert er auf gewisse sonderbare Allianzen, die es in Deutschland mittlerweile gibt und die als „Querfront“ bezeichnet werden. Sehr linke und sehr rechte Strömungen im politischen Spektrum finden zueinander, ideologische Grenzen weichen auf. Ein bekannter Querfrontist ist beispielsweise Ken Jebsen, ein Verschwörungstheoretiker, der unter anderem in seinem Monolog „Zionistischer Rassismus“ behauptet hat, die USA und die Massenmedien seien von den Zionisten unterwandert. Diese „mediale Massenvernichtungswaffe“ helfe, „dass wir seit über 40 Jahren die Fresse halten, wenn im Auftrage des Staates Israel Menschen in Massen vernichtet werden“ (zitiert nach Wikipedia). Antisemitismus at it’s worst, möchte man da sagen und allen seriösen Politikern dazu raten, auf Distanz zu diesem Mann zu achten.

Das wollen allerdings nicht alle beherzigen. Namentlich: Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke von der Linkspartei. Sie protestierten, als die Verleihung des „Kölner Karls-Preises“ an Jebsen im Berliner Kino „Babylon“ abgesagt wurde, nachdem der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sich entsetzt gezeigt hatte, „dass ein Kulturort in Berlin diesem Jahrmarkt der Verschwörungsgläubigen und Alu-Hüte eine Bühne bietet“. Dahinter steht ein Beschluss des Parteivorstandes der Linken von 2014, der sich von allen Aktivitäten von Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten distanziert, die die Sorge vor Krieg und Eskalation zum Anlass nehmen, Querfront-Strategien salonfähig zu machen. „Die Linke wird mit diesen Kräften ganz grundsätzlich nicht zusammenarbeiten.“ Und dahinter steht wiederum eine Erkenntnis: Es wurde aus der Geschichte gelernt. Schon einmal hat sich in Deutschland eine Querfront gebildet, um Strategien des Nationalismus und des Sozailismus miteinander zu verbinden. Sie war Wegbereiterin des Nationalsozialismus. Kann jede/-r selbst nachlesen in diesem informativen Wikipedia-Artikel.

Die Linke wird mit diesen Kräften also nicht zusammenarbeiten? Einzelne Linke wollten doch. Das gab nicht nur Krach mit dem Kultursenator, sondern auch in der Partei. Erstens. Und dann kam Christian Bommarius und schrieb unter anderem:

„Solange Figuren wie Diether Dehm glauben bestimmen zu können, was Antisemitismus ist, hat der Antisemitismus in Deutschland keinen Widerstand zu fürchten. Und so lange ist auch Kritik an der israelischen Regierung kaum möglich, ohne in den Verdacht zu geraten, Antisemit zu sein. Denn ,Israelkritik‘ ist die bevorzugte Maskerade der Antisemiten vom Schlage Dehms.“

Dagegen protestierte der Parteivorstand der Linken in einer Mail an die Redaktion, die wohl nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Dies geschah aber, und man ruderte zurück: Klaus Lederer nannte die E-Mail bei Twitter „grotesk“. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow warf Dehm eine „Verharmlosung“ des Antisemitismus vor. Dehm ist bei den Linken eine sehr umstrittene Figur. Mehr dazu in den oben bereits gegebenen Links.

Balken 4Leserbriefe

Kathrin Otte aus Amelinghausen mein:

„Mit Erschrecken habe ich den Artikel von Christian Bommarius vom 13.012.17 in der FR gelesen. Zum einen fürchtet man sich angesichts einer Einschätzung von ca. 30 % antisemitischer Haltungen in der Bevölkerung und ca. 400 untergetauchten mit Haftbefehl gesuchten Neonazis vor den furchtbaren Gefahren, die uns allen noch aus unserer deutschen Geschichte in den Knochen stecken. Dass diese eine akute und zukünftige Gefahr darstellen, ist niemandem verborgen geblieben, der die NSU-Hintergründe genauer verfolgt hat.
Umso mehr erschreckt, dass Herr Bommarius offenbar mit wohligem Schauern eine völlig abstruse neue Verschwörungstheorie ausmacht: kleine Teile der LINKEN erlauben sich noch Kritik an Israels Umgang mit den Palästinensern und schon schnappt die Falle zu: Nazis und LINKE sollen mal wieder ein und dasselbe Abscheuliche sein! Eine Grundvoraussetzung des Links-Seins ist es, zutiefst den Widerstand gegen die Menschenverachtung in jeglicher Form des (Nützlichkeits-)Rassismus und des Antisemitismus verinnerlicht zu haben. Wer glaubt denn ernsthaft, dass der hier so beschuldigte Dieter Dehm aus einer Opferfamilie des Nazi-Regimes entstammend mit seiner Position: „Im rechtstaatlichen Sinne: Antisemitismus ist also immer entweder Vorbereitung oder nachträgliche Rechtfertigung des Massenmords. Es gibt also keinen „Antisemitismus light“!“ da irgendeiner rechten Gesinnung das Wort redet? Diether Dehm verstehe ich in diesem Sinn: Wer heute Judenhass vertritt, tut dies trotz der historischen Tatsache des Holocausts.
Wem nützt diese durchsichtige fatale Bezichtigung der DIE LINKE. und der Linken? Die Antwort gebührt Moshe Zuckermann in dem Vorwort zum Buch „Die Antisemitenmacher“: „Müßig ist es aber deshalb, dies Selbstverständliche immer wieder hervorzuheben, weil der Antisemitismus-Vorwurf längst schon zur ideologischen Waffe verkommen ist, mit der jegliche Kritik an Israel entschärft werden soll, wenn sie ans Eingemachte geht: an die nicht mehr von der Gesamtausrichtung des zionistischen Staates zu trennende Politik, welche nicht nur das an den Palästinensern begangene historische Unrecht perpetuiert, sondern den zionistischen Staat selbst in den historischen Abgrund treibt.“
Dass die FR einer solchen Demagogie Raum bietet und damit dem Kampf gegen Antisemitismus einen Bärendienst erweist enttäuscht mich zutiefst.“

Gunther Hullmann aus Osnabrück

„Die Kommentare zur neuerlichen ‚Judenfeindlichkeit‘ veranlassen mich, Ihnen zu schreiben. Mit einem der Wirklichkeit nicht angemessenem Wort, ruft ein einziger Politiker Idiotisches ‚in den Wald‘. Und die Idioten lassen es herausschallen! Vorneweg Herr Netanjahu, dann die sich verteidigen müssenden Betroffenen und deren Sympathisanten. Wie wäre es gewesen, wenn der führende Politiker Israels der Lage seines Volkes angemessen, gesagt hätte: ‚Nein, die Anerkenntnis Jerusalems als Hauptstadt Israels kommt nicht in Betracht! Erst wenn wir mit den Palästinensern eine Einigung erreicht haben.‘ Wie wäre wohl das Ansehen Israels verändert worden und wieviel ruhiger hätten die jüdischen Menschen hier ihr Chanukka feiern können?
Unsere führenden Politiker fallen ein weiteres Mal auf die Destabilisierungen Amerikas herein. Diese reihen sich beobachtbar seit dem 11.09.2001 aneinander.
Übrigens, der Kampf gegen den Terror ist für die Waffenindustrie hervorragend; dieser Kampf ist nämlich unendlich, jeder Krieg ist Äleider‘ irgendwann zu Ende.
Ich sehe weiteren destabilisierenden ‚Rufen in den Wald‘ entgegen.“

Ursula Stevens-Kimpel aus Leer:

„Der Artikel von Christian Bommarius beleidigt mein Rechtsempfinden, weil er mit Unterstellungen arbeitet, z.B. indem er Menschen, die er als ’sog.linke ‚Israelkritiker“ bezeichnet, als Propagandisten für ‚Juden ins Gas‘ beschreibt und unterstellt, Israel-Kritik entspringe einem ‚Hass auf Juden‘.
Bei allen Linken, die ich kenne, liegt der kritischen Sicht auf Israels Politik nicht der Hass, sondern die Sorge um Menschen jüdischer Herkunft, bzw. jüdischer Denomination zugrunde. Nicht nur Antisemitismus sondern auch Philosemitismus und Humanismus sind deutsche Traditionen. Sowohl Diether Dehm als auch Ken Jepsen werden in diesem Artikel diffamiert.“

Diskussion: frblog.de/dehm

49 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Diether Dehm ist ein notorischer Querulant. Das führt dazu, dass die politischen Forderungen, die seine Unterstützung finden, mit Recht in den Verdacht des Unseriösen und Unsäglichen geraten. Wenn einige seiner Freunde in der LINKEN das nicht verstehen, belegt dies den Verdacht, dass Teile dieser Partei der Pubertät noch nicht entwachsen sind. Denn Diether Dehm denkt nicht, wägt nicht ab, nein, er schlägt verbal zu. Das erklärt auch seine Sympathie für einen anderen Halbstarken, den Querfront-Ideologen Ken Jebsen.

    All das könnte man als Marginalie des politischen Alltags abtun, würde Dehms Bildungs- und Moraldefizit nicht auch mit der Frage verbunden sein, was Antisemitismus ist und ob dieser Vorwurf nicht allzu leicht instrumentalisiert wird. Beispielsweise dann, wenn Kritik am Staat Israel bereits als Antisemitismus gilt.

    Christian Bommarius hat in seinem Leitartikel leider nicht zur Klärung dieser Problematik beigetragen. Denn seine Erkenntnis, dass Antisemitismus in Deutschland eine Tradition besitzt, gehört in die Sparte Binsenweisheiten und hilft nicht weiter. Ja, er verdeckt sogar den Umfang und die Qualität des Dialogs, den Juden einerseits und Christen bzw. Religionslose andererseits seit Kant und Lessing geführt haben und trotz Drittem Reich noch führen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das in Deutschland einst tonangebende liberale (reformierte) Judentum kaum noch existiert. Es wurde ermordet bzw. vertrieben und die Nachkommen der Vertriebenen haben hier selten wieder Fuß gefasst. Deswegen fehlen hierzulande jüdische Stimmen, die sich dem Scheinkonflikt („Israelkritik ist die bevorzugte Maskerade der Antisemiten“ so Christian Bommarius) entziehen.

    Der liberale Rabbiner Leo Baeck, während der 1920er Jahre der führende jüdische Geistliche in Deutschland, der das KZ Theresienstadt überlebte und danach in London lebte und dort auch starb, verfasste im Jahr 1905 ein Buch, das als Antwort auf eine Sammlung von Vorlesungen des evangelischen Theologen Adolf von Harnack gedacht war. Diese Vorlesungen, die den Titel trugen „Das Wesen des Christentums“, trieften von traditionellem christlichem Anti-Judaismus. Harnack verfasste übrigens 1914 den Kriegsaufruf Kaiser Wilhelms II.

    Leo Baeck hielt diesem akademischen Antisemitismus seine Schrift „Das Wesen des Judentums“ entgegen. Darin äußert er seine Überzeugung, dass die Juden von allen demokratischen Prozessen in der Gesellschaft profitiert hätten. Selbst dann, wenn diese gar nicht explizit der jüdischen Bevölkerung gegolten hätten. Im Schlusskapitel des Buchs schrieb er:

    „Wo immer die Wahrheit gesiegt hat, die Gerechtigkeit bestehen durfte, dort hat das Judentum seine Wohlfahrt, das Verständnis und die Anerkennung gefunden. Wo das Gefühl für Menschlichkeit und Sittlichkeit lebendig zu werden begann, dort konnte die Gemeinde Atem holen. […] Die Herrscher und Staatsmänner und die Völker, die für die wahre Kultur gearbeitet haben, sie waren, ob sie es wollten oder nicht, die Verteidiger und Wohltäter der Juden. Wer je für den Fortschritt der Gesittung einstand, ist, bewusst oder unbewusst, für uns eingetreten. Wenn wir die Sicherheit und das freie Dasein des Judentums verlangen, wir brauchen dann nichts anderes zu fordern als die Wahrheit und die Geradheit im Lande. Eine bessere Rechtfertigung gibt es nicht. Um es mit einem Worte Rankes zu sagen: »Das Größte, was dem Menschen begegnen kann, ist es wohl, in der eigenen Sache die allgemeine zu verteidigen«.“

    Das kann man heutzutage so deuten, dass die Kritik an Vorgängen in Israel, die aus deutscher und westeuropäischer Perspektive gegen den Geist der Demokratie verstoßen, keine Diffamierung des Judentums ist, mithin also kein Antisemitismus. Wer die Menschenrechte hierzulande und woanders verteidigt, verteidigt auch die Rechte des jüdischen Volks und stabilisiert die Demokratie in Israel, die grundsätzlich allen derzeitigen palästinischen und islamischen Herrschaftsformen eindeutig vorzuziehen ist.

