Blogtalk: Wohnungslose Menschen

Nach langem mal wieder: Blogtalk im FR-Blog! Zu einem unbequemen, schwierigen, überhaupt nicht netten Thema:

Wohnungslose Menschen

Sie haben es generell schwer. Jetzt auch wegen der eisigen Temperaturen, die ein Leben auf der Straße eigentlich unmöglich machen. Aber auch wegen der Corona-Pandemie. Denn in dieser Zeit ist jeder Mensch mehr oder weniger vor allem mit sich selbst beschäftigt, um die Folgen der Pandemie zu bewältigen und das Leben trotzdem irgendwie zu organisieren – mit Problemen für alle: Familien müssen den Tag mit Kindern im Homeschooling organisieren, Singles können ebenso wenig raus wie ältere Menschen, die sich vor Ansteckung fürchten. Viele Menschen verhalten sich solidarisch, schränken sich selbst ein und schützen auf diese Weise andere Menschen.

Doch wohnungslose Menschen fallen durch alle Maschen dieses Netzes. Sie leben ohnehin vielfach abseits von Solidarität, obwohl es Hilfs- und Auffangprojekte für sie gibt und obwohl sich auch Menschen um sie zu kümmern versuchen, die sich ehrenamtlich engagieren. Aber die Öffentlichkeit nimmt wohnungslose Menschen nicht gern zur Kenntnis. Sie stören im Stadtbild, sorgen vermeintlich für negatives Image, obwohl sie allein durch ihre Anwesenheit eigentlich nur zeigen: Es läuft etwas grundsätzlich falsch in diesem ökonomisch prosperierenden Land. Zugleich senden sie selbst manchmal verstörende Signale, als wollten sie die Hilfe nicht, die ihnen zur Verfügung stünde. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die Situation von wohnungslosen Menschen viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, als würden sie die Ablehnung spiegeln, die ihnen widerfährt: Ihr wollt nichts mit mir zu tun haben – ich will nichts mit Euch zu tun haben.

Cover Wohnungslose Menschen 2Darüber möchte ich ins Gespräch kommen mit den beiden Buchautoren Jürgen Malyssek und Klaus Störch, die soeben eine aktualisierte Version ihres Buchs „Wohnungslose Menschen“ vorgelegt haben. Es ist 2009 in erster Auflage erschienen, dies hier ist die zweite – und wir werden uns natürlich auch darüber unterhalten, ob und wie sich die Situation wohnungsloser Menschen innerhalb des Jahrzehnts zwischen den beiden Ausgaben verändert hat.

Jürgen Malyssek, Klaus Störch:
Wohnungslose Menschen.
Lambertus-Verlag Freiburg
Paperback. 290 Seiten. 26 Euro

Jürgen Malyssek, FR-Leser und User des FR-Blog, hat bis 2005 als Sozialarbeiter und Fachreferent für Wohnungslosenhilfe, Armut und soziale Sicherung sowie Schuldnerberatung beim Caritas-Verband Limburg gearbeitet. Schwerpunktartig hat er sich mit kritischer Sozialarbeit, gesellschaftlicher Ausgrenzung und Armut in der Literatur beschäftigt.

Bild: privat

Im FR-Blog sind von ihm im Rahmen zweier FR-Projekte Artikel erschienen:

Eine Willkommenskultur ist mir nicht erinnerlich im Rahmen der Serie „Ankunft nach Flucht“
Eine Nacht unter einer Seine-Brücke im Rahmen des Projekts „Mein 1968“

klaus_störch_kleinKlaus Störch (Bild folgt) ist Leiter im Haus Sankt Martin am Autoberg, einer Einrichtung der Wohnungslosenhilfe des Trägers Caritasverband Main-Taunus. Er ist Vorsitzender der AWO Flörsheim-Hochheim und Kommunalpolitiker in Flörsheim am Main.

Bild: Privat

Ab Montag, 15.2., werde ich mit den beiden eine Woche lang im FR-Blogtalk über wohnungslose Menschen und das Buch sprechen.

Kurz auch zu mir: Ich bin Lutz „Bronski“ Büge, Redakteur der Frankfurter Rundschau, zuständig für das Leserforum, FR-Blogger und Romanautor, geboren 1964 in Eutin, bei der FR seit 2001. Autor des Virenkrieg-Zyklus. Mehr dazu bei Interesse auf meiner Autoren-Webseite ybersinn.de. Seit 2007 verantworte ich das Forum der FR, früher Leserbriefe. Das FR-Blog betreue ich seit 2005.

Bild: T. Vögele

Bei Blogtalks im FR-Blog gilt diesmal wie sonst auch: Jeder kann mitreden und Fragen stellen. Ich als Gesprächsleiter nehme mir aber das Privileg heraus, Ihre Fragen zu ordnen, eventuell zurückzustellen und zu einem späteren Zeitpunkt einzuflechten, wenn sie mir besser in den Gesprächsfluss zu passen scheinen.

Es geht los am 15. Februar 2021 gegen 11 Uhr. Zu dieser Uhrzeit wird dieser Thread eröffnet, indem die Kommentarfunktion freigegeben wird, die bis dahin geschlossen bleibt.

Ich freue mich auf unseren Talk und hoffe auf rege Beteiligung.

Ihr

Lutz „Bronski“ Büge

163 Kommentare

  1. Bronski sagt:

    Guten Morgen, die Herren, und willkommen zum Blogtalk! Vielen Dank, dass Sie sich Zeit dafür nehmen. Sind Sie fit? Wollen wir anfangen?

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Guten Morgen, Herr Büge, ich bin bereit.

  3. Klaus Störch sagt:

    Guten Morgen, lieber Lutz „Bronski“ Büge, haben Sie vielen herzlichen Dank für die Einladung zum Blogtalk. Ich muss gestehen, ich bin etwas aufgeregt. Dieser Talk ist für mich eine Premiere. Womit anfangen? Vielleicht mit einer kleinen Episode aus meinem Arbeitsalltag?

  4. Bronski sagt:

    Na klar, gern. Ich habe zwar eine ganze Reihe von Fragen vorbereitet, aber es ist mir recht, wenn wir nicht nach einem strikten Schema vorgehen. Bitte erzählen Sie.
    Ich bin jetzt bis ca. 11.30 Uhr in der Redaktionskonferenz.

  5. Klaus Störch sagt:

    Ich möchte mit einer postitiven Geschichte beginnen. Ich denke, sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich viele Menschen mit der Lage von Wohnungslosen auseinandersetzen und nicht einfach nur Zusehen. Und dies nicht nur in Zeiten von Covid-19 und bitterer Kälte. Wir bekommen sehr viele Anrufe von Bürger:innen mit der Frage: Wie können wir konkret helfen? Beeindruckt hat mich eine junge Erzieherin aus Eschborn, die uns vergangene Woche angerufen hat, um uns auf einen obdachlosen Mann in ihrer Stadt aufmerksam zu machen. Diese Frau hatte (gemeinsam mit einer Arbeitskollegin)den Mann am Bäckereistand eines Supermarktes kennengelernt und spontan einen Kaffee und ein belegtes Brötchen ausgegeben. Die Begegnung ließ der jungen Frau keine Ruhe. Sie wusste lediglich, das er in einem nahegelegenen Park biwakierte. Sie machte sich mit ihrer Freundin auf den Weg, durchkämmte auch das Gestrüpp, um den Mann endlich nach vier Stunden ausfindig zu machen und ihm Hilfe anzubieten.

    Sie holte sich Rat bei den Mitarbeiter:innen des Kältebus und in unserer Einrichtung. Wir haben uns dann verabredet, um dem Wohnungslosen Schlafsack, Decken, Rucksack, Wäsche, Handschuhe, Essen und heiße Getränke zu bringen. Da ist eine junge Frau, die nicht einfach wegschaut sondern Initiative zeigt. Sie verabredet sich jetzt täglich um acht Uhr in der Früh mit ihm auf eine Tasse Kaffee.
    Überhaupt: Wir erhalten im Moment sehr viel Unterstützung aus der Bürger:innenschaft. Sicher, das hängt immer auch mit der allgemeinen Aufmerksamkeit für Wohnungslose zusammen. Aber ich finde, die Medien machen in Sachen Aufklärung einen guten Job. Ich denke dabei auch an die Artikel zum Thema in der Rundschau vom vergangenen Samstag. Als Reaktion darauf hatten wir heute Vormittag bereits zwei Anrfufe. Ja, wir erleben im Moment sehr viel Solidarität, um dieses große Wort zu verwenden.

  6. Bronski sagt:

    Das hat sich so bei Ihnen in Limburg zugetragen?

    Herr Malyssek, ebenfalls aus der Praxis gesprochen – erleben Sie die Menschen ebenfalls so hilfsbereit?

