Europa will Authentizität

1982 war ich 17 Jahre alt, und ich kann nicht behaupten, dass Nicole, im Hintergrund Ralph Siegel, Musik für mich machte. Es war wohl auch weniger das Interesse an der Musik selbst, mehr das am Wettstreit der Nationen, die mich den heute so genannten Eurovision Song Contest damals, ebenso vorher und genauso auch danach, trotzdem verfolgen ließ. Ein sportliches Interesse, wenn man so will. In einer Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Skepsis – letztere rührte daher, dass es sich bei Nicoles Song doch eigentlich um eine sagenhafte Plattheit handelte – registrierte ich damals, dass dieses Rührstück namens „Ein bisschen Frieden“ Europas Nerv zu berühren schien. Heute, 28 Jahre später, bin ich 45, und ich kann behaupten, dass Lena Musik auch für mich macht. Lena ist seit dieser Nacht vom 29. auf den 30. Mai 2010 die zweite deutsche ESC-Siegerin, und wenn ich „Satellite“ höre, ihren Siegerinsong, wippe ich immer noch fast automatisch mit. Eine Tatsache, die mich eigentlich fassungslos machen sollte. So fassungslos, wie ich Lenas Siegerin-Werdung verfolgte. Mit Herzklopfen, das sei zugegeben. Denn es schien undenkbar. 

Ich hatte Freunde eingeladen, die dem ESC wie ich mit einer Mischung aus Teilnahme und Distanz begegnen, und ich hatte mich darauf eingestellt, dass wir während der finalen Punktevergabe auf die „osteuropäische Punkteverschwörung“ zu schimpfen beginnen würden, die in den Jahren zuvor ein verbindendes, jedenfalls so empfundenes Erlebnis in unserem Kreis gewesen war. Es kam allerdings komplett anders, in einer Weise, die nur als überraschend bezeichnet werden kann, denn die osteuropäische „Punktemafia“ funktionierte diesmal nicht. Die skandinavische übrigens ebenfalls nicht, nur um das gleich anzubringen, denn der „Stimmenmafia“ der UdSSR-Nachfolgestaaten war in den Jahren vor dem Fall des Eisernen Vorhangs eine ebensolche der skandinavischen Staaten vorangegangen. Doch beim ESC 2010 bekam der dänische Beitrag, der zuerst in Führung ging, aus Norwegen 8 Punkte, Lena aber 12; aus Schweden 4 Punkte, Lena aber 12; aus Island allerdings 12 Punkte und Lena 3; und aus Dänemark selbst kamen 12 Punkte für Lena. Dreimal 12 Punkte von insgesamt neunmal 12 Punkten. Erstaunlich, nicht wahr?

Die osteuropäische „Punktemafia“ war beim ESC 2010 nur ein Gerücht. Russland bekam aus Weißrussland 12 Punkte, aus Armenien, Estland und der Ukraine jeweils 10, ebenfalls 10 aus Israel – und landete auf Platz 11. Der weißrussische Beitrag – Stichwort Schmetterling – bekam nur aus Georgien 12 Punkte und ging ansonsten sang- und klanglos unter (vorletzter Platz). Die Ukraine bekam jeweils 10 Punkte aus Aserbaidschan und Weißrussland, aber niemals 12 Punkte (trotzdem zehnter Platz vor Russland). Aserbaidschan – Safura galt als Lenas schärfste Konkurrentin – bekam jeweils 12 Punkte aus Bulgarien, Aserbaidschan, Malta und der Türkei. Safura landete am Schluss auf Platz 5, sie bekam höhere Punktzahlen (8 Punkte) aus Polen und Georgien, 7 Punkte aus Bosnien-Herzegowina, Israel, Moldau, Norwegen und Spanien. (Hier die einzelnen Votings.) Querbeet also. Ist es möglich, dass Europas Befindlichkeitsgrenzen sich jedenfalls im Pop-Bereich auflösen?

Lena bekam Punkte aus allen Ecken und Enden Europas. Die Länder, die ihr keine Punkte gaben, sind Armenien, Weißrussland, Georgien und Moldau, also vier UdSSR-Nochfolgestaaten, und Israel. Fünf von 39 Ländern. Das bedeutet, dass Lena einen Nerv berührte, der Europa offenbar verbindet, eine tieferliegende Schicht europäischer Befindlichkeit unterhalb der lange so offensichtlich scheinenden Teilung Europas infolge des Kalten Kriegs. Um die Deutung dieses erstaunlichen Ergebnisses werden sich hoffentlich bald Wissenschaftler kümmern. Für mich setzt sich damit ein Trend fort, der spätestens 2009 mit dem Sieg Alexander Rybaks einsetzte. Dieser junge Mann spielte mit einer Freude auf, die so offensichtlich war, dass sie einfach mitriss, und so holte er ein historisches Ergebnis, was die Stimmenzahl betraf. Rybak hatte das Stück, mit dem er gewann, selbst geschrieben, er performte es natürlich selbst – er war er selbst. Und nun haben wir eine junge Frau, für die das nicht minder gilt und die mit dem Zaubertrick, einfach nur sie selbst zu sein, den ESC-Sieg nach Deutschland holte. Andere Performer setzten beim ESC 2010 Geigen als Chiffre für „selbst“ ein; sie hatten nicht verstanden, was Europa wirklich will. Ich sage es mit einem Wort: Europa will Authentizität. Und das darf durchaus auch politisch verstanden werden.

