Das Fortbestehen unserer Demokratie und der unabhängige Journalismus

Brauchen wir Qualitätsjournalismus? Reicht es uns nicht zu erfahren, wann und wo ein schwerer Verkehrsunfall mit mehreren Toten passiert ist, wann und wo ein Feuer mehrere Todesopfer gefordert hat, wann und wo es Messerstechereien, Vergewaltigungen und andere Widerwärtigkeiten gegeben hat? Eine Medienwelt, die ihre Aufgabe im Übermitteln solcher Nachrichten sieht, ist gewiss nicht in der Lage, den Menschen die Hintergründe über ihre Lebenswelt zu vermitteln, von denen sie beherrscht werden. In einer Welt ohne Qualitätsjournalismus haben Politiker es leichter, „ihr Ding“ zu machen, denn wer sollte sie dann noch kontrollieren? Doch die „vierte Gewalt“ ist in der Krise, nicht nur in Deutschland. Immer mehr Menschen informieren sich vermeintlich unabhängig – und landen in Echoblasen. Sie bemerken nicht, welchen Schaden sie anrichten, indem sie sich abwenden und sich ihre Nachrichtenauswahl nunmehr von Algorithmen servieren lassen. Sie sagen: Nein, wir brauchen keinen Qualitätsjournalismus. Oder abgeschwächt: Vielleicht ist Qualitätsjournalismus nützlich, aber ich werde nicht dafür bezahlen.

Ich glaube: Wir brauchen Qualitätsjournalismus weiterhin. Algorithmen können keine unabhängige, mehrköpfige Redaktion ersetzen, die Nachrichten und Informationen zusammenstellt. Algorithmen sind lediglich dazu da zu erkennen, was man gern liest und was eine Leserin, einen Leser vorrangig interessiert, so dass diesen Usern vorrangig Inhalte zu den Themen präsentiert werden, die diese Kriterien erfüllen. Das ist keine unabhängige, sondern eine am Geschmack und den Interessen des Users orientierte Auswahl. Zwischen dem, was Algorithmen und Redaktionen tun, klaffen Welten.

Das heißt nicht, dass es am Journalismus nichts ausuzusetzen gäbe. Journalisten sind Menschen und machen Fehler, sind außerdem natürlich von Interessen geleitet und haben eine Haltung. Im Idealfall ist das Interesse Aufklärung und Information, und die Haltung ist kritisch-distanziert gegenüber dem Gegenstand, dem Inhalt, um den es jeweils geht. Das ist keine Kleinigkeit in Zeiten, in denen das Netz voller Fake News ist und voll von Seiten, die beeindruckend klare Kante zeigen. Je klarer die Kante, desto beeindruckender. Genau darin besteht die Gefahr: Je einfacher die Botschaften, desto verführerischer. Es gibt dort draußen immer jemanden, der sie glaubt, ohne nachzufragen. Wie soll man das auch schaffen bei dieser Masse von Meinung?

Das Internet sei die Basis der Wissensgesellschaft, hieß es einmal. Heute wissen wir: Das wäre schön – tatsächlich ist es aber die Basis der Meinungsgesellschaft. Manchmal ist es erschreckend zu beobachten, wie schnell manche Menschen mit ihren Meinungen bei der Hand sind. Man fragt sich: Haben die überhaupt nachgedacht? Oder rezitieren sie nur, was sie irgendwo mal gelesen haben? Für die Politik wäre vieles leichter, wenn Letzteres der Fall wäre, und es spricht Manches dafür, dass es tatsächlich oft genug so ist. Die AfD ist Vorreiterin in dieser Strategie, die öffentliche Meinung so zu formen, wie sie ihr passt. Die CDU zieht nach mit Partei-TV und stärkt diesen Trend. Das ist verantwortungslos.

Die Frage ist nun: Wohin geht dieses Land? Und diese Welt? In der Türkei, in Russland, Ungarn und in vielen anderen Ländern kann man beobachten, was geschieht, wenn unabhängiger Journalismus verhindert wird. Oder glauben Sie, dass diese Welt ohne kritischen Journalismus klarkommt, der den Mächtigen auf die Füße tritt und Missstände benennt? In einer solchen Welt möchte ich nicht leben. Aber sicher ist: Die Zeiten werden rauer für uns Journalisten. Was auch daran liegt, dass wir für das, was wir tun, mitunter sogar persönlich bedroht werden. In Deutschland überwiegend – noch! – nicht.

Balken 4Leserbriefe

Manfred Kirsch aus Neuwied meint:

„Man muss es gleich mehrfach unterstreichen, was Stephan Hebel in seinem Kommentar verlangt: Ja, guter Journalismus muss sein. Und das gerade in Zeiten von Fake News, Twitter und anderen sogenannten sozialen Medien. Mag sein, dass ein Teil der Kritik am Journalismus zutreffend ist, doch über den klassischen auf Recherche beruhenden unabhängigen und investigativen Journalismus kann wirklich nichts gehen. Das, was sich im Netz teilweise abspielt, hat mit Journalismus überhaupt nichts, aber mit Propaganda umso mehr zu tun. Die Existenz des klassischen Journalismus darf nicht infrage gestellt werden, weil sonst die Demokratie infrage gestellt wird. Ich will nicht in der bundesrepublikanischen Vergangenheit kramen, aber es sei darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik Deutschland und auch andere Staaten dieser Welt wie die USA ohne einen kritisch nachfragenden, aufdeckenden Journalismus heute in puncto liberaler Demokratie nicht das wären, was sie sind. Und damit meine ich die positiven Seiten westlicher Demokratien. Wer sich etwa die Geschichte der Bundesrepublik vor Augen führt, der weiß, dass ohne den aufdeckenden Journalismus etwa des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ über die Bundesrepublik und dessen Bericht zu Fallex 62 oder die engagierte Berichterstattung und Kommentierung der FR in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts über die kulturelle Revolution der damaligen APO und das Parteiergreifen der FR dieses Land nicht so weit wäre wie es heute ist. Auf diesem Weg muss weitergegangen werden, und insbesondere die deutsche Rechte fürchtet Pressefreiheit gerade wegen ihrer kriminellen Machenschaften wie der Teufel das Weihwasser. Gefragt sind konstruktive Vorschläge zur Verbesserung des Journalismus wie etwa gut ausgebildete Journalistinnen und Journalisten, die möglichst aus allen Schichten der Bevölkerung kommen sollen. Genauso wichtig wie kritische Presseerzeugnisse in den USA, die gerade bei der gegenwärtigen Administration von Nöten sind, ist eine hellwache Presse, die die rechten Verbrecher hierzulande aufspürt und überführt. Veränderungen müssen vor allen Dingen zu Gunsten von Journalisten bei vielen lokalen Zeitungen erfolgen. Hier wird es vor allen Dingen darauf ankommen, neue Regelungen über die Kompetenzabgrenzung von Verlegern und Journalisten zu erreichen. Wirkliche journalistische Freiheit bedeutet auch die Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen. Deshalb sollte man durchaus darüber nachdenken, ob guter Journalismus in einer Demokratie beispielsweise durch staatliche Subventionen, die natürlich unparteiisch gewährt werden sollten, gesichert werden kann. Die Politik sollte erkennen, dass die Sicherung einer kritischen Presse eine Voraussetzung für den Bestand unserer Republik ist.
Manfred Kirsch, Neuwied

Gerhard Burmester aus Lübeck:

„Eine Gesprächspartnerin erklärte mir einmal. dass der Unterschied zwischen autoritär und nicht autoritären – als unserem System – geführten Staaten darin besteht, dass die Spielwiesen für die Bevölkerungen unseres Systems größer sind als die der autoritären Systeme. Dem stimme ich zu, wobei ich unsere größeren Spielwiesen – bei allem Mißtrauen – für gut halte.
Wenn aber nunmehr unsere Parteien dazu übergehen, dass sie ihre eigenen Propagandaabteilungen aufmachen und damit den kritischen Journalismus in den demokratiscvhen Medien zurückdrängen, dann sehe ich den Unterschied zu autoritären Systemen nur noch darin, dass diese brutaler die Freiheit eines kritischen Journalismus einengen.
Pressefreiheit bedeutet für mich außerordentlich viel. Der Presse verdanken wir, dass viele Mißbräuche in Verwaltung, Wirtschaft und Politik durch sie erfolgreich aufgedeckt wurden. Aber engstirnige Personen, welche nur die Ausübung inhaltsloser Macht zum eigenen Vorteil und dem ihrer Organisationen, anstreben und deshalb keine Verantwortung für die Demokratie spüren, dürfen wir nicht dulden.“

Rasmus Ph. Helt aus Hamburg:

„Die Skepsis gegenüber der neuen Online-Strategie der Politik verdient ihre Berechtigung. Denn auch wenn viele wichtige Wahlen in der jüngeren Vergangenheit wie etwa von Barack Obama, Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Benjamin Netanjahu gerade über die sozialen Medien gewonnen wurden, bleiben erhebliche Zweifel daran, ob die Idee eines eigenen Newsrooms für die Parteien auch in Deutschland funktioniert und wirklich Vorteile mit sich bringt. Schließlich hat es schon einmal einen solchen klassischen Fall gegeben, wie beim SPD-Convent zum Freihandelsabkommen Ceta mit Kanada, wo die Öffentlichkeit nur über Twitter & Co. einen direkten Einblick in das Geschehnis bekam, und sich im Nachhinein die eigene Glaubwürdigkeit unabhängig vom Ausgang des Votums eher sogar noch deutlich verschlechtert hat. Deshalb nützt es am Ende herzlich wenig, wenn Parteien wie insbesondere die SPD derzeit ihr Team für die sozialen Medien mit zugegebenermaßen guten Leuten im Hintergrund als Experten aufrüsten, solange ein überzeugendes Zukunftsprogramm als Antwort auf die zunehmende Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung fehlt, das sich vor allem mit den bevorstehenden radikalen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung sowie einer bedingungslosen Mindestrente beschäftigt!“

79 Kommentare

  1. Keine Frage, Zeitungen sind wichtig, auf die Gefahr hin , dass man eine Zeitung hat, die in etwa der eigenen Meinung entgegen kommt. Dafür gibt es dann ja auch die anderen, die man dann gelegentlich auch liest, um sich aufzuregen. Immerhin hat man doch ein meist gut recherchiertes Stück Information in Händen und das morgens beim Frühstück. Ich möchte es nicht missen!

  2. hans sagt:

    Heute morgen war ich enttäuscht über die Berichterstattung in der FR. Da gibt es einen Kommentar und einen Bericht über die Sichtweise der Arbeitgeber zur Rente mit 63 und es steht kein Wort darüber drinnen das es eine Rente mit 63 ohne Abschlag gar nicht gibt. Die Rente die so genannt wird ist eine Übergangsreglung zur Rente mit 67. Der Jahrgang der 2019 63 wird bekommt ab seinem Geburtstag diese Rente nicht sondern erst mit 63 und 8 Monate. Die Personen die nächstes Jahr 63 werden müssen mindestens bis 63 und 10 Monate arbeiten u.s.w. Damit zeigt sich auch der Hauptgrund warum diese Rente eine Berechtigung hat. Sie ist eine weitgehend akzeptierte Übergangsregel zur Rente mit 67. Davon sollte in einem Kommentar zu dieser Rente wenigstens ein Wort stehen.

  3. Bronski sagt:

    @ hans

    Danke für Ihren Beitrag zu einer Blattkritik. Ich geb’s weiter. Um das zu beurteilen, was Journalisten für dieses Land und die Demokratie leisten – und darum geht es hier -, sollte man allerdings wohl auf die großen Bögen schauen und nicht so sehr auf einzelne Kommentare.

  4. hans sagt:

    zu @ Bronski
    Jaein, sie Summe der einzelnen Beiträge ist der große Bogen. Ich bin auch jemand der sich gerne vor dem Frühstück einen ersten Blick in die Tageszeitung gönnt und auch gerne einen guten Kommentar liest. Er hat aber seine Berechtigung aus seiner Qualität. Es kann da durchaus eine andere als meine Meinung stehen, aber die Grundlagen müssen stimmen.

  5. Deutscher Michel sagt:

    Meine Blattkritik:

    https://www.google.de/amp/s/www.fr.de/politik/erster-offizieller-strahlentoter-10958001.amp.html

    Die zwei Titel untereinander angeordnet suggerieren, dass es weit mehr als den einen „offiziellen“, strahlenbedingten Todesfall gab. Zufall?

  6. Matthias Aupperle sagt:

    @ all, aber speziell Bronski

    Qualitätsjournalismus ist nach wie vor gefragt. Das Medium „papierne Zeitung“, das den Qualitätsjournalismus transportiert, ist nicht mehr gefragt, weil nicht mehr zeitgemäß. Für die Verleger ist die papierne Zeitung häufig ein Verlustgeschäft. Das ist das Problem. Die Eigentümerwechsel der FR in den letzten Jahren sind symptomatisch für dieses Problem.

    Warum ist das so? Eine druckfrische Tageszeitung, mit einem großen Nachrichtenteil, ist schon bei der morgendlichen Auslieferung veraltet. Die Papierzeitung kann keine Quellen verlinken und ist im Vergleich zu elektronischen Medien statisch und unhandlich. Bei den unter Vierzigjährigen ist die gedruckte Zeitung bei der Mediennutzung deshalb stark unterrepräsentiert. Das führt zu einem dramatischen Auflagenrückgang. Daneben sind die Rubriken ins praktikablere Internet abgewandert und die Werbeanzeigen sind bei einer wenig konsumgeneigten älteren Leserschaft für den Verlag keine substanzielle Erlösquelle mehr. Die gedruckte Zeitung wird in den nächsten zwanzig Jahren vom Medienmarkt verschwinden.

    Wie kann der Qualitätsjournalismus überleben? Zwei mehr im rechten politischen Spektrum verortete journalistische Projekte machen es u. U. vor: „Tichys Einblick“ und die „Achse des Guten“. Sollten die beiden Projekte auf einem soliden wirtschaftlichen Fundament stehen, könnten sie zur Blaupause werden – auch für die journalistischen Macher der FR.

  7. Deutscher Michel sagt:

    Für mich ist einer der Gründe, warum ich keine Tageszeitung habe der, dass sie einfach noch nicht im Briefkasten wäre, wenn ich morgens das Haus verlasse, um zur Arbeit zu fahren. Und abends beim Heimkommen ist sie nicht mehr attraktiv.
    Für Rentner sieht das naturgemäß anders aus.

  8. Fakt ist , dass die Zeit für gedruckte Medien einfach vorbei ist. Die wirtschaftliche Basis in Form von Anzeigengeschäft ist verloren gegangen. Auch meine Kinder lesen keine Zeitung mit der Begründung, was wichtig ist kommt auch so bei mir an. Ein Kind (40) hat auch kein TV , ist aber sonst bestens vernetzt.Die Informationsflüsse heute sind andere,ich meine schlechtere, aber was soll man machen. In einer TV Sendung (Scobel) klang an, durch die Einwirkung von hormonähnlichen Stoffen durchaus eine nachlassende Hirnleistung möglich sei. Wundern würde es mich nicht.

  9. Jürgen Malyssek sagt:

    So so, ist die Zeit der gedruckten Zeitung vorbei? Dann können wir ja fleißig mit daran wirken, dass es auch soweit kommt. Und ist mit der Papierzeitung der Qualitätsjournalismus auch vorbei? Nur weiter so. Wir schaffen das digitale Zeitalter spielend und auf die Minute frisch informiert!
    So so, ist die Zeitung, wenn man abends heimkommt, schon nicht mehr attraktiv?

    Also geht es nur um knallfrische Informationen.
    Denken kommt von alleine.

    Na gut, dann alles just in time und streichfest!

    Man kann übrigens seine Zeitung auch im Laden oder am Kiosk kaufen. Jederzeit. An Tankstellen fast vom Autofenster aus.

    Inzwischen könnte man schon froh sein, wenn wenigstens Wochenzeitungen erhalten bleiben, wenn das Gedruckte scheinbar so unzeitgemäß geworden ist.

    Ach, ich vergaß zu erwähnen: Ich bin sowas von altmodisch, man glaubt es kaum …

  10. Deutscher Michel sagt:

    @Jürgen H.Winter:
    Wo ist denn der Zusammenhang zwischen Informationsflüssen und der Einwirkung hormonähnlicher Stoffe?
    Oder haben Sie das einfach hintereinander gereiht?

  11. Matthias Aupperle sagt:

    @ all

    Während die regionalen und überregionalen Tageszeitungen in den letzten zwanzig Jahren die Hälfte ihrer gedruckten Auflagen verloren, verzeichnete die Wochenzeitung „Die Zeit“ in den letzten Jahren einen leichten Auflagenzuwachs (digital + gedruckt). Kann das nicht als Beleg dafür herhalten, dass Qualitätsjournalismus, der Hintergründe beleuchtet und Zusammenhänge erläutert, unverändert gefragt ist?

    In der reinen Nachrichtenübermittlung sind die digitalen Technologien der gedruckten Zeitung jedenfalls gnadenlos überlegen.

    @ Jürgen Malyssek

    Altmodische digitale Analphabeten werden zukünftig Vieles nicht mehr mitbekommen. In einer Welt, die einem sowieso nicht gefällt, vielleicht gar nicht so schlecht.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Danke für das Kompliment! Sie werden bestimmt alles mitbekommen.

