24 Juden unterstützen Antisemiten

Die Islamophobie treibt seltsame Blüten in Deutschland – und nicht nur hier. Die wahnhafte Angst vor der jüngsten der monotheistischen Weltreligionen führt dazu, dass sich 24 Juden in der Partei „Alternative für Deutschland“ organisierten, um sich gegen das zu wehren, was die Protagonisten des rechtsextremen Flügels dieser Partei „Umvolkung“ nennen. Mit dieser Angst vor einer wie auch immer gearteten Übernahme Deutschlands durch islamische Nichtdeutsche kann man offenbar nicht nur Wählerstimmen gewinnen, sondern auch Juden zum Eintritt in die AfD und zum Engagement für die AfD bewegen. Als sei das Wort vom „Mahnmal der Schande“ und vom „Vogelschiss“ nie gefallen. Die Paranoia wächst und gedeiht.

Die Dinge müssen als das benannt werden, was sie sind. Diese wahnhafte Angst vor dem Islam ist nicht mit berechtigter Kritik am Islam zu verwechseln. Für diese gibt es viele Anlässe und gute Gründe, denn wie in allen Religionen werden im Islam Doktrinen vertreten, die überholt oder mit dem aufgeklärten Bild vom Menschen nicht vereinbar sind. Muslime halten vielfach an dem Glauben fest, dass der Koran wortwörtlich das geoffenbarte Wort Gottes enthalte – eine fundamentalistische Sichtweise, die sie zum Beispiel mit den christlichen Kreationisten gemeinsam haben, die etwas Ähnliches von der Bibel bzw. dem Schöpfungsbericht der Bibel glauben. Zudem bringen Muslime ein Menschenbild und Kulturpraktiken mit nach Deutschland, die mit unserem Verständnis vom Menschen und seinen Rechten nicht oder nur schwer vereinbar sind – siehe das Kopftuchgebot für Frauen, das viele im Koran begründet sehen, obwohl es sich dort nicht findet, aber auch Praktiken wie das Schächten, das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch oder die Knabenbeschneidung.

AFNeeAll das bekommen wir frei Haus mit zuwandernden Muslimen, die ihr kulturelles Gepäck mitbringen. Außerdem, so glauben viele, wandert mit ihnen der Terrorismus ein. Diese Paranoia ist nur auf den ersten Blick schlicht gestrickt. Dahinter stecken in Wahrheit tiefsitzende Ängste mancher Deutschen, die vor allem mit gering entwickeltem Selbstbewusstsein zu tun haben – denn nur derjenige, der sich die konkrete Auseinandersetzung mit dem Anderen, Fremden insgeheim nicht zutraut, hat es nötig, ihn niederzubrüllen, so wie Pegida es tat oder die AfD in Chemnitz.

AFNee-Demo in Frankfurt.
Foto: Michael Schick

Dahinter steckt auch die Verleugnung des historisch gewachsenen Nährbodens für den islamistischen Terrorismus. Daran trägt der Westen Mitschuld. Die Geburtsstunde des islamistischen Terrors wird heute vielfach im Anschlag auf die Große Moschee in Mekka im Jahr 1979 gesehen, aber die Gründe dafür liegen viel früher. Manche erkennen sie im Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich selbstherrlich jene Teile der nachtweltkrieglichen Weltordnung festlegten, die Arabien betrafen. Experten sehen die Entstehung der ägyptischen Muslimbruderschaft im Jahr 1928 als direkte Konsequenz aus diesem selbstherrlichen Verhalten des Westens.

Es ist wie mit allem im Leben: Auf Aktion folgt Reaktion, auf diese erneute Reaktion, und schon stecken wir in einem Teufelskreis. Gewalt erzeugt Gewalt. Die einseitige Schuldzuweisung, wie sie von den Islamophoben betrieben wird, ist eine der Kräfte, die diesen Teufelskreis am Leben erhält. Wir stecken mittendrin in einem „clash of civilizations“ (Samuel P. Huntington), den wir selbst, der Westen, mit herbeigeführt haben und den wir mit unserem Reden von „Umvolkung“ vorantreiben.Wir schaffen selbst die Gründe für unsere Angst vor dem Islam.

Das ist völlig unnötig. Muslimische Flüchtlinge und Zuwanderer bringen fraglos problematisches Gepäck mit nach Deutschland, aber eine beherzte Integrationspolitik (die lange Zeit nicht stattgefunden hat) könnte sie damit konfrontieren, dass sie sich ein Land ausgesucht haben, um darin zu leben, dass Anderes im Gepäck hat. Statt sich vor „Umvolkung“ zu fürchten, sollten Deutsche beherzt vertreten, wofür sie stehen: Deutschland ist ein liberales, weltoffenes Land, das Flüchtlinge beschützt und Notleidende aufnimmt, in dem die Menschen gleich und gleichberechtigt sind, in dem man frei leben kann, sofern man die Freiheiten und Rechte der anderen Menschen achtet, kurz, zitiert nach Angela Merkel: Deutschland ist ein Land, in dem wir gut und gerne leben.

Das ist eine Botschaft, die sich leicht vertreten lässt, schlicht und einfach und dennoch weitgehend wahr. Eine populäre, freundliche Botschaft. Um sie klar und deutlich durchzusetzen, bräuchte es nicht viel. Jeder von uns kann sie vertreten, wenn sie oder er im Gespräch Muslimen begegnet. Der Staat könnte noch ein wenig mehr tun. Er könnte zum Beispiel Schluss machen mit dem Einfluss der Ditib, indem das Freitagsgebet beispielsweise nur von in Deutschland bzw. an deutschen theologischen Schulen ausgebildeten Imamen gefeiert werden dürfte.

Niemand in Deutschland braucht Islamophobie. Dass Juden in die AfD eintreten, weil sie glauben, dort mit anderen gegen den vorrückenden Islam vorgehen zu können, zeigt den ganzen Denkfehler des Westens im Umgang mit dem Islam. Der Islam ist nur eine Religion. Nichts weiter. Wie alle Religionen hat er seine Fehler, aber darunter ist nichts, was man dämonisieren muss. Wer dies trotzdem tut, wird seine Gründe dafür haben. Einer davon könnte sein, dass er seine Wählerinnen und Wähler aufstacheln will, mit Hilfe des Feindbilds Islam. Diese Menschen sind nicht besser als jene, gegen die sie sich zu wenden behaupten.

fr-debatte

24 Juden unterstützen Antisemiten

Manfred Kirsch, Neuwied

fr-debatteBollwerk gegen den Islam

„Manfred Kirsch äußert Unverständnis darüber, dass Juden eine Arbeitsgemeinschaft innerhalb der AfD gegründet haben. Mich wundert es überhaupt nicht. Der gemeinsame Nenner ist Islamfeindlichkeit, die in Israel ganz tief sitzt, obwohl es ein politischer Kampf um das Land ist und kein religiöser Konflikt zwischen Juden und Muslimen.
Bei Pegida-Demonstrationen waren in Dresden zwischen deutschen Fahnen auch israelische zu sehen, wie in den ARD-Tagesthemen zu sehen war. Der Herausgeber der Jüdischen Rundschau, Dr. Rafael Korenzecher, schrieb in einem Artikel zur Bundestagswahl, es sollte eine Koalition von CDU/CSU (ohne Merkel), FDP und AfD geben.
Als viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, schrieb mir regelmäßig ein emeritierter jüdisch-israelischer Professor, mit den Flüchtlingen würden wir in Deutschland Aids und Antisemitismus bekommen.
Der norwegische Attentäter Anders Breivik, ein Rechtsradikaler par excellence, war ein glühender Bewunderer des Staates Israel, weil er ein Bollwerk gegen den Islam sei. Das deckt sich wiederum mit Äußerungen von Theodor Herzl in seinem Buch „Der Judenstaat“, ein jüdischer Staat werde ein Bollwerk gegen die „asiatische Barbarei“ sein.
Interessant ist auch das Buch des jüdisch-israelischen Politikwissenschaftlers David Ranan, der in Berlin lehrt: „Muslimischer Antisemitismus: Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?“

Martin Breidert, Bad Honnef

104 Kommentare

  1. Gibt es „die“ Juden, „die“ Katholiken, „die“ Protestanten, „die“ Muslime? Selbstverständlich nicht. Dennoch wird dieser schlichten Binsenweisheit selten nachgegangen, wenn im gesellschaftlichen Diskurs Verallgemeinerungen statt Analysen angesagt sind. Selbst Meldungen über die Gründung einer Gruppe namens „Juden in der AfD“ veranlassen die Medien kaum zu tiefergehenden Recherchen. Dabei liegen die Fragen doch auf der Hand:

    Welches jüdische Selbstverständnis haben Menschen, die sich einer rechten Partei anschließen, deren Programm und öffentliche Äußerungen von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Hass auf Minderheiten und gesellschaftlicher Entsolidarisierung geprägt sind?
    Entsprechen ihre Überzeugungen möglicherweise denen von „Likud“ oder „Jüdischem Heim“, den nationalistisch-konservativ-religiösen Parteien in Israel?
    Entspringt ihre Islamophobie einer spezifisch deutsch-jüdische Position im Nahost-Konflikt, in der es weniger um Religion geht, aber umso mehr um territoriale Ansprüche auf palästinensische Gebiete, die mit religiösen Verheißungen gerechtfertigt werden?

    Zwar hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, keinerlei Verständnis für Juden geäußert, die sich in der AfD organisieren. Und er hat vor dem Hintergrund von Parlamentsbeiträgen der Gauland, Weidel, Höcke Poggenburg u.a. deutlich angezweifelt, ob diese Partei auf dem Boden des Grundgesetzes stehe. Andererseits schloss er Obergrenzen für Flüchtlinge nicht aus, weil deren Exodus nach Europa die vom Islamismus ausgehenden Gefahren, insbesondere den Antisemitismus, hier weiter verstärken würde.

    Die „Jüdische Allgemeine“, das Sprachrohr des Zentralrats, bleibt bei ihrer Bewertung der „JAfD“ an der Oberfläche, geht nicht auf die religiösen Richtungen der aktuell 24 Gruppenmitglieder ein. Zu ihrer Vorsitzenden, Vera Kosova, wird lediglich angemerkt, dass sie aus der ehemaligen Sowjetunion stammt. Ihr Stellvertreter Wolfgang Fuhl sei Mitglied im Direktorium des Zentralrats gewesen. Er scheint offensichtlich offene Rechnungen mit seinem früheren Verband dadurch begleichen zu wollen, indem er dessen Vorstand vorwirft, von der Bundesregierung gekauft worden zu sein und von ihr instrumentalisiert zu werden.
    Aber auch liberale Publikationen wie das in der Schweiz erscheinende Magazin „Tachles“ gehen mit keinem Wort darauf ein, ob die jüdischen AfD-Mitglieder dem liberalen, dem konservativen oder dem orthodoxen Judentum zuzurechnen sind. Und aus welchen Quellen sich deren Vorbehalte gegenüber dem Islam speisen. Die seriösen Islamkritiker (zu denen auch Muslime gehören) werfen der ultrakonservativen Richtung im Islam vor allem vor, Glaubenszeugnisse völlig unhistorisch zu bewerten und sich folglich jeder dynamischen, am Verständnis einer neuen Zeit orientierten Auslegung zu verweigern. Exakt hier gibt es Schnittmengen mit dem konservativen und dem orthodoxen Judentum. Ebenso wie mit diversen biblizistischen Strömungen bei Katholiken und Protestanten (bei letzteren besonders ausgeprägt bei US-amerikanischen Evangelikalen, einem Wählerpotential von Donald Trump).

    Falls sich eine völlig unreflektierte Islamkritik als gemeinsamer Nenner von Rechtsradikalen sowie jüdischen Fundamentalisten erweisen sollte, besäße das liberale Judentum, das in Deutschland über mehr als einhundert Jahre das vorherrschende war, trotz wachsender Zahl keine Zukunftschancen mehr, ja, Hitler & Konsorten hätten gesiegt.

    Der Sitz des Zentralrats der Juden in Berlin trägt den Namen „Leo Baeck-Haus“ und erinnert dadurch an den bedeutendsten liberal-jüdischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Wer Baecks Buch „Das Wesen des Judentums“ liest (eine Replik auf die stellenweise antijüdischen Vorlesungen des evangelischen Theologen Adolf von Harnack an der Berliner Universität im Wintersemester 1899/1900, der 14 Jahre später den Aufruf Wilhelms II zum Weltkrieg verfasste), stößt beispielsweise auf solche Sätze:
    „Die Juden sind stets die Wenigen gewesen und eine Minderheit ist immer zum Denken genötigt; das ist der Segen ihres Schicksals.“ Oder „Jede Zeit erwarb ihre eigene Bibel, Philo, Akiba, Maimonides, Mendelssohn; sie haben das gleiche Buch, und doch ist es jedem von ihnen in vielem ein anderes; man war sich bewusst, die Bibel immer neu zu schaffen.“ Oder „Weil sich seine [des Judentums] Gedanken keiner Zeit bleibend zugesagt hatten, konnten sie vor die fordernde Gegenwart empfangend oder verweigernd hintreten und für den Geist der Zukunft dann wieder offen sein.“
    Von ähnlichen Gedanken getragen ist das Denken des jüdischen Philosophen und Neukantianers Hermann Cohen. In seinem Spätwerk „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ (posthum 1919 erschienen) versuchte er, Kants Philosophie, das Erbe der deutschen Kultur seit der Aufklärung und das liberale Judentum zusammen zu führen.
    Der Sozialpsychologe Erich Fromm veröffentlichte 1966 eine jüdische Religionsphilosophie, in der er sich ausdrücklich auf Hermann Cohen und Leo Baeck berief: „Ihr werdet sein wie Gott“.

    Vermag sich solch liberal-jüdischer Geist in der AfD zu entfalten? Sicherlich nicht und noch nicht einmal als Feigenblatt, mit dem der latente bis offene Antisemitismus der Rechten verdeckt werden könnte.

    Aber ich habe auch immer mehr Zweifel, ob der Zentralrat der Juden dazu in der Lage ist. Denn die selbst gewählte Engführung, nämlich das vielgestaltige Judentum und speziell das aufgeklärte, das in Deutschland eine Blütezeit erlebte (allerdings auch seine gewaltsame Auslöschung), mit dem Staat Israel in Einklang bringen zu wollen, erscheint zunehmend als perspektivlos. In dieser in Teilen unhistorischen politischen Synthese sind Räume entstanden, die von rein machtpolitischen Interessen gefüllt wurden – bis hin zur Komplizenschaft mit Neonazis. Das mag hier und da einem legitimen staatlichen Sicherheitsinteresse Israels entsprechen, aber der Geist des Judentums bleibt dabei auf der Strecke.

  2. Manfred Kirsch sagt:

    Wenn ich mir den Leserbrief von Martin Breidert zu Gemüte führe, frage ich mich, was er uns eigentlich mit seiner Zuschrift sagen will . Seine Aussagen könnten den Verdacht hervorrufen, er wolle eine Verbindung zwischen Juden und Rechtsradikalismus herstellen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat immer wieder die antisemitische und islamfeindliche Propaganda von AfD und Pegida sowie anderen Rechtsradikalen schärfstens zurückgewiesen und niemals Übergriffe gegen Muslime gerechtfertigt. Ganz im Gegenteil. Nach den Hetzjagden der Rechten in Chemnitz und anderswo auf Menschen mit Migrationshintergrund und dem rechten Überfall auf ein jüdisches Restaurant haben Juden in der Bundesrepublik wie so oft klare Stellungnahmen gegen die rechtsradikalen Übeltäter abgegeben und sich schützend vor die verfolgten Menschen islamischen und jüdischen Glaubens gestellt. Eine Selbstverständlichkeit für Juden. Genauso war es bei der Gründung der jüdischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der rechtsradikalen AfD, die nicht nur vom jüdischen Zentralrat mit Unverständnis und Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Wahr ist aber leider, dass sich viele Antisemiten, auch hierzulande, als so genannte „Antizionisten“ tarnen und sich unter diesem Deckelmantel bei ihrer antisemitischen Hetze tarnen. Den Rechtsradikalen bei AfD ,Pegida und anderen rechtsextremistischen Organisationen geht es um die Verfolgung von allen Menschen, die irgendwie anders sind als das so genannte gesunde deutsche Volksempfinden, das bei mir allerdings Angst auslöst, es vorschreibt und Demokraten, gerade im Tätervolk, sollten sich engagiert gegen Judenhass und Islamfeindlichkeit sowie völkisches Denken zur Wehr setzen.

  3. deutscher Michel sagt:

    @ Bronski:
    zu „Deutschland ist ein liberales, weltoffenes Land, das Flüchtlinge beschützt und Notleidende aufnimmt, in dem die Menschen gleich und gleichberechtigt sind, in dem man frei leben kann, sofern man die Freiheiten und Rechte der anderen Menschen achtet“.

    Ich glaube nicht, dass diese hehren Grundsätze haltbar sind, wenn Deutschland demnächst dem Globalen Pakt für Migration beitreten wird.
    Auch wenn ich hier wieder als Unmensch wahrgenommen werde:
    Wenn SPD-Staatssekretär Roth sagt: »…aber ich kann ihnen versichern, dass wir hier über Zahlen sprechen, die bei Weitem nicht dem entsprechen, was die Bundesrepublik Deutschland derzeit an Einwohnerinnen und Einwohnern hat«, dann ist das keineswegs beruhigend.
    Wie soll Deutschland zig-Millionen (die wären von der Aussage gedeckt) Notleidende aufnehmen, ohne selbst wieder notleidend zu werden?

  4. JaM sagt:

    @ Bronski
    In Ihrer Einleitung schreiben Sie: „Die wahnhafte Angst vor der jüngsten der monotheistischen Weltreligionen führt dazu, dass sich Juden in der Partei ‚Alternative für Deutschland‘ organisieren“. Sie halten es aber nicht für notwendig zu erwähnen, dass der unter großem medialen Tamtam gegründeten „Arbeitsgemeinschaft der Juden in der AfD“ (JAfD) gerade 24 Personen angehören, während sich in einer „Gemeinsamen Erklärung gegen die AfD“ (https://www.zentralratderjuden.de/fileadmin/user_upload/pdfs/Gemeinsame_Erklaerung_gegen_die_AfD_.pdf) der Zentralrat der Juden in Deutschland und 41 weitere jüdische Organisationen aller Richtungen von der AfD und ihrer Agitation gegen Muslime und andere Minderheiten in Deutschland unmissverständlich distanziert haben. Eine Positionspapier der Zeitschrift „Jalta“ gegen die Gründung der JAfD (https://www.zeit.de/kultur/2018-09/juden-afd-gegenbewegung-positionspapier) haben weitere jüdische Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen unterschrieben. Die richtige Feststellung wäre also: Juden währen sich gegen Vereinnahmung durch die AfD.

  5. JaM sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens
    Ihre (Sugestiv-)Frage, ob das „jüdische Selbstverständnis“ der (jüdischen) Unterstützer der AfD möglicherweise den „Überzeugungen … von ‚Likud‘ oder ‚Jüdischem Heim‘, den nationalistisch-konservativ-religiösen Parteien in Israel“ entspräche, stellt einen Zusammenhang her, den zu belegen Sie schuldig bleiben. Noch mehr an Haaren herbeigezogen sind ihre Mutmaßungen über die religiöse Ausrichtung der Mitglieder der obskuren Arbeitsgemeinschaft „Juden in der AfD“ und den von Ihnen unterstellten „Schnittmengen mit dem konservativen und dem orthodoxen Judentum“. Diese „Schnittmengen“ gibt es in Deutschland nicht: Die von mir im vorangegangenem Post verlinkte „Gemeinsame Erklärung gegen die AfD“ haben nämlich sowohl die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland als auch die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland, der neben liberalen auch konservative Rabbinerinnen und Rabbiner angehören, mit unterzeichnet.
    Auch Ihre Behauptung, „der Zentralrat der Juden“ stünde in seiner „selbst gewählte(n) Engführung, nämlich das vielgestaltige Judentum … mit dem Staat Israel in Einklang bringen zu wollen,“ im Gegensatz zu dem liberalen, „aufgeklärtem“ Judentum, ist schlicht falsch. Die World Union for Progressive Judaism, die jüdische liberale und Reformgemeinden repräsentiert und der auch die deutschen liberalen jüdischen Gemeinden angehören, unterstützt in kritischer Solidarität den Staat Israel. Dies entspricht im Übrigen auch der Haltung des von Ihnen zitierten Rabbiners Leo Baeck, der sich stets zum Zionismus bekannt hat.

  6. Bronski sagt:

    @ JaM

    „Die richtige Feststellung wäre also: Juden währen sich gegen Vereinnahmung durch die AfD.“

    Ich glaube nicht, dass das die richtige Feststellung währe (!). Kleiner Scherz am Rande, nicht böse sein. Ihr Kommentar brachte mich auf die Idee, die Überschrift zu diesem Thread leicht zu modifizieren, um das Absurde an diesem Vorgang hervorzuheben. Auf diese Absurdität kam es mir an, aber ich habe den Punkt nicht getroffen. Bin wohl schon wieder überarbeitet.

  7. JaM sagt:

    Danke, Bronski, für die Änderung der Überschrift und der Einleitung.

    Wenn es Ihnen auf die Absurdität ankommt: Ist die Unterstützung der wirtschaftlich Benachteilgten für die AfD nicht genauso absurd, obwohl diese Partei keinen einzigen ernsthaften Vorschlag zur Änderung deren Lage hat?

  8. Anna Hartl sagt:

    @JaM
    15:59
    „Die richtige Feststellung wäre also: Juden wehren sich gegen die Vereinnahmung durch die AfD.“
    Alleine diese Aussage stimmt so auch nicht, sie ist eine Ergänzung zu den Worten von Bronski.

    Ich habe aus der Presse und Life vor Ort während der Demonstration in Frankfurt, beides wahrgenommen. Sowohl ein entschiedenes Wehren aus veschiedenen Bereichen der jüdischen Gemeinde, als auch die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft der Juden in der AfD“ von 24 Mitgliedern.

    Ersteres ist verständlich, die Gründung aber bringt doch eine Menge Fragezeichen.

    Mich interessiert, wer sind die Gründungsmitglieder, was geht in den Köpfen vor, was sind ihre Beweggründe etwas so wenig naheliegendes zu tun? Was erhoffen sie sich davon?

  9. Warum sollten Juden nicht in der AfD sein? Auch unter Juden gibt es, wie überall sonst auch, Rechtsextremisten und Rassisten.
    @deutscher Michel
    Sie verfehlen das Thema. Der «Globale Pakt für Migration» ist übrigens nicht mal rechtlich bindend.

  10. deutscher Michel sagt:

    @Henning Flessner:
    zugegeben, es ist nicht der Hauptaspekt dieser Diskussion, aber Bronski führte in seiner Einleitung durchaus die Angst vor „Umvolkung“ an.

    Vielleicht eröffnet er ja hierzu einen neuen Diskussions-Strang. Auch darüber, was es bedeutet, dass nach Ihren Angaben der «Globale Pakt für Migration» nicht rechtlich bindend sein soll. Ich glaube nämlich nicht, dass er deshalb folgenlos bliebe …

  11. Bronski sagt:

    @ JaM

    Die Absurdität, die Sie ansprechen, war hier schon oft Thema. Bleiben wir in diesem Thread bitte beim etwas anders gesetzten Thema. Anna Hartls Kommentar weist den Weg in die Debatte. Die These ist, von Leser Martin Breidert gesetzt und von mir aufgenommen: Was die AfD für diese 24 Juden interessant macht, ist die Islamophobie, die sie verbindet. Klaus Philipp Mertens hat diese These dankenswerterweise schon aufgegriffen und besprochen.

  12. BvG sagt:

    Es gibt ja das Sprichwort: „Wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen.“

    Aber jetzt fangen die Kaninchen schon wieder an, vor der Schlange Schlange zu stehen.

