Ein Problem mit der Identität

Über das Thema Islam haben wir uns hier im FR-Blog schon gefühlt mehrere Dutzend Mal unterhalten und gestritten. Notgedrungen tun wir es jetzt wieder, denn der neue Innen- und Heimatmuseum-Minister Horst Seehofer (CSU) bewegte sich kürzlich auf ausgetretenen Pfaden und sagte in einem Interview mit Bild, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, was mir viele Leserbriefe eingetragen hat. Seehofer hält es wohl für originell, diese Debatte wieder anzufangen, oder glaubt, dass ihm das Wählerstimmen zuträgt, die sonst bei der AfD landen würden, aber letzteres wird nicht funktionieren. Dann sollte Seehofer sich mal ansehen,  wie es Nicolas Sarkozy in Frankreich erging, als er mit demselben Spruch, auf den Marine le Pen dort den Alleinvertretungsanspruch geltend machen darf, hausieren zu gehen versuchte: Im Zweifelsfall wählen die Wählerinnen und Wähler das Original. Seehofer zündelt also – Populist, der er ist. Ein gefährliches Spiel.

Am liebsten würde ich sagen, wir brauchen diese Debatte hier nicht mehr zu führen. Wir haben sie bereits geführt. Zudem ist dies eine Debatte mit dem Zungenschlag der Ausgrenzung, auch wenn Seehofer in dem Interview sagte, die in Deutschland lebenden Muslime gehörten durchaus zu Deutschland, ihre Religion aber nicht. Es kann natürlich kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Muslime zu Deutschland gehören. Viele von ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber ihre Religion? Ja, die bereitet vielen Deutschen immer noch Probleme. Aber statt zu behaupten, der Islam würde nicht zu Deutschland gehören, sollte man eher mal fragen, warum er diese Probleme bereitet. Ich habe zu dieser Frage in diesem Blog am 11. Juli 2007, also vor mehr als zehn Jahren, einen Leserbrief eines in Frankfurt lebenden Deutsch-Türken veröffentlicht, der in dieser langen Zeit nichts an Aktualität verloren hat. Ich hole ihn in die Gegenwart herauf.

Balken 4Medien in der Verantwortung

„Ich habe den Eindruck, dass man in Deutschland Probleme hat, sich dem Thema Islam objektiv zu nähern. Viele Nicht-Moslems haben nur wenig bis kein Wissen über den Islam. Daher haben sie auch große Angst vor dem Islam. Der Islam wird als Bedrohung erlebt.
Die geringe Zahl derer, die ihren persönlichen Kampf unter dem Deckmantel des Islam führen, sollte man nicht als Repräsentanten des Islam darstellen. So bekommt das einen üblen Beigeschmack. Die überwältigende Mehrheit der Moslems in Deutschland distanziert sich von denen, die Terror und Hass predigen. Jedoch finden sie keine Gelegenheit, über dieses Problem mit Deutschen zu sprechen. Um den Terror wirksam bekämpfen zu können, müssen Moslem und Christen aber Hand in Hand vorangehen.
Ich bin Moslem, in Deutschland geboren, deutscher Staatsbürger, und habe noch nie persönlich Fremdenfeindlichkeit erlebt. Jedoch war ich sehr oft mit Unwissenheit konfrontiert.
Gerade die Medien spielen eine große Rolle in der Meinungsfindung der Bürger. Sie sollten Ihrer Verantwortung entsprechend die Bürger aufklären und motivieren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

Ugur Odabas, Frankfurt

Balken 4Das haben wir hier im FR-Blog unentwegt getan, in Diskussionen über Christian Wulffs berühmten Satz, auch der Islam gehöre inzwischen zu Deutschland, aus seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit 2010, in Diskussionen über Burka und Kopftücher und islamistischen Terror. Und auch in der Welt da draußen ist inzwischen viel passiert. Es gibt das Studienfach „Islamische Theologie“ an verschiedenen deutschen Universitäten, etwa in Münster, wo ein Deutscher Islam im Entstehen begriffen ist (oder ein Euro-Islam, wie auch immer man will), und es gibt islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. Wer trotzdem behauptet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, der hat den Schuss nicht gehört.

Ein paar Fakten

Es gibt geschätzt etwa fünf Millionen Muslime in Deutschland. Sie betrieben im Jahr 2011 159 Moscheen mit Kuppel und Minarett. Seitdem sind weitere hinzugekommen. Die Gesamtzahl der Moscheen in Deutschland konnte ich in der Kürze der Zeit nicht recherchieren. „Nach Angaben des Zentralinstituts Islam-Archiv in Soest gab es im Jahre 2008 bundesweit 206 Moscheen“, ist auf Wikipedia zu lesen, und etwa 2600 Bethäuser sowie ungezählte so genannte ‚Hinterhofmoscheen‘. Weitere 120 Moscheen sollen in Bau oder in Planung sein.“ Allein in Offenbach/Main, der Stadt, in der ich lebe, sind neun Moscheen eingetragen. In all diesen Moscheen und Gebetshäusern, die sich zweifelsfrei in Deutschland befinden, wird der Islam als Religion ausgeübt.

Diese Muslime sind teilweise auch organisiert, unter anderem in der Ditib, die der türkischen Religionsbehörde Diyanet untersteht und daher immer wieder Kritik erfährt, weil sie unter dem Verdacht steht, der türkische Staat wolle über sie Einfluss auf in Deutschland lebende Türken nehmen. Daneben leben in Deutschland Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadiyya, Sufis und andere, das heißt: Der gesamte Islam in der ganzen Breite seiner Konfessionen und Spielarten ist in Deutschland vertreten. Wer sich ein Bild davon machen will, wie groß die Zahl ihrer Organisationen und Vereine ist, die/der ziehe sich diesen Wikipedia-Artikel rein.

Auch kulturell gehört der Islam zu Deutschland, denn durch islamische Gelehrte wurden im Mittelalter Werke antiker Hochkultur erhalten, die sonst verloren gegangen wären. Ohne sie hätten wir möglicherweise die Namen Aristoteles und Platon, die für Humanismus und Aufklärung eine nicht zu überschätzende Rolle spielen, niemals gehört, denn das Christentum hatte diese Schriften in seinem Dogmatismus für Teufelswerk erklärt. Unsere Gegenwart sähe ohne diese Wissensvermittlung durch islamische Gelehrte heute vermutlich ganz anders aus. Dass der Islam darüber hinaus eine Rolle im Transfer von Wissen und Gelehrsamkeit gespielt hat, kam erst kürzlich in der Debatte über die „Mohren“-Apotheken zum Ausdruck.

Was will Seehofer eigentlich sagen?

Das alles weiß Seehofer natürlich. Oder er sollte es wissen. Trotzdem stößt er diese Debatte an. Dann nehmen wir das mal ernst. Denn das haben wir ja inzwischen gelernt: Diese Abstiegsängste, dieses Nicht-ernst-genommen-Werden, diese Angst vorm Abgehängt-Sein, all das also, was die AfD-Wähler angeblich dazu bringt, AfD zu wählen, das müssen wir ernst nehmen. Die Angst vor dem Islam gehört dazu. Den Verdacht von Ugur Odabas, dass diese Angst sich vor allem aus Unkenntnis nähre, die behalten wir mal im Hinterkopf.

Was gehört zu Deutschland?

Gerade reden wir viel über 1968. Gehört Rudi Dutschke zu Deutschland? Harald Kurras? Hans-Magnus Enzensberger? Daniel Cohn-Bendit? Gehört die Revolte dieser Jahre zu Deutschland? Gehört der „Deutsche Herbst“ zu Deutschland? Der Terror der RAF? Okay, zu radikal. Gehört nicht dazu. Ist zwar in Deutschland entstanden, wird aber lieber abgespalten und verdrängt. Besser ist es da, mit Chiffren zu reden: Das Christentum gehört zu Deutschland. Das Judentum … na ja, da hätten wir vielleicht gewisse Problemchen … Gehört der Nationalsozialismus zu Deutschland? Heute wieder, oder? Aber dazu sagt Seehofer nichts. Der Holocaust? Gehört klar zu Deutschland. Oder wenn wir zum Islam zurückkehren, dessen Nichtzugehörigkeit zu Deutschland eigentlich dargestellt werden soll: Frauenfeindlichkeit – gehört die zu Deutschland? Denn der Islam unterdrückt die Frauen bekanntlich. Etwas weiter gedreht: die katholische Kirche – gehört die zu Deutschland? Die hat’s ja auch nicht gerade so mit der Gleichberechtigung. Intoleranz und Rückständigkeit, gehören die zu Deutschland? Auch hier etwas weiter gedreht: Pegida und AfD – gehören die zu Deutschland? Na, aber hallo! Sie sind das Volk!

