Stichwort Gendern – Was machen wir jetzt also damit?

Ist Ihnen was aufgefallen? Stichwort Gendern. Schauen Sie mal bitte jetzt gleich ein paar Zentimeter nach oben auf dieser Seite. Da stand bis vor kurzem noch „Leserforum“. Von Ausnahmen abgesehen, bei denen es an dieser Stelle auch mal „Leserinnenforum“ hieß, zum Beispiel am Frauentag. Jetzt steht da „FR-Forum“. Was meinen Sie – gilt hier der alte Spruch „Was lange währt, wird endlich gut?“ Wie finden Sie das?

Es gab noch ein paar andere Ideen, wie der Seitenkopf unseres Forums Geschlechtergerechtigkeit praktizieren könnte. Einfach „Forum“. Oder „Ihr Forum“. „Euer Forum“. Wir nennen es jetzt „FR-Forum“. Früher hieß diese Seite auch mal „Bronski“. Das mochte ich nie.

Sie finden es nicht wichtig, wie diese Seite heißt, auf der Ihre Zuschriften veröffentlicht werden? Auf der Ihre demokratische Teilhabe an der Entwicklung dieses Landes dokumentiert ist? Doch, liebe Frauen, Männer und Diverse, das ist wichtig! Es gibt natürlich weiterhin viele andere wichtige Themen, denen sich die FR und auch dieses Blog nicht verweigert, aber Geschlechtergerechtigkeit ist auf jeden Fall eines dieser wichtigen Themen, und darum beschäftigen wir uns hier und jetzt an dieser Stelle damit.

Gendern 001Geschlechtergerechtigkeit!

Viele Menschen finden ja, dass dies ein schwieriges Thema sei, unter anderem weil es angeblich um Ideologie geht. Ich sehe das anders: Es geht nicht um Ideologie, sondern um, ja, eben: Gerechtigkeit. Die ist ein ureigenes Thema dieser Zeitung. Die FR hat darum in zwei Tagesthemen ihrer Wochenendausgaben – einmal am 5. und einmal am 19. September – Schwerpunkte gebracht und auf ihre Titelseite vom 5. September einen Text von Chefredakteur Thomas Kaspar gesetzt (siehe rechts).

Also was nun: Gendersternchen? Doppelpunkt? Binnen-I? Was soll man machen?

Liebe Leute, das Problem ist eigentlich keines. Im FR-Blog wird seit Jahren so gut wie kontinuierlich gegendert, und es hat kaum einen Menschen gestört. Warum? Weil es gar nicht so schwer ist! Dazu braucht es keine langen Debatten über das generische Maskulinum und so weiter. Sehr, sehr oft gibt es sprachliche Möglichkeiten, auf die man ausweichen kann, ohne einen Menschen zu diskriminieren. Es ist nicht schwer, diese sprachlichen Möglichkeiten zu finden. Auch dieser Text, den Sie gerade lesen, ist komplett geschlechtergerecht, ohne dass dies einen großen Aufwand dargestellt hätte.

Screenshot FR-Tagesthema vom 5.9, Seiten 4 und 5 - hier auch als pdf

Screenshot FR-Tagesthema vom 5.9, Seiten 4 und 5 – hier auch als pdf

Schwer wird es allerdings womöglich für den einen oder anderen – sorry, es dürfte sich vorwíegend um Männer handeln, die ich hiermit anspreche -, sich umzugewöhnen. Aber im Großen und Ganzen handelt es sich vermutlich vor allem um nichts anderes als um eben dies: einen Gewöhnungsprozess. Und der ist jedem und jeder – und jedem * sowieso, denn inter-, trans-, diversgeschlechtliche Menschen werden jetzt mal endlich wahrgenommen – zumutbar. Am Ende dieses Prozesses muss stehen, dass Männer, Frauen und andere Geschlechter nicht nur mitgemeint und mitgedacht, sondern auch mitangesprochen sind. Klaro?

Schwere Sache? Warum?

Die FR-Debatte ist während meines Urlaubs angestoßen worden. Die stellvertretende Chefredakteurin Karin Dalka hat mich befragt, bevor ich abgeschwirrt bin, und ich konnte ihr die Auskunft geben, dass in rund einem Drittel der Zuschriften von Leserinnen und Lesern, die mich erreichen, zurzeit ohnehin gegendert wird. Anders ausgedrückt: Etwa ein Drittel der Menschen, die die FR mit ihren Zuschriften kommentieren, wählen von sich aus eine geschlechtergerechte Sprache. Vermutlich weil es ihnen ein Anliegen ist. Niemand muss sie dazu auffordern, sie anleiten, sie erziehen, etwas über ihre Köpfe hinweg entscheiden oder was auch immer. Sie machen es aus einem inneren Bedürfnis heraus. Das ist einfach wunderbar, oder nicht?

Zuschriften von Leserinnen und Lesern zum Thema Gendern im FR-Tagesthema vom 19. September – hier auch als pdf

Außer jener Titelseite „Wie gendern?“ (s.o.) hat die FR ihr Tagesthema vom 5. September und vom 19. September dem Thema Gendern gewidmet. Mit dabei waren außer den hier als Screenshots gezeigten Seiten (über die Links in den Bildtexten kommen Sie zu pdf-Dokumenten, die bequemer zu lesen sind!) auch noch Stimmen aus der Redaktion und zwei Interviews: Am 5. September kam Kathrin Kunkel-Razum zu Wort, die Leiterin der Duden-Redaktion (Interview: „Ich stoße anfangs nicht ímmer auf große Begeisterung“, pdf-Dokument), am 19. September die Sozialpsychologin Sabine Sczesny („Sprache wirkt wie eine Einladung“, pdf-Dokument).

Das Thema bewegt die FR-Leserinnen und -Leser und hat Karsten Essen, meiner Urlaubsvertretung, eine Menge Zuschriften eingetragen. Einen ersten Querschnitt durch das Meinungsspektrum, das sich darin niederschlägt, haben wir im Tagesthema (siehe rechts) abgebildet. Weitere Zuschriften werden folgen. Und natürlich werden sie auch hier im FR-Blog veröffentlicht. Hier kommen die ersten. Damit ist die Debatte eröffnet.

fr-debatteLiebe Mitglieder*innen!

