Jeder fühlte sich als Teil des Aufbruchs

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Jeder fühlte sich als Teil des Aufbruchs*

Von Gabriele Schreib

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Barbara blättert weiter in dem kleinen roten Tagebuch. „Wie eine echte Mao-Bibel!“, schmunzelt sie in sich hinein. Da findet sie den nächsten Eintrag: Am 10. Januar 1968 gibt es dann eine weitere Großdemonstration, an der sie ebenfalls teilnimmt. Es werden schon immer mehr: 3000 junge Menschen gehen durch die Stadt Kiel zum Landeshaus. Danach gibt es noch viele Demos gegen den Krieg in Vietnam; die erste in Kiel am 29. März 1968.  Dann gegen den Rassismus in den USA (direkt nach der Ermordung Martin Luther Kings), dann gegen… Oh, da übersieht sie fast einen Eintrag von 1967: In den „Kieler Sommern der Anarchie“ gibt es am 04. Juli das erste Kieler Sit-in sowie verschiedene Teach-ins und weitere Kundgebungen. Und Barbara ist immer mit dabei. Im Laufe des Jahres 1969 beruhigt sich die Lage allerdings wieder etwas und die Unterstützung bei den Protestaktionen lässt so langsam wieder nach. 1970 beginnt dann ein neues Jahrzehnt. Die Beatles trennen sich, die Zeit der Life-Beat-Bands geht zu Ende und es beginnt die Zeit der Discos. Nicht mehr so aufregend ist die Disco-Musik und vor allem nicht mehr so extrem aufrührerisch. Vielleicht gibt es da Zusammenhänge mit den politischen Einstellungen der jungen Generation? 1970 beginnt Barbara am 06. Oktober ihr Studium an der Kieler Uni. Romanistik und Kunstgeschichte.

Barbara versucht, sich die Aufbruchsstimmung dieser Jahre wieder in die Erinnerung zu rufen. Jeder fühlt sich in dieser Zeit als Teil eines wichtigen Prozesses, des Aufbruchs in eine neue Zeit. Die stoische Schweigsamkeit der Elterngeneration, was den zweiten Weltkrieg betrifft, wird aufgebrochen und zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren werden von der jungen Generation Fragen gestellt: „Was hast Du denn gemacht in dieser Zeit?“ Babara weiß genau, dass ihre Mutter Annelore ihr auch nur ausweichend antwortet. Sie sei beim BDM gewesen, dem Bund Deutscher Mädel, wie fast alle, meint sie nur. Doch was das alles dann mit ihr macht, als das „Marjellchen“ 1945 siebzehn Jahre alt ist, die ostpreußische Heimat weg ist und ebenso das gesamte Weltbild, mit dem sie bis dahin groß geworden ist und an das sie jahrelang glaubt, das erzählt sie ihrer Tochter dann natürlich nicht. Barbara ist ein Einzelkind, leider, denkt sie noch kurz.

Auch der Vater Peter will nicht so recht an das Thema ran, sinniert Barbara. Schon ein Jahr nach Barbaras Geburt im November 1949 ist er schon wieder von deren Mutter geschieden. Sie fragt ihn 1968 bei einem Besuch in Frankfurt und auch er antwortet seiner Tochter nur ausweichend. Allerdings mit etwas mehr Fantasie: Er sei fast vor ein Kriegsgericht gekommen, da er die Granaten in blau, gelb und grün ohne Pause und ohne Befehl von oben abgeschossen habe, so etwas wird dann ein großes buntes Bild. Vielleicht hat das seinen Lebenslauf bestimmt. Handwerker ist er, gelernter Feinmechaniker, und nachdem der Krieg zu Ende ist, wird er plötzlich Kunstmaler. Er studiert an der Kieler Muthesius-Schule und geht dann später nach Schleswig, wo er Barbaras Mutter kennen lernt. Doch ob das alles so stimmt, was er ihr über seine Zeit als Soldat erzählt? Barbara hat da so ihre Zweifel. Wie schon gesagt: Er hat viel Fantasie. Sicher hat auch er Schuld auf sich geladen, mit der er nach 1945 leben muss und über die er nie redet. Wie fast alle Frauen und Männer dieser Generation. Unsere Mütter und unsere Väter: Alle Anfang zwanzig, alle Jahrelang verführt hin zu einer totalitären Weltsicht. So alt wie Barbara jetzt ist. Sie gruselt sich, schon der Blick heute in die schwarze Öffnung der Waffe hat ihr gereicht. Damit auf jemanden zu schießen kann sie sich wirklich nicht vorstellen. Weder im Krieg der Nazis noch im Krieg der RAF, der jetzt gerade tobt.