Sind sie nicht. Ich frage mich: Wohin soll eine Debatte darüber führen, was zu Deutschland gehört und was nicht? Ich lade alle, die darüber Erleuchtung wünschen, dazu ein, Frankfurt zu besuchen – oder Offenbach, die Stadt, in der ich lebe. Hier gibt es haufenweise Muslime. Sie prägen das Stadtbild. Zu behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, heißt auch zu behaupten, Offenbach gehöre nicht zu Deutschland, und das ist offenkundig Unsinn.

Das bedeutet in der Konsequenz, dass auch der Fundamentalismus zu Deutschland gehört. Den gibt es im Christentum in Gestalt von rund einer Million Evangelikalen, und den gibt es im Islam in Gestalt von mehreren tausend Salafisten und „Gefährdern“ (Anführungszeichen wegen immer noch unklarer Definition) und einer unklaren Zahl von sehr konservativen Muslimen mit Tendenz zur Gewaltbereitschaft. Diese Fundamentalisten sind unterschiedlich gewaltbereit. Islamisten steuern Lastwagen in Menschenmengen, Evangelikale machen nur „Demo für alle“ und bringen wenigstens niemandem um. Aber sie gehören zu Deutschland. Oder würde jemand bestreiten, dass Hedwig von Bevernfoerde eine Deutsche ist?

Die Frage ist also nicht, was zu Deutschland gehört, sondern wie Deutschland damit umgeht. Mit einem Islam, der in Deutschland präsent ist, der Einfluss auf die Themen nimmt, über die wir reden – und sei es nur, indem ein Heimatmuseum-Minister ihn zum Thema macht – und der gewiss nicht unproblematisch ist. Man sollte aber nicht so tun, als sei der Islam die Wurzel allen Übels. Die Frauenverachtung haben andere vor ihm erfunden. Auch Dogmatismus und Intoleranz sind Bestandteile unseres kulturellen Erbes, jenes Teils davon, der sich aus dem Christentum speist.

Der Islam ist rückständig, je nach Auslegung mehr oder weniger. Er ist eben eine Religion, die vor bald 1400 Jahren in einem Wüstennest geboren wurde. So wie vorher Judentum und Christentum, die sich aber weiterentwickelt haben. Professor Khorchide, der in Münster islamische Theologie lehrt, hätte dazu viel zu sagen. Vielleicht ist das, was der Professor da nach und nach zündet, vergleichbar mit dem, was das Abendland vor 300 bis 400 Jahren an intellektuellem Aufbruch – Stichwort Aufklärung – erlebte. Aber das hilft wenig in der Debatte darüber, was zu Deutschland gehört und was nicht. Klar ist nur: Zu Deutschland gehört nicht nur das Schöne, Gute, Bier- und Weinselige. Die deutsche Kultur ist unzähligen Einflüssen ausgesetzt, und der Islam gehört zu diesen Einflüssen.

Die Menschen, die mit diesem Islam und mehr noch mit der kulturellen Fracht ihrer Heimatländer als Flüchtende zu uns kommen, bringen diese rückständigen Elemente mit nach Deutschland. Das mag ich nicht, aber so ist es. Wir erleben einen „clash of civilizations“ im eigenen Land. Das ist eine Herausforderung, die wir nicht bewältigen werden, indem wir selbstbetrügerisch einfach behaupten: Du gehörst nicht dazu.

Balken 4Leserbriefe

Jutta Köpke aus Neu-Isenburg:

„Der Herr Wulff, wer war das noch ? Und musste Seehofer deshalb noch einmal Minister werden ? Das hätte er doch schon eher sagen können. Tatsächlich scheinen die Deutschen ein Problem mit ihrer Identität zu haben. Ausländer im Allgemeinen sind stolz auf ihre Kultur. Was auch immer das meint. Wir müssen „Fremdes“ entweder bekämpfen oder hofieren. Es fehlt uns an Gelassenheit. Da stimmt es nicht.  Und was wird jetzt aus der MOHR-Rübe ?“

Alfred Köth aus Frankfurt:

„Was gilt denn nun? Oder: Wer ist eigentlich befugt zu definieren, was zu Deutschland gehört?
Als Bundespräsident Wulff in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit verkündete, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört, dachte ich, das gilt nun, auch wenn einzelne Abgeordnete widersprachen. Wenn zudem Bundeskanzlerin Merkel vor einigen Jahren dem zustimmte, schien mir das gültige Definition. Wenn nun aber der frisch gewählte Innen- und Heimatminister bestreitet, dass der Islam zu Deutschland gehört, bin ich doch gehörig verunsichert, zudem postwendend die Kanzlerin dem widerspricht.
Bei dieser Gelegenheit bitte ich dringend um Beseitigung folgender Unklarheiten: Gehört auch der Atheismus zu Deutschland? Der Alkoholismus?  Der Antisemitismus? Der Nationalsozialismus? Wie steht es mit dem Saarland? Und gehört auch der Kapitalismus zu Deutschland? Damit verbunden ist die Frage, ob es eigentlich veränderbar ist, was zu Deutschland gehört und was nicht? Und wie lange noch gehört Bayern zu Deutschland? Österreich gehörte ja auch nur zeitweilig zu Deutschland? Wie sieht es mit Mallorca aus? Gehört inzwischen die Pizza zu Deutschland und der Döner? Oder nur die Weißwurst? Seehofer jedenfalls gehört zu Deutschland, ob es der Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands gefällt oder nicht.“

Gerd Wild aus Frankfurt:

„Horst Seehofer ist als Innenminister eine peinliche Fehlbesetzung, mit der wir wohl leben müssen. Da er die jüdisch/christliche Prägung unseres Landes so hervorhebt, sind die Leitungen beider Großkirchen und der Zentralrat der Juden gefordert, ihn an das zentrale Gebot beider Religionen zu erinnern, den Fremden gastlich aufzunehmen und ihn nicht zu diskriminieren. Wir wollen doch nicht – auch nicht nur verbal – in die Gedankenwelt von Religionskriegen und Kreuzzügen zurück. Und überhaupt: Muslime sind in Deutschland längst keine Fremden mehr. Türkische Gastarbeiter/innen wurden bis Mitte der 1970er Jahre angeworben, danach war die Zuwanderung aus Anatolien bis auf nachgeholte Ehefrauen und -männer abgeschlossen (Ich weiß das genau, weil ich damals als Lehrer an der Deutschen Schule Istanbul die Bänke vom Generalkonsulat gekauft habe, auf denen die Anwärter/innen auf ihre Gesundheitsprüfung warten mussten). Unser türkischstämmiger Bevölkerungsanteil hat also entweder den größten Teil seines Lebens schon in Deutschland verbracht oder ist hier geboren. Vermutlich werden sie alle als Muslime gezählt, obwohl nicht wenige mit der Religion nichts am Hut haben oder z.B. als Kurden Alewiten sind, also einer eigenen Glaubensrichtung angehören.
Auch die aus Marokko stammenden Gastarbeiter sind schon ewig hier, auch viele der Ahmadia-Flüchtlinge aus Pakistan. Aus Afghanistan kamen die ersten, als die Russen 1978(!) einmarschierten…
Selbstverständlich ist unsere bunte Gesellschaft nicht ohne Konflikte, aber die gibt es in allen ihren Bestandteilen: Gewalt gegen Frauen und ihre Diskriminierung, Vorurteile gegen homosexuelle Frauen und Männer und und …
Als Christen glauben wir an die Umkehr, dass ein Saulus zum Paulus werden kann, Herr Seehofer, gehen Sie in sich!“

Wolfgang Hahn aus Dreieich:

„Wenn Intoleranz, Rückständigkeit und Frauenfeindlichkeit zu Deutschland gehören, dann gehört auch der Islam zu Deutschland. Was in jedem Falle zu Deutschland gehört, sind vier Millionen Muslime. Die sind sicherlich nicht alle Anhänger einer fundamentalistischen, gewaltbereiten Glaubensausrichtung. Bei jenen, die diese Einstellungen jedoch haben, ist nicht die Integration miss-, sondern die Separation gelungen. Die wird immer noch von Islam-Predigern und Machthabern der türkischen Republik propagiert. Vielleicht können wir unseren muslimischen Nachbarn vermitteln, dass sie willkommen sind, ihre Religion und das öffentliche Werben und Bekenntnis dazu jedoch nicht.
Es soll nicht vergessen werden, dass das System in dem sie vorziehen zu leben, während und nach der französischen Revolution durch viele West-Europäer mit Verlust von bürgerlicher Existenz, Freiheit oder sogar dem Leben erkämpft wurde, um eine Kerikal- und Feudalherrschaft abzuschütteln. Zu wertvoll, um es nochmals einer Religion auszuliefern.“

36 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    Irgendwo kann das Ganze nicht mehr ernst genommen werden.