  2. Derk-Olaf Steggewentz sagt:

    Recht hat er mit der Überschrift – wir hatten sowohl was viele Konzerne und Banken betrifft als auch beim Führungspersonal in Politik und Gesellschaft eher einen fließenden Übergang vom Faschismus in die BRD als einen Bruch. Und als Folge davon einen verqueren und kaum reflektierten Umgang mit Antisemitismus. Schade, dass Herr Bommarius nicht die Gelegenheit nutzt, sich reflektierend und differenziert mit dem Thema auseinanderzusetzen. Seine Dehmonen treiben ihn zu einer Hassparade, die nahe legt, er sei einer von den Parteifreunden (in diesem Fall Genossen), die Feinde überflüssig machen. Das bringt nichts außer Verdruss.
    Ich will zumindest mal den Versuch machen, das Thema etwas inhaltlicher, aber auch persönlich anzugehen. Als Kind der frühen 50er, wahrscheinlich ein Altersgenosse des Autors und seines Dehmonen, bin ich aufgewachsen mit einem 10-kleine-Negerlein-Wandbehang und dem Tagebuch der Anne Frank im Bücherregal. Ein Schamgefühl wegen der deutschen Vergangenheit, wachsendes Mitgefühl/Mitleid, den Begriff Solidarität kannte ich damals noch nicht, mit Juden, Indianern und Negern, wie wir sie damals nannten, bestimmte mein Denken und Fühlen – und trotzdem war ich nicht frei von rassistischen Ressentiments. Der Weg zu meiner heutigen Einstellung war lang, manchmal mühselig und auch mal von peinlicher Erkenntnis geprägt. Ich sehe mich heute als Antifaschist, Antirassist, als Linken und demokratischen Europäer deutscher Herkunft, als Christ.
    Soweit in viel zu wenigen Zeilen, aber etwas anderes ist mir sehr wichtig: wir sollten ernsthaft reden über das Verhältnis Juden/Israel, über muslimische Jugendliche, auch miteinander.
    Ich will das an einigen Beispielen deutlich machen:
    Auf einer Demonstration, an der die Jüdische Gemeinde teilnahm, hielt ein Mensch ein Plakat hoch mit der Aufschrift „Holocaust Gaza“ – ich bin hingegangen und habe ihn gebeten dies Plakat herab zu nehmen. In einem kurzen Gespräch erläuterte er mir, warum es seinen Gefühlen entspricht, und ich erklärte ihm, warum der Begriff Holocaust in diesem Zusammenhang die anwesenden jüdischen MitbürgerInnen zutiefst schmerzt. Er hat das Plakat herab genommen.
    Ich habe mich aus einer Demonstration entfernt, als dort Plakate auftauchten mit dem Text „Kauft keine Waren aus Israel“. Die Folgediskussion wurde richtig lebhaft, als ich berichtete mich an der Boykott-Aktion „Kauft keine Früchte der Apartheit“ beteiligt zu haben. Ich habe versucht klar zu machen, dass bei mir, als älterem Deutschen, sofort die Association „Kauft nicht bei Juden“ im Kopf ist, da kann und will ich nicht mitmachen. Später erst ist mit klar geworden, dass im dem Moment bei mir auch die unselige Gleichsetzung Juden=Israel stattfand.
    Diese Gleichsetzung ist falsch und hat schreckliche Wirkung, sie erspart aber die mühselige Auseinandersetzung damit, dass ich sowohl für das Existenzrecht Israels bin als auch die derzeitige Regierung und Politik ganz entsetzlich finde. Leider ist diese Gleichsetzung so einfach und wohl deswegen sowohl bei Antisemiten als auch bei Anti-Antisemiten gleichermaßen beliebt und verbreitet – sie ist aber nicht nur dumm, sondern auch gefährlich.
    Als Lehrer für Ethik und Politik muss ich fast täglich gegen diese Dummheit ankämpfen, versuchen zu einer differenzierenden Sichtweise anzuregen – das ist schwer … und wird durch solche Artikel konterkariert. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ich froh bin, dass meine SchülerInnen kaum Zeitung lesen.
    Mein Traum ist es, dass sich Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen, Muslime und Muslima gemeinsam hinsetzen, ihre religiösen Texte lesen und diskutieren und erkennen, wie sehr ihre Werte sich ähneln – und dann gemeinsam überlegen, wie sie als Gläubige die fortschrittlichen Kräfte unterstützen können beim Kampf für Gerechtigkeit, für Frieden und gegen den Klimawandel.

  3. JaM sagt:

    @ Kathrin Otte
    Leider hat Bronski in seiner Einleitung die pdf-Version des Leitartikels von Christian Bommarius nicht verlinkt. Trotzdem glaube ich zu erkennen, dass er einen Unterschied zwischen Kritik an Israels Politik (die sich an Fakten orientiert und konkrete Kritikpunkte benennt) und „Israelkritik“ (die sich generalisierend und einseitig gegen Israel richtet und daher oft in Antisemitismus abgleitet) macht. Auf solche Differenzierung lassen Sie sich aber nicht ein. Sie pervertiert die ohnehin missverständliche und durch die innerisraelische Diskussion geprägte Aussage von Moshe Zimmermann, wonach „der Antisemitismus-Vorwurf längst schon zur ideologischen Waffe verkommen ist“, wenn sie damit auch den Judenhasser und Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen und seine Unterstützer bei den Linken vom Vorwurf des Antisemitismus exkulpieren.

    @ Klaus Philipp Mertens
    Auch Sie ignorieren den Unterschied zwischen Kritik an Israel und „Israelkritik“, wenn Sie behaupten, dass „Kritik am Staat Israel bereits als Antisemitismus gilt“. Was in diesem Zusammenhang Ihr Verweis auf das liberale Judentum (das nicht „reformiert“ ist, sondern in England und in Nordamerika als Reformjudentum oder auch als progressives Judentum bezeichnet wird) und Ihre wortreiche Berufung auf Rabbiner Leo Baeck klären sollen, verstehe ich nicht. Wenn Baeck, der sich immer auch als Zionist verstanden hat, die Bedeutung der Demokratie für das Wohlergehen der Juden betont, so spricht er nicht nur für die liberalen, sondern auch für die orthodoxen Juden in dem damaligen Deutschland. Ähnliches hat nämlich auch der Begründer der modernen Orthodoxie Rabbiner Samson Raphael Hirsch formuliert. Baeck hat sein Buch nicht zufällig „Das Wesen des Judentums“ und nicht „Das Wesen des liberalen Judentums“ benannt. Im Übrigen sind Sie falsch informiert: Das liberale Judentum ist inzwischen wieder auch in Deutschland mit rund 25 jüdischen Gemeinden und dem Rabbinerseminar Abraham-Geiger-Kolleg stark präsent und durch die Union progressiver Juden repräsentiert, die ihrerseits Teil der von Leo Baeck 1926 mitgegründeten World Union for Progressive Judaisme ist. Als regelmäßiger Teilnehmer deren Konferenzen in Israel und Europa kann ich Ihnen versichern, dass dort zwar kritisch über die israelische Politik diskutiert wird, aber Einigkeit über die gefährliche Entwicklung des israelbezogenen Antisemitismus besteht.

    @ Derk-Olaf Steggewentz
    „Mein Traum ist es, dass sich Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen, Muslime und Muslima gemeinsam hinsetzen, ihre religiösen Texte lesen und diskutieren und erkennen, wie sehr ihre Werte sich ähneln – und dann gemeinsam überlegen, wie sie als Gläubige die fortschrittlichen Kräfte unterstützen können beim Kampf für Gerechtigkeit, für Frieden und gegen den Klimawandel.“ Dies ist kein Traum, sondern längst (von den Medien leider nur selten zur Kenntnis genommene) Realität in Deutschland, Europa und auch in Israel. Allein mit dem interreligiösen Gespräch lassen sich aber weder Antisemitismus noch reale politische Probleme aus der Welt schaffen.

  4. Geht’s noch? Verstärkte Kriegsgefahr an der (künftigen) Ostfront dank USA, Nato, EU, Polen und… Deutschland; deutsche Soldaten und Panzer an der Westgrenze (Weiß-)Rußlands. Wie gehabt?
    Und über was lamentiert die Frankfurter Rundschau unisono mit der freien Presse in unserem Lande? Über vorgeblichen und in kleinen Teilen wohl ahnbaren Antisemitismus. Warum? Israelische Flagge „geschändet“, Mensch mit Kippa schief angesehen, zornige Parolen gegen das hochgerüstete Besatzerland Israel geschleudert, das in seiner Existenz noch nie gefährdet war.
    Doch was passiert in Israel, im seit 1967 okkupierten Westjordanland, in Gaza und in Ostjerusalem? Trotz Dutzender UNO-Resolutionen? Grausame Besatzung, Schändung der Menschenrechte, Tausende Tote, Zehntausende Verletzte und zerstörte Häuser, Hunderttausende gestohlene Quadratmeter Land wie Olivenbäume: planmäßig zerstörte Infrastruktur, eine nahezu vernichtete palästinensische Gesellschaft, keine Hoffnung auf ein freies Palästina (neben einem freien Israel, selbstverständlich).
    Der Staat Israel betätigt sich seit mehr als 50 Jahren, auch länger als seit 1947 (die bis dahin eingewanderten gewaltbereiten Zionisten), als gewalttätiger Alleinherrscher über fremdes Land, über fremde Menschen – und hat die Chuzpe, sich als Opfer hinzustellen, das beweint werden will, ja muß. Von allen anderen Staaten, Menschen und Gesellschaften. Die Israelisierung der Politik. Das ist Leistung.
    Ich denke da in aller Bescheidenheit immer wieder mal, was würden die großartigen Menschen und Denker, die das Judentum (vor den Nazis) gerade in Deutschland hervorgebracht hat, ob dieser Schandtaten denken? Nein, Ihr Juden von heute, ich möchte mit Euch nicht tauschen. Gerade weil mir bewußt ist, daß Ihr auch zu großen Leistungen in der Lage seit. Und die Philos sollten es mal wieder mit Schweigen versuchen…
    Was ich mir wünsche: zwei freie demokratische Staaten Israel und Palästina nebeneinander, friedlich und der Zukunft zugewandt. Undenkbar? Wenn der religiöse Hochmut erst einmal überwunden ist…

  5. Jürgen Malyssek sagt:

    Ich finde es inzwischen etwas müßig, wenn die Frage nach der Kritik an Israel immer noch nicht die Abgrenzung zum Antisemitismus deutlich genug gemacht hat und stattdessen das Thema links- und rechtsherum gedreht und ständig wiederholt wird.
    Ich denke, dass ein Großteil der bisherigen Beiträge diesen Unterschied wohl haben klar machen können.
    Man muss auch nicht die verschiedenen historischen Ereignisse vor und nach der Staatsgründung Israels alle aufzählen, um der Frage Herr zu werden. Soviel Selbstbewußtsein sollte sein, das Eine von dem Anderen auch trennen zu können. Sonst ist Moshe Zimmermann nur beizupflichten (s.o. JaM, 23.12.), dass „der Antisemitismus-Vorwurf längst zur ideologischen Waffe verkommen ist“.
    Wer sich mit dem Antisemitismus auseinandersetzen will – was wichtig und sinnvoll ist -, der tue das (aktuelle Gründe dafür gibt es genug).
    Aber die Auseinandersetzung mit der reaktionär belasteten Politik Israels sollte denn auch sich auf das beziehen, was sie ausmacht: Besatzung, Siedlungsbau, Landraub, Häuserzerstörungen (Demages), Gewalt, Verhaftungen, Völkerrechtsverletzungen usw. und jetzt noch die unabsehbaren Folgen der Jerusalem-Entscheidung von diesem dilettantischen US-Präsidenten.

    Eines dürfte klar sein, solange Netanjahu regiert, wird sich nichts zum Besseren wenden.

    Ich teile vieles vom dem, was Gunther Hullmann (Leserbrief) oder Herbert Steffens (Kommentar) gesagt haben, über das Ansehen Israels und die Destabilisierungspolitik Amerikas sowie das, was nach 1967 im okkupierten Westjordanland, im Gaza und in Ost-Jersusalem passiert ist (Zerstörung, Gewalt …).
    Israel braucht den internationalen Druck, braucht die Kritik von aussen, auch von Deutschland. Die Existenzberechtigung Israels steht für mich nicht zur Debatte, aber es muss sich noch verdammt viel ändern im Staate Israel, damit man vielleicht wieder freundlicher auf dieses Land blicken kann.
    Die wieder stärker aufkommende bzw. stärker zutage tretende Judenfeindlichkeit, die hat (deutsche und europäische)tiefliegende Wurzeln.

    Die berechtigte – auch harte – Kritik an Israel und seiner teils fatalen Politik sollte tunlichst von erstgenanntem getrennt werden.

  6. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 27. Dezember 2017 um 15:38

    „Ich finde es inzwischen etwas müßig, wenn die Frage nach der Kritik an Israel immer noch nicht die Abgrenzung zum Antisemitismus deutlich genug gemacht hat.“
    „Die berechtigte – auch harte – Kritik an Israel und seiner teils fatalen Politik sollte tunlichst von erstgenanntem (Antisemitismus) getrennt werden.“

    Lieber Herr Malyssek,
    wem es ernsthaft um Verteidigung von Menschenrechten geht, eben auch für Palästinenser, bei dem rennen Sie mit solchen Äußerungen offene Türen ein.
    Aber verstehe ich Sie recht: Meinen Sie wirklich, dies liege in Ihrer oder meiner Hand? Sie würden, wenn Sie die „Existenzberechtigung Israels“ betonen (was ich für eine Selbstverständlichkeit halte), schon dem „Antisemitismus“-Verdacht entkommen?
    Ich glaube das nicht. Es wird Ihnen auch nichts nützen, wenn Sie (was natürlich richtig ist), wirklichen Antisemitismus (etwa einen in Deutschland lebenden Juden für die menschenverachtende Politik eines Netanjahu verantwortlich zu machen) als ernst zu nehmende Gefahr bezeichnen.
    Denn ob Sie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, hängt nicht davon ab, wie differenziert Sie sich ausdrücken, sondern von politischen Bedingungen, die sich Ihrem und meinem Einfluss entziehen.
    Dazu einige Hinweise, die ich als Verdachtsmomente und nicht als Wahrheitsanspruch verstanden haben will.

    (1) Methode Bommarius:
    Bronski hat am Ende der Einführung auf eine entscheidende Stelle seines Pamphlets verwiesen (als Leitartikel kann ich das nicht gelten lassen).
    „Solange Figuren wie Dehm glauben bestimmen zu können, was Antisemitismus ist, hat der Antisemitismus in Deutschland keinen Widerstand zu fürchten. So lange ist auch Kritik an der israelischen Regierung kaum möglich, ohne in den Verdacht zu geraten, Antisemit zu sein. „Israelkritik“ ist eine Maskerade der Antisemiten vom Schlage Dehms.“
    (http://www.fr.de/politik/meinung/leitartikel/querfront-antisemitismus-ist-eine-deutsche-tradition-a-1406646)
    Methode: Da wird ein auch in der Linkspartei höchst umstrittener Ideologe (den ich noch nicht einmal kannte) nicht nur zum Antisemitismus-Experten aufgebauscht, sondern auch zu einem, der in Deutschland zu bestimmen hat, wo’s lang geht. Und wozu das Ganze? Der 2. Satz gibt Auskunft. In normales Deutsch übersetzt heißt der: „Hüte dich, an Israel Kritik zu üben, denn du weißt, was dir blüht.“
    Die Schuld freilich tragen – nach Bommarius – nicht diejenigen, die mit dem „Antisemitismus“-Vorwurf um sich werfen. Dazu wird vielmehr ein Buhmann aus der Mottenkiste geholt.
    Damit aber nicht genug.
    Der Buhmann wird, als Schlussfolgerung, (ohne Beleg, versteht sich) nicht nur extrem verallgemeinert, sondern gleich rückwirkend auf die Geschichte projiziert:
    „Schon immer hat er (der Antisemitismus) auf deutschem Boden und im Bewusstsein vieler Deutscher eine sichere Heimstatt gefunden. Er ist eine deutsche Tradition.“
    Eine „deutsche Tradition“, aus der sich Herr Bommarius (Ist er kein Deutscher?) als selbsternannter Anti-Antisemitismus-Kämpfer wohlweislich ausnimmt: Angriff ist die beste Verteidigung.
    Anders freilich bei Menschen wie Sie und ich, die nicht bereit sind, sich von vornherein in einen bestimmten politischen Zweck einzufügen (dazu unter 3).