Sehr geehrter Herr Kaspar, sehr geehrte Damen und Herren, da in dem heutigen Beitrag bereits viele gute Argumente zu dem Thema ausgetauscht wurden, nur so viel: Der Doppelpunkt scheint mir sehr ungeeignet. Ich unterstütze dabei die Meinung von Frau Kunkel-Razum. Besser ist das *.
Erstaunlich gut finde ich, wie in mündlichen Beiträgen Moderatoren, Vorlesende etc. bereits jetzt das Gender-Sternchen sprachlich durch kurze Pause und Betonung verdeutlichen. Das hätte ich in dieser Perfektion nicht so schnell erwartet. Dieser Aspekt des Sprechens bzw. Hörens ist auch sehr wichtig.
Eine kleine Erfahrung zu dem Unsinnigen, was beim Gendern passieren kann: Im Übereifer, ja alles beim Gendern richtig zu machen, bekam ich in diesem Jahr zwei E-Mails von der Verwaltung unserer Stadt mit der Anrede „Liebe Mitglieder*innen“. Dass das Gendern bei einem sächlichen Hauptwort Unsinn ist, fiel aber allen, denen ich die E-Mail vorlegte, nicht (mehr) auf. Soviel zum generellen Sprachverständnis und Sprachempfinden.

Gudrun Randt, Maintal

fr-debatteEs gibt wirklich Wichtigeres auf der Welt

Schon das anglizistische Wortungetüm „gendern“ ärgert mich sehr! Es klingt albern. Und seine Übersetzung ins Deutsche ist nicht besser. Ich bin Wort für Wort einverstanden mit Ralf Schalkowski: Es gibt wirklich Wichtigeres auf der Welt.
Die Wörter „Person“ (weiblich) und „Mensch“ (männlich) kann man nicht „gendern“. Frage: Ist „gendern“ transitiv oder nicht?

Günther Gräning, Bad Homburg

fr-debatteEine kluge Entscheidung des Rundschau-Teams

„Hinweise für den Anwender“ stand bis vor Kurzem auf dem Beipackzettel von Tampons und noch immer auf denen der meisten Medikamente. Ein Ärgernis und ein Armutszeugnis zugleich. Unsere Deutsche Sprache zeichnet sich durch ihre große Vielfalt von Präzisierungsmöglichkeiten einzelner Beschreibungen aus. Das macht sie, zumindest in der westlichen Kultur, einzigartig. Bei der Geschlechterdifferenzierung hapert es jedoch. Sprache wächst und entwickelt sich mit den Menschen, die sie benutzen, deshalb ist sie prägend. Und von Generation zu Generation verändert sie sich und ihre Benutzer. Eine Anpassung an demokratische Gleichstellungsgesetze ist nicht nur legitim, sondern auch eine Verpflichtung. Die Gegner dieser Anpassung offenbaren sich also auch als Gegner der Gleichstellung, so sehr sie auch betonen, dass es ihnen nur um die Rettung der Ästhetik der Sprache bzw. um die leichte Lesbarkeit und Anwendung derselben gehe. Man erkennt sie daran, dass sie nicht aufbegehren, wenn es z.B. wieder neue Amerikanismen und Fremdworte in der Digitalisierung oder auf dem Automarkt gibt und keine Mühe haben mit „facilitymanagern“, „Universal Serial Bus (USB)“ und „Differentialsperre im „Sports Utility Vehicle (SUV)“.
Bei der Sprache beginnt das Gendern aber erst. Wenn es konsequent durchgeführt wird, wie es mit dem Instrument Gender Mainstreaming möglich gemacht wird, scannt es allmählich all unsere Lebensbereiche und eröffnet an vielen Stellen tiefe, bislang verborgene und verschwiegene Ungerechtigkeiten, die es zu ändern gilt. Nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern finden sich dann geschlechterbedingte Benachteiligungen, von Transgender Personen ganz zu schweigen. Und es wird, wie immer, so sein, dass die bislang privilegierten Personen jegliche Form der Gleichstellung als Diskriminierung empfinden und sie schimpfen es als „Unterwanderung“ und „Umerziehung“.
Wenn es jedoch eine öffentliche Stimme, wie eine Zeitung, gibt, die die prägende Kraft unserer Sprache nutzt um demokratische Werte, wie es Gleichstellung ja ist, zu unterstützen, zeigt sie damit auch all den Gegner:innen die rote Karte.
Ich gratuliere deshalb dem gesamten Rundschau-Team zu dieser klugen Entscheidung, die Verantwortung und Vorbildhaftigkeit zeigt.

Brigitta Kreß, Frankfurt

fr-debatteWenn es plausibel und nicht künstlich erscheint

Die Diskussion ist mal wieder typisch deutsch: abgehoben und prinzipiell. Das belegen zwei Denkfehler. Vergessen wird erstens, dass viele Wörter eine umfassende und eine spezielle zweite Bedeutung haben. So ist ein ‚Tag‘ mal 24 Stunden lang oder nur so lang, wie es hell ist. Ebenso ist ‚Katze‘ die übergeordnete Bezeichnung für das Haustier, erst wenn es z.B. ums Sterilisieren geht, muss ich Katze (weiblich) und Kater unterscheiden. Das gilt auch für die menschlichen Bezeichnungen, bei denen zuerst meist die Funktion/ Rolle gemeint ist.: So ist allein der ‚Kunde‘ in vielen Gesprächssituationen der passende Oberbegriff. Erst auf der Stufe darunter – im Textilgeschäft – muss ich in der ‚Kunde‘ (männlich) und die ‚Kundin‘ präzisieren.
Zweitens verändert sich Sprache permanent, aber meist langsamer als die Realität. So ist es kein Wunder, wenn Frauen dort noch weniger vorkommen. Wenn sich die Realität gewandelt hat, wird sich diese Benachteiligung viel leichter lösen lassen: Wenn es mehr ‚Tierärztinnen‘ und ‚Ministerinnen‘ gibt, werden sie auch so benannt, weil diese Bezeichnungen den Sprachbenutzern, Männern und Frauen, plausibel und nicht mehr künstlich erscheinen.
Ein Vorschlag zur Güte, der im täglichen Gebrauch praktikabel ist: Eine Deutsch-Linguistin der Uni Heidelberg teilte zu Beginn ihres Vortrags mit, dass sie es halte wie am Theater. Ein guter Schauspieler, der einen Hinkenden spielt, müsse nicht dauernd hinken, sondern nur in den wesentlichen Momenten der Szene.
Genauso kann man Texte knapp und lesbar halten. Immer mal wieder die weibliche Form einfügen, wenn es inhaltlich nötig, wichtig und richtig ist.