    Was ist eigentlich genau deutsch?
    Und wie ist Deutschland zu definieren? Denn z.B. die Grenzen des heutigen Deutschland bestehen ja noch nicht so lange.

    Was ist mit der deutschen Sprache? In Österreich, Teilen der Schweiz, Belgiens, Frankreichs und in Luxemburg wird ebenfalls deutsch gesprochen. Aber bei uns in der Bundesrepublik Deutschland wird die deutsche Sprache durch die vielen Anglizismen immer mehr vermischt. Wird sich Seehofer etwa darum kümmern?

    Welche Aufgabe sieht Seehofer überhaupt in seinem Amt als „Heimatminister“? Etwa als Heimatmuseum, wie er sich sogar verplappert hatte? Oder soll er sogar, wie in den USA, denen man ja alles nachmachen zu müssen scheint, ein Heimatschutzministerium einrichten?

    Wer legt fest, für welche Aufgaben ein „Heimatminister“ zuständig sein soll?

  2. Werner Engelmann sagt:

    Zur Frage von Alfred Köth, was denn alles zu Deutschland gehöre:
    Fest steht, dass ein Horst Seehofer nach seinem eigenen „christlich-jüdischen“ Kriterium, das mal auf die Schnelle 1000 Jahre Antisemitismus bis hin zum Holocaust wegdefiniert, nicht zu Deutschland gehört.
    Bestenfalls in ein bayrisches Heimatmuseum zu Schuhplattler, Fingerhakeln, Hinterfotzigkeit und Mir-san-mir.

  3. Bronski sagt:

    Zur Info: Weil in der vergangenen Nacht meine Verbindung zum Internet ausgefallen war, konnte ich meinen Kommentar und Text zur Einleitung dieses Themas erst gerade eben online stellen. Jetzt ist er aber da. Dies nur zur Erklärung für jene, die da vielleicht etwas vermisst haben.

  4. J. Beudt sagt:

    Nun ja. Was gehört jetzt zu was.
    Erstmal alles was jeder einzelne für sich als zugehörig empfindet.
    Für mich gehört logischerweise der Islam zu Deutschland. Er ist doch nun mal da uns wird von Millionen Menschen mehr oder weniger gelebt. Das gilt für mich auch für alle anderen Einstellungen. Ebenso gehört der Islam auch zu Frankreich oder?
    Schon schwerer tue ich mich mit dem Begriff Heimat.
    Vor allem seid es Menschen gibt, die diese nur für sich in Anspruch nehmen wollen wie AFD, Seehofer und ähnliche ….
    Für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohlfühle wo meine Lieben sind und Menschen die ich mag.
    Mir fällt es mittlerweile schwer, diese Land als Heimat zu empfinden, aber andererseits muss man sich nur mal europäisch und weltweit umsehen, wo ist es besser??
    Bei Trump, bei Erdogan?
    Schwierig oder?
    Alle Spalter mit AFD und Seehofer an der Spitze sollten sich einmal gewahr werden, in welchem Luxus wir hier leben. Und das wegen aller Menschen egal welcher Religion, Hautfarbe, sexueller Ausrichtung usw.
    Vielleicht schauen diese Menschen einmal in unser Grundgesetz, das stünde auch einem Bundesminister gut zu Gesicht.

  5. Werner Engelmann sagt:

    @ J. Beudt
    „Für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohlfühle wo meine Lieben sind und Menschen die ich mag.“

    Völlige Zustimmung.
    Deshalb ist die Umbenennung in „Heimatministerium“, die auf Ausschlachtung solcher Gefühle für propagandistische nationalistische Zwecke zielt, auch eine Provokation für Menschen, denen eben daran liegt.
    Wie sagte doch einst ein Bundespräsident Heinemann so treffend auf die Frage, ob er Deutschland „liebe“: „Ich liebe meine Frau.“ –
    Lang ist’s her!

  6. Peter Boettel sagt:

    @ Werner Engelmann:

    Sie sprechen mir aus der Seele.

    Meine Heimat war früher mein Elternhaus mit der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Seit ich bei meiner Frau lebe und in meinem Wohnort viele Bekannte und Freunde habe, ist dies meine Heimat geworden.

    Übrigens habe ich auch Gustav Heinemann geschätzt, von ihm ist mir folgender Spruch in Erinnerung gebleiben: „Es muss daurauf geachtet werden, dass das Grundgesetz nicht mit Methoden geschützt wird, die seinem Ziel u. seinem Geist zuwider sind.“

  7. Manfred Schmidt sagt:

    Die Frage, „gehört der Islam zu Deutschland?“, ist anlässlich dieses Themas natürlich unausweichlich.
    Könnte diese Frage so gestellt werden, wie man die christliche Tradition, oft auch christlich-jüdische Tradition zu Deutschland bzw. Europa gehörend stellt, würde man sie -nun ja- mit JA beantworten können – kostet mich allerdings einige Bauchschmerzen.
    Dies meines Erachtens deshalb, weil vor allem die in Europa etablierten christlichen Religionen durch die lang anhaltende Epoche der Aufklärung eingehegt und ihnen glücklicherweise der allumfassende Einfluss entzogen bzw. „geraubt“ wurde.
    Nur so sind sie, die Religionen m.E. auszuhalten – natürlich wird diese Meinung nicht von Jedem geteilt.2
    Da der Islam sich einer solchen Entwicklung bis heute nicht ausgesetzt sah, sich im Gegenteil einer solchen sich widersetzt, dafür ein verstärkter Trend zu fundamentalistischer Auslegung zu registrieren ist, würde ich die gestellte Frage unter diesen gegebenen Umständen statt mit JA, eher mit „LIEBER NICHT“ beantworten.

  8. Brigitte Ernst sagt:

    Ich kann Bronskis Vorrede kaum etwas hinzufügen. Alles, was auf deutschem Boden vorkommt, gehört auch zu Deutschland, Punkt.
    Und mit allen Phänomenen, die in Deutschland nicht nur eine absolute Randexistenz führen (etwa weil sie nur für eine verschwindende Zahl von Menschen relevant sind), müssen und werden wir uns kritisch auseinandersetzen. Auch mit dem Islam. In der Hoffnung, dass ein Angehen von Problemen, etwa wegen Inkompatibilität mit unserem Grundgesetz, nicht als politisch inkorrekt oder gar islamophob abgewertet und abgewehrt wird.

    Zu Horst Seehofers Heimatministerium: Ich erinnere mich, dass er dessen Aufgabe so definiert hat, dass es sich mit der gleichmäßigen Versorgung aller Gebiete Deutschlands, in Ballungszentren und im ländlichen Raum, im Norden, Süden, Osten und Westen, mit Arbeitsplätzen, öffenlichen Verkehrsmitteln, Ärzten und Krankenhäusern, schnellem Internet etc. befassen soll. Wenn dem so ist, hätte man dieses Ressort meiner Ansicht nach besser Infrastrukturminisiterium nennen sollen, dann denkt nicht jeder gleich an Krachlederne und Schuhplattler. Dass man sich den oben genannten Themen verstärkt widmet, finde ich gar nicht so falsch.

  9. Anna Hartl sagt:

    Ist er deppert, wie der Bayer sagt, der Horst Heimatmuseum Seehofer?
    Wie kann man einen Glauben von den Menschen die ihn ausüben trennen wollen? Ob das durchsichtige Wahlkampfmanöver zum Erfolg führt, wage ich zu bezweifeln.

    Was mich persönlich betrifft, ist die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen dieser Religion in Teilen sehr schmerzhaft.
    Der Besitzer der Reinigung um die Ecke kommt aus dem Iran. Er war dort „Religionslehrer“ und hat das Land verlassen, da er mit der Auslegung des Korans dort nicht mehr leben konnte und wollte. Er wurde bedroht und musste um sein Leben fürchten. Als er mir bei unserer ersten Begegnung die Hand reichte tat er das mit den Worten „eigentlich darf ich das nicht, denn nach Meinung des Imam in seiner Heimat, bin ich unrein.
    Wir haben seit damals viele gute Gespräche geführt und reichen uns nach wie vor die Hand. Er ist ein warmherziger, belesener und intelligenter Mensch.