  7. Klaus Störch sagt:

    Unsere Einrichtung ist in Hattersheim,im Main-Taunus-Kreis. Im Bedarfsfall machen wir auch Streetwork, suchen Wohnungslose auf und bieten Hilfen an. Allerdings ist die Zahl der Menschen, die gar keine Wohnung haben, im Main-Taunus-Kreis eher gering. Die Wohnungslosen bevorzugen eher die großen Städte im Rhein-Main-Gebiet: Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden, Darmstadt oder Mainz.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    Die Wohnungslosenhilfe in Limburg (Caritas) ist seit Jahre sehr gut vernetzt und diese angesprochene Hilfsbereitschaft ist dort schon ein Markenzeichen. Am Wirkungsvollsten ist sie vor allem durch das Wechselspiel zwischen Ehrenamtlichkeit und der professionellen Hilfe.
    Das funktioniert richtig gut.

    Was Klaus Störch berichtet, kann ich zur Zeit auch bestätigen. In Wiesbaden, das nicht gerade eine unproblematische Bürgerschaft hat, was die Soziale Frage, Sciherheit und Ordnung betreffen, ist durch die Kältesituation auch hier deutlich aufgewacht und es gab nach den letzten Presseberichten etliche Hilfeangebote aus der Bevölkerung. Habe gerade letzte Woche hier mit der Diakonie-Teestube über diese Reaktionen gesprochen. Also, das ist nicht selbstverständlich.
    Die Wohnungslosenhilfe muss allerdings über den Winter, die Kälte, die Pandemie hinaus denken.

  9. Bronski sagt:

    Ich habe übrigens das Haus Sankt Martin am Autoberg, das Sie, Herr Störch, leiten, nun oben in der Einleitung und auch hier verlinkt, so dass sich alle interessierten Menschen mit einem Klick ein Bild davon machen können. Sie bieten dort u.a. Schlafplatz für die Nacht an. Auf Ihrer Webseite wie auch in Ihrer beider Buch – daher richtet sich meine Frage an Sie beide – wird Wert darauf gelegt zu betonen, dass das Hilfsangebot „niedrigschwellig“ ist. Können Sie diesen Begriff bitte kurz erläutern?

  10. Jürgen Malyssek sagt:

    „Niedrigschwellige Hilfe“ bedeutet, dass die Angebote für die Betroffenen einfach zugänglich sind und mit keinen sozialpädagogischen Auflagen verbunden sind. Auch müssen die Menschen keine Geschichten erzählen, um die konkrete Hilfe zu bekommen. Ambulante Hilfen, Teestuben, Wärmestuben, Frühstückstreffen, Kurzzeitübernachtungen, das sind solche niedrigschwelligen Angebote.

    Die sog. höherschwelligen Hilfsangebote lassen sich im Wesentlichen durch die im Sozialgesetz rechtlich verankerten Maßnahmen festmachen.
    Da steht das Sozialgesetzbuch XII mit den §§ 67 ff. – „Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ – Bei diesen Hilfen geht es letztlich auch um die Mitwirkung des Hilfeempfängers, also um einen Hilfeprozess, der eben nicht niedrigschwellig ist. Hilfeplanung, Sozialberichte usw.

  11. Klaus Störch sagt:

    Ja, Niedrigschwelligkeit ist für die Wohnungslosenarbeit von besonderer Relevanz. Warum? Wir wollen, dass die Menschen einen möglichst einfachen, barrierefreien Zugang zur Infrastruktur und sozialen Hilfe- und Beratungsangeboten erhalten.

    Praktisch funktioniert das über die Tagesstätte in die jedermann und jederfrau, voraussetungslos kommen kann, um einfach nur Kaffee zu trinken, Zeitung zu lesen oder einfach nur ein „Schwätzchen“ zu halten, also soziale Kontakte zu pflegen.

  12. Bronski sagt:

    Also quasi unbürokratische Soforthilfe ohne Vorbedingungen. Viele Einrichtungen, die Wohnungslosen helfen, bieten das an.

    Damit habe ich die Überleitung zur ersten meiner vorbereiteten Fragen, denn obwohl es ein großes Netz niederigschwelliger Hilfeangebote gibt, passieren auf deutschen Straßen Dinge, die man in einem Land wie diesem kaum für möglich halten würde. Sie haben sicher beide von der 20-jährigen Obdachlosen gehört, die am vergangenen Freitag in Nürnberg bei Eiseskälte über einem U-Bahn-Abluftschaft ein Kind zur Welt gebracht hat. Die FR hat das in ihrer Print-Ausgabe gemeldet, ich verlinke hier auf einen etwas ausführlicheren Bericht auf RTL-online. Anscheinend ist die junge Frau von der Geburt überrascht worden. Nachdem die Polizei Mutter und Kind gefunden hatte, traf auch ein Rettungswagen ein. Bis dahin hatte die Mutter das Neugeborene und sich mit einem Schlafsack vor der Kälte zu schützen versucht. Beide wurden in eine Klinik gebracht. Laut RTL-online soll ihr Zustand „stabil“ sein. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie solche Berichte lesen?

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    Ehrlich gesagt, habe die Geburt aus Nürnberg in der Presse nicht mitgekriegt.
    Das Nächtigen über einem U-Bahn-Abluftschacht ist nichts Unübliches. Die Geschichte mit der Kindesgeburt gewiss nichts Alltägliches. Jedenfalls sieht man am Verlauf dieser Geschichte, dass die Rettungsaktionen funktioniert haben. Das finde ich erst einmal sehr beruhigend. Dass auch schwangere Frauen draußen oder in Schutzräumen übernachten, ist zumindest nicht so ungewöhnlich.

  14. Klaus Störch sagt:

    Zuerst: Zum Glück geht es dem Kind und der Mutter relativ gut!

    Dieses Beispiel zeigt die Grenzen des Hilfesystems auf; nicht alle wohnungslosen Menschen werden erreicht. Viele sind für uns, die in der Wohnungslosenhilfe tätig sind, „unsichtbar“. Manche verweigern sich bewusst.

    Durch aufsuchende, vertrauensbildende Straßensozialarbeit kann man sicher manche „Dramen“ auf der Straße verhindern; wichtig ist die Auflärung und die Sensibilisierung der Gesellschaft. Wir müssen unseren Blick schärfen für die Not und das Elend auf der Straße – und dürfen nicht gleichgültig weitergehen.

  15. Bronski sagt:

    Ja, zum Glück haben die Rettungsstrukturen funktioniert. Solche gewiss nicht alltäglichen Vorfälle können also helfen, den Blick zu weiten. Ich habe während des Wochenendes in meiner Vorbereitung auf unseren Talk viel über diesen Einzelfall nachgedacht. Es ist doch Einiges seltsam daran, finden Sie nicht? Wir kennen die Details nicht, aber offenbar war die werdende Mutter nicht willens, Hilfe durch eine Klinik in Anspruch zu nehmen. Ich habe mir Wehen stets als ziemlich schmerzhaft vorgestellt.

  16. Bronski sagt:

    Ich mache jetzt mal eine halbe Stunde Mittagspause – zurück gegen 14 Uhr.

  17. Klaus Störch sagt:

    Ich ziehe nun um ins Homeoffice. Bin ca. 14.30 Uhr wieder dabei!

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    Das Beispiel der werdenden Mutter draußen übernachtend zeigt auch, dass das, was unsere Vorstellungen von normalen Leben, eben nicht auf alle die übertragbar sind, die am Rande der Gesellschaft existieren.
    Auch diese Frau lebte in ihrer speziellen Welt. Das muss nicht alles „logisch“ sein.

  19. Jürgen Malyssek sagt:

    Hallo Klaus, ich nutze mal „Bronskis“ Mittagspause und grüße Dich in unserem ganz neuen Kontext.
    Schön, wie das so klappt.

  20. Klaus Störch sagt:

    Yep, lieber Jürgen, ich bin selbst überrascht…Als Anfänger muss ich sagen: Es macht Spaß!

  21. Klaus Störch sagt:

    Vielleicht ist es etwas zugespitzt, aber möglicherweise zeigt sich an diesem Bespiel eine besondere Ausdrucksform eines sozialen Konflikts; die Erfahrung eben nicht zugehörig zu sein, zur Schicht der „Überflüssigen“ und Ausgeschlossenen zu zählen?! Was meinst du, Jürgen?

  22. Bronski sagt:

    Hier fallen nun Begriffe wie „nicht logisch“, „normales Leben“, spezielle Welt“. Das beschäftigt Sie beide auch in Ihrem Buch. Ist die aufsuchende, vertrauenbildende Straßensozialarbeit, die Sie schon angesprochen haben, in der Lage, Menschen zu erreichen, die sich in einer solchen „speziellen Welt“ eingerichtet haben?

  23. Jürgen Malyssek sagt:

    Wenn ich Dich, Klaus, richtig verstanden habe, dann geht es ja überhaupt um diese Erfahrung der Nichtzugehörigkeit überhaupt. Und ich meine, dass man das irgenwie kennen muss, um sich auch in die Lage des „Überflüssigen“, des Ausgeschlossenen besser hineinzuversetzen am Beispiel der Aussenseiter, der Wohnungslosen.
    Das macht dann auch einen wichtigen Teil der Arbeit in der Wohnungslosenhilfe aus.