    Aus der Geschichte sollte bekannt sein, daß ausnahmslos jeder, der sich dem unrechten Gedankengut angebiedert hat, sich letztlich nur in die Warteschlange der Vernichtung eingefügt hat.

    Die falschen Freunde, denen sich diese wenigenb jüdischen Menschen anbiedern, werden sich gegen sie selbst richten, wenn sich keine andere Nahrung für den Hass mehr bietet.

    Auch diese Hybris wird ihre Nemesis selbst erzeugen. Tragisch ist, daß erst viele andere mit ihrem Leben werden bezahlen müssen, bevor die Opportunisten bemerken, daß sie nur im hinteren Wagon des unaufhaltsamen Zuges nach Neu-Auschwitz sitzen.

  13. Brigitte Ernst sagt:

    Es befremdet mich doch einigermaßen, wie leichtfertig hier die berechtigte Sorge vor der zum Teil unkontrollierten Einwanderung von Menschen aus Kulturkreisen, in denen weder die Idee vom autonomen Individuum herrscht noch während der Sozialisation die Gleichberechtigung der Frau oder die Toleranz gegenüber anderen Religionen eingeübt wird, einfach mal so flott als „Islamophobie“ oder gar „Wahn“, also als krankhafte Verirrung, abgetan wird. Es wird hier gerade so getan, als wären jüdische Europäer sowohl seitens bereits hier eingebürgerter Muslime als auch seitens einer nicht unerheblichen Zahl von Neu-Migranten vorwiegend aus arabischen Ländern nicht in zunehmendem Maße Anfeindungen ausgesetzt. Der Psychologe Ahmad Mansour, selbst israelisch-palästinensischer Herkunft, hat den Antisemitismus, der im Irak, in Syrien und unter Palästinensern herrscht, doch deutlich genug benannt und nimmt ihn zum Anlass, durch erzieherische Einflussnahme auf muslimische Jugendliche dagegen anzukämpfen.
    Auch wenn der herkunftsdeutsche Antisemitismus seit einiger Zeit in Form von rechtspopulistischen bis rechtsextremen Bewegungen wieder fröhliche Urständ feiert, darf man doch vor der Bedrohung, die sich seitens eines – und wenn auch falsch vestandenen – Islam für Juden in diesem Land verstärkt hat, nicht die Augen verschließen. Waren in Frankreich nicht besonders jüdische Einrichtungen und Personen Zielscheibe islamistischer Attentate, so dass nicht wenige jüdische Franzosen mittlerweile nach Israel ausgewandert sind? Trauen sich in bestimmten Stadtvierteln nicht zunehmend weniger Menschen, ihre Religionszugehörigkeit durch das tragen der Kippa zu offenbaren? Entspringt diese Entwicklung nur der Phobie, dem Wahn?
    Ich finde, hier wird das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt, wenn man sich auf die Suche nach einer angeblich in bestimmten jüdischen Traditionen verankerten Islamfeindschaft macht, anstatt die hier und jetzt zu beobachtenden realen Gefahren für Juden in Deutschland und Europa genauer in den Blick zu nehmen.

    Sie, lieber Bronski, nennen zu Beginn Ihrer Einleitung durchaus all die Probleme, die viele Zuwanderer im Gepäck mit sich führen, aber anstatt sich mit der zum Teil ja durchaus berechtigten Angst vor diesem Gedankengut/diesen Haltungen auseinanderzusetzen, sprechen Sie von „Paranoia“ und wischen sie damit einfach so vom Tisch. Der Übergang von berchtigter Sorge zu übertriebener Angst ist fließend. Deshalb muss man sich davor hüten, die realen Problemen in unserem Land kleinzureden, denn genau das ist es, was Mitbürger, die sich nicht ernst genommen, ja als Rassisten und „Irre“ abgestempelt fühlen, in die Arme der AfD treibt.

    Wobei das natürlich der falsche Weg ist, das steht außer Frage. Denn die Hinwendung zur AfD würde in Bezug auf Antisemitismus heißen, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen.

    Zu ihren Vorschlägen für den Umgang mit der Ditib:
    „Der Staat könnte noch ein wenig mehr tun. Er könnte zum Beispiel Schluss machen mit dem Einfluss der Ditib, indem das Freitagsgebet beispielsweise nur von in Deutschland bzw. an deutschen Schulen ausgebildeten Imamen gefeiert werden dürfte.“
    Ich fürchte, lieber Bronski, da würde unser Grundgesetz nicht mitspielen. Es ist den Religionsgemeinschaften nämlich freigestellt, welche wo ausgebildete Geistliche sie in ihren Gemeinden anstellen und in welcher Sprache diese ihre Gottesdienste abhalten. Oder hat man je gehört, dass Gottesdienste in italienischer, polnlischer, kroatischer etc. Sprache, gefeiert von polnischen, schwarzafrikanischen und sonstwoher stammenden Geistlichen, verboten worden wären?
    Man kann der Ditib die Zusammenarbeit in der Islamkonferen aufkündigen und eventuelle Zuschüsse oder die Möglichkeit, an Schulen Religionsunterricht zu erteilen, streichen, das ist aber auch alles.

    „Der Islam ist nur eine Religion.“

    Das stimmt leider nicht. Der Islam wird von politischen Machthabern und dubiosen Gruppierungen dazu missbraucht, in anderen Ländern politischen Einfluss zu gewinnen. Die Ditib, sozusagen die fünfte Kolonne Erdogans, ist das beste Beispiel dafür. Auch in anderen europäischen Ländern (Bosnien, Kosovo etc.) betreibt Erdogan mithilfe von neu erichteten Moscheen und der Gründung religiöser Zentren eine politische Expansion im Sinne seiner neo-osmanischen Pläne. Das Gleiche gilt für Saudi-Arabien, das im Balkan ähnlich vorgeht, um den Wahhabismus zu verbreiten und dort gleichzeitig politischen Einfluss zu gewinnen. Das sind Tatsachen, auf die z.B. die Abgeordnete Dagdelen von den Linken immer wieder hinweist.

  14. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „… darf man doch vor der Bedrohung, die sich seitens eines – und wenn auch falsch vestandenen – Islam für Juden in diesem Land verstärkt hat, nicht die Augen verschließen …“

    Da bin ich völlig Ihrer Meinung. Hier kommt eine Liste der Threads im FR-Blog der vergangenen zwölf Monate, die sich mit Antisemitismus beschäftigt haben. Wenn meine Augen vor diesem Thema verschlossen sein sollten, dann sind sie sehr weit verschlossen, um mit Stanley Kubrick zu reden.

    Brandbeschleuniger des Hasses
    Lernen an den Stätten des Grauens (2)
    Postfach: Kulturelle Kraft
    Darf man Israel nicht mehr kritisieren?
    Der Antisemitismus-Vorwurf als ideologische Waffe
    Lernen an den Stätten des Grauens

    @ all, bitte beachten: Dieser aktuelle Thread beschäftigt sich NICHT mit Antisemitismus, sondern mit Islamophobie! Meine Erläuterung soll nicht von diesem Thema wegführen.

    „‚Der Islam ist nur eine Religion.‘ Das stimmt leider nicht. Der Islam wird von politischen Machthabern und dubiosen Gruppierungen dazu missbraucht, in anderen Ländern politischen Einfluss zu gewinnen.“

    Natürlich stimmt es. Wie und von wem diese Religion missbraucht wird, das liegt in der Hand der Menschen, die ihn missbrauchen. Das ändert nichts daran, dass der Islam an sich nichts weiter ist als ein Gebäude von Ideen und Glaubenssätzen wie jede andere Religion auch.

  15. Stefan Briem sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Sie müssen Bronski falsch verstanden haben. Ich habe seinen Artikel gründlich gelesen. Als Paranoia bezeichnet er die Angst vor dem Islam hinsichtlich von Terrorismus und „Umvolkung“. Gleichzeitig nennt er eine ganze Reihe von Kritikpunkten am Islam und an Muslimen, die sich mit dem decken was Sie aufzählen. Ich finde die Unterscheidung zwischen berechtigter Kritik und unberechtigter Paranoia oder Phobie sehr wichtig. Wie wichtig, das ist mir erst beim Lesen richtig klar geworden. Ich glaube, dass wirklich viele Menschen in Deutschland tatsächlich Islamophobie haben und das für Islamkritik ausgeben und dass die AfD diese Ängste benutzt. So wird mir sogar verständlich, warum Juden bei den Rechtsextremen mitmachen. Gutheißen werde ich das trotzdem nicht.

  16. Stefan Briem sagt:

    @ Bronski

    Statt „Islamophobie haben“ hätte ich in meinem Kommentar lieber „islamophob sind“. Lässt sich das bitte ändern?

  17. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski/Stefan Briem

    Da habe ich das Thema dieses Thread tatsächlich falsch verstanden. Ich glaubte, hier solle die Frage erörtert werden – und zwar ergebnisoffen – was Juden dazu veranlassen könnte, in der AfD ihre politische Heimat zu vermuten.
    Wenn es aber von vornherein klar ist, dass dahinter nur Islamophobie, also wahnhafte Angst, stecken kann, was gibt es da noch zu diskutieren?
    Man könnte höchstens die Frage stellen, wo berechtigte Islamkritik aufhört und wo wahnhafte Phobie anfängt. Da hier die Übergänge allerdings fließend sind, würde ich persönlich mir nicht anmaßen, eine allgemeingültige Grenze festzulegen. Ihnen, lieber Bronski, scheint diese Unterscheidung offenbar keine Schwierigkeiten zu bereiten. Erstaunlich!

    Generell muss ich zugeben, dass mir diese Art und Weise, menschliche Individuen und ihre Haltungen in solche vorgefertigten, meist sehr schwammigen Schubladen einzukasteln, sehr gegen den Strich geht. Wenn einer dies oder das tut, sagt oder denkt, wird er sofort wahlweise als Rassist, Neofaschist, Antisemit oder Islamophobiker etc. abgestempelt. Das entspringt meiner Ansicht nach einem zu einfachen Weltbild, einem Schwarz-Weiß-Denken, das der komplizierten Beschaffenheit des menschlichen Geistes und der menschlichen Psyche nicht gerecht wird.
    Das ständige Hantieren mit solchen Schlagworten hat im Grunde nur ein Ziel: Andersdenkende zu stigmatisieren und mundtot zu machen. Deswegen plädiere ich für einen differenzierteren Umgang mit derart komplexen Prolemen.

  18. Stefan Briem sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Puh, ganz schön hart, Frau Ernst. Das bin ich von Ihnen nicht gewohnt. Ist alles in Ordnung? Warum soll man nicht über die Theorie diskutieren können, dass es Islamophobie ist, was diese Juden mit der AfD verbindet? Ich verstehe Sie nicht.

  19. Brigitte Ernst sagt:

    @ I.Werner

    Vielen Dank für das Verlinken dieses hochinteressanten Interviews. Ich denke, es bestätigt, aus wie vielen verschiedenen kleinen Bausteinen sich die Motivation, der AfD beizutreten, zusammensetzen kann.
    Jetzt müssten wir nur noch die Möglichkeit haben, die anderen 23 Gruppenmitglieder zu befragen, dann könnten wir anfangen zu begreifen, was diese Menschen antreibt.

  20. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski

    1.Ich hätte den Begriff der „Islamophobie“ nicht benutzt. Zu häufig belegen die Vertreter eines politischen Islams mit diesem Begriff ihre Kritiker und versuchen sie damit als „im Kopf krank“ zu diskreditieren. Dieser Begriff sollte deshalb nicht weiter salonfähig werden.

    2.Der Islam ist eben nicht nur „einfach eine Religion“. Viele Muslime verstehen den Islam auch als Gesellschaftsordnung und als politische Ordnung. Beleg: Auf der Seite „islam.de“, die vom Zentralrat der Muslime in Deutschland herausgegeben wird, habe ich gelesen, dass es bedauerlich sei, dass die Muslime in Deutschland nicht unter der Scharia leben könnten.

    3.Ich bin wie Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung der Ansicht, dass die nicht-populistischen politischen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne) der AfD endlich das Thema „Islamkritik“ wegnehmen müssen, indem sie das Thema selbst viel stärker besetzen und damit viel stärker Position gegenüber dem politischen Islam beziehen. In Konsequenz würde die AfD damit ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal verlieren und zu einer miefigen, völkischen Partei, die gesellschaftspolitische Positionen von vorgestern vertritt, reduziert werden. Mithin gäbe es dann vielleicht für die 24 Personen jüdischen Glaubens weniger Grund, in dieser Partei zu bleiben.

  21. Anna Hartl sagt:

    @I. Werner
    Vielen Dank für den Link. Sehr interessant und gibt einen Einblick in die Denkstruktur.

    Die Worte von Herrn Krauskopf bezüglich der jungen Menschen erinnern mich an die Aussagen von Teilen der älteren Generation, die bedauern, dass es die vielgeruehmte „Zucht und Ordnung“, die es angeblich unter Hitler gab, nicht mehr gibt.

    Nicht Jeder kann mit der ihm geschenkten Freiheit etwas sinnvolles anfangen, doch diese beschneiden zu wollen, durch „in die Mangel nehmen …“, anders gesagt, auf Linie zu bringen, ist keine gute Vorstellung.

    Auch den Fokus nur auf die jüdischen Opfer zu lenken ist für mich Abspaltung vom grossen Rest der Gesellschaft und verengt den Blickwinkel, da die Mehrheit der Opfer bei islamistisch begründeten Taten, nichtjüdische Menschen waren.

    Ich kann die Angst verstehen, hier nicht mehr „sicher“ zu sein. Sich einer Partei zuzuwenden, die zumindest Umgang mit Menschen pflegt, bzw. in den eigenen Reihen beherbergt, die selbst für Angriffe und Unsicherheit verantwortlich sind.
    Das verstehe ich nicht.

    Kann man die AfD als Sammelsurium diverser Ängste bezeichnen mit, wenn überhaupt, Antworten aus der nicht verstandenen, teilweise geleugneten Vergangenheit?

    Verordnete Gleichschaltung lässt sich besser kontrollieren. Darum geht es in dieser Partei eigentlich. Die Angst vor Kontrollverlust.

    Freiheit und Menschlichkeit sind die Gegenspieler.

  22. Brigitte Ernst sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Danke für diesen Beitrag. Ich kann ihn voll unterstützen.

  23. @ JaM vom 17.10.18

    Ein vergleichender Blick in die Parteiprogramme von LIKUD, JÜDISCHEM HEIM und AfD hinsichtlich Nation und der Herleitung nationaler Ansprüche offenbart verblüffende Übereinstimmungen – jenseits aller Fragen, die im Zusammenhang mit dem historischen Zionismus stehen.

    Dass die politischen Präferenzen eines je typischen orthodoxen, eines konservativen und eines liberalen Juden in der Realität vielfach sehr unterschiedlich sind und sich mit Positionen vergleichen lassen, die ein (ebenfalls je typischer) konservativer Katholik, ein liberaler Protestant, ein fundamentalistischer Muslim, ein aufgeklärt-liberaler Muslim und ein reflektierender Atheist jeweils einnehmen, bedarf lediglich einer zufälligen Augenscheinnahme, lässt sich aber auch im Detail belegen.

    Und die Verlautbarungen, die mir seit vier Jahrzehnten von der „World Union for Progressive Judaism“ vorliegen, offenbaren, dass es nur sehr wenig Berührungspunkte mit den Überzeugungen von Hermann Cohen und Leo Baeck gibt. Ich bin auch bei der Lektüre der Veröffentlichungen des Leo-Baeck-Instituts London/New York auf wenig Übereinstimmung mit den Stellungnahmen der Verbände gestoßen.

    Im Judentum war das kritische Infragestellen religiöser Standpunkte und der damit zusammenhängenden politischen Überzeugungen immer anzutreffen. Das belegt die Tora mit ihrem Nebeneinander von sich widersprechenden Texten (Schöpfungsberichte, religiöse Gebote etc.), ebenso wie die Schriften der Propheten, in denen die politischen Führer heftig angegriffen wurden. Diese Tradition ist auch im Staat Israel anzutreffen, aber eher selten bei Offiziellen.

    Exemplarisch zitiere aus einem vor wenigen Wochen erschienenen Buch des israelischen Historikers und Soziologen Moshe Zuckermann, der im Nachkriegs-Deutschland aufwuchs („Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“, Westend Verlag, Frankfurt a.M.):

    „Ein Ungeist geht um in Deutschland – in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus werden wahllos und ungebrochen Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Nicht-Juden des Antisemitismus bezichtigt. Die Debattenkultur in Deutschland ist vergiftet und die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses geraten. Deutsche solidarisieren sich mit einem Israel, das seit mindestens fünfzig Jahren Palästinenser knechtet, und wer das kritisiert, wird schnell zum Antisemiten. Moshe Zuckermann nimmt in seinem Buch den aktuellen Diskurs schonungslos in den Blick und spricht sich für eine ehrliche Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte aus.“

    In einem Interview mit DEUTSCHLANDFUNK KULTUR heißt es: Sein Zorn, der sich nicht nur in seinen Büchern Bahn bricht, gründet in seiner tiefen Enttäuschung über das Scheitern seiner Idee vom Zionismus. Doch ganz und gar ist seine Hoffnung auf einen friedlichen Staat Israel noch nicht gestorben. Und wörtlich: „Für mich wäre die Kohabitation zwischen Juden und Arabern wie es sie in Haifa gibt, die Möglichkeit zu denken, dass sich alles nochmals zum Besseren wendet.“

    Ansonsten empfehle ich, am 22. November im städtischen Bibliothekszentrum Frankfurt-Sachsenhausen die Veranstaltung „Erich Fromms Religionsphilosophie“ aufzusuchen, die derzeit von mir vorbereitet wird. Dort wird man u.a. Zeugnisse der bereits erwähnten Philosophen und Theologen finden, aber auch Äußerungen von Schalom Ben Chorin (Theologe), Ernst Ludwig Ehrlich (Judaist, langjähriger Direktor der Loge B’nai B’rith), Nathan Peter Levinson (Theologe, Badischer Landesrabbiner), Gershom Scholem (Religionshistoriker), Moshe Zimmermann (Historiker) sowie der Schriftsteller Uri Avnery und Amos Oz.

  24. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl, 17. Oktober 2018 um 19:50

    „Mich interessiert, wer sind die Gründungsmitglieder, was geht in den Köpfen vor, was sind ihre Beweggründe etwas so wenig naheliegendes zu tun? Was erhoffen sie sich davon?“

    Ich meine, dass Anna Hartl hier eine richtige Frage stellt, die aber nur im Kontext zu beantworten ist.
    Zunächst einmal ist zwischen der perfiden Strategie der AfD und der Position der Juden zu unterscheiden, die ihr auf den Leim gehen.

    Bezüglich der AfD hat Manfred Kirsch ja eingangs schon den entscheidenden Punkt genannt: „Die AfD benutzt jüdische Menschen, um ihre Islam- und Minderheitenfeindlichkeit weiterzuverbreiten.“
    Zu ergänzen wäre freilich, dass in der AfD Antisemitismus ebenso in weit überdurchschnittlichem Maß verbreitet ist wie Islamfeindlichkeit. Über beides versucht man hinwegzutäuschen, indem man die Opfer gegeneinander ausspielt und Juden als Feigenblatt missbraucht. Das ist in der Tat perfide.

    Eine andere Frage ist, warum eine solche Strategie überhaupt möglich ist. Und da kommen, wie schon von Klaus Philipp Mertens angedeutet, die nationalistische Netanjahu-Regierung bzw. nationalistisch-religiöse Parteien ins Spiel, die diese tragen.
    Indem die AfD (wie ja auch Trump) sich demonstrativ auf deren Seite schlägt (oder sich zu schlagen vorgibt), kann sie erst Islamfeindlichkeit als vermeintlich verbindendes Element mit „den“ Juden in den Vordergrund spielen, ihre wirklichen Positionen verschleiern und eine scheinbare Front zwischen Islam einerseits, „Verteidigern des christlich-jüdischen Abendlands“ andererseits als angeblichem Hauptkonflikt unserer Epoche aufbauen.

    Zur Frage von Anna Hartl bezüglich der Beweggründe von „Juden in der AfD“:
    Was solche Menschen sich individuell davon erhoffen, ist dabei nicht ohne weiteres zu ermitteln.
    Ein Hinweis ergibt sich vielleicht aus dem I. Werner verlinkten Interview mit E.B. Krauskopf, dem Gründer von JAFD. Konkret aus dessen biografischem Hintergrund, seiner „Erfahrung mit Migration“ (auf die er sein – behauptetes – „starkes Traditionsbewusstsein“ zurückführt) und seiner Einschätzung der AfD als „Migrantenpartei, die eine deutsche Leitkultur akzeptiert“. Migrantenerfahrung spielt hier offenbar eine größere Rolle als Verankerung in jüdischer Tradition und jüdischer Geschichte.

    Bedeutsamer dürfte wohl die Klärung des psychologischen Prozesses sein, der zu solch paradoxem Verhalten führt. Dieses setzt nicht nur ein recht hohes Maß an Naivität (oder Geschichtslosigkeit) voraus, um auf solche Strategien hereinzufallen. Es muss auch eine historische Anamnese wirksam werden, um „Vogelschiss“ und unerträgliche Höckesche Holocaust-Relativierungen als bloße Lappalien beiseiteschieben zu können. Das ist das gerade Gegenteil zu dem von Kraushaar behaupteten „Traditionsbewusstsein“.
    Dazu muss die angstbesetzte Wahrnehmung von realem islamistischem Antisemitismus – dessen Vertreter in Deutschland zum Glück ja keineswegs das Sagen haben – ins Unermessliche gesteigert werden, um derart das Schicksal der eigenen Angehörigen bzw. Glaubensbrüder und -schwestern verdrängen zu können.
    Insofern erscheint der Begriff „Paranoia“ – obwohl überspitzt und wenig analytisch – auch angemessen.

    Dass Solches für den Zentralrat der Juden eine ungeheure Provokation darstellt, kann man sich lebhaft vorstellen, und er hat es ja auch entsprechend deutlich gemacht.
    Er wäre allerdings gut beraten, den oben angesprochenen Anteil der Netanjahu-Regierung sowie der nationalreligiösen Parteien an diesem perfiden „Spiel“ in angemessener Weise zu berücksichtigen, sich dementsprechend dazu zu verhalten und Fragen danach nicht zu blockieren. Denn nur so wird die Perfidie in ihren Ursachen und Zusammenhängen durchschaubar – Voraussetzung für entsprechende Abwehr.
    Bei diesem Ziel verdient der Zentralrat der Juden auch die volle Unterstützung und Solidarität aller Demokraten.

  25. Bronski sagt:

    @ all

    Ich bin erfreut über so viele kontroverse Kommentare. Offenbar stellt meine These, die Juden mit Islamophobie verbindet, einen Tabubruch dar. Warum, das sollten wir vielleicht mal diskutieren. Dazu mache ich gelegentlich einen eigenen Thread auf.

    Lieber Herr Aupperle, liebe Frau Ernst,

    auch wenn Sie das anders sehen: Islamophobie ist kein Begriff, den Islamverbände für sich gepachtet hätten, um ihre Kritiker mundtot zu machen, sondern es geht um ein zentrales Thema unseres gesellschaftlichen Miteinanders. Was die AfD macht, ist keine Islamkritik, sondern es ist praktizierte Islamophobie. Die Angst vor „Umvolkung“ ist wahnhaft und wird in diesem Sinn eingesetzt, um politisch Stimmung zu machen. Juden helfen dabei. Genau darin liegt der Skandal.