    Schmerzhaft empfand ich die Begegnung mit einem jungen Mann, der zum Freundeskreis meines Sohnes gehört und aus Afghanistan stammt. Er war ein lebendiger und lebenslustiger junger Mann, der sich hier Zuhause gefühlt hat. Seine Eltern sind eine interessante Mischung aus traditioneller afghanischer Kleidung der Vater, die Mutter in „westlicher“ Kleidung.
    Was mit dem jungen Mann passiert ist, weiss ich nicht, da ich zu geschockt war, um ihn zu fragen. Aus einem offenen Menschen war ein „innerlich wie auesserlich verformtes“ Wesen geworden. Ich hätte ihn nicht wiedererkannt. Aus westlicher Kleidung war „Religionszugehörigkeitskleidung“ geworden und aus einem lebendigen Jugendlichen ein blasser Abklatsch seines selbst. Mir rinnen heute noch die Tränen über diese Form der Verwandlung. Lebendigkeit, Neugier und Lebenslust erstickt vom Glauben. Das schmerzt sehr.

    Dort ist u.a.der Punkt der Auseinandersetzung mit dem Islam und nicht die dämliche Frage, ob er zu Deutschland gehört.

  10. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl,21. März 2018 um 9:11

    Danke, Frau Hartl! Endlich ein Beitrag, der erahnen lässt, worum es eigentlich geht.

    Lassen Sie mich zunächst dennoch auch etwas an Polemik loswerden: Die „depperten“ Stammtischpolitiker à la Seehofer, die nur spalten und hetzen, statt ihren Aufgaben nachzukommen, würde ich am liebsten auf den Mond schießen. Auf jeden Fall gehören sie nicht in eine Bundesregierung.

    Ihre Beispiele veranschaulichen, wie tief in der menschlichen Psyche verankert die Problematik ist, wie lang und kräfteraubend der Prozess der Integration sein wird, der noch nicht einmal richtig begonnen hat.
    Zum „Religionslehrer“:
    Selbst ein Mensch, der die Inhumanität, ja Perversität dogmatischer Religion am eigenen Leib erfahren hat, kann die tiefen Prägungen nicht einfach so abschütteln. Das Gefühl, selbst „unrein“ zu sein (im Christentum heißt das „Sündhaftigkeit“) ist so tief im Unterbewussten verankert, nagt so sehr am eigenen Selbstbewusstsein, dass es Jahre dauern wird, bis er sich wirklich davon lösen kann. Und er wird vieler verständnisvoller Menschen wie Sie bedürfen, die diesen Prozess unterstützen.
    Immerhin ist mit der Bewusstwerdung der erste, wohl entscheidende Schritt getan. Und es ist unsere verdammte Pflicht, solchen Menschen das Umfeld zu bieten, das auch weitere Schritte ermöglicht.

    Zur „schmerzhaften“ Verwandlung des jungen Manns:
    Er ist wohl das negative Gegenstück. Auch bei ihm war ja die prinzipielle Möglichkeit einer positiven Entwicklung im Zwiespalt zwischen Vater und Mutter angelegt. Ein Hinweis übrigens, dass dabei vermutlich Religion nur am Rande eine Rolle spielt. Dass es im Wesentlichen um das Problem einer in der Psyche verankerten patriarchalen Gesellschaft mit ihren Rollenklischees geht. Und da hat die Mutter nun mal die weitaus schlechteren Karten.
    Die Identifikation mit der patriarchalen Rolle ist eben die weitaus leichtere Variante – zumal für einen Mann – im Vergleich zum konfliktreichen Weg der Auseinandersetzung mit den darin enthaltenen Rollenklischees.
    Ich würde einen solchen Menschen dennoch nicht verurteilen, ihn in die Kategorie „Islamisten“ stecken und jede Auseinandersetzung damit als aussichtslos erklären. Ich würde vielmehr fragen, warum nicht andere Menschen an seiner Seite standen, welche die Chancen einer anderen Entwicklung deutlich erhöht hätten.
    Das schmerzt in der Tat. Denn dazu bedürfte es vieler, vieler Menschen. Die sich, statt zu helfen, mit plumpen Sprüchen und Verdächtigungen auseinandersetzen müssen.

    Ich bin gern bereit, mit ähnlichen Beispielen zu einer Konkretisierung und Versachlichung der Diskussion beizutragen.
    An dieser Stelle nur so viel:
    Wir werden an Ostern eine Taufe erleben, eines jungen Iraners, der zum Christentum konvertiert (meine Frau als Taufpatin). Der deshalb auch geflüchtet ist und der, nach mehrfachen Ablehnungen, nun endlich seine Asylanerkennung erhalten hat. Der – mit einer Ausnahme – von anderen (mit denen er sogar eine Zeitlang in einer Wohnung gelebt hat) gemieden wird, als habe er die Pest.
    Diese Menschen würden sich unter anderen Umständen vielleicht gegenseitig die Köpfe einschlagen.
    Und dennoch: Sie haben alle mit mir zusammen auf der Bühne gestanden, haben gemeinsam Theater gespielt und getanzt.
    Es ist also nichts unmöglich. Freilich: Dass es kein Zuckerschlecken ist, solche Menschen dahin zu bringen, kann man sich wohl denken.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Dass es sich bei dem von Frau Hartl beschiebenen jungen Afghanen um einen Konflikt mit der Männlichkeitsrolle handelt, bezweifle ich. So wie sie seine Veränderung darstellt, hat sie doch eher mit einem Abwenden von den Freuden des Lebens zu tun, entsprechend dem Bilder- oder Tanzverbot und auch dem Verbot für den Mann, seinen Körper zu zeigen, wie es von strengen Strömungen des Islam ausgesprochen wird. Wenn es nur um die Konzentration auf eine traditionelle Männerrolle ginge, wäre doch keine derartige Selbstzügelung nötig, wie sie der junge Mann zeigt.

  12. Manfred Schmidt sagt:

    @Anna Hartl 21.03. 9:11h,
    „Dort ist u.a. der Punkt der Auseinadersetzung mit dem Islam und nicht die dämliche Frage, ob er zu Deutschland gehört“.
    So Ihr letzter Satz.

    Ich nehme den Satz auf, denn „gehört der Islam zu Deutschland?“ ist sowieso eine viel zu pauschal formulierte Frage.
    Ist es nicht so, dass es dort, wo es dann zur Debatte kommt, auch immer wieder ausgesagt bzw. festgestellt werden muss, dass es „den Islam“ nicht gibt – wegen der vielen unterschiedlichen Strömungen sowie der fehlenden Oberinstanz, ähnlich dem Papst der Katholiken?
    Bedingt durch diese Unterschiede in der Auslegung, als auch durch die Zugehörigkeit (in welche Gruppe der einzelne Moslem hineingeboren wird), ergeben sich nun einmal verschiedene muslimische Lebensformen die, wenn sie z.B. in Europa ausgelebt werden, leicht mit dem jeweiligen Landesrecht kollidieren können, oder zumindest mit den üblichen Gepflogenheiten.

    Vordergründig müssten deshalb -wenn man so will- ZWEI Fragen gestellt werden: Welcher Islam gehört zu Deutschland? Und welcher (eher) nicht?
    Damit sind wir aber immer noch nicht am Ende angekommen, denn es müssten deshalb m.E. zwei ganz andere Fragen gestellt werden: Welche „Formen des Islam“ wollen/können wir tolerieren? Welche Form(en) des Islam lehnen wir ab?

    Es trifft ja auch z.B. der politisch rechte Bereich, der von Union über AfD, Pegida bis NPD die unterschiedlichsten Ausprägungen aufweist, auf unterschiedliche Akzeptanzen, die von Zustimmung über Toleranz bis zur totalen Ablehnung reichen. Bei den drei Letztgenannten gibt es mit Sicherheit Überlappungen. Und die Ablehnung dieser letztgenannten Drei ist auch im demokratischen Spektrum Deutschlands Konsens.

    Die Erkenntnis die ich daraus gewinne ist die, was gegenwärtig ist gehört durch seine reine Existenz (nun mal) dazu, ob „wir“ uns mit allem aber abfinden sollen, das muss man diskutieren und damit auch ablehnen können.

