Kartoffelkäfer und andere entzückende Titulierungen

Kartoffelkäfer und andere entzückende Titulierungen

Von Helga Wöll

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Nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 wurde Danzig polnisch. Als Deutsche waren wir dort nicht mehr gelitten, sondern ohne Pardon rausgeschmissen. Am Heiligen Abend 1945 bestieg ich im Alter von 14 Jahren zusammen mit meiner Mutter, meinem elf Jahre älteren Bruder Hans und meiner Schwägerin Edith im Danziger Bahnhof einen Zug, der ohne Fensterglas und ohne Beleuchtung recht geisterhaft und gespenstisch aussah. Heizung hatte er auch keine. Dieser Zug sollte uns irgendwohin nach Deutschland bringen.

Leider hatte sich mein Vater am 10. April 1945 nach Folterung durch die Russen erhängt und weilte nicht mehr unter uns.

Nachdem wir acht Tage bei Eiseskälte unter Bewachung durch polnische Miliz im Zug verbringen mussten, fuhr er endlich los. Erste Station: Aufenthalt auf dem Zementboden einer Zuckerfabrik in Schneidemühl bei Stettin. Danach durchkreuzten wir viele Lager, lernten viele Läuse kennen, und immer hatten wir Hunger. Meine Mutter, die sehr krank war, mussten wir unterwegs in Pasewalk bei fremden Leuten zurücklassen, da sie nicht mehr weiter gehen konnte. Später erfuhren wir, dass sie bald danach gestorben war und in einem Massengrab beerdigt wurde. Ich war sehr traurig darüber.

Wöll Buchmesse 2010Wir – mein Bruder, meine Schwägerin und ich – kamen nun endlich in Wetzlar an, was unser Zielort war. Vom Bahnhof kommend, suchten wir total erschöpft bei Nacht und Nebel nach der Adresse meiner Tante Frieda, die ein Haus hatte. Dunkel war es auch, da gerade Sperrstunde herrschte. Sie war total überrascht, nahm uns jedoch bei sich auf. Wir drei bekamen ein Zimmer unter dem Dach und waren froh, nach wochenlanger Odyssee wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen zu können. Wieder plagte uns der Hunger, und als meine Tante einen Pferdekopf an Land ziehen konnte, gab es für uns alle ein wahres Festessen.

Helga Wöll mit ihrem Buch im Jahr 2010
auf der Frankfurter Buchmesse.
(Foto:privat)

Später wurden wir durch das Einwohnermeldeamt bei einem Ehepaar in Wetzlar einquartiert. Er war Mathematiklehrer am Gymnasium und sie war Krankenschwester. Es waren sehr gute Leute, bei denen wir ein Zimmer und eine Küche zugewiesen bekamen. Ich schlief in der Küche. Das Wohnzimmer jedoch war uns allen zugänglich.

Als „Begrüßungsgeld“ bekam jede Person damals 100 Reichsmark. Ich kaufte mir davon ein einfaches Holzbett, einen Besen und eine Schaufel.

Auf den Straßen wurden wir oft von unseren eigenen Landsleuten beschimpft. Man nannte uns zum Beispiel „Kartoffelkäfer“ oder auch „Rucksackleuner“, und es gab auch noch andere entzückende Titulierungen. Kartoffelkäfer gab es damals wirklich auf den Stauden; dies war ein „Segen“ der Amerikaner seinerzeit aus der Luft. Um gerecht sein zu wollen, muss man die Menschen von damals auch verstehen können, denn nach dem Krieg hatten alle nicht viel zum Leben. Und somit auch nicht zum Teilen.

Hans, der seinerzeit schon in Stettin sein Studium als Bauingenieur beendet hatte, bekam nun glücklicherweise eine Anstellung beim Kreisbauamt in Wetzlar. Da wir nicht als Schmarotzer erzogen waren, verließen wir uns nicht auf das Sozialamt, sondern ich ging zuerst mit 15 Jahren zur Firma Leitz (Leica) Optische Werke zum Linsenputzen. Da ich jedoch durch meinen Vater eine kleine Waisenrente erhielt, schickte mich mein Bruder auf die Zweijährige Handelsschule. Nach Prüfung bekam ich dort ein Stipendium. Nach der Schule konnte ich bei Leitz im Büro anfangen. So konnte ich meinen Weg bis zur Sekretärin machen. Nach und nach waren wir in Westdeutschland integriert und waren nicht mehr die Fremden aus dem Osten.

Um dem Hunger zu trotzen, zogen wir oft zu den Bauern aufs Land, um etwas zu ergattern. Stichwort der Bauern, wenn wir um Nahrung bettelten, war auf Hessisch: „Mer haun naut“, das heißt: „Wir haben nichts“. Da mein Bruder jedoch für die Bauern Baupläne machte, zahlten diese in Naturalien. Meistens Kartoffeln und Brot. Als mein Bruder mit mir zusammen einmal in Volpertshausen bei Wetzlar einen Bauplan ablieferte, stellte uns die freundliche Bäuerin ein Blech mit Pflaumenkuchen hin und sagte: „Esst ma, esst.“ Wir ließen uns das nicht zweimal sagen, und in Nullkommanix war das Kuchenblech leer. Als die Bäuerin aus der Küche kam, staunte sie nicht schlecht, dass von den Kuchen nur noch ein Anstandsrest vorhanden war.

Später bekam mein Bruder eine Wohnung in Wetzlar, und ich nahm mir ein Zimmer. Das Leben ging für uns weiter bergauf.

Helga Wöll, Bad Homburg

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Mit dieser Fluchtgeschichte haben Viktor Funk (Politik-Redaktion) und ich, Bronski, versucht, ein „Thema des Tages“ in der FR hinzubekommen, also einen Themenschwerpunkt auf den Seiten 2 und 3 der Zeitung. Der Versuch ist nicht geglückt, weil wir keinen Gesprächspartner für ein Interview oder einen Gastbeitrag gefunden haben, der etwas zur Vergleichbarkeit oder Nichtvergleichbarkeit von Flüchtlingsschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg und heute sagen konnte und/oder wollte. Für ein „Thema des Tages“ braucht man allerdings immer einen aktuellen Anknüpfungspunkt. Für dieses „Thema“ hat Viktor Funk ein kurzes Interview mit Sebastian Wasmus gemacht, Enkel von Frau Wöll, der sie bei der Produktion ihres Buches „O Danzig, meine Heimat“ tatkräftig unterstützt hat.

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„Das Leid der Vertriebenen muss thematisiert werden“

Interview mit Sebastian Wasmus

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Herr Wasmus, wie haben Sie an dem Buch Ihrer Großmutter mitgewirkt?

Vor allem technisch. Ich habe ihr Computerkenntnisse vermittelt und geholfen zu formatieren. Die Geschichten im Buch waren mir zwar schon bekannt, weil meine Oma über die Vertreibung und ihre Flucht offen erzählt hatte, aber es kamen neue Details hinzu.

Jetzt sind Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, beschäftigt Sie diese Nachricht aufgrund der eigenen Familiengeschichte?

Sebastian WasmusMeine Oma vergleicht die heutigen Nachrichten mit ihren Erfahrungen. Es waren damals ja auch Vertreibungen aus Kriegsgründen, so wie heute auch. Das wiederholt sich jetzt. Die Oma hat schon klar gesagt, dass sie damals als Vertriebene hier nicht unbedingt freundlich empfangen wurden. Die Leute hier hatten ja selbst wenig, Deutschland lag am Boden. Heute hat Deutschland eine völlig andere Wirtschaftskraft und kann mit der Flüchtlingssituation anders umgehen. Wir sprechen zwar im Freundes- und Familienkreis immer wieder über das Thema, aber es ist aufgrund keiner direkten Berührung im näheren Umfeld noch zu keiner detaillierteren Beschäftigung damit gekommen.