  26. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Der Begriff „Umvolkung“ bezieht sich meines Wissens nicht allein auf die muslimischen Anteile der Bevölkerung in Deutschland, sondern umfasst alle Bewohner mit Migrationshintergrund.
    Auch wenn hier ein Wort aus dem Nationalsozialismus verwendet wird – allerdings mit umgekehrten Vorzeichen – beruht das Phänomen als solches durchaus nicht auf einer wahnhaften Angst, sondern basiert auf einer statistisch belegten demografischen Entwicklung. Laut Statistischem Bundesamt, zitiert von der Bundeszentrale für politische Bildung am 26.09.2018, liegt der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland insgesamt derzeit bei 24 Prozent, der der Kinder unter 5 Jahren aber bereits bei 39 Prozent. In großen Städten ist die Verteilung , wie wir wissen, bereits 50 zu50 Prozent. Das belegt einen kontinuierlichen Rückgang der statisisch erfassten „Bio-Deutschen“ – wenn die angesichts der jahrhundertealten Migrationsgeschichte Mitteleuropas überhaupt so genannt werden können.

    Der Knackpunkt liegt bei der Berwertung dieser demografischen Entwicklung. Während eher weltoffene Menschen die ethnische Vielfalt in einem Staat begrüßen, halten Anhänger von AfD und Identitären eine möglichst große ethnische Homogenität für ein Staatswesen für förderlicher.

  27. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 21. Oktober 2018 um 9:18

    Der letzte Abschnitt beschreibt korrekt den Unterschied zwischen einer wertneutralen Beschreibung eines Vorgangs und dessen subjektiver Wahrnehmung, die sehr wohl Wertungen voraussetzt.
    Wobei aber, was die AfD als für ein Staatswesen für „förderlich“ hält, vor dem Hintergrund globaler Entwicklung weltfremde und darüber hinaus hysterische Züge offenbart. Das wiederum lässt sich nur sehr schwer wertneutral kommentieren – was sich unter moralischen Gesichtspunkten eigentlich auch verbietet.
    In übertragenem Sinn ist das, was der AfD als „wünschenswert“ vorschwebt, wohl eher mit – nicht nur geistiger – Inzucht vergleichbar, wie sie in Adelskreisen üblich war und die deren Dekadenz beförderte.
    Bronskis Hinweis auf eine „wahnhafte“ Angst vor „Umvolkung“ ist damit in keiner Weise widerlegt. Angst hat immer auch mit subjektiver Wahrnehmung zu tun.

  28. Anna Hartl sagt:

    Ich bin mir nicht sicher ob es sich „nur um einen Missbrauch der Juden als Feigenblatt“ handelt.

    Mir kommt es so vor, als ob sich da Brüder und Schwestern im Geiste treffen. Das gemeinsame Feindbild Migration der Menschen, deren Religion der Islam ist, wobei für die einen schon die Tatsache alleine zur Ablehnung führt, kommt bei Herrn Krauskopf noch das Thema Antisemitismus hinzu, welches ebenfalls zu einer pauschalen Ablehnung führt. Die Verbindung ist das gemeinsame Interesse an einem Deutschland nach ihren Vorstellungen. Wie Herr Krauskopf das ausgedrückt hat: das Deutschtum hat auch seine guten Seiten.

    Was bitte ist Deutschtum?

    Kann das Bedürfnis nach einem anderen Deutschland so stark sein, dass man den vorhandenen Antisemitismus in der AfD völlig ausblenden kann? Das eines der „Grundbedürfnisse“ in dieser Partei, die Ablehnung all dessen was „fremd“, nicht bio-deutsch ist, nicht wahrgenommen wird?

    Oder ist es so, wie Herr Engelmann sagt, dass die Angst vor dem realen islamistischen Antisemitismus ins Unermessliche gesteigert wird. Damit auch die eigene leidvolle Geschichte der Angehörigen notwendigerweise ausgeblendet wird, um „Teil“ der AfD sein zu können?

  29. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ich halte es für grundsätzlich problematisch, Begriffe aus der Medizin auf soziologische Phänomene anzuwenden. Und zwar aus zwei Gründen:
    Erstens werden die Krankheit und das Leiden der von ihr betroffenen Patienten verharmlost, wenn nicht gar verunglimpft, und zweitens werden diejenigen, denen man im Zusammenhang mit politischen Einstellungen einen Wahn, eine Phobie unterstellt, pathologisiert und damit von vornherein als unglaubwürdig und nicht ernstzunehmen von einer ergebnisoffenen Diskussion ausgeschlossen (siehe auch Matthias Aupperle, 19. Oktober, 20:45).

    Die Ängste derer, die in einer zum Teil unüberschaubaren Zuwanderung Gefahren für unser Staatswesen sehen, halte ich durchaus nicht für wahnhaft, das heißt nicht für eine „krankhafte, in der realen Umwelt nicht zu begründende Einbildung“ (Definition des Begriffs „Wahn“ im Deutschen Wörterbuch von Brockhaus).
    Immerhin ist ja bereits die Eingliederung eines nicht unbeträchtlichen Teils derer, die als Arbeitsmitgranten in den letzten 50 Jahren zu uns kamen, alles andere als gelungen, was die religiösen und kriminellen Parallegesellschaften in einigen unserer Großstädte beweisen.
    Wenn die „Multi-Kulti-Gesellschaft“ bisher so gut funktioniert hätte, müsste heute der Begriff „Integration“ nicht ständig mantrahaft beschworen werden. Und ob die gelingen wird, steht in den Sternen. Allein der Mangel an Lehrkräften, Sozialarbeitern und Psychologen im Schulbereich lässt da Zweifel aufkommen, vom Fehlen von Ganztagsschulen ganz zu schweigen. Die Politiker liefern viele Worte und wenig Taten.

    Zur Frage nach der homogenen oder heterogenen Gesellschaft: Man kann doch nicht so tun, als wären Geschichte und Gegenwart nicht voll von Kämpfen bis zu Bürgerkriegen zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen innerhalb von Staaten. Das Problem beginnt doch schon da, wo in Flüchtlingsunterkünften Angehörige unterschiedlicher Nationen getrennt untergebracht werden müssen, weil sie sich sonst gegenseitig an den Kragen gehen. Wer ist denn da „hysterisch“ (ich verwende Ihren Begriff, Herr Engelmann)? Diejenigen, die sich schon in der gemeinsamen Fluchtsituation nicht solidarisch verhalten, oder diejenigen, die das als Problem sehen?
    Natürlich ist es richtig, dass der Fortbestand homogener Nationalstaaten im Zeitalter der Globalisierung eine Illusion ist, andererseits kann man angesichts von derart überwältigenden Umwälzungen, wie sie die letzten 30 Jahre gebracht haben, nicht von allen Menschen fordern, dass sie das so schnell verkraften.

    Ich habe in den letzten Tagen zwei kluge Äußerungen zu diesem Thema gelesen. Eine des ansonsten noch recht blass wirkenden neuen CDU-Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus (im Interview mit der FR vom 20 Oktober 2018), der bemängelt, dass die politischen Lager zu sehr dazu neigen, die eigene Position moralisch zu überhöhen, Ich nenne das die Moralkeule, die ich für wenig hilfreich halte.

    Zweitens empfehle ich den Artikel „Entschleunigt Euch!“ von Christoph Moes in Cicero Online vom 21. Oktober.
    Er geht auf die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen und die (begrenzte) Anpassungsfähigkeit von Menschen ein.

  30. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „Ich halte es für grundsätzlich problematisch, Begriffe aus der Medizin auf soziologische Phänomene anzuwenden.“

    Es mag problematisch sein, aber über Begriffe kann man natürlich immer klärend reden. Der Begriff Phobie ist nicht allein medizinisch zu verstehen. Umgangssprachlich und sozialwissenschaftlich ist damit eine Aversion gegen etwas gemeint. Dieser Begriff der Aversion erscheint mir allerdings zu schwach, um das Verhalten dieser 24 Menschen zu verstehen. Dabei kommt mir nicht gut genug heraus, dass sich die Angst vor dem Islam in den Fällen, die gemeint sind, der Bearbeitung mit den Mitteln der Ratio entzieht – und das ist hier die These. Das macht sie wahnhaft, und deswegen trifft der Begriff der Phobie weitaus besser zu. Er bleibt selbstverständlich kritikwürdig. Damit ist in der Tat etwas anderes gemeint als mit Begriffen wie Islamfeindlichkeit, antimuslismischem Rassismus oder Islamkritik. Zur Begriffsklärung hier ein Link zum Mediendienst Integration.

  31. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski und @ alle

    Da Sprache auch etwas mit Herrschaft und Deutungshoheit zu tun hat, bin ich bei manchen Begriffen vorsichtig. Ich habe gelesen, kann es aber nicht belegen, dass die islamistische Muslimbruderschaft den Begriff der „Islamophobie“ in die Welt gesetzt hat. Dieser Begriff hat schon etwas von einem unfairen Totschlag-Argument.

    Wir streifen in diesem Thread interessante andere Themen:

    1. Wieviel kulturelle und wertemäßige Homogenität hat eine stabile Gesellschaft nötig und wieviel Vielfalt ist möglich. – Ich weiß es nicht.

    2. Ich weiß aber: An den Trennlinien zwischen islamischer Welt und westlicher (christlicher) Welt gab und gibt es immer Krieg. Huntigton scheint Recht zu haben.

    3. „Umvolkung“: Erdogan äußerte vor einigen Jahren in Köln, dass wenn jede türkische Frau mehrer Kinder (größer/gleich vier!) bekommen würden und die Deutschen (Biodeutschen – ich mag den Begriff absolut nicht) sich allenfalls stabil halten würden, man dann in wenigen Jahren die Mehrheit im Land hätte. In der gleichen Rede bezeichnete er Intergration als Assimilation und nannte diese Forderung als ein Verbrechen am Türkentum. Ich habe nachgerechnet. Wenn heute hier 5 Millionen Türken leben, eine türkische Generation 20 Jahren entspricht und jede türkische Frau vier Kinder bekommt, dann leben in 4 Generationen, also in 80 Jahren, 80 Millionen Türken hier.
    Für realistisch halte ich so eine Szenario nicht.

  32. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Die von Ihnen verlinkten Definitionen helfen nicht weiter. Da wird „Islamophobie“ mit „Ablehnung des Islam und auch offene Feindseligkeit gegenüber Muslimen“ erklärt, gleichzeitig soll es aber noch die „Islamfeindlichkeit“ geben, im Unterschied zur „Feindseligkeit“. Das verstehe, wer will.
    Und zu guter Letzt wird noch eingeräumt, dass es sich bei der Islamophobie gar nicht, wie bei der psychischen Krankheit namens „Phobie“, um eine wirkliche Angst, sondern eher um eine Abneigung handele. Dann weiß ich jetzt erst recht nicht mehr, warum der medizinische Begriff Phobie überhaupt benutzt wird. Dann reicht doch wirklich „Islamfeindlichkeit“ oder „Aversion gegen den Islam“.
    Ich plädiere dafür, Islamophobie auf die Liste der Unworte zu setzen – im Interesse der wirklich Kranken, deren Problem nicht darin besteht, dass sie eine Abneigung oder Feindseligkeit gegen etwas verspüren, sondern dass sie mit einer irrationalen, die Psyche und den Körper quälenden Angst zu kämpfen haben.

  33. @Matthias Aupperle
    Zu 1. Wohl wenig wie man an den USA sieht.
    Zu 2. Zwischen Deutschland und Frankreich gab es in den letzten 1000 Jahren fast dauernd Krieg. Huntington scheint unrecht zu haben.
    Zu 3.Türke ist man, wenn der Urgrossvater Türke war?

  34. JaM sagt:

    Lieber Bronski,

    aus welchen Reaktion schließen Sie, dass Ihre „These, die Juden mit Islamophobie verbindet, einen Tabubruch“ darstellt? Dass man unter Juden Islamhasser antrifft, ist eine triviale Feststellung, genauso wie die von Henning Flessner, dass es „auch unter Juden, wie überall sonst auch, Rechtsextremisten und Rassisten“ gibt. Oder meinen Sie, dass es einen spezifischen jüdischen Islamhass gibt? Auch eine solche These hielte ich zwar für falsch, würde sie aber nicht für einen Tabubruch halten.

    Es ist ohnehin fraglich, ob 24 AfDler, die sich selber als jüdisch bezeichnen, überhaupt für die jüdische Gemeinschaft und die deutsche Gesellschaft relevant sind. Allerdings wird man den Mitgliedern der Gruppe „Juden in der AfD“ (JAfD) und den (meiner Erfahrung nach keineswegs zahlreichen) jüdischen Unterstützern der AfD bis zum Beweis des Gegenteils das gleiche wie allen anderen Mitgliedern und Unterstützern dieser Partei zugestehen müssen, dass sie nämlich nicht alle samt Islamhasser, Rechtsextremisten und Rassisten sind. Unabhängig davon widerspricht eine jüdische Unterstützung der AfD diametral jeder (politischen) Vernunft, was die von mir bereits verlinkte Gemeinsame Erklärung des Zentralrats der Juden sowie zahlreicher jüdischen Institutionen und Organisationen wie auch die Stellungnahme der Zeitschrift „Jalta“ mit überzeugenden Argumenten belegen, denen in diesem Thread bisher nichts neues zugefügt wurde. Beide Stellungnahmen machen übrigens genauso überdeutlich, dass die (reale) Sorge vor dem (realen) Antisemitismus aus der muslimischen Community es nicht rechtfertigt, sich mit der AfD der Gaulands und Hockes gemein zu machen. Ich meine allerdings, dass die Unterstützung der AfD durch Nicht-Juden genauso der (politischen) Vernunft widerspricht.

    Offensichtlich ist für mich, dass die angeblich positive Haltung der AfD und der anderen europäischen Rechtspopulisten zu Israel dem gleichen perfiden Kalkül entspringt wie die Versuche, Juden für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Meines Wissens wird dies auch in Israel so gesehen, und zwar mit wenigen Ausnahmen von allen politischen Lagern. Für die Behauptung von Werner Engelmann, die Netanjahu-Regierung (gegen die ich sonst viele Vorbehalte habe) hätte einen relevanten Anteil an dem „Spiel“ der AfD, sehe ich keine Belege. Noch weniger belegt sehe ich die steile These von Klaus Philipp Mertens, „ein vergleichender Blick in die Parteiprogramme von LIKUD, JÜDISCHEM HEIM und AfD hinsichtlich Nation und der Herleitung nationaler Ansprüche offenbart verblüffende Übereinstimmungen“. Welche Quelle er für diesen Vergleich benutzt hat, ist mir schleierhaft. Mir ist keine Veröffentlichung in deutschen Medien bekannt (und auch nicht in deutsch-jüdischen Medien wie der Jüdischen Allgemeinen oder dem Magazin „Tacheles“, die zu Israelthemen regelmäßig auch internationalen Stimmen referieren), die solche programmatischen Aussagen von Netanjahus Likud, Liebermans Beitanu oder Bennetts HaBajit HaJehudi thematisiert hätte. Ohnehin verläuft der politische Disput in Israel entlang völlig anderer Fragestellungen als der in Europa.

  35. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Das waren keine Definitionen, sondern Beschreibungen der Themenfelder. Definitionen suchen Sie besser bei Wikipedia oder im Brockhaus. Es geht weiterhin um Islamophobie, also die wahnhafte Angst vor „dem Islam“. Ich setze den Begriff hier jetzt bewusst in Anführungszeichen. Eigentlich hätte er die ganze Zeit in Anführungszeichen gesetzt gehört, denn „den Islam“ gibt es bekanntlich nicht. Aber genau das ist ein Kennzeichen von Islamophobie: „Der Islam“ wird, wie es in der Medien-Handreichung beschrieben wird, als „monolithisch“ aufgefasst. Beim Versuch, „den Islam“ differenzierter zu betrachten, also der Wirklichkeit näher zu kommen, wird man schnell als „links-rot-grün versiffter Alt68er“ bezeichnet, und dann ist auch gleich Schluss mit der Diskussion. Islamophobe begreifen „den Islam“ – besser: das, was sie darüber wissen – häufig als faschistische politische Ideologie. Das mag für den Islamismus stimmen so wie für andere Fundamentalisten auch bei den Christen oder anderswo, aber dies ist bereits schon eine dieser Differenzierungen, für die ich bereits oft beschimpft wurde. Das waren nur zwei Beispiele aus meiner täglichen Praxis mit islamophoben Menschen (wahrscheinlich Nicht-Juden), die sich dadurch auszeichnen, dass man mit ihnen über bestimmte Dinge nicht reden kann. Ich halte diese Einstellungen für krankhaft bzw. wahnhaft, und ich halte es für möglich, dass diese Menschen wirklich krank sind. Hass macht krank. Das ist keine neue Erkenntnis.

    Ich möchte nicht behaupten, dass die 24 Juden, die jetzt der AfD so fein dabei helfen, ihren Antisemitismus zu verschleiern, krank sind. Dazu weiß ich zu wenig über sie. Zudem haben sie möglicherweise persönlich antisemitische Gewalt oder Übergriffe erlebt. Sie sind mehrzählig selbst Migranten. Vielleicht haben sie ihre antimuslismischen Einstellungen bereits hierher mitgebracht. Sie sind jedenfalls offensichtlich Islamhasser. Es ist daher sehr wohl angebracht, an diesem Aufhänger über Islamophobie zu diskutieren. Ich halte dieses Thema für wichtig, weil sich daran die Spaltung der Gesellschaft erkennen lässt.

    Nichts für ungut, Frau Ernst, aber ich kann und will Ihrem Wunsch, dieses Thema wegzudrücken, nicht folgen.

  36. Bronski sagt:

    @ JaM

    Immerhin sind wir uns einig, dass sich diese 24 Juden von der AfD vereinnahmen lassen. Da AfD-Programmatik wie die vom „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte wohl kaum geeignet ist, diese Partei für Juden sympathischer zu machen, bleibt die Frage im Raum stehen, was es denn ist, was diese Menschen in die Arme der Islamhasser treibt. Ich setze hier mal „Islamhasser“ als Synonym für die AfD, um die These klar rauszustellen. Was ist das also? Ihre Einstellungen, ihre Vorurteile? Greifbare politische Argumente? Welche realistischen Optionen im Umgang mit Muslimen bietet die AfD an? Also Optionen, die nicht im Widerspruch zum Rechtsstaat stehen? Die AfD bietet vor allem ein ideologisches Umfeld an, in dem sich insbesondere islamophobe Menschen wohlzufühlen scheinen. Dort schaukelt man sich bei jeder Straftat eines Flüchtlings hoch und sagt: Man hat es ja gewusst.

    Die FR gibt regelmäßig Lesungen namens „Hate Slam“, auf denen RedakteurInnen unserer Zeitung aus Hassmails vorlesen, welche die Redaktion erreichen und die mutmaßlich aus dem AfD-Umfeld, mit Sicherheit aber aus dem rechtsextremen Umfeld stammen. Ich zitiere aus einer dieser Mails, ohne den Autor zu nennen. Das geschieht zu seinem Schutz (vor seiner eigenen Dummheit). Auf Sulawesi hatte ein Tsunami unglaubliche Verwüstungen angerichtet, mehr als tausend Menschen sind gestorben. Nun schreibt mir dieser Mensch (?):

    „Herrlich, Allah richtets und hat wieder mal ein paar Musel zu sich gerufen. Wenn er das doch mit 1 Milliarde machen würde. Die welt würde eine Bessere sein Und selbst ich würde ihm ein Kerze anzünden. Allah, mach weiter so!“

    Gesund, oder?

  37. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Zu der von Ihnen zitierten ekelhaften, aber leider in ihrer Menschenverachtung nicht unbedingt ungewöhnlichen (also nicht kranken) Hassmail zum Vergleich ein Slogan, der kürzlich auf einer Gegendemo gegen Abtreibungsgegener gerufen und von der FR ohne kritischen Kommentar abgedruckt wurde: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt ihr (offenbar die christlichen Abtreibungsgegner) uns erspart geblieben.“
    Das müsste man doch Christenhass nennen, oder? Gesund oder krank – die FR scheint sich nicht daran zu stören.

    Mir zu unterstellen, ich wolle das Thema wegdrücken, ist witzig. Es gibt Hass auf viele Religionen, auch auf den Islam, das habe ich nie bestritten. Mir wäre es nur lieber, man würde den politisch alles andere als korrekten, weil Kranke diskriminierenden, Begriff „Islamophobie“ durch den ehrlicheren und genaueren Begriff „Islamhass“ oder „-feindlichkeit“ ersetzen. Dann weiß man auch, dass es um Hass geht und nicht um Angst, die ja erheblich vielschichtiger und nicht mit moralischen Kategorien zu erfassen ist.

    Doch nun zum Antisemitismus in der AfD:
    Zuerst fällt auf, dass auch der Leserbriefschreiber Manfred Kirsch wie so viele andere Höckes Aussage falsch wiedergibt.
    „Man denke nur an Höckes Aussage, das Holocaustdenkmal sei eine Schande.“
    Bereits ein früherer Leserbriefschreiber hat in der FR darauf hingewiesen, dass der Wortlaut hieß: „Mahnmal der Schande“ und nicht „schändliches Mahnmal“.

    In dem von I.Werner verlinkten Interview antwortet der jüdische AfDler auf die Erwähnung von Höckes Ausspruch, Antisemiten gebe es auch in anderen Parteien. Auf jeden Fall steht Höcke mit seiner Ablehnung der in Deutschland praktizierten Erinnerungskultur nicht allein da.
    Der Empfänger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998, Martin Walser, fordert in seiner Rede zu diesem Anlass ähnlich wie Höcke ein Ende des öffentlichen Gedenkens an den Holocaust, das er als „Akt der Selbsgeißelung“ bezeichnet.
    „Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich etwas gegen diese Dauerpräsenz unserer Schande wehrt.“
    Das Berliner Holocaust-Mahnmal nennt Walser „Betonierung der Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande.“
    (Quelle: Online-Portal „Zukunft braucht Erinnerung“, Karsten Luttmer,5. Okt. 2004, aktualisiert 20. August 2018)
    Solche Worte sind also keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal eines Björn Höcke. Ignaz Bubis warf Walser damals „geistige Brandstiftung“ und „Schlussstrichmentalität“ vor, aber ansonsten hielt sich die öffentliche Empörung in Grenzen.

    Auch Rudolf Augstein fand sehr umstrittene Worte zum damals geplanten Berliner Holocaust-Mahnmal:
    „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, dass dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist.“ (Spiegel vom 30.11.1998)
    Augstein geht sogar so weit (was bei Höcke fehlt), Deutschland als Opfer zu stilisieren, dem
    die Freude über die Wiedervereinigung vermiest werden soll.
    Ich erinnere an diese Äußerungen „ehrenwerter“ und kaum kritisierter Männer, um zu verdeutlichen, dass sich das interviewte jüdische AfD-Mitglied wahrscheinlich an ähnliche Äußerungen vonseiten Deutscher bereits gewöhnt hat und ihm deshalb die des AfD-Rechtsaußen Höcke gar nicht mehr so skandalös erscheint.

    @ Henning Flessner

    „1. Wohl wenig, wie man an den USA sieht.“

    Tja, nachdem man die Urbevölkerung erst mal ausgerottet hat, diskrinminieren die Weißen Einwanderer nur noch die selbst unter Zwang ins Land geholten Afrikaner und dann, je nachdem, wer zuletzt kam, die Iren, die Mexikaner und so weiter. Das nenne ich gesellschaftlichen Zusammenhalt.

    „Zu 3.Türke ist man, wenn der Urgrossvater Türke war?“

    Ja, so hätte es Erdogan gerne. Einmal Türke, auch nach hundert Jahren noch Türke, wo auch immer in der Welt. Sonst begeht man ein Verbrechen gegen das Türkentum.
    Und seine fahnenschwenkenden Anhänger sind da sicher seiner Meinung.