Wolfgang Tschorn, Langen

fr-debatteBitte unter Beachtung der Grammatik

Dass irgendwelche „konservativen“ Knacker, die sich in „hilfloser Wut“ der gendergerechten Sprache verweigern, selbst schlechtes Deutsch schreiben, ist für mich noch kein Grund, jeder hasen- und häsinnenherzigen Marotte zu folgen. „Studierende“ oder „Lehrende“ sind Menschen, die gerade studieren oder lehren. Wenn sie blau machen, sind sie Biertrinkende oder Spazierengehende. Gendergerechte Sprache, wenn’s der Wahrheitsfindung dient, aber bitte unter Beachtung der Grammatik und einer gewissen Wutlosigkeit.

Elsemarie Maletzke, Frankfurt

fr-debatte

28 Kommentare

  1. Dieter Offermann sagt:

    Lieber Bronski, die „ungendered“ Lösung „FR-Forum“ ist meines Erachtens eine gute Idee; Gendern kann dort, wo es möglich und nicht verletzend ist bzw. die Geschlechter nicht missachtet, entfallen.
    Dies müsste allerdings nur noch konsequent auf den grün eingerahmten Kasten unten (links in der heutigen Sa-Ausgabe S. 20) übertragen bzw. entsprechend angewandt werden:
    „FORUM ONLINE…
    Alle Briefe und Meinungsbekundungen dieses Forums (oder: in diesem Forum) wurden auch… – der Fortsetzung des Print-Forums…“
    Beste Grüße und mit Lob und Anerkennung Eurer/Ihrer gewissenhaften redaktionellen Arbeit und Engagiertheit,
    Dieter Offermann, Darmstadt

  2. Dieter Offermann sagt:

    …und natürlich auch auf die zweite Spalte s. v. „BRONSKI IST IHR MANN IN DER REDAKTION … Mit der Einsendung erklären Sie sich…, dass Ihr Brief…kann.“

  3. Bronski sagt:

    Lieber Dieter Offermann, danke für Ihr Feedback. Die Infobox auf der Forumseite wird noch angepasst. Ihr Hinweis ist wichtig und hilfreich. Aber daran, dass ich ein Mann bin, wird sich auch künftig nichts ändern. Ich bin also „Ihr Mann“, sprich: Ihr Ansprechpartner in der FR-Redaktion. Ganz klassisch weiterhin maskulin. Aus „Ihr Leserbrief“ werden wir natürlich „Ihre Zuschrift“ machen, was keinerlei Aufwand ist.

    Nachtrag 19:07 Uhr: Die Wendung „FR-Forum“ ist nicht ungegendert, sondern eine Folge der Einsicht, dass wir Gendern wollen. Das ist ja genau das, was ich oben in meiner Einleitung geschrieben habe: Manchmal ist es viel einfacher, geschlechtsneutrale Wendungen zu finden, als man denkt. Man muss vielleicht hier und da mal ein bisschen um die Ecke denken, aber dann staunt man oft selbst. Nicht „Leserinnen- und Leserforum“ – das würde nicht in den Seitenkopf passen -, auch nicht LeserInnen-Forum, Leser*innenforum Leser:forum oder gar „Lesende-Forum“ – fürchterlich! -, sondern FR-Forum.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    Zunächst einmal teile ich die Aussage von Günther Gänsing (oben). Ich habe eine gewisse Abneigung gegen dieses „angliszistische Wortungestüm“ ‚Gendern‘. Nicht erst seit heute, sondern vom frühen Anfang der Genderdebatte.

    Ich habe die Debatte in Deutschland oft als akademisch, ideologisch und bisweilen verbissen erlebt. Bis hin zu radikalen Ausschlussbewegungen von Männern, die sich mit an das Thema heranwagten. Dann das „Wie gendern?“ Sprachlich sind mir sowohl „Studierende“ oder auch die Sternchen*bildungen u.a.m. fremd geblieben. Der praktische Umgang miteinander zwischen Mann und Frau, Frau und Mann, das ist für mich entscheidend. In all meinen beruflichen Bereichen, kann ich mich an keine offensichtlich diskrimininierenden Situationen erinnern. Das mag erst einmal oberflächlich rüberkommen, aber so habe ich es im Nachhinein empfunden. Die Zahl der Frauen mit starkem Selbstbewusstsein und auch mit großer Entscheidungskraft, habe ich in deutlicher Mehrheit erlebt. Und das in einer Zeit, da nicht „gegendert“ wurde.
    Dafür werde ich wahrscheinlich noch Schimpfe ernten.

    Aber zurück zum Ausgangspunkt, zur Aussage von Bronski (FR-Forum, 26./27. September):
    „Viele Menschen finden ja, dass Gendern ein schwieriges Thema sei, unter anderem weil es angeblich um Ideologie geht. Ich sehe das anders: Es geht um Gerechtigkeit. Dies ist ein ureigenes Thema dieser Zeitung und daher höchste Zeit …“

    Richtig: Es geht um Gerechtigkeit. Man kann durchaus in Frage stellen, ob Gerechtigkeit mit diesen aufwendigen und teils doch sehr akrobatischen Sprachschöpfungen wirklich in die Sinne der sprechenden und schreibenden Bürgersleuten gelangt.

    Die Debatte war und ist wichtig. Aber sie sollte nicht voreilig und wie teils an anderen Stellen geschrieben, sprachlich Kapriolen schlagen. Mag dies hier provokant oder ablehnend rüberkommen. Ich will es mal so ausgedrückt stehen lassen.

    Es geht bei der gewünschten Debatte nicht um Ideologie bzw. sollte nicht um Ideologie gehen. Aber es wird immer Ideologie im Spiel sein. Besonders in akademischen Zirkeln. Wenn ich am 5./6. September (Thema des Tages) lese, dass eine Autorin in einem österreichischen Magazin dazu aufgerufen hat, künftig nur noch die weibliche Form zu verwenden und die männliche „mitzunehmen“, dann wird die Welt auch nicht besser werden und was das mit Gerechtigkeit zu tun hat, frage ich dezent?
    Zur Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wäre auch noch zu sagen, dass unsere in Deutschland bestehende Genderdebatte im Vergleich zu den in vielen anderen Ländern herrschenden Geschlechterverhältnissen kaum zu vergleichen ist. Da wo Frauen in prekären Lagen leben, gezeichnet durch Unrecht und Schikane bis hin zu ständiger Lebensgefahr. Dort geht es nicht um eine Genderdebatte, da ist das ganze politische System krank, lebensgefährlich und desolat, frauenfeindlich sowieso.

    Nicht, dass wir von hier aus daran was bewirken können, sondern nur, um mal anzudeuten, auf welchem fast luxoriösem Niveau wir uns in der Debatte bewegen (können).

    Soweit in gewisser Länge.