  13. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Hallo Herr Engelmann,
    Frau Ernst hat „Recht“, was mich zum weinen gebracht hat, war nicht der Wechsel der Kleidung, sondern das, was er ausgestrahlt hat. Ich habe ihn mit Unterbrechungen erwachsen werden sehen. Die Mädels und Jungs die mein Sohn mit nach Hause brachte sind mir ans Herz gewachsen. Dieser junge Mann auch. Er hatte Pläne die sich durch nichts von denen der anderen sonderlich unterschied.
    Der junge Mann von 23 Jahren der mir letztes Jahr begegnet ist, war nicht mehr derselbe. Religion die im Erwachsen werden keine Rolle spielte, war – für mich plötzlich – zum Lebensinhalt geworden.
    Ein schlanker, lebendiger junger Mann, ist zu einem dicklichen blassen Mann geworden, der seinen Körper verleugnet und tief in den Glauben eingetaucht ist, wo wenig Raum für Lachen und, so hat es sich jedenfalls angefühlt, kein Raum zur Entfaltung ausserhalb des Glaubens besteht.
    Ich weiß nicht wie ich es anders beschreiben soll. Sein Vater hat jedenfalls trotz traditioneller Kleidung einen völlig anderen Eindruck gemacht. Gläubig zwar, aber nicht verbissen und offen für andere Kulturen, wofür nicht zuletzt das Auftreten seiner Frau zeugte.
    Wie gesagt, ich weiß nicht was mit dem jungen Mann passiert ist, aber dass es sich auf seinen Vater zurückführen lässt, bezweifle ich.
    Ich verurteile ihn nicht, die Verwandlung von einem offenen Wesen in ein in der Religion verkasteltes Wesen, hat mich nur tief berührt und geschmerzt. Ein Leben in dem Selbstständigkeit und Entfaltung kaum begonnen haben, wo Abenteuer und Erfahrungen rufen, ist durch das Dogma der Religion ein Riegel vorgeschoben.

    Ich sage nicht, dass Religion immer diesen Effekt hat, ich bin ein „Fan“ von Anselm Grün, auch wenn ich nicht in allem mit ihm übereinstimme, doch dieser junge Mann war gebrochen. Hat oder wurde der Fülle des Lebens entsagt.

  14. Anna Hartl sagt:

    @ Werner Engelmann
    Was mir aus den Gesprächen mit dem „Religionslehrer“ aus dem Iran noch einfällt ist seine Aussage, dass schon der Versuch mit dem Imam darüber zu diskutieren, dass andere Religionen auch einen Gott anbeten und deshalb nicht als Ungläubige bezeichnet werden können, als Verfehlung geahndet wurde. Zweifel jedweder Art werden geahndet.
    Und übrigens, die unreine war ich. Ich habe mich da wohl nicht klar ausgedrückt. A) weiblich christlich und b) Schweinefleisch.
    Wobei ich zu der Zeit vegetarisch gegessen habe und aus der Kirche schon vor Jahrzehnten ausgetreten bin. Oh, beim nachlesen fiel es mir auf, bin ich dann tatsächlich ungläubig? In meinen Augen nicht, gehöre nur keiner Kirche oder Glaubensrichtung an. Gut, das weiblich konnte ich nicht ändern, was soll’s, das nenne ich im besten Falle Vorurteile.

    Ich bin ja auch nicht frei davon. Wenn ich eine Frau, vollverschleiert 5 Meter hinter ihrem Mann mit Einkaufstaschen beladen sehe, schwillt mir der Kamm. Kann mir aber auch nicht vorstellen, dass ein Gespräch mit diesen beiden mein Verständnis weder für sie noch für ihn wecken könnte.

    Was mich die Begnung mit Menschen die an Allah glauben gelehrt hat ist, dass es der Offenheit von beiden Seiten bedarf. Bin wohl nie mit einer oder einem Strenggläubigen – in welcher Auslegung auch immer – in Berührung, bzw. ins Gespräch gekommen. Da führt wohl kein Weg hin.

    Habe aber auch das Bedürfnis etwas weg von dem zu kommen, was wir wohl alle aus Presse und TV über die eher Angst machenden Vorfälle wie die Silvesternacht in Köln oder die beiden getöteten jungen Frauen, etc. erfahren haben,ohne die Vorfälle dadurch marginalisieren zu wollen, zu einem Austausch der persönlichen Erfahrungen zu dem Thema Islam und mit den daran Glaubenden zu gelangen. Mir hilft das zu verstehen.

  15. Werner Engelmann sagt:

    @ Manfred Schmidt, 21. März 2018 um 18:46

    „Vordergründig müssten deshalb -wenn man so will- ZWEI Fragen gestellt werden: Welcher Islam gehört zu Deutschland? Und welcher (eher) nicht?“

    Eine Formulierung, der man so sicher zustimmen kann – eben auch mit dem Zusatz „vordergründig“. Denn das wirft die Frage nach dem „Hintergründigen“ auf.
    Das kommt aber erst in den Blick, wenn nicht nur ein völlig undifferenziertes Islam-Bild aufgegeben wird, sondern die unselige Islam-Fixierung überhaupt.
    Was mit Fug und Recht von jedem, der auf deutschem Boden lebt, einzufordern ist, wo die Grenzen der Toleranz liegen, das steht im Grundgesetz. Ein völlig eindeutiges und wohl auch das einzige allgemein verbindliche Kriterium. Die Antwort auf Ihre Fragen ergibt sich zwangsläufig daraus. Es bedarf dann lediglich noch der Konkretisierung für die in der Tat vielfältigen und schillernden Islamismen.
    Darauf hat auch der Psychologe Ahmad Mansour in der Phoenix-Runde verwiesen, der zugleich beklagt, dass die positiven Werte des eigenen Landes nicht vermittelt werden.
    Es geht also nicht um „den Islam“ (den es natürlich so gar nicht gibt), sondern um die Besinnung auf Verfassungspatriotismus.

    Das hat noch eine weitere Konsequenz.
    Denn dass radikale Formen der Islam-Interpretation eine solche Bedeutung gewinnen konnten, hat die Bundesregierung teils selbst zu verantworten. So durch die Besetzung der Islam-Konferenz und die Übertragung der Besetzungsrechte für Imame auf die DITIB und damit die Öffnung für totalitäre Einflüsse über die türkische Regierung. Wobei zugleich mäßigende Kräfte wie etwa Seyran Ates ausgeschaltet wurden.
    Solche Naivität mag zu den Zeiten vielleicht noch entschuldbar gewesen sein, als man solche totalitären Entwicklungen in der Türkei wie auch in der deutsch-türkischen Community noch nicht vorhersehen konnte. Heutzutage wird das zum Skandal.

    Bisherige „Islam“-Diskussionen haben alles nur von der politischen auf eine irrationale Ebene verschoben und die Situation so eher verschlimmert.
    Es wird wohl nur zu verändern sein, wenn der politische Hintergrund wieder sichtbar wird. Was natürlich auch bedeutet, den Konflikt mit Erdogan und dessen Vertretern in Deutschland zu riskieren.
    Nur in dieser Weise wäre es von primärer Bedeutung, klipp und klar – also mit dem Kriterium des Grundgesetzes – zu definieren, welche Formen von politischer „Islam“-INTERPRETATION nicht „zu Deutschland gehören“.
    Und die rechtlichen Konsequenzen daraus zu ziehen.

  16. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Gehört der Islam zu Deutschland? Ja, falls Deutschland die Summe aller Tatsachen ist (um in den Kategorien von Ludwig Wittgensteins „Tractatus“ zu denken). Allerdings: Unter der Voraussetzung des bloßen Vorhandenseins gehörten auch Spießbürgertum, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, AfD, NPD und CSU oder Neoliberalismus dazu. Sie alle sind vorhanden und ich wünsche mir täglich, es würde gelingen, ihnen die Grundlagen zu entziehen. Zu letzteren zählen vor allem Dummheit und Einfalt. Deswegen: Was lediglich vorhanden ist, erscheint mir noch längst nicht als wünschenswerter Bestandteil dieses Landes.

    Anders sieht es mit der deutschen Sprache aus. Mit ihr bin ich zwangsläufig aufgewachsen, doch es bedurfte vieler Jahre und der beruflichen Beschäftigung mit Philosophie, Theologie und der Literatur, bis mir ihre vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und nicht zuletzt ihre Präzision bewusst wurden. Deswegen ärgert es mich, dass mir im Alltag zunehmend eine erschreckende Spracharmut begegnet. Wenn mir ein/e Verkäufer/in die Vorteile einer Ware beschreiben soll, reichen mir Eigenschaften wie „super“, „supi“ oder „echt geil“ nicht aus. Ich hake in solchen Fällen nach und muss zur Kenntnis nehmen, dass ich vielfach nicht verstanden werde. Anscheinend haben sich Bevölkerungsgruppen auseinandergelebt. Leider gehören auch diese Widersprüche objektiv zu Deutschland. Doch soll ich sie hinnehmen? Soll ich vieles von dem vergessen, was ich gelernt habe und was mir wichtig ist?

    Während meiner Kinder- und Jugendzeit habe ich (ein reformierter Protestant) aus der Zuschauerperspektive den Katholizismus kennengelernt. Und das bedeutete vorrangig seine negativsten Eigenschaften: die Verklemmtheit in sexuellen Dingen, die Forderung nach Unterordnung unter Glaubenssätze, die nicht beweisbar sind, eine gespaltene Moral bei ethischen Fragen (Abtreibung galt als Mord, die Tötung von Menschen im Krieg hingegen wurde relativiert, auch dann, als es nichts zu relativieren gab, nämlich in Hitlers Krieg) und die Parteinahme für reaktionäre politische Parteien.