  38. JaM sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens (http://frblog.de/islamophobie/#comment-51700)
    Wie bereits geschrieben, bleiben Sie zu Ihrem „vergleichender Blick in die Parteiprogramme von LIKUD, JÜDISCHEM HEIM und AfD“ die Einzelheiten und Quellen schuldig. Auch sonst ergehen Sie sich in Mutmaßungen, denn keineswegs lassen sich die politischen Präferenzen einer Person aus ihrer Zugehörigkeit zu einer jüdischen Religionsrichtung ableiten. Es gibt linke Orthodoxe, liberale Konservative (Massorti) und rechte Liberale. Die 24 JAfDler, sofern sie überhaupt Mitglieder einer jüdischen Gemeinde sind (was bisher nur von vier aus dieser Gruppe bekannt ist), werden wohl der größten Gruppe der Juden in Deutschland angehören: Denen, die ihre Religion nicht aktiv praktizieren und somit von den theologischen bzw. praktischen Unterschieden der jüdisch-religiösen Richtungen kaum beeinflusst sind.

    Ihre Ausführungen zum liberalen Judentum mögen für uninformierte Leser auf den ersten Blick kenntnisreich klingen. Doch schon der zweite Blick offenbart, dass Sie sich lediglich oberflächlich mit dem Thema beschäftigt haben. Insbesondere bezweifle ich sehr, dass Sie die World Union for Progressive Judaism und ihre Positionen wirklich kennen, denn sonst würden Sie nicht über diese weltweite Organisation der liberalen jüdischen Gemeinden (die sich in Nordamerika Reformgemeinden nennen) behaupten, „dass es nur sehr wenig Berührungspunkte mit den Überzeugungen von Hermann Cohen und Leo Baeck gibt“. Leo Baeck gehörte 1926 zu den Gründern dieser Organisation, deren Präsident er bis 1955 war. Auch Schalom Ben-Chorin, Ernst Ludwig Ehrlich und Nathan Peter Levinson, auf die Sie sich außerdem berufen, waren mit der WUPJ verbunden, Amos Oz ist es immer noch. Die genannten stehen ausnahmslos dafür, dass sich „das vielgestaltige Judentum und speziell das aufgeklärte, das in Deutschland eine Blütezeit erlebte“, (um Ihre Worte aus einem früheren Post zu verwenden), durchaus in kritischer Solidarität mit dem Staat Israel in Einklang bringen lässt.

  39. BvG sagt:

    Abweichend vom Thema muß man doch mal was sagen zum „Denkmal der Schande“.

    Es gereicht dem „deutschen Volk“ zur Ehre, ein solches Denkmal errichtet zu haben, aber leider sind diejenigen, die diese Schande verursacht haben und die sich in der Folge dieser Schande bewegen, nicht in der Lage, zu erkennen, daß es ein Denkmal gegen ihre Ideologie ist.

    Sicherlich wäre jeder ehrhafte Deutsche eher geneigt, der Niederschlagung des Naziregimes ein nationales Denkmal zu setzen, aber leider war diese kein Verdienst des „deutschen Volkes“, sondern einzelner Widerstandskämpfer, der Opfer und der Allierten.

    Ein „Vogelschiss“ kann halt eine weiße Weste verderben, und ich für mein Teil weiß, wer die Vögel waren…

    Dem durchwegs albernen, kindischen und blinden Begehren, eine „reine deutsche Geschichte“ zu konstruieren kann man nur mitleidslächelnd ein Abfuhr erteilen.

    Auf die Vögel, die fortgesetzt die Geschichte verdrehen, möchte man gern verzichten.

    Aber sie sitzen ja ideologisch auf dem vierarmigen Donnerbalken, von dem herunter jeder jeden bescheißt.

    Es ist nicht mehr zu begreifen, daß aus Millionen Toten, Schändung von Frauen und Kindern, Perversitäten jeder Prägung überhaupt noch irgendeine Art von Ehre gefolgert werden kann.

    Die Nazizeit war in jeder Hinsicht unehrenhaft.
    Das „Denkmal der Schande“ meint die Schänder und deren Nachfolger selbst.

    Es gibt eine Menge Vogelschiß auf der deutschen Geschichte, Nazis und deren Gesinnungsgenossen haben ihn geschissen.

    Eigene Schuld zu erkennen ist auch eine Form von Ehre.

  40. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „Mir wäre es nur lieber, man würde den politisch alles andere als korrekten, weil Kranke diskriminierenden, Begriff „Islamophobie“ durch den ehrlicheren und genaueren Begriff „Islamhass“ oder „-feindlichkeit“ ersetzen.“

    Ich bin dafür, die Dinge beim Namen zu nennen und zu versuchen, sie möglichst auf den Punkt zu bringen. Ich habe schon dargelegt, dass ich diesen Begriff, an dem Sie sich so sehr stören, nicht im Sinne einer medizinischen Diagnose benutzt habe und dass ich ihn für geeignet halte, um das Wahnhafte am Islamhass in das Begriffsumfeld einzubeziehen, das sich der Bearbeitung durch die Vernunft entzieht. Noch einmal: nicht im Sinne einer medizinischen Diagnose! Phobien sind schlimme Erkrankungen, an denen die Betroffenen schwer leiden. Es war nicht meine Absicht, Kranke zu diskriminieren. Dafür, dass dieser Eindruck anscheinend ernsthaft entstehen konnte, möchte ich um Entschuldigung bitten. Ich möchte klarstellen, dass ich den Begriff Islamophobie ausschließlich in seinem umgangssprachlichen Sinn benutze, weil er mir am besten geeignet scheint, pointiert zu beschreiben, was ich beobachte. Das sollte auch deswegen in aller Klarheit möglich sein, weil sich diese Islamophobie nach außen richtet, auf andere Menschen zielt, die so zu Betroffenen dieses Wahns werden, und weil sie schleichend das gesamte gesellschaftliche Klima vergiftet, da sie immer größere Freiräume zu nehmen sich traut.

    Damit sind wir noch einmal bei der zitierten Mail. Sie ist in der Tat nicht ungewöhnlich. Ich bekomme täglich solche Mails, und zwar in steigender Zahl. Dies wird m.E. ermöglicht durch dieselben gesellschaftlichen Veränderungen, die vielleicht auch dafür verantwortlich sind, dass Juden in die AfD eintreten können. Verkürzt gesagt: Rechtsruck. Das ist nur ein Schlagwort, und es beschreibt die gesellschaftlichen Veränderungen nur unzureichend. Noch vor zehn Jahren wäre eine solche Mail nicht möglich gewesen. Damit will ich nicht sagen, dass es niemanden gab, der so etwas gedacht hätte. Er hätte sich jedoch nicht getraut, es derart öffentlich zu verkünden. Die Situation ist ja die, dass diese Mail, übrigens sogar mit Angabe einer Wohnortadresse (wenn auch sicher nicht der eines real existierenden Menschen), unter anderem einen bewussten Bekenntnisakt darstellt. Es war die erste Mail einer ganzen Reihe von Zuschriften desselben Absenders. Er schreibt einen offiziellen Leserbrief (er hat dazu das Leserbriefformular auf FR.de benutzt) an die Redaktion einer Zeitung, von der er wissen kann, dass sie so etwas niemals veröffentlichen wird. Er ist also entweder nicht ganz dicht, also krank oder wenigstens verwirrt, oder er fühlt sich stärker als früher und traut sich darum mehr. Ich tippe auf das Letztere. Damit ist er Zeugnis eines gesellschaftlichen Wandels, der alle Menschen in Deutschland betrifft. Die Schwelle zur Gewaltbereitschaft sinkt. Im Fall der zitierten Mail zum Glück nur die Schwelle zur verbalen Gewaltbereitschaft – bisher. Deutsche Juden und auch in Deutschland lebende Muslime bekommen die Veränderung des Klimas bereits gewaltsam zu spüren.

    Sie, liebe Frau Ernst, bestätigen diese Analyse direkt, wenn Sie schreiben, so eine Mail sei „nicht unbedingt ungewöhnlich“. Das stimmt, die Online-Foren sind voll von solchem Hass. Er scheint bereits so alltäglich geworden zu sein, dass er nicht mehr ungewöhnlich ist, obwohl er das sein sollte. Die Verrohung hat uns alle erfasst. Auch im FR-Blog ist der Umgangston rüder geworden, aber im Vergleich zu anderen Foren geht es hier noch recht zivilisiert zu. Ich möchte daher betonen, dass ich die zitierte Mail durchaus ungewöhnlich und bemerkenswert finde. Das wird sie auch dadurch nicht weniger, dass es auch Hass auf Christen gibt. (Den gibt es, das wird niemand bestreiten, das ist hier aber nicht das Thema.) Bei mir klingeln die Alarmglocken, wenn ich so was wie das irre Zeug über den Tsunami lesen muss. Wesentlich mitschuldig an dieser Verrohung ist meines Erachtens die AfD und die zwielichtigen Typen in ihrem Umfeld, die sich plötzlich was trauen. Sie haben den Hass salonfähig gemacht.

    Zu dem von Ihnen zitierten Martin Walser habe ich übrigens vor kurzem auf „Zeit online“ einen Essay der Publizistin Stella Hindemith gelesen, die recht nachvollziehbar darlegt, dass Walser mit seiner umstrittenen Rede in der Paulskirche eine Art Türöffner für die Rechten war. Er habe die Grenzen des Sagbaren nach rechts verschoben. Sehr lesenswert, falls Sie den Text nicht schon kennen.

  41. Werner Engelmann sagt:

    Ausdrücklich zustimmen möchte ich zunächst der Aussage von JaM, „dass die Unterstützung der AfD durch Nicht-Juden genauso der (politischen) Vernunft widerspricht“. Auf politischer Ebene darf hier in der Tat kein Unterschied in der Bewertung gemacht werden. Dies ist aber auch nicht Gegenstand der Debatte.

    Ein Unterschied ergibt sich aus unterschiedlicher Biografie und Eingebundensein in familiäre wie religiöse Tradition.
    Um es am Beispiel Kraushaar in dem vom I.Werner verlinkten Interview auszuführen:
    Er bezieht sich ausdrücklich auf sein Judentum als „Volk des Buches“, sein „Verständnis von Autorität fußt“ – wie er behauptet – „in seiner jüdischen Religion“, er beteuert sein „starkes Traditionsbewusstsein“.
    Was er aber tut, ist das exakte Gegenteil: Er macht gemeinsame Sache mit Holocaust-Verharmlosern und entschuldigt sie, verleugnet damit die „Traditionen“, die er beschwört. Eine Ohrfeige für seine eigenen Angehörigen.
    Dies ist wohl analog zur Verdrängung von Schuldbewusstsein vieler Deutscher nach dem Krieg zu sehen. Und wie die Nationalisten bastelt er sich mit den „guten Seiten“ des „Deutschtums“ und deutscher „Leitkultur“ seine Ersatz-Identität zusammen.
    Dies ist in seiner Paradoxie rational nicht nachvollziehbar und wohl nur psychologisch zu erklären. Es bestätigt – wie Anna Hartl es ausdrückt, dass „sich da Brüder und Schwestern im Geiste treffen“.

    @ Brigitte Ernst, 22. Oktober 2018 um 11:36

    Wie an den Ausführungen oben erkennbar, versuche ich psychologische Hintergründe und Mechanismen für paradoxe Verhaltensweisen aufzuzeigen. Mit Anwendung von „Begriffen aus der Medizin auf soziologische Phänomene“ hat das überhaupt nichts zu tun. Zudem wäre individuelles Verhalten wie das eines Herrn Kraushaar soziologisch gar nicht zu klären.
    Schon von daher geht Vorwurf an der Sache vorbei. Insbesondere aber führt ein Hickhack um Begriffe bei der Klärung problematischer bis paradoxer Verhaltensweisen nicht einen Deut weiter.

    – „Wer ist denn da „hysterisch“ (ich verwende Ihren Begriff, Herr Engelmann)? Diejenigen, die sich schon in der gemeinsamen Fluchtsituation nicht solidarisch verhalten, oder diejenigen, die das als Problem sehen?“ –

    Da muss ich schon mal nachfragen, wie viele Flüchtlingsunterkünfte Sie eigentlich kennen und sich mit den Bedingungen in vielen von ihnen auseinander gesetzt haben. Ich habe das getan, sowohl in Luxemburg wie auch hier in Frankreich.
    Wer so längere Zeit leben muss, wird wohl zwangsläufig „hysterisch“. Und wenn mir das passieren würde, könnte ich auch für nichts garantieren.
    Ich muss mich da schon wundern, wenn Sie meinen, Ursachen für solches Verhalten ausschließlich in „Nationalität“ suchen und dann auch verallgemeinern zu müssen. Was natürlich auch für Klischees wie „Multi-Kulti-Gesellschaft“ gilt, über die es sich nun wirklich nicht mehr zu diskutieren lohnt.
    Noch mehr wundert mich freilich, wie sie nach den skandalösen Vorgängen von Chemnitz und Köthen immer noch meinen, zweifellos vorhandene Probleme im Zusammenhang von Flüchtlingen ausschließlich auf diese projizieren und ihnen „diejenigen“ gegenüber stellen zu können, „die das als Problem sehen“.

    Ein Hinweis zudem, wohin man fast notwendigerweise hingelangt, wenn man meint, individuelle Verhaltensweisen (und um die geht es hier) problemlos auf soziologische Ebene hieven und verallgemeinern zu können.

  42. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski

    Betr. Martin Walser

    Nun liegt es mir fern, Martin Walsers problematische Rede zu verteidigen. Ihn in diesem Zusammenhang zu nennen, halte ich aber für deplatziert. Und ich kann auch Stella Hindemiths These vom „Türöffner für die Rechten“ nur sehr bedingt nachvollziehen.

    Erstens formuliert Walser seine Bedenken in Ich-Form als subjektive, aus dem Unterbewussten aufsteigende Gefühle und nicht als politisches Bekenntnis.
    Zweitens kann seine Kritik an der „Dauerpräsenz des Holocausts“ auch als Kritik am methodischen Umgang mit diesem Thema in den Medien verstanden werden und trifft zumindest teilweise zu. Dass dies zu Gegenreaktionen führen muss, ist zumindest nachvollziehbar. Wenn Walser dies inForm eigener Gefühle beschreibt, ist dies nicht ihm anzulasten.
    Drittens ging es sehr wohl auch darum – was Frau Hindemith bestreitet -, ob auch über deutsche Opfer gesprochen werden dürfe.
    Ich habe selbst 2005 am 1. Kriegskinderkongress in Frankfurt teilgenommen. Da wurde festgestellt, dass bei 25-30 % von ihnen (also meiner Generation) nach 60 Jahren (nicht nur bei Deutschen) Kindheitstraumata im Zusammenhang von Kriegserfahrungen in Form psychischer Erkrankung wieder aufbrachen. Die Organisatoren dieser Veranstaltung mussten sich dabei gegen z.T. massive Vorwürfe zur Wehr setzen, mit dem Holocaust „aufrechnen“ und in eine „Opferkonkurrenz“ eintreten zu wollen.

  43. Werner Engelmann sagt:

    Ergänzung:
    Viertens hat sich Martin Walser – im Unterschied zu AfD-Kreisen – selbst kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt, z.B. in „Eiche und Angora“.

  44. JaM sagt:

    @ Bronski http://frblog.de/islamophobie/#comment-51719
    Wir sind uns doch auch noch darin einig, dass das Engagement von Juden in oder für die AfD mehr als fragwürdig ist, auch deshalb, weil die AfD keine rechtsstaatlichen Alternativen im Umgang mit muslimischen Antisemitismus und dem Islamismus bietet. Das steht so auch in den von mir zitierten „jüdischen“ Erklärungen und wird von keinem der hier Mitdiskutierenden in Frage gestellt.

    Über die Motive der 24 JAfDler können wir nur spekulieren. Vermutlich wird es eine Mischung aus Vorurteilen, Ignoranz, (politischer) Dummheit und Fehleinschätzungen sein. Bei dem einen oder anderen könnte auch Hass auf Muslime oder Islamhass im Spiel sein. Bringt es uns aber weiter, uns den Kopf über die Handvoll jüdischer AfD-Mitglieder und einiger Hundert Unterstützer zu zerbrechen, statt uns mit den zehntausenden Mitgliedern und Millionen Wählern der AfD zu beschäftigen, unter denen die Juden einen mehr als verschwindende Minderheit sind (vermutlich gibt es deutlich höhere Zahl an „muslimischen“ AfD-Mitgliedern und -Sympathisanten)? Auch bei der notwendigen Diskussion über den Antiislamismus in der AfD und in unserer Gesellschaft bringt uns die Spekulation über die JAfDler nicht weiter, denn eine spezifisch jüdische Form des Islamhasses gibt es meiner Meinung nach nicht.

    Ihre Einschätzung, der Islamhass trage wahnhafte Züge, teile ich. Diese sind aber nicht ein Ausdruck einer individuellen Krankheit, sondern sind im kollektiven, kulturellen Gedächtnis verankert, was eine individuelle „Therapie“ so schwierig macht. Darin zeigen sich strukturelle Ähnlichkeiten mit Antisemitismus (so ähneln auch die antisemitischen Hassmails, mit denen z.B. der Zentralrat der Juden seit Jahren überschwemmt wird, den von Ihnen angesprochenen antimuslimischen Hassmails). Wie Brigitte Ernst sehe ich daher den von Ihnen verwendeten Begriff „Islamophobie“ kritisch, da er zumindest missverständlich ist. Sinnvoller wäre es, den Begriff Antiislamismus zu verwenden. Dass nicht jede Kritik am Islam antiislamisch ist, aber antiislamisch sein kann, halte ich wiederum für genauso trivial, wie die Feststellung, dass nicht jede Kritik an Israel antisemitisch ist, es aber sein kann.

  45. JaM sagt:

    @ Brigitte Ernst http://frblog.de/islamophobie/#comment-51720
    Sicherlich gibt es auch in anderen Parteien Antisemitismus, doch bei der AfD sind es auch die Führungspersonen, die, wenn auch in kodierter Form, antisemitische Ressentiments bedienen. Dass sie sich dabei bewusst doppeldeutiger Formulierungen wie „Vogelschiss“ und „Mahnmal der Schande“ bedienen, die einerseits von dem rechtsradikalen Anhang „richtig“ verstanden werden, anderseits aber auch aus dem Zusammenhang gerissen „harmlos“ interpretiert werden können, macht die Sachen nicht besser, sondern schlimmer. Das Video der Höcke-Rede lässt für mich keine Zweifel daran, was Höcke als Schande empfindet.

  46. Anna Hartl sagt:

    @Brigitte Ernst
    Verstehe was Sie sagen wollen, wenn Sie den Begriff „Islamophobie“ als diskriminierend für Menschen die an Phobien leiden betrachten.

    Denke aber das Islamhass eine Vorgeschichte hat und das ist Angst vor dem Islam und den Menschen, die diesen Glauben praktizieren. Einer Angst, der mit Vernunft nicht mehr beizukommen ist und somit in „Manie“ und Hass enden kann, die man auch nicht als gesund bezeichnen kann.

    Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass wir wohl gerne vergessen oder verdrängen, dass der Mensch auch „dunkle Seiten“ hat.
    Ein Teil ist sich dessen bewusst und projiziert diese Ängste nicht auf andere. Diejenigen die sich nicht mit ihren Ängsten konfrontieren gleiten dann, denke ich, irgendwann in den Hass ab.
    Die Irrationalität in Bezug auf die tatsächliche Bedrohung wird nicht gesehen und der „Feind“ lauert überall.

    In diesem Zusammenhang kann ich auch den von Bronski verwendeten Begriff „Islamophobie“ verstehen.

  47. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    Aus sprachgeschichtlichem Interesse bin ich Ihrem Rat gefolgt und habe in den mir zu Hause zur Verfügung stehenden Wörterbüchern nach der Bedeutung des Begriffs „Islamophobie“ geforscht.
    Der Begriff erscheint weder in meinem dreibändigen deutschen Wörterbuch (Brockhaus Enzyklopädie) von 1999 noch im Wahrig von 2005. Erst in meinem neuesten Duden von 2017 konnte ich ihn finden, allerdings muss ich zugeben, dass ich meinen etwa 8 Jahre älteren Duden entsorgt habe, ihn also nicht mehr konsultieren kann.
    Der Begriff ist also erst nach 2005 als offizielles deutsches Wort registriert worden.
    Er wird im Duden tatsächlich entsprechend Ihrem Verständnis mit „Abneigung gegen den Islam und Muslime“ erklärt. Von einer krankhaften, wahnhaften Angst ist nicht die Rede.
    Beim Begriff „Phobie“, erklärt als „extreme Angst vor bestimmten Objekten und Situationen“, wird im deutschen Wörterbuch der Brockhaus Enzyklopädie auf die Herleitung von griechisch phobein=fürchten hingewiesen.
    Wieso ein Begriff wie „Islamophobie“, der ebenfalls auf dem Wortstamm phobein fußt, gar nichts mit Angst zu tun haben soll, habe ich immer noch nicht begriffen. Aber neue Sprachschöpfungen folgen nicht immer der Logik.
    Der Einschätzung von JaM, dass der Begriff missverständlich ist, stimme ich zu.

    Es stellt sich also heraus, lieber Bronski, dass wir tatsächlich von unterschiedlichen Inhalten gesprochen und deshalb gründlich aneinander vorbeigeredet haben.

    Dass die Hassmail, die Sie zitiert haben, Ausdruck größter Menschenverachtung ist, versteht sich von selbst. Es ist aber sicher nicht die AfD, die diese Enthemmung vor allem in den „sozialen“ Netzwerken ausgelöst hat. Wenn man sich die rassistischen und frauenfeindlichen Äußerungen z.B. eines Donald Trump oder Erdogans Hasstiraden gegen deutsche Politiker anhört und wahrnimmt, welch begeisterte Resonanz diese Ausfälligkeiten bei den jeweiligen Anhängern finden, so scheint mir das ein allgemeiner, internationaler gesellschaftlicher Trend zu sein. Die AfD hängt sich da einfach nur dran.
    Leider kann man auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums solche menschenverachtenden Reden finden, wie mein Beispiel aus der Demonstration gegen die Abtreibungsgegner zeigt.

  48. BvG sagt:

    Zumm Thema Phobie:

    Ich denke, man muss zwischen krankhafter Angst und irrationaler Angst unterscheiden.
    Die „Islamophobie“, wie sie Bronski meint, ist keine krankhafte, sondern eine irrationale Angst, also eine Angst aus falschen Gründen.

    Eine krankhafte und daher zu akzeptierende Angst ist eine Angst aus Dispositionen, die individuell herleitbare Mißinterpretationen der Realität aus biologischen, sozialen und psychologischen Bedingungen beinhaltet.

    Eine irrationale Angst bezieht sich auf gesunde Menschen, die Aufgrund von Falschinformationen in irreale Ängste getrieben werden.

  49. Bronski sagt:

    @ JaM
    „Ihre Einschätzung, der Islamhass trage wahnhafte Züge, teile ich.“

    Das habe ich von Ihnen eigentlich nicht anders erwartet, aber ich freue mich, dass Sie das aussprechen. Gerade um diese Betonung des Wahnhaften geht es mir, und darüber würde ich gern inhaltlich vertieft reden, statt in oberflächlichen Begriffsdiskussionen steckenzubleiben. Aber dazu ist dieser Thread nach dieser Diskussion wahrscheinlich zu verfahren. Möglicherweise habe ich den Fehler gemacht, diese Begriffsdiskussion überhaupt zuzulassen, denn es hat sich ja klar gezeigt, dass sie vom eigentlichen Thema wegführt. Ob Sie es nun Islamophobie oder Antiislamismus nennen wollen – ich wollte das Wahnhafte der Islamhasser thematisieren. Diskussionen stößt man doch am besten mit prägnanten Thesen an, oder?