  24. Jürgen Malyssek sagt:

    MeDie Straßensozialarbeit ist ein ganz wichtiges Element der Wohnungslosenhilfe. Hier geht es neben den regelmäßigen Besuchen vor Ort auch um Vertrauen herzustellen. so kann es sein, dass selbst die Hartgesottenen auf der Straße, sich auch für weitergehende Hilfen öffnen. Es darf aber nie aufgedrängte Hilfe sein.
    Ganz wichtig ist und bleibt, die Akzeptanz der Lebensweise, auch wenn sie nicht unseren bürgerlichen Vorstellungen entsprechen mag.
    Die Menschen in ihrer „speziellen Welt“ merken ganz genau, wenn man etwas mit ihnen vorhätte.

    Wenn Gefahr im Verzug ist, dann ist das eine neue Situation.

  25. Klaus Störch sagt:

    Natürlich können nicht alle wohnungslose Menschen erreicht werden – aber wenn wir beharrlich sind, die persönlichen Grenzen des Gegenüber nicht überschreiten, ihnen Respekt zeigen, den Kontakt zu ihnen regelmäßig halten, dann erfahren sie Achtung und Anerkennung. Das daraus entstandene Vertrauensverhältnis kann dann Grundlage für die weitere Arbeit sein.

  26. Bronski sagt:

    Kleiner Exkurs: Was war für Sie beide der extremste Fall, das extremste Schicksal, mit dem Sie es persönlich unter Wohnungs- und Obdachlosen zu tun hatten?
    Sie brauchen diese Frage natürlich nicht zu beantworten, wenn sie Ihnen zu persönlich ist.

  27. Jürgen Malyssek sagt:

    Für mich war da kein Einzelfall, zumindest habe ich ihn nicht so einfach abrufbar, aber Bilder, die geblieben sind und auch geprägt haben, waren die Sterbenden, die man lange begleitet hat, das Abschiednehmen, von diesen besonderen Menschen, die wir, ich, über lange Zeit gekannt haben.

    Extrem, die Erfahrung der Ermordung einer unserer Wohnungslosen, direkt in der Nähe der Einrichtung.
    Sehr zu Herzen ist mir in den jüngeren Jahren meiner Arbeit, diese allmähliche gesundheitliche Verschlechterung eines Betreuten im Wohnheim, der damals aus Bochum und inzwischen berenteter Bergarbeiter (Staublunge)zu uns gekommen war. Und wie er die letzten Jahre um die Anerkennung bei seiner geschiedenen Frau und seiner Tochter regelrecht kämpfte und dabei auch immer gesundkeitlich an Kraft verlor. Solche Bilder bleiben.

  28. hans sagt:

    Wie schnell man in Hartz 4 rutschen kann ist mir klar
    aber warum ist dann noch ein weiterer Absturz möglich und wie?

  29. Werner Engelmann sagt:

    Erstmal schönen Tag allerseits!
    Sicher wird hier der Hauptpunkt sein, die Lebensrealität der hier betroffenen Menschen zu beleuchten.
    Es erscheint mir aber auch wichtig, auf Motivation und Befindlichkeiten von Helfern einzugehen. Etwa der Erzieherin aus Eschborn, von der Klaus Störch anfangs gesprochen hat.
    Auch wir kennen hier in Frankreich solche Menschen, die – meist aus christlicher Grundhaltung heraus – ähnlich handeln. Eine solche Überzeugung kann dabei hilfreich sein. Man darf aber auch nicht vergessen, welche Barrieren auf einem solchen Weg zu überwinden sind.

    Ohne hier vergleichen zu wollen, möchte ich als Beispiel kurz auf eigene Erfahrungen eingehen. Wobei es sich in unserem Fall nicht um Obdachlose, sondern um Flüchtlinge handelt, die von der französischen Regierung, um das Lager bei Calais aufzulösen (in der Hochzeit an die 10.000 Menschen!) auf das ganze Land verteilt wurden, etwa 100 davon auf unsere Kleinstadt.

    Ich kann mich noch sehr gut an die eigenen Berührungsängste erinnern, als wir im Dezember 2015 erstmals in der Segelschule auftauchten, wo sie provisorisch einquartiert worden waren. Von der Neigung wegzusehen, um solche Konfrontationen zu vermeiden, sollte nicht zu schnell auf Gleichgültigkeit geschlossen werden. Es ist überwiegend eher eigene Hilflosigkeit, wie angesichts einer Wohlstandsgesellschaft mit einer solchen Konfrontation mit sichtbarem Elend umzugehen ist. Einfache Schuldzuweisungen wie „Die sind ja selber schuld“, um die eigene Unsicherheit zu überspielen, liegen da nahe.

    Mir scheinen daher einige Hinweise zu dem eigenen Weg bzw. dem von anderen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen hilfreich in dem Sinne, dass sie dazu beitragen können, oben benannte Ängste zu überwinden.

    Abschließend noch ein kurzer Hinweis, dass ich in den nächsten etwa 2 Stunden nicht zur Verfügung stehen kann, da ich mit meiner Frau zum Arzt muss.

  30. Bronski sagt:

    Lieber Werner,

    danke für Deinen Kommentar. Ich würde gern einen anderen Weg nehmen und zuerst versuchen, die Situation der Wohnungs- und Obdachlosen zu gut wie möglich zu verstehen. Dabei steht uns noch einiges bevor, glaube ich, denn zusätzlich zur Geflüchteten-Problematik spielen bei den Wohnungslosen, jedenfalls in Deutschland, auch noch EU-Bürger aus Osteuropa eine Rolle. Über die Situation der Helfer:innen, auch der Gutmeinenden, aber möglicherweise nicht ausgebildeten, können wir dann natürlich auch noch sprechen. Wir haben noch viel Zeit. Aber es ist auf jeden Fall schön, dass Du diesen Punkt schon mal eingebracht hast.
    Ich greife zunächst mal den Punkt von hans auf: Hartz IV gilt als Grund- bzw. Existenzsicherung und steht jeder und jedem Wohnungs- bzw. Obdachlosen zu. Davon sollte man leben können, so der Ansatz. Warum klappt das in bestimmten Fällen nicht?

  31. Werner Engelmann sagt:

    Kein Problem,lieber Lutz!
    Wer hier länger mitgemischt hat, ist in Geduld geübt.

    So, nun muss ich aber los!

  32. Jürgen Malyssek sagt:

    @ hans

    Dass man von Hartz IV schlecht und recht leben kann, ist eine Sache. Um dahin zu kommen, das kann ein bloßer Arbeitsplatzverlust sein.

    Ein sozialer Absturz in die Wohnungslosigkeit, das ist eine sehr komplexe individuelle und gesellschaftliche Angelegenheit. Mit dem reinen materiellen Auskommen hat das oft recht wenig zu tun.

  33. hans sagt:

    zu @ Jürgen Malyssek
    Das ist bei den Einzelnen die ich kenne auch so gewesen aber kann man das von den vielen die man in einer Stadt treffen kann in jedem Fall auch so sagen

  34. hans sagt:

    Um es noch klarer zu sagen. Ich habe zwei Personen gekannt die in die Obdachlosigkeit gerutscht sind. Bei beiden ist die Mutter überraschend während der Ausbildung mit ca 15 Jahren gestorben. Sind es immer solche Geschichten die dazu führen?

  35. Bronski sagt:

    @ hans

    Bitte üben Sie sich ein bisschen in Geduld.
    Danke!

  36. Jürgen Malyssek sagt:

    @ hans

    Ja, auch solche Geschichten: Verlusterfahrungen, Tod von wichtigen Bezugspersonen …

  37. Klaus Störch sagt:

    Der Tod auf der Straße, das ist ein Thema, das mich umtreibt. Da gibt es viele Geschichten, viele einzelne Schicksale. Ich habe viele Wohnungslose bei ihrer letzten Reise begleitet. Und oft war da kein einzelner Trauergast, kein Freund, keine Bekannten, keine Verwandten …

  38. Klaus Störch sagt:

    Nach vollbrachtem Tagwerk werde ich mich nun um das Abendessen kümmern und gegen 20 Uhr wieder aufschlagen.

  39. Jürgen Malyssek sagt:

    Dieses einsame Sterben (Klaus!), ja das ist bedrückend!

  40. Bronski sagt:

    @ all

    Ich für mein Teil habe jetzt Feierabend, was die aktive Teilnahme hier betrifft, d.h. von mir sind heute Abend keine Fragen mehr zu erwarten. Aber doch gleich ein kurzes Feedback: Dieser Blogtalk hatte eine relativ hohe Geschwindigkeit. Das ist mir sehr angenehm, weil dadurch wirklich ein Gesprächsfluss entsteht. Es war aber zugleich nicht ganz einfach für mich, nebenher mein Tagewerk zu machen, die Produktion des Forums für die morgige FR-Ausgabe. Ich hab den Redaktionsschluss gerissen. Das hatte keine negativen Konsequenzen, war aber mit einer angespannten halben Stunde zwischen halb vier und vier Uhr verbunden.
    Auch wenn ich selbst erst morgen – so gegen elf Uhr, denke ich – wieder hier mitrede, steht es allen Beteiligten und auch sonst allen, die was zum Thema sagen wollen, selbstverständlich frei, Kommentare zu schicken. Ich schaue in regelmäßigen Abständen herein, um die Kommentare freizuschalten.
    Meinerseits soll es morgen weitergehen mit der Frage zu den unterschiedlichen Lebenswelten: hier die – na ja – „normale“ Welt, hier die der „Aussortierten“. Kann man das so sagen? Was halten Sie davon? Das wäre also auch eine Fragestellung. Und die Frage, wie man von der einen Welt in die andere gelangt, interessiert mich weiterhin ebenso, wie sie hans interessiert. Da gäbe es sicher noch viel zu erzählen. Familiäre Probleme wurden angesprochen, die zum Absturz führen können. Mir persönlich sind aber zum Beispiel auch Fälle von Menschen bekannt, die wegen überbordenden Stromverbrauchs nur knapp an einer Zwangsräumung vorbeigeschrammt sind. Die Zwangsräumung, wäre es dazu gekommen, hätte wohl in die Wohnungslosigkeit und dann, als nächste Stufe des Absturzes, in die Obdachlosigkeit führen können, oder? Stromverbrauch ist in Corona-Zeiten ein Riesenthema gerade für Menschen in Grundsicherung. Für Wohnen und Energie sind im aktuellen Hartz-IV-Regelsatz (446 Euro) 37,81 Euro, für Post und Telekommunikation 39,88 Euro vorgesehen. 2019 gab es in Deutschland knapp 50.000 Zwangsräumungen.