    Die Konfession, in die ich hineingeboren wurde, unterschied sich nicht so wesentlich von der „alleinseligmachenden Kirche“. Während der 60er und 70er Jahre bezogen sich Pfarrer in ihren Predigten noch vereinzelt auf bedeutende protestantische Denker wie Rudolf Bultmann (Entmythologisierung), Herbert Braun (existentiale Interpretation der Bibel) oder Paul Tillich (Vernunft und Offenbarung). Die Gottesdienste besuche ich längst nicht mehr. Ein Blick in den Gemeindebrief zeigt mir, dass die Evangelische Kirche einer Mainstream-Theologie huldigt, die durch ein Ausweichen vor den relevanten Fragen des Lebens und der Gesellschaft gekennzeichnet ist und die Dietrich Bonhoeffer als Selbstgerechtigkeit bezeichnete.

    Seit den Kirchen die Mitglieder verloren gehen und sich in beiden Konfessionen undogmatische Gesprächskreise bilden, schöpfe ich neue Hoffnung. Doch kaum hatte dieser Aufstand der Nachdenklichen begonnen, formierte sich der islamische Fundamentalismus, der von Einwanderern aus der Türkei und Nordafrika getragen wird. Und der gebärdet sich ähnlich wie vordem orthodoxer Katholizismus und evangelikaler Biblizismus. Er schafft ähnliche Gebote und Verbote, die über Gebetshäuser und Moscheen in den öffentlichen Raum eindringen. Hierzu zählen das Verhältnis von Frau und Mann, die Akzeptanz der Klassengesellschaft und politischer Despoten (z.B. Erdogan), Drei Viertel aller Türk-Deutschen oder Deutsch-Türken sprechen sich für Erdogans Eroberungskrieg in Syrien aus. Kann und darf man sich mit 3 Millionen Anti-Demokraten abfinden? Und das nur aus dem Grund, dass sie hier leben und folglich zum deutschen Alltag gehören?

    Solidarisiert man sich mit der Kritik am islamischen Fundamentalismus automatisch mit Gauland & Konsorten? Keineswegs! Denn beide Strömungen decken sich in vielen Punkten mit den gesellschaftlichen (undemokratischen) Überzeugungen des nichtreflektierenden Islams. Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat das unlängst in einem Vergleich von Islamismus und Rechtsextremismus nachgewiesen.

    Wenn bei der zumeist plakativen Erörterung der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, die Rede auf die angeblich christlich-jüdische Tradition dieses Landes kommt (wie vor wenigen Tagen in einer Rede des Bundespräsidenten), wird mir die Scheinheiligkeit dieser Debatte besonders bewusst. Denn die Christen haben den Juden jahrhundertelang elementare Menschenrechte verweigert und sich wiederholt an deren Verfolgung bis hin zur Ermordung beteiligt.
    Erst mit der Aufklärung hatte in Preußen eine allmähliche Kehrtwende eingesetzt, die jedoch nicht alle Bevölkerungsschichten erfasste. Diese Epoche brachte auch Auswirkungen auf das jüdische Denken mit sich, angefangen bei Lessings Zeitgenossen Moses Mendelssohn über Hermann Cohen, Leo Baeck, Ernst Cassirer bis zu Erich Fromm (um nur einige zu nennen). Diese Denker haben die Anliegen des mittelalterlichen Gelehrten Maimonides aufgegriffen, der eine Verbindung von traditionellem jüdischem Glauben mit altgriechischer Philosophie (Logik und Naturwissenschaft) anstrebte. Diese fruchtbare jüdische Tradition stand, so lange es sie gab, immer in Gegnerschaft zum autoritären Staat und zum christlichen Dogmatismus. Jenes Reformjudentum, das in Deutschland seine Blütezeit erlebte, fand dort auch seinen Tod bzw. wurde aus diesem Land vertrieben; heute ist es fast nicht mehr vertreten. Deswegen tut eine Differenzierung not. Andernfalls landet man schnell bei abendländischen Phrasen á la Pegida.

    Deswegen ist die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, eine, auf die allenfalls eine empirische Antwort möglich ist. Nämlich die, dass er vorhanden ist, was uns jedoch weder politisch noch kulturell einen Schritt weiterbringt. Denn Quantität allein bedeutet noch nicht Qualität.

  17. Manfred Schmidt sagt:

    @Werner Engelmann 22.03. 02:07h,
    @Klaus Philipp Mertens 22.03. 11:46h,
    man muss einverstanden sein mit Allem was Sie in Ihren ausführlichen Beiträgen anführen. Sie beschränken sich auch glücklicherweise nicht auf eben diese in vollkommener Unvollkommenheit (!) gestellte Frage, „gehört der Islam….?“.
    Meines Erachtens ist noch ein weiterer Punkt in dieser Diskussion zu benken:
    Da ja auch die „Offene Gesellschaft“ als positive Gemeinschaftsform für dieses Land -auch von mir- angesehen wird, fürchte ich jedoch, dass der „Politische Islam“ wie er u.a. von der Türkei exportiert wird, als auch muslimisch fundamentale Lebensform(en) dem extrem entgegenwirken.
    Leider haben haben sich Milli Görüş und DITIB in Deutschland bereits fest etablieren können.

  18. Werner Engelmann sagt:

    @ Manfred Schmidt, 22. März 2018 um 13:40

    Volle Zustimmung, was „offene Gesellschaft“ und „politischen Islam“ und dessen Export aus der Türkei betrifft.
    Freilich kann „muslimisch fundamentalen Lebensform(en)“ nur entgegengewirkt werden, wenn (1) streng zwischen religiösen Überzeugungen und politischen Formen unterschieden und (2) das als politisch erkannte Problem auch angegangen wird, statt sich in „populistischer“ Manier hinter verallgemeinernden Phrasen von „dem Islam“ zu verstecken.
    Konkret heißt das z.B., dass ein demokratisch verfasstes Land nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, nach verfassungsrechtlichen Kriterien zu entscheiden, wer aus einer diffusen Gemengelage, wie es „der Islam“ darstellt, als kompetenter Gesprächspartner, etwa in der Islamkonferenz, in Frage kommt und wer nicht. Also Persönlichkeiten, die auch die Gewähr bieten, auf dem Boden dieser Verfassung zu stehen, und nicht ominöse, fremdgesteuerte, angeblich „religiöse“, in Wahrheit aber politische Organisationen wie DITIB.
    Eine Forderung, die auch Ahmad Mansour erhebt. Für einen souveränen Staat eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

  19. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski

    Lieber Lutz,
    die Erfahrungsberichte von Frau Hartl im Umgang mit Flüchtlingen bringen mich dazu, Dir einen Vorschlag für einen neuen Thread/ ein neues Projekt zu unterbreiten.

    Ich möchte mit einem Hinweis auf einen bewegenden Kommentar von Stephan Hebel von heute (22.3.) über die Eltern der in Freiburg von einem afghanischen Flüchtling ermordeten 19-jährigen Maria Ladenburger beginnen: Die mit dem Namen ihrer Tochter eine Stiftung zur „Integration von Zugewanderten“ gründeten. – Das ist menschliche Größe!
    (http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/mord-in-freiburg-ein-urteil-und-ein-zeichen-a-1472404)

    Forstet man die Berichte der FR zu konkreten Projekten mit Flüchtlingen durch, findet man in den Jahren 2015 und 2016 viel Hoffnungsvolles, Vielversprechendes.
    Danach wird es immer dürftiger, eher Kritik und Hilferufe.

    Hier (zeitlich geordnet) einige Beispiele:
    http://www.fr.de/sport/sportarten/sport-vereine-helfen-fluechtlingen-a-417534 (9.9.2015)
    http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/main-kinzig-kreis/hanau-neues-projekt-zur-integration-a-428932 (Spenden, 13.10.2015)
    http://www.fr.de/latestnews/neukoellner-buergermeisterin-alte-integrationsfehler-vermeiden-a-434129 (29.10.2015)
    Hier betont die neue Familienministerin Giffey:
    „Wofür wir streiten müssen, sind integrative Projekte. Beispielsweise beim Wohnungsbau: keine reinen Flüchtlingssiedlungen, sondern bezahlbarer Wohnraum für eine gemischte Bevölkerung.“
    http://www.fr.de/politik/flucht-zuwanderung/hilfe-fuer-fluechtlinge-hilfen-fuer-die-vielen-helfer-a-397948 (11.12.2915)
    http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/main-kinzig-kreis/nidderau-bangen-um-sprachkursprojekt-a-369942 (16.3.2016)
    http://www.fr.de/rhein-main/alle-gemeinden/wetteraukreis/karben-nur-positive-erfahrungen-a-311055 (7.9.2016)
    http://www.fr.de/politik/umfrage-fast-jeder-zweite-muslim-in-fluechtlingshilfe-aktiv-a-1250094 (27.3.2017)
    http://www.fr.de/rhein-main/darmstadt-begleiter-fuer-den-alltag-gesucht-a-1465419
    (12.3.2018)

    Besonders aufschlussreich die letzten beiden Artikel:
    So eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung, nach der bei Muslimen das Engagement für Flüchtlingshilfe mehr als doppelt so hoch ist (44 %) als bei der übrigen deutschen Bevölkerung.
    Und dem programmatischen Aufruf im letzten Artikel:
    „Jetzt geht es nicht mehr um die Ersthilfe, sondern nun steht Hilfe bei der Integration auf dem Programm.“
    – Ist dem noch viel hinzuzufügen?