    „Bringt es uns aber weiter, uns den Kopf über die Handvoll jüdischer AfD-Mitglieder und einiger Hundert Unterstützer zu zerbrechen, statt uns mit den zehntausenden Mitgliedern und Millionen Wählern der AfD zu beschäftigen, unter denen die Juden einen mehr als verschwindende Minderheit sind.“

    Die Handvoll jüdischer AfD-Anhänger war nur der Aufhänger für diese Diskussion, die sich an zwei Leserbriefen entzündet hat. Worum es mir eigentlich ging, das steht im vorangegangenen Absatz, und ich muss es nicht wiederwählen. Auch ich glaube nicht, dass es eine spezifisch jüdische Form von Islamhass oder Islamophobie gibt.

    @ Brigitte Ernst

    Danke für Ihre Mühe und die Recherche. Ein paar Worte meinerseits zu Ihrer folgenden Bemerkung:
    „Es ist aber sicher nicht die AfD, die diese Enthemmung vor allem in den „sozialen“ Netzwerken ausgelöst hat. Wenn man sich die rassistischen und frauenfeindlichen Äußerungen z.B. eines Donald Trump oder Erdogans Hasstiraden gegen deutsche Politiker anhört und wahrnimmt, welch begeisterte Resonanz diese Ausfälligkeiten bei den jeweiligen Anhängern finden, so scheint mir das ein allgemeiner, internationaler gesellschaftlicher Trend zu sein. Die AfD hängt sich da einfach nur dran.“

    Sie beschreiben mehrere hasserfüllte, menschenverachtende Positionen, die heutzutage, wie Sie es so schön formuliert haben, „nicht unbedingt ungewöhnlich“ sind. Die „Freiheit“, solche Dinge ohne jedes Schamgefühl auch in Deutschland auszusprechen, ist nach meiner Beobachtung ein Trend parallel zum Erstarken der AfD in ihrer heutigen … hmmm, nennen wir es Anmutung. Wer nun was begünstigt hat – eine Tendenz zum Hass das Erstarken der AfD oder die AfD das Erstarken von Hassstendenzen –, das ist möglicherweise eine interessante Debatte, die aber, vermute ich, so ausgehen wird wie die zur Frage, was zuerst da war: die Henne oder das Ei. Meines Erachtens hat die AfD ganz klar dazu beigetragen, dass solche Tendenzen zumindest verstärkt wurden, da sich die Menschen, die so was sagen wollen, durch den Erfolg der AfD ermutigt fühlen konnten.

    Das gilt insbesondere für den Islamhass bzw. die wahnhafte Angst vor dem Islam, die ein Alleinstellungsmerkmal der AfD ist. Alle anderen Parteien, mit Ausnahme der FDP, die eine ambivalente Position zu dieser Frage hat, teilen die Einschätzung, dass der Islam zu Deutschland gehört. Die AfD tut das ganz klar nicht. Damit macht sie sich zum Sammelbecken von Islamhassern/Islamophoben. Das ist vermutlich eine absolut bewusste strategische Entscheidung, um eben diese Wählerschichten an sich zu binden. Damit macht sich diese Partei klar erkennbar zum Sprachrohr der Islamhasser/Islamophoben und hebt die Debatte, da die AfD im Bundestag sitzt, auf ganz andere gesellschaftliche Ebenen, als dies früher möglich war. Dadurch befördert sie das, was man früher angeblich nicht sagen durfte. Hass auf den bzw. wahnhafte Angst vor dem Islam gab es aber natürlich auch schon vor dem Auftauchen der AfD, und er/sie wurde auch geäußert. Es war schon immer schwierig, solche Positionen klar von Islamkritik zu unterscheiden, und die Kritiker machten es einem auch nicht immer einfach, da sie ihre Kritik teilweise mit gewaltig viel Schaum vor dem Mund vortrugen.

  50. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ich halte es für problematisch, wenn Laien sich in psychologischen Ferndiagnosen versuchen, wie das in diesem Thread am Beispiel des Herrn Kraushaar zu beobachten ist. Die vom hohen moralischen Ross geübte Sezierung dieses Mannes empfinde ich als unangenehm.

    Was die Gewalt in Flüchtlinsunterkünften anbetrifft, so sind sie sicher zu einem Gutteil den beengten Räumlichkeiten und der Unsicherheit über die anstehenden Entscheidungen der Behörden geschuldet. Dass die Auseinandersetzungen dann meist zwischen unterschiedlichen Religionen und Ethnien ausgetragen werden, also Muslime gegen Christen und Jesiden oder Syrer gegen Kurden (s. FR-Artikel im Mai 2018 „Gewaltausbruch auf Lesbos“), ist wohl nicht allein dem Lagerkoller zuzuschreiben. Diese und ähnliche Vorfälle führten dazu, dass von Seiten der Polizei die räumliche Trennung der Religions- und Volksgruppen gefordert wurde. Inwieweit und wo das tatsächlich umgesetzt wurde, weiß ich allerdings nicht.

    Das führt auf die Frage von Matthias Aupperle vom 22. Oktober, 14:29, zurück: „Wieviel kulturelle und wertemäßige Homogenität hat eine stabile Gesellschaft nötig und wieviel Vielfalt ist möglich?“
    Es ist überall zu beobachten, dass sich Menschen in Gruppen organisieren und der eigenen eher trauen als der fremden bzw. ihre Aggressionen eher nach außen als auf die Ingroup richten.
    In diesem Zusammenhang finde ich auch den Vorwurf gegen das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, zu dem Bronski den wikipedia-Artikel verlinkt hat, interessant. Die Kritik, dass bei der Grenzziehung keine Rücksicht auf ethnische und kulturelle Strukturen genommen wurde, impliziert nämlich das Eingeständnis, dass es Menschen schwer fällt, sich in einem Land mit Angehörigen anderer Ethnien und Religionen zu vertragen. Diese weise Erkenntnis wird dann aber nicht auf die Bevölkerungen europäischer Länder (z.B. Polen und Ungarn) übertragen, die sich gegen die Zuwanderung fremder Religionen und Ethnien wehren. Denen wird Nationalismus vorgeworfen. Das heißt also, Europäer müssen mit dem Leben in multiethnischen Gesellschaften klarkommen, dies von Arabern zu fordern (wie im Dykes-Picot-Abkommen) ist ein Fehler.
    Das halte ich für einen Widerspruch.

  51. JaM sagt:

    @ Bronski
    Zur Islamfeindlichkeit findet man bei Wikipedia folgende interessante Definition: „Laut dem britischen Soziologen Chris Allen schafft Islamfeindlichkeit eine Wirklichkeit, in der es als normal gilt, Muslime als grundsätzlich verschieden von Nichtmuslimen anzusehen und sie folglich auch ungleich zu behandeln.“ Dazu gehört, „den Islam“ unabhängig von der geschichtlichen Entwicklung und unter Vernachlässigung der realen Unterschiede innerhalb dieser Religionsgemeinschaft als eine (fremde) Einheit wahrzunehmen und Muslime unter Missachtung ihrer individuellen Lebenseinstellungen auf ihre Zugehörigkeit zum Islam zu reduzieren. Eine ablehnende und abwertende Einstellung gegenüber Muslimen wird außerdem von Vorstellungen befördert, die sich von der Realität abkoppeln (was man glaube ich in der Psychologie „Phantasie“ nennt) und sich ins Wahnhafte steigern können. Die Stichworte dazu sind Scharia und Kopftuch.

    Das weit verbreitete Missverständnis ist, dass die Muslime durch „die Scharia“ deutsches Recht ersetzen wollen. Dabei ist Scharia, die der Sammelbegriff für religionsrechtliche Vorschriften samt ihrer unterschiedlichen Interpretationen ist, für die überwiegenden Mehrzahl der Muslime eine (mehr oder weniger) verbindliche Richtschnur für ihr individuelles Verhalten innerhalb der gültigen Rechtsordnung. Eine kritische Diskussion des Konzepts der Scharia und ihrer einzelnen Vorschriften, die es auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gibt, ist sicher kein Zeichen für Islamhass. Die übersteigerte Angst vor „der Scharia“ ist aber für Islamhasser kennzeichnend.

    Auch über das Kopftuch von Musliminnen kann man diskutieren, ob es ein Zeichen der Frauenunterdrückung oder ob es der Ausdruck der individuellen Akzeptanz religiöser Normen ist. Für Islamhasser ist eine kopftuchtragende Muslima das Feindbild, was sich auch in zunehmender Zahl von körperlichen Übergriffen bemerkbar macht.

  52. @JaM / 22. Oktober 2018

    Oberflächlich also. Dann bleibe ich mal weiter an der Oberfläche und behaupte noch einmal, dass AfD, Likud und Jüdisches Heim den nationalkonservativen bzw. nationalistischen Parteien zugerechnet werden. Hierzu gehören ebenfalls „Einiges Russland“, die ungarische FIDESZ, die polnische PiS, die Schweizerische Volkspartei, die FPÖ oder die „Fratelli d’italia“. Siehe hierzu auch das „Handbuch Parteienforschung“, darin der Abschnitt „Der rechte Rand des Parteiensystems“. Des weiteren verweise ich auf das Buch des Politologen Jürgen Hartmann „Religion in der Politik: Judentum, Christentum, Islam“. Die Liste lässt sich nahezu beliebig erweitern. In den erwähnten Büchern finden sich entsprechende Bezüge auf Übereinstimmungen in den erwähnten Parteiprogrammen.

    Erinnern möchte ich noch an die Ausgangsfrage: Wird sogar Antisemitismus in Kauf genommen, wenn es um Anti-Islamismus (und nicht um Islamkritik!), um Abschottung gegen Flüchtlinge oder die Abwehr jeglicher Kritik am Verhältnis Israels zu den Palästinensern im Westjordanland geht? Das sind die Fragen, die sich einstellen, wenn man über die 24 Menschen jüdischen Glaubens hört und liest, die der AfD beigetreten sind und dort eine eigene Gruppe bilden.

    Machen Sie doch mal die Nagelprobe in Sachen Instrumentalisierung des eigentlich Unsäglichen: Unmittelbar nach den teilweise gewaltsamen Auseinandersetzung am Rande des G20-Gipfels 2017 in Hamburg forderte der in Limburg an der Lahn ansässige Finanzvermittler Markus Stillger (Mitglied der CDU) auf seiner öffentlichen Internetseite einen „kleinen Holocaust“ an den Demonstranten, unter denen er kaum friedliche vermutete. Im Klartext: Er verlangte einen staatlich organisierten Massenmord an einigen Hundert Menschen.

    Besorgte Bürger, die sich bereits mehrfach gegen Verharmlosungen des NS-Staats gewehrt hatten, erstatteten darauf hin Strafanträge (die später mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit abgelehnt wurden) und unterrichteten die Medien, darunter auch die „Jüdische Allgemeine“ und „Tachles“. Wann haben letztere darüber berichtet bzw. den Vorgang kommentiert? Ich jedenfalls habe nichts gefunden.

    Ist Antisemitismus nur dann relevant, wenn er Kritik am Staat Israel enthält? Exakt zu diesem Punkt hatte ich das neue Buch von Moshe Zuckermann erwähnt.

  53. Matthias Aupperle sagt:

    @all

    Nochmals: Seien wir vorsichtig. Es ist ein alter, politischer Taschenspielertrick, zu definieren, was unangemessene und angemessene Ängste sind. Wer die Ängste definieren kann, übt Macht aus. Viel zu leicht und viel zu unscharf und zu wenig differenziert teilt der Begriff „Islamophobie“ in gute und schlechte Ängste. Das zeigt für mich die ganze Diskussion hier. Was für Windungen und Wendungen werden hier fortwährend vollzogen. Ein Grund mehr, den Begriff besser zu meiden.

    In meinem Umgang mit meinen Mitmenschen versuche ich deren Ängste erst einmal „als real zu nehmen“. Nur so ist ein Dialog möglich – auch mit AfD-sympathisierenden Menschen, die sich als Juden bezeichnen.

    Angst kann bekanntermaßen in Hass umschlagen. Auch Hass ist statthaft. Wenn Homosexuelle an Baukränen aufgehenkt, Frauen gesteinigt, Menschen ausgepeitscht, unbedeckte Frauenhäupter als unsittlich und schamlos angesehen werden, dann bekomme ich Hass und Wut auf die Religion „Islam“. Randbemerkung: Und noch mehr Wut und Hass bekomme ich auf irgend welche Deppen, die behaupten, dies habe alles nichts mit dem Islam zu tun.

    Natürlich weiß, erlebe und fühle ich, dass der Islam und viele Muslime auch friedliebend und tolerant in Erscheinung treten können. Es scheint mir aber, als nähme die Zahl derer langsam stetig ab.

  54. Anna Hartl sagt:

    @Matthias Aupperle
    Ich verstehe nicht, was Sie sagen möchten.

    „Viel zu leicht und viel zu unscharf und zu wenig differenziert teilt der Begriff „Islamophobie“ in gute und schlechte Ängste“.

    Angst, vor wem oder was auch immer, kennt wohl jeder Mensch. Von guten oder schlechten Ängsten, wurde doch gar nicht gesprochen.
    Nur von den Auswirkungen, die Angst, wenn sie unkontrolliert wird, haben kann.

    Ja, Angst kann in Hass umschlagen und ja, auch Hass ist ein Teil der Gefühlswelt des Menschen, wie Wut und Zorn und doch ist es kein Zustand, „auf dem man sich ausruhen kann“, in den man sich wie in einen Kokon hüllen kann um für immer blind zu sein gegenüber den Ursachen, um noch nicht einmal den Versuch zu machen sehen zu wollen, wie zerstörerisch diese Gefühle sind. Auch und zunächst in erster Linie für sich selbst.

    Hass macht unfähig die Verantwortung für dieses Gefühl bei sich selbst zu suchen.

    Die Beispiele die Sie genannt haben, die bei Ihnen Hass und Wut auslösen sind verstörend.
    Hass und Wut ändern aber nichts an der Widerwaertigkeit dessen, was im Namen von Religion auch passieren kann.
    Bin mir nicht sicher, ob es überhaupt etwas gibt, was dagegen hilft.

    Mir kommt es so vor, als ob zu glauben ein höchst zweischneidiges Schwert ist und so wie es aussieht, wohl weniger dazu dient, aus dem Menschen einen Besseren zu machen, denn die, die nicht das gleiche glauben, sind der Dorn im Auge.
    Was ich wiederum nicht verstehe.

  55. BvG sagt:

    @Matthias Aupperle

    Eine Herleitung von kriminellem Verhalten ist eine große Errungenschaft der Rechtsprechung, da diese allein eine korrekte rechtliche Würdigung der Umstände möglich macht. Dies ist aber allein und ausschließlich auf den Einzelfall zu beziehen.
    Ich glaube, es hat niemand behauptet, solche Vergehen hätten nichts mit dem Islam zu tun, sie haben aber ebenso mit allen anderen Religions- und Ideologiegebäuden zu tun.
    Die Essenz ist der Irrglaube und die irrige Überzeugung, man dürfe für ein „hehres Ziel“ andere Menschen unterdrücken, mißhandeln oder gar töten.
    Aus jeder Überzeugung heraus sind Verbrechen begangen worden, gleichviel, welche Überzeugungen es waren.
    Die weitaus größte Masse der Menschen begeht jedoch keine Verbrechen, Verbrechen haben daher wohl etwas mit den Umständen zu tun, werden aber durch Individuen ausgeführt.
    Die Forderung der Menschlichkeit ist, über alle Grenzen der Religion und Ideologie festzulegen, welche Mittel angewendet werden dürfen und welche nicht, inwieweit man Disposition und Verführung als mildernden Umstand gelten lassen darf.
    Es ist ein sehr hohes Rechtsgut, die Verantwortlichkeit eines Täters sehr genau zu betrachten.
    Für die Verantwortlichkiet Dritter gibt es den Begriff der Anstiftung.

  56. Brigitte Ernst sagt:

    @ Anna Hartl/Matthias Aupperle

    Hass ist meiner Ansicht nach ein zwar menschliches, aber wenig hilfreiches Gefühl, weil es blind macht, die Differenzierung erschwert und leicht zu negativen Aktionen verleitet. Bei Wut ist es ähnlich, Menschen bleiben leicht darin stecken und können deshalb Wege verfehlen, positive Veränderungen einzuleiten.
    Deshalb spricht man ja auch von „blinder Wut“ und „blindem Hass“.
    Anders ist es mMn mit dem Zorn. Er wendet sich gegen nachvollziehbar kritisierenswerte Zustände, kann aber eher als der Hass positive Energien wecken, die einen vernünftigen und konstruktiven Umgang mit dem Problem ermöglichen. Daher der Begriff „gerechter Zorn“.

    Ähnlich wie Sie, Herr Aupperle, habe ich allerdings nach wie vor Probleme mit dem Begriff Islamophobie, so wie er hier im Thread verwendet wird, aber u.a. auch aus einem Grund, den Sie noch nicht genannt haben.
    Gerade weil man den medizinisch definierten Unterschied zwischen Phobie und Wahn nicht kennt oder berücksichtigt, wirft man diese Begriffe hier kunterbunt durcheinander.
    Der Patient, der an einem Wahn, etwa einer Paranoia, auch Verfolgungswahn genannt, leidet, glaubt tatsächlich, er werde verfolgt (er wähnt sich verfolgt), und ist davon überzeugt, Verteidigungsmaßnehmen ergreifen zu müssen, um sich selbst zu schützen. Deshalb kann er aggressiv und gewalttätig werden.

    Bei der Phobie ist das anders. Der europäische Patient, der an einer Spinnenphobie leidet, weiß sehr wohl, dass die Spinnen in unseren Breiten uns nicht gefährlich werden können. Dennoch stellen sich bei ihm entgegen der rationalen Erkenntnis beim Anblick einer Spinne körperliche Angst- und Fluchtreaktionen ein: Herzklopfen, Schweißausbrüche, weiche Knie etc., die ihn dazu veranlassen, die angstauslösende Situation so schnell wie möglich zu verlassen oder sie vorsorglich in Zukunft zu meiden. Zur Gewaltakten neigt ein solcher Mensch deshalb nicht, vielmehr ärgert er sich eher über sich selbst und seine irrationale Angst, die er als solche wahrnimmt.
    Die Phobie wird zu den psychischen Krankheiten oder Störungen gezählt.

    Der Wahn dagegen gehört zur Gruppe der Geisteskrankheiten. Diese Patienten bewegen sich zumindest partiell, auf ihren Angstgegenstand bezogen, in einem irrealen Raum.
    Die Paranoia wird bei den psychischen Störungen eingeordnet.
    Wenn man nun Wahn und Phobie in einem Atemzug nennt, wirkt das eher verwirrend als klärend. Dazu kommt noch, dass man dem Islamophobiker ja auch noch schuldhaftes Verhalten vorwirft.

  57. Brigitte Ernst sagt:

    Jetzt habe ich mich selbst vergaloppiert. Die Paranoia/der Wahn werden bei den Geisteskrankheiten eingeordnet.

  58. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Abgesehen davon, dass Sie übersehen, dass ich von „wahnhafter Angst“ gesprochen habe und nicht von Wahn, übergehen Sie auch meine Hinweise darauf, dass diese Begriffe auch umgangssprachlich in Gebrauch sind. Wir reden hier nicht als Fachleute, sondern als Laien, haben aber durchaus das Recht, solche Begriffe zu verwenden. Ich habe klargestellt, dass niemand diskriminiert werden soll und habe um Entschuldigung dafür gebeten, dass offenbar der Eindruck entstanden ist, es sei anders.

    Sie werden mit einem islamophoben Menschen nicht über „den Islam“ diskutieren können. Schon die Differenzierung, dass es „den Islam“ gar nicht gibt, wird er kaum gelten lassen. Er wird mit der Scharia ankommen, mit der Paralleljustiz, vor der die AfD Angst verbreitet, er wird Ihnen gegebenenfalls ein paar Verse aus dem Koran zitieren können, in denen klargestellt wird, wie gläubige Muslime mit Ungläubigen umgehen sollen, oder auch Schriften von islamistischen Predigern zitieren, in denen Muslimen befohlen wird, in den Westen zu gehen und sich da fleißig zu vermehren. Dann kommen gleich die Messerattentate, die von Flüchtlingen in Deutschland verübt wurden, und schon sind wir bei der „Umvolkung“. Das ergibt insgesamt ein wahnhaftes, geschlossenes Weltbild, in dem jemand schon ein Extremist ist, wenn sie Kopftuch trägt. Dieses Weltbild wird ständig aus der Filterblase heraus bestätigt, in der diese Menschen unterwegs sind. Nur deren „Argumente“ lassen sie gelten. Wenn man versucht, darüber zu diskutieren, erlebt man schnell, dass die Betroffenen nicht mit sich reden lassen wollen. Für sie ist der Islam eine faschistische politische Ideologie, die auf die Weltherrschaft zielt, Punkt. Wenn die Islamverbände, lieber Herr Aupperle, diese Fixierung kritisieren, indem sie das Islamophobie nennen, dann haben sie meiner Meinung nach leider recht mit ihrer Kritik.

    Über dieses wahnhafte Bild vom Islam sollten wir reden, nicht länger über Begrifflichkeiten. Die halte ich für ausdiskutiert. Daher darf Herr Aupperle sich noch einmal in dieser Frage äußern, aber dann möchte ich über dieses wahnhafte Bild reden, denn das ist die eigentlich wichtige Diskussion. Dabei lege ich Wert auf die Feststellung, dass die einzelnen „Argumente“ der Betroffenen einen gewissen realen Gehalt haben. Sie sind nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es gibt die blutrünstigen Verse im Koran, es gibt die Scharia und ihre drakonische Auslegung im Iran und anderswo, und es gibt faschistoide Tendenzen. Die Konzentration hierauf, das Außer-Acht-Lassen der anderen Facetten, sogar das Ignorieren dieser Facetten ist typisch für diese Menschen, die an ihrem „Lehrgebäude“ nicht rütteln lassen wollen.

    Die AfD unterstützt solche Tendenzen – und ich behaupte: weil sie deswegen existiert. Zum Beispiel hat sie das versucht, indem sie „den Islam“ im Bundestag zum Debattenthema machen wollte mit der unter „Islamkritikern“ verbreiteten griffigen These, „der Islam“ und die „untrennbar mit ihm verbundene Scharia“ gehörten nicht zu Deutschland. Damit wird unterstellt, dass es Islam ohne Scharia nicht gibt – und zwar der Scharia des AfD-Verständnisses. Das ist eine islamfeindliche Verkürzung, die typisch ist für diesen Ansatz und auch typisch für die Art, wie solche Debatten dann geführt werden. Kein Platz für Differenzierungen. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour hat in derselben Bundestagsdebatte gesagt, die AfD verkürze den Islam auf Gewaltverherrlichungen, Homophobie und Frauenfeindlichkeit. „Es gibt zwei Gruppen, die ausschließlich auf eine Art den Islam interpretieren. Das sind die Islamisten und die AfD“, sagte Nouripour laut einem Bericht von n-tv. Der Vorwurf blieb argumentativ unbeantwortet. Ich denke, Nouripour hat den Nagel auf den Kopf getroffen.

  59. JaM sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens
    Die JAfDler ignorieren den Antisemitismus in der AfD (oder nehmen ihn in Kauf), wenn sie sich von dieser Partei eine Bekämpfung des muslimischen Antisemitismus und die Abwehr von Flüchtlingen versprechen. Auf diesen Widerspruch, den wir hier meiner Meinung nach längst hinreichend beleuchtet haben, haben auch die jüdischen Verbände in ihrer Gemeinsamen Erklärung überdeutlich hingewiesen. Ich verstehe daher nicht ganz, an wen Sie, außer den 24 JAfDler, Ihre Aussage adressieren. Dass „die Abwehr jeglicher Kritik am Verhältnis Israels zu den Palästinensern im Westjordanland“ zu den Motiven für die jüdischen Unterstützer der AfD zählt, bleibt Ihre unbewiesene These. Ohnehin ist mir nicht bekannt, dass aus jüdischen oder anderen Kreisen „die Abwehr jeglicher Kritik am Verhältnis Israels zu den Palästinensern im Westjordanland“ beabsichtigt wird. Es ist mir auch nicht bekannt, dass sich die JAfDler auf die (in Deutschland weitgehend unbekannte) Programmatik des Likud oder der Nationalreligiösen bezogen hätten.