    (2) Beschwichtigungsmethode:
    Da wird ein JaM – mit viel Eloquenz und, unbestritten, einigem Wissen – hier im Blog nicht müde, zu beteuern, wie viel Regierungskritik doch in Israel anzutreffen sei, ohne dass damit der Vorwurf des „Antisemitismus“ verbunden sei. Woraus wohl zu schließen wäre, dass es an der Unangemessenheit der Kritik liegen muss, wenn dieser Vorwurf erhoben wird.
    Wobei freilich die Frage vermieden wird, ob dieser Begriff für innerisraelische Diskussion überhaupt anwendbar sei. Also eine rein sophistische „Beweisführung“.
    Wichtiger die Feststellung, dass keine der Fragen auch nur im entferntesten in den Blick gerät, die sich einem, dem an der Unteilbarkeit von Menschenrechten liegt, aufdrängen: (um nur einige zu nennen). Warum denn diese „Kritik“ so folgenlos bleibt und so wenig davon nach außen dringt. Wie es denn möglich ist, dass in einem demokratischen Staat über Jahrzehnte massive Menschenrechtsverletzungen nicht nur geduldet werden, sondern zunehmend an der Tagesordnung sind. Warum denn bei Kritik von außen regelmäßig die „Antisemitismus“-Karte gezückt wird.
    Ob solche Weigerung, sich mit entscheidenden Fragen auseinander zu setzen, wohl etwas mit Ideologie zu tun hat?

    (3) Funktion des „Antisemitismus“-Vorwurfs:
    Herbert Steffes (27. Dezember 2017 um 10:34) wundert sich zu Recht, dass angesichts einer immer bedrohlicher werdenden weltpolitischen Situation immer neue „Antisemitismus“-Debatten angestimmt werden.
    Hier der Versuch einer Antwort. Nicht ohne den ausdrücklichen Hinweis, dass Auseinandersetzung mit menschenverachtendem Antisemitismus (die meinerseits ein ganzes Berufsleben bestimmt hat) auf wohl unabsehbare Zeit eine Daueraufgabe bleiben wird. Denn natürlich weiß ich, dass auch mir wieder das Wort im Mund herumgedreht werden wird.
    Bei der Beschneidungsdebatte 2012 (Bronski hat darauf verwiesen) wurde zum ersten Mal (von Herrn Bommarius explizit) Einsatz für ein Menschenrecht für Kinder (juristisch, medizinisch und anhand vieler Einzelfälle praktisch begründet) unmittelbar dem „Antisemitismus“-Verdacht ausgesetzt. Mit dem Ergebnis einer religiös begründeten gesetzlichen Sondergenehmigung für Körperverletzung. Was die Wirksamkeit dieses Verdachts belegt.
    Ende Mai 2017 wurden beim Besuch Trumps in Israel und an der „Klagemauer“ Eckpunkte von dessen neuer Israel-Politik mit Unterstützung von Netanjahus Besatzungspolitik erkennbar. Noch bevor eine differenzierte Einschätzung von dessen Folgen einsetzen konnte, wurde im Juni (natürlich von BILD) mit der unrechtmäßigen Veröffentlichung der „Dokumentation“ „Auserwählt und ausgegrenzt“ eine neue Antisemitismus-Debatte mit „Zensur“-Vorwürfen gegen ARTE und WDR vom Zaun gebrochen. Trumps und Netanjahus Israel-Pläne waren sogleich aus der Medienaufmerksamkeit verschwunden.
    Die neuerliche Antisemitismus-Debatte nun pünktlich zu Trumps Provokation bez. Jerusalem. Wieder steht nicht mehr die Provokation im Blickpunkt der Medien, dafür umso mehr (nach Bommarius) die „deutsche Tradition“ des Antisemitismus. –
    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

    Bedarf angesichts solcher Sachverhalte die Frage nach dem „cui bono“ noch einer tieferen Erörterung? Verwundert es, dass es dabei (wie es mir widerfahren ist) mit persönlichen Angriffen schon mal unter die Gürtellinie geht, wenn auch nur Bedenken etwas grundsätzlicher Art auftauchen?
    Zum Schluss nochmals die Eingangsfrage:
    Glauben Sie wirklich, dass angesichts solcher Zusammenhänge, eine sachbezogene, von der universalen Geltung von Menschenrechten geleitete Kritik an Israel (die nicht rein rhetorisch bleiben will) überhaupt möglich sei, ohne sich dem „Antisemitismus“-Verdacht auszusetzen? Was selbst ein Herr Bommarius verneint. Nur dass der eben nicht die wirklichen Akteure dabei benennt.

  7. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    ich habe Ihre Überlegungen aufmerksam gelesen und Ihre „Verdachtsmomente“ kann ich im Wesentlichen gut nachvollziehen.

    Um gleich zu Ihrer Ausgangs- und Schlussfrage zu kommen: Nein, natürlich liegt es nicht in meiner, in unserer Hand, für welche Absichten und als welche „ideologische Waffe“ der Antisemitismus-Vorwurf benutzt wird. Und ebenso wenig entkommt man dem Antisemitismus-Verdacht, selbst wenn ich die Existenzberechtigung Israels als klares Statement abgebe. Das habe ich ich ja selbst erfahren müssen. Sie haben da vollkommen recht. Wenn ich nur an die giftige Atmosphäre der denkwürdigen Frankfurter Veranstaltung (u.a. Jutta Ditfurth!) am 7. Juni denke (Israel: Kritik oder Antisemitismus …).

    „Denn ob Sie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, hängt nicht davon ab, wie differenziert Sie sich ausdrücken, sondern von politischen Bedingungen, die sich Ihrem und meinem Einfluss entziehen.“

    So sehe ich das auch und so durfte ich es zu spüren bekommen.
    Ich bin ja nicht größenwahnsinning zu glauben, dass ich das in der Hand hätte.
    Wollte nur eine Schneise schlagen in die hiesige Diskussion, aus der Komplexität heraus und das, was klar geworden ist, einfach festhalten. Weitere historische Diskurse schienen mir nicht notwendig, um das Eine von dem Anderen zu trennen. Und damit beides in die Aktualität stellen: Das, was die Kritik am Staat Israel rechtfertigt und das, was den neu oder wieder aufkommenden Antisemitismus in Deutschland, in Europa jetzt ausmacht.
    So sollte es rüberkommen.

    Zu (1)Methode Bommarius:
    Ich kann Ihnen absolut folgen und ich verstehe Christian Bommarius Argumentationsschiene auch nicht bzw. ich lese daraus einen handfesten Dogmatismus.
    Diether Dehm ist bei der Linken eine eigenwillige Persönlichkeit, den man zumindestens nicht in eine beliebige Schublade stecken kann. Man kann ihn kritisieren, aber nicht mit den Bildern des Judensterns auf Deutschlands Straßen und den Konzentrationslagern auffahren! Da baut Bommarius eine Dramaturgie auf, die überschnell Menschen mit eigener Meinung zum Antisemiten stempeln.

    Zu (2) Beschwichtigungsmethode:
    Warum bei Israel so vorsichtig mit seinen Verletzungen der Menschenrechte umgegangen wird und warum bei Kritik an Israel so schnell die „Antisemitismus“-Karte gezogen wird?

    Ich erahne es schon: Da spielt die lange Verfolgungsgeschichte der Juden bis zum schrecklichen Holocaust als kollektives schlechtes Gewissen eine Hauptrolle.

    Deutschland hat zwar mit seiner „Staatsräson“ und der „ewigen“ Freundschaft zu Israel einen richtigen Weg gefunden. Aber es hat bis heute nicht einen Ausweg gefunden, diese Freundschaft in einen kritisch-konstruktiven Dialog zu transformieren. Man traut sich einfach nicht.

    Stattdessen kann die USA federführend alle möglichen Taten und Untaten vollbringen und Israel bleibt beratungsresistent gegen Möglichkeiten der politischen Weiterentwicklung (ich verkenne nicht die heikle geopolitische Lage Israels, die das bekannte Bedrohungspotenzial birgt).

    Schert ein Politiker wie Sigmar Gabriel einmal aus, weil er erschrocken über die Zustände in dem geteilten Hebron ist, wird er zurückgepfiffen. Und alles bleibt wie es ist.

    Gunther Hullmann (Leserbrief) sprach ja von der Möglichkeit eines größeren Ansehens Israel, wenn es sich nicht total von Amerika abhängig machen würde – ich erwähnte es auch weiter oben.

    Zu (3) Funktion des „Antisemitismus“-Vorwurfs:

    Sicher wird die „Auseinandersetzung mit menschenverachtendem Antisemitismus auf wohl unabsehbare Zeit eine Daueraufgabe bleiben.“
    (Frage: Warum sollte Ihnen da wieder das Wort im Munde herumgedreht werden?)
    Genausowenig wird beispielsweise der Widerstand gegen die Beharrlichkeit von traditionellen Denkweisen im Umgang mit Obdachlosen, psychisch Kranken und anderen gesellschaftlichen Aussenseitern aufhören können. Wie die Asozialen- und Arbeitsscheuenfrage gestern wie heute in der dumpfen Geisteswelt der Hochmütigen und der Reaktionäre bleiben wird.

    Ja, die Beschneidungsdebatte und die religiös begründete gesetzliche Sondergenehmigung für Körperverletzung!

    Nach dem Besuch Trumps Ende Mai in Israel dachte ich zunächst, dass er würde weniger Schaden anrichten, aufgrund seiner platten Deal-Menatlität und seiner ausgesprochenen Feierlaune. Bis zur Jerusalem-Ankündigung konnte man noch darauf hoffen.

    Man kann schon die Frage stellen, warum die Antisemitismus-Debatte den größeren Raum einnimmt, denn die Folgen des Jerusalem-Affronts von Donald Trump?
    Richtig! Wem dient das?
    Ihre Schlussfrage habe ich anfangs versucht zu beantworten.
    Jetzt muss ich mich mal strecken gehen. War aber ein guter Dialog!

  8. Ist es nicht eine Zumutung ohnegleichen, daß wir uns immer wieder aufraffen lassen, über Semi-/Antisemitismus zu diskutieren? Kein anderes Land/Volk/Thema ist so eminent wichtig wie das Thema Juden/Israel. Und das bei all der ebenso verstockten wie hartnäckigen Bösartigkeit der Politik des heutigen Staates Israel. Ich erlaube mir immer wieder mal den kleinen Scherz mir vorzustellen, Israel würde in überschaubarer Zeit (also noch zu meiner Lebenszeit) Frieden machen mit den Palästinensern, Arabern, Iranern. Einfach so: keine Kriege mehr, keine Überfälle, keine Unterdrückungen, keine Rechthabereien unter Bezug auf alte Bücher… und ähnlichen Kokolores (jiddisch, ich weiß!). Wie anders sähe unser Bild von Israel aus – auch bei den „Palis“, den Arabern etc. – die ganze Luft wäre raus: Israel eine Macht des Friedens, hoch geschätzt und ebenso geachtet. Es gäbe in glaubhafter Zeit keinen Antisemitismus mehr, keine verbitterte Kritik an Israel: Israel würde ein Staat wie jeder andere, seine Bewohner, auch die Juden, Menschen wie alle anderen. Konstruktiv langweilig…
    Wir könnten fast eine neue Zeitrechnung beginnen, da nun Vernunft diesen Teil unserer Welt regiert. Unglaublich. Und „die“ Juden könnten/dürften/müßten(!) sich als ganz normale Leute begreifen. Nicht anders als andere, nicht wertvoller, aber mit vielen Erfahrungen (auch aus dem erlittenen Leid), zurückfindend zur Weisheit so vieler kluger jüdischen Menschen, von denen es gerade in Deutschland vor den Nazis so viele gegeben hat.

  9. Werner Engelmann sagt:

    @Jürgen Malyssek, 28. Dezember 2017 um 18:23

    Lieber Herr Malyssek,
    danke für Ihre eingehenden Ausführungen zu meinem Post. Ich kann Ihnen bestätigen, dass auch ich diesen Dialog für fruchtbar halte. (Leider, auch in diesem Blog, viel zu selten.)
    Zur Klarstellung: Natürlich wollte ich Ihnen in keiner Weise Naivität unterstellen. Es sollte nur ein Hinweis sein, dass man Ihre sicher richtige Bemerkung zur „müßigen“ Praxis der Vermischung von Israel-Kritik und „Antisemitismus“-Vorwurf, auch so lesen kann – so man denn will.
    Auf Ihre Frage nach gezielten Verdrehungen möchte ich nur getrennt und nicht im Zusammenhang des Folgenden eingehen. Ich halte es für nicht zielführend, wenn persönliche Verletzungen mit einer sachlichen Analyse vermischt werden.
    Nur eine Frage: Ihren Hinweis auf die „denkwürdige Frankfurter Veranstaltung (u.a. Jutta Ditfurth!) am 7. Juni“ kann ich in diesem Zusammenhang nicht nachvollziehen, da mir der entsprechende Kontext fehlt. Ich bedarf dahingehend also schon der Nachhilfe.

    Ich beschränke mich im Folgenden auf den in meinem Beitrag aufgeführten 3.Aspekt:
    Wie grundsätzlich, gilt auch in diesem Fall, dass man sich des Kontextes vergewissern muss, in dem bestimmte Diskurse stattfinden, wenn man zu einer richtigen Einschätzung des Inhalts wie der Funktion kommen will.
    Ich stimme Ihnen zu, dass zur Klärung der Berechtigung von Israel-Kritik „weitere historische Diskurse nicht notwendig“ erscheinen. Die können auch, vor allem, wenn sie selektiv erfolgen, mehr zur Verschleierung als zur Aufklärung beitragen. In dem Sinn, als diese z.B. auch herangezogen werden, um (im Extremfall) „biblische“ Ansprüche zu untermauern, mithin den Konflikt mehr anfeuern als ihn entschärfen.
    Und – selbst, wenn der gegenwärtige Konflikt sicher weitgehend auch historisch bedingt ist: Der Kern des Konflikts wird (wie mir scheint) so nicht getroffen. Der liegt vielmehr in sich immer neu aufschaukelnden Tendenzen zu Gewaltlösungen von beiden Seiten – Trumps Jerusalem-Provokation ist nur die derzeit letzte. In der grundsätzlich fehlenden Bereitschaft, im Interesse einer gemeinsamen Zukunft unter Verletzungen der Vergangenheit auch mal einen Schlussstrich zu ziehen, statt den Teufelskreis des gegenseitigen Hasses immer neu anzustacheln. Strategien der sturen Versteifung auf vermeintliche Rechtspositionen, welche der erfolgreichen Brandtschen Strategie des „Wandels durch Annäherung“ im Ost-West-Konflikt diametral entgegenstehen.