Sebastian Wasmus, Enkel von Helga Wöll.
Foto: privat.

Schaffen wir es also, wie es die Bundeskanzlerin Angela Merkel ausdrückte?

Ich denke es ist schwierig, aber ich denke auch, dass es machbar und nicht unmöglich ist. Wichtig ist nur zu unterscheiden, wer ein Wirtschaftsflüchtling ist und wer vor Krieg und Verfolgung flieht.

Welche Rolle spielt es in der aktuellen Zeit, wenn man weiß, dass die eigene Familie eine Fluchtgeschichte hat?

Ich finde es jedenfalls gut, dass meine Großmutter darüber geredet und ihre Geschichte niedergeschrieben hat. Es ist wichtig, dass das Leid der Vertriebenen thematisiert wird. Gelegentlich reden wir dann auch darüber, wie man sich jetzt engagieren könnte. Aber bisher haben wir konkret noch nichts gemacht.

Haben Sie das Gefühl, dass die Fluchtgeschichte ihrer Großmutter Sie geprägt hat?

Sicherlich, am ehesten vielleicht im Charakter und Lebenseinstellung. Meine Großmutter hat immer Kraft und Stärke vermittelt, sie war ja gezwungen worden, völlig neu anzufangen. Mut, Zuversicht, optimistisch in die Zukunft zu schauen, das habe ich von ihr und sie ist mit 84 Jahren nach wie vor so.

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26 Kommentare

  1. hans sagt:

    Ich denke das es relativ sinnlos ist Vergleiche anzustellen zwischen der derzeitigen Flüchtlingskrise und der Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg. Damals ging es um eine in der Menge ziemlich klar bekannte Menge von Menschen die vertrieben wurden. Heute ist die Zahl in Wirklichkeit überhaupt nicht begrenzt. Warum sollte man nicht ein paar Millionen aufnehmen die derzeit in Afrika vom Hungertod bedroht sind? Ist das weniger schlimm als in einem Krieg zu leben? Ich würde mir da kein Urteil erlauben. ES ist also so das es nach dem zweiten Weltkrieg eine klar umrissene Aufgabe gab, im Gegensatz zu jetzt. Jetzt haben wir ein unlösbares Problem. Mit der Zuwanderung von relativ wenigen lässt es sich schon mal gar nicht lösen. Wenn man es wirklich schaffen will dann müssen die Fluchtursachen vor Ort bekämpft werden. Zum Beispiel sollte man das verhungern von Menschen die es nicht nach Europa schaffen, weil sie kein Geld für Schleuser haben, verhindern.

  2. Bronski sagt:

    @ hans

    Nun, wenn es „relativ sinnlos“ ist, ist es ja vielleicht nicht ganz sinnlos.

    „Damals ging es um eine in der Menge ziemlich klar bekannte Menge von Menschen die vertrieben wurden.“

    Ich denke, da irren Sie sich. Wenn die Zahl der Menschen „ziemlich klar“ bekannt gewesen wäre, hätten wir heute einen Überblick. Tatsächlich weiß niemand, wie viele Menschen damals genau vertrieben wurden und Flüchtlinge waren. Bei Wikipedia finden Sie daher die ungefähre Zahl von zwölf bis 14 Millionen. Das ist eine Größenordnung über den Flüchtlingszahlen, über die wir heutzutage bisher reden. Wenn Sie dann sagen: Okay, nicht vergleichbar!, stimme ich Ihnen zu: Damals war es viel schlimmer.

    „Warum sollte man nicht ein paar Millionen aufnehmen die derzeit in Afrika vom Hungertod bedroht …“

    Weil wir von den Flüchtlingen reden, die aktiv nach Deutschland zu kommen versuchen.

    „Es ist also so das es nach dem zweiten Weltkrieg eine klar umrissene Aufgabe gab, im Gegensatz zu jetzt.“

    Ich denke, die Aufgabe ist heute nicht weniger klar umrissen: Existenzsicherung der Flüchtlinge in Würde auf dem Fundament der westlichen Werte, als da wären: UN-Menschenrechtscharta, Genfer Konventionen, Europäische Menschenrechtskonvention und Grundgesetz.

    „Jetzt haben wir ein unlösbares Problem.“

    Wir müssen dieses Problem lösen. Es kommen Probleme in ganz anderen Größenordnungen auf uns zu, wenn ich die Auswirkungen der Freihandelsverträge zwischen EU und den afrikanischen Staaten zusammennehme mit Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Umweltverschmutzung und Wassermangel. Wenn wir schon das aktuelle Problem nicht zu lösen vermögen, dann sehe ich wirklich schwarz für die Zukunft.

    „Wenn man es wirklich schaffen will dann müssen die Fluchtursachen vor Ort bekämpft werden.“

    Da haben Sie – obwohl Sie kurz zuvor sagten, das Problem sei unlösbar – einen Punkt benannt, an dem man anknüpfen kann. Ich habe Sie schon richtig verstanden: An den gegenwärtigen Flüchtlingszahlen werden wir nichts ändern, wenn wir jetzt die Fluchtursachen zu bekämpfen versuchen, denn diese Flüchtlinge sind ja schon da. Aber „das Problem“ wird auch dann weiter bestehen, wenn es gelingen sollte, eine Friedenslösung für Syrien zu finden, denn der islamistische Fundamentalismus wird weiterwandern und anderswo Nährboden finden. Sollte es ihm gelingen, bevölkerungsreiche Länder wie Ägypten oder Nigeria zu destabilisieren, sind wir mit unserem Latein am Ende.

    Auch wenn Flucht, Vertreibung und die Ursachen von beidem nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und heute nicht direkt vergleichbar sein mögen, gibt es doch vielfältige Anknüpfungspunkte, an denen Analogien auftauchen. Warum soll man nicht danach fragen? Was liegt näher, als in der eigenen Vergangenheit zu forschen, wenn man weiß, dass Deutschland in seiner Vergangenheit eine massive Flüchtlingswelle erfolgreich bewältigt hat?

  3. Brigitte Ernst sagt:

    Ich bin der Auffassung, dass es einen sehr großen Unterschied gibt zwischen der Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg und der heutigen.
    Damals handelte es sich um „Volksgenossen“, und es erhob sich gar nicht die Frage, ob sie in Restdeutschland aufgenommen werden sollten oder nicht. Sie gehörten zum Staatsvolk und damit hatten sie das Recht, ohne Angabe von Fluchtgründen und gerichtliche Entscheidungen aufgenommen zu werden. Das war wirklich alternativlos, denn es gab ja kein anderes Land, das eventuell die moralische Verpflichtung hätte verspüren müssen, sie zu beherbergen, schon gar nicht nach einem solchen Krieg, den ja Deutschland, d.h. ein Großteil seiner Bürger, allein zu verantworten hatte. Auch wenn damals in der Wahrnehmung der Bevölkerung der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten eine größere Rolle spielte als heute und es aus Futterneid zu Diskriminierungen kam, wurden die Flüchtlinge doch als der eigenen Kultur zugehörig empfunden und waren derselben Sprache mächtig, wenn auch mit dialektalen Unterschieden. Sie hatten eine vergleichbare Schulbildung und vergleichbare Berufsabschlüsse, weshalb sie sofort in die Aufnahmegesellschaft integriert werden konnten.
    All das trifft auf die heutigen Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea etc. nicht zu, d.h. es bedeutet einen erheblich größeren Aufwand, sie zu integrieren. Außerdem hat die gesamte internationale Völkergemeinschaft die Verpflichtung, sich um das Wohlergehen der Flüchtenden zu kümmern, und manche(r) Deutsche fragt mittlerweile: Warum eigentlich wir, während sich andere schön raushalten? Es gibt eine Diskussion, weil es Alternativen gibt. Damals dagegen blieb Westdeutschland gar keine Wahl, als die Flüchtlinge aufzunehmen.
    Aus den obengenannten Gründen bin ich nicht der Auffassung, dass uns die Erfahrung mit der Fluchtbewegung nach dem zweiten Weltkrieg eine Hilfe sein kann bei der Bewältigung der heutigen Krise. Zu groß sind die Unterschiede bezüglich Bedingungen und Anforderungen. Das Verbindende könnte sein, dass man vonseiten derjenigen, die damals die Entbehrungen, die Traumata und die Entwurzelung der Flucht am eigenen Leib erfahren haben, mehr Empathie für die Schutzsuchenden erwarten könnte als von Menschen ohne solche Erfahrungen.