  13. Deutscher Michel sagt:

    @Jürgen Malyssek:
    Genau, eine Tageszeitung würde ich lieber morgens in der U-Bahn lesen und nicht erst, wenn ich abends heimkomme. Anders sieht es mit Wochen- oder Monatszeitungen aus.

  14. Deutscher Michel sagt:

    Gerade eben hat mir jemand vom Blogger Caligula erzählt, dem aufgefallen war, dass die Anschlagsopfer in Sri Lanka in den Medien / der Presse nicht als Christen benannt würden – im Gegensatz zu den Opfern in Christchurch, die sehr wohl als Muslime benannt würden.
    Auch Obama hätte von easter worshoppers statt von Christen gesprochen.
    Daraufhin habe ich mir kurz die Frankfurter Rundschau im Netz angesehen und festgestellt, dass die Behauptung von Caligula anscheinend wahr ist.

  15. Bronski sagt:

    @ Ein schönes Beispiel für eine Echoblase, in der Sie da stecken, Michel. Natürlich haben wir die Anschlagsopfer als Christen benannt. Es war sogar von Christenverfolgung die Rede. Der Link ist nur ein Beispiel. Ja, solche Behauptungen sind schnell in die Welt gesetzt und verbreiten sich dann auch schnell in Kreisen, die dadurch etwas bestätigt sehen, was sie ohnehin schon zu wissen glauben. In diesem Fall: Die Medien messen mit zweierlei Maß, Muslime werden anders behandelt als Christen. Für uns sind die Opfer aber vor allem eines: Opfer. Was „Caligula“ da macht, ist das Gegenteil von Journalismus, nämlich Meinungsmache.

    @ all

    Ich möchte darum bitten, zum Thema zurückzukehren. Es geht nicht in erster Linie um die Zukunft der Tageszeitung, sondern des Journalismus insgesamt, der unter anderem durch Strategien der Parteien infrage gestellt wird, Nachrichten via Online-Netzwerke selbst zu kommunizieren. Kritischer Journalismus soll dabei außen vor gehalten werden. Die AfD macht das schon länger so, die CDU zieht jetzt nach, und die anderen Parteien werden es wohl bald auch so machen. FR-Kommentator Stephan Hebel sieht darin eine Gefahr für die Demokratie.

  16. Werner Engelmann sagt:

    Die Äußerungen von Bronski über „Echoblasen“ kann ich nur unterstreichen.

    Hierzu ein weiteres Beispiel:
    Ein im FR-Forum bekannter Anhänger der Identitären hatte nicht nur zum Attentäter von Christchurch, sondern auch zu seinen Verbindungen mit Identitären in Österreich nichts zu sagen. (https://www.fr.de/politik/spur-fuehrt-nach-tuebingen-12104977.html#idAnchComments)
    Das entsetzliche Massaker in Sri Lanka war ihm dagegen folgende Bemerkung wert:
    „Wann macht sich endlich die Erkenntnis breit, dass es sich hier um eine Ideologie und nicht um eine Religion handelt?“
    (https://www.fr.de/meinung/lanka-besonnene-reaktion-gefragt-12212259.html#idAnchComments)

    Nicht viel anders „profilieren“ sich freilich Markus Grübel und Volker Kauder aus der CDU, wenn sie über „wachsende Christenverfolgung weltweit“ philosophieren und dabei offenbar gezielt die Tatsache unterschlagen, dass die mit Abstand größte Zahl von Opfern des religiösen Fanatismus Moslems sind.
    Es stellt sich die Frage, wie weit diese Politiker mit solch unsäglichen Bemerkungen nicht nur Opfer, sondern auch Erzeuger von „Echoblasen“ sind.

    Der folgenden Bemerkung von Stephan Hebel kann ich nur voll und ganz zustimmen: „Wer den Medien vorwirft, zu nah an der Macht zu sein, sollte es den Mächtigen erst recht nicht allein überlassen, wie ihr öffentliches Bild aussieht.“
    Und wenn ich höre, dass eine Bundeskanzlerin in spe, die mit geradezu unfassbarer Unbedarftheit und Unbelehrbarkeit ihr reaktionäres Weltbild öffentlich zur Schau stellt, „die Richtung bejubelt“, kann mir nur schlecht werden.
    Schließlich handelt es sich um nichts anderes als um die Ausschaltung des Journalismus als „vierter Gewalt“ mit ihren Möglichkeiten demokratischer Kontrolle.
    Was dann an dessen Stelle tritt, darüber kann man sich ja von einem Trump belehren lassen.

  17. Brigitte Ernst sagt:

    Es wird eben immer wichtiger, sich als mündige(r) Leser(in) seinen/ihren kritisch wachen Blick zu erhalten. Denn eine Echoblase entsteht sehr schnell, und je nach politischer Couleur des/der Lesenden ist man geneigt, das, was das eigene Weltbild bestätigt, zu glauben und weiter zu verbreiten, was bis zu Regierungskrisen ausarten kann, siehe die angeblichen Hetzjagden in Chemnitz auf dem „Hasenvideo“.

    Qualitätsjournalismus halte ich gerade in der heutigen Zeit, in der jeder Depp seinen Sermon mal eben schnell auf Twitter heraushauen kann, für besonders wichtig, aber auch in diesem Bereich werden natürlich, je nach politischer Einstellung, Nachrichten gewichtet, verbreitet oder weggelassen, d.h. die Texte der unterschiedlichen Medien bleiben meist einseitig. Wer sich ein umfassendes Bild machen will, müsste sich eigentlich mithilfe mehrerer unterschiedlicher Medien informieren.

    Als ich vor mehr als 50 Jahren mein kurzes Politikstudium begann, empfahl der Professor in der Einführungsveranstaltung als Beispiel die FAZ, die Süddeutsche oder FR und – als Blickwinkel von außen – die Neue Zürcher Zeitung sowie zusätzlich noch den „Spiegel“ oder die „Zeit“. Aber welche(r) Durchschnittsarbeitnehmer(in) kann so viel Zeit erübrigen?

    Seit ich ein Smartphone besitze, nutze ich die Möglichkeit, mich auf den unterschiedlichsten Plattformen umzusehen. Als geschulte Leserin merke ich sehr schnell, woher der jeweilige Wind weht, und genieße dubiose Seiten mit Vorsicht. Den jeweiligen Leserkommentaren entnehme ich aber, wie unkritisch manche Leser*innen dem von ihrem Lieblingsautor/ihrer Lieblingsautorin Vorgekauten zustimmen, z.B. bei der „Achse des Guten“. Problematisch ist natürlich auch die Möglichkeit der Herausgeber, nur die ihnen genehmen Zuschriften zu veröffentlichen, was die Einseitigkeit noch verstärkt, so dass man dann früher oder später nur noch im eigenen Saft schmort.

    Wenn ich also Verlautbarungen einzelner Politiker oder Parteien lese, werde ich diese mit besonders kritischem Blick begutachten, denn dort ist am ehesten damit zu rechnen, dass Eigeninteresse eine größere Rolle spielt als Ehrlichkeit und Differenziertheit.

    Allerdings nützt der beste Qualitätsjournalismus wenig, wenn ein beachtlicher Teil der Bevölkerung ihn als Lügen- oder Lückenpresse abqualifiziert und ihm nicht mehr vertraut. Wie dieses Vertrauen zurückzugewinnen ist, weiß ich leider auch nicht.

  18. Von den nutzlosen News im Netz halte ich gar nichts, es fängt damit an, dass niemand einen Namen hat und jeder jeden Blödsinn loslässt. Das fängt bei Obamas easter worshoppers an , die natürlich worshippers heißen müssten und , da man ja nicht erkennbar ist , ist dem Unsinn keine Grenze gesetzt. Das ist der Unterschied zwischen Journalismus und dem Netz. Dem Michel sei gesagt, dass hhormonähnliche Stoffe sehr wohl auf das Hirn einwirken, nur weiß man noch nicht so recht in wie weit dass zu Veränderungen führt, besonders bei Kindern und jungen Menschen.Soviel dazu. Die Welt ohne Journalismus wäre eine Katastrophe, ob das in den neuen Medien so funktionieren wird muss sich zeigen,Für die Parteien scheint mir, wenn sie die jungen Leute erreichen wollen, dass sie etwas machen müssen, Frage ist nur, werden sie gelesen werden. Die AfD mit ihren simplen Lügen hat es da leichter.Originalton : Klimaerwärmung – alles Blödsinn. Wie simpel muss ein Mensch sein, wenn das genügt ?? In diesem Netz kann man ja alles sagen, unter pseudonym, deswegen braucht man das eigentlich nicht zu lesen.Das gilt übrigens hier genauso.Das wollte ich schon lange einmal sagen.

  19. Hallo Herr Aupperle, ausgerechnet die Zeit als leuchtendes Beispiel zu nehmen, ich weiß nicht ob das so überzeugend ist. Vor gar nicht so langer Zeit wurde diese Zeitung in der TV Sendung „die Anstalt“ als beeinflusst von allem möglichen bezeichnet.Das alte Hirn kriegt die Details nicht mehr zusammen.Trotzdem, lieber alte analoge Fakten als schnelle fake News Technologie .

  20. Deutscher Michel sagt:

    @Bronski:
    Ich gebe zu, dass in diesem Artikel (recht weit hinten) das Wort Christenverfolgung vorkommt. Ich bin bei meiner Kurzrecherche jedoch nicht darauf gestoßen – man müsste also wirklich gezielt danach suchen.

    Das war meine erste Fundstelle:
    http://www.fr.de/meinung/anschlaege-lanka-antworten-gesucht-12208568.amp.html

    Das war meine zweite Fundstelle:

    https://www.fr.de/meinung/lanka-besonnene-reaktion-gefragt-12212259.html

    Also ganz so abwegig war der Eindruck nicht. Suchbegriffe waren: Sri Lanka Anschläge Frankfurter Rundschau.

  21. Matthias Aupperle sagt:

    @ Jürgen H. Winter

    1. Die Sendung „Die Anstalt“ ist eine Satire-Sendung. Gibt es für Sie außer dieser Sendung Anhaltspunkte, dass ausgerechnet bei der „Die Zeit“ kein Qualitätsjournalismus praktiziert wird und dass dies nicht der hohe publizistische Anspruch dieser Zeitung ist?

    2. Nur weil die Nachricht analog publiziert wird, ist das kein Kriterium dafür, dass sie echt ist. Auch die Bild-Zeitung wird gedruckt.

  22. Deutscher Michel sagt:

    @Jürgen H.Winter:
    Ich habe mit keiner Silbe behauptet, dass hormonähnliche Stoff nicht auf das Gehirn einwirken. Ich habe lediglich den Zusammenhang zu Ihrem restlichen Text nicht erkannt.

    Und die worshoppers waren ein Ergebnis des automatischen Text“Verbesserungs“-Programms, also ein Versehen. Das worshippers gemeint war, sollte ja wohl klar sein.

  23. Bronski sagt:

    @ Deutscher Michel

    Doch, der Eindruck ist komplett abwegig. Immerhin haben Sie selbst zugegeben, dass Sie nur mal kurz bei FR.de nachgeschaut haben, um die These des Bloggers bestätigt zu finden. Sie wird aber nicht bestätigt. In fast allen Texten – Ausnahme ist der Kommentar von Andreas Schwarzkopf, den Sie oben verlinkt haben – wird klar gesagt, dass es sich um Anschläge auf Kirchen während der Ostergottesdienste handelte. Ist doch wohl klar, dass die Menschen, die den Anschlägen zum Opfer fielen, Christen waren, oder? Ich zitiere aus dem zweiten Text, den Sie verlinken: „Die Täter haben Zivilisten angegriffen und getötet, Gläubige in am Ostersonntag besonders gut gefüllten Kirchen und Touristen in Hotels.“ Was wollen Sie mehr?

    Ich bleibe noch mal kurz bei der Echoblase, in der Sie sich befinden. In denselben Kreisen, die kritisieren, dass die Medien angeblich nicht über Gewalt gegen Christen in der Welt berichten (was nicht stimmt), kursiert die Mär, dass sich die Welt in einer Art Religionskrieg zwischen Christentum und Islam befinde. Dann macht die Unterstellung, Medien würden nicht über Gewalt gegen Christen berichten, noch einmal einen ganz anderen Sinn, denn dann sind diese Medien Verbündete des Islam und Feinde der Rechtschaffenen auf der christlichen Seite. Ich frage mich, warum Menschen, die aufgeklärte, mündige Bürger sein wollen, nicht auf die Idee kommen, dass dieses Szenario gezielt auf- und ausgebaut wird, als wäre es dem Newsroom der AfD entsprungen. Die bewährten Medien haben es tatsächlich schwer, gegen solche Manipulationen, die sich in den Online-Netzwerken schnell verbreiten, aufklärend anzukommen. Bei dieser Gelegenheit, Matthias Auperle: Tichy oder die „Achse des Guten“ sind dabei die Letzten, die hilfreich wären.

    Die Behauptung vom Konflikt Christentum vs. Islam kann auf eingeübte Reflexe und Angst vor dem Islam aufbauen (die Türken vor Wien usw.), aber sie wird dadurch nicht wahrer. Was wir in Wirklichkeit haben, ist das, was Samuel P. Huntington „clash of civilizations“ nannte, also Zusammenprall der Kulturkreise. Religionen sind Teil ihrer jeweiligen Kulturkreise und haben durchaus prägende Kraft, aber sie sind nicht die Kulturkreise selbst. Deswegen ist „Christentum vs. Islam“ Quark. Die antizivilisatorischen Einstellungen der Islamisten richten sich nicht gegen Christen, sondern gegen Ungläubige und den Westen. Im Westen gibt es außer Christen und anderen Religionen eine wachsende Zahl von Agnostikern und Atheisten, die in Deutschland inzwischen sogar den größten Bevölkerungsanteil stellen. Die Islamisten richten sich auch gegen diese Tendenz, denn sie kämpfen gegen das westliche Konzept von Freiheit. Die Religion ist nur vorgeschoben. Die Islamisten sprechen mit ihren Taten übrigens keineswegs für ihren gesamten Kulturkreis. Eine Mehrheit der Muslime lehnt Terror ab. Zudem wendet sich der Terror der Islamisten zu einem guten Teil gegen andere Muslime, etwa in Afghanistan, Pakistan, Irak, wo es immer wieder Anschläge gibt.

    Mit solchen populistischen Simplifizierungen wie „Christentum vs. Islam“ ist daher überhaupt nichts gewonnen. Im Gegenteil: Sie verstellen die Sicht auf die Hintergründe des Konflikts, auf die eigentlichen Gründe. Jedermensch, der und die sieht, wie kompliziert die Welt ist, sollte vor solchen einfachen Welterklärungsmodellen zurückzucken, die letztlich vor allem dazu dienen, die Verantwortung abzuwälzen. Wir hatten hier im FR-Blog vor kurzem einen Gast aus Tunesien, der sehr pointiert beschrieben hat, welche Gründe die islamische Welt hat, gegen den Westen eingestellt zu sein. Darunter waren keine religiösen Gründe, sie waren alle explizit politisch. Der Konflikt sollte also nicht zu einem Konflikt der Religionen heruntergespielt werden. Das dient lediglich den Fundamentalisten unter den Christen, also gewissen Evangelikalen oder auch der katholischen Orthodoxie, die sich nach größerer Bedeutung sehnt.

    Also, „deutscher Michel“, ich kann nur hoffen, dass Sie es irgendwie noch schaffen, aus Ihrer Echoblase herauszukommen. Die FR gibt es übrigens auch in einer gern gelesenen digitalen Version, die sehr gut in die U-Bahn passt.

  24. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski

    Lassen Sie sich durch die seltsamen Abwegigkeiten des „deutschen Michels“ doch nicht selbst auf thematische Abwege ziehen.

    @ all

    Es sei daran erinnert, dass die politischen Parteien auch in der alten (analogen) publizistischen Welt eigene Zeitungen besaßen, man denke nur an die umfangreichen Medienbeteiligungen der SPD über die DDVG. Nicht zuletzt an der FR war die SPD über die DDVG beteiligt. Was die SPD letztendlich damit bezweckte erschließt sich mir bis heute nicht. Ganz auf Einfluss verzichten wollte sie bestimmt nicht.

    In der alten publizistischen Welt musste Qualitätsjournalismus sich durchsetzen; denn man wollte gekauft werden.

    In der neuen Welt der digitalen Medien und Portale ist das sicher viel schwieriger oder anders, es gelten andere Spielregeln, weil die Markteintrittsbarrieren für neue Publizisten und mithin auch für politische Manipulatoren bei Null liegen und weil es so etwas wie eine Informationsflut gibt. Es gibt auch keinen Preis mehr, es existiert weitgehend die Gratiskultur. Ob die zunehmenden Bezahlschranken der renommierten Verlage wirtschaftlich funktionieren kann ich nicht beurteilen. Es gibt ein seltsames kollektives Schweigen dazu.

    Jeder kann mit jedem kommunizieren. Jeder Depp verschafft sich Gehör oder wird gehört. Letzteres klingt arrogant, ist aber in einer Gesellschaft, die auch das Gleichheitsprinzip kennt, eine wirklich menschliche Herausforderung.

    In einer offenen und freien Gesellschaft können wir diese Entwicklung aber nicht aufhalten. Ich sehe auch keine Möglichkeiten irgendwelcher Regulierungen.

