Diagnose: Ein radikaler Egoismus, der sich zunehmend politisch äußert, droht die Demokratie auszuhöhlen. Therapie: Mehr Kirche. Denn Kirche ist unersetzlich, meint FR-Leitartikler Markus Decker – und bekommt prompt Kontra von FR-Leserinnen und -Lesern.

Markus Decker ist auf der Suche nach Rezepten gegen die AfD und ihre Strategien und Taktiken. Denn die AfD hat es sich, bildlich gesprochen, in einer politischen Nische bequem gemacht und ist darin in einem Ausmaß gewachsen, dass man von Dominanz sprechen kann: „social media“. Ihr Online-Netzwerk ist riesig, und es ist kampagnentauglich und -fähig. Damit spricht die AfD insbesondere junge Menschen an, die sich überwiegend via „social media“ informieren. Die anderen Parteien haben diese Entwicklung offenbar schlicht verschnarcht. Sie geht einher mit jenem zunehmenden Egoismus, den Decker diagnostiziert (damit ist er keineswegs allein!), und mit einer „Debattenkultur“, die dieses Ich zelebriert und in der es vor allem darum geht, laut aufzutreten und recht zu behalten. Dies auch dann, wenn man nicht recht hat. Willkommen in der Ära der Fake News!

Es verwundert, dass ausgerechnet Kirche – ich übernehme Deckers verkürzenden Singular – die Lösung bringen soll. Die Frage ist erlaubt: Ist Kirche in der Lage, diese jungen Menschen zu erreichen? Hat Kirche (zumindest derzeit) nicht vor allem mit sich selbst zu tun? Stichwort Missbrauchsskandal, ihm folgend Vertrauensverlust, auch beim Stammpublikum. Für Teile von Kirche gilt außerdem ihrerseits eine fatale Diagnose: Verknöcherung bis hin zur Bewegungsunfähigkeit. Gewichtige Teile von Kirche sind geprägt vom Image alter, dogmatischer Männer. Für geschichtsbewusste Menschen kommen unzählige Punkte hinzu, in denen Kirche in der Vergangenheit die christliche Botschaft dermaßen zerdehnt hat, das nicht einmal der Kern dieser Botschaft mehr erkennbar war: Statt zu vergeben, wurden Menschen verbrannt. Nur als Beispiel. Es gibt viele weitere. Für alle Menschen, die Kirche kritisch gegenüberstehen, sind dies schlagende Beispiele dafür, dass Kirche ein hierarchisch geformter Apparat ist, dem es um seine eigene Macht, seinen Einfluss, seine Pfründe geht. Wie soll ein solcher Apparat die Demokratie retten?

Zumal nur die Hälfte der Deutschen kirchlich organisiert sind: Die evangelische Kirche hat aktuell 18.560.000 Mitglieder, die katholische hatte am 31.12.2022 noch 20.938.000, die orthodoxe 3.876.000, die übrigen Kirchen, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften kommen auf 864.000 Mitglieder. Zusammen: 44.238.000. (Quelle: EKD.) Die Bundesrepublik hatte am 23.9.2023 insgesamt 84,6 Millionen Einwohner:innen. 52,29 Prozent der Menschen in Deutschland sind also in irgendeiner Weise christlich organisiert.

Wie insbesondere die katholische Kirche es mit der Demokratie hält, konnte man vor einer Weile am Gezerre um den „Synodalen Weg“ erleben: Evangelische und katholische Menschen Deutschlands hatten sich aufgemacht, über die Gräben zwischen den Kirchen hinweg frischen Wind in die Sache zu bringen. Ein Stichwort von vielen, die diese Bewegung antrieben: Frauen als Priesterinnen. Doch Rom signalisierte: Nichts zu machen, man lässt nicht mit sich reden. Allen Bemühungen des rührigen, glaubwürdigen Limburger Bischofs Bätzing zum Trotz, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Die evangelische Kirche zeigt sich wesentlich offener und gesprächsfreudiger. Hinsichtlich der Unterstützung der Demokratie ist ihr durchaus einiges zuzutrauen. Aber auch sie hat ihre eigenen Probleme.