  4. hans sagt:

    Der Hauptgrund warum der Vergleich mit der Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg nicht zulässig ist lässt sich in einem Satz sagen. Damals wurden alle Vertrieben und nicht nur Leute die sich für einen vierstelligen Eurobetrag einen Schlepper leisten können.

  5. Bronski sagt:

    @ hans

    Vielleicht sollten wir mal ein Missverständnis ausräumen. Was Sie meinen, wenn Sie „vergleichen“ sagen, ist eigentlich „gleichsetzen“. Davon redet aber niemand. Es ist ja wohl selbstverständlich, dass man alles vergleichen kann – Sie und mich, Äpfel und Birnen, Erde und Mond. Vergleichen ist ein Prozess, bei dem man Unterschiede, Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten herausarbeitet. Und deswegen ist es absolut und jederzeit erlaubt, auch die Fluchtbewegung unserer Zeit mit der nach dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen. Dass es damals keine Schleuser gegeben hat, ist dann eben ein Punkt, der auf der Seite der Unterschiede zu verbuchen ist. Und warum hat es keine Schleuser gegeben? Das wäre die nächste Frage, und da fängt es an, interessant zu werden.

    @ Brigitte Ernst
    Ihr Argument mit den „Volksgenossen“ wirkt auf den ersten Blick schlüssig, auf den zweiten aber bröckelt es sehr schnell. In vielen der Flüchtlingsberichte der Nachkriegszeit, die mir vorliegen, wird von Vorbehalten der Ansässigen gegenüber den neu angekommenen „Volksgenossen“ erzählt, die verdächtig nach Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit aussehen. Und zwar nicht nur aus „Futterneid“. Diese Berichte sind noch längst nicht alle veröffentlicht, aber auch unter denen, die schon zugänglich sind, finden sich Beispiele, z.B. in dem Bericht von Herrn Mertens, für dessen Großmutter eine Rheinpfälzerin schlicht eine „Polackin“ war. Dialektale Unterschiede wurden als ausgrenzende Merkmale wahrgenommen, z.B. für Herrn Ullrich aus dem Sudetenland. Eine „Volksgemeinschaft“ war Deutschland damals ganz sicher nicht. Die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge hat anscheinend nur geklappt, weil die alliierten Besatzungstruppen mächtig Druck gemacht haben. Davon erzählten z.B. Herr Krause und Herr Stahlbaum. Diese offensichtlich ablehnende Haltung eines Teils der Bevölkerung können wir in der gegenwärtigen Situation wiederfinden.

    Alle Beiträge sind nachzulesen im Archiv „Ankunft nach Flucht“

    „Manche(r) Deutsche fragt mittlerweile: Warum eigentlich wir, während sich andere schön raushalten? Es gibt eine Diskussion, weil es Alternativen gibt.“

    Ich sehe keine Alternative zu Merkels damaliger Entscheidung, mit der eine humanitäre Katastrophe verhindert wurde. Und wenn Sie fragen: Warum gerade wir? Weil wir dazu verpflichtet sind, die Existenz der Flüchtlinge zu sichern, und weil schnell entschieden werden musste. Siehe mein Kommentar oben, die erste Antwort auf hans. Wir reden gern von der Wahrung der Menschenrechte, wenn es um China, Saudi-Arabien, Iran geht. In diesem Fall waren wir selbst betroffen. Artikel 1 des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Des Menschen! Also aller Menschen, nicht nur der Deutschen. Diese enorme — und wie man sieht keineswegs selbstverständliche — Hilfsbereitschaft hat Deutschlands Ansehen in der Welt kräftig erhöht. Ich werde an unsere Verpflichtungen hinsichtlich der Würde der Flüchtlinge erinnern, wenn in Griechenland die humanitäre Katastrophe eintritt, die sich bereits abzeichnet.

    Aber bei allen Diskussionen über Vergleichbarkeit und Unterschiede finde ich den letzten Satz Ihres Kommentars völlig richtig und unterstreiche ihn dick: Von Schicksalen zu erfahren, die mit uns selbst verbunden sind, weil sie die Schicksale unserer Eltern- und Großeltern sind, führt hoffentlich zu mehr Verständnis und Empathie. Wenn ich mit meinem Projekt „Ankunft nach Flucht“ nur ein Clausnitz zu verhindern helfe, hat sich die ganze Mühe schon gelohnt.

  6. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski: 25. Februar 2016 um 0:05

    Ich möchte Deinen Ausführungen, denen ich voll zustimme, noch zwei Punkte hinzufügen, die für die Wichtigkeit eines solchen Projekts sprechen:
    (1) Empathie
    Bei Wikipedia findet sich hierzu folgende Begriffsbestimmung:
    „Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung; je offener man für seine eigenen Emotionen ist, desto besser kann man die Gefühle anderer deuten.“
    Unter „Narrative Empathie“ wird ausgeführt: „Auch er (Fritz Breithaupt) erklärt gesellschaftliche Empathie als die wichtigste Basis für ein humanes Soziales System.“ (…) Er sieht Literatur – vor Allem Duale Narration – als wichtigste Ursache für empathische Verständigung.“
    Hier wird die wichtige Funktion der bewussten Weitergabe elementarer Lebenserfahrungen deutlich, die meist über Großeltern an die Kinder erfolgt, zu denen oft eine enge Beziehung besteht. Von Bedeutung ist dabei aber die rationale Kontrolle über das Erlebte. So wurde beim Kriegskinderkongress 2005 festgestellt, dass über Erzählungen auch Traumata an die Kinder weitergegeben werden können. Literarische Verarbeitung ist eine solche Form therapeutischer Kontrolle.
    In einer Zeit, in der zum Zweck der Verbreitung von Ressentiments gegen Flüchtlinge auch Empathiefähigkeit nicht nur verdrängt, sondern auch gezielt diskreditiert wird (vgl. „Gutmenschen“-Debatte), kommt demnach einer solchen Auseinandersetzung große Bedeutung für Selbstwahrnehmung wie auch für die Fremdwahrnehmung zu.

    (2) Einstellen auf langfristige Lösungen:
    Von allen Zeitzeugen wird von lange anhaltenden Spannungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen, oft auch Ressentiments berichtet, die erst im Zuge des gegenseitigen Kennenlernens in einem langen Prozess überwunden wurden. Kennenlernen als Voraussetzung dafür, neben dem Trennenden (hier in der Regel anderer Dialekt) immer mehr das Gemeinsame wahrzunehmen.
    Die gegenwärtige Anti-Flüchtlings-Agitation beruht auf zwei Pfeilern: Einerseits durch emotionale, geistige und räumliche Abschottung den Prozess des Kennenlernens möglichst von vornherein zu verhindern. Andererseits augenblickliche Überforderungsgefühle und Ängste in die Zukunft zu projizieren und zu steigern („alle Welt aufnehmen“), indem einfache und sofortige Scheinlösungen („Grenzen dicht“) gefordert werden. So etwa wird bei Alexander Gauland Obstruktion langfristiger Lösungsansätze als Grundprinzip für AfD-Politik deutlich: „Wir wollen es nicht schaffen.“
    Um solchen Versuchen den Boden zu entziehen, bedarf es einerseits der Bereitschaft zu eigenem Engagement, andererseits der Geduld und Ausdauer, wenn sich Erfolge nicht kurzfristig einstellen können. Für beides ist die unter (1) genannte „narrative Empathie“ von Bedeutung.