  41. hans sagt:

    Das hätte ich jetzt auch erwartet. Natürlich können schlimme Einzelschicksale zu so etwas führen. Ich habe aber immer gedacht in der Masse sind es Fälle wie die von Bronski angesprochenen 50000 Zwangsräumungen die zu so etwas führen. Weiß es aber nicht.

  42. Ogün sagt:

    Hallo Ihr Beiden,

    als gebürtiger Frankfurter ist mir das „Kältemobil“ ein Begriff. Haben wir im MTK auch einen? Wie können wir Gewährleisten, dass Obdachlose in dieser kalten Zeit nicht erfrieren?

    Liebe Grüße und danke für die Antwort vorab.

  43. Klaus Störch sagt:

    Hallo, lieber Ogün, einen Kältebus gibt es im Main-Taunus-Kreis nicht. Dazu ist die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, zu gering. Wir werden häufig von Bürger:innen aus dem Kreis auf obdachlose Menschen und Wohnungsnotfälle aufmerksam gemacht und können dann im Zusammenspiel mit den Ordnungsbehörden der Städte und Gemeinden und den Sozialämtern eine Lösung finden. Im Einzelfall suchen wir die Wohnungslosen auf und bieten konkrete Hilfen an. Im Falle von angeordneten Räumungen sind die kommunalen Obdachlosenbehörden für die Unterbringung in Notunterkünften oder Pensionen verantwortlich. Die Unterbringung von Obdachlosen klappt in den meisten Kommunen relativ gut.

  44. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Ögun

    Es ist so wie Klaus schreibt. Es wird von kommunaler Seite schon einiges getan, dass die wohnungslosen unterkommen können oder dass sie regelmäßig an ihren Schlafstätten aufgesucht werden. In Wiesbaden kriegt jeder seinen hochwerigen Schlafsack, wenn er ihn braucht. Notübernachtungsplätze stehen auch zur Verfügung. Nicht jeder will in einer Einrichtung sein. Aber es gibt keine Garantie Kältetote absolut zu verhindern.

  45. Jürgen Malyssek sagt:

    @ hans

    Wir dürfen nicht zu sehr auf diese Zahlen alleine blicken. Zwangsräumungen sind ein Fakt, aber damit lassen sich nicht die Zahl der potenziellen Wohnungslosen ableiten. Zumal selbst bei Zwangsräumung Stadt und Kommune rechtlich dafür zu sorgen haben, dass den Zwangsgeräumten eine Ersatzunterkunft zur Verfügung gestellt werden muss (Notunterkünfte).
    Wege in die Wohnungslosigkeit können ein langer Prozess des gesellschaftlichen Scheiterns des Einzelnen sein, der viele Faktoren aufweist.

  46. Jürgen Malyssek sagt:

    Ich komme im Vorgriff auf die Frage nach den unterschiedlichen Lebenswelten, die Bronski oben gestellt hat (18:01). Hier einige Aspekte, die die spezielle Lebenswelt von Wohnungslosen ausmacht. Natürlich nur als eine erste Draufsicht.

    Ein konstantes charakteristisches Merkmal, dass die Lebenslage von wohnungslosen Menschen überhaupt kennzeichnet, ist ihre Randständigkeit und ihre soziale Isolation. Am deutlichsten zu sehen bei den Stadtstreichern und „Berbern“.

    Dann folgen eine Reihe von Risikofaktoren, die eine individuelle Seite als auch eine gesellschaftliche Seite beleuchten und die wiederum in einer Wechselwirkung zueinander stehen und auf die Folgen für den Einzelnen hinweisen Ich zähle einige davon auf. Die Risikofaktoren spiegeln sich entsprechend auch in den subalternen Lebensformen dieser Menschen wieder:

    Schicksalsschläge, Familienlosigkeit, Trennungserfahrungen, Scheidung, Tod in der Familie, gebrochene Berufslaufbahnen, prekäre Beschäftigungen, Absturz in HArtz IV, Verschuldung, Verarmung, Wohnungsverlust, schwere Erkrankungen, Suchterkrankungen, wachsende Gefühle von Nutzlosigkeit und Überflüssigkeit, Überforderungserlebnisse, Spirale der Misserfolge,Entwurzelung,
    Stigmatisierungserfahrungen und Selbststigmatisierung, Prostitution (spez. Frauen) u.a.m.

    Wenn diese Faktoren und harten Lebensereignisse mit wiederum der harten modernen gesellschaftliche Realität zusammenstossen, dann brechen die persönlichen Kartenhäuser zusammen.

    So erleben wir am Ende der Fahnenstange eine subalterne Lebenswelt am Rande der Mehrheitsgesellschaft, die teils antibürgerlich, randständig, sozial isoliert, diffus, chaotisch, elendig, absurd erscheint.

    Dennoch eine eigene innere Ordnung und besondere Geselligkeit in den Gruppenszenen aufweist. Schutzräume und Nischen suchen …

  47. Klaus Störch sagt:

    Guten Morgen, lieber „Bronski“, heute habe ich viele berufliche Termine wahrzunehmen, hoffe aber, immer wieder ein kleines Zeitfenster für den Blog zu öffnen.

  48. Klaus Störch sagt:

    Jürgen hat die wesentlichen gesellschaftlichen und individuellen Ursachen benannt, die zur Wohnungslosigkeit führen können. Wichtig ist zu betonen, dass diese Risikofaktoren nicht zwangsläufig in die Wohnungslosigkeit führen „müssen“.
    Ob eine persönliche Krise in die Obdachlosigkeit führt ist auch abhängig von der jeweils individuellen psychischen Disposition, der psychischen Widerstandskraft des Einzelnen (Resilienz) und seiner sozialen „Kompetenz“ auch krisenhafte Lebenssituationen und Konflikte ohne Beschädigungen zu überstehen.

  49. Klaus Störch sagt:

    „Die Krähen schrein
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnein –
    Weh dem, der keine Heimat hat“

    Friedrich Nietzsche

    Vielleicht ein (noch) paar Sätze zur Lebenswirklichkeit von Wohnungslosen:

    Wohnungslos zu sein, das bedeutet vor allem keinen eigenen Wohn- und Rückzugsraum zu haben, die Tage (und Nächte) im öffentlichen Raum, Tiefgaragen, leerstehenden Häusern, bei Freund:innen, Bekannten, in Notunterkünften oder in S- und U-Bahn usw. zu verbringen.Der wenige Besitz passt in einen Rucksack oder in eine Plastiktüte (Jargon: 1-Zimmer-Wohnung = Rucksack, Isomatte, Schlafsack, Gaskocher).

    Wohnungslose, die sich im öffentlichen Raum aufhalten und einrichten, müssen zudem häufig mit Gewalt und Vertreibung rechnen. Diese Erfahrungen von Verelendung, Gewalt und Ausgrenzung sind, wie Jürgen bereits gesagt hat, in unterschiedlicher Ausprägung allen Wohnunslosen gemein.

  50. Thomas Völker sagt:

    Hallo in die Runde,

    ein spannendes Format mit zwei sehr fachkundigen Experten. Danke vorab an die FR für die Möglichkeit zum Austausch.

    Ich arbeite für DIE LINKE. im Hessischen Landtag als Referent für Sozialpolitik. Es gibt gern zwei Punkte, die ich ansprechen möchte.

    1. Was mich immer wieder überrascht, sind die enormen Wissenslücken in diesem Kontext, gerade von staatlichen Stellen. Meine Fraktion hat 2019 eine Große Anfrage zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Hessen gestellt. Auf unsere 170 Fragen lautete die häufigste Antwort: Dazu hat die Landesregierung keine Erkenntnisse. Das auf Bundesebene beschlossene Wohnungsnotfallstatistikgesetz wird m.E. nur sehr begrenzt helfen dieses Dunkelfeld aufzuhellen.

    ABER: Wie sollen effektive Hilfsmaßnahmen organisiert werden, wenn wir überhaupt nichts wissen? Denn leider wird den Menschen, die sich tagtäglich damit auseinandersetzen, viel zu wenig zugehört.