    Der „Antisemitismus“-Vorwurf gehört nun zum Instrumentarium ideologischer Kriegführung der einen Seite, die es zu analysieren gilt und auf die ich mich im Folgenden beschränke. Was nicht heißt, dass ich das Problematische der anderen (palästinensischen) Seite, ebenso wie die Existenz eines wirklichen Antisemitismus, verleugnen würde.

    Volle Zustimmung zu Ihrer Vermutung, dass „solange Netanjahu regiert, sich nichts zum Besseren wenden“ wird. Das Gleiche gilt für Trump. Was zugleich die Frage aufwirft, was denn die „Stärke“ von deren ideologischen, publizistischen (usw.) Hilfstruppen und die Hilflosigkeit demokratischer Gegenbewegungen, vorrangig in den USA und Israel ausmacht.
    Eine „Stärke“ freilich, die auch in deren Augen trügerisch ist. Denn die Demonstration der „Stärke“ beider Machthaber wird durch das Faktum konterkariert, dass beide ihr Land eben dadurch international in die Isolierung getrieben haben.
    Beide bedürfen also der ideologischen Hilfstruppen, welche die Spaltung ihres Landes vorantreiben, um so die Einsicht in ihre menschenfeindlichen Methoden zu verhindern und der Empörung darüber die Spitze zu brechen.

    In diesen Zusammenhang ordnet sich auch der „Antisemitismus-Vorwurf als ideologische Waffe“ ein.
    Auf Deutschland bezogen, ist dabei natürlich das Haus Axel Springer als Dritter im Bunde mit von der Partie.
    In meinem Beitrag (28. Dezember 2017 um 0:38) habe ich unter 3) auf die punktgenau zu Trump-Besuch in Israel und Ausweitung der Siedlungspolitik Netanjahus von BILD mit „Zensur“-Vorwürfen an WDR und ARTE vom Zaun gebrochene Antisemitismus-Debatte hingewiesen. Diese wie andere Vorgehensweisen erweisen die Kontinuität der Springer-Strategie in dieser Sache seit Jahrzehnten.

    Hierzu ein kurzer historischer Exkurs:
    Zum Selbstverständnis des Hauses gehört nach einer in den 70erJahren von Springer selbst in Auftrag gegebene „Psychoanalyse der BILD-Zeitung“, sich selbst (bzw. BILD) die „Über-Ich“-Funktion gegenüber einer unmündigen Bevölkerung zuzuschreiben. Man könnte diese Art eines vordemokratischen Verständnisses auch mit Orbans Wort von der „gelenkten Demokratie“ umschreiben.
    Diese Strategie wird untermauert durch eine Art doppelte Taktik. Einerseits wird gegen alle dem Hause Unliebsamen, insbesondere gegen Fremde, gehetzt, was das Zeug nur hält. Andererseits wird der Schein der Dialogbereitschaft, z.B. durch speziell ausgebildete Vertreter, aufrecht erhalten. Ich konnte dies in den 80er Jahren bei 2 Besuchen mit Oberstufenklassen im Haus Springer selbst beobachten. Putzig zu sehen, wie da, nachdem die erwarteten kritischen Fragen ausblieben, von dem Springer-Vertreter (rhetorisch durchaus geschickt) das eigene Haus als Buhmann aufgebaut wurde, um diesen anschließend genüsslich auseinander zu nehmen.
    Entscheidend in diesem Zusammenhang natürlich die von Springer noch persönlich formulierten, für alle Redakteure des Hauses verbindlichen „4 Essentials“, darunter das Gebot der „Freundschaft zu Israel“. Zu interpretieren, wie in ziemlich allen Kommentaren unschwer zu erkennen, als rückhaltlose Unterstützung israelischer Besatzungs- und Siedlungspolitik.

    Hier als Kostprobe Auszüge eines Kommentar von Bild-Bönisch aus der „Bild am Sonntag“ (15.2.1970). Er schiebt indirekt – eingestandenermaßen ohne Beleg – den Brand eines jüdischen Altersheims revoltierenden Studenten in die Schuhe und stellt einen Zusammenhang zu den Attacken auf das Springer-Hochhaus her.
    Unter anderem heißt es:
    „Ein Altersheim ist angesteckt worden, ein jüdisches Altersheim. In Deutschland. In unserer heimlichen Hauptstadt München. Sieben alte Juden, die den Gas-Öfen der Nazis entkamen, sind ums Leben gekommen. Sie verbrannten oder sprangen in den Tod.
    Selbst die arabischen Partisanen, die sich sonst gerne ihrer Terrorakte rühmen, sind angewidert. (…)
    Auf wessen Konto die widerliche Brandstiftung in München geht, weiß man noch nicht. Aber eines weiß ich: Wir haben jahrelang vor dem Terror von Minderheiten und der Brutalisierung des politischen Kampfes gewarnt. (…)
    Gestern kämpfte man radikal für Castro und Che Guevara und heute brutal für El Fatah. Vorgestern brannte ein Zeitungswagen, und heute verbrennen Juden in einem Altersheim. Soll das so weitergehen? (…)
    Jede Mutter und jeder Vater weiß, daß zur Erziehung eines Kindes viel Liebe gehört. Aber auch wenn wir unsere Babys dauernd küssen, werden sie keine Engel. Es geht nicht ohne väterliche Strenge.“

    Zur Aktualität:
    Warum sollte ein Presseorgan, das bereit ist, unbequemen Studenten einen Brandanschlag in die Schuhe zu schieben, zögern, „Antisemitismus“-Vorwurf in ihrem Sinne zu funktionalisieren?
    Das oben genannte Beispiel des Gebrauchs des Machwerks „Auserwählt und ausgegrenzt“ über „Antisemitismus in Europa“ ist nur eines von vielen, die als Beleg dienen können.

    Bleibt die Frage, wer durch von diesem Vorwurf getroffen und was dadurch bewirkt werden soll.
    Nach meinen Beobachtungen geht es vor allem darum, (1) von eigenen aggressiven Akten (so der Jerusalem-Provokation Trumps) abzulenken, (2) Einblicke in Zusammenhänge (wie etwa die oben geschilderten) zu verhindern, aus denen eine fundierte Kritik erwachsen kann, (3) Menschen, die sich konkret für Menschenrechte engagieren (insbesondere in Palästinensergebieten), im öffentlichen Bewusstsein zu diskreditieren, sie als nützliche Idioten bzw. Helfershelfer unverbesserlicher Ideologen und wirklicher Antisemiten hinzustellen.
    Das oben genannte Machwerk sowie etwa der Bommarius-Kommentar sind diesbezüglich deutlich genug.

  10. Werner Engelmann sagt:

    @Jürgen Malyssek

    Lieber Herr Malyssek,
    da ich ab morgen wieder einige Zeit unterwegs bin, hier nun noch die versprochene Antwort auf Ihre Frage bez. der Befürchtung, dass „das Wort im Munde herumgedreht“ werde. Über das „Warum?“ kann ich Ihnen leider nicht in befriedigender Weise Auskunft geben.
    Dazu zur Dokumentation zwei Vorgänge:
    Im Thread „Lernen an den Stätten des Grauens“ habe ich u.a. von Erfahrungen aus mehreren von mir geleiteten KZ-Besuchen mit 13- bis 14jährigen Schülern berichtet sowie auf die notwendige Voraussetzung der „Bereitschaft zu ehrlicher Auseinandersetzung“ verwiesen, um die erwartete „Betroffenheit“ zu erreichen, was den vom Zentralrat der Juden geforderten zwangsweisen KZ-Besuchen entgegen stehe.
    (u.a.: http://frblog.de/verpflichtend/#comment-47748 und 47591)

    Zur Antwort erhielt ich Folgendes:
    „Mein Eindruck ist, (…) dass Sie generell an dem Sinn solcher Besuche zweifeln.“
    Darüber hinaus:
    „Wollen Sie die inhaltliche und methodische Gestaltung der Gedenkstätten (…) auf die gleiche Stufe mit der ideologischen Instrumentalisierung des Themas „Faschismus“ in der DDR stellen?“ (http://frblog.de/verpflichtend/#comment-47699)
    In einem weiteren Beitrag fiel darüber hinaus das Wort von einer „Drohung“ gegen den Zentralrat der Juden.

    Mit anderen Worten: Da wird einem, der sich 30 Jahre lang intensiv nicht nur mit der Thematik auseinander gesetzt hat, der keine Mühe gescheut hat, die daraus erwachsende Verpflichtung im Sinne der Erziehung von aufgeschlossenen, ernsthaften und geschichtsbewussten Menschen umzusetzen, per Fernanalyse attestiert, dass alles nur aus Selbstbetrug erwachsen konnte, da er ja „generell an dem Sinn“ seines Tuns „zweifeln“ müsse.

    Worauf Genannter in keiner Weise „die Empörung nachvollziehen“ konnte.
    Vielmehr sich berufen fühlte, in weiteren Kommentaren nachzulegen:
    „Auch nach mehrmaligen Lesen kann ich aus Ihren „historisch-methodischen“ Ausführungen nur das Fazit ziehen, dass Sie Antisemitismus nicht als Antisemitismus wahrnehmen wollen.“
    „Damit leugnen Sie die Fakten.“
    Hierbei auch nicht scheute, mir Behauptungen unterzujubeln, die von mir nie aufgestellt worden sind:
    „Keineswegs beanspruchten nach der Schoa die ‚Gründerväter des Staates Israel einen dauerhaften Opferstatus'“.
    (http://frblog.de/antisemit/#comment-47892)

    Ich beende hiermit das mehr als unerquickliche Thema, das mir weit mehr an Nervenkraft gekostet hat als es verdient.
    Zur Frage nach dem „Warum?“ nur eine Vermutung: Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass, wer sich selbst im Besitz der „Wahrheit“ glaubt, solcher Art von Nachdenklichkeit, die auch tradierte, scheinbar unumstößliche „Wahrheiten“ in Frage stellt, eben nicht ertragen kann.

  11. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    da ich den ganzen Tag über unterwegs war und jetzt erst Ihre Worte lese, und Sie auch einige Zeit unterwegs sind, möchte ich Ihnen gerne mitteilen, dass ich soweit Ihre Antwort auf meine „Warum“-Frage glaube verstanden zu haben, ohne das ich im Moment weiter darauf eingehen kann.
    Ich bin Ihnen auch noch eine Antwort schuldig hinsichtlich der Frankfurter Veranstaltung, die ich am 28.12. erwähnte.
    Sie bekommen von mir morgen im Laufe des Tages
    noch Antwort. Heute abend packe ich’s nicht mehr.
    Danke jedenfalls für Ihre Ausführungen vom 29.12. um 16:48 (Soviel wenigstens: Ihre Hinweise auf Axel Springers BILD und deren Einfluss finde ich sehr wichtig) und eine gute Zeit für Sie!

  12. Brigitte Ernst sagt:

    Eines fällt natürlich auf:
    Wenn in den USA Menschen hingerichtet und Schwarze erschossen werden, sammeln sich dann auf deutschen Straßen Protestierende, die das Sternenbanner verbrennen und Amerikaner anpöbeln?
    Wenn im Iran Hunderte hingerichtet werden, gibt es da bei uns Demonstrationen, bei denen iranischstämmige Deutsche beschimpft werden und die iranosche Fahne verbrannt wird?
    Wenn die Hamas Raketen auf Israel feuert, wo sind da diejenigen, die die palästinensische Fahne verbrennen und Palästinenser in Deutschland attackieren?
    Wenn Erdogan massenhaft Journalisten und Oppositionelle ins Gefängnis steckt, werden dann in Deutschland türkische Fahnen verbrannt und türkischstämmige Mitbürger auf der Straße beschimpft?
    Es ist doch merkwürdig, dass Israel hierzulande so besonders kritisch beäugt wird und Menschenrechtsverletzungen, die dort geschehen, immer besonders wütende Reaktionen hervorrufen bis zu Beschimpfungen deutscher Juden, die nicht einmal die israelische Staatsbürgerschaft besitzen.
    Vielleicht sollte man sich mal überlegen, woran das liegt.

  13. Volker Busche sagt:

    Eigentlich schade, dass dieser Meinungs-austausch so „im Stillen“ stattfindet, zeigt er doch die Aktualität dieses Themas. Ich bin sicher, die Gesellschaft weiß zu wenig darüber oder die Menschen sind in Sorge, sich politisch nicht korrekt auszudrücken“; so haben Hetzer mit scheinbaren Argumenten stets offene Ohren für ihren verbalen Müll.
    Ich vermisse u. a. Informationen über das Leben der Semiten (dieser Begriff schließt ja Juden, Araber u. a. ein)im Nahen Osten vor der Staatsgründung Israels. Die stetig geäußerte Legitimation durch einen Beschluss der UN im Jahr 1948 reicht nicht. Ein Jahr zuvor wurde u. a. noch von „jüdischen Terroristen“ berichtet, die zwei englische Wachsoldaten nachts erhängten (DER SPIEGEL Mai 1947). 1949 waren die „Terroristen“ ggf. Personen staatlicher Sicherheitsorgane.
    Ich stelle damit Israel nicht in Frage, bin aber überzeugt, dass das Verständnis für die arabisch-/palästinensischen Belange erforderlich ist. Der israelische Historiker und Journalist Tom Segev hat mit „Es war einmal ein Palästina“ die Staatsgründung Israels verständlich beschrieben. Das gehört zusammengefasst (mehr geht nicht) auch in die Schulen. Das gesellschaftliche Gedächtnis eines Volkes lässt sich nicht einfach mit Beschlüssen beeinflussen – uns Deutschen sollte das klar sein.