42 Kommentare

  1. Anna sagt:

    Aus einer Mischung von persönlicher Sympathie für „lovely Lena“, Gefallen am Pep ihres Songs und der Verbundenheit, die ich empfinde, weil Lena aus meiner derzeitigen Wahlheimatstadt stammt, habe ich mich doch tatsächlich gestern Abend irgendwann dazu hinreißen lassen, mich diesem Eurovisions-Spektakel zuzuschalten. Erstaunlich, weil mir Veranstaltungen dieser Art eigentlich völlig gegen den Strich gehen. Genauso erstaunlich fand ich dann mitanzusehen, wie überwiegend gut Lena und ihr Song auch bei unseren europäischen Nachbarn ankommt und dass mein Sympathie-Empfinden für Natürlichkeit und Hingabe offensichtlich voll im Trend liegt.

  2. Wolfgang Fladung sagt:

    Vielleicht, lieber Bronski, bin ich mit meinen knapp 65 einfach zu alt, um einer dünnen hannoveranischen Abiturientin mit einem noch dünneren Stimmchen mit einem Lied, eher eine Art Sprechgesang, in grauenhaftem zusammgestoppelten Pseudo-Cockney-Akzent etwas abzugewinnen.

    Ich habe mir einfach mal zum Vergleich eine CD von Etta James von 2004 angehört, die Dame war damals 66 – und mich getröstet, das es Gottseidank auf dem Plattenmarkt nicht nur Lena-Stimmchen gibt.

    Wenn die Politik aus Meseberg mit einem „Satellite“ vergleichbaren Ergebnis zurückkommt (was zu befürchten ist), dann,

    Guude Nacht, Sannche!

  3. Markus Dehnerle sagt:

    Ein Wahnsinn! Ich bin immer noch ganz fertig. Da kann ich ganz gut damit leben, dass es natürlich Menschen gibt, die überhaupt keinen Draht zur Gegenwart und auch keinen Sinn für Stimmungen und bedeutsame Ereignisse haben. Das maxht nichts. Damit muss jeder selbst klarkommen. Man soll ja auch nicht übersehen, dass der ESC einfach eine Unterhaltungssache ist. Und Stimmchen hin oder her, auf diese Debatte kommt es ja nicht an. Sondern darauf, dass Europa einen deutschen Beitrag gewählt hat. Dabei war ganz sicher nicht die stimmliche Qualittä verantwortlich, wenn man sich die Konkurrenz anschaut. Irland, Portugal, Norwegen, alles Beiträge von hoher stimmlicher Qualität. Daran hätte vielleicht auch ein Wolfgang Fladung Spaß gehabt. Aber Europa hat andere Prioritäten gehabt. Lutz hat es in seinem Text oben geschrieben und dem stimme ich vollkommen zu.

  4. Jörg Nazarow sagt:

    @3
    Ein Wahnsinn! Ich bin immer noch ganz fertig. Da kann ich ganz gut damit leben, dass es natürlich Menschen gibt, die überhaupt keinen Draht zur Gegenwart und auch keinen Sinn für Stimmungen und bedeutsame Ereignisse haben.
    Genau:wir haben die Ölpest,wir sind Papst,wir sind Lena,wir sind Pleite,wir haben Kinderarmut,wir haben Mill.Arbeitslose,WIR SIND GLÜCK
    Darum benötigen wir auch keinen Draht zur Gegenwart.
    Möglich,dass wir auch nur ein wenig besoffen sind von den ständigen Plazebos die es zu fressen gibt.

  5. Markus Dehnerle sagt:

    Was sind Sie denn für ein Bedenkenträger? Dass man sich mal für ein Paar Momente freut heißt doch nicht dass man alles anedre drumherum vergisst. Vielleicht vergisst man es für ein paar Minuten oder Stunden. Aber die Realität kommt doch wieder zurück. Außerdem, an der Ölpest kann ich nichts ändern. Am Papst auch nicht. Pleite sind wir auch nicht, da hilft auch kein Dramatisieren, aber da kann ich was tun, nämnlich durch Wählen und das gilt auch für viele andere Probleme. Und trotzdem kann ich mich für den Moment freuen. Und sicher auch die nächsten Tage noch. Das ist gesund und tut gut. Würde ich Ihnen auch empfehlen.

  6. Wolfgang Fladung sagt:

    Ich habe durchaus mir auch andere Beiträge angehört, und fand den von Dänemark z.B. gut, auch wenn sich die Truppe ein wenig wie Roxette angehört hat. Ich bin trotz meines Alters durchaus auf der popmusikalischen Höhe der Zeit. Ja, hätte keiner gedacht, ein deutscher Beitrag hat klar gewonnen, trotz aller Diskussionen über Schiebereien.

    Aber, lieber Markus Dehnerle, ich bin vielleicht zu mißtrauisch, weil ich mich gut dran erinnere, welche Grausamkeiten die Politik sich während der letzten EM einfallen ließ und wie bestimmte Meldungen im allgemeinen Jubel untergingen.

    Ja, wir sind jetzt alle Lena, und wenn wir demnächst auch noch Fußball-Weltmeister werden, dann öffnen wir nicht nur der Welt dankend unsere Herzen, sondern auch unsere Brieftaschen, lösen unsere Konten und Depots auf, verkaufen unsere Gold- und Silberbestände und laden die Welt zum Mitfeiern ein. Und während wir Lena feiern, erhält die atlantische Meeresfauna von BP die „letzte Ölung“, mit Folgen für die Nahrungskette, die wir noch gar nicht absehen können. Wir können aber dann gerne versuchen, anstatt eines Fischfilets eine Lena-CD zu panieren.

    Ein alter Miesepeter

  7. Markus Dehnerle sagt:

    Ach, Wolfgang Fladung, Sie kommen mir nicht vor wie ein Miesepeter. Ich akzeptiere Ihren Standpunkt. Es kann ja nicht jeder in Lenamanie ausbrechen. Soll auch gar nicht. Geschmäcker sind eben unterschiedlich oder?