    2. Mietschulden werden dank Corona eine immer weiter zunehmende Herausforderung, berichten die Schuldnerberatungsstellen. Alle wissen, dass Menschen aus Wohnungslosigkeit zurückzuholen, viel komplexer und viel schwieriger und – für die Kommunen – auch oft viel teurer ist, als jetzt gezielt Menschen unter die Arme zu greifen. Es passiert nur leider kaum etwas in diese Richtung. Oder nehme ich das nur nicht wahr?

    Zum Abschluss noch eine kurze Frage: Brauchen wir auch in Ihren „Zuständigkeitsbereichen“ Housing-First-Projekte und was halten Sie von diesem Konzept?

    Solidarische Grüße

    Thomas Völker

  51. Jürgen Malyssek sagt:

    Guten Morgen zusammen!

    Gewalt gegen Wohnungslose ist ein ganz wichtiges Thema. Denn es zeigt auf, welche auf untere Randgruppen abgeleitete Aggression und Verachtung in Teilen unserer Gesellschaft stecken. Darüber wird zu sprechen sein.

    Bin im Anschluss unterwegs in Sachen medizinischer Behandlung und so zwische 14:30 – 15:00 wieder an Bord.

  52. Bronski sagt:

    Guten Tag zusammen!

    Gewalt gegen Wohnungslose – auch durch Wohnungslose? Manche Wohnungslose schlafen anscheinend trotz der Eiseskälte lieber draußen, um Streitereien mit anderen Wohnungslosen auszuweichen oder weil sie verhindern wollen, dass sie bestohlen werden.

  53. Lieber Herr Malyssek, lieber Herr Störch,

    die Ursachen, welche zur Wohnungslosigkeit führen (können), erscheinen mir wie ein mehrstöckiges Treppenhaus nach unten, dessen einzelne Etagen u.a. Arbeitslosigkeit, Hartz IV, ständige Armut, Nichterholung von schweren Erkrankungen, persönliche Bindungsunfähigkeit oder Kapitulation vor der Wirklichkeit heißen. Die systematische Betreuung derer, die ganz unten angekommen (aufgeschlagen) sind, also der Wohnungslosen, ist eine unverzichtbare gesellschaftliche Aufgabe und ich wünsche mir, dass diese im Sinn staatlicher Daseinsvorsorge institutionalisiert wird (ohne die Arbeit von Caritas, Diakonie und anderen herabzuwürdigen).
    Doch ich frage mich auch, ob es in diesem Treppenhaus nicht Stockwerke gibt, von denen aus eine Rückkehr zur Normalität noch möglich ist. Konkret: Wo können diese Menschen noch aufgefangen werden, damit sie einem weiteren Abstieg entgehen können? Fiele das auch noch in den typischen Bereich der Wohnungslosenhilfe?

    Grüße
    Ihr Klaus Philipp Mertens

  54. Klaus Störch sagt:

    @ Thomas Völker

    Lieber Herr Völker, ich möchte zunächst (aus Zeitgründen) Ihre letzte Frage beantworten. Grundsätzlich halte ich das Housing-First-Konzept für sehr gut. Mit Blick auf die USA, Irland und Belgien können wir feststellen, dass die Strategie aufgeht. Die Erfolgsquote liegt bei 90 Prozent. In Deutschland gibt es nur wenig Nachahmer, ich weiß aber von positiven Berichten aus Düsseldorf und Berlin.

    Jeder Mensch hat das Recht auf Wohnen. Warum soll man den Wohnungslosen dann nicht auch eine Wohnung geben? Ich denke aber, dass es gerade im Anfang wichtig ist , dass die Menschen, die von der Straße in eine Wohnung ziehen, sozialarbeiterische Unterstützung erhalten.

    Die Umsetzung ist allerdings alles andere als einfach – nicht zuletzt wegen der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt, der in den Ballungsräumen und seinen Speckgürteln kaum noch sozialen bzw. bezahlbaren Wohnraum vorhält. Dann gibt es die zentrale Frage: Wer vermietet sein Eigentum an Wohnungslose? Hier beginnt das Bohren dicker Bretter.

  55. Klaus Störch sagt:

    @ Thomas Völker

    Das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz, das ist meine Überzeugung, stellt einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar. Dieses Ge Gesetz ist Grundlage zur Erfassung von Daten zur quantitativen und regionalen Verteilung von Wohnungslosigkeit in Deutschland. Bisher basierten alle Zahlen auf Schätzungen.Das Gesetz schließt also eine Lücke in der Armutsberichterstattung. Aber Nachbesserung, da haben Sie recht, ist in manchen Punkten wünschenswert.

  56. „Die Umsetzung ist allerdings alles andere als einfach – nicht zuletzt wegen der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt, der in den Ballungsräumen und seinen Speckgürteln kaum noch sozialen bzw. bezahlbaren Wohnraum vorhält. Dann gibt es die zentrale Frage: Wer vermietet sein Eigentum an Wohnungslose? Hier beginnt das Bohren dicker Bretter.“

    Dort würde ich gern anknüpfen. Vor längerer Zeit gab es ein Projekt im Bereich Design eine einfache Wohnmöglichkeit zu entwickeln, wenn ich mich richtig erinnere, sollten Familien von dem Wohnen auf Müllkippen befreit werden(Afrika). Leider kann ich die Hoch- oder Fachhochschule nicht erinnern, ich denke für Herrn Bronski kein Problem, es heraus zu finden.
    Und…. ich muss immer an die Frankfurter Küche denken. Form folgt Funktion.
    Aber…….. die vielen ABER können beantwortet werden. Fachkräfte gib es genug.
    Ein kreativer Prozess braucht keine ABER, eher Vielfalt an Ideen. Das dickste ABER….Geld.
    Gibt es genug, der Wille muss her.

    Idee: An Design Lehrstühlen oder Instituten wird ein Ideenwettbewerb ausgeschrieben, ein „low-budjet-Obdach“ zu entwickeln.

    Vielleicht als Examensarbeit in einer Gruppe denkbar. Große Stückzahl senkt den Einzelpreis. Bedarf ist doch vorhanden.

    Auch eine Kooperation mit anderen Fachbereichen kann ich mir vorstellen, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Architektur, Ökonomie, Medizin, Psychologie und…. natürlich auch die Betroffenen.

    Herzlich Hannes Bartels

  57. Bronski sagt:

    Mir ist leider etwas dazwischen gekommen, ich muss zum Arzt. Hier sind ja in der Zwischenzeit ein paar Statements eingetroffen, auf die Sie in der Zwischenzeit, bis ich wieder da bin, eingehen können. Für alle Fälle aber noch meine nächste Frage, die ebenfalls mit der Wohnungssituation zu tun hat.

    Die Stadt Nürnberg hat für Fälle wie den der wohnungslosen jungen Mutter – siehe oben – nach eigener Auskunft 206 Wohnungen angemietet, um obdachlose Familien unterzubringen. Reicht das für eine Stadt wie Nürnberg, wo gut eine halbe Million Menschen leben? In Bremen, wo noch einmal 50.000 Menschen mehr leben, meldete der Weserkurier am 11.2., dass sich 550 Menschen in Notunterkünften befänden. Das ist natürlich nicht dasselbe wie Wohnungen, aber es könnte darauf hindeuten, dass der Bedarf an Unterkunft größer ist als angenommen? Wie wird dieser Bedarf ermittelt, wenn es doch kaum möglich ist, die genaue Zahl der Wohnungslosen festzustellen?

  58. Robert Maxeiner sagt:

    Da ich nicht jeden Tag in den Blog schaue, bin ich jetzt erst aufmerksam geworden. Danke bei dieser Gelegenheit für die fachkundigen Ausführungen!
    Mich beschäftigt in diesem Zusammenhang das Thema, dass sich Wohnsitzlose oft keine Hilfe suchen, oder zurückhaltend agieren, weil sie möglichst unabhängig bleiben möchten. Nicht selten, ist es womöglich auch eine Frage des Stolzes.
    Gibt es diesbezügliche Erfahrungen auch in den Einrichtungen?

  59. Jürgen Malyssek sagt:

    Bei „Housing First“ bin ich persönlich etwas zurückhaltend, weil es aus New York kommend so übergangslos bei uns Einzug gehalten hat. Das sind aber für mich mehr Gründe des Konzeptionellen, der Realitätsprüfung gegenüber der Zielführung. Es ist ein Stufenmodell und es ist auch schlüssig an sich, aber es geht doch recht glatt über die realen Schwierigkeiten der Betroffenen hinaus, gleich mit einer Wohnung anzufangen, wenn bestimmte andere (oben genannte) soziale und individuelle Probleme einer bestimmten fachlichen Begleitung bedürfen, wie wir es mit dem bereits genannten Kernstück in der Wohnungslosenhilfe haben (SGB XII und die §§ 67ff, Wiedereingliederung).

    Ich sag aber auch: Wenn das Angebot an Wohnraum etwa von der Wohnungsgesellschaft an die Stadt herangetragen wird, dann sollte man es auch ausprobieren. Der Weg der Erfahrung ist natürlich durch nichts zu ersetzen. The proof of the pudding is in the eating.