  14. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Warum sollte Israel wegen seiner Besatzungspolitik und der völkerrechtswidrigen Handlungen nicht kritisch betrachtet werden?
    Klar verdient die Hamas auch eine verdammt kritische Betrachtung. Trotzdem.
    Die Türkei und die despotische Politik werden ebenso kritisiert, in meinen Augen fast zu diplomatisch behandelt …
    Die vorangegangene Diskussion mit W. Engelmann u.a. macht doch den Versuch, das Eine vom Anderen zu trennen zu versuchen: Politik Israel und die Judenfeindlichkeit im eigenen Land!
    Vielleicht kann man das auch mal ernst nehmen. Die Frage warum das und das hier passiert, ist korrekt, aber bitte eine halbwegs gelingende Sachlichkeit in die Debatte reinbringen!

    Volker Busche nennt hier davor einige Fakten, die – sagen wir mal – auch sachdienlich sind.

  15. Ich teile Brigitte Ernsts Beobachtung und halte sie keineswegs für unsachlich.

  16. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    auch wenn Sie inzwischen wohl schon unterwegs sind, will ich Ihnen noch antworten, bevor es schwerer wird die offenen Punkte wieder aufzugreifen.
    Das mit den von Ihnen angesprochenen „Verdrehungen“, wie bereits oben gesagt, glaube ich soweit verstanden zu haben (Person und Sache). Da müssen wir nicht weiter drauf eingehen.
    Ihre Frage aber zu meinem Hinweis auf die „denkwürdige Veranstaltung“ in Frankfurt, muss ich Ihnen noch beantworten:
    Es handelte sich um eine Veranstaltung („Boykott Israel: Kritik oder Antisemitismus“) am 7. Juni d.J. im Ökohaus, Frankfurt-West im Vorfeld der umstrittenen Israel-Konferenz („50 Jahre Israelische Besatzung“).
    Bei dieser sehr emotionalen Debatte passierte es mir, dass ich nach meiner Wortmeldung von einem israel-freundlichen Besucher als Antisemit angemacht wurde.
    Ich hatte da nichts anderes gesagt als das, was ich auch hier betont habe, nämlich: Kritik an Israel und seiner Besatzungspolitik, ja – Antisemitismus-Unterstellung, fehl am Platz!

    Das Podium war besetzt mit Meron Mendel (Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank), Jutta Ditfurth (Ökolinx), Gabriele Scherle (Evang. Kirche). Moderation: Hanning Voigt (FR).
    Meron Mendel war sehr souverän und sachlich, Jutta Ditfurth kam bei mir sehr verschwörungstheoretisch rüber und angriffslustig auf die BDI (Boykott-Kampagne gegen Israel).
    Gabriele Scherle war farblos bis nichtssagend.
    Ich habe auf die Anmache nicht verbal reagiert, sondern war verdutzt und zog es vor, den Kopf zu schütteln.
    Das war also der Zusammenhang zu unserem Thema Israel-Kritik und Antisemitismus.

    Wir sehen jetzt ja, wie die Proteste („Tag des Zorns“) gegen Trumps Jerusalem-Entscheidung gefährliche Unruhen in der Westbank und dem Gazastreifen verursachen und der von Ihnen angesprochene Teufelskreis des gegenseitigen Hasses immer weiter davon sich entfernt, irgendwann durchbrochen zu werden.
    Beide sehen wir auch die problematische palästinensische Seite und des vorhandenen Antisemitismus.

    Auf Deutschland bezogen, haben Sie die schon lange bestehende Bedeutung des Hauses Axel Springer und dessen immensen Einfluss auf Politik und Bevölkerung, was die Freundschaft zu und die Kritik an Israel bestimmt. Seit Andenauers Zeiten.
    Da haben Sie eine wichtige Bezugsgröße genannt, die ich nicht mehr unmittelbar im Blickfeld hatte.
    Das dürfte eine ausführliche Expertise bedeuten, die hier nur angetippt wird. Sie haben unmittelbare Erfahrungen im Hause Springer gesammelt.
    Ich mache mal hier ein Semikolon wegen eines Abendessens.

  17. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 30. Dezember 2017 um 11:04

    Ich habe alle Kommentare dieses Threads gelesen, kann aber keinen einzigen erkennen, aus dem auch nur annähernd eine Billigung der im letzten Satze genannten „wütenden Reaktionen“ herauszulesen wäre oder bei dem der Vorwurf der Anwendung unterschiedlicher Maßstäbe für Menschenrechte gerechtfertigt wäre.
    Auf wen oder was also sollen sich die im verschleiernden Passiv gehaltenen Vorwürfe beziehen und warum?

    Im Unterschied zu Ihren Behauptungen, die sich ausschließlich an Randalierern zu orientieren scheinen, gibt es auch seriöse und verantwortungsvolle Formen des Protests, die diese nicht zum Maßstab nehmen und entsprechende Kommentierung auch dem dafür bekannten Presseorgan überlassen.

    Als langjähriges Amnesty-Mitglied habe ich z.B., im Widerspruch zu Ihren Behauptungen, schon viele Protestnoten versandt, darunter mehrfach auch an alle genannten Adressaten. Amnesty achtet sorgfältig darauf, dass das Kriterium der Unteilbarkeit von Menschenrechten für alle in gleicher Weise angewandt, aber auch keiner aus der Verantwortung entlassen wird. Dies trifft für Israel in gleichem Maße zu wie für jedes andere Land, nicht mehr und nicht weniger.

    Dass Menschen, egal welchen Glaubens, welcher Herkunft, unsere Solidarität verdienen, ist für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit.
    Entsprechend habe ich z.B. Ausschreitungen in Berlin-Kreuzberg in der FR u.a. wie folgt kommentiert:
    „Ich stimme mit dem Zentralrat der Juden überein, dass es ganz klare Grenzen geben muss, ab wann eine strafbare Handlung beginnt. Wozu z.B. auch das Verbrennen der israelischen Fahne gehört oder Äußerungen bzw. Symbole, die mit dem Hakenkreuz auf eine Stufe gestellt werden können. Dies umso mehr, da ein Großteil muslimischer Jugendlicher patriarchale Autoritäts- und Familienstrukturen verinnerlicht hat und eine andere Sprache kaum versteht.“
    (http://www.fr.de/politik/antisemitismus-gabriel-will-frieden-schaffen-in-kreuzberg-a-1408370)

  18. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Ich verstehe Ihre Reaktion nicht. Ich habe eine Beobachtung mitgeteilt, was ist daran unsachlich? Wenn Sie meine Einschätzung für falsch halten, können Sie doch Gegenargumente anführen. Was soll diese Attacke?

  19. Jürgen Malyssek sagt:

    Die Beobachtung an sich von Brigitte Ernst wollte ich nun nicht als bloß unsachlich hinstellen. Sondern dass die Ereignisse im Heiligen Land nicht auch noch von uns Diskutanten sofort in Verbindung mit den hiesigen antijüdischen Strömungen gestellt werden. Die ja nicht zu leugnen sind.

    Sicher ragt das Verhältnis Deutschlands zu Israel anders heraus im Vergleich zu den Beziehungen zu den anderen genannten Ländern, mit anderem zeitgeschichtlichen Hintergründen.
    Sicher ist auch der moralische Anspruch an die demokratisch Verfassung und die Wirklichkeit in Israel dabei zu berücksichtigen. Das trifft jedenfalls auf mich schon zu.

    Keineswegs war meine Kritik oben frontal zu verstehen.

  20. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Herbert Steffes

    Wenn ich Ihre Worte richtig verstanden habe, so haben Sie eine nicht allzu ferne Vision von einem Palästina der friedlichen Koexistenz aller dort lebenden Völker/Menschen und dem allmählichen Verblassen des Antisemitismus und des ständigen kritischen Blicks auf Israel.
    Oder meinen Sie das alles ironisch?
    Ich war mir jedenfalls nicht sicher.

  21. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Lieber Herr Malyssek,
    dank französischem Eisenbahnchaos (das unseren Sohn und seine Frau betraf) sind wir diesen Abend noch zu Hause.
    Gelegenheit noch zu einer Stellungnahme zu dem von Ihnen geschilderten Vorfall.
    Mir fallen dazu 3 zu untersuchende Gesichtspunkte ein: (1) Situation und Wirkung, (2) politische Hintergründe, (3) Reaktionsmöglichkeiten.

    Zu (1) Mir scheint die von Ihnen geschilderte Situation typisch für viele ähnliche, sowohl, was die erkennbare Absicht der Denunzierung und Ausgrenzung angeht, als auch, dass diese aus der Anonymität heraus erfolgte. Ganz ähnliche Erfahrungen können auch in verschiedenen Blogs und Foren gemacht werden. Im FR-Forum gab es mehrere solche Fälle, darunter einer besonders aggressiv (er hat schon mehrfach sein Pseudonym gewechselt, ist vor einigen Tagen abgetaucht und hat alle Beiträge löschen lassen, wird wohl unter anderem Namen wieder auftauchen).
    Die Aggressivität beruht sicher einerseits auf dem Gefühl, im Sinne von Stammtischparolen für eine (gefühlte) Mehrheit zu sprechen. Andererseits auf dem (ebenso gefühlten) Bewusstsein, für das „Gute“, „Richtige“ zu stehen, für das schon deswegen keine Differenzierung mehr nötig erscheint, weil die Mehrheit dies zu teilen scheint.
    Die erhoffte Wirkung liegt auf der Hand: Einzuschüchtern, um Kritik, welche wunde Punkte der eigenen Position hinweist und diese erschüttern könnte, schon im Keim zu ersticken.

    Zu (2)
    In dem von Ihnen genannten Fall ist zwar die politische Ansicht nicht zu ermitteln (etwa, ob er AfD-Anhänger war oder einfach Israel-Unterstützer). Die Vergleichsfälle aus dem FR-Forum geben da mehr Aufschluss. Es handelt sich durchwegs um dezidierte Trump- bzw. AfD-Anhänger, die sich nicht scheuen, auch mal unverblümte Menschenverachtung (z.B. gegenüber Flüchtlingen) zu erkennen zu geben. (Der Verschwundene hatte dabei mehrfach demonstrativ seine jüdische Abstammung zum Besten gegeben.)
    Hier lässt sich deutlich eine Verquickung von stramm nationalistischen Positionen und (angeblicher) „Freundschaft zu Israel“ (in Wahrheit Unterstützung nationalistischer Positionen Netanjahus) erkennen, die zugleich zur Verschleierung dient.
    Eben dafür steht auch der Name Springer. Wobei ich das Phänomen nicht auf das Haus Springer reduzieren möchte (das ist nur der älteste und erfahrenste Akteur auf dem Gebiet). Manche Tweeds in Online-Foren haben den längst rechts überholt.
    Auch wäre zu bedenken, dass die bewusste Auseinandersetzung mit Formen der Manipulation, in der Folge der 68er selbstverständlich, längst einem aggressiv-diffusen „Anti-Gefühl“ gewichen ist, das für jede Art von Hetze empfänglich ist.

    Diese Verquickung zeigt auch deutlich der Fall eines bekennenden AfD-Mitglieds, das auch seine jüdische Abstammung heraushängt.(http://www.fr.de/politik/meinung/kolumnen/afd-parteitag-das-voelkische-gesicht-deutschlands-a-1400476, Kommentar 1Bernhard2)
    Dieses Beispiel und andere lassen vermuten, dass es zu einer neuen AfD-Strategie gehören könnte, ihr Schmuddel-Image abzustreifen, indem man sich an die bewährte Springer-Strategie anhängt und plötzlich zum „Israel-Freund“ mutiert. In Zeiten von Trump und Netanjahu durchaus nahvollziehbar.

    Peinlich dabei, dass die Fakten dem entgegenstehen. So der Bericht des Expertenkreises Antisemitismus des Bundestags (Drucksache 18/11970, S.77), welcher nachweist, dass sowohl „klassischer“ als auch „israelbezogener Antisemitismus“ bei AfD-Wählern gegenüber anderen Parteien mit deutlichem Abstand am höchsten ist.
    (vgl. http://frblog.de/antisemit/#comment-47855)
    Das erklärt die Aggressivität, mit der das erstrebte – doch wenig glaubwürdige – eigene Image als Anti-Antisemitismus-Kämpfer verteidigt wird. Ebenso, dass dabei insbesondere Menschenrechtler und Menschenrechtsorganisationen, die aus verschiedensten Gründen ein Dorn im Auge sind, unter Beschuss genommen werden (so in der „Dokumentation“ über „Antisemitismus in Europa“).

    Zu (3)
    Ich gebe zu, ich hätte mich an Ihrer Stelle genau so verhalten wie Sie. Einfach deshalb, weil einem diese Form des Umgangs die Sprache verschlägt. Es hätte vermutlich auch nichts genützt, dagegen zu halten, wenn eine tiefergehende Diskussion unmöglich erschien.
    Das erspart uns aber nicht, Überlegungen anzustellen, was man dagegen tun kann. In Zeiten von Trump und Netanjahu, von um sich greifendem Nationalismus und aggressiver werdendem Verhalten eine absolute Notwendigkeit.
    Nach Vorstehendem und anderen Erfahrungen (z.B. zunehmenden Attacken auf Flüchtlingshelfer) ist wohl davon auszugehen, dass eine breiter angelegte Attacke auf Menschenrechte überhaupt bevorsteht. Für Trump und Netanjahu eine Notwendigkeit. Denn wie anders sollten permanente Menschenrechtsverletzungen auch gerechtfertigt werden als dadurch, sie aus dem Gedächtnis und dem Empfindungsvermögen zu streichen?
    Wenn wir noch vor 2 Jahren den pervertierenden Gebrauch des Begriffs „Gutmensch“ beklagten, so könnte uns nun weit Schlimmeres bevorstehen. Wer als „Antisemit“ – egal, ob berechtigt oder nicht – im öffentlichen Bewusstsein in eine Reihe gestellt wird mit Ewig Gestrigen, Unverbesserlichen, mit Rassisten, die vor keiner Tat zurückschrecken, der sitzt auf der Anklagebank, von der er nicht mehr loskommt. Und weil in Zeiten geschürter Angst und geschürten Hasses auch die Angst davor, aus der Reihe zu tanzen, sich vermehrt, wird die Zahl der Ankläger immer größer.
    Einsatz für unteilbare Menschenrechte ist in solchen Zeiten ein gefährliches Geschäft, wie schon manch mutiger Reporter erfahren musste.
    Umso mehr Grund, nicht klein beizugeben, solange es noch Zeit ist.