  5. Wenn sich die Sprache in genuiner Weise aus ihrer eigenen Entwicklungsgeschichte heraus weiter entfaltet, bedarf es keiner Sternchen, Striche oder Doppelpunkte, um ihre Anwender und Bezugspersonen als männlich oder weiblich zu identifizieren. Solche Veränderungen setzen allerdings einen Prozess gesellschaftlicher Bewusstwerdung voraus, der sich infolge einer Spannung zwischen Normen und auftretenden Widersprüchen selbst entzündet, um notwendige Neuschöpfungen (Beschreibung neuer Tatsachen) zu kreieren. Denn alles andere wären künstliche und anorganische Maßnahmen, die gegen die gewachsene Semiotik und gegen die Sprachregeln (Grammatik) verstießen. Sprache ist auch nicht per se gerecht oder ungerecht, nur weil sie unterschiedlichste Epochen von Herrschaft und Unterdrückung durchlaufen hat und von ihnen mitgeprägt wurde. Sprache hat jedoch u.a. die Aufgabe, Ungerechtigkeit zu beschreiben. Ich will das an einer Sammlung von Schriften verdeutlichen, deren Wurzeln über 3.000 Jahre zurückreichen.

    Den Ausdruck „Gerechte Sprache“ lernte ich am Anfang der 2.000er Jahre kennen, als ein Kreis von Theologen und Sozialwissenschaftlern an einer „Bibel in gerechter Sprache“ arbeitete. Das Projekt weckte meine Neugier, da ich damals im Auftrag eines Verlags ein thematisch ähnlich gelagertes Projekt betreute: „Der Aussagewert religiöser Sprache im Horizont von Linguistik, Sprachphilosophie und analytischer Philosophie“. Als die neue Bibelübersetzung 2006 vorgestellt wurde, war ich bitter enttäuscht. Hatte ich mir doch vorgestellt, dass der historische Kontext der biblischen Bücher genauer herausgearbeitet würde, insbesondere die Herrschaftsverhältnisse der jeweiligen Zeit. Schließlich hofften vor allem die Entrechteten und Leidtragenden des jüdischen Altertums auf den weltlichen und geistigen Befreier, den Messias. Stattdessen wurde bei zentralen Begriffen in synthetischer Weise und anlasslos dem grammatikalischen Geschlecht, falls es männlich ist, eine weibliche Form hinzugefügt. Oder die eigentlich abstrakte Vokabel Gott wurde zur Gottheit, versehen mit der Fußnote „Göttin“. Letzteres war faktisch eine Rückwärtsbewegung hin zu vermenschlichten Gottesvorstellungen (Mann/Vater, Frau/Mutter, Sohn, Tochter wie in der altgriechischen Mythologie). Außerdem wurden (vorrangig im Neuen Testament) Personengruppen erfunden, für deren Existenz es keine historischen Belege gibt, etwa Jüngerinnen und Pharisäerinnen. Faktisch bedeutete dieses Machwerk eine Abkehr von der historisch-kritischen Forschung und die Infantilisierung der wissenschaftlichen Theologie. Zusätzlich hatte es Folgen für die feministische Theologie, die unkritisch diesen Trend zur vermeintlich gerechten Sprache unterstützte. Sie verlor ihre Seriosität und letztlich ihre Bedeutung.

    Die Literaturgeschichte des Alten Testaments zeigt, dass es den jüdischen Gelehrten bei der Redaktion des frühen Schrifttums und der endgültigen Zusammenstellung des Kanons (nach dem babylonischen Exil – ab 538 v. Chr. – und zuletzt bei der Synode von Jawne im Jahr 100 n. Chr.) keineswegs um die Vereinheitlichung von sprachlicher Bedeutung und theologischer Aussage ging. Vielmehr war es ihre Absicht, anhand der bewusst übernommenen Widersprüche (beispielsweise in puncto Gerechtigkeit, an die sich weder der geglaubte Gott noch die Menschen gehalten hatten) den dynamischen Charakter der Bibel zu unterstreichen, der nie abgeschlossen sein würde. Allein die Entwicklung der Gottesvorstellung vom mitunter rachsüchtigen und strafenden Patriarchen hin zum namenlosen und geschlechtslosen Gott, der von sich sagt, er sei der „Ich bin der Ich bin da“ (Exodus 3,14) zwingt religiöse Sprache zur sprachlichen Disziplin und zur Formulierung haltbarer Aussagen. Die Bibel kennt keinen Gott, der ein Mann ist, keinen, der eine Frau ist und auch keinen, der menschliche Züge trägt. Vielmehr sind Gläubige und Ungläubige zum Weiterdenken aufgerufen. Zu einem Weiterdenken, das sowohl Neudeutungen (wie sie in Walter Benjamins „Passagenwerk“ durchscheinen, das die Bibel als Reden über eine erinnerte Zukunft und eine erhoffte Vergangenheit versteht) als auch die völlige Infragestellung alles Religiösen beinhalten kann. Auch Nicht-Theisten und vom Glauben Abgefallene können die Bibel deswegen als Sammlung weisheitlicher Erfahrungen aus über 1.300 Jahren Menschheitsgeschichte verstehen.

    Dieses in der Welt des Menschen verankerte Denken, Nachdenken und Weiterdenken äußert sich in der geschriebenen und gesprochenen Sprache. Diese Sprache hat sich im Verlauf von einigen Tausend Jahren entwickelt. Um die Komplexität der Welt abzubilden, musste sie in gleichem Maße abstrakt und präzise werden. Das grammatikalische Geschlecht der Begriffe, das sich in allen Sprachen herausgebildet hat (vermutlich analog zu den herrschenden Gesellschaftsformen), ist dem Zwang zur Abstraktion geschuldet und erweist sich nur auf den ersten Blick als ein Hindernis. Denn wenn man die Subsumtion auflöst und in die Konkretion übergeht, tritt das tatsächliche Geschlecht zutage. Und das ohne Sternchen, Bindestrich oder Doppelpunkt. Eine lebendige Sprache muss im Unterschied zur auf Interpretation angewiesenen Bildersprache ohne Einschränkung sprechbar sein. Willkürlich eingefügte Symbole sind das nicht.

    Gerecht ist Sprache dann, wenn mit ihrer Hilfe Ungerechtigkeit, Ausbeutung oder Diskriminierung beschrieben wird. Dies ist mit der überkommenen deutschen Grammatik ohne Abstriche möglich. Ich denke beispielsweise an Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und andere Schriftsteller und Denker.