  7. Brigitte Ernst sagt:

    Lieber Bronski,

    Sie haben mich falsch verstanden. Mit dem „Warum wir?“ habe ich nicht meine Meinung ausgedrückt, sondern die eines zunehmenden Anteils unserer Bevölkerung. Dass wir nach unserer Verfassung und der Genfer Flüchtlingskonvention zur Aufnahme von Asylberechtigten und Kriegsflüchtlingen verpflichtet sind, ist mir bewusst. Da das Gros unserer Nachbarländer diese Verpflichtung aber offenbar ignoriert, ist es nicht unverständlich, dass auch bei uns Überlegungen angestellt werden, ob nicht auch wir diese Verpflichtung ignorieren sollten.

    Ich selbst bin derzeit etwas ratlos. Ich beobachte, dass die Versuche, den immensen Anforderungen gerecht zu werden, zu teilweise bedenklichen Entwicklungen führen. Weil die öffentliche Verwaltung überfordert ist, übergibt man die Unterbringung und Betreuung sowie die Sprach- und Integrationskurse privaten Firmen, die nur auf Profit aus sind, die Flüchtlinge inakzeptablen Lebensbedingungen aussetzen und deren Mitarbeiter z.T. alles andere als vorurteilsfrei den Fremden gegenüber eingestellt sind (siehe Clausnitz). Da entsteht ein unüberschaubarer Wildwuchs an Halb- und Illegalität, einschließlich Übergriffen auf Flüchtlingsfrauen und -kinder, gegen den die Ereignisse auf dem Kölner Domplatz vergleichsweise harmlos erscheinen.
    Dazu kommen die Anschläge auf Flüchtlinmgsheime, gegen die die Polizei entweder nicht einschreiten will oder kann.

    Die Versuche unserer Kanzlerin, die Flüchtlingszahlen zu reduzieren, sind ja auch alles andere als moralisch unumstritten. Wir selbst wollen uns die Hände nicht schmutzig machen, indem wir unsere Grenzen schließen, stattdessen meinen wir, wir könnten diese undankbare Aufgabe einem skrupellosen Verbündeten (Erdogan) zuschieben nach dem Motto: „Der hat ohnehin schon genug Dreck an Stecken, da macht ein bisschen mehr ja nichts aus.“.
    Andererseits ärgere ich mich auch über Organisationen wie Amnesty International, die, anstatt die deutsche Leistung mal anzuerkennen, nichts anderes zu tun haben, als noch kräftig an uns herumzumeckern.
    Ich bin auch die Empörungskundgebungen der Linken und der Grünen leid, die keinerlei Festlegungen von „sicheren Drittstaaten“ dulden wollen.
    Wo soll das alles hinführen?

    Was für ein Vorgehen schlagen denn Sie, lieber Bronski, vor, bis die Bekämpfung der Fluchtursachen, die natürlich oberste Priorität hat, greift, wann auch immer das sein mag?

  8. maiillimi sagt:

    keiner der bisherigen kommentare bezieht sich auf diesen „aktuellen anknüfungspunkt“, den konkreten beitrag „kartoffelkäfer und andere entzückende titulierungen“ sowie das interview mit dem enkel der autorin, sebastian wasmus.
    man geht eben zur tagesordnung über, ohne die beiträge zu erwähnen. dabei meine ich, dass es gerade inspiriert, sich wieder einmal mit einzelschicksalen zu befassen, um nicht in verallgemeinerungen zu versinken. mich hat der beitrag von helga wöll beeindruckt, weil er die positive grundstimmung inmitten all der perspektivlosigkeit der autorin vermittelt. und im interview mit enkel sebastian wasmus hat mich vor allem die letzte antwort auf die frage
    “ Haben Sie das Gefühl, dass die Fluchtgeschichte ihrer Großmutter Sie geprägt hat?“
    stimuliert:
    “ Sicherlich, am ehesten vielleicht im Charakter und Lebenseinstellung. Meine Großmutter hat immer Kraft und Stärke vermittelt, sie war ja gezwungen worden, völlig neu anzufangen. Mut, Zuversicht, optimistisch in die Zukunft zu schauen, das habe ich von ihr und sie ist mit 84 Jahren nach wie vor so.“

    ich hatte ebenfalls eine so „starke“ grossmutter und – inzwischen selbst im grossmutteralter – spüre tag für tag und immer mehr, wie sehr mich diese wichtige person in meinem leben nachhaltig geprägt hat.
    und inzwischen verfolge ich auch mit freude, wie meine angeheirateten enkel immer sensibler und interessierter auf das reagieren, was ihnen ihr grossvater – dosiert und eher zurückhaltend als dick aufgetragen – aus eigener fluchterfahrung vermittelt. der grundstein zum hinterfragen und zur betroffenheit ist gelegt. das macht mich zuversichtlich.

    danke, helga wöll und danke, sebastian wasmus!

  9. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst: 26. Februar 2016 um 10:14

    „Weil die öffentliche Verwaltung überfordert ist, übergibt man die Unterbringung und Betreuung sowie die Sprach- und Integrationskurse privaten Firmen, die nur auf Profit aus sind, die Flüchtlinge inakzeptablen Lebensbedingungen aussetzen…“
    Gibt es dazu exakte Hinweise zu den jeweiligen Verfahren? –
    Prinzipiell ist zwar gegen die Übertragung etwa von Integrationskursen an private Träger nichts zu sagen. In der Praxis aber – und da haben Sie völlig Recht – kann dies problematisch sein. Ich habe selbst an den Europäischen Institutionen Kurse nach dem Modus von drei verschiedenen Trägern erteilt: den Europäischen Institutionen selbst, einer italienischen Spachenschule und Berlitz. Die Übertragung auf private Träger bzw. die Auswahl erfolgte dabei ausschließlich nach Kostenerwägungen. Jede Übernahme durch einen neuen Träger war mit erheblicher Unruhe bei den erprobten Lehrkräften, überflüssiger Mehrarbeit durch oft unzureichende Organisation und Kompetenz der Träger und mit Kämpfen gegen Lohndrückerei verbunden. (Nach dem dritten Wechsel habe ich – von Kollegen beneidet – auf eine erneute Kandidatur verzichtet.)
    Besonders ärgerlich war die sinnlose Mehrarbeit wegen der Eigentumsregelung. In mühsamer Arbeit erstellte Programme und Tests konnten beim Wechsel in den Papierkorb geworfen werden, weil diese als Eigentum der alten, nicht verlängerten Schule mitgenommen wurde und unter dem neuen, inhaltlich oft völlig unbeleckten Träger nicht verwendet werden durften.
    Bezogen auf Integrationskurse:
    Vertretbar wäre eine solche Privatisierung nur in Zusammenhang einer Verpflichtung auf inhaltliche Entwürfe in staatlicher Verantwortung (ähnlich den Rahmenplänen in Schulen). Der zur Zeit gültige Rahmenplan für Integrationskurse, vom Goethe-Institut 2007 erarbeitet, entspricht in der erfassten Schülerpopulation schon nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Nur 2,3 % der dort erhobenen Daten bez. der Herkunftsländer entsprechen noch der aktuellen Situation. (http://www.goethe.de/lhr/prj/daz/pro/Rahmencurriculum_online_final_Version5.pdf)
    Ich habe selbst, ausgehend von den dort beschriebenen Inhalten und Aufgaben, vorläufige Handreichungen zu Möglichkeiten des Einbezugs von Rollenspielen mit Flüchtlingen erarbeitet und auf meiner Website online gestellt.
    Text: Zur Integration von Flüchtlingen.