    Ich rege hiermit an, einen neuen Thread – besser: ein Projekt – ins Auge zu fassen, bei dem es ausschließlich um Berichte zu konkreten Erfahrungen und Anregungen im Rahmen der Flüchtlingshilfe, um Austausch von Begegnungen und Erfahrungen mit Flüchtlingen geht.
    Dies sollte ausschließlich für die Diskussion konkreter Fälle reserviert sein. Ausflüchte und Klagen über „die Flüchtlingspolitik“ im Allgemeinen, über Muslime, Koranexegese usw. sollten rigoros wegzensiert werden. Und um Gottes Willen kein neuer Thread zur „Islam“-Diskussion“!
    Es versteht sich, dass ein solches Projekt entsprechend vorbereitet werden sollte. Vielleicht mit einer Artikelserie der FR zu konkretem Engagement einzelner oder Hilfsorganisationen (die es ansatzweise schon einmal gab), ebenso Anregungen zu Projekten und Hinweisen zu Stellen, die soziale, juristische oder psychologische Hilfe leisten.

    Ich hoffe, mein Vorschlag stößt in der Blog-Gemeinde auf offene Ohren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Engelmann

  20. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski:
    Ergänzung zu meinem Vorschlag:
    Unter den Kommentaren zu der von den Eltern der Ermordeten Stiftung findet sich der Hinweis auf das Spendenkonto:
    Bankverbindung: Maria Ladenburger-Stiftung, BW Bank, IBAN: DE90 6005 0101 0405 1071 99,
    bitte „Zustiftung“ oder „Spende“ angeben.
    Quelle. Badische Zeitung

  21. Bronski sagt:

    @ Werner Engelmann, all

    Es ist seit Jahren die Linie der FR gewesen, auf Beispiele von gelingender und gelungener Integration hinzuweisen und diese vorzustellen, und zwar ganz bewusst im Gegensatz zu Berichten wie denen über den Freiburger Vergewaltiger. Während nämlich solche Berichte ganz schnell durch alle Medien wandern, brandbeschleunigt durch politische Interessen auch via Online-Netzwerke, haben es die vielen stillen Geschichten ganz, ganz schwer, in den Medien durchzudringen. Dabei hätte eigentlich, wenn die Sache gerecht zuginge, jede Geschichte, in der Integration gelingt, denselben Stellenwert wie jede, in denen Integration misslingt, und dann würde sich schnell zeigen, dass die Zahl der Fälle, in denen sie gelingt, die der anderen überwiegt. Zu beobachten ist jedoch, dass die Öffentlichkeit – der Begriff ist nicht so schlicht, wie er zu sein scheint – eher auf Negativnachrichten reagiert, mit denen sich Ängste schüren lassen.

    Ich kann hier nicht für die FR sprechen und anbieten, ein Projekt zu machen. Ich kann nur für mich sprechen und meine Offenheit dafür bekunden, beispielsweise Menschen zu Blogtalks einzuladen, und mich dafür einzusetzen, die Ergebnisse dieser Talks angemessen prominent in der FR zu präsentieren, wie mir das zuletzt mit dem Seawatch-Bericht von Ralf-Michael Lübbers gelungen ist. Ob mir das auch fernerhin immer so gelingt, kann ich nicht versprechen, aber ich würde mich dafür einsetzen. Anders ausgedrückt: Ich bin für Vorschläge offen. Der erste wäre wohl die Maria-Ladenburger-Stiftung in Freiburg, aber die dürfte ganz aktuell genug Medien-Andrang haben. Vielleicht hat ja jemand andere Vorschläge.

    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass ich vom 10. Mai bis 10. Juni im Urlaub sein werde. Ein solches Projekt könnte meinerseits erst Ende Juni konkret werden.

  22. Brigitte Ernst sagt:

    Auch mich hat der Umgang der Familie Ladenburger mit dem furchtbaren Schicksal, das ihre Tochter und damit auch sie selbst getroffen hat, tief beeindruckt.
    Es ist nachvollziehbar. Im Grunde ist dieser Umgang mit dem Geschehen der einzige, mit dem man sich mit diesem Schicksal versöhnen kann. Statt sich für den Rest ihres Lebens mit Hass und Vergeltungsdrang herumzuquälen, knüpft diese Familie am sozialen Wirken ihrer Tochter an und setzt ihr damit ein würdiges Denkmal.

  23. Ralf Rath sagt:

    Nachdem längst noch nicht geklärt ist, worin sich hiesig die alteingesessene Bevölkerung notwendig mit ihrem jeweiligen Tun gesellschaftlich einzufügen hat, könnte eine Debatte zur Frage gelungener Integration von Zuwanderern hier im FR-Blog beispielgebend dafür sein, worauf es dabei ankommt und eine Antwort darauf liefern, die ausnahmslos für jeden unabhängig von seiner Herkunft verbindlich ist. Jenseits des unsäglichen Konstrukts einer so genannten „deutschen Leitkultur“ könnten auf diese Weise wesentliche Erkenntnisse zu den Gegebenheiten gewonnen werden; zumal das Beste daran ohnehin nicht von Menschenhand gemacht ist und daher keinem ermöglicht, sich darüber hinwegzusetzen. Der gestern von Herrn Engelmann gemachte Vorschlag ist insofern sehr zu begrüßen.

  24. Anna Hartl sagt:

    Guter Vorschlag von Herrn Engelmann.
    Mir ging heute durch den Kopf, dass durch Annäherung an das „fremde“ verstehen wachsen kann. Wo Mauern sind wächst nichts.
    Dazu gehört aber Offenheit von beiden Seiten.

  25. Manfred Schmidt sagt:

    @Anna Hartl, 23.03. 16:05h,
    von vornherein anzunehmen, „das wird nicht funktionieren“ will ich umgehen.
    Wenn Sie jedoch an den von Ihnen erwähnten jungen Mann aus Afghanistan denken – der offensichtlich fundamental-muslimisch „infiziert“ ist, halten Sie es für möglich, dass der sich dem für ihn „Fremden“ annähern will/annähert?
    Die gleiche Ablehnung auf der Gegenseite wird man mit Sicherheit für große Teile von Pegida bzw. die neonazistischen Erscheinungsformen von z.B. Freital in Sachsen registrieren müssen. Also, wo finden „wir“ Lösungen? Fragezeichen über Fragezeichen.

  26. Anna Hartl sagt:

    @Manfred Schmidt
    Bei dem jungen Mann habe ich die Hoffnung, dass er sich da wieder lösen kann, dass es nur eine Phase in seinem Leben ist. Er ist ja so nicht aufgewachsen, hier geboren und Teil des Lebens in Deutschland, seine Geschwister leben auch ein anderes Leben.

    Was die von Ihnen genannte „Gegenseite“ betrifft, bestätigt das eigentlich meine Gedanken, sie lehnen ab, was sie nicht kennen und das, je weniger Berührungspunkte es zu geben scheint.

    Die Hoffnung einer Lösung, bzw einer Annäherung sehe ich auch in einer anderen „Öffentlichkeit“, vermehrt auf das zu schauen, was im Alltag gut läuft. Wir leben ja schon seit Jahrzehnten mehr oder weniger mit Muslimen Tür an Tür. Das lief und läuft ja auch nicht nur „schlecht“ genau wie bei Nichtmuslimen untereinander nicht alles nur gut oder schlecht läuft.

    Eine Patentlösung habe ich auch nicht, aber wir können einen anderen Umgang wagen, eine andere Draufsicht.

  27. Anna Hartl sagt:

    Die Freiheit der persönlichen Entfaltung. Vielleicht haben wir auch vergessen, was diese Demokratie ausmacht oder anders gesagt, „die Freiheit“ ist für uns so sehr Alltag und selbstverständlich, dass das Formulieren einer „Leitkultur“ uns vor Probleme stellt.