    Die von Ihnen zitierte Äußerung (der Wunsch eines „kleine Holocaust“ an Demonstranten) ist skandalös. Dass sie von den Staatsanwaltschaften nicht als strafbar eingestuft wird, ist leider die Erfahrung aus ähnlichen Anzeigen und wird – wie in der Jüdischen Allgemeinen immer wieder berichtet wird – vom Zentralrat der Juden und anderen jüdischen Organisationen seit Jahren beklagt. Daher werden weit schlimmere Ausfälle kaum mehr zur Anzeige gebracht. Solche antisemitische oder holocaustverharmlosende Hassäußerungen kommen inzwischen so häufig vor, dass auch die Jüdische Allgemeine oder Tacheles nicht über jeden Einzelfall berichten können. Was Sie mit Ihren Ausführungen belegen wollen, verstehe ich nicht. Ich wüsste auch nicht, für wen „Antisemitismus nur dann relevant (ist), wenn er Kritik am Staat Israel enthält“.

  60. JaM sagt:

    @ Matthias Aupperle
    „Wenn Homosexuelle an Baukränen aufgehenkt, Frauen gesteinigt, Menschen ausgepeitscht, unbedeckte Frauenhäupter als unsittlich und schamlos angesehen werden, dann bekomme ich Hass und Wut auf die Religion ‚Islam‘.“
    Genau das ist doch der, auch von Bronski schon thematisierte, Denkfehler: Sie nehmen für unstrittige Missstände auch die Muslime in Haftung, die von solchem Missbrauch ihrer Religion genauso wie Sie Abscheu empfinden und geben den iranischen Mullahs und den wahabitischen Fundamentalisten die alleinige Legitimation zu bestimmen, was „der Islam“ ist.

  61. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bronski

    (…)

    Auch wenn es zu Anfang der Diskussion so schien, als wüssten Sie genau, wo die Grenze zwischen berechtigter Kritik und „Islamophobie“ zu ziehen sei, räumen Sie später immerhin ein: „Es war schon immer schwierig, solche Positionen [Hass bzw. wahnhafte Angst vor dem Islam] klar von Islamkritik zu unterscheiden.“ (24. Oktober, 0:58). Ja, aber wenn ich das nicht klar unterscheiden kann, woher weiß ich dann, wann ich es überhaupt mit Islamophobie zu tun habe? Meinen Sie, wir können das hier im Thread festlegen?

    Und wenn wir dann tatsächlich diejenigen ausgemacht haben, die so undifferenziert aus wahnhafter Angst alle Muslime über einen Kamm scheren und zu keiner Diskussion bereit und/oder fähig sind, (was meines Wissens nicht einmal auf alle AfD-Mitglieder zutrifft), was fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Versichern wir uns unserer intellektuellen und moralischen Überlegenheit und beklagen diese unbelehrbaren wahnhaft Verblendeten, an denen doch Hopfen und Malz verloren ist? Versuchen wir dennoch, sie durch Überzeugung aus den Fängen der AfD zu retten (auch wenn das de facto ja gar nicht möglich ist)?
    Fragen über Fragen.

    Noch eine Klarstellung zur Scharia: „Damit wird unterstellt, dass es Islam ohne Scharia nicht gibt – und zwar der Scharia des AfD-Verständnisses.“ (Bronski, 25. Oktober 10:49)

    Es gibt den Islam tatsächlich nicht ohne Scharia. Sie ist, wir JaM schon richtig sagte und wie es Wikipedia bestätigt,“die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam.“
    Sie umfasst sowohl Vorschriften zur Religionsausübung als auch zur Lebensführung, aber auch ein weltliches Rechtssystem, das in unterschiedlichen islamischen Ländern mit unterschiedlichen Inhalten und in unterschiedlichem Umfang angewendet wird.
    „In westlichen Industriestaaten sowie in sonstigen nicht islamisch geprägten Ländern der Welt kann die Scharia – vermittelt über das jeweilige Internationale Privatrecht – Rechtswirkung entfalten.“ […]

    In diesem Zusammenhang kam es 2007 am Amtsgericht Frankfurt am Main zu einem empörenden Urteil, das zum Glück später aufgehoben wurde.
    Eine aus Marokko stammende Deutsche hatte beantragt, noch vor Ablauf des Trennungsjahres von ihrem ebenfalls marokkanischstämmigen Ehemann geschieden zu werden, weil dieser gewalttätig war und sie mit dem Tod bedroht hatte. Die Richterin wies das Gesuch zurück mit der Begründung: „Für diesen Kulturkreis ist es nicht unüblich, dass der Mann gegenüber der Frau ein Züchtigungsrecht ausübt. Hiermit musste die in Deutschland geborene Antragstellerin rechnen, als sie den in Marokko aufgewachsenen Antragsgegner geheiratet hat.“ (Näheres in Spiegel Online, 21.03.2007.)

    Anmerkung Bronski: In diesem Kommentar wurden Passagen gelöscht. Ich hatte darum gebeten, die Diskussion um die Begrifflichkeit zu beenden. Die veröffentlichten Passagen führen hingegen dankenswerterweise ins Thema zurück. Vielen Dank dafür.

  62. Ich hasse niemanden und die meisten Menschen, die ich kenne hassen auch niemanden. Ich kenne aber auch Menschen, die andere Menschen hassen. Sie wollen mir weismachen, dass ihr Hass begründet ist in dem Objekt, dass sie hassen; heutzutage die Muslime.
    Ich bin mir sicher, dass diese Menschen auch dann noch hassen, wenn es keine Muslime mehr in Deutschland gibt. Dann findet ihr Hass ein anderes Objekt (die EU, Frauen, Katholiken, Polen, Asiaten, Bayern München, etc., etc.). Wenn man sich also mit dem Thema beschäftigt, sollte es mMn um die Frage gehen, warum diese Menschen hassen und nicht wen sie hassen.

  63. Anna Hartl sagt:

    @Henning Flessner
    Gute Frage Herr Flessner. „Warum diese Menschen hassen und nicht wen sie hassen.“

    Antworten?

    Ich habe keine.

    Für Hass muss man glaube ich „blind und taub“ gegenüber der Menschlichkeit des anderen sein. Nur das im anderen zu sehen womit man vermeintlich nicht leben kann.

  64. BvG sagt:

    Zitat H.Flessner: „Wenn man sich also mit dem Thema beschäftigt, sollte es mMn um die Frage gehen, warum diese Menschen hassen und nicht wen sie hassen.“

    Interessante Frage.

    Da wäre zu klären, ob dem Ziel des Hasses eine Mitschuld zugewiesen werden kann, also ob Hass extrinsisch oder intrinsisch begründet oder beides ist.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Hass

    Gibt es also „hassende“ und „hassenswerte“ Menschen im Sinne persönlicher, moralischer oder ideologischer Defizite, die sich gegenseitig mittels ihrer Vernichtungskraft messen müssen?
    Gibt es scheinbar unlösbare Konflikte, die mangels eigener Fähigkeiten auf das Hassziel projiziert werden müssen?
    Oder gibt es das archaische Denken, daß man mit Opferungen zum Gefallen unverstandener Mächte ein Schicksal von sich abwenden kann?

    Nach der Lektüre vieler philosophischer und religiöser Schriften gibt es für mich eine Antwort:

    Kein Mensch kann wirklich wissen, und wer nicht weiß, der darf auch nicht hassen.
    Jeder darf aber unwissend zu lieben versuchen.

  65. Ich kenne zu wenig hassende Menschen, um verallgemeinern zu können. Ich glaube aber bei den wenigen Gemeinsamkeiten zu erkennen. Sie leben in gesicherten finanziellen Verhältnissen, sind aber mit sich und ihrem Leben nicht zufrieden. Sie haben keine Ziele mehr und fühlen sich und ihr Tun nicht ausreichend gewürdigt (Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls heißt es bei Wikipedia).

  66. Brigitte Ernst sagt:

    @ BvG

    „Kein Mensch kann wirklich wissen, und wer nicht weiß, darf auch nicht hassen.“

    Kann man jemandem ein Gefühl verbieten?
    Ein denkender, fühlender Mensch sollte über seine Gefühle reflektieren, aber ob man sie mithilfe der Ratio immer unterdrücken kann, ist die Frage.
    Tief sitzender flottierender Hass, von dem H. Flessner spricht und der von Erich Fromm als charakterbedingter Hass bezeichnet wird, müsste tiefenpsychologisch bearbeitet werden. Das Problem ist allerdings, dass jemand, der einen solchen Hass verspürt, nicht auf die Idee käme, sich behandeln zu lassen, weil er den Grund des Hasses ja bei anderen sieht und nicht merkt, dass er an sich selbst leidet.

    Ich selbst entdecke bisweilen durchaus Hassgefühle bei mir, und zwar kurzzeitig, wenn ich mich bedroht oder schlecht behandelt fühle. Nach einer Weile und einigem Nachdenken legt sich die Wut aber meistens, und ich ermahne mich zu größerer Toleranz mit den Schwächen und Verirrungen meiner Mitmenschen – weil ich ja auch nicht frei davon bin. Und wer will denn auch ständig mit Brass im Bauch herumlaufen? Das macht doch nur schlechte Laune.

    @ All

    Zurück zum Thema des Islamhasses als möglicher Begündung für die Affinität der 24 jüdischen AfD-Mitglieder zu dieser Partei. Wir haben die Äußerungen von Herrn Kraushaar (im von I.Werner verlinkten Text) vorliegen. Er nennt diverse Gründe für seine Mitgliedschaft in der AfD. Unter anderem erwähnt er auch die Erfahrung von gewalttätigem muslimischem Antisemitismus, die sein Sohn gemacht hat. Ob sich Herr Kraushaar deswegen in einer von Bronski als islamophob bezeichneten wahnhaften, undifferenzierten Vorstellung vom Islam verfangen hat, kann man aus dem Interview nicht entnehmen. Da kann man nur spekulieren.

  67. Anna Hartl sagt:

    @BvG
    Gefühle scheinen nicht danach zu fragen, ob sie dürfen oder nicht auch im Falle der Liebe nicht und wie „unwissend“ wir beim Thema Liebe sind zeigt sich häufig. Das wir es versuchen dürfen ist schön, die Folgen nicht immer.

  68. JaM sagt:

    @ Brigitte Ernst
    Es mag schwierig sein, „die Grenze zwischen berechtigter Kritik und ‚Islamophobie‘ zu ziehen“. Daher stimme ich Ihnen zu, dass man Herrn Kraushaar anhand seiner Äußerungen nicht unterstellen sollte, er sei ein Islamhasser. Man kann ihm und den anderen JAfDlern aber durchaus vorhalten, dass sie eine Partei legitimieren, deren Führung Fremde und Flüchtlinge ausgrenzt und abwertet sowie Hass auf Muslime verbreitet. Dies kritisiere ich insbesondere von meinem jüdischen Standpunkt und habe deshalb die Erklärung der Zeitschrift „Jalta“ unterzeichnet, auch in der Hoffnung, durch Argumente andere Jüdinnen und Juden zu überzeugen, die AfD nicht zu unterstützen. Wenn ich für eine offene, demokratische Gesellschaft eintrete, die Minderheiten schützt und respektiert, aber auch von Minderheiten den Respekt vor der Rechtsordnung anfordert, muss ich mir nicht von Ihnen vorhalten lassen, mich nur „unserer intellektuellen und moralischen Überlegenheit“ zu versichern.

    Welche Schlussfolgerungen Sie aus Ihrer „Klarstellung zur Scharia“ ziehen, ist mir nicht klar. Sicher gibt es keinen Islam ohne Scharia. Aber es gibt auch kein Judentum ohne Halacha, aber auch kein Christentum ohne religiöse Anforderungen auf die Lebensführung und Gestaltung einer (gerechten) Gesellschaft, wie sie nicht nur in der christlichen Soziallehre zum Ausdruck kommt.

    Die von Ihnen zitierte Passage aus der Urteilsbegründung hilft mir nicht zu verstehen, worauf Sie hinauswollen. Der Skandal besteht nicht darin, dass die Richter am Amtsgericht Frankfurt sich mit Fragen der Scharia auseinandergesetzt haben. Bei Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, muss für Ehe- und Familienstreitigkeiten grundsätzlich das dort gültige Recht beachtet werden, auch wenn es sich nach der Scharia richtet. Skandalös ist, dass das Gericht nicht erkannt hat, dass die herangezogenen Bestimmungen des Marokkanischen Eherechts nicht anwendbar sind, weil sie den Grundrechten unserer Verfassung widersprechen.

  69. Werner Engelmann sagt:

    A propos der Bundestagsrede von Omnid Nouripour (Link von Bronski):
    Ähnlichkeit des Denkens von AfD und Islamisten dürfte sich wohl nicht nur bei der Koraninterpretation feststellen lassen. Dass „der Islam“ für die AfD ein Hassobjekt darstellt, verweist auch, ex negativo, auf unterschwellige – nicht eingestandene – Faszination, die weit darüber hinausgeht.
    So wären als Gemeinsamkeiten auch grundsätzliche Probleme mit Toleranz und patriarchal geprägtes bzw. „völkisches“ Denken zu nennen. Was den einen die „Umma“, ist den anderen der ethnisch „reine“ Volkscharakter.

    Auch Henning Flessners Zuspitzung auf die Frage, „warum diese Menschen hassen und nicht wen sie hassen“ führt sicher einen Schritt weiter.
    Zur Motivation von Juden, sich ausgemachten Antisemiten anzuschließen, möchte ich mich über die von Herrn Kraushaar selbst gegebenen Hinweise hinaus nicht äußern und dies Berufeneren überlassen.

    Was die AfD betrifft, erscheint ein Versuch der Deutung aber lohnenswert.
    Sich dabei allein auf „Islamophobie zu beziehen, wäre aber doch verkürzend. Ebenso wie der Versuch, dies allein an der Flüchtlingsproblematik festzumachen (was durchaus in deren Sinn wäre.)

    Um auf die Fragestellung von BvG einzugehen:
    Verschiedene weitere Merkmale verweisen auf eine ausschließlich intrinsische Motivation.
    So etwa die Selbsternennung zu Anwälten der „Entrechteten“, während man gerade auf die bedauernswertesten Menschen ohne die geringste Empathie eindrischt, was das Zeug nur hält. Und die sozialpolitischen Vorstellungen im AfD-Programm sprechen dieser Behauptung Hohn.
    Die Präsenz der AfD in Bundestag und Landtagen hat es ausreichend bewiesen: An keiner Stelle geht es um die Sache, schon gar nicht um das Wohl der Menschen. Es geht immer um eigene Befindlichkeiten und Hassgefühle, um völkisch-nationale Identifikation und Selbstüberhebung als vermeintliche Inkarnation „des Volkes“ schlechthin.
    Wie weit dies wahnhafte Züge trägt, sei dabei dahingestellt. Wichtiger ist wohl die Feststellung, dass Heuchelei bzw. Selbstbetrug zu den Grundmerkmalen gehört.

    Als AfD-typisch bedarf auch der durchgehend festzustellende Hass auf „Etablierte“, vermischt mit Intellektuellenhass, der Analyse: Auch hier mit Hang zu pseudorevolutionärem Revoluzzertum.
    In diesem Zusammenhang ist wohl die höchst widersprüchliche, von Neid und Hass bestimmte Beziehung zu den „68ern“ von Bedeutung.
    Einerseits lässt die Orientierung an Aktionsformen der 68er den Versuch erkennen, revolutionäre Elemente zu entleihen. Zugleich aber sind „die 68er“ – wie „der Islam“ – das Hassobjekt schlechthin.

    Der entscheidende Grund hierfür dürfte im Umgang mit der eigenen nationalen Vergangenheit zu finden sein.
    68er waren in erster Linie von dem Impetus geprägt, die verheerenden Fehler der Elterngeneration künftig zu verhindern, die Faschismus erst ermöglichten. Trotz einiger Verabsolutierungen und Verirrungen: Die scharfe Abgrenzung von der Elterngeneration, insbesondere von deren Versuchen der Verdrängung, spiegelt zugleich die Bereitschaft wider, dieses schwere Erbe für sich selbst anzuerkennen.

    Hierin liegt wohl der entscheidende Unterschied zu AfD-Anhängern.
    Relativierungs- und Rechtfertigungsversuche von Holocaust und Nazismus stellen sicherlich auch eine Rückkehr zu den von der Elterngeneration der 68er gepflegten Verdrängungsmechanismen dar. Sie sind in ihrer Aggressivität aber mehr als das.
    Hier deutet sich eine Wiederholung dessen an, was Alfred Andersch in der autobiographischen Erzählung „Der Vater eines Mörders“ am Beispiel des von erbitterter Feindschaft geprägten Verhältnisses von Heinrich Himmler zu seinem Vater, Oberstudiendirektor in Griechisch und Latein, auf eindrucksvolle Weise analysiert:
    Die „Revolte“ des jungen Himmler wendet sich gegen den noch verbliebenen Rest an Humanität des autoritären Vaters, kumuliert dessen Zynismus mit eigenem abgrundtiefem Hass zu davor nie gekannter Menschenverachtung.

    Verbale Hassorgien, Islamophobie, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, nationalistisch-pseudorevolutionäre Selbstüberhebung und Heuchelei erweisen sich so als unterschiedliche Erscheinungsformen einer Sucht nach Selbstbestätigung im Negativen, kumulierend in zynischer Menschenverachtung.

  70. Matthias Aupperle sagt:

    @ all

    Entschuldigung, dass ich erst jetzt trotz mehrmaliger Ansprache reagiere, aber ich war anderweitig beschäftigt.

    Wir sind uns vermutlich alle einig, dass es verschiedene Erscheinungsformen des Islams gibt. Die negative Erscheinungsform dieser Religion ist die, bei denen sich ihre Gläubigen eng und wortgetreu an die Texte des Korans halten und zeitgemäße Interpretationen ablehnen. Diese Glaubenspraxis führt dann je nach Ausprägung zu Mord und Totschlag und in einer gemäßigteren Variante zum sog. „Politischen Islam“, den man durchaus als faschistoid bezeichen kann (@ JaM insofern missbrauchen die Mullahs und die wahabitischen Imame ihre Religion nicht, sie legen den Koran nur wortgetreu aus).

    Wie Bronski am 25.10. um 11.30 Uhr in Absatz 2 treffend beschrieb, konzentrieren sich die Vertreter der AfD mit ihrer Kritik nur auf die negative Erscheinungsform des Islams. Sie ignorieren damit die friedliebende und tolerante religiöse Praxis vieler anderer Muslime und nehmen sie in eine Art Sippenhaft. Dass dann ausgerechnet die konservativen Islamverbände, diese Kritik als „islamophob bezeichnen“ ist heuchlerisch und falsch; denn genau auf diese Islamverbände, als Vertreter einer mehr wortgetreuen Koranauslegung, trifft die Kritik m. E. voll zu (@ Bronski!).

    Die Vorgehensweise der AfD ist aber nichts Ungewöhnliches. Diskutieren Sie einmal mit einem politisch sehr linken Zeitgenossen die Vorzüge einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Auch dieser sehr linke Zeitgenosse wird viele Allgemeinwohl-Aspekte des Kapitalismus ignorieren. Er hat eine wahnhafte „Marktwirtschaft-Phobie“. Er lebt halt, um es mit Bronskis Worten auszudrücken, in seiner Filterblase. Auch er hasst. Und zwar die Kapitalisten und Großkonzerne. Solche Muster und Vorgehensweisen sind in der politischen Auseinandersetzung oft anzutreffen.

    Omid Nouripours Antwort im Bundestag, die AfD habe ein Koranverständnis wie Islamisten ist nur rethorisch gut. Interessanter und zielführende finde ich hier Werner Engelmanns Überlegungen hinsichtlich der Gemeinsamkeiten im patriachialischen Denken.

    Für mich wird unsere offene Gesellschaft derzeit von drei Extremen bedroht: Erstens: Von Linksextremisten, die m. E. auch(!) immer noch am linken Rand der Partei „die Linke“ sich tummeln und anderen Linksextremisten, die beim Gipfel in Hamburg ihre Gewaltbereitschaft zeigten. Zweitens: Von Rechtsextremisten, die wiedererstarkt sind und die m. E. den gesamten rechten Flügel der AfD dominieren. Drittens: Von religiösen Fundamentalisten des Islams, die mit ihrer Glaubenspraxis weit in den muslimischen Teil der deutschen Gesellschaft eingedrungen sind.

  71. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    „So wären als Gemeinsamkeiten auch grundsätzliche Probleme mit Toleranz und patriachal geprägtes bzw. „völkisches“ Denken zu nennen.“

    Für mich deutet sich in dieser Partei auch die Rückkehr zum autoritären „Familienoberhaupt“ im kleinen und einer autoritären Staatsführung im großen an.
    Der Versuch ein Generationenbild zu erschaffen nach ihren Vorgaben. So hat der Deutsche zu sein und so wird es überliefert. Alles was anders ist, hat keinen Platz.

    Hier trifft sich für mich das Denken der AfD mit Herr Krauskopf, der ja nach seinen eigenen Worten der Meinung ist, dass junge Menschen zu viel Freiheit haben und an die Kandare genommen werden müssen.
    Ich sehe hier den Wunsch nach Autorität in der ausuebenden und fortführenden Form.

    Die Angst vor dem befürchteten Untergang der „eigenen Nationalität“ ist groß. Auch in anderen Ländern der EU.
    Die Mittel derer, die diesen vermeintlichen Untergang verhindern wollen, sind abstoßend.

    Der Mensch und “ die Welt“ befinden sich in einem ständigen Wandel. Dies verhindern zu wollen führt im Einen wie im Anderen zu großen Spannungen und bindet unglaublich viel Energie gerade im Bezug auf die Auseinandersetzung mit der AfD, da sie immer wieder verschleiert und ablenkt von den Problemen die drängend sind und die Mehrheit, die sich nicht mit deren „Zielen“ identifiziert, in die Beschäftigung mit dieser Ansammlung von was auch immer zwingt.

    Hat von denen keiner unter einem autoritären Vater oder Staat gelitten? Oder geht es nur darum diese auszuüben, erfahren sollen es die Anderen?

  72. Stefan Briem sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Hut ab vor Ihnen, Frau Ernst. Sie haben ein beeindruckendes Kunststück vollbracht. Sie fordern mehr oder weniger direkt ein Denkverbot. Wir dürfen hier nicht darüber nachdenken, ob Islamhass bei manchen eventuell wahnhafte Züge hat. Sie wollen uns/mir den Begriff Islamophobie verbieten. Das Nachdenken darüber dient nur dem Zweck, dass wir uns unserer intellektuellen und moralischen Überlegenheit versichern wollen. Gerade Sie, die zu jedem Thema etwas besser weiß, fordern so was. Das ist schon stark. Allein die Forderung nach diesem Denkverbot ist bereits Ausdruck einer intellektuellen und moralischen Überlegenheit, nämlich Ihrer. Das nötigt mir Respekt ab. Was für eine Anmaßung!

    Mich bewegt dieses Thema sehr. Viel mehr, als es wohl sollte, denn das hier ist ja nur eine Blogdebatte. Islamhasser sind ja nicht die einzigen Menschen, die sich krampfhaft an etwas klammern, was bei Vernunft betrachtet viel tiefer gehängt werden sollte. Allerdings kenne ich keinen anderen Blog, in dem diese Dinge so angesprochen werden, dass man derart kontrovers darüber diskutieren kann. Das sollte man unterstützen und nicht mit Denkverboten belegen.