    Wir müssen alle lernen und verstehen, wie die digitale Welt, mithin die Informationgesellschaft und das Internet funktionieren. Das erreicht man bestimmt nicht durch Abstinenz; denn das wäre so, als würden wir zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten uns hinter klösterliche Enthaltsamkeitsmauern zurückziehen. Die Digitalisierung muss auch aus diesem Grund an unseren Schulen noch mehr Einzug halten. Wir müssen die Chancen der Digitalisierung nutzen und mit den Risiken umgehen können, sie migrieren. Ich erinnere an den Satz mit den Postkutschenfahrern im Eisenbahnzeitalter. Die Postkutschenfahrern bringen uns nicht weiter, sie sind ein Teil des Problems.

    Die Qualitätspublizisten müssen sich viel mehr darum kümmern, dass ihre Veröffentlichungen unterscheidbar sind, ihre Qualität erkennbar wird und sie sich so von der Informationsmasse abheben. Eine klare, solide Sprache kann dazu beispielsweise ein Baustein sein (Wolf Schneider lässt grüßen). Das kann auch einmal bedrucktes Papier sein, wie im Falle der „Die Zeit“. Aber dieses Privileg und Unterscheidungsmerkmal ist allenfalls für eine Publikation im Markt geeignet. Angesichts der Informationsflut im Internet gibt es einen Bedarf nach einem Gütesiegel. Das ist ein Ruf, den sich die Online-Qualitätsjournalisten erarbeiten müssen.

    Die sich Informierenden müssen lernen, woran man guten Qualitätsjournalismus erkennt, wie und wo sie ihn finden.

    Wir sind in einer gewaltigen Umbruchphase. Qualität muss sich, wie immer, zu allen Zeiten, durchsetzen. Das braucht Zeit. Qualität kommt von sich quälen.

  25. Brigitte Ernst sagt:

    Mir ist es eigentlich ziemlich gleichgültig, ob der nach einer gewissen Verwestlichung vieler muslimischer Länder sich nun seit ca. 25 Jahren ausbreitende Islamismus als Religionskampf oder Kampf der Kulturen bezeichnet wird. Tatsache ist, und das muss ich dem gepriesenen Qualiätsjournalismus vorwerfen, dass dieser sich zu lange scheute – wohl um sein Idealbild von der „offenen oder multikulturellen Gesellschaft“ nicht zu gefährden – Fehlentwicklungen im Zusammenleben zwischen Menschen aus muslimisch geprägten Kulturen und der Mehrheitsgesellschaft öffentlich zu machen. Dass sich Parallelgesellschaften in unserem Land ausbildeten, in denen gerade die Situation der Frauen und Mädchen ganz und gar nicht mit unserem Grundgesetz konform ging, dass es in unserem gepriesenen Rechtsstaat ungeahndete Zwangsverheiratungen gab, dass arabische Clans dabei waren, ganze Stadtviertel unter ihre Kontrolle zu bringen, und No-go-Areas im Entstehen waren – davon erfuhr man bis ins neue Jahrtausend in den Medien, egal ob in Zeitungen oder Rundfunk- und Fernsehanstalten – so gut wie nichts. Interessierten sich die sonst so wachen Investigativjournalisten nicht für diese Themen, weil sie damals noch eine zu kleine gesellschaftliche Gruppe betrafen, oder hatte man Angst, als politisch nicht korrekt oder gar rassistisch zu gelten, wenn man seinen Finger auf solche Wunden legte?
    Ich erinnere mich daran, dass es erst Necla Kelek war, die seit Anfang der 2000er Jahre in ihren Büchern auf die Probleme der muslimischen Parallelgesellschaften hinwies – und dafür oft genug der Islamophobie geziehen wurde. Wäre diese Aufklärung nicht schon viel früher Aufgabe seriöser Journalisten gewesen? Und rührt nicht auch aus diesem Versäumnis das Misstrauen von Teilen der Bevölkerung gegenüber dem „Mainstream“ der Presse?

  26. Deutscher Michel sagt:

    @Bronski:
    Ich lese die FR-online durchaus. Das ist zwar nur die abgespeckte Version, sie reicht aber, um mich immer wieder zum Kopfschütteln zu bewegen.
    Um es klar zu sagen:
    Ich lese (alles sporadisch) links, rechts und dazwischen.
    Und die Blase, in der Sie mich verorten, existiert genauso wenig.
    Bzw. ich bewegen mich in vielen verschiedenen Blasen.

    Es ging darum, dass es keine Anschläge auf Kirchen, sondern auf die Gottesdienstbesucher – Christen genannt – waren. Und genau diese Bezeichnung war in den Artikeln nicht zu finden. Und das war bei den Anschlägen auf Muslime in Christchurch tatsächlich anders. Hier wurde mehr auf die Gläubigen – Muslime genannt – und nicht auf die Moscheen abgezielt.

    Im Übrigen gebe ich Ihnen, was den clash of civilazitions anbetrifft absolut recht. Und ich befinde mich hier klar auf Seite der Ungläubigen.

  27. Bronski sagt:

    @ Matthias Auperle

    Das sind keine Abwege, sondern ein Beispiel dafür, warum unabhängiger Journalismus dringend gebraucht wird.

    Ich halte mich jetzt wieder raus. Schönen Sonntag!

  28. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski, 28. April 2019 um 0:48

    Ich teile voll und ganz Deine Erklärungen zu populistischen Simplifizierungen wie „Christentum vs. Islam“. Das sind rationale Erklärungen, die sich auch vielfach konkret belegen lassen.
    Nur: Ob man damit jemanden, der sich in einer Echoblase bewegt und bewegen will, auch wirklich erreicht? (Das meine ich freilich nicht bezogen auf „deutscher Michel“, sondern allgemein.)

    Was „Echoblasen“ betrifft, wird man wohl unterscheiden müssen zwischen zwei Fällen:
    (1) Diejenigen, die sich unter erheblichem Druck, insbesondere des Familienclans oder der „Umma“, also gezwungenermaßen in einer solchen bewegen.
    (2) Diejenigen, denen sehr wohl die Möglichkeit geboten wird, diese zu verlassen, dies aber bewusst, als „freie“ Entscheidung nicht tun.

    Einen Fall, der eher zur ersten Kategorie zu zählen ist, hatten wir ja mit „Genna“. Aussichtslos, hier argumentativ überzeugen zu wollen. Charakteristisch war ja, dass sie sich genau in dem Moment dem Dialog entzog, als ihr mehrere Hände entgegen gestreckt wurden.
    Zum zweiten Fall gehören z.B. in Europa sozialisierte Jugendliche, die sich etwa vom IS anwerben ließen. Um diese Menschen und deren Dunstkreis geht es offenbar, und diesen einzugrenzen, solche Rekrutierungen – wie auch der rechtsextremen Gegenseite – einzugrenzen, möglichst zu verhindern, muss offenbar das Ziel sein.
    Auch da reichen rationale Argumente nicht aus. Aggression gegen „die Eliten“, „den Journalismus“, „die political correctness“ offenbaren ja nur bestimmte Erscheinungsformen von Verunsicherung in einer globalisierten und digitalisierten Welt. Es geht also zunächst darum zu begreifen, was fundamentales Denken so anziehend macht, welche psychische Funktion ihm zukommt.

    Dieses Problem ist nicht prinzipiell neu. E.T.A. Hoffmann hat es im „Sandmann“ vor 2 Jahrhunderten beschrieben, und Freud hat die Erzählung im Zusammenhang der Entdeckung des Psychischen interpretiert.
    Auch die damalige Romantik revoltierte gegen das Ungenügen der aufklärerischen Gesellschaft, zugleich verängstigt durch die aufkommende Industrialisierung, im Text aufgezeigt als Umkehrung des Verhältnisses von Mensch und Maschine, die später auch zu Maschinenstürmerei führte. Die „aufgeklärte Clara“ ist da machtlos gegenüber der suggestiven Wirkung des grausamen Großmuttermärchens vom „Sandmann“.

    tieferliegenden Ursachen und Wirkungen solcher erneuter Verunsicherung aufzudecken wäre ein wichtiger Ansatz, bevor rationale Argumentation greifen kann.
    Ich habe dazu einen interessanten modernisierten Interpretationsansatz der Städtischen Bühnen Oberhausen gefunden, der am 5. Mai zur Aufführung kommt:
    “ E.T.A. Hoffmanns Fragen nach unbewussten und unterdrückten Bedürfnissen im menschlichen Miteinander äußern sich in seiner Erzählung „Der Sandmann“ in einer Auseinandersetzung mit der Beziehung von Mensch und Maschine. Welche Sehnsüchte verbergen sich hinter der Schaffung von künstlichen Menschen? Und was offenbaren sie über unser Verständnis von Geschlechterrollen und Liebe?“
    (https://www.theater-oberhausen.de/programm/stuecke.php?SID=660&art=mobile)

    Von Interesse dürfte auch sein, die Bedingungen des umgekehrten Prozesses der „Läuterung“ zu verfolgen, wie ihn etwa der Psychologe Ahmad Mansour vollzogen hat.

    Klar müsste auch sein, dass die Abschaffung des traditionellen Journalismus den Weg frei machen würde zum Übergang zu dem unter (1) genannten „erzwungenen“ Aufenthalt in „Echoblasen“ mit deutlich antizivilisatorischen Merkmalen.
    Um dies zu verhindern, kann es nicht allein darum gehen (wie Mattias Aupperle schreibt), „vorbildlichen“ Journalismus zu betreiben. Das ist mir viel zu idealistisch gedacht, vielleicht auch realitätsfremd. Es geht auch darum, solchen Journalismus offensiv zu verteidigen.

  29. Lüko Willms sagt:

    Qualitätsjournalismus meint hierzulande den „werteorientierten Journalismus“, der sich nicht damit begnügt, die „Tatsachen abzubilden“.

    Claas Relotius ist deren Heiliger.

    Claas Relotius ist eine Sumpfblüte, wird man mir entgegenhalten.

    Aber Sumpfblumen wachsen und gedeihen nur im Sumpf.

  30. Deutscher Michel sagt:

    Ein weiteres Beispiel für einseitige Berichterstattung in den gängigen Medien ist die Ungleichheit, mit der über zwei inhaftierte Journalisten berichtet wurde. Denis Yüksel und Billy Six. Einer saß in der Türkei im Gefängnis (was fast jeder mitbekommen hat) und einer in Venezuela (was fast keiner mitbekommen hat).
    Auch der Name Mediale Tolu dürfte weit weniger Menschen geläufig sein, als der Yüksels.

  31. Brigitte Ernst sagt:

    Es klingt in dieser Diskussion ein bisschen so, als bewegten sich nur die „Anderen“, Unaufgeklärten, Rechten oder Fundamentalisten in Echoblasen, nur „wir“, die linksliberalen Journalisten und deren Leser, nicht. Das halte ich für Selbstbetrug. Wie ich bereits am 28. April, 12:08, erwähnte, gab es lange Zeit in der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung einige blinde Flecken, an die nicht gerührt wurde und werden durfte. Und, das weiß die Psychologie, wo verleugnet und verdrängt wird, bricht sich das Unterdrückte an anderer Stelle um so heftiger bahn. Es bedurfte erst der klaren Worte von Insidern, einer Necla Kelek, eines Ahmad Mansour, auch eines Heinz Buschkowski, um die heile Mulikultiblase aufzustechen und auch die Probleme und Gefahren der multiethnischen Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

    Auch die einseitige Verherrlichung der Zuwanderung seit 2015, die lange Zeit nicht wahrhaben wollte, dass da neben armen verfolgten Menschen auch Kriegsverbrecher, Terroristen und Frauenverächter oder einfach nur Betrüger ins Land gespült wurden, führte zu der umso heftigeren Gegenreaktion, nämlich dem verstärkten Ruck nach rechts und dem Misstrauen dem gegenüber, was da von offizieller Seite und von der Presse veröffentlicht wurde und wird.

    Qualitätsjournalismus unbedingt, aber wirklich kritisch und offen nach allen Seiten.
    Als Negativbeispiel fällt mir da der Kolumnist Michael Herl ein. Es sei ihm gerne gestattet, auf seinen Lieblingsfeinden, den christlichen Kirchen, herumzuhacken. Das gehört zu seinen Aufgaben als Satiriker. Solange er aber nicht auch mal die muslimischen Religionsverbände und ihre z.T. dubiosen Hintermänner und Positionen aufs Korn nimmt, bleibt er für mich – und sicher auch für andere Leser*innen – unglaubwürdig.

  32. Lüko Willms sagt:

    Das mit dem „werteorientierten Journalismus“ stammt von Georg Restle, dem Redaktionsleiter des Politmagazins „Monitor“ des WDR. Siehe hier:

    Journalismus im Neutralitätswahn – Warum wir endlich damit auhören sollten, nur abbilden zu wollen, „was ist“. Mein Plädoyer für einen werteorientierten Journalismus in der aktuellen Ausgabe von „WDR Print“.

    https://mobile.twitter.com/georgrestle/status/1014133298245853184?p=v

    Mit anderen Worten: Propaganda im Interesse der herrschenden Klasse. Das ist heute mit „Qualitätsjournalismus“ gemeint: Verkündung dessen, was das Publikum denken und mehr noch fühlen soll.

    Guter Journalismus folgt der Regel „Aussprechen, was ist“.

  33. Lüko Willms sagt:

    Ich sehe gerade, daß Frau Brigitte Ernst ihre Farben bekennt, indem sie diese Namen nennt:

    »Necla Kelek, eines Ahmad Mansour, auch eines Heinz Buschkowski«

    wobei Heinz Buschkowski eigentlich Thilo Sarrazin bedeutet.

    Und so beschreibt Frau Ernst die politischen Aufgaben:

    »die heile Mulikultiblase aufzustechen und auch die Probleme und Gefahren der multiethnischen Gesellschaft in den Blick zu nehmen«

    und »die einseitige Verherrlichung der Zuwanderung seit 2015« zu beenden.

    Das versteht sie unter „Qualitätsjournalismus“.

    Nein danke.

  34. Deutscher Michel sagt:

    Das Framing der ARD trägt auch nicht dazu bei, der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung größte Objektivität zu unterstellen:
    https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard/

  35. Brigitte Ernst sagt:

    @ Lüko Willms

    ‚Guter Journalismus folgt der Regel „Aussprechen, was ist“‚.

    Dem kann ich nur voll zustimmen.
    Und wer könnte besser wissen, was die Problemematik einer multiethnischen Gesellschaft ist, als eine türkischstämmige deutsche Sozialwissenschaftlerin, ein eingebürgerter palästinensischer Israeli und ein eineinhalb jahrzehntelang wirkender Bezirksbürgermeister aus einem Berliner Brennpunkt-Kiez?

  36. Deutscher Michel sagt:

    @Lüko Willms:
    Ich stimme Frau Ernst voll bei. Wie begründen Sie denn Ihr „Nein danke“‚ außer dass es Ihnen vielleicht nicht passt?

  37. Jürgen Malyssek sagt:

    Es gibt (noch) so viel Qualitätsjournalismus (den digitalen Medien zum Trotz), man muss nur die Augen aufhalten und nicht nur online unterwegs sein. Dosiert Online geht ja noch.
    Wer liest denn noch „Lettre International“ oder „Publik Forum“? Die Feuilletons aller Dreie: FAZ, FR und SZ sind geistig nahrhaft.
    Die Informationsflut, die sich seit Jahren ausgebreitet hat, bringt es jedenfalls nicht, um aus diesen zu einem überlegten Standpunkt zu kommen.

    Der hiesige Streitansatz etwa, ob bei den Anschlägen in Sri Lanka die Kirchen der CHRISTEN genannt worden sind oder nicht, ist doch einer Debatte nicht wert. Zumal es von Anfang klar war, wer die Anschlagsopfer („Ostergottesdienste“)waren.
    Auch kommen mir die Öffentlich-rechtlichen Sender viel zu schlecht weg. Deren Dokumentationen und Recherchenformate (wenn auch (zu)späte Sendezeit) nun wirklich nicht unkritisch oder mainstreamig sind.

    Für mich wichtig ist der Erhalt des Journalismus auf gedrucktem Papier deshalb, die Zeit zu haben, länger an Texten zu bleiben, auch zeitverschoben, um das Gelesene auch zu verdauen bzw. darüber nachzudenken (Stichwort: Bildung).
    Ich habe nichts gegen die digitale Zeitung, wenn sie ihren vernünftigen Platz und ihre Zeit hat. Es ist ja schon mal gut, wenn sich überhaupt Zeit zum Lesen genommen wird. Aber ich muss auch nicht alles, was ich gerade wissen will, sofort abrufbereit zur Verfügung haben.

    Ich kann mit dem, was Lüka Willms oben sagt („werteorientierter Journalismus“) gut was anfangen. Der Publizist und Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler ist da einzureihen. Heinrich Böll, wenn auch nicht im Journalismus, war auch so einer.
    Unabhängig davon ist der Journalist als (neutraler) Berichterstatter fundamental notwendig.

  38. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ihre Aussagen, Frau Ernst, zu „die einseitige Verherrlichung der Zuwanderung seit 2015, die lange Zeit nicht wahrhaben wollte, das neben armen verfolgten Menschen auch Kriegsverbrecher, Terroristen und Frauenverächter oder einfach nur Betrüger INS LAND GESPÜLT WURDEN […]“ haben mich jedenfalls unangenehm berührt.
    Was wollen Sie damit ausdrücken? Wer hat das und wie VERHERRLICHT?