    Ich verfolge nebenbei die Sondersendungen im ersten über Lenas Rückkehr nach Hannover. Eben in der Tagesschau kam gleich nach der ersten Meldung (Lena) die zweite über die Ölpest. Man behält das schon im Gedächtnis. Aber was kann man machen? Ich tanke schon seit zewi Wochen nicht mehr bei BP, reicht Ihnen das?

    Ei n Freund von mir ist im Service in einem angesehenen restaurant, wo es Molekularküche gibt. Werde den Vorschlag mit den Lena-Cds weitergeben.

  8. Wolfgang Fladung sagt:

    Werter Herr Dehnerle, ich gönne jedem seine Freude – gibt ja manchmal auch wenig zum Freuen. Ich habe nur sehr oft Probleme mit dieser euphorischen, fast schon besinnungslos zu nennenden, Begeisterung der Massen, wie sie bei solchen Events, beim Fußball, aber auch bei politischen Demagogen und Bauernfängern aufscheint. Das erinnert mich zu sehr an römischen Brot- und Spiele-Vorbilder. Und wenn das Brot zu Ende geht, müssen halt noch mehr Spiele her, irgendwann dann eben Spiele um Brot.

    Freude mit und Begeisterung über Lena z.B. alleine verändert nichts in der politischen Landschaft. Sie hält mit ihrem Kleben an einem Objekt-Subjekt davon ab, z.B. ARAL als BP-Tochter zu boykottieren, oder seinen zuständigen Abgeordneten zu schreiben, was von ihnen und ihrer politischen Führung erwartet wird. Schenken Sie einem Louisiana-Fischer eine Lena-CD, am besten zu hören beim Blick auf Strand und Meer, und schauen Sie, ob dieser sich freut.

  9. Markus Dehnerle sagt:

    *lol*

    Natürlich verändert Freude über Lena nichts an der politischen Landshcaft. Sich nicht zu freuen ändert aber auch nichts.

  10. Jörg Nazarow sagt:

    @5
    Nein ,ich bin kein Bedenkenträger und ich freue mich auch für das wirklich sehr sympatische Mädchen,aber der Zirkus, der nun folgt ist mir nicht sympatisch.Da sind die Wu“ö“lfe aus der Politik die lauern und all die jenigen die aus der Versenkung treten und die Sonnenstrahlen für sich nutzen.
    Die Zombis ,die nur ihren Vorteil ziehen,immer dann wenn es etwas zu verteilen gibt.Und wenn es nur Aufmerksamkeit ist.
    Oja ich mag das Mädchen und ihren Erfolg,aber was hat das bitte mit Deutschland zu tun.
    Ich habe keinen deutschen Gesang gehört.
    Ich sehe keinen Zusammenhang

  11. Wolfgang Fladung sagt:

    Danke für die Akzeptanz, und für den Boykott-Hinweis, Herr Dehnerle. Und ich gönne Ihnen ihre Freude. Sicherlich sehe ich zu viele Zusammenhänge zwischen einem einfachen Schlaflied für die lieben kleinen und einem Einlullen mit musikalischen Psychopharmaka. Und ich stoße mich an der Reihenfolge in den Medien, erst Lena, dann erst die Katastrophe. Ja, wer sich freut, ändert nichts am ausströmenden Öl, aber vergißt für den Moment die schlimmen Dinge. Aber als alter Linker höre ich eben immer noch die Nachtigall trapsen – wir sagten früher: Zwischentöne sind nur Krampf – im Klassenkampf.

  12. Markus Dehnerle sagt:

    Ja, ist ja gut. Musikalische Psychopharamka. Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie damit pauschal allen die jetzt begeistert sind einen politischen Willen absprechen? So ganz pauschal, meine ich. Ohne die Leute zu kennen. Die lassen sich also einfach einlullen. Und morgen, was kommt dann? Der tägliche Kampf. Daran kommt keiner vorbei. Aber an den Moment Freude wird man sich erinnern und er gibt vielleicht ein bisschen Kraft, die den täglichen Kampf leichter macht. Aber darüber hinaus glaube ich, dass Suie die politische Dimension, die der ESC hat, gar nicht richtig verstanden haben. Vordergründig geht es um ein Lied. Hintergründig geht es um einen friedlichen Wettstreit der Nationen und Kulturen. Frage: Haben Sie eigentlich den Blogtalk gelesen, den Bronski zu der Frage veranstaltet hat? Wenn nicht, rate ich Ihnen dringend dazu.

  13. Markus Dehnerle sagt:

    # 10

    Ein deutscher Sieg wäre es also nur wenn Lena deutsch gesungen hätte?

    Nationales Gequatsche!

  14. Anna sagt:

    @ „ein alter Miesepeter“
    Naja, es erscheint mir überhaupt etwas weit hergeholt einen Song-Contest und Politik miteinander in Verbindung zu bringen.
    Eines wäre aber sicher gar nicht falsch, wenn nämlich unsere Volksvertreter mal darüber nachdächten, wie sie eine Politik gestalten könnten, die das „einfache Volk“ grenzüberschreitend so überzeugen würde wie das Lena unterhaltungsmäßig mit ihrem Liedchen gelungen ist.
    Die grassierende Politikverdrossenheit kommt doch zum großen Teil daher, weil zuviel geheuchelt, vernebelt und manipuliert wird, aber kaum einer mehr dumm genug ist, noch daran zu glauben, dass eine Politik zum „Wohle aller“ überhaupt ein Ziel sein könnte.