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Da ist sich Barbara sehr sicher: Diesen Weg hin zur Gewalt wird sie nie mitmachen wollen, ebenso wenig wie fast alle anderen jungen Menschen, die sie kennt. Die sehen zwar ihren Staat und seine Autoritäten sehr kritisch, distanzieren sich aber vehement von der Gewalt. Gegen Sachen vielleicht gerade noch, aber auf keinen Fall gegen die Menschen. Da scheiden sich am Ende der Sixties die Geister: Die einen machen eben 1970 ihr Abitur und fangen an zu studieren, um sich ihr Leben aufzubauen. Wie Barbara und fast alle in ihrem Umfeld. Das Jahr 1968 gibt allen einen gewaltigen Impuls zum Aufbruch. Doch eine kleine Minderheit dieser jungen rebellischen Generation driftet ab. Zwei davon kennt sie sogar. Beide haben mit ihrem Leben bezahlt für ihre irregeleiteten Überzeugungen.

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Die politische Linke hat nach 1968 immer noch sehr viel Einfluss. Aber gerade die jungen Frauen stellen fest, dass so einfache Sachen wie individuelle Freiheit, sexuelle Befreiung und die Frauenbewegung nicht auf der Agenda der traditionelleren Linken stehen. Alle diese Dinge gelten als Abschweifung, als dekadente kleinbürgerliche Versuchungen, die der Staat sich ausdenkt, um vom revolutionären Ziel abzulenken. Diese Generation bezahlt ja einen hohen Preis. Sie experimentiert mit Utopien und sie hat nichts, woran sie sich anlehnen kann: Sie will keine Familie, keinen Beruf, kein Studium. Meist will sie nicht mal mehr im Zimmer staubwischen. Sie will Teil der Revolution sein, alles andere ist falsch und kleinbürgerlich. Allerdings verlieren viele dabei jeglichen Halt. Heute ist der Revolutionsmonat Mai 68 schon seit vier Jahren vorbei. Die politischen Überzeugungen sind damit allerdings nicht von der Oberfläche verschwunden. Die Linken wollen weiterhin für die Arbeiterklasse kämpfen – als Maoisten, Anarchisten oder als Trotzkisten. Schwierig ist das in den beginnenden 70er Jahren. „Geh doch rüber!“ ist noch das Freundlichste, was die Linken seit zehn Jahren zu hören bekommen. „Ihr gehört in ein Arbeitslager!“ ist schon eine Stufe höher und als Krönung heißt es dann auch manchmal noch: „Ihr gehört doch alle vergast!“

In West-Deutschland gibt es 1968 ein erstes Aufbegehren der Frauen innerhalb des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gegen die eigenen Genossen. „Die Herrschaft der Schwänze hat ihre Grenze“ heißt der griffige Slogan. Doch danach ist wieder absolute Ruhe. Die rebellischen Studentinnen resignieren zu großen Teilen oder sie lassen sich in Seminaren zur „Kapitalschulung“ nach Marx von den männlichen Genossen einreden, dass die von ihnen angestrebte Emanzipation der Frauen tatsächlich nur der ihnen schon bekannte „Nebenwiderspruch“ des Kapitalismus sei, neben dem „Hauptwiderspruch“, dem notwendigen Klassenkampf. Und so gilt für die Frauen häufig, dass vieles an ihnen vorbei geht. 1950 fragt die Frau hauptsächlich „Was ziehe ich an und was koche ich?“. 1960 beginnt so langsam der Kampf um ein paar Freiheiten.

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„Mein Bauch gehört mir!“, denkt Barbara noch kurz an den Slogan. Und dann, schon fast im Schlaf: „Ja, auch ich habe abgetrieben! Natürlich 1968. Aber auf den Stern-Titel habe ich es damit nicht geschafft!“

* Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Meinst Du das politisch oder sexuell?“ Siehe unten.

 

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Gabriele Schreib M.A.Die Autorin

Gabriele Schreib,  geboren 1949 in Schleswig, veröffentlichte Tagebuchauszüge von ihrer 2009 verstorbenen Mutter Irmgard Schreib, geb. Nern, dazu eigene Eindrücke von Reisen nach Ostpreußen unter dem Titel „Marjellchen“. Irmgard Nern erlebte die Flucht als 17-Jährige. Sie wurde 1928 in Gumbinnen (Ostpreußen) geboren.

Der oben wiedergegebene Text ist ein Auszug aus Ihrem Buch „Meinst Du das politisch oder sexuell?“ VAS Verlag für akademische Schriften, 96 Seiten. ISBN  978-3888645310, 14,80 Euro.

Bild: Frederic Plambeck