    Ich widerspreche Klaus Störch (12:18 h) damit nicht, bin aber skeptischer hinsichtlich der Wirkungen, der Erfolge, zumal die Wohnungslosenhilfe ein wirklich variables und vielfach praktiziertes Repertoire an Konzepten der Eingliederung der Betroffenen in die Gesellschaft vorhält.
    Das müsste vielleicht noch detailliert erläutert werden. Aber ich lasse es erstmal so stehen

  60. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Wir müssen unterscheiden zwischen obdachlosen Familien, – die also in ihrer Kommune ihre Wohnung verloren haben und die Kommune die Verpflichtung hat die Familien anderweitung mit Ersatzwohnraum zu versorgen – und den hier behandelten Wohnungslosen, die a) schon länger auf der Straße leben oder in Einrichtungen sich aufhalten oder behelfsmäßig versorgt werden und
    b)nicht die fehlende Wohnung als primäres Problem haben, sondern in einer komplexen Problem-Situation stecken.

    Das Beispiel Nürnberg kann ich von den Zahlen her nicht so beurteilen, ob das reicht oder nicht. Es reicht ja sowieso nie. Und die zur Vefügung gestellten 206 Wohnungen sind wahrscheinlich, nur das, was momentan zur Verfügung stehen wird. Eine Bedarfsfestellung an notwendigen Wohnraum kann natürlich nur die Stadt selber machen. Zunächst einmal scheint mir das Angebot an zusätzlichem Wohnraum ein guter Anfang. Es bedeutet: Man kümmert sich am das Problem!

  61. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Gewalt gegen Wohnungslose von Wohnungslosen?
    Nein, das ist nicht das Thema. Da geht es in der Szene schon etwas hart zur Sache, vielleicht auch zuviel getrunken worden ist oder irgendwelche Eifersüchteleien im Spiel sind. Die Gewalt gegen Wohnungslose, das haben wir auch im Buch festgehalten, ist überdurchschnittlich rechtsextrem und rassistisch motiviert. Sie passieren aber auch durch einen tiefgründigen Hass gegen allen Menschen, die ganz unten leben (es ist Teil dieser „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit nach Wilhelm Heitmeyer) von jungen Menschen („Penner klatschen“ gehen).

  62. Bronski sagt:

    Dass offenbar manche Wohnungslosen Angst vor Schlägereien und Diebstahl in den Schlafstätten der Notunterkünfte haben und darum trotz der Kälte lieber draußen schlafen, habe ich übrigens aus einer FR-Reportage namens „Obdachlose in Frankfurt halten durch„. Ein Mann namens Hans äußert sich so. Ein lesenswerter, aber auch beklemmender Artikel, den ich allen empfehlen möchte, die ihn noch nicht kennen.

  63. Klaus Störch sagt:

    @ Thomas Völker

    Mietschulden stellen in der Tat ein großes Problem dar. Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich die Lage noch verschärft. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen in finanzielle Nöte geraten. Betroffen ist auch die Mittelschicht, wie die Schuldnerberatungsstellen mitteilen. Man muss kein Wahrsager sein, wenn man annimmt, dass die Zahl der Menschen, die aus eigener Kraft ihre Miete oder ihr Darlehen nicht mehr bedienen können ebenfalls steigen wird. Und damit Obdachlosigkeit. Deshalb muss man, da stimme ich Ihnen zu, alle Kraft auf die Abwendung von Obdachlosigkeit zu konzentrieren. Das ist außerdem für die Kommunen und die Volkswirtschaft billiger. Das Sozialgesetzbuch (SGB) sieht die Möglichkeit der Übernahme von Mietschulden vor. Von Vorteil sind Beratungsangebote die z.B. bei der kommunalen Wohnungswirtschaft oder freien Trägern der Wohlfahrt angebunden sind. Natürlich gehört zu diesem Thema auch die (politische) Frage um „die angemessenen Kosten für die Unterkunft“.

  64. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Herr Mertens

    Klares ja, bei aller Liebe zu Stufenkonzepten und Wiedereingliederungsmaßnahmen, sicher können Betroffene aufgefangen werden, bevor es ganz nach unten geht. Aber selbst Menschen, die schon ganz unten angekommen sind, können in unserem Hilfesystem wieder so aufgefangen werden, dass sie eine Rückkehr in eine gewisse Normalität schaffen. Das ist bei jedem Fall ganz verschieden. Hilfe ist möglich! Nur sagen da reine Zahlen (also Erfolgszahlen) nicht so viel aus. Jeder Betroffene hat so seinen Maßstab für das Gelingen. Das bestimmt kein Helfer.
    Der derzeitige Leiter der Caritas-Wohnungslosenhilfe in Limburg, mit dem ich auch schon in den 1980er/90er Jahren zusammen gearbeitet habe, Harry Fenzl, sagte mal diesen Satz, der es gut trifft:
    „Die Vorstellung, jemanden retten zu können, wird enttäuscht. Das ist eine Ohnmachtserfahrung, die man aushalten muss.“

    Grüße
    Ihr Jürgen Malyssek

  65. Klaus Störch sagt:

    @ Klaus-Philipp Mertens

    Ein persönliches Wort:

    Lieber Klaus-Philipp Mertens, ich freue mich, dass ich endlich mit einem aktiven Leserbriefschreiber in Kontakt treten darf. Ich lese Ihre Briefe immer wieder gerne. Leider muss ich meine Antwort an Sie etwas knapper halten, da ich in wenigen Minuten zu einer Gremiensitzung muss.

    Zur Sache:

    Sie haben völlig recht, es gehört zu den ersten Aufgaben der Wohnungslosenhilfe bereits in einem höheren Stockwerk Hilfen anzubieten. Das ist nur einer der Gründe, warum die Einrichtungen „niedrigschwellig“ sind. Es geht darum mit den „potenziellen“ Obdachlosen ins Gespräch zu kommen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. So versuchen wir durch Beratung drohende Obdachlosigkeit abzuwenden. Leider kommen viele zu spät zur Beratung, oft wenn der Räumungstermin bereits feststeht. Aber auch um Fragen der Gesundheit, Drogen, Alkohol sind wir Ansprechpartner. Wir verfügen in der Wohnungslosenhilfe über professionelles, gut ausgebildetes Personal und bieten breit gefächertes Dienstleistungsportfolio.

  66. Klaus Störch sagt:

    Lieber Jürgen, wir sind beim Thema Housing-First wirklich nicht weit auseinander. Ich habe mich nur kurz halten wollen. Wenn es die Möglichkeit gibt, dann soll man sie auch nutzen. Ich hatte mal dazu ein Konzept entwickelt.

  67. Klaus Störch sagt:

    Lieber Hannes Bartels, ich werde mich später gerne mit Ihrer Idee beschäftigen. Ein interessanter Ansatz!

  68. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Ist mein Text mit Bezug auf den FR-Artikel bei Ihnen angekommen? Bei mir ist er beim Klicken gleich zweimal verschwunden.

  69. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Robert Maxeiner

    Lieber Robert,

    ja, es gibt diese Erfahrungen. Nicht jeder will Hilfe annehmen. Das hat bestimmt was mit dem eigenen Stolz zu tun. Das hat auch was damit zu tun, dass durch die eigens gemachten negativen Erfahrungen, früheren Entäuschungen mit Mitmenschen, sich bewußt von den Menschen immer mehr fern zu halten. Misstrauen. Überhaupt lieber alleine sein. Keine Bindungen und Verpflichtungen eingehen zu wollen.

    Manchmal sprechen wir von den „Einsamen Wölfen“, die ganz für sich bleiben.

    Bei uns um die Ecke am Bahnhofsgebäude lagert seit gut eineinhalb Jahren ein Wohnungsloser, der nimmt keine Hilfe an und sorgt sich nur um seinen Tagesrhythmus und seine Lagerstätte.
    Ein kurzes Grußwinken, vielleicht mal ein paar kurze Worte, das war’s, das isses.
    Das muss man respektieren.

  70. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Das, was die Sozialarbeiterin Ilgmann-Weisz sagt, genau so ist es!

    Der Artikel ist wirklich gut und klar.

    Die Menschen, die auf der Straße leben, halten durch. Ihnen bleibt nichts anderes übrig.
    Die wissen was Krise ist – tagtäglich.
    Ein Jammern über die Situation, das wird man wohl selten in der Szene hören, jedenfalls nicht dieses Dauer-Klagen der Mitte der Gesellschaft.

    Man kann da als abgesicherter Bürger von diesen Menschen viel lernen, auch wenn das zunächst etwas paradox klingt. Ich habe viel von diesen Menschen gelernt. Die haben’s nur nicht gemerkt oder vielleicht doch?

  71. Werner Engelmann sagt:

    Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass Wohnungslosigkeit nicht allein ein soziales, sondern auch ein gesellschaftliches Problem ist, das mit Prozessen der Umstrukturierung zu tun hat.
    In Ihrem Buch sprechen Sie davon, dass das Phänomen Armut „mitten in der Gesellschaft angekommen“ ist und dass man Wohnungslose als „Symptomträger der gesellschaftlichen Zwangsmobilität“ ansehen kann.
    Gibt es nach Ihren Beobachtungen in den letzten Jahren konkrete Hinweise, die dies bestätigen – etwa in der kulturellen Zuordnung oder anhand sich verändernder Verhaltensweisen der „unten Angekommenen“? Und welche Schlussfolgerungen ergeben sich Ihrer Meinung nach daraus für eine soziale wie politische Strategie?

