Dank an die, die für uns den Kopf hinhalten!

Eigentlich könnten alle zufrieden sein: Die vergangene Silvesternacht ist in Köln und auch anderswo ohne sexuelle Übergriffe vonstatten gegangen, die Polizei hat alles im Griff gehabt, war offenkundig gut vorbereitet und hat gezeigt, wozu sie in der Lage ist. In Köln waren 1500 BeamtInnen im Einsatz, weitere wurden hinzugezogen, als es kurzzeitig so aussah, als braue sich tatsächlich etwas zusammen. Mehr als 1000 junge Männer, die von der Polizei als „der Klientel vom vergangenen Jahr“ äußerlich ähnlich wahrgenommen, wurden isoliert, einzeln befragt, ihre Personalien wurden aufgenommen, etliche erhielten Platzverweis. Mit dem Ergebnis, dass auf der Domplatte alles friedlich blieb. Der symbolträchtige Ort hat gezeigt, dass der Rechtsstaat funktioniert. (Hier ist das alles nachzulesen.)

So weit, wo wunderbar. Aber jetzt kommt’s: Es hat sich dann doch tatsächlich herausgestellt, dass die Polizei intern einen speziellen Begriff für jene jungen Männer pflegt: „Nafri“. Acht Minuten nach Mitternacht hatte die nordrhein-westfälische Polizei über ihren offiziellen Twitter-Kanal gemeldet: „Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen.“ Dabei steht „Nafri“ für Nordafrikaner. Und dann ging’s los. Vorbei die gelassene Stimmung unter dem Eindruck des erfolgreichen Einsatzes. Der Gebrauch einer solchen herabwürdigenden Gruppenbezeichnung wie „Nafris“ für Nordafrikaner durch staatliche Organe sei völlig inakzeptabel, sagte die Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter — und setzte damit eine bundesweite Debatte über „racial profiling“ der Polizei in Gang.

Amis, Tommies und auch Krauts

Geht’s noch? Haben wir denn keine anderen Probleme? „Nafri“ soll rassistisch sein? Das klingt doch eigentlich nur nett, ein bisschen nach Limonade. Und sagen wir nicht auch „Amis“ für Amerikaner oder „Tommies“ für Briten? Und die, also diese Briten, nennen die uns nicht auch „Krauts“? Ist es denn nicht nachvollziehbar, dass die Polizei eine interne Sprachregelung hat, bei der jeder sofort weiß, was für ein Typ Typ gemeint ist? Diese Simone Peter und später auch ihr Volker Beck sowie ein paar PolitikerInnen von der Linken, die haben sie doch nicht alle, wenn sie daraus jetzt eine Grundsatzdebatte über Rassismus machen!

silvester-2016Das Problem ist: Simone Peter hat völlig recht. Sie hat ja nicht den Polizeieinsatz an sich kritisiert — den lobte sie ausdrücklich –, sondern (siehe oben) den Gebrauch einer herabwürdigenden Gruppenbezeichnung durch staatliche Organe. Da mag ein Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), auch poltern: „Wir als Polizei denken nicht daran, uns von irgendwelchen Linke-Politikern vorschreiben zu lassen, wie wir zu sprechen haben. Nafri ist ein polizeilicher Fachbegriff für nordafrikanische Intensivstraftäter, wie sollen wir diese Personen denn sonst nennen?“ Wie wäre es zum Beispiel mit „Intis“? „Strafis“? Wenn solche „Fachbegriffe“ denn unbedingt sein müssen. Ich würde allerdings „Sivs“ vorziehen. Das ließe sich wenigstens zur Not noch als „literarisches Zitat“ schönreden, weil es in den „Star Wars“-Filmen doch die Sith-Lords gibt. Ach, du schöne Welt der „Fachbegriffe“!

„Nafri“ ist rassistisch, weil es eine Herkunftsbezeichnung ist, bei der die in diesen Sprachgebrauch Eingeweihten sofort ein klares Bild vom Äußeren solcher nordafrikanischen Intensivtäter vor Augen haben, kriminelles Verhalten eingeschlossen und unterstellt. Nur zur Erinnerung: In diesem Land gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung, und zwar auch für nordafrikanisch aussehende Menschen. Das ist keine Verharmlosung der Gefahren, die von solchen Menschen potenziell ausgehen, sondern es ist ein Pfeiler unseres Rechtsstaats — der das Agieren desselben Rechtsstaats gegenüber solchen Menschen zugegebenermaßen nicht immer leicht macht. Aber da müssen wir durch, denn dieser Rechtsstaat ist ja die große Errungenschaft, die heutzutage verteidigt werden muss. Möglicherweise auch gegen manche, die ihn (vorgeblich?) ebenfalls verteidigen.