    Wenig tröstliche Worte zum Jahresschluss. Doch was uns bewegt, das suchen wir uns in der Regel ja nicht aus.
    Ich wünsche Ihnen, Bronski und allen Mitbloggern einen guten Rutsch, vor allem ein friedliches und möglichst erfüllendes neues Jahr.

  22. Brigitte Ernst sagt:

    Auf der Suche nach dem Ursprung meines Unbehagens an der Debatte über Israels Menschenrechtsverletzungen, verbunden mit der Frage nach dem möglichen Antisemitismus, der dahinterstecken könnte, stoße ich genau auf den Beitrag von Herbert Steffes vom 29. Dezember, 16:14, den Jürgen Malyssek zuletzt angesprochen hat.
    Angesichts der dort vertretenen haarsträubend einseitigen Weltsicht und der schnoddrigen Art, in der der Autor mit den antisemitischen Attacken auf deutschen Straßen umgeht, wundert es mich, dass bisher niemand hier im Thread dagegen protestiert hat.

    Das beginnt schon mit dem, was Herr Steffes als Gründe für die angeblich verstärkte Kriegsgefahr im Osten Europas anführt. Da werden als Verursacher „USA, Nato, EU, Polen und…Deutschland“ genannt. „…deutsche Soldaten und Panzer an der Westgrenze (Weiß-)Rußlands. Wie gehabt?“ Putins Okkupation der Krim und seine Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine kommen bei Herrn Steffes nicht vor.
    Er fährt fort: „Und über was lamentiert die Frankfurter Rundschau unisono mit der freien Presse in unserem Lande? Über vorgeblich und in kleinen Teilen wohl ahnbaren Antisemitismus. Warum? Israelische Flagge „geschändet“, Mensch mit Kippa schief angesehen, zornige Parolen gegen das hochgerüstete Besatzerland Israel geschleudert, das in seiner Existenz noch nie gefährdet war.“ Und so weiter in diesem Ton.
    Als ob Israel angesichts mehrerer Angriffe und Blockadeversuche durch arabische Länder und fortgesetzten Raketenbeschusses niemals Grund gehabt hätte, sich bedoht zu fühlen. Es wundert mich doch sehr, dass diese einseitige Weltsicht des Herrn Steffes hier so unwidersprochen hingenommen wird.

    „Mensch mit Kippa schief angesehen“. Ich erinnere mich noch lebhaft an die Messerattacke auf den Rabbiner in Frankfurt, und ich habe mit Entsetzen wahrgenommen, dass sich seit einiger Zeit auch an meiner Schule antisemitische Beschimpfungen häuften. Von dem, was man seit Trumps dümmlichen Äußerungen zu Jerusalem in der Presse liest, mal ganz abgesehen. Aber das alles spielt Herbert Steffes auf zynische Weise herunter.

    Wenn mir etwas zutiefst widerstrebt, dann ist es eine derartige Einseitigkeit. Wenn er den Israelis vorwirft, sich ungerechtfertigt als Opfer zu stilisieren, so kann man das zumindest der Hamas ebenfalls vorwerfen. Israel als Kindermörder verurteilen und selbst Kinder als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Das scheint Herrn Steffes wohl entgangen zu sein.

  23. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Auch wenn Sie meine Reaktion nicht verstehen, nehmen Sie sie bitte nicht als „Attacke“.
    Meine Reaktion bezog sich auf die Richtung der Diskussion, die Ihre Einwürfe für mich mit sich brachten: Das weitere Ausholen mit den ganz unterschiedlichen Länder-Verhältnissen, Türkei, Iran usw.
    W. Engelmann hakt so nach: „An wen oder was also sollen sich die […]die Vorwürfe beziehen und warum?“
    Meine Argumente muss ich hier nicht noch mal wiedergeben. Alles steht oben.

  24. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Vielleicht noch so viel zu dem, was Sie zum Beitrag von Herbert Steffes kommentiert haben:

    Eingegangen bin ich bewusst nicht, weil ich dieser Richtung der Debatte nicht folgen wollte. Es kam jedenfalls bei mir auch schnoddrig rüber. Deshalb später meine Frage heute 0:40 h an ihn: Ironisch gemeint?

  25. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Ich hab’s mittlerweile verstanden. Meine Anmerkung richtete sich auch nicht unbedingt gegen Sie. Aus meinem letzten Beitrag wird das ja ersichtlich. Im Gegensatz zu Herbert Steffes streiten Sie einen Anstieg des Antisemitismus ja auch nicht ab.

  26. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    kurz vor Toresschluss noch ein 2017er Signal und ein Dankeschön für Ihre Auslegungen zu meinem Frankfurter Erlebnis mit Antisemitismus-Vorwurf.
    (1) Ihre Typisierung der Situation trifft es recht genau. „Das gefühlte Bewußtsein, auf der richtigen guten Seite zu stehen und (zumindest in der jeweiligen Situation) die Mehrheit hinter sich zu haben“.

    (2) Zumindest in meinem erlebten Fall glaube ich nicht, dass es sich um einen AfD-Anhänger handelte. Aber diese festgefügte erlernte „Freundschaft zu Israel“, auch gekoppeltan nationalistische bzw. national-konservative Haltung: Ja!

    Anmerkung:
    In unseren jungen Jahren spiegelte sich die „Freundschaft zu Israel“ in einem erlernten Wiedergutmachungssymptom wider (z. B. freiwillig im Kibbuz arbeiten), verbunden mit Abenteuerlust.

    Ansonsten kann an Ihrer Sichtweise etwas dran sein, dass – im Falle AfD – eine weitere Strategie dazu gehören „das Schmuddel-Image abzustreifen“ und zum „Israel-Freund“ zu mutieren“: Ja, denkbar.

    (3) Trump und Netanjahu passen anscheinend so gut zusammen wie Pat und Patachon. Mit beiden ist kein (guter) Staat zu machen, aber Grenzverletzungen und -überschreitungen.

    – „Und weil in Zeiten geschürter Angst und gechürten Hasses auch die Angst davor, aus der Reihe zu tanzen, sich vermehrt, wird die Zahl der Ankläger größer.“ – Ja.
    Nein – nicht klein beigeben!

    Tröstliche Worte zum Abschluss des Jahres sind in diesem Fall nicht nötig. Sie trüben dann oft nur die Wahrnehmung.
    Kommen Sie gut ins neue Jahr!

  27. JaM sagt:

    Kehren wir doch einmal zurück zum Ausgangspunkt dieses Thread, dem Leitartikel von Christian Bommarius zurück. Darin greift er Dieter Dehm nicht deshalb an, weil dieser Israel kritisiert hat, sonder schreibt: „Im Sinne Dehms ist der einschlägig bekannte Journalist Ken Jebsen kein Antisemit, sondern Israelkritiker, denn er fordert keine Neuauflage des Holocaust, vielmehr hält er den Juden vor, in Palästina eine ‚Endlösung‘ anzustreben – diesmal an den Palästinensern.“
    Auf die Negierung oder Verharmlosung des Antisemitismus eines Jebsen beziehen sich die auch von Bronski zitierten Sätze: „Solange Figuren wie Diether Dehm glauben bestimmen zu können, was Antisemitismus ist, hat der Antisemitismus in Deutschland keinen Widerstand zu fürchten. Und so lange ist auch Kritik an der israelischen Regierung kaum möglich, ohne in den Verdacht zu geraten, Antisemit zu sein. Denn ,Israelkritik‘ ist die bevorzugte Maskerade der Antisemiten vom Schlage Dehms.“
    Das entscheidende „so lange“ hätte der Ausgangspunkt für eine produktive Diskussion über das „wie“ der Kritik an Israel sein können. Doch das wurde hier nicht zum Thema, obwohl es zahlreiche Belege dafür gibt, dass Antisemitismus zunehmend im Gewande der Israel-, Globalisierungs- und Kapitalismuskritik auftritt oder sich (mit für Antisemiten deschiffrierbaren Kodes) als solche Kritik tarnt – und zu verbalen oder gart tätlichen Angriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen führt. Damit müsste eigentlich auch die Bereitschaft für eine (selbst)kritische Diskussion steigen, wie sich Kritik an Israel von „Israelkritik“ abgrenzen sollte. Dies sollte mindestens so selbstverständlich sein, wie eine Abgrenzung der Kritik am Islam von einer „Islamkritik“; eine solche zu fordern, würde sicher hier im Blog keine so heftige Gegenreaktion wie in diesem Thread hervorrufen.
    Stattdessen wird hier wortreich das (auch von Bommarius nicht bestrittene) Recht auf Kritik an Israel verteidigt. Dabei mangelt es in Deutschland wirklich nicht an einer kritischen (manchmal überkritischen) Berichterstattung über alle Aspekte israelischer Politik, die in den Medien und der öffentlichen Diskussionen (auch in diesem Blog) großen Raum einnimmt und oft starke Emotionen hervorruft. Belege dafür, dass Kritik an Israel verhindert oder behindert wird, habe ich in den hier veröffentlichten Beiträgen nicht gefunden.
    Bleibt die Frage, ob Kritik an Israel zu schnell und willkürlich als Antisemitismus gebrandmarkt wird. Auch das mag es geben und über manchen Einzelfall kann man streiten, die Regel ist es nicht. Meiner Beobachtung nach wird der Vorwurf des Antisemitismus in der deutschen Diskussion eher sparsam und oft aus guten Gründen – über die man wiederum im Einzelfall streiten kann – erhoben. Hinzu kommt, dass solche Kritik am israelbezogenen Antisemitismus nur selten zu einer öffentlichen Diskussion führt. Auch die Dokumentation „Verfolgt und ausgegrenzt“ hätte kaum Reaktionen hervorgerufen, wenn sie um 22:30 Uhr von Arte gesendet worden wäre.
    Ich bin ziemlich sicher, dass Bronski mehr antisemitische Leserbriefe bekommt (und nicht veröffentlicht) als solche, in denen Israelkritiker des Antisemitismus bezichtigt werden.
    Auf die persönlichen Angriffe von Werner Engelmann gegen mich möchte ich im Einzelnen nicht eingehen. Jeder kann selber meine Beiträge nachlesen und sich überzeugen, dass Engelamann mir Aussagen zuschreibt, die ich nicht gemacht habe, und Zitate aus dem Zusammenhang reist. Gleichzeitig entzieht er sich dort, wo es konkret werden könnte, der Diskussion. Betonen möchte ich, dass ich hier im Blog keinen der Mitdiskutanten des Antisemitismus beschuldigt habe.

  28. JaM sagt:

    Einer Anmerkung zum Beitrag von Werner Engelmann vom 31. Dezember 2017 um 0:57 kann ich mich doch nicht enthalten: Hier wird eine „jüdische“ Unterstützung der AfD, die es in Einzelfällen gibt, instrumentalisiert. Mehrere Repräsentanten der jüdischen Gemeinden wie Josef Schuster und Charlotte Knobloch haben mehrfach vor der AfD und Pegida mit der Begründung gewarnt, die nach meinen Beobachtungen von der überwiegenden Mehrheit der Juden in Deutschland geteilt wird: „Wer heute gegen Minderheiten hetzt, wird morgen auch Juden angreifen.“
    Als infam empfinde ich Engelmanns Behauptung, bei Kritikern der überzogenen „Israelkritik“ handele es sich „durchwegs um dezidierte Trump- bzw. AfD-Anhänger, die sich nicht scheuen, auch mal unverblümte Menschenverachtung (z.B. gegenüber Flüchtlingen) zu erkennen zu geben“.

  29. Jürgen Malyssek sagt:

    JaM

    Die Richtung der Diskussion hier im Blog entwickelt sich auch, wie der Einstieg der Kommentare ist und die Resonanzen darauf. Da bleibt der rote Faden nicht immer erkennbar.
    Jeder hat auch seine eigene Beobachtung.
    Ich kann jedenfalls nicht feststellen, dass Wesentliches zu kurz gekommen ist. „Israelkritik“ und „Kritik an Israel“ und Antisemitismus sind zur Sprache gekommen, historische Exkurse, die bestimmt knapper hätten sein können.
    Jedenfalls bin ich der Meinung, dass Kritik an Israel sehr schnell und auch willkürlich als Antisemitismus „gebrandmarkt“ bzw. als Vorwurf benutzt wird, um mundtot zu machen.
    So üppig ist die mediale kritische Berichterstattung in Deutschland über Israels Politik nun auch wieder nicht, wie Sie es ansprechen. Auch da mögen unterschiedliche Wahrnehmungen eine Rolle spielen.

  30. JaM sagt:

    @ Jürgen Malyssek
    Manche Wahrnehmungen lassen sich mit Hilfe von Suchmaschinen recht objektiv überprüfen. Bitte schauen Sie sich an, wie oft z.B. die FR, die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel im vergangenen Jahr über Israel berichtet und die israelische Politik kritisch kommentiert haben. Es kommen sicher einige hundert (fast durchgehend kritische) Berichte zusammen, was man durchaus als „üppig“ bezeichnen kann. Vergleichen Sie dann, wie viele Berichte Sie zu „Antisemitismus“ und „Israelkritik“ finden, in denen dieser Vorwurf gegen eine konkrete Person oder Organisation erhoben wird. Sie finden nur wenige singuläre Vorgänge, die sich zuletzt vor allem auf die umstrittene Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt“ bzw. auf die (meiner Meinung nach tatsächlich antisemitische) BDS-Bewegung und ihre Unterstützer beziehen.

  31. @Jürgen Malyssek
    Noch einfacher: ganz ohne Hoffnung. Weil Israel und seine Scharfmacher keine andere Politik wollen. Aber ich will deutlich machen: der Antisemitismus verschwindet, wenn Israel ein ordentlicher Staat wie andere wird, demokratisch, vielleicht sogar humanistisch. Ich denke da an den Unterbau „der“ Juden in der Vergangenheit. Zu schön, um wahr zu sein. Doch die Zionisten bleiben lieber „Opfer“…

  32. Jürgen Malyssek sagt:

    @ JaM

    Sicher haben Sie, was die kritische Berichterstattung in der FR oder SZ betrifft, auch recht. Bei vielen anderen, insbesondere der Tages-Presse, sieht es schon anders aus.

    Mit den Suchmaschinen kann ich nicht mithalten. wobei bei mir schon lange eine „Maschinen-Müdigkeit“ vorhanden ist. Da sind mir auch einige Blogger hier voraus. Mit Büchern und Schriftmaterial ist man langsamer.