  73. Werner Engelmann sagt:

    Wir diskutieren hier (u.a.) über 24 nationalistische jüdische Deutsche, deren Verhalten uns wohl allen unbegreiflich ist.
    Wer sich die wirklichen Relationen vergegenwärtigen will, dem sei eine Reportage auf Phoenix empfohlen: über einen offen neofaschistischen Aufmarsch von 60.000 polnischen Jugendlichen, mit Fahnen, Fackeln und Trara in bekannter Manier, mit „Verteidigung Europas“ auf den Lippen, als „Pilgerreise in den Wallfahrtsort Jasna Góra“ deklariert, mit dem Segen von Teilen der polnischen katholischen Kirche und der rechtsnationalistischen PiS-Regierung.
    Ein Geschehen, das mich sehr viel mehr bekümmert:

    „Mein Ausland spezial: Gott – Ehre – Vaterland – Polens Nationalisten marschieren auf“
    (https://www.phoenix.de/sendungen/dokumentationen/mein-ausland/spezial-gott—ehre—vaterland—polens-nationalisten-marschieren-auf-a-334232.html)

    Vom Ausland aus ist die Sendung leider nicht mehr abrufbar. Vielleicht geht es aber in Deutschland.

  74. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl, 27. Oktober 2018 um 9:16

    „Der Versuch ein Generationenbild zu erschaffen nach ihren Vorgaben. So hat der Deutsche zu sein und so wird es überliefert. Alles was anders ist, hat keinen Platz.“

    Dazu fällt mir der Film „Kolberg“ ein, im Auftrag von Goebbels im Januar 1945, kurz vor Kriegsende, uraufgeführt, für den eigens einige tausend Soldaten von der Ostfront abgezogen wurden.
    Der „Führer“ und Goebbels sollen den Film im Bunker mehrmals unter größter „Rührung“ angesehen haben. Goebbels habe dabei geschwärmt, für eine solches „Vermächtnis an die Nachwelt“ lohne es sich, „jetzt stark zu sein“.

    Darin die weltentrückte Szene mit Heinrich George und Kristina Söderbaum, in der diese von einer Welt schwärmen, in der alles um sie herum nur noch „Deutsch spricht“. Und der Film endet mit den Worten Horst Caspars (Gneisenau): „Das Volk steht auf zur kommenden Völkerschlacht, Majestät. Der Sturm bricht los!“
    (Vgl. dazu Wikipedia)

    Na, wenn da noch einer behauptet, dass es keine Welt-, Geschichts- und Generationenbilder gebe, für die das Attribut „wahnhaft“ angemessen ist!

  75. @Stefan Briem
    Ich halte Ihren Angriff auf Frau Ernst für unberechtigt und unhöflich.

  76. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Danke, Herr Flessner!
    Sie gehören zu den Usern hier im Blog, die sich nie im Ton vergreifen. Wofür ich auch bei mir nicht immer garantieren kann. Meine Anerkennung.

    @ Stefan Briem

    Ach, Herr Briem, da waren wir vor zwei Wochen (11. Oktober 2018, 19:07) kurz davor, doch noch Freunde zu werden, und nun sowas. Ich bin untröstlich!

    Ansonsten würde ich Sie darum bitten, in Zukunft etwas genauer zu lesen und sich mehr Mühe zu geben, das Gelesenen auch zu verstehen.
    Wo habe ich Denkverbote erteilt? Ich habe, wie es meine Art als denkender Mensch ist, mir herausgenommen, Begriffe, Definitionen und Werturteile zu hinterfragen, nicht mehr und nicht weniger. Und dann kann es passieren, dass ich die Mainstream-Meinungen, die hier geäußert werden, auch mal quer bürste. Dass ich nicht alles, was ein AfDler je gesagt hat, automatisch für igitt halte. Dass ich nachfrage, woher die hier geäußerten Gewissheiten kommen, dass Juden, die der AfD beitreten, per se von wahnhafter Angst getriebene Islamophobiker sein müssen. Dass ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen, anstatt sie in Bausch und Bogen zu verdammen.

    Ja, ich kann verstehen, dass ich manchmal nerve. Zum Teil, weil ich mich nicht mit ausgelutschten Pauschalurteilen zufriedengebe, zum Teil auch, weil ich mich dann durchaus auch mal allzu sehr in ein Thema verbeißen kann und nicht lockerlasse.
    Im Übrigen habe ich niemandem den Mund verboten. Jeder hat das Recht, meiner Position mit Argumenten zu widersprechen. Mit Argumenten, nicht mit absurden Anwürfen.
    Darum würde ich auch Sie bitten, lieber Herr Briem.

  77. Brigitte Ernst sagt:

    @ JaM

    Worauf ich mit meinen Informationen zur Scharia hinauswollte:

    Erstens wollte ich Bronski entgegenhalten, dass es tatsächlich keinen Islam ohne Scharia gibt, was er bezweifelte (s. Zitat).

    Zweitens wollte ich an einem Beispiel zeigen, dass die Islamskeptiker Recht damit haben, dass die Scharia in Teilen in unser Rechtssystem eingreift. Und der Skandal an meinem Beispiel besteht für mich darin, dass eine Richterin an einem deutschen Gericht so urteilen kann und daraufhin zwar nach großen Anstrengungen der Verteidigerin wegen Befangenheit von diesem Prozess abgezogen wird, aber dennoch, wenn sie nicht mittlerweile die Pensionsgrenze überschritten hat, bis heute ihr Richteramt ausübt.
    Wie ein solcher Fall hätte ausgehen können, wenn mehr reaktionäre Muslime in der deutschen Justiz tätig wären, möchte ich mir lieber nicht ausmalen.

  78. JaM sagt:

    @ Matthias Aupperle
    „Die negative Erscheinungsform dieser Religion (des Islam, JaM) ist die, bei denen sich ihre Gläubigen eng und wortgetreu an die Texte des Korans halten und zeitgemäße Interpretationen ablehnen. Diese Glaubenspraxis führt dann je nach Ausprägung zu Mord und Totschlag und in einer gemäßigteren Variante zum sog. ‚Politischen Islam‘, den man durchaus als faschistoid bezeichnen kann.“
    Diese verallgemeinernde Kritik des Islam wird auch in diesem Blog immer wieder bemüht. Aus meiner Position eines religiös-liberalen Juden fühle ich mich den Muslimen verbunden, die um eine zeitgemäße Interpretation des Islam ringen. Trotzdem (oder gerade deshalb) zweifle ich daran, dass die „enge und wortgetreue“ Auslegung der Texte des Korans die Ursache mancher üblen „Glaubenspraxis“ innerhalb des Islams ist. Aus Diskussionen mit Muslimen habe ich zum einen gelernt, dass die Texte des Korans weit mehrdeutiger sind, als es uns die (immer interpretierende) Übersetzung vermittelt. Auch diejenigen, die das heutige Arabisch sprechen, sind auf eine „Übersetzung“ der Sprache des Korans angewiesen. Außerdem gilt für den Koran analog die Aussage von Pinchas Lapide: „Die Bibel kann man entweder ernst, oder wörtlich nehmen.“
    Zum anderen ist es leicht, uns vorzumachen, dies oder jenes sei eine „enge und wortgetreue“ Auslegung der Texte des Korans, da wir uns im Koran nicht auskennen (was auch für die Mehrheit der Muslime gilt). Ich habe erlebt, wie eine Hamburger Imamin einen konservativen Vertreter des Islams auseinander genommen hat, der sein patriarchales Verständnis der Stellung der Frau im Islam mit dem Koran zu begründen suchte. Im Übrigen: Die Verteidigung der patriarchalen Ordnung findet man nicht nur bei konservativen Muslimen, sondern genauso bei syrischen Christen oder bei Russlanddeutschen.
    Omid Nouripours Antwort im Bundestag, die AfD habe ein Koranverständnis wie Islamisten, halte ich daher für zutreffend, zumal er den Koran vermutlich besser als Sie und ich kennt.

  79. Matthias Aupperle sagt:

    @ JaM

    1. Zitat: „Diese verallgemeinernde Kritik des Islam wird auch in diesem Blog immer wieder bemüht“.
    Bitte lesen Sie alles: Ich habe nicht verallgemeinert sondern ausdrücklich zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen des Islams differenziert. Das war mir ein Anliegen, als ich den Text schrieb. Und darum bemühen sich übrigens alle hier.

    2. Zitat: „Trotzdem (oder gerade deshalb) zweifle ich daran, dass die „enge und wortgetreue“ Auslegung der Texte des Korans die Ursache mancher üblen „Glaubenspraxis“ innerhalb des Islams ist.“
    Da gibt es nichts zu bezweifeln. Die geistlichen Herren im Iran und in Saudi Arabien führen die Textstellen ja wortwörtlich für ihre, wie Sie schreiben, „üble Glaubenspraxis“ an und begründen sie damit. Sie schreiben von „mancher üblen Glaubenpraxis“. Ich empfinde diese Formulierung als eine arge Verharmlosung, wenn ich lese, was in diesen Ländern und anderen muslimischen Gesellschaften so passiert. Der Zusammenhang zwischen wortgetreuer Koranauslegung und den furchtbaren Geschehnissen und Entwicklungen in den muslimischen Gesellschaften wird in den Büchern von Hamed Abdel-Samad übrigens gut dargestellt.

    „Aus meiner Position“ als Atheist kann ich mit dem Pinchas-Lapide-Zitat nichts anfangen. Bis vor 5 Minuten kannte ich Pinchas Lapide noch nicht. Er gilt lt. Wikipedia als Religionswissenschaftler. Mit der Kombination aus „Religion und Wissenschaft“ habe ich allerdings ernsthafte Schwierigkeiten.

  80. Brigitte Ernst sagt:

    @ JaM

    Nicht nur der Koran, sondern auch die Hadithe sind eine wichtige Grundlage für den Islam. Wikipedia nennt sie die zweite Quelle der islamischen Normenlehre. Sie überliefern Aussprüche und Handlungen Mohammeds und Aussagen und Handlungen Dritter, die dieser schweigend gebilligt haben soll.
    Und wie vielfältig und unterschiedlich beide Glaubensquellen interpretiert werden können, zeigt sich ja an der Vielfalt der religiösen Strömungen des Islams.
    In meinen Augen ist aber nicht die von irgendwelchen Schriftgelehrten mühevoll herausgearbeitete Auslegung einer religiösen Schrift für eine Gesellschaft wichtig, sondern das, was real von den Gläubigen gelebt wird, entsprechend dem Matthäus-Evangelium: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, was auch der Aufklärer Lessing in seinem Drama „Nathan der Weise“ mit der Ringparabel ausdrücken wollte.
    Und da ist für mich und für moderne Muslime die UN-Menschenrechtscharta der Maßstab. Folglich muss man schauen, in welchen islamischen Ländern diese Menschenrechte in der Bevölkerung und bei den Herrschenden Gültigkeit haben.

    Wie es diesbezüglich unter den Muslimen Deutschlands aussieht, durchschaue ich nicht. Allerdings kritisiert die Gründerin der liberalen Berliner Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee, Seyran Ates, dass sowohl in der Islamkonferenz als auch durch das Islam-Institut der Berliner Humboldt-Universität eben gerade die konservativen und nicht die liberalen Kräfte des Islams unterstützt werden (s. Deutschlandfunk Kultur, 29.06.2018).
    Bedrückend finde ich, dass eine solche Frau, die als Anwältin muslimische Frauen unterstützt und sich nun für die Entwicklung eines europäischen Islams engagiert, wegen der heftigen Anfeindungen, denen sie durch andere Muslime ausgesetzt ist, erst angeschossen und lebensgefährlich verletzt wird und nun seit Jahren auf verstärkten Polizeischutz angewiesen ist. Welches Licht wirft das auf den Islam in Deutschland?

  81. Stefan Briem sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Was ich oben geschrieben habe, habe ich nicht geschrieben, um Sie zum Diskutieren aufzufordern. Mit Dogmatikern kann man nicht diskutieren, das zeigt schon die Erfahrung. Menschen, die anderen vorzuschreiben versuchen, worüber sie zu reden haben und worüber nicht, haben sich für jede Diskussion diskreditiert.

    Ihr letzter Kommentar ist auch wieder so ein Beispiel. „Welches Licht wirft das auf den Islam in Deutschland?“ fragen Sie manipulativ. Gar keins. Es wirft ein Licht auf die Muslime in Deutschland. Das ist wohl ein und dasselbe, oder? Was bezwecken Sie mit solchen tückischen Fragestellungen? Sind Sie etwa islamophob?

  82. @Stefan Briem
    Ich weiß nicht, warum Sie sich hier beteiligen. Wenn man jemanden von seinen Argumenten überzeugen will, dann kann man das nur, wenn es auf der Beziehungsebene keine Konflikte gibt. Man überzeugt niemanden, wenn man ihm gleichzeitig gegen das Schienbein tritt.
    Aber vielleicht wollen Sie gar nicht überzeugen, sondern nur mal in Ihren Worten „richtig einschenken“.
    Aber daran hat hier, glaube ich, kaum jemand Interesse.

  83. @Brigitte Ernst
    Wir wissen natürlich nicht, was die Richterin gedacht hat. Mein erster Gedanke war, dass sie eher islamfeindlich eingestellt ist und ein Urteil gefällt hat nach dem Motto «schlagen mit den eigenen Waffen».
    „.. und nun seit Jahren auf verstärkten Polizeischutz angewiesen ist. Welches Licht wirft das auf den Islam in Deutschland?“
    Wichtige Politiker sind in Deutschland seit Jahrzehnten auf verstärkten Polizeischutz angewiesen. Welches Licht wirft das auf das Christentum in Deutschland?
    Ich halte das Argument für verunglückt. Wenn die man Universalie „Islam“ ersetzt durch „alle Muslime“ wird es in meinen Augen deutlich.

  84. Stefan Briem sagt:

    @ Henning Flessner

    „Ich weiß nicht, warum Sie sich hier beteiligen“.

    Ich glaube nicht, dass Sie das Recht haben, meine Beteiligung hier in Frage zu stellen, aber ich will Ihnen diese Frage beantworten: um Meinungen mit universalem Anspruch entgegenzutreten. Das bezieht Sie ein.

  85. JaM sagt:

    Zu den „Ähnlichkeit des Denkens von AfD und Islamisten“ zählen Sie das „‚völkische‘ Denken“, und schreiben: „Was den einen die ‚Umma‘, ist den anderen der ethnisch ‚reine‘ Volkscharakter“. Damit bemühen Sie einen „Kampfbegriff“ der Islamhasser, allerdings zu unrecht: Die Umma, die Gemeinschaft der Muslime, umfasst alle Angehörige dieser Religion, unabhängig von deren nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit, egal ob sie als Muslime geboren oder den Islam angenommen haben. Dies ist das Gegenteil von völkischem Denken.

  86. Brigitte Ernst sagt:

    @ Stefan Briem

    Eine Antwort erübrigt sich. Ich werde mich nicht zu Ihnen auf eine derartige Gesprächsebene herablassen.

    @ Henning Flessner

    Was mir zu dieser Richterin einfällt, ist „Frauenfeindlichkeit“, „Menschenverachtung“ und „Verfassungsfeindin“. Auf den Gedanken, sie könnte islamfeindlich eingestellt sein, bin ich noch nicht gekommen. Ich werde darüber nachdenken.

    Mit „Islam in Deutschland“ meinte ich die Frage, wer unter den Muslimen in Deutschland wohl die Tonangebenden sind, die Gewaltbereiten, Islamistischen, gemäßigt Konservativen oder Liberalen. Ich fürchte, dass die Liberalen eher in der Minderheit sind, sonst hätte sich längst in der muslimischen Community ein lauter Protest erhoben angesichts der körperlichen Attacke und der Einschüchterungen, denen Frau Ates und ihre Gemeide täglich ausgesetzt sind.
    Wenn ein katholischer Hochschulleiter sich für ein Umdenken und für Reformen in seiner religiösen Gemeinschaft einsetzt und deshalb vom Vatikan seines Amtes enthoben wird, erhebt sich ein lauter Protest unter den Kollegen, Studenten und Gläubigen. Etwas Ähnliches würde ich mir auch für Frau Ates wünschen, wenn ihre reaktionären Glaubensbrüder versuchen, sie einzuschüchtern.

    Zudem habe ich wie Frau Ates kritisiert, dass unsere Politiker offenbar eher die konservativen, reformunwilligen Gemeinden unterstützen und damit eine Liberalisierung des in Deutschland gelebten Islams behindern. Das ist nicht im Interesse einer offenen Gesellschaft.

    Ihren Vergleich mit dem Polizeischutz für wichtige Politiker halte ich für verunglückt. Frau Ates kann eher mit einem einfachen Pfarrer oder allenfalls dem Leiter der Hochschule St. Georgen verglichen werden. Es würde mich wundern, wenn konservative Katholiken diesem nach dem Leben trachten würden.

    Und die deutschen Politiker stehen im Mittelpunkt des Interesses unserer gesamten Gesellschaft, sie stehen im Kreuzfeuer der verschiedensten Religionsgemeinschaften samt all denen, die gar keiner Konfession angehören, sowie aller sonstigen Interessengruppen. Dehalb hat die Notwendigkeit, ihnen Polizeischutz zu gewähren, nichts mit dem Christentum zu tun.

  87. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 28. Oktober 2018 um 23:17

    Nun bin ich zwar mit manchen Ihrer – mir pauschalisierend erscheinenden – Äußerungen über „Islam“ nicht einverstanden.
    Ihre Ausführungen zu Seyran Ates kann ich aber in vollem Umfang unterstützen.
    Nicht nur die „Streitschrift“ von Frau Ates, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ ist sehr beeindruckend. Auch ihr Mut, ebenso ihr versöhnlicher und menschlicher Umgang (etwa mit ihrer Mutter trotz schwerer familiärer Erfahrungen) verdienen höchsten Respekt.

    Hier zwei Hinweise zu ihrer Situation:
    1) Die nach der Eröffnung der Berliner Moschee sich massiv verstärkten Morddrohungen haben nur teilweise mit religiösen Fragen zu tun. Sie sind vor allem politisch motiviert. Wer letztlich dahinter steht, geht aus folgenden Meldungen der „Welt“ hervor:

    – „Die türkische Religionsbehörde Diyanet hat die neue liberale Moschee in Berlin in Verbindung mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen gebracht. (…) Diyanet kritisierte, mit diesem Vorgehen würden ‚die Grundsätze unserer erhabenen Religion missachtet‘. Es handele sich um Bemühungen, die Religion ‚zu untergraben und zu zerstören‘.“
    (https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article165783661/Diyanet-bringt-neue-Berliner-Moschee-mit-Guelen-in-Verbindung.html)

    – „Unterdessen soll der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der am 7. und 8. Juli zum G-20-Gipfel nach Hamburg kommt, auf eine Schließung der liberalen Moschee gedrungen haben. Bei der Bundesregierung soll eine entsprechende Forderung aus Ankara eingegangen sein. (…) Erdogan soll die Ditib und die Religionsbehörde Diyanet in Ankara, die viele Imame nach Deutschland entsendet, angewiesen haben, verstärkt gegen die liberale Moschee in Berlin vorzugehen.“
    (https://www.welt.de/politik/deutschland/article166155366/100-Morddrohungen-gegen-liberale-Moschee-Gruenderin.html)

    2) Zur Frage des Personenschutzes und warum sie die türkische Staatsangehörigkeit schweren Herzens aufgegeben hat, äußert sie sich in Ihrer Veröffentlichung „Wahlheimat. Warum ich Deutschland lieben möchte“.
    Danach geschah dies aus Furcht vor konkreter Realisierung der Morddrohungen anlässlich einer Konferenz muslimischer Frauen in Istanbul 2009, nachdem die türkischen Behörden die deutschen Behörden hintergangen und ihr den von Deutschland gewährten Personenschutz als „Türkin“ verweigert hatten:
    https://books.google.de/books?id=PzIbAwAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=isbn:9783843705141&hl=de&cd=1&source=gbs_api#v=onepage&q&f=false

  88. JaM sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „In meinen Augen ist aber nicht die von irgendwelchen Schriftgelehrten mühevoll herausgearbeitete Auslegung einer religiösen Schrift für eine Gesellschaft wichtig, sondern das, was real von den Gläubigen gelebt wird…“
    Dies ist tatsächlich der Ansatz, um eine konstruktive Diskussion über den Islam zu führen, zumal man die Muslime in Deutschland nicht für die Zustände in „islamischen“ Ländern verantwortlich machen kann. Was wir aus Studien über die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wissen, ist sehr wenig geeignet, „den Islam“ in Deutschland zum Popanz zu machen. Muslime sind religiöser als der Rest der Bevölkerung in Deutschland, bekennen sich aber etwa im gleichen Maße wie die Gesamtbevölkerung zu den Grundrechten (einschließlich der Gleichberechtigung von Frau und Mann und dem Recht, die Religion zu verlassen oder zu wechseln), haben etwas konservativeres Familienbild als die Mehrheit der deutschen Bevölkerung. Ein große Mehrheit der Muslime ist gut in die Gesellschaft integriert, was man z.B. an hohem Anteil derer ablesen kann, die sich in Vereinen engagieren oder Freundschaften mit Nichtmuslimen unterhalten. Die Zahl der „Mischehen“ und deren Akzeptanz in der Community wächst. Allerdings sind antisemitische Einstellungen, insbesondere bei jungen Türken und Arabern, deutlich häufiger als bei deutschem Durchschnitt feststellbar, vergleichbar mit dem Anteil von Antisemiten unter Russlanddeutschen.

    Obwohl die Mehrheit der Muslime religiös sind und zumindest gelegentlich eine Moschee besuchen, ist nur eine Minderheit Mitglied eines Moscheevereines, weil Gemeindestrukturen wie im Judentum und in den christlichen Kirchen dem Islam fremd sind. Auch der Organisationsgrad der Moscheevereine in den zentralen Islamverbänden ist nicht sehr hoch, sodass diese nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland repräsentieren (was der Politik durchaus bewusst ist, weshalb z.B. zur Islamkonferenz zusätzlich unabhängige muslimische Persönlichkeiten eingeladen werden. Die Islamverbände vertreten tatsächlich konservativere Positionen als die Mehrzahl der Muslime in Deutschland, mit wenigen Ausnahmen verlassen sie aber meines Wissens nicht den Rahmen der Grundordnung.

    Die religiös liberalen Gruppierungen sind eine Minderheit, die noch um ihre Akzeptanz innerhalb der Community kämpfen muss. Einige ihrer Repräsentantinnen, die schon seit Jahrzehnten theologisch und in der Bildungsarbeit wirken, ohne die Medienaufmerksamkeit wie Frau Ates zu haben, werden durchaus respektiert, auch wenn ihre Positionen nicht akzeptiert werden. Von den Drohungen aus salafistisch-terorristischen Kreisen gegen Frau Ates, die sich als eine mutige Rechtsanwältin einen Namen gemacht hat (und wegen dieser Tätigkeit vor Jahren von einem Ex-Ehemann ihrer Klientin angeschossen wurde) und seit kurzem als liberale Imamin wirkt, haben sich meines Wissens die Islamverbände distanziert. Ich (und so weit ich weiß auch etliche Muslime) würde mir aber wünschen, dass die Verbände auch die islamische Legitimität der Positionen von Frau Ates nicht in Frage stellen.

