Zitat des Tages: 9.12.10

„Zukünftige Ereignisse werden interpretiert als gegenwärtige Gefahren, und damit wird der Terror inszeniert.“

Wolfgang Frindte, Leiter einer Studie der Universität Jena. Hier ein ausführlicherer FR-Online-Text, der das Zitat leider nicht hat. Nach vorläufigen Ergebnissen dieser Studie berichten vor allem die deutschen TV-Sender unausgewogen. Von 600 Terrorberichten behandelten fast ein Drittel die Bedrohung durch den Terrorismus für Deutschland, obwohl seit 2001 in der Bundesrepublik kein wirklicher Terroranschlag verübt worden sei.

5 Kommentare

  1. Abraham sagt:

    Könnte man nicht genauso schreiben „Zukünftige Ereignisse werden interpretiert als Gegenwärtige Gefahr, und damit die Forderung nach Abschaltung der Atomkraftwerke inszeniert“, schließlich ist seit 1986 weltweit kein Reaktor mehr explodiert. Ich bin sicher, dass in den TV-Nachrichten auch überwiegend über die Gefahren der Kernkraftnutzung berichtet wird, statt Hintergründe auszuleuchten (wie geht das in 30 Sekunden?). Und was beweist das? Sind dadurch die Berichte über die Terrorrgefahr oder die Risiken der Atomkraft falsch?

  2. Max Wedell sagt:

    Aus der Präsenz eines Themas in den Medien auf seine Relevanz zu schließen ist nun mal nicht möglich. Das ergibt sich ja alleine schon aus der wellenförmigen Berichterstattung: Heute reden alle unablässig über ein Thema (z.B. „Altenpflege“), ein paar Wochen später niemand mehr. Ist das Thema „Altenpflege“ also nur in dieser Woche überhaupt relevant, und in 4 Wochen überhaupt nicht mehr oder viel weniger?

    Vollends scheitern wird, wer Wahrscheinlichkeiten für Terroranschläge (oder atomarer Unfälle) direkt aus den Zentimetern bedruckter Zeitungsfahnen ableiten will, die ihre Möglichkeit beschreiben.

    Was die Ursachen islamistischen Terrors angeht, so ist es fraglich, ob über die hierzulande überhaupt politisch korrekt berichtet werden kann. Im Zentrum steht ein verbreiteter Mangel des Selbstbewußtseins vieler Menschen in der arabischen Welt. Im Angesicht der modernen, technisch-wissenschaftlich-wirtschaftlich überlegen wahrgenommenen westlichen Welt reagiert man verschreckt und eingeschüchtert, ja beleidigt. Was bringen die Araber zustande in der Welt? Sie leben seit Urzeiten auf Boden, unter dem Öl fließt… tolle Leistung! Ansonsten leben sie in Gesellschaften, die ohne Unterdrückung und Korruption nicht funktionieren (jedenfalls auf der Ebene der Nation), und kopieren entweder den Westen in Äußerlichkeiten ganz unkritisch oder lehnen ihn rundheraus ab. Um sich nicht eingestehen zu müssen, daß die heutigen Beiträge der Araber zum materiellen und besonders auch geistigen Weltreichtum recht klein sind, besinnt man sich des Glorreichsten, dessen man in eigener Sache habhaft werden kann: des Islams. Und der gibt dann ein Motif, die Abneigung gegenüber dem Westen zu rationalisieren, indem sie sie ins absolut Gebotene umschlagen lässt: im Dschihad. Das ständige Beleidigtsein des Muslims, seine Wut hat jetzt plötzlich eine Berechtigung, ja ist aus religiösen Gründen ganz notwendig und daher „gut“ geworden.