    Unbestreitbar ist doch, dass wir es mit deutlichen (erneuten) Erscheinungsformen von „Antisemitismus“ und ebensolcher verstandenen „Israelkritik“ zu tun haben – auch der hier lebenden muslimischen Bevölkerung. Die Berichterstattungen sind vielfältig und unterschiedlich in der Presse gewichtet.

    Im Übrigen war die Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt“ erschreckend tendenziös.
    Hinter der BDS-Bewegung (die mich persönlich nicht sehr überzeugt) steht auch die Pax Christi-Organisation. Pax Christi ist jedenfalls nicht antisemitisch.

  33. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Herbert Steffes

    Verstanden. Schon lange bevor Trump sein Jerusalen-Verdikt aussprach, war für mich die Lage in Palästina perspektivlos.
    Der Knackpunkt des Konflikts bleibt der Tempelberg. Ohne Lösung da gibt es keine Gesamtlösung!
    Vielleicht haben Sie in der SZ vom 31.12./01.01. (Politik) den Artikel über Beit Shemesh, einer Hochburg der Ultraorthodoxen in Israel gelesen?
    Oder die Forderung der israelischen Regierungspartei Likud, große Teile des Westjordanlandes zu annektieren …
    Glauben Sie mir, ich bin da auch ohne Hoffnung.
    Spätere Generation in Israel schaffen es vielleicht. Das Gespann Trump – Netanjahu = aussichtslos!

  34. Stefan Briem sagt:

    Warum widerspricht niemand diesem Unsinn, den Herbert Steffes da schreibt?

    „… der Antisemitismus verschwindet, wenn Israel ein ordentlicher Staat wie andere wird …“

    Genau, nicht wahr? Ins Nichts. Er ist ja auch erst aufgekommen, nachdem Israel gegründet wurde.

    Diese Argumentation ist antisemitisch, weil sie dem Judenstaat die Schuld am Antisemitismus gibt. Der muss sich nur „ordentlich“ verhalten, und schon haben wir keinen Antisemitismus mehr. Das ist so was von durchsichtig. Hat das hier außer Frau Ernst wirklich niemand erkannt? Das wäre eine Blamage. Genauso die Sache mit den Zionisten als Opfer. Oben wurde schon viel darüber geredet, dass die Juden mittlerweile ein Tätervolk sind.

    Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte!

  35. Stefan Briem sagt:

    Auf ähnliche Weise verschwinden die Vorurteile gegen Schwule. Sie müssen sich nur nicht mehr wie Schwule verhalten. Oder die Vorurteile gegen Behinderte. Sie müssen sich nur nicht mehr wie Behinderte verhalten. Oder welche Minderheit auch immer.

  36. Brigitte Ernst sagt:

    @ Stefan Briem

    Danke, Herr Briem, genau das wollte ich gerade schreiben.

  37. JaM sagt:

    @ Jürgen Malyssek
    „Hinter der BDS-Bewegung (die mich persönlich nicht sehr überzeugt) steht auch die Pax Christi-Organisation. Pax Christi ist jedenfalls nicht antisemitisch.“
    Die BDS-Bewegung halte ich nach dem 3-D-Test für antisemitisch, weil sie kollektiv alle jüdischen Israelis bestraften will, die grundsätzlich von jedem internationalen wirtschaftlichen, kulturellen oder wissenschaftlichen Austausch ausgeschlossen werden sollen (ein nur auf Israel angewendeter Doppelstandart). Sie dämonisiert und delegitimiert Israel als „Appartheidstaat“.
    Pax Christi betont zwar immer wieder, nicht der BDS-Bewegung anzugehören, lehnt es aber ab, sich vom BDS zu distanzieren. Durch solches Verhalten entsteht eine Grauzone mit Platz für antisemitische „Israelkritik“. Genau das ist es, was Bommarius in seinem Leitartikel kritisiert.

  38. Werner Engelmann sagt:

    Das Online-Forum der Deutschen Welle verweist, mit Datum 6.4.2017, unter der Fragestellung „Wie jüdisch ist die AfD?“ auf Besorgnisse des Zentralrats der Juden und zitiert die frühere Vorsitzende Charlotte Knobloch:
    „Die Partei Alternative für Deutschland und hier lebende Juden haben nichts miteinander zu tun, lautet ein Klischee. Doch die Verbindungen sind enger als dem Zentralrat der Juden lieb ist.
    Die AfD wirbt inzwischen gezielt in jüdischen Altersheimen um Stimmen, offenbar mit Erfolg. Denn der Zentralrat sieht sich zu der Warnung an die Gemeinden in ganz Deutschland genötigt, sich nicht ‚von einer antimuslimischen, hetzerischen Rhetorik der AfD umgarnen zu lassen‘.
    Die frühere Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch sieht in Petrys Werben unterdessen einen ungeheuerlichen Vereinnahmungsversuch. Es sei ‚an Dreistigkeit und Verlogenheit kaum zu übertreffen, wie die AfD die berechtigten Sorgen jüdischer Menschen vor Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland für ihre Zwecke missbraucht'“.
    (http://www.dw.com/de/wie-j%C3%BCdisch-ist-die-afd/a-38325813):

    In der FR sind leider weder zu dem genannten Zeitraum noch später Berichte über diese berechtigten Besorgnisse auszumachen:
    Über eine Form aggressiver Meinungsmache, die – angelehnt an „bewährte“ Springer-Strategie – sich einerseits antisemitischer Reflexe bedient und im Sinne der Verbreitung nationalistischer und fremdenfeindlicher Hetze zu instrumentalisieren sucht. Die zugleich den virulenten, weit überdurchschnittlich verbreiteten Antisemitismus in den eigenen Reihen vergessen machen will und eben dazu der Umlenkung des „Antisemitismus“-Vorwurfs auf andere, vornehmlich auf Menschenrechtler, bedarf. Die dementsprechend notwendiger Weise bei einer ernst zu nehmenden Diskussion über Antisemitismus in Deutschland Berücksichtigung finden muss.

    Im Unterschied zu manchen deklamatorischen Beteuerungen habe ich diese Besorgnisse ernst genommen, bin den Spuren dieser perfiden Strategie in Leser-Kommentaren der FR nachgegangen und dabei auch fündig geworden.
    In meinem an Jürgen Malyssek gerichteten Post, eine Erfahrung von ihm selbst aufgreifend, habe ich von diesen Tendenzen in diesen Kommentaren (und – deutlich markiert – NUR von diesen!) berichtet.

    Diese Einschätzung ist im Forum von fr.online zumindest, soweit von den Autoren gelöscht, in Reaktionen darauf überprüfbar. (http://frblog.de/dehm/#comment-48142)
    Nichtsdestotrotz wurde diese Aussage in einem nachfolgenden Post in diesem Blog verallgemeinernd als angeblich auf „Kritiker der überzogenen Israelkritik“ bezogen verfälscht, der Versuch einer „infamen“ Instrumentalisierung unterstellt sowie meine Intention gezielt ins Gegenteil verdreht (http://frblog.de/dehm/#comment-48160). Höhepunkt einer ganzen Serie von Attacken gegen die Integrität meiner Person, auch Dritten gegenüber.

    Der Vorwurf der „Infamie“ oder „Verrufenheit“ („ehrloses Handeln“), zielt auf Verletzung der persönlichen Ehre und auf Aussonderung. Ihm folgte „im deutschen Strafrecht bis 1969 (…) die Aberkennung oder Schmälerung der bürgerlichen Ehrenrechte einer Person“ (Wikipedia). Dementsprechend kommt diesem Vorwurf die gleiche Funktion zu wie der Vorwurf des „Antisemitismus“.

    Seit mehreren Jahren in diesem Blog präsent, hätte ich dies bisher so nicht für möglich gehalten. Umso mehr, als leicht erkennbar ist, dass es dem so Angegriffenen gar nicht möglich ist, sich dagegen sinnvoll zu wehren, dass jeder Versuch der Zurückweisung, der Klarstellung, des Verweises auf eigene Tätigkeit lediglich als Rechtfertigung erscheint und noch den Vorwurf der Überempfindlichkeit hinzufügt.

    Eine zivilisierte Form der Auseinandersetzung halte ich unter diesen Umständen für mich nicht mehr für möglich.
    Ich beende hiermit meine Aktivitäten in diesem Blog.
    Allen, denen es um ehrliche und respektvolle Auseinandersetzung geht, wünsche ich eine gute Zeit.
    Werner Engelmann

  39. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski

    Lieber Lutz,
    ich kann mir gut vorstellen, wie schwer es ist, angesichts dessen, was heute als „Meinungsäußerung“ daher kommt, für eine respektvolle Diskussion zu sorgen.
    Dennoch muss ich darauf verweisen, dass ich wiederholt auf die Überschreitung des Zumutbaren, bezogen auf erniedrigende Äußerungen zu meiner Person, aufmerksam gemacht habe. Und dass ich mehrfache Versuche, die eigene Intention kenntlich zu machen, immer mehr als Form der Selbstdemütigung empfunden habe.

    Aus gegebenem Anlass sei dem ein letzter dieser Art hinzugefügt.
    Die vorgenannten Angriffe gegen meine Person stehen in groteskem Verhältnis zu der Ehrung, die ich, zusammen mit Freunden, gerade in diesen Wochen entgegen nehmen durfte. Die Rede ist von einem (mit 10.000.- € dotierten) „Prix Solidarité Rurale“ („Ceder“), verliehen im November von der Jury der „Grande Région Est“ (Elsaß-Lothringen und Champagne-Ardennes) für Idee und Durchführung des von mir ins Leben gerufenen integrativen Theaterprojekts mit Flüchtlingen „Le Petit Prince frappe à nos portes“ in Anlehnung an Saint-Exupéry. ().
    Eine Ehrung, die uns zur Gründung eines eigenen gemeinnützigen Vereins mit Flüchtlingen, „Liens52“ („Bindungen“, nach Saint-Exupéry und dem Département Haute-Marne benannt) ermutigt hat, im Sinne eines Netzwerks mit Kontaktpflege und konkreten Hilfsangeboten vor allem für Flüchtlinge unter 25 Jahren, die (gerade nach Anerkennung des Asyls) in ein „Loch“ der französischen Gesetzgebung fallen, die jegliche weitere soziale Hilfe verweigert.
    Sehr berührend, doch zugleich verpflichtend, die Vertrauensbeweise und die Erwartungen, die sich seitdem auf uns richten. Die es – über persönliche Betroffenheit hinaus – auch verbieten, leichtfertig das entgegen gebrachte Vertrauen aufs Spiel zu setzen.

    Ein schwerer Entschluss, der auch weh tut, nach so langer Zeit der Kooperation, die auch Bindungen schafft. Aber leider notwendig, nicht nur aus Gründen der Selbstachtung.
    Ob und unter welchen Bedingungen eine Rückkehr möglich erscheint, ist für mich nach den genannten Erfahrungen gegenwärtig nicht möglich.
    Ich wünsche Dir für Deine Unternehmungen weiterhin viel Mut und Kraft.
    Werner

  40. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    Ihren Worten zu Folge, meinen Sie es sehr ernst mit Ihrer Entscheidung hier auszusteigen.
    Ich kann nur sagen, dass es mir leid tut zu hören, wie sehr persönlich Sie sich angegriffen fühlen.
    Und ich kann Ihnen nur sagen, dass wir in der zurückliegenden Zeit einen sehr konstruktiven Dialog hatten, wenn auch aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern (was aber auch oft das Salz in der Suppe ist).
    Ich möchte Sie weder zu dem Einen oder dem Anderen überreden wollen. Mir ist es wichtig, Ihnen diese Rückmeldung zu geben. Sie haben meine Rückendeckung.
    Man wird sehen, wie’s weitergeht.

  41. Bronski sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Werner,

    ich bin zurzeit sehr krank, möchte aber trotzdem kurz einsteigen und etwas zum Thema Erniedrigung bzw. Demütigung sagen. Das Problem dabei für mich als Moderator ist, dass ich Hetze und Beleidigungen hier außen vor halten und für ein Gesprächsklima sorgen möchte, in dem man sich gern austauschen möchte. Meines Erachtens sind die Äußerungen von JaM, auf die Du Dich beziehst, keine Beleidigungen, obwohl sie zweifellos aufs Persönliche zielten und darauf aus waren, Dich zu diskreditieren. Ich war persönlich sehr erstaunt über diese scharfen Angriffe und kann sie nicht nachvollziehen, aber mein persönliches Urteil über die Inhalte der Anwürfe steht hier nicht zur Debatte; nur mein Urteil über die Form des Vortrags. Das ist manchmal schwer auszuhalten. Ich sehe in JaMs Angriffen keine Beleidigungen, die ich nach dem Reglement einfach löschen könnte. Schön sind sie nicht, und gewiss sind sie auch nicht vom Geist des Austauschs geprägt, sondern haben etwas von Wegbeißen an sich, aber eingreifen möchte ich dennoch nicht, zumal JaMs „Kritik“ sich an den wohl wortgewaltigsten Teilnehmer dieses Forums richtet, Dich. Mein Gedanke beim Freischalten seiner Kommentare war: Du wirst Dich schon zu wehren wissen. Aber ich kann gut nachvollziehen, dass die Kräfte dafür manchmal einfach nicht da sind. So kann ich nur hoffen, dass Du nach einer gewissen Pause wieder Mut schöpfst, so dass Du solche Anwürfe aufs Horn nimmst, wie Du es früher getan hast.
    Meinen Glückwunsch zu dem schönen Preis. Du hast viel Zeit und Energie in dieses Projekt gesteckt und diese Auszeichnung verdient.
    Lutz

  42. @ Stefan Briem
    Bravo, guter Mann, nicht nachdenken, nicht versuchen zu analysieren – nein, die Antisemitismuskeule schwingen… wie jeder x-beliebige Philo. Das ist schwach. Sie denken dabei keinen Augenblick an die Juden Israels, die ihren Staat und ihre Gesellschaft immer tiefer ins Dilemma stoßen. Es gibt durchaus Juden in Israel, die das erkennen. Aber es sind zu wenige. Und wer leidet darunter? Die Palästinenser, die ewigen Opfer. Das sind sie in der Tat. Und wir führen hier und in vergleichbaren Zirkeln immer wieder diese kindischen Diskussionen über 1 Volk, über 1 Staat (ich muß die Ziffern benutzen), das von seinem hochstehenden Nicht-Unrechtsbewußtsein nicht ablassen will.
    Ob der Eine das goutiert? Darf man zweifeln?