  10. Werner Engelmann sagt:

    Ergänzung:
    Der Name meiner Website ist bei dem letzten Beitrag irgendwie verschwunden. Hier der Link:
    http://www.fluechtlingstheater-kleiner-prinz.de/

  11. hans sagt:

    Man kann natürlich viele Vergleiche anstellen.
    Es gibt aber weiche bei denen man es lieber sein lassen sollte. Zumal wenn es in weitestem Sinne um das 3. Reich geht. Ich übertreibe jetzt vielleicht ein bisschen, aber manchmal muss man das tun um zu sehen wo die Richtung hin geht. Nach dem Krieg wurde eine ganze Bevölkerung vertrieben weil sie Deutsch war und ging deshalb nach Restdeutschland. Ich war nicht dabei aber es handelte sich überwiegend um Frauen Kinder und Alte. Ob arm oder reich. Bei den derzeitigen Flüchtlingen handelt es sich überwiegend um junge Männer die in der Lage sind einen vierstelligen Betrag aufzubringen um die Ausreise aus ihrem Heimatland zu bezahlen. Ich kenne das Durchschnittseinkommen in diesen Ländern nicht möchte aber vermuten das man nicht zu den Armen im Land zählt wenn man sich das leisten kann. Damit würde ich einen Vergleich dieser beiden Gruppen als grundsätzlich unzulässig ansehen. Das diese Gruppen beide hier Wohnungen brauchen ist bei der unterschiedlichen Ausgangssituation ohne Aussagekraft.
    Was mich außerdem an dem Ganzen stört ist das die wirklich Bedürftigen immer weniger eine Rolle spielen. Die Zeitungen und das Fernsehen ist voll mit dem Thema das sehr viele Menschen nach D. kommen wollen und die Flüchtlingslager im Libanon z.B. gehen in der Berichterstattung immer mehr unter. Dagegen wehrt sich mein soziales Gewissen. Möglicherweise verfüge ich nicht über genug Verdrängungspotential um das was derzeit geschieht nicht als krank zu empfinden. Ich habe die Tage gelesen die Bundesländer fordern vom Bund weitere 25 Milliarden Euro. Damit könnte man wirklich millionenfaches Leid mildern anstatt es für ein paar Tausend auszugeben die eh nicht zu den Armen gehören.

  12. Bronski sagt:

    @ hans

    Haben Sie mich seufzen hören?

    Also gut, ich erkläre es gern noch mal. Das FR-Projekt heißt „Ankunft nach Flucht“ und widmet sich einem Themenfeld, das bisher noch kaum erforscht ist: Wie hat die deutsche Nachkriegs-Aufnahmegesellschaft einen Zustrom von 12 bis 14 Millionen Flüchtlingen bewältigt? Welche Probleme traten dabei auf? Ressentiments, Hilfsbereitschaft? Es gilt, zunächst einmal Material zusammenzutragen. Wir sind in einer frühen Phase dieses Projekts, das sicher mehrere Jahre laufen wird. Irgendwann werden wir auf der Basis dieses Materials an die Frage herangehen: Lässt sich das Verhalten der Aufnahmegesellschaft damals und heute vergleichen? Darum geht es mir, nur darum. Es geht nicht um Fluchtgründe, es geht auch nicht in erster Linie um Fluchtberichte, sondern es geht um das, was während der Integration geschah. Eigentlich müsste das alles aus meiner Einleitung zum Projekt deutlich geworden sein.

    So, und damit Sie dieses Anliegen nicht noch einmal als unzulässig erklären, erkläre ich es für zulässig, und zwar in Ewigkeit. Und fertig. Oder wie sagte Gerhard Schröder noch gleich: Basta!

    @ Brigitte Ernst

    Ihr Kommentar hinterlässt mich ratlos. Vieles von dem, was Sie von mir wissen wollen, habe ich in früheren Blog-Texten zum Teil breit ausgeführt. Dann verstehe ich auch nicht, warum es bedenklich sein soll, Deutschunterricht von privaten Trägern erteilen zu lassen. Weil die „nur auf Profit aus“ sind? Haben Sie denn in Ihrem Berufsleben kein Geld verdienen wollen? Waren Sie nur auf Profit aus, indem Sie darauf bestanden, bezahlt zu werden? Und was bleibt anderes übrig, wenn die öffentliche Hand Deutschkurse auf die Schnelle nicht anders organisiert bekommt? Ihre Kapitalismuskritik in allen Ehren, aber hier geht es doch darum, die Flüchtlinge möglichst schnell in die Lage zu versetzen, sich in Deutschland verständigen zu können.

    Natürlich ist die öffentliche Verwaltung überfordert. Sie ist schon für den Normalbetrieb tendenziell unterbesetzt. Dass der Flüchtlingszustrom sie enorm unter Druck setzt, ist völlig klar. Was hilft es, das zu beklagen? Die Behörden sind nicht in der Lage, so flexibel und so schnell auf die Probleme zu reagieren, wie es nötig wäre, aber das kann man ihnen nicht anlasten. Die Verantwortlichen sitzen woanders. Auf so etwas wie diesen Flüchtlingszustrom ist eine kurzfristige Reaktion, die das Problem löst, schlicht nicht möglich. Wenn Sie ihn bildhaft als eine Naturgewalt begreifen — er kam ungefähr so vorhersehbar, wie jeder weiß, dass es auch an der San-Andreas-Spalte jederzeit krachen kann –, wird vielleicht klarer, warum die Lösung so schwerfällt: Nachdem das überfordernde Ereignis eingetreten ist, müssen Wunden geleckt und Aufräumarbeit geleistet werden, ehe wieder aufgebaut werden kann. Und das dauert natürlich. Bis dahin müssen wir etwas tun, was wir Deutschen angeblich nicht besonders gut können: improvisieren. Es gibt keine andere Lösung. Da Sie Köln ansprechen: Es wird dauern, die Polizei personell so aufzubauen, dass sie ihre hoheitlichen Pflichten wieder erfüllen kann. Dasselbe im Bereich Bildung, beim BaMF und beim Wohnungsbau. Das muss man realistisch sehen. Selbst Angela Merkel kann nicht hexen. Ich würde der Kanzlerin daher raten, uns reinen Wein einzuschenken: Sie sollte eine Schweiß-und-Tränen-Rede halten und uns sagen, dass es keine schnellen Lösungen gibt. Sie sollte uns erklären, wie sie dafür sorgen will, dass die Flüchtlinge im Nahen Osten bleiben, und sie sollte so ehrlich sein zu sagen, dass wir auch in den kommenden Jahren durchschnittlich eine halbe Million Menschen pro Jahr werden aufnehmen müssen. Sie sollte uns glaubhaft versichern, dass ausreichend Geld in die Hand genommen wird, um den Integrationsprozess zu gestalten und genügend Wohnungen zu bauen, und dann wird sie auch bilanzieren können, dass die Flüchtlinge unterm Strich für Deutschland ein kleines Konjunkturprogramm bedeuten. Sie sollte uns sagen, dass soeben das Asylrecht verschärft worden ist, dass die Politik also gehandelt hat (was uns noch beschäftigen wird). Und sie sollte uns sagen, dass wir anpacken müssen, statt rumzujammern, und dass wir uns ein Vorbild an den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern nehmen sollen. Außerdem sollte sie Seehofer rausschmeißen.

    Dies in aller Kürze; es wäre noch sehr viel mehr zu Ihrem Kommentar zu sagen. Aber ich muss mich nun hier herausziehen. Ich muss in zwei Wochen meinen neuen Roman abliefern, und das bedeutet, dass ich mit der Endbearbeitung zu Potte kommen muss. Erwarten Sie daher an diesem Wochenende bitte keine weitere Teilnahme meinerseits.

    Schlusswort: Aufgehängt an meiner Einleitung dieses Threads, die eigentlich nur das redaktionelle Vorgehen erklären sollte, sind wir inhaltlich sehr weit vom Thema abgekommen. Da hat maiillimi völlig recht. Ich möchte vorschlagen, die Debatte über den aktuellen Flüchtlingszustrom dort weiterzuführen, wo sie inhaltlich viel besser hinpasst. Hier sollte dagegen über Frau Wölls Ankunfts-Bericht und das Interview mit ihrem Enkel diskutiert werden.