  89. Werner Engelmann sagt:

    @ JaM, 28. Oktober 2018 um 19:54

    Zur Kenntnisnahme:
    „Lange verstand man unter Umma im Wesentlichen die „muslimische Weltglaubensgemeinschaft“, die Glaubensgemeinschaft der Muslime als Ganzes, seit dem 19. Jahrhundert jedoch auch – mit Hilfe des Begriffszusatzes „al-ʿarabīya“– die „arabische Nation“, ein Begriff, der aus dem Vokabular des arabischen Nationalismus stammt, der mit der Weltreligion Islam so gut wie nichts zu tun hat. (…) In der Gegenwart wird häufig auch die muslimische Gemeinschaft eines bestimmten Landes als Umma bezeichnet.“
    (Wikipedia)

    In meinem Beitrag vom 26. Oktober 2018 um 22:06 ist zudem für jeden, der Texte unvoreingenommen zu lesen bereit ist, der Kontext der zitierten Stelle völlig eindeutig:
    Nicht nur beziehe ich mich ausdrücklich nicht auf „Islamophobie“ (oder „Islam“). Ich äußere mich auch ausschließlich zu „Ähnlichkeit des Denkens von AfD und Islamisten“, konkret: „patriarchal geprägtes“ Denken einerseits „BZW.“ (im Vergleich) zu „völkisches“ Denken andererseits.
    Die „Ähnlichkeit“ besteht in der Beurteilung jeglichen individuellen Verhaltens ausschließlich in Bezug auf überindividuelle, ideologiebestimmte Vorgaben (und damit entsprechende ideologische Formierung).

    Es ist schon sehr entlarvend, wenn jemand einerseits seine „liberale“ Haltung hervorhebt, zugleich aber vor gezielten Manipulationen nicht zurückschreckt, um seine Unterstellung der Benutzung eines „Kampfbegriffs“ zur „Bedienung“ von „Islamhassern“ verbreiten zu können. (Was nicht besser wird, wenn man sich um die Benennung des sehr wohl bekannten Adressaten herumdrückt.)

  90. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Danke für die Information.

    Dass ich zu sehr pauschalisiere, finde ich nicht. Ich betone immer wieder die unterschiedlichen Richtungen des Islam, die ich auch unterschiedlich bewerte.
    Finden Sie meinen Ansatz: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, pauschalisierend?

  91. Das Thema heißt eigentlich Islamfeindlichkeit und wo sind wir jetzt gelandet? Beim Islam und feindlichen Muslimen. Die AfD ist verloren gegangen.
    Es scheint so, als ob die Muslime an der Islamfeindlichkeit selbst schuld sind.
    Als ich noch in der Schweiz war, gab es in der Presse und im Fernsehen eine Kampagne gegen Deutsche unter dem Titel «Vielleicht Deutsche verträgt die Schweiz?» Natürlich waren die Deutschen an der Deutschfeindlichkeit schuld. Eine wertvollere Erfahrung gibt es nicht, wenn man sich über Fremde eine Meinung bilden will.

  92. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „Finden Sie meinen Ansatz: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“, pauschalisierend?“ –

    Nein.
    Es drückt in treffender bildlicher Sprache ein erkenntnistheoretisches, ethisches und pragmatisches Grundprinzip aus und fordert Verantwortungsbewusstsein ein:
    – Erkenntnistheoretisch:
    Dass Individuen nur an ihrem individuellen Handeln und nicht an ideologischen oder religiösen Vorstellungen zu „erkennen“ sind.
    – Ethisch:
    Dass es dazu der Geduld, der Menschlichkeit und Fähigkeit zu Empathie bedarf.
    – Pragmatisch:
    Was unseren vielfachen konkreten Erfahrungen in Aktionen und im Zusammenleben mit Muslimen und Muslimas aus mehreren Ländern entspricht (u.a., seit 3 Monaten wieder, dem Zusammenleben mit 2 albanischen Muslimas, deren Mann/Vater mit einem erwachsenen Sohn und 2 kleinen Kindern ausgewiesen sind).
    – Verantwortungsbewusstsein:
    Erkenntnis, dass „Toleranz“ ihre Grenzen in Intoleranz findet und dieser nicht überantwortet werden darf, sondern zu verteidigen ist.

  93. JaM sagt:

    @ Werner Engelmann
    Es war nicht meine Absicht, Ihnen zu unterstellen, Sie würden Umma als „Kampfbegriff“ verwenden. Wenn Sie sich durch meine Ausführungen in die Nähe von Islamhassern gerückt fühlen, bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung.
    Meine Intention ist es, auf die problematische Verwendung von Begriffen wie „Scharia“ und „Umma“ aufmerksam zu machen, die Islamhasser bewusst missdeuten und zur Ausgrenzung und Abwertung von Muslimen benutzen. Meiner Überzeugung nach sind nicht die Islamhasser das Hauptproblem; selbst unter den Unterstützen und Wählern der AfD wird wohl die Mehrheit nicht generell Muslime hassen. Das Problem sehe ich in der recht großen, bis in die „Mitte der Gesellschaft“ und in die Linke reichende Gruppe derer, die diffuse und unreflektierte Ängste, Vorurteile und Vorbehalte gegenüber „dem Islam“ haben und daher für antiislamische Propaganda empfänglich sind.
    Ich kann mich deshalb, um den Einwand von Henning Flessner aufzunehmen, nicht mit Islamhass auseinandersetzen, ohne darauf einzugehen, wie wir über den Islam und die Muslime sprechen. Dazu gehört auch, zunächst zur Kenntnis nehmen, wie bestimmte Begriffe von Muslimen selbst verstanden werden. Erst auf dieser Basis ist eine, ohne Zweifel notwendige, kritische Diskussion über den Islam und vor allem eine Diskussion mit den Muslimen zielführend.

  94. Matthias Aupperle sagt:

    @ JaM

    Zitat: „Was wir aus Studien über die Lebenswirklichkeit der Muslime in Deutschland wissen, ist sehr wenig geeignet, „den Islam“ in Deutschland zum Popanz zu machen. Muslime sind religiöser als der Rest der Bevölkerung in Deutschland, bekennen sich aber etwa im gleichen Maße wie die Gesamtbevölkerung zu den Grundrechten (einschließlich der Gleichberechtigung von Frau und Mann und dem Recht, die Religion zu verlassen oder zu wechseln), haben etwas konservativeres Familienbild als die Mehrheit der deutschen Bevölkerung.“

    Wenn ich das lese, habe ich zum den Eindruck, Sie verbreiten verharmlosende Fake News. Als gäbe es keine Parallelgesellschaften, als irrten Necla Kelec, Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour, Bassam Tibi, Lale Akgün, die alle ein ganz anderes Bild aufzeigen. Deshalb habe ich hier erste „Hard Facts“ verlinkt: https://www.wzb.eu/de/pressemitteilung/islamischer-religioeser-fundamentalismus-ist-weit-verbreitet

  95. @JaM
    „Das Problem sehe ich in der recht großen, bis in die „Mitte der Gesellschaft“ und in die Linke reichende Gruppe derer, die diffuse und unreflektierte Ängste, Vorurteile und Vorbehalte gegenüber „dem Islam“ haben und daher für antiislamische Propaganda empfänglich sind.“
    Ich stimme Ihnen zu, nur das man mMn für Islam auch z.B. die EU oder Roma oder sonstwas einsetzen kann. Die AfD verschwindet doch nicht, wenn alle Muslime das Land verlassen. Dann findet sie ein anderes Objekt.
    Meine Frage an die Leute ist, warum sie überhaupt Ängste und Vorurteile haben. Mich interessiert nicht, ob das Objekt ihre Ängste Muslime oder Deutsche sind.

  96. BvG sagt:

    @Flessner

    Ihre Frage ist treffend.
    Wovor/wogegen könnte ein Mensch in einem so perfekt gestalteten Sozialsystem wie dem unseren Ängste entwickeln?

    Ich will nicht abstreiten, daß es auch in Deutschland Menschen gibt, die in ungesicherten oder gar bedrohlichen Lebensumständen leben müssen. Ich habe in meinem Beruf allzuviele beklagenswerte Beispiele dafür erlebt.
    Aber im Schnitt leben wir doch in äusserst komfortablen Gegebenheiten. Woher kommt also die Angst?

    Mit Sicherheit gibt es von politisch interessierter Seite willkürlich provozierte Ängste, die Zielsetzung ist aber offensichtlich.

    Es gibt aber auch konkrete Ängste, die daraus rsultieren, daß wir auf einem Wohlstandspolster leben, das uns mit guten Recht entzogen werden könnte. Unser Wohlstand ist nicht mehr auf einem guten Ruhekissen gebettet.

    Ich stimme Ihnen zu, daß irrationale Ängste auch immer ein geeignetes und möglichst diffuses, am besten wehrloses Objekt finden werden.

    Wo ist aber die Abgrenzung von irrationalen zu rationalen Ängsten?

    Dies ist zu einer Kernfrage der Politik geworden, da natürlich die rationalen (begründbaren) Ängste ernstgenommen werden müssen und deren Ursache beseitigt werden muß, die irrationalen Ängste aber entkräftet und aufgelöst werden müssen.

    Ein wesentliches Problem heutiger Politik ist, daß „Ängste“ als subjektives und nicht mehr hinterfragbares Argument gelten dürfen und deren Beseitigung und Entkräftung als unbedingter Anspruch an die Politik gerichtet wird.

    Ich danke Ihnen für diese wesentliche Fragestellung und hoffe, daß diese mehr Aufmerksamkeit erlangt.

  97. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle, 29. Oktober 2018 um 19:17

    Zunächst danke für den Link zur Studie über islamischen Fundamentalismus.
    In der Tat ein sehr bedenklicher Befund, mit Sicherheit auch ernst zu nehmen die Analysen der von Ihnen genannten muslimischen Autoren.
    Die Frage ist aber:
    (1) Wie ist mit solchen statistischen Erhebungen konkret, d.h. in der Begegnung mit den Menschen umzugehen?
    (2) In welchem Maße bestimmen diese als Einstellungen ermittelten Werte auch tatsächlich das Verhalten dieser Menschen in der Praxis, verhindern so Integration?

    Dazu einige Beobachtungen:
    Zu 1)
    Für die überwiegende Zahl der AfD-Anhänger (und – da stimme ich JaM zu – wohl auch viele andere, bis hinein in die Mittelschicht) bestimmen solche Erhebungen nicht nur ihr Bild von Muslimen in der Gesamtheit, sondern auch gegenüber dem Einzelnen derart, dass jede Begegnung von vornherein vermieden wird, bis hin zu den bekannten islamophoben bis rassistischen Äußerungen, wenn nicht gar Handlungen.
    Dabei ist die Gefahr, dass – oft anhand einfacher äußerer Anlässe (siehe Kopftuchdebatte) – Konflikte herbeigeredet und geschürt werden. Nach Art einer „sich selbst erfüllenden Prophetie“. Konflikte, die Machthaber oder Demagogen wie Erdogan natürlich suchen und bestätigen.

    zu 2) Eigene Erfahrungen im Umgang mit Muslimen.
    Von den z.Zt. etwa 150 Muslimen aus etwa 15 Ländern in unserer Kleinstadt kenne ich gut 40 näher (aus Sprach- und Theaterarbeit, konkreter Hilfe, gemeinsamen Feiern wie Nouruz, gemeinsamem Wohnen).
    Statistisch gesehen müssten die genannten Einstellungen an konkretem Verhalten zu beobachten sein. Dies ist so aber nicht der Fall.
    Nur ein größerer Teil von ihnen lebt streng nach islamischen Regeln (Ramadan, Halal, Alkohol). Bei keinem habe ich inakzeptable Verhaltensweisen beobachtet, die – bis auf wenige Ausnahmen – eindeutig auf religiöse Einstellungen zurückzuführen sind.
    Negative Ausnahme: Ein Iraner (er wohnte mehrere Wochen bei uns) wurde im Iran verfolgt, weil er die Absicht geäußert hatte, zum Christentum überzutreten, und ist inzwischen getauft. Er beklagte sich, von vielen wie ein Aussätziger behandelt zu werden. (Obwohl alle um ein gutes Verhältnis zu uns bemüht sind.)
    Positive Beispiele: 3 der Theateraufführungen (11 Muslime beteiligt) fanden bei großer Hitze während des Ramadan statt. Mit keinem gab es Probleme. (Freilich war dazu eine längere Überzeugungsarbeit mit Durchsetzung von Grundregeln nötig.)
    Auch einer der eher streng gläubigen Muslime (Afghane) zeigte sich im Ramadan (auf ausdrückliche Nachfrage) „flexibel“: z.B. gemeinsames Essen mit einer Gruppe zur Inspektion unseres Privattheaters).

    Integrationshinderliche Verhaltensweisen (insbesondere Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit) sind nicht religiös, sondern überwiegend durch Lebensumstände bzw. nationale Einstellungen bestimmt (etwa schwierige Zusammenarbeit Iraner – Afghanen).
    In Einzelfällen schlagen patriarchale Verhaltensweisen durch. So etwa ein Macho-Vater aus Bangla Desh, der meinte, bez. seines Sohns in meine Theaterproben hineinregieren zu können.
    Bei Sprachkursen (wir nennen sie wegen der oft kaum vorhandenen Voraussetzungen „Alphabetisierungskurse“) zeigen sich vereinzelte Probleme, fast nur bei Frauen. So bei einer Gruppe, die getrennte Unterrichtung von Männern verlangt. Es wird zu prüfen sein, ob bzw. inwieweit diesem Verlangen entsprochen werden kann und soll.

  98. Brigitte Ernst sagt:

    Um auf die Angst von Juden (zumindest der 24 hier verhandelten) vor muslimischen Einwanderern zurückzukommen:
    Ich denke schon, dass der Zuzug von Menschen aus dem Maghreb sowie dem Nahen und Mittleren Osten den Antisemitismus in Deutschland verstärkt hat. Weniger, weil die meisten von ihnen Muslime sind, sondern weil sie aus einer Krisenregion stammen, in der seit 70 Jahren zwischen Israel und den dieses umgebenden Staaten Krieg herrscht. Ihren Hass auf den israelischen Feind übertragen viele Araber, Iraner etc. auf die Juden in Europa. Das ist doch ein altbekanntes Phänomen und hat wenig mit der Religion zu tun.

  99. JaM sagt:

    @ Matthias Aupperle
    Meine Einschätzungen, die Sie als „verharmlosende Fake News“ schmähen, stammen z.B. aus den Studien „Muslimisches Leben in Deutschland“, Auftraggeber BAMF (2010), und „Lebenswelten deutscher Muslime“ der Bertelsmann-Stiftung (2015), die Sie leicht im Internet finden können. Es gibt außerdem die Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“, Auftraggeber BMI (2011), deren 764 Seiten ich allerdings nicht durchgearbeitet habe.
    Keineswegs will ich durch Bezug auf die Studienergebnisse die kritischen Befunde von Necla Kelec, Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour, Bassam Tibi oder Lale Akgün widerlege, sondert möchte diese einordnen: Die zu Recht kritisierten „Parallelgesellschaften“ sind eben nicht typisch für das Leben der Mehrheit der Muslime in Deutschland. Dass die Lage besser ist als unsere Wahrnehmung, ist ein allgemeines Phänomen, denn einerseits berichten Medien häufiger über negative Ereignisse als über positive Zustände, während anderseits die Menschen evolutionär so programmiert sind, auf mögliche Gefahrensignale stärker als auf beruhigende Impulse zu reagieren.
    Die in dem von Ihnen verlinkten Bericht über die Studie zur Gefahr des islamischen religiösen Fundamentalismus getroffenen Schlussfolgerungen aus den sehr theoretischen Fragestellungen halte ich für fragwürdig. Was haben die zwei Drittel der befragten Muslime darunter verstanden, wenn sie den religiösen Geboten höheren Rang als den staatlichen Gesetzen einordnen? Rekurrieren sie darauf, dass staatliche Gesetze die Religionsfreiheit wahren müssen, was ja unserem Grundgesetzt entspricht? Wo verläuft für die Befragten die Bruchstelle zwischen religiösen Geboten und dem staatlichen Recht? Die anderen Studien zeigen doch, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime die Grundrechte und die Rechtsordnung bejaht und darin keinen Widerspruch zu den Geboten des Islam sieht. Schließlich lebt auch die meisten der Muslime gesetzestreu und es gibt nur eine Minderheit muslimischer Straftäter, die – im Widerspruch zu dem Religionsverständnis der Mehrheit der Muslime – ihre Gesetzesübertretungen (z.B. „Ehrenmorde“) mit islamischen Geboten begründen.

  100. JaM sagt:

    @ Brigitte Ernst
    Es ist eine Realität, dass es vor allem unter den türkisch und arabisch stämmigen Migranten einen erschreckend hohen Anteil an Antisemitismus gibt, der sich aus dem Israel-Palästina-Konflikt speist (aber überwiegen die Formen und Vorurteile des „klassischen“ Antisemitismus nutzt). Und es ist unbestreitbar, dass dies auch auf die Flüchtlinge zutrifft, die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen sind. Daher ist die Sorge der jüdischen Community vor dem Erstarken dieses Antisemitismus berechtigt, genauso wie die Forderungen an die Politik, sich diese Problematik in Schulen, in Integrationskursen für Flüchtlinge und in der Gesellschaft stärker zu widmen. Erfreulicher weise gibt es eine zunehmende Bereitschaft der muslimischen Community, aktiv gegen den Antisemitismus in eigenen Reihen aufzutreten.

    Doch die realen Befürchtungen vor dem realen Antisemitismus unter Muslimen rechtfertigen aber nicht Islamhass oder die Unterstützung der AfD. Dazu heißt es in der „Gemeinsamen Erklärung gegen die AfD“ der jüdischen Institutionen und Organisationen: „Die AfD agitiert unumwunden gegen Muslime und andere Minderheiten in Deutschland. Dabei versucht die AfD, ‚die‘ Muslime als Feinde der westlichen Welt oder ‚der‘ Juden darzustellen. Muslime sind nicht die Feinde der Juden! Die Feinde aller Demokraten in diesem Land sind Extremisten, egal ob aus rechtsextremer, linksradikaler oder radikal-muslimischer Gesinnung heraus. Wir lassen uns von der AfD nicht instrumentalisieren.“

  101. JaM sagt:

    @ Henning Flessner
    „Meine Frage an die Leute ist, warum sie überhaupt Ängste und Vorurteile haben. Mich interessiert nicht, ob das Objekt ihre Ängste Muslime oder Deutsche sind.“
    Ich bin nicht davon überzeugt, dass Ängste und Vorurteile eine Konstante der menschlichen Psyche sind, unabhängig vom Objekt bestehen und, wenn ein Objekt verschwindet, auf andere Objekte übertragen werden. Über viele Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg ist in den westlichen Gesellschaften der Antisemitismus deutlich zurückgegangen, ohne dass andere gruppenbezogene Feindschaften entsprechend zugenommen hätten. Auch die Ablehnung von Schwulen ist zurückgegangen, ohne dass die „Ängste und Vorurteile“ auf andere Gruppen übertragen wurden. Die Ablehnung der Deutschen in der Schweiz ist in der italienischen Schweiz, wo weniger Deutsche leben, deutlich geringer, als in der Deutschschweiz. Der Hass auf Muslime oder generell auf Flüchtlinge ist hingegen in den Regionen besonders groß, wo fast keine Muslime oder Flüchtlinge leben (siehe Sachsen, Polen oder Ungarn). Es scheint also doch einen Unterschied ausmachen, ob das Objekt der Ängste Muslime oder Deutsche sind.

  102. Matthias Aupperle sagt:

    @ JaM, @ Werner Engelmann

    Letztendlich weiß ich nicht, was in den Köpfen der Mehrheit der Muslime in Deutschland und Europa vorgeht. Ich habe vor einigen Jahren versucht, auszugsweise den Koran zu lesen. Was ich dort, neben der nervtötenden Weitschweifigkeit, inhaltlich an Abscheulichkeiten vorfand, gibt mir aber Anlass zur Sorge (jetzt bitte keine Whataboutism-Konter mit der Bibel).

    Ich denke, die Muslime in Deutschland und Europa können sich nicht von der Entwicklung in der übrigen muslimischen Welt abkoppeln. Dort fand in den letzten 30 Jahren eine gelungene Missionierung der Menschen für einen politischen, buchstabengläubigen, fundamentalistischen Islam statt. Dieser politische Islam ist für mich ein Feind unserer offenen Gesellschaft und, wie ich schon hier schrieb, neben dem Rechts- und Linksextremismus die dritte Bedrohung.

    Ich fand in einem Buch von Michael Schmidt-Salomon, dem Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, folgenden Satz, der erklärt was auch der AfD die Sympathisanten zutreibt: „Wer etwas so Offenkundiges wie die Realität des politischen Islam leugnet, wer wider alle Vernunft den Zusammenhang von Islam und Islamismus bestreitet, wer meint, man müsse bloß Terroristen bekämpfen, nicht aber die Ideologien, die sie zum Terror motivieren, der treibt die Wählerinnen und Wähler geradewegs in die Arme von Politikern, die ihre antiaufklärerischen Ziele unter dem Deckmantel einer „aufgeklärten Islamkritik“ wunderbar verbergen können.“ (Die Grenzen der Toleranz – Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen, Piper 2016, S. 60)

    Weil ich das genau so sehe, bin ich deshalb vielleicht etwas empfindlich bei von mir als Verharmlosung des politischen Islams empfundenen Äußerungen (ich wollte Sie nicht schmähen, JaM!)

    Dass unter den AfD-Sympathisanten und Parteimitglieder zufällig 24 Peronen jüdischen Glaubens dabei sind, die sich auch noch gefunden haben, ist einfach nur logisch und der schieren Menge geschuldet.

  103. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle, 30. Oktober 2018 um 22:57

    „Ich denke, die Muslime in Deutschland und Europa können sich nicht von der Entwicklung in der übrigen muslimischen Welt abkoppeln.“ –

    Was begründet eine solche apodiktische Behauptung?
    Sicher können das die aufgeschlossene Muslime im Sinne etwa von Seyran Ates nicht allein. Sie brauchen dazu unsere Solidarität. Eine Solidarität aber, die sich auf ihre konkreten Aktionen zur Stärkung eines toleranten und friedlichen Zusammenlebens bezieht, nicht auf ihre religiösen Aussagen.

    Die Auseinandersetzung mit den auch in der Lehre „des Islam“ enthaltenden totalitären, frauenverachtenden und doktrinär-geschichtslosen Elementen ist aber vor allem ihre Angelegenheit. Und in eine solche innerreligiöse Debatte sollte man sich von außen auch nicht einmischen, solange es nicht unmittelbar unsere staatliche Ordnung und das friedliche Zusammenleben tangiert.
    Dies ist dann der Fall, wenn konkrete Handlungen und Aktionen vorliegen, etwa Hasspredigten oder Bespitzelung von Muslimen durch Imame. Dies ist auch unsere Angelegenheit und erfordert auch unsere entschiedene Abwehr.

    Anders ist es mit religiösen Bekenntnissen, also auch Koranzitaten – selbst sehr problematischer Art. Deren Gefährlichkeit kann und soll zwar aufgezeigt und diskutiert werden. Sie können aber allein keine konkreten Maßnahmen gegen Menschen begründen, solange diese unsere staatliche Ordnung respektieren. Wir leben nicht in einem Überwachungsstaat, in dem Gesinnungen verfolgt werden könnten.

    Diese Grenze wird durch Forderungen und Aktionen etwa der AfD (vergleichbar zu Maßnahmen von Trump) eindeutig überschritten. Z.B.: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ oder Aktionen gegen Flüchtlinge aus muslimischen Ländern.
    Die AfD belegt damit, dass sie, ebenso wie Islamisten, einen anderen Staat haben will und wie diese – zumindest zum Teil – mit unserem Grundgesetz auf Kriegsfuß steht.

    Eine Debatte, die innerreligiöse Aspekte der „Islamkritik“ mit konkreten Verhaltensweisen gegenüber Gläubigen oder Menschen aus anderen Kulturkreisen vermischt, ist daher – ob sie will oder nicht – Wasser auf deren Mühlen und ist daher zu vermeiden.