    Wie wäre das, wenn ein Journalist dergleichen losschreiben würde?

  39. Frank van der Hoek sagt:

    @Lüko Willms Ich bin selber sehr weit links,aber ich muss Frau Ernst hier verteidigen.Sie meinte,dass wir alle in Filter-und Echoblasen leben,und das ist sicherlich korrekt.Dass man eigene Anschauungen regelmäßig hinterfragen und dass Medien neutral mit einem Auge für beide Seiten(wo ich die FR sehr loben muss) berichten sollten auch.Da etwas hineinzuinterpretieren,was nicht da ist ,halte ich für falsch.

  40. „Aussprechen was ist “ ja, klar, was denn sonst. Hört sich simpel an, ist es aber nicht, weil für jeden „was ist“ etwas anderes ist. Es ist wie mit den Religionen, auch die haben alle einen Ausschließlichkeits Fimmel, anders kann man es nicht beschreiben, aber da wird „was ist“ vollends nebulös. Wichtig scheint mir, sich an die Fakten zu halten, das ist für mich ordentlicher Journalismus. Auch da hapert es oft. Jeder stellt das heraus,was er für Fakt hält, und was er als Fakt anerkannt haben will. Beispiel :Landwirtschaft und Umwelt, um einmal von diesem leidigen Migrationsproblem loszukommen. Die Interessenlagen sind zu unterschiedlich. Diese Differenz in der Berichterstattung aufzuzeigen und deren Folgen wäre guter Journalismus. Wie zum Beispiel die Differenz Wirtschaft versus Migration. Sieh mal an, da ist keine Differenz, wird einfach so gutgeheißen, d.h.von der Arbeitgeberseite hört man nichts, warum auch, schließlich brauchen wir Arbeitskräfte, oder ? Weiteres Beispiel: Arbeitsplätze in der Erneuerbare Energiebranche. Wurden im großen Stil vernichtet und wie im Leserbrief von Herrn Eiselt beschrieben geht das so weiter. Hier die Hintergründe aufzuzeigen wäre guter Journalismus. Was da passiert, warum unsere Regierung so erpicht darauf ist und öffentlich gemacht wird, weswegen man keine Stromleitungen will, obgleich im TV nur ein paar Hanseln rumstehen und als „breite Masse“ herhalten sollen, das ist dann kein guter Journalismus, passiert aber immer wieder. Dies nur als weiteres Beispiel.Aber wie soll so etwas in den öffentlichen Medien, wie twitter oder so funktionieren ? Da gibt es dann die so überzeugenden shit storms – tolle Aussichten.Im übrigen, die Probleme der multiethnischen Gesellschaft werden wir auch nicht lösen, siehe USA, die haben sich einen ziemlich depperten Präsidenten gewählt, nur, angesichts der Probleme hinsichtlich Umwelt und Klima sieht unsere Regierung genauso deppert aus.

  41. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 29. April 2019 um 8:25

    Ich schließe mich den Fragen und der Bewertung von Jürgen Malyssek (29. April 2019 um 15:01) an

    Und zu dem, was Sie dabei unterschlagen:

    – Wie steht es mit den eigentlichen Ursachen der „Flüchtlingskrise“, dem unmittelbaren Anlass, besonders der massiven Reduzierung von Hilfen an das UNHCR?
    Dazu Wikipedia, „Flüchtlingskrise in Europa ab 2015″, Punkt 3.“Fluchtursachen“:
    „Der starke Anstieg im Sommer 2015 ging wesentlich auf akute Versorgungsengpässe in Flüchtlingslagern um Syrien zurück: Nachdem Staaten ihre Hilfszusagen an das UNHCR nicht eingehalten hatten (Deutschland etwa halbierte diesbezügliche Beiträge 2014), war der auf 1,3 Milliarden angesetzte UNHCR-Plan für syrische Flüchtlinge im Frühjahr 2015 nur zu 35 % finanziert.“

    – Wie steht es mit den freiwilligen Terrorhelfern, die nicht „ins Land gespült wurden“ (!), sondern exakt den umgekehrten Weg nahmen, u.a. in Deutschland geboren und sozialisiert, „erzogen“ übrigens nicht von den „68ern“, sondern bereits von deren Nachfolgern?

    – Und Sie meinen im Ernst, dass der IS, gegründet 2003 (also unmittelbar nach dem Irak-Krieg), der schon 2014 (also ein Jahr vor der „Flüchtlingskrise“!) auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung war, erst solcher „Zuwanderung“ bedurfte, um „Kriegsverbrecher, Terroristen und Frauenverächter“ zu seinen Zwecken einzuschleusen? (Dass dies so unauffälliger geschehen konnte, wurde ja noch von niemandem bestritten.)

    – Zur kritiklosen Übernahme des (von der extremen Rechten propagierten) Begriffs „Zuwanderung“ im Zusammenhang mit Asylbewerbern:
    „Fünf Migrationsforscher kritisieren den Ausdruck als ahistorisch und verengend: Zuwanderung größeren Ausmaßes sei für Europa historisch nicht neu, die Asylbewerberzahlen des Sommers 2015 seien im Weltmaßstab relativ gering und die Massenflucht in südeuropäische Staaten vorhersehbar gewesen. (…) Erst durch die Unfähigkeit der EU, die Ankünfte über die Mittelmeerrouten zu managen, sei daraus 2015 eine „Migrationskrise“ geworden.“ (ebd.)

    – Zur Vermengung vom „Multi-Kulti-Irrtum“ (Seyran Ateş, 2007, mit dem positiven Untertitel:
    „Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können“!) mit der Flüchtlingsproblematik:
    Das war schon seit fast 10 Jahren abgehakt:
    Buschkowski spricht davon bereits 2005:
    „Berliner Zeitung. 29. März 2005, S.3, Werner van Bebber: „Neuköllns Bürgermeister: Multi-Kulti ist gescheitert.“
    Selbst Thilo Sarrazin stellt in „Deutschland schafft sich ab“ fest: “ Berlin begräbt Multikulti, hat aber keine Islampolitik.“ (Berlin 2010, S. 141–154)
    Wer also von denen, die (wie die Kanzlerin sagte) Flüchtlingen „ein freundliches Gesicht“ zeigte, tat dies nicht aus Menschlichkeit, sondern weil er der Ideologie des „Multikulti“ frönte? (Belege?)

    Zur Verallgemeinerung des Problems der „Echoblasen“:
    Zuspitzung einer im Grunde trivialen Erkenntnis, spätestens seit der Hermeneutik Gadamers bekannt.
    „Für Gadamer ist jegliches Verstehen, gleichgültig, ob es sich um Texte, Kunst- und Bauwerke oder das Gegenüber in einem Gespräch handelt, an die Sprachlichkeit des Seins vor dem Horizont der Zeit gebunden. Das setzt beim Interpretieren von Werken Offenheit, das Bewusstmachen der eigenen Vorurteilsstruktur sowie die Bereitschaft zum Gespräch bzw. zu reflexivem Auseinandersetzen voraus.“ (Wikipedia, „Hans-Georg Gadamer“)

    Der entscheidende Unterschied der „eigenen Vorurteilsstruktur“ (von der natürlich niemand auszuschließen ist) zu dem, was zu Recht „Echoblasen“ genannt wird, liegt in der Bereitschaft, sich diese „bewusst“ zu machen und sich damit „reflexiv“ auseinanderzusetzen.
    Bewohner von „Echoblasen“ sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass ihnen eben diese Bereitschaft (oder Fähigkeit) fehlt.
    Dabei ist ihnen in der Regel keineswegs pauschal „unhistorisches“ Denken vorzuwerfen. Ganz im Gegenteil: Vor allem bei Rechtsextremen schwirrt es nur so an historischen Begrifflichkeiten, Elementen und Assoziationen. Sie greifen aber ihre Elemente, aus denen sie sich ihr Weltbild zusammenbasteln, willkürlich heraus, ohne Rücksicht auf Ursachen und Wirkungen, stellen diese auch schon mal auf den Kopf, basteln willkürlich neue, scheinbare „Zusammenhänge“, die sie für fest gefügt und „erwiesen“ halten. Und sie schirmen ihr Bewusstsein auf diese Weise gegen jegliche anders geartete Erkenntnis, wenn nicht überhaupt gegen andere Informationen ab.

    Die Ergebnisse eines solchen Verfahrens haben Sie (vor allem im letzten Abschnitt) in Teilen übernommen. Und das finde ich schlimm.

  42. Lüko Willms sagt:

    @Deutscher Michel: noch viel deutlicher ist das beredte Schweigen der deutschen „Qualitätspresse“ über den Journalisten Mahmour Hussein von Al Jazeera, der seit jetzt mehr als 2 Jahren ohne Anklage in Ägypten in Haft ist.

    Siehe https://www.aljazeera.com/topics/people/mahmoud-hussein.html

    „Journalismus ist kein Verbrechen“ — das gilt nicht für Journalisten, die mit ihrer Arbeit nicht der „Werteorientierung“ der deutschen Medien, d.h. der „Staatsraison“ und Kriegszielen des deutschen Imperialismus dienen.

  43. Stefan Briem sagt:

    @ Werner Engelmann

    „Die Ergebnisse eines solchen Verfahrens haben Sie (vor allem im letzten Abschnitt) in Teilen übernommen. Und das finde ich schlimm.“

    Dieser Kritik schließe ich mich an.

  44. Bronski sagt:

    @ Lüko Wilms

    Warum ist das „Schweigen der deutschen ‚Qualitätspresse'“ über Mahmour Hussein „beredt“?

  45. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Gestern habe ich eine Erklärung für Sie geschrieben, deren Abschicken vom Smartphone offenbar nicht geklappt hat.
    Ich will versuchen, meinen Kommentar noch einigermaßen zusammenzubekommen.
    Ich gebe zu, dass der Ausdruck „Verherrlichung der Zuwanderung“ überzogen war. Besser gepasst hätte so etwas wie „naive Begeisterung“ oder „Blauäugigkeit“ und „Unwissen“.Ich erinnere mich noch genau an die Argumente, die etwas skeptischeren Zeitgenossen 2015/16 entgegengehalten wurden: „Diese Leute fliehen ja selbst vor Krieg und Terrorismus, deswegen können sie doch keine Terroristen sein.“ Nun, Anis Amri hat uns eines Besseren belehrt. Und die Hoffnung, diejenigen, die (angeblich oder tatsächlich) aus Lebensgefahr geflohen sind, müssten sich friedlich und dankbar in ihre neue Situation einfinden und solidarisch miteinander umgehen, bewahrheitet sich auch nur zum Teil, sonst müsste die Polizei nicht immer wieder Streitigkeiten zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen schlichten und die Volksgruppen sogar in den Unterkünften voneinander trennen. Ein unvoreingenommener Beobachter würde doch eher erwarten, dass Not zusammenschweißt, aber das ist offensichtlich naiv.
    Besonders erschreckend finde ich, dass sich mittlerweile sogar herausgestellt hat, dass Frauen, die allein zu uns geflüchtet sind, vor ihren männlichen Mitflüchtlingen geschützt werden müssen und deshalb eigene Unterkünfte benötigen. Wie nennen Sie, Herr Malyssek, solche Männer, wenn nicht Frauenverächter? Mir geht es gehörig gegen den Strich, dass solchen Männern ein Aufenthaltsrecht bei uns eingeräumt wird.
    Auch zum Christentum konvertierte Asylbewerber sind Diskriminierungen und körperlichen Attacken ausgesetzt. Alle diese Probleme, die allmählich ans Tageslicht kamen, wurden von der linksliberalen Presse lange Zeit unter den Teppich gekehrt.

  46. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ich habe die Kürzung der Zuwendungen an den UNHCR deshalb nicht erwähnt, weil diese ja in der Presse eingehend behandelt wurde, es mir dagegen um die Themen und Probleme ging, deren Behandlung ich mir vom seriösen Journalismus gewünscht hätte, die aber lange Zeit kaum angerührt wurden.
    Dabei vermenge ich auch nicht die Arbeitsmigration seit den 50er Jahren mit der „Flüchtlingskrise“ seit 2015, sondern ich behandle beide Themenkomplexe nacheinander.

    Worin meine Kritik besteht, die Sie durch Ihren Kommentar eher bestätigen als entkräften: Dass erst Anfang der 2000er Jahre durch die von mir und auch Ihnen genannten Autor*innen und vom Politiker Buschkowsky die „Multikulti-Problematik“ an die Öffentlichkeit gebracht wurde – reichlich spät nach 40 Jahren muslimischer Arbeitsmigration!
    Und dass die Kritiker keine Journalisten waren, deren Aufgabe es eigentlich viel früher gewesen wäre, das aufzudecken, was in der Gesellschaft schief lief, sondern dass das von Wissenschaftler*innen, Buchautor*innen und (einem) Politiker geleistet wurde.

    Dass Sie ausgerechnet Thilo Sarrazin, den Paria unter den Migrations- und Islamkritikern, zitieren, verwundert mich. Dessen Positionen wurden in der Presse ja nun zu Genüge zerrissen und als ultrarechts gebrandmarkt. Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass Sie in sein Lager übergewechselt sind?

    Dass, wie Sie behaupten, der Begriff „Zuwanderer“ angeblich nur von extremen Rechten verwendet wird, ist mir herzlich gleichgültig. Als Germanistin versuche ich, mich präzise auszudrücken, und wer von denen, die in unser Land einwandern, in die Kategorie des Flüchtlings fällt, entscheiden erst das BAMF und die Gerichte. Asylbewerber sind nur diejenigen zu nennen, deren Status noch nicht geklärt ist, es bleibt aber auch eine Vielzahl von Menschen im Land, denen weder der Asyl- noch der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, die aus vielen verschiedenen Gründen Duldung erhalten oder nicht abgeschoben werden können, oft einfach nur deshalb, weil ihre Identität nicht geklärt wurde und sie keine Papier ihres Herkunftslandes besitzen. In meinen Augen ist deshalb für diese unterschiedlichen Gruppen die Bezeichnung „Zugewanderte“ oder „Migranten“ als Oberbegriff die neutralste und umfassendste.

  47. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ich kann auch mit Ihrer jetzigen Erklärung nicht gut leben. Vor allem, weil sie mir unverändert hoch vorurteilsbelastet ist.
    Sie schwächen zum Beispiel „Verherrlichung der Zuwanderung“ etwas ab, macht aber die Sache mit „naiv“ und „blauäugig“ auch nicht besser.

    Sie nennen das Terroristenbeispiel Aris Amri und machen damit praktisch weitere Flüchtlinge zu potenziellen Tätern. Amri und das Attentat in Berlin waren schrecklich! Aber es war Anis Amri. Es waren nicht so und so viele der anderen Flüchtlinge.
    Was haben Sie für eine Vorstellung vom Leben in Flüchtlingsunterkünften und von der sozialen und leiblichen Situation von Geflüchteten?

    Natürlich erzeugen Enge, Menge und Gedränge, aber auch Hoffnungsarmut oder Einsamkeit auch Probleme von Aggressivität oder Rivalität usw.
    Haben Sie schon die baulichen, sanitären und räumlichen Bedingungen von großen Flüchtlingsunterkünften gesehen?

    Die bloße Vorstellung von Leben in Notsituationen als eine Gelegenheit, dass das zusammenschweißt, ist nun wirklich nicht originell und ich möchte sagen, ist eben auch naiv. Als wenn es sich um eine unumstößliche soziale Gesetzmäßigkeit handelt.
    Nein, so einfach geht das nicht.

    Ich weiß nicht, was Sie zu einem so einseitigen Menschen- und Weltbild treibt, aber die Flüchtlingswelt von Männern (das heben Sie ja immer wieder hervor) so abfällig zu beschreiben, da mache ich nicht mit.

    Ich kann einzelne Ereignisse (auch gewalttätige), die es im Laufe der Flüchtlingszeit gab, verurteilen und muss es dann auch tun, aber nicht die Lage der Flüchtlinge und die vielen menschlichen und sozialen Probleme so diskriminierend darstellen.

    Die öfters bei Ihnen auftauchende Konnation: Männer und Frauenverächter, ist mir zu kurz geschlossen. Das tut niemandem gut, auch wenn es die schlechten Männer gibt.

    So, wie Sie schreiben und argumentieren, kann ich mir keine gedeihliches Zusammenleben bzw. eine auf Zukunft wachsende Integration in Deutschland oder anderen europäischen Aufnahmeländern vorstellen. So, wie Sie in diesem Ton, Frau Ernst, im Großen und Ganzen mit Mißtrauen die Flüchtlingslage beurteilen, so machen Sie es Änhängern rechter Ideologie bzw. gängigen Populismus leicht mit einzustimmen.
    Auch kann ich nicht verstehen, dass die von Ihnen postulierten Probleme „von der linksliberalen Presse lange Zeit unter den Teppich gekehrt wurden“?

    Ich will mich nicht weiter an bestimmten Begriffen abarbeiten, dafür ist mir die Auseinandersetzung mit so einem Thema wie dem Flüchtlingselend und eigentlich einem globalen Thema nicht wert.