  13. Werner Engelmann sagt:

    @ maiillimi: 26. Februar 2016 um 15:12
    Ihr Hinweis, „dass es gerade inspiriert, sich wieder einmal mit einzelschicksalen zu befassen, um nicht in verallgemeinerungen zu versinken“ ist mit Sicherheit berechtigt. Aber Sie können (bzw. müssen) ja auch feststellen, dass der Sinn einer solchen Bschäftigung auch prinzipiell in Frage gestellt wird. (Dazu komme ich noch später.)
    Auch habe ich in meinem Beitrag vom 26. Februar 2016 um 2:12 in eben Ihrem Sinn auf die Bedeutung dieser Beschäftigung für Empathie hingewiesen.
    Hier nun in ähnlicher Weise eine Auseinandersetzung mit sehr allgemeinen Äußerungen von Frau Ernst, die ich schon länger vorbereitet, aber noch nicht gesendet habe.

    @ Brigitte Ernst: 25. Februar 2016 um 14:32
    „Auch wenn damals in der Wahrnehmung der Bevölkerung der Unterschied zwischen Katholiken und Protestanten eine größere Rolle spielte als heute und es aus Futterneid zu Diskriminierungen kam, wurden die Flüchtlinge doch als der eigenen Kultur zugehörig empfunden und waren derselben Sprache mächtig, wenn auch mit dialektalen Unterschieden.“

    Das mag auf den ersten Bick plausibel erscheinen, geht aber an den realen Empfindungen und Erfahrungen vorbei. Diese zu bewerten erfordert eine differenzierte Auseinandersetzung mit den übermittelten Zeugnissen.
    (1) „Futterneid“ und „Diskriminierungen“:
    Diese kausale Verbindung ist so nicht haltbar. Wie vielfache Erfahrungen belegen (so auch der Beitrag von Gerhard Krause, http://frblog.de/anf-krause/), war „Futterneid“ meist nicht die entscheidende Ursache, sondern die soziale Einstellung. Diskriminierungen erfuhr man vor allem etwa bei Großbauern, die in dieser Hinsicht keine Konkurrenz zu fürchten hatten. Und Solidarität erfuhr man häufig von Menschen, die selbst in einer nur unwesentlich besseren Lage waren. So auch die Erfahrungen unserer Familie.
    (2) „…als der eigenen Kultur zugehörig empfunden“:
    Wer warum als „zugehörig empfunden“ wurde oder nicht, lässt sich nicht verallgemeinernd sagen, sondern nur den jeweiligen Zeugnissen entnehmen. Die von Helga Wöll geschilderte „Kartoffelkäfer“-Beschimpfung widerspricht klar dieser Einschätzung. Dies bestätigt auch unsere Erfahrung. Das Phänomen der Ressentiments besteht gerade darin, dass das Gemeinsame in der Wahrnehmung ausgeblendet, zu ihrer Legitimierung ausschließlich das Trennende herausgepickt wird. Der Unterschied zwischen katholisch und evangelisch z.B. hatte dabei (jedenfalls in erzkatholischen Regionen wie Bayern) etwa den gleichen Stellenwert wie heute pauschalisierende Deutungen „des“ Islam, um Ausgrenzung von Moslems zu legitimieren.
    (3) „dialektale Unterschiede“:
    Diese Unterschiede können nicht in dieser Weise relativiert werden. Schon geringfügige Unterschiede im Dialekt oder im Verhalten mussten oft als Begründung für Ausgrenzung herhalten. Das Maß der Fremdheit spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Viel entscheidender ist die Fähigkeit zu Toleranz resp. die Neigung, jede Veränderung abzulehnen und Hinzugekommene auszugrenzen (mit welchen Vorwänden auch immer). Die emotionalen Barrieren waren dabei erheblich größer als etwa bei ganz verschiedenen Sprachen heute. Für unsere Kinder, die sich regelmäßig in einem vielsprachigen Milieu aufhalten, ist es gleichgültig, welche Sprache verwendet wird. Für mich war in Kindheit und Jugend „Mehrsprachigkeit“ bei wesentlich geringeren strukturellen Unterschieden (Hochdeutsch – Bayrisch – später Alemannisch) von elementarer Bedeutung, um sozialer Ausgrenzung zu entgehen.
    Fazit:
    Die Kenntnis historischer Fakten alleine ist unzureichend. Die Beschäftigung mit authentischen Lebensberichten ist für die Einschätzung von Umständen und Lebenserfahrungen von Flüchtlingen nicht nur sinnvoll, sondern unabdingbar. Für die Entwicklung von Empathie ist es entscheidend, den jeweiligen Erlebnishorizont zu kennen und nachvollziehen zu können. Dies kann anhand dokumentarischer Berichte oder auch über Indentifikation anhand literarischer Texte geschehen. Ein Beispiel dazu ist die tiefgehende Wirkung des fiktionalen „Holocaus“-Films.
    Der ausschließliche (scheinbar) „objektive“ Zugriff auf bloße Fakten unter Ausblendung individueller Flüchtlingserfahrungen dient nicht nur ihrer Relativierung, sondern auch der Verdrängung aktueller Flüchtlingsschicksale. Daraus wiederum lässt sich leicht eine Rechtfertigung für Fremdenfeindlichkeit wegen „kultureller Unterschiede“ ableiten, der es entschieden zu widersprechen gilt. Dies umso mehr, als die massive Verdrängung von deutschen Flüchtlingsschicksalen unter dem Vorwurf, eigene Schicksale gegen die von (insbesondere jüdischen) Nazi-Opfern aufrechnen zu wollen, jahrzehnte lange Tradition besitzt und eine Aufarbeitung dieses Aspekts der Vergangenheitbewältigung verhinderte. Noch auf dem Kriegskinderkongress 2005 mussten sich die Organisatoren gegen derartige Unterstellungen wehren. Der Versuch, solche Beschäftigung verdächtig zu machen, stellt lediglich eine Variante alter Verhinderungsstrategien dar, nun aber mit dem Ziel, Beschäftigung mit neuen Flüchtlingsschickalen und Identifikation mit ihnen generell zu verhindern.

    @ Bronski: 26. Februar 2016 um 18:22

    Volle Zustimung zur Forderung einer „Schweiß-und-Tränen-Rede“ von der Kanzlein. Dazu gehört aber auch, was sich hier an aggressiver Obstruktion gegen sie verschwört, klar zu benennen. Außerdem bin ich auch der Meinung, dass eine Partei, die Obstruktion gegen sich selbst betreibt, in einer Regierung nichts verloren hat.

  14. Bronski sagt:

    Genau. Ich sagte ja, Merkel soll Seehofer rausschmeißen.

  15. Brigitte Ernst sagt:

    Kommentar gelöscht und hierhin verschoben: –> HIER

  16. Werner Engelmann sagt:

    Zum Interview mit Sebastian Wasmus:
    „Haben Sie das Gefühl, dass die Fluchtgeschichte ihrer Großmutter Sie geprägt hat?
    Sicherlich, am ehesten vielleicht im Charakter und Lebenseinstellung. Meine Großmutter hat immer Kraft und Stärke vermittelt, sie war ja gezwungen worden, völlig neu anzufangen. Mut, Zuversicht, optimistisch in die Zukunft zu schauen, das habe ich von ihr.“ –
    Ich meine, dazu gibt es wenig hinzuzufügen. Vielleicht noch eine Überlegung: Der Kontrast zu den in letzter Zeit permanent beschworenen „Ängsten“ könnte nicht größer sein. Woher also kommen Stärke und Zuversicht? – Offenbar aus der Erfahrung, dass selbst schlimmste Verhältnisse überwindbar sind, und aus dem Stolz, es wirklich geschafft zu haben, Rückschlägen zum Trotz. Mit solidarischer Hilfe von Menschen, doch überwiegend aus eigener Kraft. Und es spricht viel dafür, dass nicht „Futterneid“ Ressentiments und Abwehr bewirkt, sondern Neid auf diese Stärke, die aus Katastrophenerfahrung erwächst. Die Sucht, immer neue Katastrophen zu beschwören statt helfend anzupacken, könnte Ausdruck davon ein.
    Bleibt die Frage, ob neben Empathie auch Kraft und Zuversicht vermittelbar sind durch Berichte von Erfahrungen, die man selbst nicht gemacht hat. Nach Sebastian Wasmus offenbar ja. Und das macht Mut.
    Voraussetzung ist freilich, sich darauf einzulassen. Diesen Mut muss jeder selbst aufbringen. Und das ist wohl der Knackpunkt.