  15. Markus Dehnerle sagt:

    Bingo, Anna! So verstehe ich Lutz. Am Schluss oben schreibt er:

    „Europa will Authentizität. Und das darf durchaus auch politisch verstanden werden.“

  16. Wolfgang Fladung sagt:

    Joy Fleming nahm am 22. März 1975 am Eurovision Song Contest in Stockholm teil. Mit ihrem Song „Ein Lied kann eine Brücke sein“ landete sie auf Platz 17. …. Auf die Gefahr hin, jetzt zum Miesepeter noch den Macho hinzuzufügen, möchte ich darauf hinweisen, daß es außer der Tatsache, daß Joy deutsch sang, noch einen Unterschied gab: Joy war 12 Jahre älter, und wohl damals schon 30 kg schwerer, und nicht so hübsch wie Lena Meyer-L. Allerdings war ihr Stimmvolumen deutlich größer.

    Ja, die Einleitung von Bronski zu seinem Blogtalk habe ich gründlich gelesen.
    Zur Authentizität: Ja, da kann ich den Ausführungen von Anna weitgehend zustimmen, weiß allerdings nicht, ob Bronski eine europäische Authentizität oder eine deutsche (innerhalb Europas) meinte. Der auch englisch singende Vorjahressieger Alexander Rybak war weißrussischer Herkunft, würde also Multikulti-Lena da noch toppen, weil man ihm seinen slawischen Akzent noch anhörte, wogegen Frau ML sich einen pseudo Cockney- Akzent zulegte, hinter dem sich dann wohl ihre „Authentizität“ verbarg.

    Und Aserbeidschan und andere versuchen wohl mit aller Gewalt, ins europäische Boot zu klettern, weil inzwischen es wohl völlig out ist, noch in seiner Heimatsprache zu singen.

    Mit „musikalischen Psychopharmaka“ meinte ich übrigens nicht Lena, sondern eher die Zombiemusik, welche uns zu unser aller Freude gerne an Samstagabenden dargeboten wird.

    Und zu Ihren Ausführungen, Herr Dehnerle:
    „Vordergründig geht es um ein Lied. Hintergründig geht es um einen friedlichen Wettstreit der Nationen und Kulturen.“

    Zu schön, um wahr zu sein. Was vom friedlichen Wettstreit zu halten ist, zeigte sich aktuell bei der Diskussion um die „faulen schmarotzenden“ Griechen, siehe BILD und diverse Blogs. Da konnte ich den friedlichen Wettstreit zwischen Dummbatzen und Dauerspießern so richtig bewundern, und es wurde ja auch aus Griechenland zurückgekeilt. Und wenn es demnächst auf der Südschiene, also PIIGS-Staaten, weiter bergab geht, werden wir noch ganz andere „politische Dimensionen“ erleben, als derzeit.

  17. Markus Dehnerle sagt:

    Wolfgang Fladung, Autor hier ist nicht Bronski. Und der Blogtalk den ich meinte, ist der hier: http://www.frblog.de/wolther/

    Da wird Ihnen möglicherweise geholfen die politschen Dimensionen zu verstehen.

    „weil inzwischen es wohl völlig out ist, noch in seiner Heimatsprache zu singen“

    Da sind Sie nicht richtig informiert. Acht der Finalteilnehmer haben in Landessprache gesungen, also acht von 25. Und wenn man die Halbfinals mitrechnet, also alle 39 ESC-Beiträge, dann sind 17 in Landessprache gewesen.

  18. Wolfgang Fladung sagt:

    Noch ein Nachsatz: Europa will Authentizität, und deutsche Knete. Wäre auch in Anbetracht der deutschen Exporterfolge, welche ja zu Lasten und auf Kosten der Handelsbilanzen anderer Länder gingen, gerechtfertigt. Allerdings hatte der deutsche Normalbürger wenig bis nix davon, weil die Gelder aus den Exporterfolgen nicht und nie bei ihm ankamen, sondern unterwegs „verdunstet“ sind. Wenn demnächst dann bei uns drakonische Sparmaßnahmen beschlossen werden, dann werden wohl nicht nur deutsche Rentner (Eintrittsalter: 66, demnächst 67, Frankreich: 60, Griechenland: 60, Italien: 60)Probleme mit den politischen Dimensionen bekommen.

  19. Markus Dehnerle sagt:

    Jetzt werde ich aber doch langsam sauer. Sie halten mich für bescheuert, oder? Dann sollten Sie mal darüber nachdenken, inwiefern Ihre Rente aus der Ausbeutung der dritten Welt finanziert wird. In der dritten Welt gibt es keine renten.

    So, und das hat nichts mit Lena und ihrem Sieg zu tun. Geil, einfach nur geil!!

  20. Wolfgang Fladung sagt:

    Sorry, Herr Dehnerle. Wer bitte ist denn der Autor dieses Blogs, doch wohl Lutz (Büge?) Dabei ging es mir auch mehr um Ihre Anmerkungen zu seiner Blog-Einleitung. Aber danke für den Hinweis.

  21. Wolfgang Fladung sagt:

    Nein, Herr Dehnerle, ich halte Sie nicht für „bescheuert“, und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen Hinweis darauf gäben, mit welcher Bemerkung ich diesen Verdacht erregt habe. Das meine Rente „aus der Ausbeutung der 3. Welt“ finanziert wird, halte ich, gelinde gesagt, für abstrus und abwegig. Die Ausbeutung der 3. Welt hat ganz andere Dimensionen, als die meiner Rente, wie z.B. die Tatsache der rücksichtlosen Ausbeutung durch internationale Öl-, Waffen-, Lebensmittel- und Pharma-Multis. Wenn diese Ausbeutung, die Unterstützung heimischer Warlords und Diktatoren, einschl. das Bunkern der Gelder auf Schweizer und Cayman-Konten, nicht statt fände, wäre wohl auch der Beginn bzw. der Aufbau einer Renten-Versicherung in vielen dieser Länder möglich.