    Ich bin oft mit Menschen mit einer Flüchtlingsbiographie zusammengekommen. Auch beim Sport spielt das Thema eine Rolle. Und ich bin auch immer mal mit ausländlichen Menschen, eben auch beim Sport (aber nicht nur) zusammengestossen. Es war auch manchmal nicht zu vermeiden, dass wir Ärger miteinander hatten. Aber es war nie für mich ein Grund, die oder die Gruppe über einen Kamm zu scheren.
    Es ging immer nur um die jeweilige Situation. Punkt!
    Das hilft auch bei den hier pointierten Fragen: Fair zu bleiben.
    Dann bin ich fertig.

  48. Bronski sagt:

    Eigentlich sollte das hier eine in die Zukunft gewandte Diskussion werden. Vielleicht kriegen wir diesen Dreh noch, nachdem wir über Fehler gesprochen haben, die Journalismus in der Vergangenheit gemacht hat. Fatal wären Versäumnisse, die in der Berichterstattung gemacht wurden, nämlich nur dann, wenn niemand daraus gelernt hätte. In diesem Sinne erfordert der Kommentar von Brigitte Ernst eine Stellungnahme.

    @ Brigitte Ernst

    Frau Ernst, Ihnen ist natürlich klar, dass Journalisten (w/m/d) nur Menschen sind. Stephan Hebel hat die damit einhergehenden Mängel von Journalismus in seinem Kommentar (oben verlinkt) angesprochen. Journalisten sind keine Heilsbringer, ordnen die Vorgänge wie jeder Mensch vor ihrem jeweiligen Hintergrund und gelangen so zu einer Haltung wie etwa der, die die FR prägt: Wir stehen traditionell an der Seite der Unterprivilegierten, Entrechteten, Diskriminierten. Ich weiß, dass Sie die Boten nicht mit der Nachricht verwechseln, die sie überbringen. Auch in unseren Kommentaren und Leitartikeln erkennen Sie bitte vor allem Debattenbeiträge. Denen muss man nicht zustimmen. Wenn man anderer Meinung ist, schreibt man einen Leserbrief. Den werde ich in aller Regel auch veröffentlichen. Allerdings gibt es ein paar Ausschlusskriterien. Ihren Blog-Kommentar, auf den ich mich hier beziehe, dürfte ich im Print-Leserforum nicht veröffentlichen, und ich habe lange überlegt, ob ich ihn hier freischalten darf. Sie überschreiten mehrere Grenzen. Ich möchte Ihnen das gern bewusstmachen.

    Weder haben wir die „Zuwanderung“ verherrlicht, noch waren wir „blauäugig“ oder davon „begeistert“. Niemand in Deutschland war „begeistert“ darüber, dass so viele Menschen aus ihren Heimatländern geflohen sind. Ich bin sicher, dass jeder der hier Mitdiskutierenden den Satz unterschreiben würde: Es wäre besser gewesen, wenn diese Menschen in ihren Herkunftsländern hätten bleiben können. Es ist aber leider Fakt, dass sie sich auf den Weg gemacht haben. Zu den Ursachen wurde oben schon einiges gesagt. Die Bundesrepublik trägt eine Mitschuld dafür, dass diese Menschen nicht dort geblieben sind. Fakt ist auch, dass dadurch Zustände eingetreten sind, die in Deutschland eine große Hilfsbereitschaft ausgelöst haben. Es war ein Akt der Humanität, diesen Menschen zu helfen. Diese Humanität wurde von der FR begrüßt, gelobt und unterstützt, und zwar bis heute. Wir werden das nie anders sehen. Noch einmal, um das glasklar herauszustellen: Die Humanität wurde begrüßt, nicht die Tatsache, dass so viele Menschen zu uns geflüchtet sind. Das ist ein riesiger Unterschied, und den, darum bitte ich Sie, möchten Sie erkennen.

    In diesem Sinne haben wir auch Merkels „Wir schaffen das!“ begrüßt – und später kritisiert, dass die Politik diese Devise nicht mit Leben erfüllt hat. Auch ich habe hier im FR-Blog entsprechend kommentiert. Der Politik fiel auf die großen Herausforderungen durch die Geflüchteten nichts weiter ein als Restriktionen, Druck und Zwang. Die Folgen dieser falschen Politik sprechen Sie korrekt an: In Asylbewerberheimen kommt es zu Gewaltausbrüchen, Frauen und Konvertiten müssen geschützt werden, es gibt negative Schlagzeilen, welche die vielen Erfolge in Sachen Integration überdecken, die es daneben ebenfalls gibt (die Sie aber nicht ansprechen). Die FR hat vor Ankerzentren gewarnt, um dieses Beispiel herauszugreifen. Es ist völlig klar, dass in Notunterkünften Probleme entstehen, wenn die Menschen dort ohne Perspektive monate- oder sogar jahrelang in Mehrbettzimmern untergebracht werden. Das erzeugt Stress, dem viele Menschen nicht gewachsen sind. Auch Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen als muslimischen kämen damit auf Dauer nicht klar. Dass es unter solchen Umständen Probleme gibt, ist quasi eine „selffulfilling prophecy“. Haben Sie schon mal versucht, sich in diese Situation hineinzuversetzen? Sie, monatelang, in einem von vier Etagenbetten, fast ohne Privatsphäre?

    Die Gründe für Gewalt zu verstehen heißt nicht, diese Gewalt gutzuheißen. Ich verstehe allerdings nicht, warum Sie mehr oder weniger summarisch davon sprechen, die linksliberale Presse – damit meinen Sie wohl auch die FR – hätte diese Probleme lange „unter den Teppich gekehrt“. Dieser verbale Fehlgriff unterstellt ein aktives Verhalten, eine bewusste Strategie des Verschweigens. Vielleicht meinen Sie ja was anderes. Dann würde ich Sie gern bitten, sich (nicht nur als Germanistin) präziser auszudrücken. Fakt ist jedenfalls, dass die FR Gewaltexzesse in Heimen nicht in erster Linie den Geflüchteten anlastet, in denen wir vor allem Opfer sehen, sondern den Umständen, der Situation, in der diese Menschen leben müssen, außerdem jenen, die für diese Umstände verantwortlich sind, also letztlich der Politik. Das betrifft auch die Gewalt gegen Frauen und Konvertiten. Der kulturelle Hintergrund spielt hierbei gewiss eine Rolle, aber wenn er allein für die Gewalt ausschlaggebend wäre, wie Sie unterstellen, müssten wohl sämtliche Bewohner in den Heimen gewalttätig werden. Das ist jedoch nicht der Fall. Es sind immer Individuen, die Fehlverhalten zeigen. In Ihrem Kommentar liest sich das so, als wäre dieses Fehlverhalten den Herkunftskulturen immanent. Das ist eine rassistische Position, und so werden aus Individuen summarisch „solche Männer, wenn nicht Frauenverächter“. Damit nehmen Sie alle in Sippenhaft. Genau davor hat die FR schon früh gewarnt. Ich glaube nicht, dass die Reaktion unseres zivilisierten Landes auf die Frauenverachtung gewisser Geflüchteter in Rassismus bestehen sollte.

    Zu Anis Amri. Vor der Gefahr durch „Gefährder“ hat die FR schon im Herbst 2015 gewarnt. Amri war kein Flüchtling, auch wenn er damals nach Deutschland kam. Wenn Sie also schreiben, anderen Diskutierenden Worte in den Mund legend:

    „Diese Leute fliehen ja selbst vor Krieg und Terrorismus, deswegen können sie doch keine Terroristen sein“

    und dies kommentieren mit den Worten:

    „Nun, Anis Amri hat uns eines Besseren belehrt.“

    dann ist das nicht nur grob vereinfachend, sondern indiskutabel. In dieser Darstellung der Zusammenhänge stimmt so gut wie gar nichts. In der Berichterstattung (auch der FR) wurde seinerzeit davor gewarnt, dass Terroristen des IS die Fluchtwelle nutzen könnten, um sich bei uns einzuschleusen. Übrigens auch Deutsche, die zurückkehren. Die, die vor Krieg und Terrorismus flohen, sind daher mutmaßlich nicht dieselben wie die, die Terror verüben wollen. Sie aber erklären Opfer im Handumdrehen zu Tätern. Diese Zusammenziehung ist letztlich ebenfalls rassistisch.

    Dass Anis Amri uns eines Besseren über die Geflüchteten belehrt habe, ist schlicht falsch. Er war kein Flüchtling, sondern ein Krimineller, der davon profitiert hat, dass europäische Sicherheitsbehörden sich nicht ausgetauscht haben. Wenn er uns über etwas eines Besseren belehrt hat, dann darüber, dass die staatenübergreifende Zusammenarbeit in Sachen Sicherheit verbessert werden muss. Er hat Schwächen Europas schamlos ausgenutzt, auch um sich Sozialleistungen zu erschleichen, aber was aus diesem Fall zu lernen ist, betrifft nicht Geflüchtete, sondern uns selbst. Die Aufarbeitung der Pannen bei den Behörden, bei Geheimdiensten und bei der Polizei läuft bis heute. Das heißt: Der Fall Amri eignet sich nicht dazu, allgemeingültige Aussagen über Geflüchtete zu treffen.

    Ich will mit alledem nicht sagen, dass es in der Berichterstattung der FR damals und heute keine Fehler gab. Wir zehren ja nur von dem, was jeweils bekannt ist, und oft ist man erst hinterher schlauer. Wir haben indes nie behauptet, dass wir keine Fehler machen. Das „Sorry“ im FR-Leserforum ist der sichtbare Ausweis dafür, dass wir das sehr wohl wissen. Trotzdem wird aus Übeltaten und kriminellem Verhalten von Geflüchteten selbst dann keine Information, die berichtenswert und/oder auf alle übertragbar wäre (genau das ist die Gefahr, der Sie, Frau Ernst, leider erlegen sind), wenn dieses kriminelle Verhalten tausendfach verübt würde. Selbst dann würde sich dieses Fehlverhalten im Promillebereich bewegen, so dass eine allgemeine Aussage, wie Sie sie zu meinem Leidwesen treffen, nicht zulässig wäre. Solche Meldungen gehören daher in die Polizeiberichte, und da finden Sie sie auch.

    @ all

    Bitte verzeihen Sie diesen langen Kommentar. Ich bin mir dessen bewusst, dass so etwas Ihre Diskussion stört. Im Namen der FR – denn das FR-Blog ist ja eine Seite der FR – konnte ich die Worte von Frau Ernst aber nicht unkommentiert stehen lassen.

  49. Matthias Aupperle sagt:

    @ all

    Warum wird hier eigentlich so wortreich „um den Brei herumgeredet“? Es ist bekannt, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten sich in ihrer politischen Einstellung dem links-grünen Lager zuordnen. Der Vorwurf lautet, dass diese Journalisten mit dieser politischen Einstellung die negative Seite der Migration aus muslimischen Ländern zu wenig dargestellt haben, weil sie den Rechten keine „argumentative Munition“ liefern wollten. In einem politisch aufgeheiztem Umfeld wurde journalistische Neutralität durch „Haltung zeigen“ überdeckt. Dass dies dem Anspruch des Qualitätsjournalismus zuwiderläuft liegt auf der Hand. Oder sollten wir das diskutieren?

    Und dass die Benennung der „dunklen Seite“ der Migration für einige ein Problem ist, zeigt nicht zuletzt die Diskussion hier.

  50. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Natürlich ist mir klar, dass auch Journalisten nur Menschen sind. Dennoch erlaube ich mir, sie an der einen oder anderen Stelle zu kritisieren. Auch ich bin nur ein Mensch mit begtenzter Einsichtsfähigkeit und muss nun hier ertragen, dass ich von mehreren Seiten wegen meiner sicher nicht allen genehmen – und dazu noch z.T. verfälscht wiedergegebenen – Kritik massiv angegriffen werde. Such is life!

    Zur Verfälschung: Ich erlaube mir, den Satz, der hier solchen Anstoß erregt hat, noch einmal mit Erläuterungen zu zitieren:
    „Auch die einseitige Verherrlichung der Zuwanderung seit 2013 (den Begriff Verherrlichung habe ich mittlerweile korrigiert), die jahrelang nicht wahrhaben wollte, dass NEBEN armen Verfolgten Menschen auch (AUCH!) Kriegsverbrecher, Terroristen und Frauenverächter ins Land gespült wurden…“ Wo, bitteschön, habe ich hier behauptet, alle als Asylbewerber Eingereisten seien diesen Kategorien zuzuordnen? Ich benutzte das deutliche Wort „AUCH“. Und sollte sich jemand an dem metaphorischen Ausdruck „ins Land gespült“ stören, kann ich auch sagen „sie schmuggelten sich mit ein“. Das ist genau das, was Sie, lieber Bronski, von Anis Amri sagen. Bei ihm machen Sie genau den Unterschied, den auch ich nicht nur bei ihm machen möchte: nicht alle sind Geflüchtete, sondern leider mischen sich unter diese auch Verbrecher und Terroristen oder auch nur Betrüger, die unsere Gutwilligkeit und unsere Asylgesetze schamlos ausnutzen, wie Sie es für Anis Amri selbst formulieren. Deshalb stelle ich noch lange niemanden unter Generalverdacht, sondern erachte es lediglich für sinnvoll, wachsamer zu sein, als das vor allem 2016/16 der Fall war. Wenn ich die strengen Kontrollen beim Besteigen eines Flugzeugs befürworte, bedeutet das ja auch nicht, dass ich alle Passagiere für Terroristen halte. Aber ich weiß, dass ich damit rechnen muss, dass welche darunter sein können.

    Und genau diese Vorsicht fehlte in der Anfangszeit der „Flüchtlingskrise“, und ich erinnere mich nicht, dass sie vonseiten der Presse eingefordert worden wäre. Wenn die FR dies getan hat, auch in Bezug auf die vielen Ankömmlinge ohne Ausweise, deren Identität z.T. bis heute nicht geklärt ist, muss das an mir vorbeigegangen sein und ich nehme meine Kritik zurück.

    Die Situation in den Flüchtlingslagern war sicherlich vor allem am Anfang bei drangvoller Enge und provisorischen Lösungen belastend. Die Tatsache, dass es da zu Gewalt kommt, muss man sicher auch damit begründen. Dass man speziell Frauen gesondert schützen muss, kann ich, so leid es mir tut, nicht vorwiegend darauf zurückführen. Das hat meiner Ansicht nach vorwiegend mit der männlichen Sozialisation in den Herkunftsländern zu tun, in denen Frauen in erheblich stärkerem Maße als in Europa der Willkür von Männern ausgesetzt sind. Wenn Sie diese Ansicht Rassismus nennen, kann ich es nicht ändern. Wir können doch nicht auf der einen Seite davon ausgehen, dass Erziehung in den Familien und Sozialisation in der Gesellschaft einen entscheidenden Einfluss auf das menschliche Verhalten ausüben, dies im Falle von Menschen, die aus Ländern kommen, in denen Gewalt und Frauenunterdrückung herrschen, aber bestreiten. Wenn wir uns die Zustände in vielen der Herkunftsländer ansehen, können wir wirklich froh sein, dass die meisten Zugewanderten es dennoch schaffen, sich aus solchen Prägungen herauszuarbeiten (ein nicht unerheblicher Teil aber leider auch nicht, siehe Sylvester 2015).

    Natürlich kann man auch Männer, die so sozialisiert sind, dass von ihnen Gefahr für die Sicherheit von Frauen ausgeht, Opfer nennen, Opfer einer menschen- und frauenverachtenden Kultur – aber die Kritik an solchen Kulturen wäre dann ja Ihrer Meinung nach schon wieder Rassismus.

    Was das unter den Teppich Kehren anbetrifft: Ich behaupte gar nicht, dass das – und hier beziehe ich mich auch auf das Thema Parallelgesellschaften, auf das Sie gar nicht eingegangen sind – absichtlich geschah. Es war sicher eher ein unbewusster Prozess aus dem Wunsch heraus, sich ein Idealbild zu erhalten, an das man glauben wollte. Ein solches Verhalten würde ich durchaus mit dem Festhalten an einem religösen Glauben vergleichen. Die Gläubigen betonen gern die positiven Seiten ihrer Religion und übersehen dabei die negativen.

  51. Bronski sagt:

    @ Matthias Aupperle

    „Es ist bekannt, dass die Mehrheit der deutschen Journalisten sich in ihrer politischen Einstellung dem links-grünen Lager zuordnen.“

    Ich bestreite nicht, dass dies bekannt ist, aber ich bestreite, dass es stimmt. Das letztlich nichtssagende Schlagwort vom „links-grünen Lager“ – Sie haben noch „versifft“ vergessen – soll Menschen (Journalisten) diskreditieren, die eine andere Haltung haben als die, die sich das ausgedacht haben. Wir reden hier ja vom Newsroom der Parteien, die ihren Journalismus selbst machen wollen und dies teilweise auch schon tun. Da haben Sie ein Beispiel dafür, was dabei rauskommt. Rechte Sprechblasen sind mit Hilfe der Online-Netzwerke in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst kritische Menschen reden inzwischen so. Man nennt das Framing. Es wird behauptet, dass ein journalistischer Mainstream Wahrheiten unterdrücke. Das ist ein schwerwiegender Vorwurf.