    Wie gefährlich die unreflektierte Benutzung von Symbolen wie Sternen, Runen, Strichen oder Punkten sein kann, zeigen die Ideologien von Germanenorden und Rassisten, die auf das völkische Neuheidentum (Neopaganismus) des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Die in Deutschland am stärksten verbreitete Gemeinschaft dieser Art ist der Wicca-Glaube. Er ist gekennzeichnet durch das Nebeneinander von einem Gott und einer Göttin, was auch Auswirkungen auf die interne Sprachregelung hat. Ähnliche Spekulationen finden sich im Denken des Psychologen Carl Gustav Jung, der von einem Mutterarchetyp und einem Vaterarchetyp als Bestandteile der menschlichen Seele ausging. Der österreichische Esoteriker Guido von List und der katholische Priester und zeitweilige Mönch Jörg Lanz von Liebenfels entwickelten um die vorletzte Jahrhundertwende die so genannte Ariosophie, die germanische Mythologie, Rassismus und Antisemitismus verband. Lanz von Liebenfels gründete 1905 die bis 1917 erschienene Zeitschrift „Ostara“, die zu den übelsten rassistischen Publikationen ihrer Zeit zählte und angeblich auch von Hitler gelesen wurde. Typisch für deren frauenfeindliche Haltung ist das Heft Nr. 21 aus dem Jahr 1908, das später in überarbeiteter Form mehrere Neuauflagen erzielte. Sein Titel lautete: „Rasse und Weib und seine Vorliebe für den Mann der minderen Artung“. Hierin werden Männer und Frauen rassisch kategorisiert und ihnen Unterscheidungszeichen beigefügt, die fatal an die Symbole der aktuell proklamierten „gerechten“ Sprache erinnern.

  6. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Herr Malyssek,
    Mit Staunen beobachte auch ich eine um sich greifende „Genderitis“ in einer Zeit, in der die Bedrohungen für die Menschheit wie Seuchen um sich greifen. Haben wir Menschinnen und Menschen nichts besseres zu tun ?Ihrem fein austarierten Beitrag möchte ich mich anschließen, damit ist alles gesagt, bis auf eines : Die Annahme, dass die Vergewaltigung der Sprache eine Veränderung des Denkens in der Menschheit bewirken wird, ist ein frommer Wunsch. Allein das Wort „gendern“ ist eine sprachliche Katastrophe, übersetzt : geschlechtlichen, als Verb gibt es das im Englischen auch nicht. Das allgemein zu beobachtende rumgegender mit Doppel punkt, groß I, Anhängsel innen (zB. Menschinnen) schafft nur einen weiteren Stein des Anstoßes, der nutzlosen Streiterei. Es trägt zum gegenseitigen Verständnis nichts bei.Es lenkt nur von den echten Problemen, die wir alle haben , ab.

  7. Paul Pfeffer sagt:

    Dass Sie das Leserforum der FR in FR-Forum umbenannt haben, ist eine elegante Lösung. Ich hätte ein Leser*:/_Innen-Forum nicht akzeptiert, und Sie wären einen langjährigen Abonnenten losgeworden. Ich fand es gut, dass der Chefredakteur, Herr Kaspar, kürzlich die Debatte neu angestoßen hat. Ich vermisse aber eine fundierte Auseinandersetzung in der Sache. Das Thema Gendern müsste neu aufgerollt werden. Die Frage ist nicht, wie gegendert werden soll, sondern ob überhaupt. Ich bin gern bereit, mich als Diskutant zur Verfügung zu stellen.
    Als Autor, Verleger und Sprachwissenschaftler äußere mich mich schon seit einiger Zeit kritisch zum Thema Gendern von Sprache. Es ist aber wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Die Befürworter stellen sich nicht einer sachlich/fachlichen Diskussion, sondern weichen ins Moralische aus und sprechen (wie Sie) von „Gerechtigkeit“. Sprachwissenschaftliche Argumente gegen das Gendern werden ignoriert.
    Das Gendern ist in meinen Augen ein Versuch, ein bestimmtes Denken durch eine Sprachpolitik von oben zu erreichen. Solche Versuche kennt man von totalitären Systemen. Ich will es zwar nicht mit deren Praxis vergleichen, dazu ist es zu harmlos, aber es benutzt moralischen und politischen Druck zur Durchsetzung seiner Ziele. Oft wird argumentiert, es würden ja lediglich Vorschläge gemacht. Jeder könne es mit dem Gendern halten, wie er wolle. Das verkennt aber die Realität. Abgesehen davon, dass man nicht mehr von „Vorschlägen“ sprechen kann, wenn ins Sprachsystem eingegriffen wird, ist das Gendern inzwischen durch feministische Sprachwissenschaftlerinnen sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Universitäten, Verwaltungen, Parteien und anderen Institutionen zum Standard erhoben worden. Kritische Stimmen werden ignoriert, Verweigerung wird sanktioniert.
    Obwohl die Verfechter des Genderns nur eine kleine Minderheit aus dem akademischen Umfeld sind, haben sie großen Einfluss. Ihr Hebel ist eine feministische Moral. Wer sich der neuen Sprachpolitik verweigert, gilt als rechts, frauenfeindlich, reaktionär, gestrig. Sachargumente aus der Sprachwissenschaft haben keine Chance, denn nicht die Sache – die Sprache – ist wichtig, sondern die „richtige“ Gesinnung.
    Letztlich geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Deutungshoheit und Macht. Der Mehrheit soll eine Sprachregelung verordnet werden, um das Bewusstsein in Richtung der Gender-Theorie zu verändern. Man kann das auch Manipulation und Bevormundung nennen. Geschlechtergerechtigkeit wird dadurch nicht befördert, eher im Gegenteil. Das Gendern der Sprache durch eine Minderheit erweist der Sache der (Frauen)-Emanzipation einen Bärendienst, weil die Veränderungen im Kern sprachfremd sind und weil die große Mehrheit (laut Umfragen ca. 60-80%) der Sprecherinnen und Sprecher Eingriffe „von oben“ in das Sprachsystem ablehnt. Auch diese Tatsache wird von den Befürwortern des Genderns ignoriert. Da liegt der Ideologieverdacht nahe, außerdem ergibt sich ein Legitimitätsproblem.
    Die Ablehnung des Genderns durch eine klare Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher ist oft intuitiv, weil die meisten Menschen wenig Einblick in das Sprachsystem haben, aber merken, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Die Zustimmung auf der anderen Seite ist oft blind, weil sie aus einer Mischung aus Unkenntnis über die Funktionsweise der Sprache, schlechtem Gewissen und falscher Solidarität mit den Sprachaktivistinnen erfolgt.
    Es ist zu hoffen, dass das Gendern Episode bleibt, weil es von der Mehrheit der Sprecherinnen und Sprecher nicht angewendet wird. Die deutsche Sprache wird es hoffentlich abschütteln, wie sie schon so manche Eingriffe von verschiedenster Seite abgeschüttelt hat.
    Ich hänge Ihnen noch einmal meinen Essay an, der sich kritisch mit dem Gendern von Sprache auseinandersetzt. Von Befürwortern des Genderns habe ich bisher noch kein einziges stichhaltiges Gegenargument gegen meine Ausführungen gehört. Vielleicht klappt’s ja diesmal.

