Ich ging nicht mehr zur Uni, um zu studieren, sondern um sie zu besetzen

Frankfurter Rundschau Projekt

Ich ging nicht mehr zur Uni, um zu studieren, sondern um sie zu besetzen

Von Frederike Frei

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Für mich fing 68 schon 66 an. Ich war 21 Jahre alt. Mein etwas älterer Bruder war der geistige Anführer unserer Studentenclicke im Germanistikstudium und sprach davon, dass die Gesellschaft mündig geworden sei und was das hieße für uns und die Gesellschaft.  Wir fühlten uns in Hamburg als die geistigen Erneuerer unserer Zeit. Plötzlich hörten wir von einem Rudi Dutschke in Berlin, sahen und hörten ihn einmal im Fernsehapparat der Uni reden, kurz bevor wir zur Demo nach Hannover aufbrachen. Wir waren nicht nur mehr wir, wir waren plötzlich viele. Das beflügelte uns. Mein erster Akt war, von der Morgenlektüre der BILDZeitung zur Morgenpost überzuwechseln.

Frederike FreiIch wohnte in einer WG, wovon einige mir eher Fremde Trips einwarfen und mich als nüchtern bleibende Aufpasserin ihrer Zustände gut gebrauchen konnten.  Ich schaute von meinem Fenster auf die Straße hinunter zur Mensa. Eines Tages trafen dort lauter Polizisten wie zu einem Ausflug ein und versammelten sich an der Ecke. Plötzlich ertönte ein Pfiff und sie rasten los. Ich auch: runter. Es ging um die Preise der Straßenbahn, in der Nähe, deren Gleise wir besetzten.  Ich lief vor ihnen her und schlug mich in die Büsche,  sah lauter schmale Stiefel vorüberhetzen. Sie waren nicht unbedingt älter als ich. Später erfuhr ich, das war eine Hundertschaft.

Frederike Frei im Jahr 1968.
Foto: privat.

An derselben Stelle auf dem Weg hinterm Hauptgebäude der Uni in Dammtor filmte mich ein Fernsehteam mit grellbuntem Plastikregenmantel und Baskenmütze, an dem ich vorüberlatschte. Wie müssen sie sich gefreut haben, dass ich zu arrogant war, um sie nur eines Blickes zu würdigen. Mit meinem Vorbeischreiten haben sie einen ganzen Film bestückt, erfuhr ich später. Doch wir Germanisten verachteten die Fernsehfilmer, überhaupt diese neumodischen  Berufe.

Ab jetzt traf sich unsere Germanistikclicke von mittags bis abends in der Mensa, diskutierte und schaufelte sich ihre Teller unter den Flugblättern und Lektürelisten frei. Ich las die Bücher nicht, die mir empfohlen wurden, doch ihre Titel lehrten mich schon genug. Ich musste ja noch Gedichte schreiben, bis mir Enzensberger den Stift aus der Hand nahm mit seinem Wort die Kunst ist tot – nein, falsch,  jetzt schrieb ich darüber. Ich ging zur Uni, nicht mehr, um zu studieren, sondern um sie zu besetzen und dort zu übernachten. Ich seh noch die Wasserwerfer in der Eingangshalle stehen. In die Zeit fiel es auch, dass wir uns mal abends trafen und wussten, jetzt müssen oder wollen wir uns auch erotisch nähern. Ich weiß nicht mehr, wie der Abend endete, wohl frivol.

Ich spielte im Studententheater – ich glaube mit Peymann – eine Shen Te, eine Vietnamesin. Doch kurz vor der Premiere verbot mir mein Vater,  Brigadegeneral, die Teilnahme und ich tatsächlich bat um Umbesetzung. So autoritär war es zuhause also immer noch. Nach der bestandenen schweren Zwischenprüfung zog ich aus, gab mein Germanistik- und Theologie-Studium auf und ging zur Staatlichen Schauspielschule. Fühlte mich frei. Ein eigenes Stück schrieb ich darüber, dass eine Frau in ihrer Gruppe darum kämpft, den männlichen intellektuellen Rönne  spielen zu dürfen im Stück Ithaca von Benn. Einmal stand auch ich vor den Fabriktoren und verteilte Flugblätter, aber nur einmal. Zu früh am Tag für mich.

Erst später, 1976 dann fruchtete das, was ich gelernt hatte. Jetzt arbeitete ich an der Demokratisierung der Literatur, schuf Schreibwerkstätten,  Literaturpost’en, war die vitalste der Frauenschreibbewegung laut Hanser. Erst jetzt ging bei mir der 68er Same auf.  Denn letztlich war es ja eine Art Gehirnwäsche gewesen, die ich allerdings oder Gott sei dank begrüßte, sonst wär sie ja nicht auszuhalten gewesen.

 

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AberglueckFrei heuteDie Autorin

Frederike Frei, geboren 1945 in Brandenburg/Havel,
ist eine vielseitige Lyrikern und Schriftstellerin.
Studium der Germanistik, Theologie und Theaterwissenschaften in Hamburg,
Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Hamburg.
Zahlreiche Veröffentlichungen, mehrfach ausgezeichnet.
Eine ausführliche Biografie, die auch politische Aktionen umfasst,
findet sich HIER (Webseite von Frederike Frei).
Vor kurzem erschienen: der Lyrikband „Aberglück“
(Edition Bärenklau. Cover siehe links, mehr zum Buch HIER).

Bild: privat