    Ich wähle ein drastisches Beispiel, um Ihnen klarzumachen, was für eine Situation wir im Herbst 2015 hatten. Beim Untergang der „Titanic“ sind mehr als 1500 Menschen gestorben. Gesetzt den Fall, es wären genug Schiffe zugegen gewesen, um alle zu retten – hätten Sie es dann befürwortet, dass deren Besatzungen zuerst mal in Ruhe ausdiskutieren, ob man all die im Wasser treibenden und erfrierenden Menschen wirklich retten soll? Es könnten immerhin Verbrecher darunter sein, sogar Mörder. Ein guter Teil von denen sind Migranten …

    Es versteht sich von selbst, dass in solchen Notsituationen zuerst einmal ganz einfach geholfen wird, und zwar schnell und unbürokratisch. Und das sollte sich nicht nur für Menschen von selbst verstehen, die dem „links-grünen Lager“ angehören, sondern für alle, die ein irgendwie, vielleicht auch nur von ganz fern, christlich geprägtes Menschenbild haben. Somit auch für alle, die in anderen Zusammenhängen gern von Leitkultur reden, möglicherweise sogar von christlich-jüdischer Leitkultur. Ich hoffe: Auch für Sie. In Notsituationen wird geholfen! Ohne langes Gerede.

    Jetzt erst, nachdem geholfen wurde, kommt das, was Sie „als negative Seite der Migration“ und als „dunkle Seite“ bezeichnen. Das konnte in dem Moment, in dem die Notsituation eintrat, jedoch noch kein Thema sein. Jedenfalls keines, über das journalistisch berichtet werden konnte, denn diese Probleme waren ja noch nicht eingetreten. Manche Zeitgenossen wussten zwar schon ganz genau, was da auf uns zukam, und haben dies mit ihren Mitteln auch schon publiziert – Stichwort Framing. Das war selbstverständlich journalistisch unseriös, aber wenn es darum geht, Meinung zu bilden, haben Rechte noch nie auf Seriösität geachtet. (Manche Linke auch nicht.) Wenn wir aber annehmen, dass Lüko Wilms mit seiner Forderung recht hat, Journalismus habe über das zu berichten, „was ist“ – philosophisch gesehen ist das ganz schweres Geschütz -, dann wird klar, dass man nicht über etwas berichten kann, was noch nicht passiert ist. Allenfalls darüber, dass es möglicherweise passieren kann. Das hat die FR damals durchaus getan, etwa indem sie die Gefahr der Infiltration durch Terroristen thematisiert hat. Auch die kulturellen Dissonanzen waren ein Thema. Möglicherweise zu wenig. Um dies zu erkunden, müsste ich mal zwei, drei Tage ins Archiv gehen und die Zeitungen von damals durchblättern. Aber wenn dies so war, dann geschah das nicht, weil „den Rechten keine argumentative Munition“ geliefert werden sollte, sondern weil Journalisten keine rassistischen Ressentiments bedienen wollten.

    Dies wiederum – letzter Punkt! – hat mit Haltung zu tun, die journalistische Neutralität nicht überdeckt, wie Sie schreiben, sondern sie letztlich sogar sichert. Sie können diese Haltung gern im „links-grünen Lager“ verorten und damit dem Framing der Rechten aufsitzen. Für mich ist dies eine Haltung, die der Mehrheit der Journalisten (d/w/m) zueigen ist, die auf dem Boden der liberalen Werte unseres Landes und seines Grundgesetzes stehen. Es ist offensichtlich, dass die Rechten diese Liberalität rückabwickeln wollen. Ich mache dabei nicht mit. Der Satz vom Journalismus, der über das berichtet, was ist, schließt Vorverurteilungen aus. Und es ist wohl klar, dass in Formulierungen wie „negative Seite“ oder „dunkle Seite der Migration“ jede Menge Vorverurteilungen stecken, oder?

  52. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist dieser blog ein Abbild von Meinungen.Herr Hebel stellte die Frage, brauchen wir guten Journalismus. Antwort: Ja. Es war nirgendwo die Frage im Raum, ist die Diskussion über Migration in diesem Zusammenhang von zentralem Belang.Dies Thema ist in der Vergangenheit bis zur … diskutiert worden.Es bringt uns nirgendwo hin, wenn wir diese letztlich archaischen Vorstellungen über Einwanderung, Mann – Frau Verhältnis, rechts und links immer wieder durchkauen. Das ganze angesichts einer Weltlage, die allem Anschein nach, unser Überleben auf diesem Planeten bedroht. Schauen sie doch mal in den Himmel :Wo sind die Schwalben ? Bis auf einen kümmerlichen Rest verschwunden. Die Wiesenblumen desgleichen , vom Klima mal ganz zu schweigen . Ich halte es für guten Journalismus dies zu thematisieren, wie es beispielsweie Herr Wille in der FR tut.Dass er für mich viel zu wenig Durchschlagskraft hat, ist halt meine Meinung, die ich auf diesem Blog äußern kann, aber deshalb bleibt das doch guter Journalismus.Ich bin diese rechtsgewirkten, auf archaischen Trieben gründende Meinungsmache so satt…

  53. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Mit Verschleierungsformeln wie „Es ist bekannt, dass“ zu operieren und um die Frage herumzuschleichen, wer mit welcher Absicht und mit welchen Mitteln den „Brei“ angerührt hat, um den hier angeblich „herumgeredet“ wird, liegt doch hoffentlich unter Ihrem Niveau!

  54. Bronski sagt:

    @ Jürgen H. Winter

    „Es war nirgendwo die Frage im Raum, ist die Diskussion über Migration in diesem Zusammenhang von zentralem Belang.“

    Sie haben völlig recht. Leider hat der Journalismus in der akuten Krisensituation jedoch nicht so funktioniert, wie es wohl wünschenswert gewesen wäre. Mich nervt dieses Thema ebenfalls, aber ich glaube trotzdem, dass wir drüber reden müssen. Dass mit der geringen Durchschlagskraft nehme ich ebenfalls wahr. Vielleicht hat das aber mit dem Thema Migration zu tun. Wenn dieses Thema benutzt wird, um an der Glaubwürdigkeit von Journalismus zu sägen, dann hat das auch Auswirkungen auf das wesentlich wichtigere Thema: Wie reagieren wir auf den Klimawandel?

  55. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ich schaffe es heute nicht, auf Ihren Kommentar zu antworten. Erwarten Sie meine Antwort bitte spätestens am kommenden Wochenende. Vielleicht habe ich zumindest in Teilen ja schon in meinem Kommentar zu Matthias Aupperle darauf reagiert.
    Gruß, Bronski

  56. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski

    Danke für den „langen Kommentar“, der auch unsere praktischen Erfahrungen gut trifft.

    (1) Diesbezüglich nur noch ein Wort zu „Konvertiten“ und zu „Kriminellen“. Als Beispiele, wie man Probleme in den Griff bekommen, sie zumindest abmildern kann, statt sie auf einer Ebene verallgemeinernder Vorurteile hoch zu pushen:

    Ja, den Hass auf „Konvertiten“ gibt es. Wir sind selbst Paten eines jungen Iraners, der zum Christentum konvertiert ist. Der diesen Hass auch erlebt hat. Und dennoch stand er mit mir und denen, die ihn hassten, zusammen auf der Bühne. Und sie haben zusammen mit uns gefeiert.
    Da wird es dann konkret, und da ist auch die eigene Autorität gefordert, die gegenseitiges Verständnis fördert und zugleich Grenzen setzt.
    Und dass das auch außerhalb unseres Einflussbereiches einigermaßen klappt, liegt daran, dass es hier eben keine „Ankerzentren“ gibt, in denen Problemlagen aufeinanderprallen und kumulieren, sondern dass die Asylbewerber in Appartements (HLM) untergebracht sind und dass die Zuweisung (3-4, maximal 6 Personen) auch einigermaßen flexibel gehandhabt wird.

    Auch wir hätten Veranlassung, über „Kriminelle“ zu klagen. Aus unserer Gruppe ist uns nämlich bei Theaterproben zweimal der Hausschlüssel gestohlen worden. Ich habe aber einen anderen Weg gewählt, den der ernsten Aussprache, der dem Betreffenden die Chance der Wiedergutmachung einräumte. (Nicht leicht angesichts von Sprachbarrieren.) Und es hat geklappt.
    Es ist halt alles eine Frage, wie man mit Situationen umgeht, die nicht immer ein Zuckerschlecken sind. Und man muss auch nicht allen, die sich solchen Situationen stellen und nicht gleich in Panik geraten und Pauschalurteile verbreiten, Blauäugigkeit unterstellen.

    (2) Zur FR:

    Aus den genannten Gründen bin ich der FR auch seit 50 Jahren treu geblieben. Auch wenn das manchmal – so vor allem bez. „Antisemitismus“-Vorwürfen im Zusammenhang mit Beschneidung – nicht immer leicht war.
    Insofern ist das auch eine Antwort für die Zukunft: Gelassenheit und Offenheit schaffen Vertrauen – auch wenn mal Fehler passieren, man nicht alle Aspekte (wie in der „Flüchtlingskrise“ – besser: EU-Krise) sofort überblickt und man aus Erfahrungen lernen muss.

    Zu aktuellen Problemen:
    Wenig Verständnis herrscht unter „treuen Usern“ des FR-Forums, dass die Kommentarfunktion der FR auf ganz wenige, oft bedeutungslose Artikel eingeschränkt wurde. Zumindest zwei (wahrscheinlich mehr) davon haben das FR-Forum deshalb auch verlassen.
    Schließlich ist es diesen „treuen Usern“ zu verdanken, dass es Hetzern – anders als etwa in der FAZ – nicht gelingt, die Lufthoheit zu erobern und eine „Majorität“ vorzugaukeln.
    So ist es mir z.B. gelungen, mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung einen der Übelsten, der sein Unwesen in bekannten Hetzforen wie „epochtimes“, „youwatch“ oder „pi-news“ treibt, nicht nur rauszuekeln, sondern auch zur Sperrung aller seiner Beiträge (auch in diesen Foren) zu veranlassen.
    Der FR sollte doch bewusst sein, wie sehr sie auf die kooperative Mitarbeit solcher User angewiesen ist.

    Mein Sohn (der in Frankreich zur Wahl des EU-Parlaments kandidiert) hat mich auf eine ernüchternde französische Untersuchung von 20 großen europäischen Zeitungen aufmerksam gemacht. Danach kennen nur zwei von ihnen („El Pais“ und – ich glaube – „Le Figaro“) eine Sparte „EU-Politik“. Alle übrigen ordnen das unter „internationale Politik“ – im Klartext also: unter „Ausland“ ein.
    Ein sehr bedenklicher Hinweis auf verinnerlichtes nationales Denken selbst bei renommierten Zeitungen. Man sollte sich also über Vorurteile (nicht nur in GB) nicht wundern.
    Auch in der FR suche eine solche Kategorie vergeblich. Mit der viel zu pauschalen Kategorie „Politik“ kann ich nichts anfangen. Sie führt zu langem, durch unglaublich viele Bilder und Werbeanzeigen verwirrtem Suchen. Und dies steht auch in Widerspruch zu sonst sehr differenzierten Unterkategorien (etwa bei „Ratgeber“).
    Um ein Bewusstsein für europäische Belange zu schaffen, sollte man hier doch wenigstens eine Unterkategorie, etwa „EU-Politik und Deutschland“ neben „Internationale Politik“ einführen.

  57. Werner Engelmann sagt:

    Stichwort „Notsituationen“ (Bronski):

    Ein Helmut Schmidt hat sich bei der Flutkatastrophe 1962 für die Rettung Hilfsbedürftiger nach eigenem Bekenntnis Befugnisse angemaßt, sogar gegen das Grundgesetz verstoßen.
    Unter den 96 Einzelnachweisen unter „Sturmflut 1962“ bei Wikipedia finden sich 4 (Nr.72-75), von Helmut Stubbe da Luz, der erkennbar das Renommee von Helmut Schmidt als „Macher“ mit dem Hinweis zu schmälern sucht, das sei auch schon vorher „geübte Praxis“ gewesen.
    Es findet sich aber nicht eine einzige Kritik an solcher Rechtspraxis, schon gar nicht von selbst ernannten „kritischen Bürgern“, die sich im durchaus vergleichbaren Fall der Soforthilfe Angela Merkels für Flüchtlinge 2015 an wütender „Kritik“ geradezu überschlagen.
    Mir ist auch keine „kritische“ Schelte für die Berichterstattung dazu bekannt von Leuten, die sich im Fall der „Flüchtlingskrise“ vor lauter Wut über „political correctness“ und „Einseitigkeit“ der „Mainstream-Medien“ gar nicht mehr einkriegen.

    Wer misst hier eigentlich mit „zweierlei Maßstäben“?
    Oder anders ausgedrückt: Wo findet sich die Heuchelei?

    @Jürgen H.Winter:

    „Ich bin diese rechtsgewirkten, auf archaischen Trieben gründende Meinungsmache so satt…“

    Ich auch.

  58. Hallo Frau Ernst, nur ein Satz zum Rechtsverständnis : Wenn man eine Gruppe von Menschen gefangen hat, die Unrecht getan haben und man weiß, dass einer darunter ist, der kein Unrecht getan, so muss man alle laufen lassen, da man sonst einen Unschuldigen bestraft. Hat einer von den alten Weisen gesagt, wer weiß ich nicht, aber Sie vielleicht als Germanistin.

  59. Ralf Rath sagt:

    In seinem Vortrag mit dem Titel „Für eine semiologische Guerilla“, den Umberto Eco im Oktober 1967 in New York gehalten hat, sagte der italienische Schriftsteller: „… immerhin hat der Empfänger ja beim Empfang der Botschaft noch einen Rest von Freiheit, nämlich sie anders zu lesen. Ich sage ‚anders‘, nicht ‚falsch'“. Für die Arbeit eines Journalisten hat das zur Konsequenz, dass die Rezeption seiner Artikel durch die Leser immer außerhalb seiner Reichweite liegt. Sollte sich angesichts dessen ein Journalismus dazu anschicken und Einfluss auf die dadurch stets unabhängig sich vollziehenden Deutungen der Wirklichkeit nehmen, gelten dessen Vertreter mit Fug und Recht als zutiefst einfältig. Es erstaunt somit über alle Maße hinweg, wenn solche Erzeugnisse an den Märkten höher im Kurs stehen und von den Kunden eher goutiert werden; während seriöse Journalisten, die sich der faktischen Schranke ihres Tuns und damit dem Umkreis einer niemals grenzenlosen Pressefreiheit bewusst sind, das Nachsehen haben.

  60. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski und natürlich @ all

    Lieber Bronski, lieber Lutz, mir fiel meine Dissonanz und eine gewisse Stimmungsmache beim Thema „Migration“ mit und in meinen bevorzugten Leitmedien (Süddeutsche, Die Zeit, SPON, gelegentlich TAZ) lange vor dem sog. Framing durch die Rechten auf; insofern bin ich denen auch nicht auf den Leim gegangen, wie du meinst, mir unterstellen zu müssen. Und wenn die Rechten etwas feststellen, das zutrifft, wird es nicht falscher, nur weil die Rechten es monieren. Dass Du dann auch noch das Wörtchen „versifft“ hinzufügst, zeigt, dass Du dich geärgert hast. Trotzdem sollten wir solche unfairen, insinuierenden Ansätze unterlassen. Ich gebe Dir Recht, ob die Journalisten dem links-grünen Lager zuzurechnen sind, kann ich nicht belegen. Ich hatte hier eine Kolumne von Jan Fleischhauer im Gedächtnis, der auf eine entsprechende Umfrage verwies. Es ist mir egal, welche private politische Meinung ein Journalist hat, wobei mir links-grün nicht unsympathisch ist, sie sollte nur in seiner täglichen Arbeit außen vor bleiben.

    Die Flüchtlingskrise war eben nicht mit dem Titanic-Schiffsunglück zu vergleichen, denn die sog. Flüchtlinge, ca. 700.000 junge, muslimisch sozialisierte Männer (wie man im nachhinein feststellte), überquerten mehrere sichere Staaten, bevor sie in den bevorzugten Zielländern Deutschland, Niederlande und Schweden ankamen. Bei neutraler sachlicher Betrachtung wäre deshalb der Begriff „Migranten“ zutreffender, dies auch vor dem Hintergrund, dass längst nicht alle Migranten aus Syrien kamen, sondern auch etliche Nordafrikaner dabei waren. Es entstand dann der aufgeladene Begriff der „Geflüchteten“, der allen denen, die das nicht so sehen, mangelnde Empathie unterstellt. Die häufige Benutzung dieses Begriffes in den Medien zeigt, dass es eben nicht mehr um sachlichen Journalismus geht, sondern um Haltung. Und alle die, die sich kritisch zu Wort meldeten, wurden mit der Rassismus- oder Rechtskeule erschlagen. Das gipfelte in der Folgezeit und insbesondere nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln darin, dass Daniel Bax von der TAZ ausgerechnet Alice Schwarzer als Rechtsfeministin bezeichnete und der nicht gerade als rechts geltende Journalist Samuel Schirmbeck in der FAZ einen Hilferuf (https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gastbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2) an seine linken Freunde plazierte, den ich als Lektüre dringend empfehle. Ich erinnere mich noch genau, als verantwortliche Journalisten des WDR auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise propagierten, jetzt ginge es darum Haltung zu zeigen. Ich fragte mich damals, was das für die journalistische Arbeit bedeuten wird und beäugte die filmischen Berichte über die Flüchtlingskrise kritisch und stellte fest, dass immer nur Frauen und kleine Kinder gezeigt wurden, was eben nicht der Realität entsprach. Während ich das hier schreibe, ärgere ich mich, und frage mich, ob ich wohl selbst einer selektiven Wahrnehmung zum Opfer fiel, weil ich die Fernsehberichterstatter ertappen wollte. Es ist jedenfalls kompliziert und ich wehre mich vehement auch gegen diejenigen, die von Lügenpresse schreiben und sprechen. Fakt ist, die Situation und die Debatte ist vergiftet – auch hier.