    Nebenbei, ich schaffe es trotz meiner bescheidenen Rente von 1070 Euro brutto trotzdem, für Ärzte ohne Grenzen, Greenpeace, Attac und andere Orgas mehr oder weniger regelmäßig zu spenden, und nach dem Motto: Global denken, lokal handeln, mich in der hiesigen lokalen Agenda 21 seit 12 Jahren zu engagieren. Ich achte auf Siegel auf Produkten, FST, Transfair usw. und habe vom kleinen Angesparten 200 Euro für Haiti abgehoben – und Sie?

  22. Markus Dehnerle sagt:

    Und ich:

    kaufe möglichst nur regionale Produkte

    habe 200 euro für Haiti gespendet

    fahre wann immer es geht mit dem Fahrrad, tanke jedenfalls nicht mehr bei BP

    bin bei den Grünen auf lokalre Ebene engagiert, so weit mein anstrengender beruf es erlaubt, sorge für ein zukunftsfähiges multikulturelles Ntzwerk für meine Kinder

    und drücke nebenbei eine erhebliche Summe für meinen Vater ab, der im Pflegeheim ist

    Der ist übrigens Lena-Fan! Mit 81 Jahren!

  23. Wolfgang Fladung sagt:

    Super! Und meine Mutter war von 2006 bis zu ihrem Tod Ende 2008 im Pflegeheim, was dann zum Aufbrauchen der Ersparnisse führte, und mir als einzigem Erbschleicher dann nichts hinterließ, und das war auch gut so. Und wenn Sie mir jetzt noch verraten, warum und mit welcher Bemerkung ich Sie für angeblich „bescheuert“ gehalten habe, können wir uns ein Glas Wein gönnen, und auf die gemeinsame grüne Vergangenheit anstoßen (ich war hier im Kreisvorstand, bin aber dann, wegen Afghanistan, bei den Grünen ausgetreten, weil ich es nicht einsah, daß deutsche für amerikanische Wirtschaftsinteressen den Kopf hinhalten sollen).

  24. Wolfgang Fladung sagt:

    Natürlich, Herr Dehnerle, interessiert mich außer der Begründung auch, wie Sie den ersten Teil meines Beitrages sehen und ob dieser Ihr harsches Urteil, meine Rente würde aus der
    Ausbeutung der 3. Welt finanziert, ein wenig, sagen wir, abmildert.

  25. Markus Dehnerle sagt:

    Ich sags Ihnen ganz knapp am Beispiel. Sie schreiben: „Europa will Authentizität, und deutsche Knete.“

    Das ist eine eigentlich ungeheuerliche Verdrehung. Sie verwechseln nämlich die Europas, um die es hier geht und das ist wohl der eigentliche Punkt, warum wir uns n icht verstehen.

    Girechenland will unsere Knete und gibt Lena 2 Punkte. Portugal will vielleicht irgendwann unsere Hilfe und gibt Lena 1 Punkt. Italien ist gar nicht erst dabei, so sehr wollen die unsere Hilfe. Irland will wohl eher unsere Hilfe, die gaben Lena 8 Punkte. Demnach ist wohl vor allem Spanien drauf aus uns abzuzocken, denn die gaben Lena 12 Punkte.

    Jetzt klar, um welche Ebenen es geht?

  26. Wolfgang Fladung sagt:

    Danke für die Antwort, Herr Dehnerle. Leider stellt diese mich nicht zufrieden, weil ich keinen Zusammenhang zwischen meinen Ausführungen und dem Sie für bescheuert halten, herstellen kann. Ich hätte vielleicht einen Gedankenstrich hinzufügen müssen, also so: Europa will Authentizität – und deutsche Knete.
    Natürlich will ich nicht behaupten, daß es einen Zusammenhang zwischen den Länder-Voten und deutschen Euro-Stützungsgeldern gibt – da wäre wirklich absurd. Ich habe nur den Verdacht, und diesen geäußert, es könnte einen Zusammenhang geben zwischen der Abstimmung für Lena (eine TV-Sondersendung jagt die andere) und deutscher Knete. Und zwar insofern, als ich als Kind, wenn ich von Oma oder vom Stiefvater Geld erbetteln wollte, wußte: Warte auf den Augenblick, in der diese in Geberlaune sind. Und befördere die Geberlaune durch Witzchen, Hilfsdienste, ein Gläschen Likör oder Ähnliches. Natürlich kann ich mich irren, und hoffe dieses auch. Aber wenn ich dann Meldungen lese, daß hier möglicherweise auch Hilfspakete geschnürt wurden, die den deutschen Steuerzahler belasten und franz. Banken entlasten, was die Griechenland-Hilfe anbetrifft, dann werde ich halt mißtrauisch.

    Und das mit der „Authentizität“ ist mir immer noch zu nebulös. Da wäre mir „Solidarität“ lieber, weil ich von einem mit mir solidarischen Mit-Europäer eher Hilfe und Unterstützung erwarten kann als von einem authentischen.

    Danke für Aufklärung, damit ich weiß, um welche „Ebenen“ es Ihnen geht.

  27. Markus Dehnerle sagt:

    Ich hab jetzt keine Zeit. Empfhele Ihnen aber den Blogtalk, da erfahren Sie eine Menge über die Ebene, von der ich rede

    link siehe oben

  28. Wolfgang Fladung sagt:

    Herr Dehnerle: Und nach wie vor warte ich auf Ihre Antwort, warum mir die 3. Welt meine Rente bezahlt. Vermuten Sie bei mir Betriebsrente von Shell, oder Deutsche Bank, oder Nestle?

  29. Wolfgang Fladung sagt:

    Wichtiger ist mir Ihre Antwort auf meine Frage, was die 3. Welt mit meiner Rente zu tun hat – bitte dann beantworten, wenn Sie wieder Zeit haben. Ich werde inzwischen meine Zeit nützen, um mögliche Antworten aus dem von Ihnen angeführten Blogtalk (da gibt es auch einen Vorläufer) heraus zu destillieren.