„Spasti“, „Zigeuner“ und auch „Homo“

Rainer Wendt wollte sich vor seine PolizistInnen stellen. Das ist ehrenwert. „Nafri“ als „polizeilichen Fachbegriff“ zu verteidigen, ist dagegen dumm. Zu welchen Intelligenzleistungen mag unsere Polizei wohl noch imstande sein, wenn sie so was als „Fachbegriff“ ausgibt? Da traue ich den Spezialisten dort doch sehr viel mehr zu. Nein, es handelt sich um nichts weiter als um Jargon. „Nafri“ gehört in dieselbe Ecke wie „Spasti“, „Zigeuner“ oder (früher und heute noch zum Teil) „Homo“. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass sich solcher Jargon bildet — auch nicht bei der Polizei. Aber es muss verhindert werden, dass Begriffe wie dieser für offizielle Sprachregelung gehalten werden. Staatliche Organe dürfen dergleichen daher nicht benutzen. Sonst steht ihre verfassungsgemäße Neutralität infrage. So kommentierte dies auch Christian Bommarius in der FR.

Es ist gut und richtig, dass die Kölner Polizei sich ganz schnell entschuldigt hat, denn so kann sie sofort wieder an die Arbeit gehen und hoffentlich künftig weitere Erfolge dieser Art feiern. Es ist Unsinn, von „racial profiling“ zu reden, denn es wurden ja auch Deutsche kontrolliert und erfasst, die nach Augenschein von der Gruppe, auf der der Fokus lag, offenbar nicht in jedem Fall optisch klar zu trennen sind. Profiling ist sowieso etwas völlig anderes. Und es ist gut und richtig, dass Simone Peter und andere die staalichen Organe an ihre Pflicht zur Neutralität erinnert haben. Bedenklich stimmt mich da eher so manche Kritik, die sie dafür ernten. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen: Der symbolträchtige Ort hat gezeigt, dass der Rechtsstaat funktioniert. Und wenn die Zivilgesellschaft anschließend sein Handeln diskutiert, darf man vielleicht sogar noch einen draufsetzen: Der Rechtsstaat lebt!

fr-balkenLeserbriefe

Roland Lissowski aus Gelnhausen meint:

„Mir ist es völlig egal, wie die Polizei im internen Dienstgebrauch eine Gruppe von potenziellen oder tatsächlichen Straftätern nennt. Für mich  ist wichtig, dass ich in Ruhe und Frieden in Deutschland leben und bei  Lust und Laune in der Öffentlichkeit feiern kann, ohne befürchten zu  müssen, dass mir angebliche „Schutzsuchende“ ans Leben, an meine  Gesundheit oder an mein Geld wollen. Die Politiker, die jetzt die Kölner  Polizei heftig wegen „Rassismus“ kritisieren, haben sich vom Rechtsstaat  verabschiedet. Sie sind nicht mehr daran interessiert, dass „die, die  schon länger hier leben“, durch das Gesetz und durch die Polizeikräfte  geschützt werden vor denen, „die erst vor kurzem nach Deutschland  gekommen sind“ (wenn ich Frau Merkel hier richtig zitiert habe). Die  Umkehrung dieser Aufgabenstellung ist dieses Leuten viel wichtiger. Und  der eigentliche Skandal wird vertuscht, totgeschwiegen, bagatellisiert:  Wir können uns nicht mehr ohne Polizeischutz in der Öffentlichkeit sicher fühlen. Und wie soll die Polizei uns bei dem massiven  Stellenabbau der letzten Jahrzehnte effektiv schützen?“

Roman Gonther aus Frankfurt:

„Alles nur heiße Luft? Überflüssige Diskussion? Ich glaube nicht. Erst jetzt, drei Tage später, erklärt die Polizei auf welcher Grundlage sie entschieden habe, welche Menschen zu überprüfen seien. Jetzt erfahren wir von Zivilfahndern, die die Gruppen schon bei der Anreise beobachtet hätten und aggressives Verhalten festgestellt hätten. Eine Überprüfung wäre also völlig legitim gewesen… keiner hätte das bestritten. Vorher entstand aber der Eindruck, die Polizei habe alleine aufgrund der Hautfarbe und der Herkunft entschieden… und die Kölner Polizei war nicht in der der Lage, dies glaubhaft zu dementieren sondern verzettelte sich immer weiter in unglückliche Formulierungen. Dies wäre in der Tat ein unakzeptabler Vorgang gewesen. Unser Grundgesetzt garantiert, dass vor dem Gesetzt ALLE MENSCHEN gleich sind, unabhängig von ihrer Herkunft, Rasse oder Religion. Und es garantiert die Würde des Einzelnen, auch wenn dieser aus einer Bevölkerungsgruppe kommt, aus der auffällig viele Straftäter hervorgehen… Das ist nicht verhandelbar. Und wenn wir es nicht schaffen auf dieser Grundlage für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, haben wir verloren. Von daher ist und war die Diskussion über „Racial Profiling“ und den Preis, den wir bereit sind, für die Sicherheit zu zahlen gut und wichtig. Und unabhängig davon, was nun an diesem Silvesterabend in Köln passiert ist oder nicht, sollte diese Diskussion weiter gehen. Erschreckend war es allerdings zu sehen, wie viel einige Menschen offensichtlich bereit sind zu opfern für die Sicherheit des weißen Mannes oder mehr noch der weißen Frau… Wie viel sie bereit sind, unser Grundgesetzt – DIE eigentliche Grundlage unsere Zusammenlebens – zu relativieren und pragmatischen Überlegungen zu opfern… auch ganz im Sinne des CSU Politikers Hans-Peter Uhl der ernstlich fragt „Wie viele Tote, Verletzte und wie viele vergewaltigte Frauen“ man noch brauche bis man „zu Verstand kommt?“ ganz so als stünden Zahlen und Statistiken über den Werten unsere Grundgesetzes. Vielleicht hat die Kölner Polizei zu Unrecht Prügel bezogen. Doch dass das Handeln von Sicherheitsorganen hart und kritisch beobachtet wird, liegt im Wesen unseres Rechtsstaates begründet. Und das ist gut so. Hätten sie Applaus gewollt, hätten sie zum Zirkus gehen müssen… und was immer eine hoffentlich anschließende Untersuchung der Vorfälle ergeben mag, eins müssen sie sich auf alle Fälle vorwerfen lassen: Ein ganz miserable Öffentlichkeitsarbeit.“

Manfred Kirsch aus Neuwied:

„Ja, es wäre nicht auszudenken gewesen, wenn auch in dieser Silvesternacht ähnlich widerliches wie im vergangenen Jahr geschehen wäre. Trotzdem hat aber Amnesty International recht, wenn sie eine unabhängige Untersuchung des Polizeieinsatzes verlangt. Es steht viel zu viel Vertrauen in die Polizei auf dem Spiel, wenn es Rechtsverstöße durch Polizeibeamte gegeben haben sollte. Der Rechtsstaat zeigt gerade seine Stärke dadurch, dass er auch bei komplizierten und schwierigen Maßnahmen seiner ausführenden Gewalt eine hundertprozentige Rechtssicherheit gewährleistet. Und es ist auch richtig, dass herabwürdigende Gruppenbezeichnungen wie „Nafris“ für Nordafrikaner auf keine Fall akzeptiert werden können. Generalverdacht gegenüber dunkelhäutigen Menschen muss genauso entgegengetreten werden wie dem Generalverdacht gegenüber der Polizei, sollte er jetzt ausgesprochen worden sein. Die Vorgänge in dieser Silvesternacht sind so vielschichtig, dass eine unabhängige Untersuchung Klarheit über eventuelles Fehlverhalten der Polizei schaffen sollte. Für Stammtischgerede und Populismus darf es auch diesmal keinen Platz geben.“

Wolfgang Hahn aus Dreieich:

„Da konzentriert sich die Kölner Polizei auf Personen, die ihr aufgrund einschlägiger Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr als verdächtiger als andere erscheinen. So what? Amensty International Funktionäre ohne Mandat von irgendjemand verlangen eine Untersuchung. Hätte die Polizei auch Frauen und männliche Jugendliche mit Freundin im Arm überprüfen sollen? Das wäre ein Fest für die Meinungsmacher der ach so neutralen Presse geworden, die umgehend einen Polizeistaat erkannt hätten. In erster Linie hat die Polizei versucht, Frauen vor Übergriffen zu beschützen. Das dabei orientalische Männer in Gruppen besonders gefährlich sind, ergab sich nicht aus einer rassischen Zugehörigkeit, sondern aus einer kulturellen Einstellung. Dokumentiert wurde diese vor einem Jahr, als auch innerhalb grösserer Gruppen kein Unrechtsbewusstsein vorhanden war. Kölner Polizei, bitte weiter so.“

Bertram Münzer aus Gütersloh:

„Jetzt lassen wir doch mal den Dom in Kölle und die Kirche im Dorf. Die Polizei in der Rheinmetropole hat doch alles richtig gemacht. Sie hat aus den Erfahrungen des letzten Jahres gelernt und danach gehandelt. Hat geballt auftretende Gruppen von jungen Männern, die vermutlich aus Nordafrika stammen, aufgehalten, kontrolliert und abgewiesen. Nach allem, was ich aus 2015/16 weiß, waren es solche Gruppen, die sich vor einem Jahr über unsere Gesetze und Verhaltensnormen hinweggesetzt haben. Und keiner wollte doch, dass so etwas wieder passiert. Und es ist nicht passiert. Gut so. Sich jetzt über das Handeln der Polizei zu erregen, es gar in die Nähe von Rassismus zu rücken und über ein Kürzel zu lamentieren ist „political incorrect“ und schadet nur. Ein Dankeschön an die, die oft ihren Kopf für uns hinhalten, ist angemessener und sei hiermit ausgesprochen.“

Margrit Seelig de Boll aus Kelsterbach:

„Hat man eigentlich vergessen, dass der Hauptbahnhof schon immer Treffpunkt z.B. damals bei den türkischen Fremdarbeitern war? Und sich auch jetzt wieder junge Ausländer dort treffen wollten, um zusammenzusein? Wo sollen Sie sonst an einem solchen Tag sich sehen? Ihnen jedoch jetzt zu unterstellen, sie seien alle sexuelle Straftäter, Kriminelle, eventuelle Attentäter und behandelt sie dementsprechend, muss dieses Verhalten „Rassismus“ genannt werden. Denn unter ihnen sind viele gebildete, hochanständige junge Männer.
Was haben junge Mädchen an Silvester am Bahnhof zu suchen? Es gibt andere Plätze. Oder schafft für sie einen Platz, wo auch sie sich mit anderen ungestört treffen können. Doch nein, sie wollen etwas erleben und weichen keinen Schritt zurück.
Man zieht also zu hohen Kosten der Steuerzahler einen Sondereinsatz von 1500 Polizeikräften hinzu und bewirkte durch Personenkontrollen Aggressionen, die provozierten und noch dadurch verstärkt wurden, weil die Bewegungsfreiheit dieser jungen Männer behindert und stark eingeschränkt wurde.
Wenn man die private Böllerei verbieten würde und veranstaltete für alle ein öffentliches Feuerwerk, so dass diejenigen, die daran interessiert sind, auch weiterhin Freude haben. Dann würden sich alle zur Sicherheit erdachten Maßnahmen erübrigen und man würde zu einem normalen menschlichen und respektvollem Verhalten zurückkehren.“

7 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Sprache verrät Gesinnungen und Absichten derer, die sie gebrauchen. Das ist ihre zwangsläufige Funktion. Und wer kann und möchte schon sprachlos sein? Aber weil das so ist, sollte man erst denken und dann sprechen bzw. schreiben.

    Bereits der Titel des Blogs, einer Zuschrift entnommen, kehrt die Verhältnisse um. Denn niemand, kein/e Politiker/in, kein/e Polizist/in, hält den Kopf für andere hin. Deren Handeln gründet nicht auf Freiwilligkeit, sondern sie haben im Rahmen ihrer Entscheidungsfreiheit ein Mandat bzw. einen Auftrag angenommen. Das kann Risiken bergen, die nicht verniedlicht werden dürfen. Aber die Gesellschaft honoriert das, bei den Politikern vielfach unverhältnismäßig hoch, bei Polizisten vieler Dienststufen unangemessen gering.
    Deswegen: „Dank an die, die für uns den Kopf hinhalten“ klingt wie das Schönreden der Stalingrad-Katastrophe: „Sie starben, damit Deutschland lebt“. Man sollte derartige sprachliche Armseligkeiten vermeiden; denn sie demaskieren den/die, der/die sie gebraucht.