    Letztendlich läuft es doch auf die Frage hinaus, was ist qualitativ hochwertiger Journalismus. Es gibt ein viel strapaziertes und von rechts wie links viel bemühtes Zitat von Hajo Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.

    Um aus der Retroperspektive wieder zukunftsgerichtet zu betrachten: Es wird tatsächlich so sein, dass wir (vorübergehend) eine sehr diffuse und unübersichtliche „Informationslandschaft“ bekommen werden. Der Regionalzeitungsmarkt wird kräftig ausgedünnt werden. Einzelne große, unabhängige, printlastige Leitmedien werden ebenfalls vom Markt verschwinden. Rechtsgerichtete Regierungen werden versuchen, auf die öffentlich rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten Einfluss zu nehmen, um dort kritische Journalisten auszuschalten – aktuell in Österreich mit den Angriffen der FPÖ auf Armin Wolf zu beobachten. Im Internet wird ein Informations-Overkill stattfinden. Gleichwohl oder gerade deswegen, wird es einen großen Bedarf an unabhängiger und qualitativ hochwertiger Berichterstattung geben. Das ist die Chance für einen neuen, internetbasierten, unabhängigen Qualitätsjournalismus . Der Bedarf wird da sein, die Geschäftsmodelle werden sich finden müssen.

  61. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Danke für Ihren Einsatz.
    Was Sie oben hinsichtlich des Umgangs mit schwierigen Situationen in Gruppen bei der Flüchtlingsarbeit oder überhaupt mit „kriminellen“ Handlungen beschreiben, entspricht eben praktischen Erfahrungen und nicht bloß Vorstellungen von Gut und Böse.
    Sie haben an einer bestimmten Stelle gesagt, dass wir alle nicht frei sind von Vorurteilen gegenüber „Fremden“. Das stimmt. Wichtig ist es sich der eigenen eingebauten Vorurteile bewusst zu werden. Das hilft und macht handlungsfähig, löst innere Blockaden.
    Ähnlich ist es mit Ressentiments.
    Das rechte Gedankengut (die braune Brühe) war nie weg in unserer Gesellschaft. Es schlummerte nur und in „guten Zeiten“ war es schön zugedeckt. Und jetzt ist es wieder da; forciert durch die neuen medialen Veräußerungsmöglichkeiten des Plapperns und Twitterns, Hetzens und Stigmatisierens …

    Mir fiel die Tage ein Gedicht von Günter Kunert von 1949 in die Hände:

    Als der Mensch
    Unter den Trümmern
    Seines
    Bombardierten Hauses
    Hervorgezogen wurde,
    Schüttelte er sich
    Und sagte:
    Nie wieder.

    Jedenfalls nicht gleich.

  62. Bronski sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Natürlich war die „Flüchtlingskrise“ nicht mit dem „Titanic“-Unglück vergleichbar. Ich habe dieses Beispiel gewählt, um herauszustellen, wann welche Fragen an der Reihe sind und wann sie eher deplatziert sind.

    „Bei neutraler sachlicher Betrachtung wäre deshalb der Begriff „Migranten“ zutreffender, dies auch vor dem Hintergrund, dass längst nicht alle Migranten aus Syrien kamen, sondern auch etliche Nordafrikaner dabei waren.“

    Es ist richtig, dass sich auch Nordafrikaner unter diesen Menschen befanden, aber die weit überwiegende Zahl der Geflüchteten, die im Herbst 2015 bei uns ankamen, kamen aus Syrien, Irak, Afghanistan und dann mit großem Abstand Iran und danach mit noch größerem Abstand Marokko. Diese Menschen sind vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen, vor dem „Islamischen Staat“ und den Taliban sowie dem Regime der Ayatollahs. Letztere sind politische Flüchtlinge mit guter Chance, bei uns Asyl zu bekommen, und keine Kriegsflüchtlinge. Die Vereinten Nationen machen einen Unterschied zwischen Geflüchteten, auf die die Bestimmungen der Genfer Konventionen anzuwenden sind, und Migranten, deren Belange ein UN-Migrationspakt regeln soll, der auch hier im FR-Blog diskutiert worden ist. Ob die Genfer Konventionen zur Anwendung kommen oder ob jemand in Deutschland Anspruch aus Asyl hat, ist ein kompliziertes Thema und sollte nicht so einfach abgetan werden mit einer solchen Bemerkung, das seien alles Migranten. Es gibt einen Anspruch auf Asyl, der auch mit der Geschichte Deutschlands zu tun hat und im Grundgesetz festgeschrieben ist. Darüber hinaus gibt es Menschen, die als Flüchtlinge nach den Genfer Konventionen einzustufen sind. Auch wenn sie möglicherweise keinen Anspruch auf Asyl haben, können sie nicht einfach zurückgeschickt werden, sondern haben nach unserem Recht Anspruch (!) auf Duldung. Migration hingegen, die übrigens eine Triebfeder der Entwicklung der Menschheit war – Lesetipp hierzu: „Die Geschichte der Migration“, Schwerpunktheft von „Spektrum der Wissenschaft“, Ausgabe 4/2018 -, hat vielfältige Gründe, die hier geschieden werden müssen von politischer Verfolgung oder Flucht vor Krieg und Terror. Daher: Nein, diese Menschen sind keineswegs durchweg Migranten.

    Die Verwendung des Begriffs „Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“ ist der Versuch einer neutralen Sprache, in diesem Fall mein ganz persönlicher Versuch. Wir alle, auch wir Journalisten, ringen um korrekte Sprache. Vielleicht sollten wir einfach „Vertriebene“ sagen? Aber dann eröffnen wir eine ganz andere Debatte von neuem, nämlich die um die Parallelen zwischen Geflüchteten heute und innerdeutschen Geflüchteten nach dem Zweiten Weltkrieg und ihren Problemen mit der Akzeptanz in der Aufnahmegesellschaft. Muss nicht noch mal sein, oder? Hatten wir hier im Blog schon zur Genüge.

    „Im Internet wird ein Informations-Overkill stattfinden.“

    Das glaube ich nicht. Was dort stattfinden wird und übrigens schon stattfindet, ist ein Meinungs-Overkill. Ich hoffe sehr, dass die Menschen bald mal merken, dass sie als Grundlage zur Beurteilung solcher Meinung Informationen benötigen. Das wäre dann der Moment, in dem sich die Menschen vielleicht erinnern, dass es Journalismus gibt.

    Zuletzt noch ein persönliches Wort, lieber Matthias. Du hast hier selbst Tichy und die „Achse des Guten“ als Vorbild für Journalismus herausgestellt und dann von „links-grünem Lager“ gesprochen. Es sollte Dich nicht wundern, wenn Du anhand solcher Indizien entsprechend eingeordnet wirst, so dass Dir das dazugehörende „versifft“ nachgeliefert wird. Hast ein bisschen provozieren wollen? Na ja, okay – aber warum? Gerade hat die neue Mitte-Studie aus Leipzig für Diskussionen darüber gesorgt, wie rechtes Denken die „Mitte“ infiltriert. Ich glaube, dass Du dieses Problem verniedlichst, wenn Du es darauf herunterbrichst, dass Rechte auch mal recht haben. Das steht außer Frage, aber das ist nicht die Frage. Mag ja sein, dass Dir Unstimmigkeiten in der Berichterstattung schon aufgefallen sind, bevor das Framing der Rechten eingesetzt hat, aber in dem Moment, in dem Du sprachliche Chiffren wie „links-grünes Lager“ benutzt, spielst Du dabei mit, auch wenn Du das vielleicht nicht willst. Das Problem dabei ist, dass Rechte nicht einfach nur recht behalten wollen – das wollen andere auch -, sondern dass sie dieses Land und Europa verändern wollen, indem sie auf Konzepte zurückgreifen, die schon vor siebzig Jahren gescheitert sind. Ich halte es in dieser Hinsicht mit dem früheren Staatspräsidenten François Mitterrand, der in seiner letzten Rede vor dem Europaparlament im Jahr 1995 gesagt hat: „Nationalismus heißt Krieg. Krieg, das ist nicht nur Vergangenheit. Er kann auch unsere Zukunft sein.“

    Hajo Friedrichs schönes Zitat vom Journalisten und dem, woran man ihn erkennt, spricht von einer Sache, mit der der Journalist (m/w/d) sich nicht gemein machen soll. Dessen ungeachtet hatte auch Hajo Friedrichs eine Haltung. Darum wurde er auch mehrfach ausgezeichnet. Mit dieser „Sache“ hat er ganz gewiss nicht Werte gemeint, sondern eher Einfluss von Lobbys und Interessen von Politikern und dergleichen. Es wäre sicher spannend gewesen zu erleben, wie Hajo Friedrichs die Bilder von den Geflüchteten oder von den im Mittelmeer Ertrinkenden kommentiert hätte.

  63. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    1. Sie sprechen von „auf archaischen Trieben gründende(r) Meinungsmache“ und von „archaischen Vorstellungen über Migration, Mann-Frau Verhältnis…“.
    Was ist da jetzt archaisch? Der Wunsch, das Mann-Frau-Verhältnis der im Gundgesetz verankerten Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter anzupassen, oder die rückständigen Vorstellungen von männlicher Vorherrschaft über das weibliche Geschlecht, die per Migration wieder Fuß in Teilen unserer Gesellschaft zu fassen drohen?

    2. Ihr Beispiel von der Gruppe, die Unrecht getan hat, und dem einen Unschuldigen, der nicht zu ermitteln ist, halte ich für sehr theoretisch, ja unrealistisch. Woher will man denn diese Verteilung der Schuld kennen? In einem Rechtsstaat wird das Gericht alles daran setzen, die wahren Zusammenhänge zu klären und (nur) die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Diejenigen, denen keine Schuld nachzuweisen ist, müssen freigesprochen werden.
    Das schließt aber nicht aus, dass ein staatliches Kontrollsystem vonnöten ist, das Straftaten im Vorfeld verhindert.

  64. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski

    Ich bleibe dabei: Die Diskursfähigkeit in diesem Lande hat in den letzten Jahren erheblich abgenommen. Das meinte ich, als ich schrieb, die Situation sei vergiftet. Zu sehr sind wir im Lager-Denken, im Links-Rechts-Schema verfangen. Das hat leider auch so manches journalistische Leitmedium erfasst. Zu sehr wird moralisiert, anstatt gelassen zu debattieren und andere Sichtweisen zuzulassen Davon ist auch der Kampf um Sprache, um Deutungshoheit betroffen.

    Ich wusste, hier Tichys Einblick als beispielhaftes Format darzustellen, würde etwas Ärger auslösen. Und wenn ich schreibe, dass ich dort so manchen klugen Beitrag las, macht es das hier sicher nicht besser.

    Das, was Du zu der 2015 und nachfolgend stattgefunden Migrationsbewegungen schreibst, ist alles richtig. Das kann man so sehen. Aber spätestens dann, wenn man in der Analyse der Ursachen die gewaltigen Anreize, die durch unsere Sozialsysteme und durch die Duldungspraxis ausgelöst werden, berücksichtigt, verändert sich die Sichtweise. Das alles darzustellen und möglichst wertfrei zu erörtern, macht meines Erachtens guten Journalismus aus. Das zerbröselt zwar die eigene Position des Journalisten, das ist aber gut so. Angesichts dieser vielen möglichen Facetten ist der Begriff „Geflüchtete“ für mich dann doch zu normativ.

    Ich würde das Hajo-Friedrichs-Zitat einfach so stehen lassen, wie es ist. Es bedarf keiner Interpretation vor dem Hintergrund seines Verfassers.

    Lieber Bronski, was Du zum Meinungs-Overkill im Internet schreibst ist richtig. Der Begriff ist zutreffender als „Informations-Overkill“. Unabhängig von der exakten Begrifflichkeit wird es aber m. E. einen enormen Bedarf an journalistisch korrekter Information geben. Ich scheue hier etwas den Begriff „Wahrheit“, weil jeder Journalist hoffentlich weiß, wie einfach und zugleich schwierig dieser Anspruch ist. Es gibt zunehmend einen Bedarf nach Informationslieferanten, die wie „Brands“ funktionieren und auf deren Nachrichten eine Art Gütesiegel prangt. Diese Brands müssen wie unabhängige Orientierungsleuchttürme aus dem Meinungs- und Informationsbrei herausragen. Ich glaube, dass beispielsweise die Macher von CNN das erkannt haben. Diesen Bedarf in tragfähige Geschäftsmodelle umzusetzten und die Geduld und die finanzielle Tragkraft bei der Etablierung des „Brands“ zu haben, ist die Herausforderung an zukünftige Verleger

  65. Wolfgang Geuer sagt:

    Wer sich mit der Verfasstheit des Journalismus in Deutschland auseinandersetzt, kommt nicht umhin, größere Zeitachsen und ökonomische Prozesse des Gewerbes in den Blick zu nehmen und exponierten Vertretern der Zunft, ihren Netzwerken und eigenen Motiven nachzuspüren. Erst dann ergibt sich ein Bild, das nachdenklich macht. Dazu gehören dann auch die „großen Themen“, die medial ausgebreitet wurden und werden. Man könnte auch sagen, die „großen Krisen“. Einige kritische Arbeiten zum Journalismus in Deutschland liegen inzwischen vor, aus denen ich hier zitieren möchte, verbunden mit einigen Anmerkungen von mir.

    Am Beispiel der Weltfinanzkrise zeigten vor einiger Zeit Wolfgang Storz, der ehemalige Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und der Kommunikationswissenschaftlers Hans-Jürgen Arlt für die Otto-Brenner-Stiftung an Hand der Berichterstattung von fünf überregionalen Tageszeitungen, ARD-Aktuell und der Nachrichtenagentur DPA über einen Zeittraum von 10 Jahre bis zum Ausbruch der Finanzkrise, wie der Journalismus in Deutschland das Thema behandelte. Hier einige der wesentlichen Ergebnisse:

    – Der Wirtschaftsjournalismus hat die Distanz zu den Objekten der Berichterstattung verloren
    – Der Wirtschafts- und Finanzmarktjournalismus hat sich meist um die Perspektive der Anbieter und Anleger gekümmert, eine kritische Darstellung des Wandels der Finanzbranche und einer Abwägung der Folgen für das Gemeinwohl unterblieben.
    – Ursachenbetrachtungen der Krise aus der Sicht kritischer Volkswirte (Flassbeck, Horn, Krugman, Roubini, Stiglitz, u.a.) wurden weitgehend ausgeblendet.
    – Die Medien – zu diesem zusammenfassenden Schluss kommen die Autoren – haben in ihrer Rolle als Frühwarnsystem versagt.

    Zwar räumen sie ein, dass es immer wieder auch kritische Beiträge aus Sicht von Gewerkschaften oder Sozialverbänden gab, aber das Gesamtbild war insgesamt ausgelegt auf Interessen der Finanzmarktbranche und die Anlegerseite bzw. große Wirtschaftsakteure.

    Warum ist das so? Oder womit hängt das möglicherweise zusammen? Beim Versuch einer Antwort muss man auf die Strukturen der Medienhäuser schauen. Die wirtschaftliche Konzentration hat über die letzten vier Jahrzehnte eine neue Landschaft organisiert: Die überregionalen Zeitungen und Magazine befinden sich in wenigen Händen (Springer, Holtzbrinck, SWMH, Bertelsmann, u.a.). Mit der Konzentration verbunden waren massive Einsparungen bei der Zahl der Journalisten. Etwa 50000 PR-Mitarbeiter stehen heute etwas gleich vielen Journalisten gegenüber, Lobbyisten und deren Organisationen nicht mit gezählt. Leipziger Journalismus-Forscher haben bei über 200 Journalisten von Tageszeitungen, Hörfunk und Fernsehen untersucht, wie der Rechercheaufwand verteilt ist: Im Schnitt werden am Tag 108 Minuten für Erweiterungsrecherchen und 11 Minuten für die Richtigkeit von Quellen verwendet. Ortstermine und direkte Kontakte nehmen nur noch 1,4 % der Arbeit in Anspruch. Salopp lässt sich sagen: Der Journalist ist der Letzte, der etwas mitbekommt… Und man zitiert – vielleicht aus Zeitmangel – in vielen Fällen andere Journalisten. Fakten aus der eigenen Echokammer also.