  30. Wolfgang Fladung sagt:

    Sehr geehrter Herr Dehnerle,

    ich bin jetzt Ihrer Empfehlung gefolgt und habe bis zum Beitrag No. 54 in dem von Ihnen angeführten Blogtalk gelesen. Eine Ebene habe ich in meiner möglicherweise vorhandenen Beschränktheit nicht entdecken können. Aber vielleicht handelt es sich ja um eine Metaebene, also eher spiritueller Natur?

    Es ist immer wieder nett, und passiert mir leider immer wieder, daß ich beim Nachfragen auf andere Blogs verwiesen werde, in deren Dschungel ich mich dann zurechtfinden soll. Das erleichtern dann dem Verweisenden auch die Antwort auf mein Nachfragen: Ich kriege keine.

    Vielen Dank für die Zusammenarbeit.

  31. BvG sagt:

    Hommage an Frank Zappa

    If I win this competition

    Folks, the sounds of my guitar
    are planned and gently weeping,
    I know, the Whiskey from your jar
    is the reason why you’re peeping.

    If I win this competition,
    I’ll place the trophy in my loo,
    no offense, it’s all ambition,
    and someone drunk the water, too.

    I’ll sing the song with some expression,
    in languages I do not know,
    just to nail your childish passion,
    and to stand this stupid show.

    If you don’t vote, I’ll know you’re drunk,
    if you do, I’m sure you’re drinking,
    I am your’s, you stupid punk,
    a pink projection of your thinking.

    If I win this competition,
    I’ll be happy, grateful too,
    and, no offense, it’s all ambition,
    and all the shame I pass to you.

    I did not want this competition,
    but you’ve asked for my reply,
    I am dead, but your ambition
    proved my stubitity to die.

  32. I. Werner sagt:

    Bevor die Fußball-WM nach Berlin kam, hatte ich die schlimmsten Vorstellungen von Krawallen und war dann überrascht,wie friedlich und fröhlich die Gäste aus aller Welt hier gefeiert haben. Es wurde in allen Sprachen palavert, gefrühstückt…. Tolle Stimmung in der Stadt. Selbst das Schwingen der deutschen Fahne hat mich nicht mehr so irritiert. Auch das Ausland hat das wohlwollend kommentiert. (die Deutschen haben jetzt ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Land). Und jetzt haben wir Lena, eine sehr nette Oberschülerin, sie hat den Eurovision Song Contest gewonnen. Jetzt fühlen wir uns international gestreichelt, das tut gut. Und das brauchen wir ja auch, in dieser Zeit. Die ARD sendet sogar eine Extrasendung und verschiebt andere Sendungen. Aber diese fröhlichen Spiele – da haben alle Bedenkenträger Recht – lenken ab von den Sorgen dieser Welt.

  33. Wolfgang Fladung sagt:

    Wow! Diese Lena-Mania! Und dieses Jahrhundert-Ereignis – wir gewinnen mit Lena den ERC – läßt natürlich solche Lappalien wie das noch mindestens bis August im Golf sprudelnde Öl oder die Herabstufung der Bonität Spaniens durch die Ratingagentur Fitch in den Hintergrund treten. Um diese Lena-Begeisterung für ein natürliches, authentisches Mädchen ggf. zu teilen, habe ich mir gestern Abend die Sondersendung um 21.45 in der ARD angeschaut und gerne 30 Minuten auf den Will’schen Debattierclub gewartet – ging ja auch um Unwichtiges.

    Elektronisch aufgemotzt, mag ja die Darbietung von Frau Meyer-L. noch als Gesang durchgehen, aber ohne Sound-Hilfsmittel? Da wurde die Dame für mich plötzlich zu einer Figur aus dem Andersen-Märchen: Die kann ja gar nicht singen, und noch nicht mal einen Ton halten (so wenig wie Stefan Raab Gitarre spielen). Es war doch ein Song-Contest, oder doch eine Miß-Wahl? Ja, Lena ist authentisch, so wie der Gesang in ihrer Muttersprache, war der Vater doch Dock-Arbeiter an der Themse und die Mutter stammt aus Jamaika – deshalb auch der wohl als „authentisch“ durchgehen sollende Pseudo-Cockney-Slang.

    Ich vermute, daß bei Lena so etwas wie ein Junghund-Bonus da ist. Süß, knuddelig, zutraulich, authentisch wie jeder kleine Hund – da verzeiht man gerne, wenn er noch nicht richtig bellen kann.

    Ein israelisches Elite-Kommando hat am frühen Morgen Schiffe der „Solidaritätsflotte“ für den Gaza-Streifen attackiert. Bei der Militäraktion wurden laut einem TV-Bericht bis zu 16 Menschen getötet. Die Türkei protestierte gegen den Einsatz, ein Minister in Jerusalem äußerte „Bedauern für die Toten“. Auch eine Art von „Authentizität“?

    Und warum sind Aserbeidschan, Georgien und Israel beim ERC (E u r o p ä i s c h e r SC) dabei, und nicht Peru, Sambia, Marokko, die Mongolei und Neuseeland? Und was wurde aus dem von Stefan Raab aufgebauten Max Mutzke?

    Aber Hauptsache, uns Lena ist 2011 wieder dabei. Vielleicht sprudelt das Öl bis dahin ja auch noch – Kontinuität ist ja auch was wert.

  34. Anna sagt:

    Ohje, da geht aber jemandem dieser Medienrummel schwer auf den Geist.
    Ich finde die Inszenierung einer „Lena-Mania“ auch völlig absurd und daneben. Freude über den überraschenden Sieg ist ja in Ordnung, man sollte sich ja schließlich den Spaß an kleinen Dingen bewahren, auch – oder gerade – in schweren Zeiten. Aber was da nun so alles in eine Nichtigkeit hineininterpretiert und völlig übertrieben hochstilisiert wird, lässt die Sympathien fast schon wieder ins Gegenteil kippen. Ein Trost, dass von dem Theater wahrscheinlich schon morgen nichts mehr zu hören und sehen sein wird. (Hoffentlich!)