Doch wenn man schon auf der Suche nach Erlösung in der Frage ist, wie die Demokratie zu retten wäre – warum fängt man nicht bei der Politik an? Die könnte sich zum Beispiel mehr um ihre „social media“-Präsenz kümmern. Die könnte – aktuelles Beispiel – für eine ordentliche Finanzierung der Institutionen sorgen, die für politische Bildung stehen. Dazu zähen auch nichtstaatliche Institutionen, also solche der Zivilgesellschaft. Stattdessen setzt die Politik, namentlich Finanzminister Christian Lindner (FDP) den Sparstift hier an. Zudem ficht der Staat mit manchen Organisationen, die sich unter anderem politisch betätigen, einen Streit um die Frage der Gemeinnützigkeit. Dieser Status, der für solche Organisationen steuerlich und finanziell durchaus relevant ist, wurde zum Beispiel Attac aberkannt. Was soll das, wenn man sich andererseits um die Demokratie sorgt? Attac war und ist unbequem – genau das wird gebraucht!

Die deutsche Demokratie hat viele Probleme. Eines davon ist ein Mangel an Kommunikation. Die Politik nimmt die Menschen nicht mit. Sie bemüht sich teilweise nicht einmal darum, sich den Menschen zu erklären. Sie ist mit sich selbst beschäftigt. Dabei ist die Zahl der Wege immens, auf denen sie sich mitteilen könnte. Nie gab es mehr solcher Wege! Daran kann Kirche mitwirken, durchaus. Kirche kann durchaus der „Möglichkeitsraum“ sein, von dem Markus Decker in seinem Kommentar spricht. Es muss möglich sein, vom Ich zum Wir zu kommen, aber wie auch immer man es dreht: Das wird keine Entwicklung nach dem Motto „Alles auf Anfang“ sein. Früher war alles besser? Mitnichten. Dass Menschen heutzutage das Ich leben können, ohne bevormundet zu werden (zum Beispiel von Kirche), stellt eine Chance dar.

Kürzlich erst haben wir den Geburtstag unseres Grundgesetzes gefeiert, dass diese Entdeckung des Ich erst ermöglicht hat. Wenn wir schon von „Möglichkeitsräumen“ sprechen – warum dann nicht von denen unserer Verfassung? Sie lädt zur Debatte ein. Religiöse Organisationen können dabei möglicherweise helfen, aber dass es auch ohne sie geht, hat beispielsweise die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Nachrichten über die „Remigrations“-Pläne der Neurechten gezeigt. Viele tausend Menschen haben demonstriert und ihre Meinung kundgetan. Die Zivilgesellschaft lebt! Der Diskurs sollte aus ihr heraus geführt werden. Und damit können Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt und hier sogleich beginnen!


Wer braucht die Kirche(-n)?

Ist das ein Witz oder einfach nur ein unüberlegter Affront gegenüber den sicher nicht wenigen atheistischen Leser*n der Frankfurter Rundschau? Ein Leitartikel (!) mit der Überschrift „Kirche ist unersetzlich“.
Ärgerlich: Die Existenz (eines) Gottes wird vorausgesetzt. Die AfD sei erfolgreich „wo das Christentum teilweise komplett verschwunden sei“. Ich möchte daran erinnern, dass der Nationalsozialismus auch unter Christen weit verbreitet war.
„Die Kirchen … tragen zu jenen intellektuellen und moralischen Voraussetzungen bei, die der freiheitliche, säkularisierte Staat selbst nicht garantieren kann.“ Wozu haben wir dann ein Grundgesetz?
Kirchen werden nie und nirgendwo gebraucht, – außer für den Machterhalt ihrer Funktionsträger. Mein Dank jedoch an die Katholiken in Eichsfeld, und, seid sicher: Ihr steht nicht allein gegen die AfD!