  8. Koll. Robert Straßheim sagt:

    Ihre Arbeit, wie Sie die Verwendnung einer geschlechtergerechten Sprache reflektieren und mit Augenmaß umsetzen, finde ich vorbildlich. Diese Publikationen in der FR sind wegweisend, um die LeserInnen zum Nachdenken zu bringen bzw. zu ermutigen, eine fortschrittliche Sprachverwendung zu praktizieren. Ganz herzlichen Dank an alle FR-RedakteurInnen, die sich dafür engagiert haben!

    Selbst schreibe ich schon lange mit dem großen I, da ich mich während meines Germanistik-Studiums Anfang der 90er Jahre mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Deshalb möchte ich Ihnen die Lektüre der Bücher des Urgesteins der Feministischen Linguistik, Prof. L.F.Pusch,
    empfehlen: In „Das Deutsche als Männersprache“ und „Alle Menschen werden Schwestern“ hat sie u.a. Glossen geschrieben, die z.T. Meisterwerke ihrer Textsorte sind und die ich heute noch zum Gefallen der SchülerInnen im Unterricht einsetze.

  9. Cornelia Hartlaub-Klein sagt:

    Jede Klasse, Schicht, Gruppe, Subkultur hat ihren eigenen Habitus und ihre eigene Sprache. Ungerecht wird es dann, wenn eine Gruppe – in diesem Fall ein Teil des akademisch gebildeten Bürgertums, ein Teil der Medien – die eigene Sprache zur Leitkultur erklärt. Paradox wird es, wenn dies im Namen der Diversität geschieht. Gefährlich wird es, wenn sich die so zum „Anderen“ gemachten ausgegrenzt, abgehängt, diskriminiert fühlen. Wir leben in einer Zeit der Euphemismen (Gutes Kita-Gesetz, robuste Friedenseinsätze usw.),
    die nur dazu dienen, die herrschenden Zustände zu verschleiern. Eine angeblich gerechte Sprache kann auch nicht mehr leisten als ihre Anwender zu beruhigen und die tatsächlichen Ungerechtigkeiten zu kaschieren.

  10. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Jürgen H. Winter
    @ all

    Es wahrscheinlich auch eine Generationsfrage, wie „wir“ als Ältere mit diesem Thema umgehen. Damit meine ich natürlich nicht eine Anfechtung der Geschlechtergerechtigkeit, sondern diesen komplizierten „handwerklichen“ Umgang.

    Wenn mir als Bürger eine Gerechtigkeitsgesellschaft und eben die Augenhöhe der Geschlechter wichtig sind, dann kann ich da schon mit der Sprache arbeiten, aber eben nicht so, wie es – und es war vor allem in akademischen Zirkeln bereits in den Neunziger Jahren so -, dass es unter anderem zu neuen Ab- und Ausgrenzungen gekommen ist. Deshalb habe ich auch interessiert gelesen, was Paul Pfeffer oben dazu geschrieben hat. Ich bin da nicht mehr so in einer einer fachöffentlichen Debatte drin, aber ich habe genau das erlebt, was Pfeffer beschreibt: Kritik an der Gender-Sprachpolitik, aber auch an der Auf-Oktroyierung der „neuen Lehre“, waren sehr bestimmt von diesen Vorwürfen: man sei rechts, reaktionär, frauenfeindlich und gestrig (Pfeffer).

    Es geht eben nicht nur um sprachwissenschaftliche Argumente gegen das Gendern, sondern auch um die Gefahr einer Ideologie und vor allem einer akademischen Inbesitznahme der Debattenhoheit.
    Gewiss hat sich auch die Stimmung um das Gendern im Lande auch etwas verändert, aber indem es jetzt wieder Thema auf dem Tapet kommt, wird es interessant sein, wie (inhaltliche) Entwicklung weiter geht.

    Jedenfalls bleibe ich dem Grunde nach dabei, dass diese Sprachakrobatiken zur Herstellung von Gleichberechtigung nicht wirklich überzeugen. Dafür ist die soziale Wirklichkeit (so komplex und problematisch sie auch ist) doch eine andere, wenn ich gerade außerhalb der akademischen Zirkel, die Frauen immer mehr an Stärke, Selbstvertrauen und gesellschaftlichen Einfluss erreichen. Auch die eingefahrenen Geschlechterrollen verändern sich kontinuierlich. Wenn diese Entwicklung so weitergeht (die Chancen sehe ich), dann kann auch die Sprache eine vernünftige Entwicklung nehmen, ohne sie kaputt zu machen. Dazu gehören auch diese Übermacht einnehmenden Anglizismen, die ich wirklich satt habe, so treffend schön viele englische Sprichwörter und kurze Wendungen auch sind.
    Lieber Herr Winter, ich bin jedenfalls ganz nahe bei Ihnen, um im Jargon, der modernen Debattenkultur zu bleiben.

  11. maat sagt:

    Ich halte Gendern für den falschen Ansatz, denn es ist in meinen Augen sexistisch. Davon ausgehend, dass jeder Mensch verschiedene Identitäten hat, ist das Geschlecht ein Merkmal unter vielen. Im Gegensatz jedoch zu allen anderen Identitätskategorien, über die wir in Texten im Unklaren gelassen werden, wird permanent auf das Geschlecht hingewiesen, egal in welchem Kontext. Und das soll fortschrittlich sein?
    Viel sinnvoller wäre es, konsequent das generische Maskulinum zu verwenden, sodass SELBSTVERSTÄNDLICH unter der Bezeichnung: „Lehrer“ Menschen zu verstehen sind, die unterrichten. Lehrer können z.B. weiblich sein, männlich oder divers, geschieden oder schwul, blond oder dunkelhäutig, gläubig oder nicht.
    Es ist doch geradezu eine Folge des Genderns, dass das generische Maskulinum immer weniger verstanden wird, obwohl die Lebensrealität vielfältiger wird. Ein Beispiel: An meiner Arbeitsstätte sind die Computerspezialisten weiblich. Deshalb stelle ich mir immer eine Frau vor, wenn ich das Wort „Computerspezialist“ höre. Bei Bundekanzler denke ich an „Angela Merkel“, bei Chefredakteur sofort an Bascha Mika, auch wenn sie inzwischen aufgehört hat.
    Bei Zeitungsredakteuren im Allgemeinen denke ich allerdings an eine Gruppe Männer und zwei Frauen. Warum nur? Besetzen Sie alle Führungspositionen in der Fr endlich zur Hälfte mit Frauen, dann brauchen Sie auch nicht zu gendern!