  72. Jürgen Malyssek sagt:

    Hallo Klaus,

    alles klar? Deine Aussagen durch den unmittelbaren Praxishintergrund sind sehr hilfreich.
    Wo hast Du das feine Zitat von Nietzsche har?

  73. Bronski sagt:

    @ Jürgen Malyssek um 17:40 Uhr

    Ja, der Kommentar ist angekommen. Aus diesem Anlass kurz off topic zur Info für alle:
    Die Software, mit der das FR-Blog läuft, trifft manchmal sonderbare Entscheidungen auf eigene Faust und sortiert Kommentare ohne erkennbaren Grund aus. Sie landen dann im Spam oder im Papierkorb. Falls Ihnen das mal passieren sollte, verzweifeln Sie bitte nicht und versuchen Sie auch nicht, die Kommentierung zu wiederholen, sondern warten entweder geduldig ab (denn ich schaue mir immer auch Spam- und Papierkorbinhalte an), bis ich Ihren Kommentar wieder hervorhole, oder schicken mir eine Mail. Anzeichen dafür, dass so etwas passiert ist: Ihr soeben abgeschickter Kommentar verschwindet spurlos. Korrekt wäre, dass er weiterhin angezeigt wird (sichtbar aber nur für Sie) und dass er mit dem Zusatz versehen ist: „Dein Kommentar wartet auf Freischaltung.“
    Vielen Dank
    Ihr Bronski
    *off topic Ende*

  74. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Danke Ihnen! Jetztbin ich vorbereitet.

  75. Bronski sagt:

    So, nun möchte ich mich erst einmal dafür entschuldigen, dass ich hier heute nicht optimal präsent war, aber auch das ist Blogtalk. Trotzdem hat dieses Gespräch einen schönen Schwung.

    Ich schlage vor, dass wir morgen einen etwas anderen Schwerpunkt setzen und darüber sprechen, was die Pandemie für die Wohnungslosen bedeutet. Ich habe mir da schon ein paar Fragen überlegt. Alles Weitere dann morgen ab ca. elf Uhr. Bis dahin kann hier natürlich weiterhin kommentiert werden. Ich schaue gelegentlich nach, um Ihre Kommentare zu moderieren.

    Naoned!

  76. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Die politische Forderung kann weiterhin nur lauten: Wiederherstellung der sozialen Sicherungsleistungen durch eine andere Sozialgesetzgebung als die der Agenda 2010, Rückbau der neoliberalen Wirtschaftstrukturen und soziale Gerechtigkeit, die diesen Namen verdient, die nicht die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden läßt.

    Das sind ja inzwischen auch durchaus wirtschaftspolitische Forderungen und die Linke hat es jedenfalls sehr klar auf ihrer Agenda.

    Halt große Politik.

    Alle Systemverlierer und schließlich wirtschaftlich „Übeflüssigen“ sind schließlich Symptomträger eines Systems, dass zu den ungerechten Sozialstrukturen und gesellschaftliche Verwerfungen geführt hat.
    So auch bei der „Zwangsmobilität“ (alle müssen unterwegs sein).

    Wir nehmen zum Beispiel in der Wohnungslosenhilfe oft viel früher als andere Gesellschaftssektoren die sozialen Schieflagen
    wahr (Seismographenfunktion). Denn wer bei uns Hilfe sucht, ist ganz unten angekommen.

    Die „Mitte der Gesellschaft“ hat seit der Agenda 2010 (eigentlich ein Arbeitsmarktförderungsgesetz) immer mehr die Angst im Nacken vor einem drohenden sozialen Abstieg verspürt. Tatsächlich ist es von den Wirtschaftfachleuten nachgewiesen, dass der einst so hochgeschätzte Mittelstand in Deutschland immer mehr geschrumpft ist und in dessen unteren Bereichen Arbeitsplatzverlust und Hartz IV immer bedrohlicher geworden sind.

  77. Jürgen Malyssek sagt:

    Pandemie und die Wohnungslosen. Das ist ein spannendes Thema. Es wirft ein besonderes Licht auf die Menschen auf der Straße und im Hilfesystem.

  78. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    ab 11.00h ist gut.

  79. Klaus Störch sagt:

    @ Hannes Bartels
    Lieber Hannes, ich kenne das „Haus aus Papier“ von dem du sprichst. Entwickelt wurde es von Professoren und Studierenden der Technischen Hochschule in Darmstadt. Ich war an einem maßstabgetreuen Modell für ein Kunstprojekt interessiert, das die unterschiedlichsten Wohn- und Lebensformen aus unterschiedlichsten Baumaterialien dokumentieren sollte: Architektur aus Glasflaschen, PET-Flaschen, Holz, Aluminiumdosen oder Lehm. Da gibt es sehr interessante Bildbände.
    Mit der Ausstellung sollte auf das Recht auf Wohnen und das Recht auf freie, individuelle Lebensgestaltung aufmerksam gemacht werden. Diogenes von Sinope lebte bekanntlich in einem Weinfass. Wir müssen in der Wohnungslosenhilfe gemeinsam mit den Wohnungslosen, die ihnen angemessene Wohn- und Lebensform entwickeln. Dann ist es gleichgültig ob Wohnwagen, Wagenburg, Wohncontainer, 1-Zimmer-Apartment oder Wohngemeinschaft. Der Wohnungslose entscheidet!

    https://www.fr.de/rhein-main/darmstadt/darmstadt-haus-aus-papier-soll-wind-und-wetter-trotzen-90110920.html

    https://www.tu-darmstadt.de/universitaet/aktuelles_meldungen/einzelansicht_284288.de.jsp

  80. Klaus Störch sagt:

    @ Werner Engelmann
    @ Jürgen Malyssek

    Für die große Politik bin ich jetzt zu müde, werde aber morgen etwas zum Bohren dicker Bretter sagen! Ich wünsche eine geruhsame Nacht!

  81. Klaus Störch sagt:

    Pandemie – ja, gerne berichte ich von den Mühen der Ebenen!

  82. Klaus Störch sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Guten Morgen, lieber Jürgen, hier kommt das Gedicht von Nietzsche in ungekürzter Version mit Quellenangabe:

    Verein­samt

    Die Krähen schrei’n
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnei’n –
    Wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat!

    Nun stehst du starr,
    Schaust rück­wärts, ach! wie lange schon!
    Was bist du, Narr,
    Vor winters in die Welt entflohn?

    Die Welt — ein Tor
    Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
    Wer das verlor,
    Was du verlorst, macht nirgends Halt.

    Nun stehst du bleich,
    Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
    Dem Rauche gleich,
    Der stets nach kältern Himmeln sucht.

    Flieg, Vogel, schnarr
    Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
    Versteck, du Narr,
    Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

    Die Krähen schrei’n
    Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
    Bald wird es schnei’n,
    Weh dem, der keine Heimat hat!

    Friedrich Nietzsche (1994): Gedichte. Ausgewählt von Anton Friedrich. Mit einer Rede von Thomas Mann, Zürich: Diogenes Verlag

    Siehe: Lutz Görner, Lyrik für alle, Folge 89:

    https://www.youtube.com/watch?v=fLrnbyn4OoA

  83. Klaus Störch sagt:

    Zur Einstimmung auf unser Tagesthema „Wohnungslose und Corona“ ein kleiner Bericht aus dem Alltag und den Mühen der Ebenen im ersten Lockdown:

    Wie haben Sie den ersten „Lockdown“ in Ihrer Einrichtung erlebt?

    Die ersten Tage waren schwierig. Nur meine Reinigungskraft und ich haben den Betrieb in unserer Einrichtung aufrechterhalten. Unser Hauswirtschafter hatte Urlaub, unsere Mitarbeiterinnen in der Verwaltung und im Sozialen Dienst mussten zuhause bleiben, da die Kitas bzw. die Schulen geschlossen waren. Die Wohnungslosenhilfe gilt als nicht systemrelevant.
    Darum mussten wir unser Beratungs- und Öffnungszeiten sowie unsere sonstigen Dienstleistungsangebote drastisch einschränken. Gleichzeitig haben wir die AHA-Regeln, also Abstand halten, Hygiene beachten, Maske tragen, so gut wie möglich umzusetzen versucht. Fast unmöglich war es am Anfang eine ausreichende Zahl Mund-Nasen-Masken zu erwerben. Die Preise schnellten explosionsartig in die Höhe, auch Desinfektionsmittel waren kaum zu bekommen. Vom Toilettenpapier gar nicht zu reden. Allmählich hat sich dann unser Arbeitsalltag wieder normalisiert. Auch personell ging es mit flexiblen Arbeitszeitmodellen und der Einrichtung von temporären Home-Offices aufwärts.

    Vor welchen Herausforderungen standen Sie? Was hat sich geändert?