    Habe eben an die junge Frau gedacht, die mir die Haare schneidet. In 3.? Generation mit türkischen Wurzeln, kämpft mit ihren Eltern einen Kampf um die persönliche Freiheit. Den Partner zu wählen den sie möchte und nicht zu heiraten.

    Was mir noch auffiel, ich habe keine Kontakte mit Frauen und oder Familien, in denen Frau Kopftuch trägt.

  28. Gerhard Sturm sagt:

    Im nächsten Jahr feiert, soweit ich mich erinnern kann, die Religionsfreiheit in unserem Land das 100 Jährige Jubiläum. Für mich bedeutet Religionsfreiheit u.a. das jede erdenkliche Religion und auch die Religions-FREI-heit zu unserem Land gehört. Selbstverständlich ist für mich, dass die Rechte der Religionen durch das Grundgesetz in ihre Schranken gewiesen werden. In den ca. 12 Jahren Dunkeldeutschland gehörte eine Religion auch nicht zu Deutschland, was zu staatlich sanktioniertem Mord an Millionen von Menschen führte. Haben die Personen die Heute behaupten eine bestimmte Religion gehört nicht zu Deutschland ihre Aussage über ihr Gehirn, wenn vorhanden, laufen lassen?
    Persönlich nehme ich die Religions-FREI-heit gerne in Anspruch und glaube an die Evolutionstheorie und die Wiederauferstehung.

  29. Barbara Eilers sagt:

    @ Frau Hartl: der junge Afghane (und die vielen anderen. Die in den Spg des militanten Islamismus geraten) erinnert mich an Berichte von Jugendlichen, die in eine Sekte geraten. Ich denke, jeder (und jede; denn es sind ja auch junge Frauen darunter-) hat seine /ihre eigene Geschichte. der NDR hat am Beispiel eines Hamburger Jugendlichen sehr detailliert seine Entwicklung nach gezeichnet. Trotz allem blieb große Ratlosigkeit zurück – auch bei seiner unglücklichen Mutter. der junge Mann starb vermutlich in Syrien. Aber alle diese jungen Leute, ob in einer Sekte oder im Islamisten verbindet auch etwas. Es wäre gut, das wirklich zu verstehen. Ich denke aber, da stehen wir immer noch am Anfang. Erst dann können wir wirkungsvoll präventiv tätig werden.

  30. Anna Hartl sagt:

    Hallo Frau Eilers,
    Berichte dieser Art habe ich auch gesehen. Was die Eltern dieser jungen Menschen alles versucht haben, um ihre Kinder wieder auf einen anderen Weg zu bringen und das Scheitern das sie erleben mussten. Was sucht und findet ein junger Mensch dort, was er oder sie glaubt, in dieser Gesellschaft nicht zu erfahren?
    Ich möchte das wirklich verstehen.

  31. Barbara Eilers sagt:

    @ Frau Hartl. Ich habe letztens das Buch von Ayaan Hirsi Ali gelesen: „reformiert euch“. Sie ist selber als Moslemin aufgewachsen, vor der Zwangsverheiratung geflohen in die Niederlande und hat sich nach und nach von der Religion gelöst. Sie schildert dort detailliert, was die im Koran steht, über den Unterschied zwischen der Mekka -und der Medinaphase im Leben von Mohammed. Der kriegerische fundamentalistische Teil seiner Lehre fällt in den Medinateil. Ihre Zitate geben sehr gut wieder, was die Träume der jungen Selbstmordtäter sind. Aber damit ist die Frage noch nicht beantwortet, wie unter anderem auch gut ausgebildete, anscheinend voll integrierte Menschen – sich auf diese Schriften und Versprechungen fokussieren und scheinbar alles vergessen, was in ihrem Leben bisher gegolten hat. Irgendwas muss es ja auch mit „uns “ zu tun haben – oder sind es nur verunsicherte, mit dem Erwachsen-werden überforderte Heranwachsende? Die einen laufen Amok, die anderen landen in einer Sekte, die nächsten in der PSychiatrie, bringen sich oder andere um – oder glauben, himmlischen Ruhm zu erlangen, indem sie andere in die Luft jagen?

  32. I. Werner sagt:

    Die Adoleszenz ist, glaube ich, eine der schwierigsten Phase im Leben eines Menschen. Da schießen nicht nur die Hormone durch den Leib, sondern auch tausend Fragen durch den Kopf. Und wenn man dann auf Menschen trifft, die scheinbar Antworten darauf haben, dann folgt man ihnen sehr unkritisch und kann sich dabei durchaus bei den Falschen radikalisieren. Das erklärt natürlich nicht alles.

  33. Gisela Kramm sagt:

    Der Begriff „Heimat“ ist in Band 294/1 und 2 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung (erschienen 1990) ausführlich (allein in Bd.1 auf 900 Seiten!)gründlich erörtert worden. Wäre es sinnvoll, in einer erneuten Untersuchung der Bundeszentrale zu prüfen, ob sich der Begriff Heimat einer – eventuell gesteuerten- Wandlung unterworfen hat? Oder könnte Horst Seehofer uns vorschreiben, wie wir mit unserer Vorstellung von „Heimat“ umzugehen haben?

  34. Barbara Eilers sagt:

    Ich meine, wir sollten verstärkt diejenigen Moslems unterstützen, die sich darum bemühen, aufklärerisch tätig zu sein, so wie Lamya Khaddor, Seyfan Ates sowie Hamed Abdel-Samad, Navid Kermani u.a.Außerdem braucht es deutliche Anstrengungen, auch Migrantenkinder zu besseren Bildungserfolgen zu führen.
    @ Frau Kramm: Ich hoffe nicht, dass uns Herr Seehofer Vorschriften machen kann, wie wir den Begriff Heimat verstehen sollten. Was soll dieser Begriff in der Innenpolitik frage ich mich? Geht es um einen neuen Anlauf, die blödsinnige deutsche Leitkulturdebatte neu zu beleben mit einem anderen Begriff? Wem hilft das weiter? Wie konnten die Koalitionäre diesen Schwachsinn wieder durchgehen lassen? Bei jeder großen Koalition hat es die CSU bisher geschafft, irgendeinen populistischen Blödsinn durchzusetzen. Und jetzt das, um der AFD damit vermutlich den roten Teppich auszurollen. Denn erfahrungsgemäß wird dann das Original gewählt, nicht diejenigen, die sich anbiedern -wie es die CSU versucht zu künftigen Landtagswahl.

  35. Barbara Eilers sagt:

    Übrigens apropos 100 Jahre Religionsfreiheit: davon merke ich nicht viel! Wenn ich mir allein die öffentlich-rechtlichen Radioprogramme ansehe habe ich nicht den Eindruck, in einem Land zu leben, in dem es keine Staatsreligion gibt! Kaum jemand geht noch in die Kirchen außer an Weihnachten und Neujahr – aber es gibt trotzdem kaum einen Lebensbereich, in den sich die Kirche nicht einmischt. Bei jedem öffentlichen Trauerfall, bei jeder Einschulung, an jedem Feiertag.

  36. Brigitte Ernst sagt:

    @ Barbara Eilers

    Mischt sich die Kirche tatsächlich ein oder macht sie Angebote?
    An der Frankfurter Schule, an der ich unterrichtete, gab es keinen Gottesdienst zur Einschulung, schon allein deswegen, weil diese Einrichtung traditionell von vielen Muslimen und konfessionslosen Kindern besucht wird. Aber eine evangelische Kirche gibt der Fachschaft Musik seit Jahren die Möglichkeit, ihr großes Weihnachtskonzert bei ihnen zu veranstalten, weil die Aula der Schule zu klein ist. Ich finde das sehr freundlich.

    Was Trauerfälle angeht, so beobachte ich, dass viele Menschen, auch wenn Sie eigentlich kaum eine Beziehung zur Kirche haben, sich gerade in dieser Situation an eine(n) Kirchenvertreter/in wenden, weil sie diesem/dieser am ehesten die Durchführung einer würdigen Feier zutrauen. Bei öffentlichen Trauerfeiern wie z.B. nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidtplatz waren Geistliche der Religionsgemeinschaften zugegen, denen die Opfer angehörten. Das würde ich nicht Einmischung nennen.
    Und die meisten Feiertage, an denen wir nicht zu Arbeit gehen müssen, hat uns die Kirche beschert. Darüber sollten wir froh sein.

    Im Übrigen sollten wir das karitative Engagement vieler Kirchen nicht vergessen. Im Parallelthread wurde gerade über das Kirchenasyl diskutiert. Und die von Kapuzinermönchen geführte Kirche in der Frankfurter Innenstadt bietet jeden Tag ein Frühstück für 150 bis 180 Obdachlose an. Das würde ich auch nicht unbedingt als unangebrachte Einmischung kritisieren.