  12. Jürgen H.Winter sagt:

    Ein Punkt noch, das Thema Gerechtigkeit, in diesem Zusammenhang – wo, bitte, gibt es auf diesem Planeten Gerechtigkeit ?? Und beim Gendern soll es die treibende Kraft sein ? Es gibt sicher bessere Anwendungsmöglichkeiten für Gerechtigkeit, Wie wäre es mit gleicher Bezahlung für Frau und Mann ? Beinahe hätte ich gesagt, auch die Männer sollen Kinder kriegen, aber da gibt es ja noch ein Problem, ist das eventuell das zu Grunde liegende ? Nur mal so als Denkanstoß !Aber, Gerechtigkeit, gibt es nicht.

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Jürgen H. Winter

    Aber Gerechtigkeit anzustreben, das ist ein wichtiges Ziel, komme was wolle!

  14. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Herr Malyssek,
    Ja, unbestritten, keine Frage, nur scheint mir das ganze auf tönernen Füßen zu stehen. Es wird viel Unsinniges dabei produziert. Das Lieblingsprodukt meiner Frau ist „Schwesterinnen“Es gibt jede Menge dieser Blüten. Aus Leserbriefen FR Forum zu machen ist ja kein Problem, nur hatte ich nie das Problem, Leserbriefe nur Männern zuzuordnen. Es ist natürlich auch ein schönes Gefühl, Gerechtigkeit zum Nulltarif zu bekommen, würde es Geld kosten, sähe die Welt schon anders aus. Also, ganz eigensüchtig, mir gehen diese ganzen Lesenden, Suchenden, Laufenden und….den auf den Keks. Gute Nacht !

  15. Jenny sagt:

    Wow, krasse Sicht, Frau Jürgen H.Winterin. Sie sind für Gerechtigkeit und zugleich dagegen? Wie nennt man das? Doppelmoral? (…)

    (…) Passage gelöscht.
    Gruß, Bronski

  16. Jürgen Malyssek sagt:

    Hallo Herr Winter,

    Glaube, Sie zu verstehen. Für mich ist das Anstreben von Gerechtigkeit nicht eine nur auf die Geschlechter bezogene Denke. Eine Gleichberechtigung der Geschlechter ist ohne soziale Gerechtigkeit überhaupt nicht möglich. Und selbst da bewegen wir uns natürlich immer in einen noch anzustrebenden Zustand. In vielen Lebensbereichen und im Politisch-öffentlichen können Frauen sehr wohl selbstbestimmt entscheiden, wie sie ihr Lebenskonzept planen wollen. So hilflos sind sie nun auch wieder nicht. Ich spreche nicht von den Schichten der Unterprivilegierten. Da tickt das Leben ganz anders. Aber man muss die Frauen heute nicht mehr so mit Quotierungen und (sprachlichen) „Genderisierungskonstruktionen“ unter die Arme greifen wollen. DIE machen das schon, was sie anstreben! Es gibt genug Frauen, die z.B. beruflich oder politisch gar nicht in Top-Positionen wollen, kein Tammtamm machen und sehr wohl emanzipiert sind. Man überschätzt häufig den Einfluss (die Macht) der Männer. Hier finden sich häufig mehr Geschlechtsrollenkonflikte als im weiblichen Raum. Was insgesamt mit den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu tun hat, etwa die rasante Umstrukturierung der Arbeitswelt, wo z.B. die Arbeitslosenquote (im deutschsprachigen Raum) der Männer seit einigen Jahren höher als bei Frauen liegt. Die Männeridentität ist längst nicht mehr das, was man sich gerne so in erlauchten Kreisen vorstellen mag. Man kann inzwischen fragen, wer nun in unserer dynamischen von ständigen ökonomischen Umwälzungen bestimmten Gesellschaft stärker auf der Verliererstraße fährt: Frau? Mann? Mann? Frau?
    Gerade weil Männer ihre Identität aus dem Beruf ziehen und früher „körperlich“ noch viel mehr gezogen haben, ist das inzwischen ein ausgesprochen wackeliges Gerüst, auf dem der Mann in der sog. Postmoderne versucht sich festzuhalten. Das soll hier keine Provokation sein, aber ich rede nicht von irgendwelchen Phantasien. Die traditionelle männliche Rolle ist sich längst im Auflösen begriffen.
    Diese Entwicklung wird sich verstärken. Ein Faktor dafür ist der wachsende Vorsprung von Mädchen in der Bildung, ihr augenscheinlich höherer Schulerfolg usw. Ich beklage das nicht. Aber es wirft auch große Schatten auf die vielen sozialen Probleme (Schulversagen, Ausbildungsabrüche, Kriminalität, Drogen usw.) der Jungen, der männlichen Heranwachsenden heute.

    Also wenn wir uns heute über das „Gendern“ unterhalten, mit all den sprachlichen Kapriolen, dann hat das tendenziell nicht viel mit der sozialen Wirklichkeit zu tun, auch wenn sie oberflächlich betrachtet so nicht ins Auge sticht. Deshalb ist die sich breit machende Gendersprache wie „Schwesterinnen“ und was weiß ich, was so alles konstruiert wird, auch für mich keine anzustrebende Entwicklung. Die Gesellschaft hat viel zu viele Systemprobleme und Ungerechtigkeiten, die zum Beispiel dafür verantwortlich sind, dass das Land immer mehr arme, verlassene oder vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen Menschen zu beherbergen hat. Und das wiederum in so einem reichen (absolut betrachtet) Staat.
    Deshalb gilt es jetzt mit und aus der Corona-Krise zu lernen und ganz andere Gewichte in eine gerechtere Gesellschaft zu werfen.

  17. Stefan Briem sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Ich musste so lachen, nachdem ich Ihren Kommentar gelesen habe, denn es ist doch so offensichtlich, dass die Sache mit den „Schwesterinnen“ Satire ist! Ehrlich – das ist so gaga, und Sie nehmen das ernst? Und Ihre Frau auch? Schönen Gruß an Frau Winter, aber das kann doch wohl nicht wahr sein! Sie wollen uns bestimmt nur auf den Arm nehmen. Das muss man doch erkennen!