Elena Ezeani, Bremen

Theologische Leerformeln mit beliebigen Inhalten

Welche Kirche meint Markus Decher? Die russisch-orthodoxe, die Putins Krieg als „Heiligen Krieg“ gegen die Ungläubigen im faschistischen Nachbarland ebenfalls orthodoxen Glaubens segnet? Meint er die Staatskirchen im klerikalfaschistischen Portugal, Spanien oder Italiens seligen Angedenkens? Meint er die niederländisch reformierte Kirche, die das Apartheidregime religiös begründete? Der zutreffende Hinweis auf einige Kirchenleute, die 1989 beim friedlichen Umsturz in der DDR mitwirkten, unterschlägt, dass bis hinauf zur Bischofsebene namentlich die evangelische Kirche ausgesprochen staatsfromm war und sich als „Kirche im Sozialismus“ verstand. Jahrtausende lang bestand eine enge „Ehe zwischen Thron und Altar“. Ihre Liebe zur Demokratie entdeckten einige Kirchen erst in den sechziger Jahren des 2o. Jahrhundert unter schweren Geburtswehen. Alles rational gut verstehbar, wenn man sich klarmacht, dass die theologischen Kategorien „Leerformeln“ sind, die mit beliebigen Inhalten gefüllt werden können. Markus Decker träumt einen illusionären Traum.

Joachim Kahl, Marburg

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2 Kommentare zu “Ist Kirche unersetzlich?

  1. Obskur, lächerlich, vielleicht sogar gefährlich: Das ist häufig und leider oft auch in der FR der Unterton, wenn es um Kirche, Glaube und Religion geht. Was da immer wieder mitschwingt ist die Überzeugung, dass Zöpfe wie diese eigentlich abgeschnitten gehören. Natürlich ist diese Meinung legitim. Mir kommt es allerdings so vor, als ob sich da vor allem Menschen zu Wort melden, die Kirche noch nie oder zuletzt vor Jahrzehnten kennengelernt haben. Ich jedenfalls engagiere mich gerne in der – in meinem Fall evangelischen – Kirche. Einige der Gründe (es gibt noch viele weitere) hat Markus Decker in seinem Leitartikel „Kirche ist unersetzlich“ treffend dargelegt. Danke dafür!

  2. Markus Decker fehlt das Insiderwissen von Elena Ezeani und Joachim Kahl, sonst wüsste er, dass gerade die häufig kirchentragenden Fundamentalisten überproportional rechts wählen. Die Kirche, die gegen die AfD hilft, muss erst noch gefunden werden. Sie muss ein „Gehäuse“ sein, die „den Inhalt, die christliche Botschaft“, tatsächlich auch lebt. Joachim Kahl hat längst akribisch nachgewiesen, wo in der Kirchengeschichte das Gegenteil der Botschaft Jesu verwirklicht wurde. Als lutherischer Insider halte ich sein Urteil, einige Kirchen hätten in den 1960er Jahren die Demokratie entdeckt, für zu gnädig. Ich habe wieder wie in 1970er Jahren Predigtverbot, weil ich das Wort Jesu in Mt 7,5 auf den Ukrainekrieg beziehe. Nachdem ich 2022 jahrzehntelang gehaltenen Unterricht zur Überwindung von Missbrauch veröffentlicht hatte (Meine Praxis | Friedensbildung.schulpraktisch (friedensbildung-schulpraktisch.de), wurde auch noch ein Schreibverbot gefordert. Deckers Bockenfördezitat ist erst abgewandelt stichhaltig: Die Botschaft Jesu (Mk 10,42-44) kann dem säkularisierten Staat eine Grundlage bieten für eine freiheitliche, gerechte und friedliche Staatsführung, die nicht „gen Selbstzerstörung steuert“. Deckers Hoffnung auf „viele Kirchenvertreter:innen“, die nach der friedlichen Revolution von 1989 „in der Politik landeten“, muss bei genauerer Beobachtung zerrinnen. Der lutherische Theologe Gauck, der im Amt des Bundespräsidenten landete, ist Vertreter des Neoliberalismus, der dem Mammon dient, was Jesus für unvereinbar hält mit dem Dienst gegenüber dem barmherzigen Gott (Mt 6,24, Lk 16,9). Neoliberale erzeugen Verlierer und treiben sie der AfD zu. Gauck unterstützt die Kriegstreiberei im Ukrainekrieg, der auf Feindbildpflege beruht, gegen die Jesus sich prägnant wendet (Mt 5,43-45) und dagegen die Auseinandersetzung mit der eigenen Bosheit fordert (Mt 7,1-5) sowie im Vaterunser Einsicht in eigene Schuld und Bereitschaft zur Vergebung lehrt (Mt 6, 12). Kirchenvertreter in der Politik helfen nur gegen die AfD und selbstzerstörerische Kriegstreiberei, wenn sie sich konsequent an der Botschaft Jesu ausrichten.

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