  35. Werner Engelmann sagt:

    Mit Verlaub, Herr Fladung, ich halte die (scheinbaren) Zusammenhänge, die Sie meinen aufzeigen zu müssen, für reichlich überzogen. Besonders stören mich die falschen Fronten, die Sie aufbauen: zwischen alt und jung, politisch interessiert und nicht interessiert, Lenas „dünnes Stimmchen“ und – ja was eigentlich? (habe ich nicht verstanden).
    Nun bin ich auch in Ihrem Alter und finde Lena und den diesjährigen „Song-Contest“ insgesamt (im Unterschied zu früheren) durchaus erfrischend. Auch oder gerade als Alt-68er (zu denen ich mich durchaus zähle) sollte man sich anderen Einstellungen und Geschmäckern gegenüber aufgeschlossen und tolerant zeigen, auch gegenüber dem, was hier als „Lena-Manie“ bezeichnet wurde. Ähnliches gab es früher schließlich auch.
    Ich habe als junger Student zur Zeit der ersten „Beatles-Manie“ mit einem älteren Medizin-Studenten zusammen gewohnt, der diese mit den Worten begrüßte: „Das erspart den Psychotherapeuten.“ Und was wir damals als befreiend erlebt haben, warum sollten wir das jungen Menschen mit dem Argument vermiesen, sie sollten sich lieber mit Umweltkatastrophen befassen? Schließlich schließt das eine das andere nicht aus. Auch die 68er hatten bekanntlich nicht nur Politik im Kopf.
    Positiv finde ich die Erfahrung (wie schon im letzten Jahr), dass billige Showeffekte gegenüber persönlicher Ausstrahlung den Kürzeren ziehen und dass nationalistische Instinkte und Stützmaßnahmen für Nachbarn, vor allem in osteuropäischen Ländern, sich als wirkungslos erweisen, wenn ein Song mit durchaus bescheidenen technischen Mitteln über viele Länder hinweg Anklang findet. Ich meine, man sollte (bei aller Konkurrenz) das über Grenzen Verbindende nicht unterschätzen.
    Ich habe die Veranstaltung im französischen Fernsehen (Fr 3) verfolgt, wo die Wertung des französischen Beitrags (den ich reichlich blöd fand) von 2 Kommentatoren mit Worten begleitet wurde wie etwa: „Die haben uns keinen Punkt gegeben. Da fahre ich nicht mehr hin!“ Dann aber folgten durchaus anerkennende Worte für Lena und auch andere Beiträge. Man sollte solche „nationalistischen“ Bemerkungen nicht so ernst nehmen, ebenso wie etwa ein über 1 Minute langgezogenes „gooooooooooooooal!“ eines spanischen Fußball-Kommentators.
    Ich sehe in den deutschen Reaktionen (wie auch beim „WM-Sommermärchen“ durchaus eine Normalisierung im europäischen Maßstab. Und wenn ein junges Mädchen, das durch seine „Authentizität“ in Deutschland begeistert, auch international (besonders in skandinavischen Ländern, wo man von Popmusik ja durchaus etwas versteht) Anklang findet, dann kann das doch durchaus Anlass zu Freude sein, die man sich auch nicht durch überzogene Maßstäbe von „Qualität“ vermiesen lassen sollte!
    Werner Engelmann

  36. Werner Engelmann sagt:

    Noch eine Ergänzung: Als Mutter- und Fremdsprachenlehrer finde ich es auch bedauerlich, dass (wohl wegen des Anpassungsdrucks) kaum noch jemand den Mut findet, in der Muttersprache zu singen. Doch auch das ist nicht neu: Opern wurden früher schließlich fast ausschließlich in Italienisch, der „Musiksprache“ gesungen.
    Dass sich heute Englisch als Musiksprache durchgesetzt hat, kann ich immer noch eher akzeptieren als eine lächerliche (wohl von Werbung geprägte) Anglomanie, welche durchaus treffende deutsche Wörter durch schwammige Anglizismen ersetzt und so die eigene Ausdrucksfähigkeit schädigt.

  37. BvG sagt:

    Vorweg eine Kleinigkeit:
    „Muttersprache“ und „Vaterland“ sind dummsinnige Metaphern, die Stefan Raab perfekt in’s Lächerliche zieht.

    Eine Veranstaltung, die Verständigung zum Ziel hat, muss entweder eine gemeinsame Sprache vorgeben, oder eine gute Übersetzung der Vorträge anbieten.

    Auch dieses Problem wurde von Raab perfekt persifliert. Entweder akzeptiert man fehlerhafte Akzente, oder man lernt 39 Sprachen.

    Die Grenzen Europas liegen dort, wo die Arroganz die Kenntnisse übertrifft.