    Klassisch waren die journalistischen Kommentare dann auch im Falle von Griechenland, untersucht von Margarete Jäger und Regina Wamper im Rahmen einer sechsmonatigen Recherche im Jahr 2014 in der SZ: Der grundsätzlichen Sparpolitik wurde zugestimmt, obwohl es international und national viele Vertreter der Ökonomenzunft gab, die das Vorgehen massiv kritisierten (Galbraight, Bofinger, Flassbeck, Schulmeister, u. a.) Hin und wieder wurden die mit der Politik erzeugten sozialen Verwerfungen angedeutet, diese wurden dann aber als bedauerliche Konsequenzen einer vernünftigen Politik bewertet. Ökonomen mit kritischem Blick auf die Situationen in Griechenland wurden immer nur als Einzelmeinung eingestreut. Insgesamt wurde die Austeritätspolitik als alternativlos dargestellt. Syriza wurde und wird unterstellt, dass sie ihre Politik nur auf die Gefühlslage der Griechen aufbaue und nicht rational handelte. Verbunden mit einem paternalistischen Zungenschlag und einem mehr oder weniger offenen Extremismusvorwurf, der sich allerdings nie auf wirtschaftliche Fakten, sondern auf Elemente der Personenwahrnehmung bezog. Eine Anmerkung von mir: Hat man je erlebt, dass ein demokratisch gewählter Minister, internationaler Wirtschaftsexperte und Politiker, der sich einer offenen Diskussion im Derutdsschen Fernsehen stellte, in der Anmoderation von Jauch so abqualifizierend empfangen wurde wie Varoufakis, indem Jauch ihn als „Bruce Willis der griechischen Politik“ bezeichnete. Ähnlich beschrieb Constanze von Bullion Tzipras als „selbst ernannten Robin Hood der Schuldenkrise“. Würde man so über Macron oder May sprechen? Oder Kurz? Vorschläge und Positionen der griechischen Regierung wurden immer auf einer wertenden Folie von „sektenhaft“ bis „populistisch“ disqualifiziert, Auftritte als „unverschämt“ und „extremistisch“ gebranntmarkt. Karl Doemens ist hier ein beredtes Beispiel in der FR:

    Wie in anderen Tageszeitungen werden Reformen im Falle Griechenlands immer mit Lohn- und Rentenkürzungen, mit Sozialabbau und Privatisierungen gleichgesetzt. Dass dabei im medio-politischen Diskurs zum Teil geradezu hanebüchender Quatsch herauskommt, zeigt ein Kommentar von Marc Beise in der SZ vom 28.5. 2015, in dem er behauptet, der Kündigungsschutz hielte die Alten im Job und ließe die Jungen nicht rein. (Empirisch war nur belegbar, dass die Alten sehr früh gingen, ohne dass junge Arbeitskräfte nachrücken konnten, weil die Nachfrage kollabiert war.)

    Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz bestätigt in einem Interview von 2017, dass Leitmedien ausgesprochen regierungsnah formulieren „bis hin zur Propaganda“. Dabei ist nicht nur die reine Selektion von Informationen das Problem, sondern in der journalistischen Arbeit werden Narrative geschaffen (Bruce Willis, Robin Hood, u. a.), die als Programm zur Welterklärung eingesetzt werden. Pointiert formuliert er: „Die größte und dichteste Echokammer ist der Journalismus.“ Und: „Wer Reuters liest, weiß schon vorab, was alle Medien berichten werden“.

    Uwe Krüger hat in seiner Dissertation das Verhältnis von Journalisten zu ihren Quellen als Symbiose beschrieben, als „Tauschgeschäft von Information gegen Publizität“. Dabei spielt die „Wellenlänge“ zwischen den Akteuren die entscheidende Rolle. Werden Journalisten als Quelle von Gefahr für die eigene Rolle gesehen, bekommen sie eben kein Hintergrundwissen, keine Exklusivinformationen oder Interviews von hochrangigen Politikern. Fundamentalopposition hilft also einem Journalisten bei der Karriere nicht. Prekäre Beschäftigung als „freier Journalist“ – so vermute ich –ist kein Mutmacher für eigene, kritische Gedanken außerhalb des Mainstreams.

    Ein schönes Beispiel für journalistisch-politische Symbiosen liefert Krüger mit den Aktivitäten des Journalisten Jochen Bittner, der die Gauck-Rede während der Münchner Sicherheitskonferenz später in der Zeit kommentierte. Bittner, selbst Teil einer Arbeitsgruppe des German Marshall Fund of the US („Neue Macht – neue Verantwortung“), der ein Konzeptpapier für mehr Verantwortung Deutschlands in der Welt mit verfasst hat, dessen Geist durch Gaucks Rede sprüht, darf nun den Mut zu den zielführenden Vorschlägen des Bundespräsidenten u. a. zur Flexibilisierung des Parlamentsvorbehalts für Auslandseinsätze der Bundeswehr loben. Hier öffnet sich das „Fenster zur Welt“ durch den Journalisten und die in der Projektgruppe anwesenden Eliten aus Think Tanks, Politik und Wirtschaft für den Leser, Hörer oder Zuschauer in eine geplante und gewollte Richtung. Man kann es Auftragsjournalismus nennen, bezahlte Diskursaufnahme oder „aktive Bühnenarbeit“, um das Publikum zu beeinflussen – unabhängiger Journalismus im Sinne der „Vierten Gewalt“ ist es in keinem Fall, zumal erst später, nach Kritik im Netzwerk Twitter, die Rolle von Bittner offen gelegt wurde. Aus meiner Sicht handelt es sich um Kampagnen, um die Öffentlichkeit zu beeinflussen.

    Darüber hinaus belegt Krüger durch Netzwerkanalyse die enge Kooperation der „Alpha-Journalisten“, die jene Grundlinien, die in den großen Tageszeitungen gelten, bestimmen. Als da wären der Bestand des Nato-Bündnisses und die transatlantischen Beziehungen (im Axel Springer Verlag ist jeder Mitarbeiter ohnehin dazu verpflichtet, dieses zu fördern). Ob diese Bedingung überhaupt eine kritische Position gegenüber der Nato zulässt, darf in Zweifel bezogen werden…

  66. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 1. Mai 2019 um 21:59

    Danke für das Gedicht von Günter Kunert. Sehr bedenkenswert.
    Dass er ein Jahr davor in die SED eingetreten war, zeigt zwar, dass er zu dieser Zeit (wie die meisten) noch einige Illusionen nährte hinsichtlich des neuen „antifaschistischen“ Staates.
    Aber immerhin gehörte er 1976 zu den Erstunterzeichnern gegen die Ausbürgerung Biermanns und wurde 1977 aus der SED ausgeschlossen. Was darauf hindeutet, dass er deutlich früher als andere Intellektuelle merkte, wie der Hase läuft.

  67. Stefan Briem sagt:

    @ Walter Geuer

    Wie gut, dass es Journalisten gibt, die Journalisten kontrollieren, nicht wahr? Und außerdem eine Gegenöffentlichkeit im Netz, die ein bisschen aufpasst. Also brauchen wir wohl Journalisten und aufgeklärte, mündige Bürger, die das einzuschätzen wissen.

  68. Hallo Frau Ernst z u Frage 1 Menschliche Denkstrukturen haben sich über Jahrhundertausende entwickelt. Das meiste, was wir denken, denkt sich von allein, wir glauben nur, dass wir es gerade ausdenken. Gehen sie auf einen Fußballplatz und schauen sie sich die Zuschauer an, die sind voll dabei, aber sie denken nicht, es denkt. Das ist der archaische Anteil an unserem Denken. Der Migrationskomplex wird von diesem archaischen Denken beherrscht. die Mann Frau Beziehung auch,was glauben sie was Liebe ist ?An uns ist es dieses archaische zu erkennen und durch aktives Denken in ein vernünftiges Tun umzuwandeln.Das fällt den Menschen unterschiedlich schwer.
    Zu Frage zwei . Dies ist nur ein Beispiel, das mir gerade so einfiel, zum Thema Straffälligkeit und Bestrafung und Gerechtigkeit. Es ist nicht von mir, könnte sogar aus der Bibel sein, ich kenne mich da nicht so aus, aber ich finde es ist ein sehr humaner Ansatz.

  69. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    (…)

    Kommentar gelöscht wegen Unverständlichkeit. Es ist völlig unklar, was Sie von Jürgen H. Winter persönlich wollen. Was soll das denn? Sprechen Sie ihn persönlich an, fragen Sie ihn …
    Bronski

  70. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen H.Winter, 2. Mai 2019 um 21:28

    „Das meiste, was wir denken, denkt sich von allein, wir glauben nur, dass wir es gerade ausdenken. (…) sie denken nicht, es denkt.“

    Ich vermute, dass Sie sich mit autogenem Training auskennen.
    Die Signale, welche die Konzentration auslösen, signalisieren Zustände, lokalisieren sie, haben kein Subjekt: z.B. „rechter Arm schwer“ „warm“, „es atmet mich“. Und sie sind ausschließlich positiv.
    Das zielt natürlich darauf, sich auf Unbewusstes – insofern auch Archaisches – einzulassen, es an sich herantreten zu lassen. Und die Wirkung von Entspannung hat damit zu tun.

    Ich habe viel autogenes Training praktiziert: mit Schülern und Schülerinnen (ab 12 Jahren), bei den Europäischen Institutionen mit Menschen aus allen EU-Ländern, auch mit Flüchtlingen.
    Meine Erfahrungen waren fast ausschließlich positiv. Die ganz wenigen Ausnahmen lassen sich wie folgt charakterisieren: Menschen, die ich als „verkopft“ bezeichnen würde. Die Angst haben, die Kontrolle zu verlieren, wenn sie sich auf Ungewohntes einlassen. Was also auch mit „Verdrängung“ zu tun hat.

    Ich finde es daher gut, dass Sie die positiven Momente des „Archaischen“ benennen. Auch die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, das von ihm beeinflusst wird, muss angstfrei erfolgen.
    Die Angststrategien, mit denen „Populisten“ arbeiten, bauen ja gerade auf der Unfähigkeit dazu auf. Sie verschärfen die Probleme, indem sie diese Ängste schüren und Berührungsängste verbreiten. Aus dem gleichen Grund können sie auch keine Lösungsstrategien bieten.

  71. Hallo Bronski tut mir leid, wenn ich Frau Ernst zu nahe getreten bin, bin mir aber keiner Schuld bewusst.Stehe aber jederzeit für weitere Erklärungen zur Verfügung.Empfehle ihr aber im Vorfeld, sehen sie meine Homepage an, da gibt es meine Gedanken auch illustriert.Wir Marionetten .
    Hallo Herr Engelmann. So weit bin ich gar nicht gegangen. Als sehr junger Mensch habe ich mich mit Yoga befasst und praktisch sofort gemerkt, dass das nur entweder oder geht, aber nicht so nebenher. Daraufhin habe ich alles derartige beiseite gelassen. Etwa im Alter von 4o Jahren , kam ich durch die Malerei dazu, die Dinge genauer zu betrachten und entsprechende Bilder zu malen. Der Rest, d.h. meine heutige Lebensphilosophie ergab sich von ganz allein.Nur so viel dazu, sonst wirft Bronski mich raus.

  72. Wolfgang Geuer sagt:

    @ Herr Briem
    Wenn es so einfach wäre. Die Gegenöffentlichkeit scheint mir zurzeit ziemlich leise, besonders dann, wenn man bedenkt, dass eine kritische und zugleich fundierte Auseinandersetzung mit den „großen Themen der Zeit notwendig ist. Sie wissen selbst, wie viel Zeit erforderlich ist, um eigene Recherchen oder Überprüfungen vorzunehmen. Jenseits von allfälligen Vorurteilen und unbegründeten Meinungen entsteht Arbeit und ein Zeitaufwand, den vielleicht 5 Prozent aller Bürger bereit sind zu treiben. Sonst würden die Wähler anders wählen…

  73. Ja, Herr Geuer, sie haben ja recht, ich habe gestern auf Phoenix eine Runde Journalisten im Gespräch erlebt, da wurden diese Themen diskutiert. Die Gemengelage im Moment , wie ich meine, ist in sofern eine andere, als es nicht strittig ist, dass das Klimaproblem existiert. Strittig ist nur wie man damit umgeht. Die FR ist erfreulich tätig in der Berichterstattung über sehr viele relevante Aspekte. Das Problem ist, dass unsere und viele andere Regierungen die Situation einfach negieren, trotz unübersehbarer Forderungen der Experten. Dies gilt es deutlich zu machen und zwar mit allem Nachdruck und das geschieht so gut wie nicht. Wir befinden uns im Krieg, verdammt noch mal, und wir liefern dem Gegner auch noch immer mehr Material. Das halte ich für schizophren. Die Fakten sind da, man muss sich doch nur die Klimakurve ansehen. Die letzten 13 Monate waren jeweils wärmer als die vorangegangen Vergleichsmonate, lt.FR .Da muss man nicht mehr recherchieren, da muss man anfangen zu schreien.

  74. Wolfgang Geuer sagt:

    @ Herr Winter 3.5. 18:16 Uhr
    Und was hört man von der Presse zur „Klimakanzlerin“. Überwiegend stilisierte sie aktiv mit,um per Fotoshow und kuscheligen Kommentaren den Eindruck zu erwecken, bei Frau Merkel wäre das Thema in guten Händen.
    Was schreiben die Leitmedien über Assange? Rührt da jemand den Finger, um auf die drohende Situation für den Wikileaks-Günder aufmerksam zu machen? Wer überhaupt kritisiert die USA für völkerrechtswidrige Kriege, für Interventionen im Irak, in Syrien oder Afghanistan? Oder welcher Kommentator Weber für seine Haltung in der Nordstream 2-Frage?

    Es gäbe noch viele weitete, sehr grundsätzliche Themen. Da ich unterwegs bin nur ein paar kurze Notizen hierzu.

  75. Stefan Briem sagt:

    @ Wolfgang Geuer

    Ja, wer soll das alles übernehmen?

    Ihr Journalisten-Bashing geht mir zu weit. Man kann für die Nato sein, ohne der Atlantikbrücke anzugehören oder ein Bilderberger zu sein. Ich vermute, dass auch Sie selbst in Denkzirkeln aktiv sind, und da Sie hier explizit Positionen der Linkspartei vertreten, müssen auch Sie sich fragen lassen, mit wem Sie vernetzt sind und wem Sie dienen. Denn das ist es doch, was Sie Journalisten unterstellen, oder? Dass die nicht selbst denken, sondern dass sie Teil einer großen Manipulation sind, der sie willfährig dienen. Aber die Linke wird ja bekanntlich ebenso wie die AfD von Putin unterstützt. Verfolgen Sie also Putins Strategie, die Demokratien des Westens zu unterhöhlen, indem Sie mithelfen, Misstrauen in ihre Institutionen zu säen? Ich finde in Ihren Kommentaren einen Haufen Indizien für diesen Verdacht. Eigentlich müssten Sie doch anerkennen, dass die Bundesrepublik sich in all den Jahren halbwegs stabil und auch innerhalb der Nato auf eigenem Kurs bewegt hat. Warum wollen Sie daran etwas ändern?
    Das zeigt auch, wie schwierig der Journalistenjob sein muss, wenn er zwischen solchen verschiedenen Interessen aufgerieben wird.

  76. Wolfgang Geuer sagt:

    @ Stefan Briem 4.5. 00:02 Uhr
    Journalisten-Bashing? Ich zitierte aus vorliegenden Berichten von renommierten Vertretern der Zunft, deren Kritik und Analyse sich jedoch in den Medien praktisch nicht niederschlägt.

    In der Frage der USA besteht nicht der geringste Zweifel, das die Nato- Bombardements in Jugoslawien ebenso völkerrechtswidrig waren wie die beiden Irak-Kriege und 17 Jahre Krieg in Afghanistan. Wurde dies in deutschen Leitmedien gründlich diskutiert? Zeitungen wie die FR haben wenigstens die Lügen, auf denen sich beide Irak-Kriege gründeten angesprochen. Danach ging man aber auch dort zur Tagesordnung über.

  77. Hallo Herr Geuer, ja Mutti Merkel ist wohl auch in der Presse als Nichtstuerin entlarvt und angeprangert. Herr Assange , ja schwierig , es wird berichtet, was ist , soweit bekannt , mit Bewertungen hält man sich zurück , ist ja auch schwer einzuschätzen, obgleich allgemein whistleblower geschätzt werden und auch insgesamt positiv bewertet werden . Man sollte sie schützen. Auch die NATO wird durchaus kritisch beäugt, vor allem Herr Stoltenbergs Äußerungen finden wenig Beifall. Meiner Einschätzung nach findet eben vor allem der prekäre Zustand des Planeten auf mehreren Gebieten zwar Beachtung, aber zu wenig Nachdruck, immerhin geht es hier ums Überleben, das scheint auch bei den meisten Journalisten noch nicht so recht angekommen. Hört doch endlich einmal auf die Leute, die etwas davon verstehen ,das ist mein Anliegen.

  78. Einen Aspekt möchte ich hier noch hinzufügen. Bei praktisch allen Debatten, Diskussionen usw.wird immer so getan, als hätte die Menschheit noch die Möglichkeit, sozial verträglich und mit irgendwelchen Kompromissen aus der Nummer rauszukommen. Im Artikel heute FR 11./12. Mai weist Herr Alexander Bonde, Chef der deutschen Bundesstiftung Umwelt darauf hin, dass man weder mit Hurrikans noch mit Überschwemmungen Kompromisse schließen kann. Auch mit Dürren nicht oder einer komplett abgetöteten Umwelt möchte ich Hinzufügen. Man muss sofort und kompromisslos den CO2 Ausstoß nennenswert und in kürze komplett beenden . Dann muss man hoffen, dass es noch reicht. Für Gläubige aller Couleur ist jetzt Zeit zu beten. Allen anderen bleibt nur hoffen.