    Der zweite Gesichtspunkt ist die Fragwürdigkeit interner Sprache. Grundsätzlich müssen in einem demokratischen Staat behördliche Äußerungen einschließlich fachsprachlicher Begriffe vom Geist der Demokratie geprägt sein. Denn wer anders denkt und spricht, als es den Grundsätzen des Rechtsstaats entspricht, hat sich von diesem entfernt.

    Ein typisches Beispiel dafür ist der Vorsitzende der CDU-nahen Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt. Seine Sprache erinnert mich regelmäßig an den SED-Demagogen Karl-Eduard von Schnitzler, der in seinem „Schwarzen Kanal“ die sicherlich häufig fragwürdige Politik Adenauers und der späteren Kanzler diffamierte, statt sie sachlich zu kritisieren (wobei seriöse Kritik auch polemisch sein darf). Wendts schwarzer Kanal läuft derzeit sogar Gefahr, zu einem braunen zu werden. Denn seine Positionen sind vielfach deckungsgleich mit denen der AfD.

    Nun ist es nicht zu leugnen, dass Einwanderer/Flüchtlinge aus nordafrikanischen Staaten relativ häufig noch kein Bewusstsein für die Strukturen und Gebräuche in der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern entwickelt haben. Sie möchten ihre Lebensgewohnheiten auch in dem Land praktizieren, in dem sie Zuflucht suchen. Dabei verkennen sie, dass Flucht generell Überwindung bedeutet. Nämlich sowohl die Überwindung nationaler Grenzen als auch von traditionellen Sitten und Gebräuchen. Sie schließt die Aufgabe des Bisherigen und die Annahme des Neuen ein. Flüchtlingen und Zuwanderern wird es nicht erspart werden können, ihre Identität zu erweitern.
    Den Behörden erwächst hierdurch die schwere Aufgabe, vorhandene Sicherheitsrisiken professionell und ohne Diskriminierung abzuprüfen. Dazu ist ein Kriterienkatalog notwendig, der auch sprachlich den diffizilen Anforderungen gerecht wird. Doch Kürzel wie „Nafris“ erwecken den Eindruck, dass sie von „Blödies“ kreiert wurden. Und die braucht das Land wirklich nicht, weder unter den Eingeborenen noch unter den Zuwanderern.

  2. Bertram Münzer sagt:

    Ja sicher: Es ist Job der Polizei für unsere Sicherheit zu sorgen. Und dabei tragen die Frauen und Männer dort das „Berufs“-Risiko, halten den Kopf für uns hin, nicht Sie Herr Mertens – denke ich – und ich auch nicht. Und dafür bin dankbar und das sage ich auch.
    Den Stalingrad-Ausrutscher nehme ich verwundert zur Kenntnis und antworte mit einem Zitat aus Ihrem Kommentar: „Man sollte derartige sprachliche Armseligkeiten vermeiden; denn sie demaskieren den/die, der/die sie gebraucht. „

  3. Stefan Briem sagt:

    Es ist völlig in Ordnung, der Polizei dafür zu danken, dass sie diesmal einen ordentlichen Job gemacht hat. Vor einem Jahr wurde sie heftigst kritisiert, weil sie dies nicht hinbekommen hat. Aus den Fehlern hat sie gelernt. Das mag im Grunde eine Selbstverständlichkeit sein, aber ebenso sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass man sich für gute Arbeit bedankt. Schließlich ist es ja nicht so, dass diese Arbeit völlig ungefährlich wäre. Schließlich kann niemals völlig ausgeschlossen werden, dass irgendjemand ausrastet und ein Messer zieht. Das mit dem Kopf hinhalten ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen, trifft aber den Kern der Sache.

    Was aber gar nicht geht, ist Diskriminierung durch Staatsorgane. Dazu hat Bronski oben alles gesagt. Diesen Worten schließe ich mich an.