  43. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Hallo Herr Engelmann,
    Ich bin noch nicht sehr lange in diesem Blog unterwegs, aber Ihre Beiträge habe ich immer gerne und mit Interesse gelesen.

    Wenn ich das so sagen darf, Ihr „Fehler“ war, der Versuch sich zu rechtfertigen. Bis ins kleinste Detail übermitteln zu wollen, was Sie denken, sodass es nicht missinterpretiert werden kann.

    Doch eigentlich ist es unmöglich sich jemandem verständlich zu machen, der dies nicht will.

    Bis auf ein „Wiederlesen“.
    Gruß, Anna Hartl

  44. JaM sagt:

    @ Bronski

    Ich wünsche Ihnen gute Besserung,

    Ihre „Bewertung“, meine Äußerungen zu Werner Engelmann hätten „zweifellos aufs persönliche“ gezielt und wären darauf aus gewesen, ihn zu diskreditieren, weise ich zurück. Ich will mir Zeit nehmen um zu übrlegen, wie ich auf diese mich persönlich herabsetzende Äußerungen hier im Blog reagieren soll oder ob ich aus dem Blog aussteige.

  45. Bronski sagt:

    @ JaM

    Zur Kenntnis genommen. Nehmen Sie bitte Ihrerseits zur Kenntnis, dass wir hier keine Debatte darüber führen werden, wann wer womit angefangen hat. Blog-Regel 4 ist von bestrickend schlichter Schönheit: „Bleiben Sie sachlich, freundlich – und beim Thema.“ Das Thema hier ist „Der Antisemitismus-Vorwurf als ideologische Waffe.“

  46. Brigitte Ernst sagt:

    Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Streit zwischen Werner Engelmann und JaM schlicht auf einem Missverständnis beruht. Herr Engelmann sprach am 30. Dezember 2017 um 0:57 von einem FR-Forum, in dem sich angeblich mehrere dezidierte Trump- und AfD-Anhänger tummelten, vor allem einer, der seine jüdische Abstammung zu erkennen gebe und unter unterschiedlichen Namen auftrete. Er bezeichnet diese Forums-Teilnehmer als Personen, „die sich nicht scheuen, auch mal unverblümte Menschenverachtung (z.B. gegenüber Flüchtlingen) zu erkennen zu geben.“ Er fährt fort: „Hier lässt sich deutlich eine Verquickung von stramm nationalistischen Positionen und (angeblicher) „Freundschaft zu Israel“ (in Wahrheit Unterstützung nationalistischer Positionen Netanjahus) erkennen, die zugleich zur Verschleierung dient.“
    Ich selbst habe mich gefragt, welches Forum Werner Engelmann denn meinen könnte, da mir selbst weder hier im Blog noch in den Leserbriefen der Jahre, seit die Höcke-AfD existiert und Trump an der Regierung ist, Leserbriefe aufgefallen sind, die in der von Herrn Engelmann beschriebenen Weise vorgingen.
    Deshalb fürchte ich, dass JaM, der einzige, der sich in diesem Blog vor einiger Zeit als Jude zu erkennen gegeben hat, diese Engelmannsche Rinschätzung auf sich bezogen hat. Nur so kann ich mir den Begriff „infam“ erklären, den er Werner Engelmann gegenüber verwendet.

    Ich hätte es für vernünftiger gehalten, wenn beide dieses Missverständnis aufgeklärt hätten, anstatt sich in (meiner Ansicht nach übertriebener) Gekränktheit gleich ganz aus diesem Blog zu verabschieden.

    Im Übrigen: gute Besserung an Bronski!

  47. Brigitte Ernst sagt:

    @ Herbert Steffes

    Sie argumentieren an Stefan Briems Vorwurf vorbei.
    Wie Sie seinem Zitat aus Ihrem Beitrag entnehmen können, geht es ihm um Ihre Behauptung vom 2. Januar, 12:09: „…der Antisemitismus verschwindet, wenn Israel ein ordentlicher Staat wie andere wird, demokratisch, vielleicht sogar humanistisch.“
    Dass diese absurde Behauptung von der Geschichte widerlegt wird, weil es nämlich Antisemitismus gibt, seit das Christentum entstanden ist, also lange vor der Existenz des Staates Israel, ist Ihnen anscheinend immer noch nicht klargeworden.

    Für ebenso undurchdacht halte ich Ihren Beitrag vom 29. Dezember 2017, 16:09. An Ihre Vision von einem Staat Israel, der sich als Macht des Friedens hervortäte, fügen Sie an: „Und die Juden könnten/dürften/müßten(!) sich als ganz normale Leute begreifen. Nicht anders als andere, nicht wertvoller, aber mit viel Erfahrungen (auch aus dem erlittenen Leid) zurückfindend zur Weisheit so vieler kluger jüdischer Menschen, von denen es gerade in Deutschland vor den Nazis so viele gegeben hat.“
    Dumm nur, dass die ganze Weisheit, die Sie an diesen Menschen rühmen, sie leider nicht davor bewahrt hat, in genau diesem Deutschland durch die grässlichste Form des Antisemitismus diskriminiert, verfolgt, vertrieben und in den Gaskammern ermordet zu werden.
    Wie kommen Sie also darauf, dass Antisemitismus etwas mit dem konkreten Verhalten konkreter Juden zu tun habe?

  48. JaM sagt:

    @ Bronski
    1. Der Erklärung von Brigitte Ernst (http://frblog.de/dehm/#comment-48227) will ich folgen, ich habe den Beitrag von Werner Engelmann 31. Dezember 2017 um 0:57 (http://frblog.de/dehm/#comment-48142) missverstanden. Ich akzeptiere, dass sich seine Aussage „Es handelt sich durchwegs um dezidierte Trump- bzw. AfD-Anhänger, die sich nicht scheuen, auch mal unverblümte Menschenverachtung (z.B. gegenüber Flüchtlingen) zu erkennen zu geben“ nicht generell auf Kritiker der „Israelkritik“ in diesem Blog (mich eingeschlossen) bezogen hat. Ich nehme deshalb meine Anmerkung vom 31. Dezember 2017 um 18:33 (http://frblog.de/dehm/#comment-48160) zurück, insbesondere meiner Bewertung der Aussage von Werner Engelmann als „infam“, wenn diese lediglich auf „ Trump- bzw. AfD-Anhänger“ im FR-Forum gemünzt war. Erklärungsbedürftig bleibt für mich aber, warum deren Äußerungen von Werner Engelmann hier thematisiert werden, obwohl sie in keinem Zusammenhang mit dem Bommarius-Leitartikel oder mit den Kommentaren in diesem Thread stehen.
    2. Ich bewerte die Blogteilnehmer als Personen und ihre Motive nicht, da ich diese gar nicht kennen kann. Ich setze mich mit den hier veröffentlichten Meinungen und deren Begründungen auseinander. Dass sich daraus kontroverse Debatten mit manchen polemischen Zuspitzungen ergeben (was aber meiner Einschätzung nach durchaus der Klärung der Positionen dienen kann), schadet dem Blog wohl nicht.
    3. Konkret zu dem, was mir Werner Engelmann vorhält:
    – Im Tread „Lernen an den Städten des Grauens“ hatte ich nach einem vorangegangenen kontroversen Meinungsaustausch geschrieben: „Mein Eindruck ist, dass Sie sich nicht nur daran stören, dass Schuster der Kultusministerkonferenz vorgeschlagen hat, den Bundesländern die Aufnahme eines ‚verbindlichen‘ Besuchs der KZ-Gedenkstätten in die Lehrpläne zu empfehlen, sondern dass Sie generell an dem Sinn solcher Besuche zweifeln. Falls dies zutrifft, wäre ich für eine inhaltliche Begründung dankbar, die über eine längst überholte Erfahrung aus dem Anfang der 90er Jahre hinausgeht. … Als sehr unsachlich betrachte ich, dass Sie mir als Befürworter der (wie auch immer ‚verpflichtenden‘) Besuche von KZ-Gedenkstätten den „verordneten Antifaschismus“ der DDR als ein „abschreckendes Beispiel“ vorhalten. Wollen Sie die inhaltliche und methodische Gestaltung der Gedenkstätten und des (verbindlichen) Schulunterrichts zur NS-Vergangenheit im heutigen Deutschland auf die gleiche Stufe mit der ideologischen Instrumentalisierung des Themas „Faschismus“ in der DDR stellen?“ Diese Aussagen verkürzt Werner Engelmann (siehe http://frblog.de/dehm/#comment-48124), um sie grundlos „mit anderen Worten“ so zu interpretiert: „Da wird einem, der sich 30 Jahre lang intensiv nicht nur mit der Thematik auseinander gesetzt hat, der keine Mühe gescheut hat, die daraus erwachsende Verpflichtung im Sinne der Erziehung von aufgeschlossenen, ernsthaften und geschichtsbewussten Menschen umzusetzen, per Fernanalyse attestiert, dass alles nur aus Selbstbetrug erwachsen konnte, da er ja ‚generell an dem Sinn‘ seines Tuns ‚zweifeln‘ müsse.“
    – Auch aus unserer Kontroverse im Thread „Darf man Israel nicht mehr kritisieren?“ zitiert mich Werner Engelmann verkürzt. Aus dem Zusammenhang ist klar, dass sich meine (in meinen Ausführungen sachlich begründeten) Vorhaltungen, er würde „Antisemitismus nicht als Antisemitismus wahrnehmen“, ausschließlich auf den israelbezogenen Antisemitismus bezogen haben. Ich habe ihm auch keineswegs die Aussage „unterschoben“, nach der Schoa hätten die Gründerväter des Staates Israel einen dauerhaften Opferstatus beansprucht. Nachzulesen ist (http://frblog.de/antisemit/#comment-47892), dass ich mich auf seine Zustimmung zu einem Beitrag von Klaus Philipp Mertens bezogen habe, in dem diese Behauptung enthalten ist.
    – Werner Engelmann unterstellt mir (http://frblog.de/dehm/#comment-48092) als „Beschwichtigungsmethode“, ich werde „hier im Blog nicht müde, zu beteuern, wie viel Regierungskritik doch in Israel anzutreffen sei, ohne dass damit der Vorwurf des ‚Antisemitismus‘ verbunden sei. Woraus wohl zu schließen wäre, dass es an der Unangemessenheit der Kritik liegen muss, wenn dieser Vorwurf erhoben wird.“ Nicht müde werde ich zu fordern, Kritik an Israel von (antisemitischer) „Israelkritik“ abzugrenzen. Meine Feststellung lautet: „Stattdessen wird hier wortreich das (auch von Bommarius nicht bestrittene) Recht auf Kritik an Israel verteidigt. Dabei mangelt es in Deutschland wirklich nicht an einer kritischen (manchmal überkritischen) Berichterstattung über alle Aspekte israelischer Politik, die in den Medien und der öffentlichen Diskussionen (auch in diesem Blog) großen Raum einnimmt und oft starke Emotionen hervorruft. Belege dafür, dass Kritik an Israel verhindert oder behindert wird, habe ich in den hier veröffentlichten Beiträgen nicht gefunden.“
    4. Für absurd halte ich die von Werner Engelmann aufgestellte These zur „Funktion des ‚Antisemitismus‘-Vorwurfs“ (http://frblog.de/dehm/#comment-48092), dieser werde zur Ablenkung vor der Politik von Trump und Netanjahu thematisiert, sozusagen orchestriert von der Bild-Zeitung. Als Beleg führt er „die punktgenau zu Trump-Besuch in Israel und Ausweitung der Siedlungspolitik Netanjahus von BILD mit „Zensur“-Vorwürfen an WDR und ARTE vom Zaun gebrochene Antisemitismus-Debatte“ um die Dokumentation „Verfolgt und ausgegrenzt“ an. Dabei hat die Kritik, die zunächst schriftlich an Arte und WDR gerichtet wurde, schon lange vor dem Besuch von Trump in Jerusalem begonnen, nachdem Arte die vom WDR bereits abgenommene Dokumentation zu senden abgelehnt hat. Sie wurde weder von der Bild, noch von Helfershelfern von Trump oder Netanjahu organisiert. Der geleakte Film war bereits einige Tage im Internet verfügbar, als die Bild-Zeitung den Link veröffentlicht hatte.
    Der zweite „Beleg“ von Engelmann: „Die neuerliche Antisemitismus-Debatte nun pünktlich zu Trumps Provokation bez. Jerusalem. Wieder steht nicht mehr die Provokation im Blickpunkt der Medien, dafür umso mehr (nach Bommarius) die ‚deutsche Tradition‘ des Antisemitismus.“ Die Behauptung, dass die Jerusalem-Entscheidung von Trump wegen der Antisemitismus-Debatte um Ken Jebsen, Dieter Dehm und Wolfgang Gehrke „nicht mehr im Blickpunkt der Medien“ stand, ist eine groteske Verkennung der Realität. Auch die Debatte um Antisemitismus bei israelfeindlichen Demonstrationen hat nachweislich nicht die (kritische) Berichterstattung über Israels Politik verdrängt oder eingeschränkt – sie nahm auch in diesem Blog den meisten Raum ein, obwohl sie nicht das Thema des Thread ist. Den Kritikern der „Israelkritik“ (Bommarius eingeschlossen) eine Art von Verschwörung mit der Bild-Zeitung, Trump und Netanjahu zu unterstellen, halte ich schon für eine schwere Kost. Aber vielleicht habe ich wieder nur Werner Engelmann missverstanden.

  49. I. Werner sagt:

    Ich fände es schade, dass bei diesem diffizilem Thema, wo die Worte fein auf die Goldwaage gelegt werden, sich in diesem Blog zwei Menschen zerstreiten, die doch eigentlich für alle etwas zu sagen haben. Ich bin hier meistens nur eine stille Mitleserin, denke aber zu vielen Themen und Argumenten noch lange nach. Ich finde das Bronski-Blog ist eine Bereicherung für meine Meinungsbildung und gerade auch das Kontroverse ist gedankenschärfend. Hier wird ja nicht gegeifert und diffamiert dank Bronskis Moderation, sondern hier werden Meinungen und Argumente ausgetauscht. Das ist gut und sollte so erfrischend bleiben. Deshalb meine Bitte an Herrn Engelmann und JaM, ziehen Sie sich nicht aus diesem Blog zurück.