    Anm. Bronski: Der Rest dieses Kommentars wurde verschoben in eine andere Diskussion, wo er inhaltlich besser passt: –> HIER.

  17. Bronski sagt:

    @ all

    Ich möchte alle Diskutierenden noch einmal darum bitten, sich in diesem Thread auf den Bericht von Frau Wöll sowie das Interview mit ihrem Enkel zu konzentrieren. Vielen Dank.

  18. Werner Engelmann sagt:

    Lieber Bronski,
    ich habe Deinen Hinweis auf die Thematik sehr wohl zur Kenntnis genommen, kann mit der Verschiebung eines Teils meines Beitrags auch leben, bin aber dennoch der Meinung, dass dies hierher gehört. Hier die Begründung.
    Ich habe im 1. oben angeführten Teil meines Beitrags das Zitat von Sebastian Wasmus aufgenommen, der mit dem Hinweis auf „Mut und Zuversicht“, resultierend aus Auseinandersetzung mit Erzählungen der Großmutter, klar und präzise den Zusammenhang mit der heutigen Einstellung zum Flüchtlingsproblem aufzeigt.
    Nun wurde von hans, und zwar wiederholt, in anmaßend-apodiktischer Weise eben dies als „grundsätzlich unzulässig“ bezeichnet. Zwar ist die Begründung dafür in seiner ebenso apodiktischen Ablehnung der Merkelschen Flüchtlingspolitik zu sehen, die Wirkung dieser Anmaßung betrifft die Auseinandersetzung mit eigener Flüchtlingsvergangenheit aber in noch größerem Maße. Und das ist sehr persönlich. Denn es heißt nichts anderes als dass, wer z.B. Fähigkeit zu Empathie aus der Auseinandersetzung mit eigenem Schicksal bezieht, als Narr anzusehen ist, der mit einfachsten logischen Sachverhalten auf Kriegsfuß steht.
    Als einer, dessen Leben in erheblichem Maß von Auseinandersetzung mit dieser Problematik bestimmt war, der genau weiß, was „Kartoffelkäfer“-Beschimpfung emotional bedeutet, habe ich weder Lust noch Veranlasssung, mir von jemandem den Mund verbieten zu lassen, der sich weder mit dem, was Flüchtlingsdasein bedeutet, auseinandersetzen will noch den nötigen Respekt Betroffenen gegenüber aufbringt. Und ich muss hinzufügen, dass es mir bei dem unterirdischem Niveau, wie es inzwischen die Flüchtlingsdebatte prägt, außerordentlich schwer fällt, ruhig zu bleiben.
    Es ist mir, auch aus persönlicher Betroffenheit heraus, ein Anliegen, auch an dieser Stelle einem solchen unerträglichen Umgang mit Erfahrungen und Leid anderer Menschen entschieden entgegen zu treten.

  19. BvG sagt:

    Mal ein Quereinwurf.

    Ich denke, die Keimzelle der Fremdenfeindlichkeit wird nicht angesprochen. Man mag über Millionen reden, aber die Angst, Sorge und Abgrenzung findet von Mensch zu Mensch statt.

    Ich kann mich gut daran erinnern, daß ich und meine Familie mit Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments konfrontiert waren, als wir vom Ruhrgebiet in’s Sauerland, von Sauerland in die Wetterau, und in der Wetterau von einem Dorf in die Kreisstadt gezogen sind.
    Überall sind uns dieselben Ressentiments und Abgrenzungen begegnet. Eine Mitschülerin, die aus Bayern in die hessische Kreisstadt gezogen war, wurde auf unerträgliche Weise gemobbt und beschimpft.

    Dieser Effekt, daß extreme Fremdenfeindlichkeit nicht aus der Menge der Fremden, sondern aus der mangelnden Weltläufigkeit der Ansässigen resultiert, ist immer wieder zu beobachten. Ich neíge dazu, Fremdenfeindlichkeit als ein biologisches und soziales Defizit zu betrachten, das evolutionäre Ursachen hat.

    Der vielzitierte „Egoismus der Gene“ mag hier eine Rolle spielen, da selbstverständlich eine Behauptung der eigenen Gene erstrebt wird, der gleichzeitig aber an der „Dummheit der Gene“ scheitert, da rassische Beschränkung immer zu Einseitigkeit und mangelhafter Überlebensfähigkeit und Anpassungsfähigkeit führt.
    Dies ist übrigens auch der Grund, warum rassische Ideologien immer eine Weltherrschaft anstreben, weil sie, mangels genetischer Intelligenz, die Umwelt ihren beschränkten Möglichkeiten anpassen müssen.

    „Reinrassige“ müssen sich damit abfinden, in einer sich verändernden Welt auszusterben, „gemischtrassige“ werden diese Veränderungen überleben und bewältigen.

  20. Bronski sagt:

    @ Werner Engelmann

    Niemand wird Dir den Mund verbieten. Und: Ja, auch ich fand das Einschreiten von hans unangebracht und habe das ja auch zum Ausdruck gebracht. Ich glaube, hans hatte einfach die Umstände falsch gedeutet und war nicht auf dem Laufenden, verführt durch meine Einleitung zu diesem Thread. Insofern trifft mich eine Mitschuld.

    Wir leben leider in einer Zeit, in der die Fähigkeit zur Empathie nachlässt. Warum eigentlich?

  21. maiillimi sagt:

    „Wir leben leider in einer Zeit, in der die Fähigkeit zur Empathie nachlässt. Warum eigentlich?“

    auf die frage hätte ich auch gerne eine antwort. oder ich würde sie so stellen: wer – hier in der kommentarrunde – fühlt sich angesprochen?

  22. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski: 29. Februar 2016 um 1:13
    „Wir leben leider in einer Zeit, in der die Fähigkeit zur Empathie nachlässt. Warum eigentlich?“