  4. Brigitte Ernst sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens

    Worin die sprachliche Armseligkeit des Ausdrucks „den Kopf für jemanden hinhalten“ bestehen soll, bleibt auch mir verschlossen. Für mich bedeutet das, konkret auf Polizisten bezogen, dass sie sich für die Sicherheit ihrer Mitmenschen in Gefahr bringen. Wörtlich genommen halten sie nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Körper für uns hin, um oft genug dann auch noch als „Bullen“ und Schlimmeres diffamiert zu werden oder, wie jetzt wieder, im Kreuzfeuer der Kritik zu stehen.
    Den Ausdruck „Nafri“ finde auch ich nicht sehr geschickt gewählt, allerdings habe ich ihn, als ich ihn zum ersten Mal hörte, tatsächlich nur als Abkürzung für Nordafrikaner aufgefasst, entsprechend der Bezeichnung „Ami“. Wenn das I am Ende für Intensivtäter steht, kommt das tatsächlich einer Vorverurteilung einer ethnischen Gruppe gleich und ist nicht akzeptabel.

    Allerdings würde ich mir von einigen Politikerinnen und Politikern wünschen, dass sie, bevor sie, ihrem Geltungsdrang nachgebend, sofort in irgendwelchen Netzwerken losplappern, einfach mal den Mund hielten und abwarteten, bis sie sich angemessen über die Sachlage informiert haben. Volker Beck hat sich an diesen Grundsatz gehalten, indem er erklärte, er wolle sich nicht über das Verhalten der Polizei äußern, bevor er von jeder Seite ihre Version des Vorgangs kenne. Simone Peter dagegen stellte sofort die Frage nach der Rechtmäßigkeit, „wenn insgesamt knapp 1000 Personen alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden“. Woher wusste sie das? War sie vor Ort?

    Riesige Gruppen von Männern, die ohne Frauen unterwegs sind, zumal, wenn sie alkoholisiert sind, verheißen erfahrungsgemäß wenig Gutes. Auch Fußballfans auf der Rückfahrt von einem Spiel werden von der Polizei beobachtet und kontrolliert, und keiner käme auf die Idee, das diskriminierend zu finden. Und es hat sich meines Wissens auch noch niemand darüber beschwert, dass im öffentlichen Raum viel mehr Männer als Frauen von der Polizei kontrolliert werden? Streng genommen verstößt auch das gegen den Gleicheitsgrundsatz unserer Verfassung und könnte „gender profiling“ genannt werden. Es ist immer leichter zu kritisieren als in einer derart heiklen Situation wie der Silvesternacht nach den schlimmen Vorfällen das Jahr zuvor die richtige Vorgehensweise zu finden. In Hessen gibt es den schönen Spruch: „Wie mers mächt, mer mächts verkehrt.“

    Einige Äußerungen in den von Bronski veröffentlichen Leserbriefe finde ich höchst befremdlich. Z.B. schreibt Roman Gonther: „Erschreckend war es allerdings zu sehen, wie viel einige Menschen bereit sind zu opfern für die Sicherheit des weißen Mannes und mehr noch der weißen Frau…“
    Ist ihm entgangen, dass Köln eine Weltstadt mit Bewohnern und Touristen aus allen Erdteilen ist und dass es in der Silvesternacht um die Sicherheit aller sich auf dem Kölner Domplatz aufhaltenden Menschen ging, egal ob es sich um „Herkunftsdeutsche“ handelte oder Zugewanderte aus Afrika, Asien oder sonst woher? Ich gehe davon aus, dass sich auch eine Ghanaerin oder eine Chinesin nicht so gerne von wildfremden Männern ausziehen und an den Schritt greifen lässt.

    Bei der Zuschrift von Margrit Seelig de Boll bin ich im Zweifel, ob es sich um Satire oder um eine ernsthafte Meinungsäußerung handelt. Der Hauptbahnhof war schon immer Treffpunkt von „Fremdarbeitern“ und deswegen haben junge Mädchen (die auch noch etwas erleben wollen, oh Graus) an Silvester dort nichts zu suchen und sollen sich stattdessen an anderen Plätzen treffen? Der Briefschreiberin scheint entgangen zu sein, dass man, wenn man von außerhalb mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Kölner Innenstadt möchte, notgedrungen durch den Bahnhof und über den Vorplatz gelangen muss, bevor man welchen Treffpunkt auch immer erreicht. Ganz abgesehen davon, dass es im vorigen Jahr ganze Familien waren, die auseinandergerissen und attackiert wurden.
    Schlägt Frau Seelig de Boll ernsthaft vor, den Kölner Hauptbahnhof samt Vorplatz von Frauen freizuhalten, damit die „jungen Ausländer“ und „Fremdarbeiter“ nicht in die Versuchung geführt werden, diese zu belästigen? Ich fasse es nicht!