  38. Götz Heinrich sagt:

    Zum Leitartikel „Generation Copy

    Die stetige Suche nach neuen, passend scheinenden Generationenbegriffen ist sicherlich legitim, und durchaus gewinnbringend. Aber manchmal geht sie auch, mit Verlaub, einfach auf den Keks. Da greift man sich beliebig eine tagesaktuelle Erscheinung wie „LML“ heraus und macht sie zum angeblich ‚gefeierten Sozialisationstyp‘. Und diese Generationenabfolgen werden scheinbar immer kürzer – ist Generation Praktikum mit Elton abgeschlossen, und jetzt kommt Lena, „Generation copy“? Es fehle ihr an Authentizität, Gesangstalent und „choreographischer Finesse“, schreibt Herr Nutt. Eine Nachahmerin, eine Bespaßerin ihrer selbst, die als Gallionsfigur ihrer Generation natürlich irgendwas mit Medien machen wolle.
    Aber die Diskussion um Stimme oder Tanzvermögen von Popsängern etc. ist altbacken und doch längst hinfällig – oder stellten den erfolgreichen Acts der letzten Jahrzehnte die Opernsänger und Balletttänzer die Mehrheit? Wäre es authentischer oder deutscher gewesen, man hätte zum Song Contest ein älteres Semester mit langjähriger Gesangs-, Tanz- und Bühnenerfahrung geschickt, das zuvor eine ordentliche Bewerbungsmappe eingereicht und als Berufswunsch Steuerfachangestellter angegeben hätte?
    Was würde denn Lena und ihre Generation authentischer machen? Ist es wirklich ein kreierter Stilmix, wenn eine 19jährige „Jugendlichkeit und avanciertes Checkertum erklingen lässt“? Das sei ihr und ihrer Generation als Spezifikum (?), zusammen mit etwas „Welpenschutz“ in ihrem „fortgeschrittenen Alter“, ruhig gegönnt. In einem Zeitalter, da Medienkompetenz praktisch schulische Ausbildung bzw. vorausgesetzte Allgemeinbildung für Abiturienten darstellt, jungen Leuten die Affinität hierzu anzukreiden, ist doch unsinnig. Vielmehr wird sie eingefordert, und es wäre auch erstaunlich, wenn sich das in den letzten Jahrzehnten explodierte Medienangebot nicht im alltäglichen Leben niederschlagen würde. Und schlussendlich tragen die Medien ihren Teil gehörig dazu bei, das Bild von der Jugend zu formen, in der scheinbar jeder junge Mann Rapper und jedes Mädchen Model werden will. Aber wir leben ja auch nicht in einer Welt, in der es nur Ärztinnen und Polizisten gibt.
    Dass der europäische Traum vielleicht doch mehr umfassen könnte als die gemeinsame Währung, zeigt so ein Event wie der Song Contest allemal, wenn vielleicht für manchen auch auf etwas zu glitterhaltig-oberflächliche Art. Für die angebliche „Generation copy“ ist dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nichts neues, begrenzte Globalisierung via Easy-Jet auf privater Ebene wird mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit. Es erhöht sogar ganz authentisch die Jobchancen und heißt dann etwa Sprachreise oder Auslandssemester.
    Das ‚ganz andere europäische Spiel‘, das man ruhig auch mal feiern darf, hat schon die Generation vor Lena längst begonnen.

  39. Paul Ney sagt:

    Europa will Authentizität — der Titel von Lutz, Hauptartikel gepostet am 30.05.2010 04:04. Was bedeutet hier „Authentizität“ in Hinsicht auf den ESC bzw. ESC2010 (oder auch ESC1982)? Das scheint mir, etwas unklar zu sein. Man könnte auch fragen, was ist authentisch bzw. unauthentisch?

    Im Blog wurde auch die Sprache des Siegesliedes und anderer Beiträge angesprochen. Vielleicht singt mal Lena Satellite auch auf Deutsch, eine passende Übersetzung des Textes oder gar ein neuer Text wäre nötig. Steht einmal die Musik, so muß der Text auch dazu passen (wg. Metrik usw.).

  40. Paul Ney sagt:

    [FR4kids] ESC in FRiSCH (FR in der Schule) wäre m.E. wünschswert, da könnten auch die Erwachsenen nachlesen, was die Jugend zur Eurovision — allgemein und auch insb. zu ESC2010 — sagt.

  41. Dr.Winnen Peter sagt:

    Jennifer Braun hat völlig recht, wenn sie äußert, dass der Hype um Lena übertrieben war; ich möchte sogar so weit gehen und behaupten, dass er unerträglich war.
    Die mediale Dauerpräsenz dieses durch ihr puppenhafte Physgionomie und ihren eigentümlichen artefiziellen englischen Akzent die Massen verzaubernden Teenagers hatte und hat noch bizarre Züge. Offenbar ist diese Person in Zeiten dauerhafter wirtschaftlicher Hiobsbotschaften die ersehnte Identifikationsfigur.
    Völlig irrational wird das Spektakel jedoch, wenn ein offenbar größenwahnsinnig gewordener Raab apodiktisch fordert, dass Meyer-Landrut einfach im nächsten Jahr noch einmal antreten muss.

  42. fox sagt:

    Die Tatsache, dass die Maffiosis in Europa, zumindest beim ESC, auf dem Rückzug sind, zeigt doch, dass die Gesellschaften der europäischen länder zusammenwachsen. Man entscheidet nicht mehr nach Herkunft, sondern erwählt das, was einem gefällt.

    Mag sein, dass der ESC generell etwas platt daher kommt. Trotzdem finde ich ihn als gesamteuropäisches Ereignis trotz des ganzen Kitsches, der sich da in die Ohren frisst, spannend. Ich hab mich über so viel Zustimmung selbst aus Ländern, von denen man es niemals erwartet hätte, gefreut.

    Lenas Auftreten nach ihrem Auftritt fand ich allerdings etwas…skurril. Allgemein fände ich es toll, wenn endlich diese Fassaden aus den Casting-Shows von den Teenies nicht mehr gewünscht werden, sich die musizierende Jugend vom Jury-Pöbel a la Dieter Bohlen endlich emanzipiert und ganz einfach das interpretiert, was ihr selbst auf dem Herzen liegt. Von mir aus kann das dann auch schrullig klingen. Mir fehlen aber jene untalentierten Talente wie aus den 60er oder 70er Jahren, die zwar schlecht gesungen haben, aber Charakter hatten. Die etwas mitzuteilen hatten. Diese ganze Professionalisierung der Musikszene geht mir auf den Keks.