    Ja, wenn es darauf eine einfache Antwort gäbe! –
    Zunächst würde ich das nicht so allgemein behaupten. Die gewaltige Hilfsbereitschaft – m.E. eine der positivsten Erkenntnisse der letzten Jahre – spricht gegen eine allgemeine Zeiterscheinung. Es wäre wohl eher von einer Polarisierung zu sprechen, welche die „Mitte“ auseinanderreißt. Wobei das Phänomen der Desensibilisierung und Brutalisierung des Denkens im Wesentlichen den einen – freilich viel zu großen Teil betrifft, während andere dagegen vergleichsweise resistent sind. Grob gesagt, sind das m.E. diejenigen, für die der konkrete Umgang mit anderen und Verantwortung für sie selbstverständlich ist. Die sozialen Medien geben hier m.E. kein objektives Bild. Z.B. geben sich Menschen, die ich hier etwa bei der Flüchtlingshilfe kennen gelernt habe, damit wenig ab.
    Im Zusammenhang des Projekts „Ankunft nach Flucht“ stellt sich die Frage wie folgt: Kann ein solches Projekt zu Sensibilisierung und mehr Empathie betragen? – Ich glaube, ja. Denn solche erfolgt fast immer auf dem Weg einer menschlichen Begegnung, die Denken und Fühlen prägt.
    Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis als Lehrer:
    Ich habe Klassenreisen fast nur als Klassenlehrer und mit Schülern im Pubertätsalter unternommen. Weil das da am wichtigsten ist (obwohl manchmal auch stressig). Es war auf einer solchen Klassenreise nach Südfrankreich. Wenige Wochen davor hatte mich eine Schülerin ins Vertrauen gezogen, die von ihrem Onkel missbraucht worden war. Interessanterweise nach einer Lektüre, in der Sadismus bei Schülern thematisiert wurde: Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törless. Unter anderem sprach sie von einem Song von Falco, den sie tief demütigend empfand: Jenny. Darin ging es um die Vergewaltigung eines Mädchens. (Ich hatte ihn bis dahin nicht gekannt.)
    An einem bunten Abend auf der Klassenreise („Müllsack-Party“, bombige Stimmung) legte nun ein Junge den Jenny-Song auf. Ich brauchte eine Zeitlang, um ihn zu identifizieren. Dann ging alles sehr schnell: Ich erhaschte einen Blick des Mädchens, das mich ansah, stürzte zum Plattenspieler, hielt augenblicklich die Musik an. Dazu nur ein Satz: „Was habt ihr euch dabei bloß gedacht?“ – Ich sah dann noch einige Jungen wie begossene Pudel zurück zu den Bungalows gehen. Sie hatten sehr genau verstanden.
    Hinterher habe ich mich gefragt, wie es weiter gegangen wäre, hätte mich dieses Mädchen nicht vorher sensibiisiert und hätte ich dies nicht in entsprechender Weise weiter gegeben.
    Es sind solche Erlebnisse, die im Gedächtnis haften bleiben und eine Haltung prägen. Erlebnisse, die den engen persönlichen Kontakt voraussetzen. In einer digitalisierten Welt sind diese freilich immer seltener, und die Gelegenheiten bleiben oft ungenutzt. Und dazu wird die Gegenbewegung immer stärker: „Pegida“ vermittelt auch ein emotionales Erlebnis – allerdings in entgegengesetzte Richtung, auf demagogische Weise, die gegen menschliches Empfinden immunisiert. Wenn die Umfrage richtig ist, nach der 27 % der Bevölkerung auch einen Schießbefehl gegen Flüchtlinge akzeptieren würden, dann ist das ein Alarmsignal – m.E. ein Hinweis darauf, dass es in dieser Hinsicht keinen Kompromiss und auch kein „Verständnis“ geben darf.
    Umso wichtiger dagegen eine Auseinandersetzung, die Du mit dem Projekt „Ankunft nach Flucht“ angeregt hast.

  23. hans sagt:

    Ich würde zuerst mal in Frage stellen das es so ist. Wir alle haben in der heutigen Zeit viel mehr Kontakte als früher und in wen man sich besser hineinversetzen kann hat sicher auch mit der individuellen Lebenserfahrung zu tun. Das ist aber eine schwere Frage bei der man wieder geteilter Meinung sein kann ob ein Vergleich nit früher wirklich Sinn macht.
    Warum ich aber hier bei diesem Thema noch mal schreibe ist dem geschuldet das man mich massiv kritisiert hat und ich dazu was sagen sollte nach meiner Meinung.
    Fangen wir mal mit dem Einfachen an. Bronski hat in einem Recht. Ich schaffe es nicht, und habe es auch aufgegeben, zu wissen was in allen 8 Themen die hier besprochen werden so für Beiträge kommen. Die Meisten mache ich noch nicht mal auf. Deshalb hätte ich auch kein Problem wenn mir jemand sagt oder mit einem Link zu verstehen gibt das ich besser bei einer anderen Überschrift zu hause wäre. Das hat damit zu tun das ich im Gegensatz zu einigen Andern noch berufstätig bin und deshalb nicht soviel Zeit habe.
    Zum nächsten Thema. Ich habe die Beiträge die mich betreffen so gelesen und verstanden das man mir sinngemäß Rechthaberei und mangelnde Empathie vorwirft. Dazu muss ich jetzt Stellung nehmen ohne das „Basta“ von Bronski zu verletzen. Meine Meinung zum Thema Vergleichbarkeit hat sich nicht geändert und ich glaube das ich sie auch begründet habe. Das ich mit dieser Begründung jemanden den Mund verbieten wollte sollte doch offensichtlich barer Unsinn sein. Warum sollte jemand hier schreiben und keine Antwort wollen? Ich denke die Frage spricht für sich.
    Ich werde mal für Empathie das Wort Mitleid benutzen und da ist es schon richtig das ich selbiges nicht in jedem Fall gleich habe. Ich bin mal gespannt ob es jemand gibt der das von sich behauptet. Und da sage ich klar das es für mich einiges gibt was vor dem heutigem Flüchtlingstourismus, in dem sich Leute für viel Geld außer Landes bringen lassen, kommt. Zumal dieses Thema das alles beherrschende ist. Man braucht sich nur diesen Bloog anzuschauen. Ich möchte mal die hungernden in Äthiopien nennen oder die Menschen hauptsächlich Frauen Kinder und Ältere die nicht aus Syrien und dem Irak rauskommen. Genauso die Hartz 4 Empfänger in D. Diese Leute kommen für mich alle früher und im Moment viel zu kurz.

  24. maiillimi sagt:

    @hans:
    der begriff „flüchtlingstourismus“ ist verallgemeinernd und diskriminierend!
    meine erfahrungen in der „begegnungskultur“ hier mit jungen flüchtlingen zeigen, dass es sich durchaus nicht pauschal um „leute (die)sich für viel geld ausser landes bringen lassen“, handelt. kann es sein, dass ihnen der „anschauungsunterricht“ fehlt?
    und wenn sie, hans,sich jenseits von der schreibtischdiskussion im blog für einige derer, die nicht die möglichkeit haben, ihre haut durch flucht zu retten, engagieren möchten, kann ich ihnen einige seriöse organisationen nennen, denen sie ruhig ein bisschen geld anvertrauen können, um sinnvolle projekte in den ärmsten ländern zu unterstützen, und zwar projekte die dazu beitragen, die fluchtursachen zu verhindern. denn weder die diversen un-organisationen noch die reichen länder noch die „eigenen“ regierungen scheinen das problem lösen zu können – wie grotesk es auch ist… also kann man doch (von mir aus für ’s eigene gewissen u n d für den sinnvollen zweck) ein bisschen was auf eigene faust beitragen.

  25. hans sagt:

    Kommentar verschoben: –> HIERHER

    Noch einmal meine Bitte: Bleiben Sie in diesem Thread möglichst nahe an dem Bericht von Frau Wöll und dem Interview mit ihrem Enkel!
    Danke!
    Bronski

  26. BvG sagt:

    @maiillimi
    „Wir leben leider in einer Zeit, in der die Fähigkeit zur Empathie nachlässt. Warum eigentlich?“
    auf die frage hätte ich auch gerne eine Antwort. oder ich würde sie so stellen: wer – hier in der kommentarrunde – fühlt sich angesprochen?

    Es ist einfach so, wie ich es hier schon mehrfach angesprochen habe:
    Die Fähigkeit zur Empathie wird aus wirtschaflichen und politisch-propagandistischen Gründen überfordert und ausgebeutet. Die Reaktion ist eine Verweigerung von Empathie und die Forderung nach Sympathie. Wenn diese nicht erfüllt wird, endet dies ist Narzissmus, Narrzissmus unnd Nazismus.

    Zunächst nimmt nicht die Fähigkeit zur Empathie ab, sie wird erschöpft. Wenn ihr keine Erholung gewährt wird, stirbt sie ab.

    Lange und vor langem schon hier gesagt:
    Kollektiver Burnout!