  5. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Dankbar bin ich allen, die bürgerliches Engagement zeigen und die bei ihrem Eintreten für andere und für die Werte einer demokratischen Gesellschaft auch gegebenenfalls bereit sind, dafür persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen.

    Den Polizisten hingegen muss ich nicht dankbar sein; als Staatsbürger bin ich jedoch dazu verpflichtet, ihnen mit Respekt zu begegnen, ihre Arbeit als für das Gemeinwesen wichtig zu begreifen und entsprechend zu würdigen und – nicht zuletzt – die Politik zu drängen, dass die Angehörigen der Polizei angemessen bezahlt werden.

    Dafür erwarte ich umgekehrt auch Respekt der Staatsorgane gegenüber den Bürgern. Falls es im internen Polizeidienst sinnvoll ist, bestimmte Gruppen, die Gemeinwohl und Sicherheit gefährden (könnten), besonders zu bezeichnen, sollte man Begriffe des Strafgesetzbuchs benutzen. In einem Ermittlungsverfahren führt daran ohnehin kein Weg vorbei.

    Und noch eine Bemerkung zum „den Kopf hinhalten“: Ich war nie dazu bereit, für eine Idee den Kopf hinzuhalten. Geschweige denn „den Kopf abzuschlagen“ – was die sprachlogische Folge des ersteren ist. Deswegen habe ich den Kriegsdienst verweigert. In der Verhandlung vor dem Prüfungsausschuss habe ich u.a. Abschnitte aus Victor Klemperers „Lingua Tertii Imperii“ und aus dem „Wörterbuch des Unmenschen“ (von Sternberger/Storz/Süskind) vorgelesen (in beiden kommen auch Goebbels Stalingrad-Assoziationen zur Sprache). Die Herren, die über meinen Antrag zu befinden hatten, kannten die Bücher nicht, obwohl es darin vorrangig um deren Generation im NS-Staat und um heiliggesprochene Sekundärtugenden (Opferbereitschaft, Dankbarkeit etc.) dieser Epoche ging. 49 Jahre danach scheinen erneut Menschen gedankenlos solche Parolen nachzuplappern. Für mich ist das nicht hinnehmbar.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens

    Es tut mir leid, aber bei Ihren Ausführungen zum Thema Dankbarkeit kann ich Ihnen nicht ganz folgen. Sicher ist ein ehrenamtliches zivilgesellschaftliches Engagement besonders zu würdigen, aber warum darf ich jemandem, der etwas Außergewöhnliches für mich leistet, auch wenn er dafür bezahlt wird, nicht dankbar sein? Warum nuss ich mich dann von Ihnen in die Nähe der Nazi-Ideologie rücken lassen? Dass Sie den Wehrdienst verweigert haben, lag doch daran, dass Sie das Mittel der kriegerischen Auseinandersetzung ablehnen, das hat aber nichts mit denjenigen zu tun, die es sich zum Beruf machen, in einer Gesellschaft das friedliche, gesetzeskonforme Zusammenleben zu überwachen und zu schützen.
    Ich erlaube mir, vielen Menschen dafür dankbar zu sein, dass sie anstrengende Berufe ausüben, mit denen sie mein Leben schützen und die ich mir nicht zutrauen würde: Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern, Feuerwehrleute etc.. Wenn Sie mich deswegen einen Menschen nennen, der gedankenlos Nazi-Parolen nachplappert, tut es mir leid für Sie. Dankbarkeit ist keine Sekundärtugend, sondern eine dem Menschen innewohnende natürliche Empfindung. Wenn Sie dazu nur begrenzt fähig sind, ist das Ihr Problem.

  7. @Klaus Philipp Mertens
    Zum Ausdruck „Kopf hinhalten“ fällt mir ein: für andere in die Bresche springen, Verantwortung übernehmen, sich vor seine Mitarbeiter stellen.
    Ihnen fällt ein: „Kopf abschlagen“. So unterschiedlich können Menschen sein.