    In der arabischen Kleingemeinschaft wie Familie oder Stamm spielt das Konzept der Ehre, der besonderen Anerkennung für ein Konglomerat von bestimmten Verhaltensweisen eine herausragende Rolle. Auf den Weltmaßstab bezogen haben Araber ein vergleichbares Bedürfnis, sich ehrenvoll behandelt zu fühlen, aber es ist dem Rest der Welt nicht klar, weswegen er es tun sollte…. Ehre, wem Ehre gebührt… und wem sie nicht gebührt? Da schwankt man in der Rezeption des archaischen, vormodernen Arabiens zwischen einem (im positivsten Fall) Bestaunen (wie etwa im Zoo exotische Tiere bestaunt werden) und der Ablehnung (angesichts der Defizite in Demokratie, Wissenschaft und Kultur). Der Araber, auf der globalen Ebene um die „Ehre“ gebracht (Abdel-Samad: „Eine Kultur schämt sich, will es aber nicht zugeben“), die er doch so dringend braucht, weil er vor diesem kulturellen Hintergrund aufwuchs, ist dann gefährdet, in islamistischen Wahnwelten um die höchste Ehre zu kämpfen, die es überhaupt geben kann, die somit größer ist als jene, die von der Weltgemeinschaft ausgehen kann… die gegenüber Gott.

    Soviel zur Wirklichkeit. Jetzt zu den TV-Sendungen über die Ursachen des islamistischen Terrors, die die Jenaer Wissenschaftler als politisch Korrekte wohl eher im Hinterkopf hatten: „Es waren einmal Kolonialmächte, die spielten den Arabern übel mit. Das geht ja bis heute so. Manche Araber wehren sich mit Terror, das ist zwar natürlich falsch, aber in gewisser Weise ja verständlich. Damit der islamistische Terror aufhört, muß sich erstmal der Westen ändern.“ usw. blah blah.

  3. Paul Ney sagt:

    Zukünftige Ereignisse werden interpretiert als … — „Zukunftsszenarios werden…“ wäre m.E. doch zureffender, es geht ja um hypothetische Ereignisse (wer immer die Hypothesen macht bzw. eine Zukunft projiziert).

    Zuschauer rufen trotz des Bedrohungserlebens nicht verstärkt nach Anti-Terrormaßnahmen — Auch das stammt aus der verlinkten Buchbesprechung [www uni-jena.de/Mitteilungen/PM101208_Terrorinszenierungen.print]; hat da jemand das Buch schon gelesen?! Da könnte u.a. auch eine Rolle spielen, daß z.B. die Kriege im letzten Jahrzent oft mit später als unzutreffend nachgewiesenen Argumenten angelaufen waren… Dieser Aspekt soll auch die Fronttruppen nachdenklich motiviert haben, aber amtliche Umfragen sind mir nicht bekannt.

  4. Abraham sagt:

    @ Max Wedell

    Sie simplifizieren das Thema nicht weniger als diejenigen, die den Kolonialismus, Imperialismus bzw. Kapitalismus zur Ursache des islamistischen Terrors erklären. Weder gibt es „die Araber“ (Algerien, Libanon, Ägypten, Iraq und Saudi-Arabien haben unterschiedliche Geschichte und verschiedene Kulturen), noch „die Muslime“. Der Terror der Hisbolah, der Hamas, der PLO, der Taliban oder der Al Quaida lässt sich nicht in ein einziges Erklärungsmuster pressen.

    Das Thema sprängt sowohl die Möglichkeiten eines Tagesschaubeitrags als auch eines Blogs.

  5. Max Wedell sagt:

    @Abraham,

    natürlich haben Sie völlig recht, daß ich simplifiziere… über diese Dinge haben andere dicke Bücher geschrieben, und ich bringe darüber etwas in 40 kurzen Zeilen; es wäre ein Wunder, wenn das ohne Simplifizierung gelänge… ebenso kann man das von mir Beschriebene natürlich auch nicht als DIE Ursache des Terrorismus bezeichnen. Viele Faktoren wirken zusammen, aber die erwähnte in der arabischen Welt transnational verbreitete Befindlichkeit auf der eher psychologischen Ebene ergeben eine Grundhaltung, aus der man sich im Einzelfall dann konkrete, aber ganz verschiedene Anlässe zur Gewaltausübung schon zusammensuchen kann.