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Stefan Briem

    Ob Satire oder nicht: Das ist gar nicht so weit weg von der Realität. Und gerade die Satire bringt es auf die Spitze.

  19. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Jenny,
    Gerechtigkeit ist ein schwieriges Gut. Es ist vor allem meinungsabhängig. Was für den einen gerecht ist, ist für den anderen ungerecht. Es gibt also viele Gerechtigkeiten. Vergleichbar mit dem Begriff Wahrheit. Auch die ist vielschichtig.

  20. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Herr Briem,
    Lachen ist gesund und wenn mein Beitrag sie zum Lachen gebracht hat betrachte ich das als Erfolg. Man kann so etwas gar nicht ernst nehmen und das ist zumindest in Teilen meine Haltung zu diesem ganzen Genderproblem. Achten sie einmal beim Lesen auf die Wortakrobatik , die auf diesem Gebiet stattfindet, da ist so manches zum Lachen.

  21. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Herr Malyssek,
    vielen Dank für ihre Stellungnahme. Sie haben natürlich Recht in der Annahme, dass es wichtigere Probleme im Gegenwärtigen zu lösen gilt, das Gerechtigkeitsproblem wird jedenfalls auf diesem Gebiet des genderns kaum zu lösen sein. Überhaupt Gerechtigkeit, was ist das ? Dass man Recht bekommt in dem was man tut ? Dass es richtig ist, was man tut ? Das ist ein weites Feld, das auch für vieles andere gilt. Für Flüchtlinge zum Beispiel. Sollen wir alle aus Griechenland aufnehmen ? Kommen dann noch mehr ? Es sind etwas 100 Millionen Menschen auf der Flucht, sollen wir für die der Hafen sein ? Das ist wohl kaum zu schaffen. Was ist denn in dieser Situation gerecht ? Wer ist schuld am Klimawandel ? Müssen wir nicht viel mehr beitragen zur Lösung der Probleme, haben wir doch als Verursacher mehr als unseren Anteil geleistet? Was wäre hier gerecht ? Ich weiß es nicht, es ist ein ungeheuer großes Problem und es stört mich einfach, dass hier der Begriff Gerechtigkeit mal eben so abgehandelt wird.
    Zum Schluss, Vielen Dank für ihren Beitrag, besser kann man das nicht kommentieren.

  22. Bronski sagt:

    Lieber Herr Winter,
    wir reden hier über Gerechtigkeit hinsichtlich der Ansprache gegenüber Menschen. Es geht in diesem Thread nicht um Flüchtlinge oder den Klimawandel. Es gibt viele Themen, die die Menschen bewegen, und dies ist eines davon. Dass Sprache Denken formt, ist erwiesen, und damit ist dies ein wichtiges Thema. Hantieren Sie in diesem Zusammenhang bitte nicht mit unpassenden Begriffen wie „Vergewaltigung“.
    Danke.
    Bronski

  23. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Bronski,
    Das Wort Vergewaltigung kommt in meinen Beiträgen nicht vor. Es geht mir um den Begriff „Gerechtigkeit“, den habe ich versucht abzuhandeln, um die Vielschichtigkeit darzustellen. Das mag über den Themenkreis hinausgehen.

  24. Bronski sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    In Ihrem Kommentar vom 27.9., 16:11 Uhr haben Sie geschrieben:

    „Die Annahme, dass die Vergewaltigung der Sprache eine Veränderung des Denkens in der Menschheit bewirken wird, ist ein frommer Wunsch.“

  25. Rolf W. sagt:

    @ Paul Pfeffer http://frblog.de/gendern/#comment-59433

    „Ich hänge Ihnen noch einmal meinen Essay an, der sich kritisch mit dem Gendern von Sprache auseinandersetzt.“

    Es wäre hilfreich, wenn Sie nicht nur Bronski in den Genuss Ihres Essays kommen ließen, sondern auch uns Leser. Könnten Sie vielleicht auf Ihren Essay verlinken?

  26. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Bronski,
    Stimmt. Ich war nicht weit genug zurück und die alten Zellen wussten wohl auch nichts mehr davon. Danke für die Hilfestellung.

  27. Cornelia Hartlaub-Klein sagt:

    Hallo Bronski,
    ich habe lange über ihren Satz „dass Sprache Denken formt, ist erwiesen..“ gegrübelt. Denken kann doch überhaupt nur in Sprache stattfinden. Wenn Sie über „Gendern“ nachdenken, können Sie beschließen, ihre Sprache umzuformen.
    Das mag beim Verschriftlichen, beim Reden funktionieren. Aber benutzen Sie beim reinen Denken tatsächlich eine „gegenderte“ Sprache? Also diese merkwürdige Pause („Sportler – innen“), die man im Rundfunk hören kann.
    Sie fordern dazu auf, in diesem Zusammenhang nicht mit unpassenden Begriffen wie „Vergewaltigung“ zu hantieren.
    Wäre der Ausdruck „der Sprache Gewalt antun“ passender? Besteht die Gefahr, dass die Benutzung von Worten wie Folter, Mord, Mißhandlung, Krieg,Vergewaltigung -ob im konkreten, ob im übertragenen Sinn- das Denken des Sprechenden negativ formt? Oder geht es Ihnen darum, solche für Andere potentielle „Trigger“-Worte ganz zu vermeiden?

  28. Jürgen H.Winter sagt:

    Hallo Frau Hartlaub-Klein,
    Vielen Dank für ihren Beitrag.Ich stimme ihnen generell zu, nur in einem Punkt sehe ich den Vorgang Denken etwas anders.
    Meiner unmaßgeblichen Meinung nach setzt Denken keine Sprache voraus. Denken scheint mir ein abstrakter Vorgang zu sein, der keiner Sprache bedarf. Man muss sich dabei vergegenwärtigen, dass man immer denkt, ja, dass es sehr schwierig wenn nicht unmöglich ist, nicht zu denken. Höchste Stufe des Yoga.Erst Mitteilungen an andere setzen eine Sprache voraus. Wenn zum Denken Sprache erforderlich wäre, würde man Tieren jede Denkfähigkeit absprechen, denn das was wir als Sprache bezeichnen, gibt es bei Tieren nicht. Dies ist , wie gesagt meine Meinung, durch nichts fundiert.
    Obgleich ihre Meinung nicht meiner Meinung entspricht danke ich ihnen für den Denkanstoß, der nur per Sprache möglich war.
    Da fällt mir ein,auch mit Bildern lässt sich vieles mitteilen in Umgehung der Sprache und das zeigt, dass sehr wohl Gedanken ohne Sprache ausgedrückt werden können.