    Die Regeln für den Übernachtungsbereich wurden – Gott sei Dank – ausgesetzt, kein wohnungsloser Übernachter musste zwingend reisen. Damit konnte das Ansteckungsrisiko sicher ein wenig gemindert werden. Andere Einrichtungen haben es genauso gehalten. Wohnungslose zählen zweifelsfrei zu den Risikogruppen. Die Lebenserwartung eines wohnungslosen Mannes ist 11 Jahre niedriger als beim Durchschnittsmann; bei den Frauen ist die Lebenserwartung rund acht Jahre niedriger.
    Nur die durchreisenden Wohnungslosen blieben weiterhin mobil, sie müssen ihre Tagessätze abholen. Aber es gab Städte und Landkreise, die in dieser Zeit die Modalitäten der Auszahlung für die Wohnungslosen vorübergehend erleichtert haben. Dadurch hat sich die Zahl der Durchreisenden bei uns fast halbiert.
    In der Tagesstätte mussten wir aufgrund der gesetzlichen Vorgaben die Zahl der Sitzplätze von fast 30 auf sechs (6) Plätze reduzieren. Das führt zu einem „Rotationsverfahren“, d.h. die Besucher haben ein Zeitfenster um ihr Frühstück einzunehmen, Zeitung zu lesen oder sich aufzuwärmen. Im Garten haben wir einen Pavillon aufgebaut, damit sich die Wohnungslosen, wenn sie draußen bleiben müssen vor Regen schützen können.
    Statt Frühstücksbuffet gibt es jetzt Frühstücksteller mit Wurst, Käse und Brot, anstelle des warmen Mittagessens können die Gäste sich Lunchpakete mitnehmen, gesponsert von der Graulich-Stiftung und dem Rotary Club Kronberg. Für die Stammgäste mit Wohnsitz gibt es einmal im Monat einen Austausch bei Kaffee und Kuchen. Wir wollen nicht, dass diese wichtigen Kontakte abbrechen.
    Die Öffnungszeiten wurden vorübergehend von 8.30 Uhr auf 13 Uhr verkürzt, jedoch können Beratungstermine außerhalb dieser Kernzeit verabredet werden.

    Was braucht es aus Ihrer Sicht für Maßnahmen für einen möglichen zweiten „Lockdown“?

    Ich denke, wir sind sehr gut aufgestellt, die Pandemie-Richtlinien gut umgesetzt. Deshalb bin ich relativ entspannt. Ich hoffe, dass wir – sollte dieser Fall eintreten – ausreichend Personal haben, um die Arbeit vernünftig weiterzuführen. Leider zählt die Arbeit mit wohnungslosen Menschen nicht zu den systemrelevanten Tätigkeiten. Eine Anerkennung ist meines Erachtens überfällig, denn die Wohnungslosen leiden besonders unter dem „Lockdown“. Auch Schnelltests für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für unsere Klienten anzubieten, wäre wichtig. Das gäbe uns ein Plus an Sicherheit.

    siehe Frankfurter Rundschau v. 18.3.2020: „Hattersheim: Obdachlose müssen nicht auf die Straße

  84. Klaus Störch sagt:

    P.S. Studierende der Sozialen Arbeit von der Hochschule Wiesbaden/Rhein-Main entwickelten im Rahmen eines Praktikums im ersten Lockdown gemeinsam mit unserer Einrichtung eine Aufklärungskampagne zum Thema „Wohnungslosigkeit und Corona“ mit Plakaten, Flyern und einer Homepage: http://www.eineminute.com

    siehe auch Frankfurter Rundschau:

    https://www.fr.de/rhein-main/main-taunus-kreis/hattersheim-ort87439/hattersheim-eine-minute-fuer-obdachlose-90046742.html

  85. Klaus Störch sagt:

    @ Bronski
    @ Jürgen Malyssek

    Zum Thema Gewalt unter Wohnungslosen möchte ich anmerken, dass ich sehr wohl den Eindruck habe, dass nicht nur der Ton unter ihnen in den letzten Jahren rauer geworden ist, auch physische Gewalt kommt häufiger vor. Wir müssen immer wieder Hausverbote aussprechen, um die Klienten aber auch die Mitarbeiter zu schützen.
    Mittlerweile ist ein Deeskalationstrainig Standard bei der Kollegenschaft. Noch nie mussten wir so viele befristet und unbefriste Hausverbote aussprechen. Und das war schon vor dem ‚Corona-Blues‘ so. Dazu kommen häufig auch Gewaltandrohungen. Aus Gesprächen wissen wir, dass viele Einrichtungen deshalb gemieden werden, da sich die Wohnungslosen vor Diebstahl und Gewalt schützen wollen.

  86. Bronski sagt:

    Guten Morgen zusammen oder guten Tag – wie es beliebt. Wie ergeht es Wohnungslosen in Zeiten der Pandemie? Ich fasse mal zusammen, was Sie, lieber Herr Störch, oben geschrieben haben. Ihre Einrichtung, das Haus Sankt Martin am Autoberg in Hattersheim war im März 2020, also während der ersten Welle der Pandemie, von 8:30 bis 13 Uhr geöffnet, die Zahl der Sitzplätze in Ihrer Tagesstätte war von 30 auf sechs reduziert, Sie hatten zeitweise nur vier Übernachtende im Haus (bei drei Zimmern, die für Übernachtungen zur Verfügung stehen). Mehr sollten es lieber nicht werden. Der interne Betrieb lag praktisch auf Eis, weil Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Kinder zu Hause betreuen mussten, statt sie in die Kita bringen zu können.
    Dazu zwei Fragen: Konnte Ihre Einrichtung auf diese Weise dem Bedarf gerecht werden? Und: Wie sieht es derzeit aus, in der zweiten Welle?

  87. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Klaus Störch

    Lieber Klaus, auch Dir einen guten Morgen. Vielen Dank für das Nietzsche-Gedicht. Hat mich beeindruckt.
    Ich melde mich gleich wieder.

  88. Werner Engelmann sagt:

    @ Klaus Störch

    Zunächst einmal möchte ich meinen Respekt aussprechen für die von Ihnen geschilderten Tätigkeiten der Obdachlosenhilfe. Ich kann mir vorstellen, dass hier auch Hilfsbereitschaft mit Realismus gepaart sein muss, damit erstere nicht – wie man es etwa bei der Flüchtlingshilfe beobachten kann – beim ersten Frust ins Gegenteil umschlägt.

    Zum Nietzsche-Gedicht „Vereinsamt“:
    Dieses Gedicht hat für mich insofern auch biographische Bedeutung, als ich mich zu einer Zeit damit identifizierte, als ich dieses Gefühl sehr intensiv empfand. Es ist aber auch auf die Gefahren solcher Identifikation zu verweisen, die mit dem Pessimismus des Nietzeschen Weltbildes zusammenhängen. Die dazu führen kann, dass man sich in ein solches „Weltgefühl“ hineinsteigert, positive Ansätze, die herausführen, nicht sieht und vielleicht auch nicht mehr sehen will. Und in dem Fall bedarf es dann einer Intervention von außen.
    Ich würde daher dieses Gedicht als Beschreibung einer Art der Welterfahrung gelten lassen, nicht aber als Möglichkeit der Identifikation und noch weniger als Motto für Helfende. Denn die brauchen nach meiner Meinung (vielleicht ähnlich wie bei der Suchttherapie) auch eine professionelle Distanz, um überhaupt positive Entwicklungsmöglichkeiten anbieten zu können.

  89. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski
    @ all

    Nochmals guten Morgen/Tag zusammen.

    Zunächst mal die Nachricht von Klaus Störch:
    Er ist durch einen Stromausfall in Hattersheim erst einmal OFFLINE. Die Arbeitsgeräte sind ausgefallen, sodass er erst einmal auf die Fragen noch nicht antworten kann.

    Dann zum Thema Gewalt gegen Wohnungslose und Gewalt untereinander:

    Das was Klaus Störch sagt, ist natürlich so und eigentlich immer ein Thema innerhalb des Hilfesystems, einschließlich Hausverbote, die man aussprechen muss. Es sind ja nicht immer einfache Leute, die zu uns kommen und Frust und Gewalttätigkeit spielt immer eine Rolle. Dann die psychisch Erkrankten, die nicht gleich gut einzuschätzen sind.
    Das ist Arbeit immer schon gewesen. Und dass in der anstrengenden Pandemiezeit auch eine besondere Anspannung dazukommt, das ist so. Das ist dann Arbeit und Reflexion der MitarbeiterInnen in ihren Einrichtungen und Anlaufstellen.
    In diesen Punkten ist alles so wie Klaus Störch oben sagt. Wir haben das auch gerade am Telefon miteinander so besprochen. Klaus ist ja unmittel am am Ort des Geschehens.

    Meine Analyse bezieht sich auf die Gewalt draußen, also die gesellschaftspolitisch relevanten Übergriffe, Taten und Tötungen.
    Das ist ein etwas anderes Bild und darüber muss öffentlich gesprochen weren.

    Zur Pandemie und die Wohnungslosen:

    Das sind a) Herausforderungen für die Facheinrichtung inkl. der ambulanten Stellen und der Tagesstätten.
    b) Herausforderungs und große Einschränkungen für die Betroffenen.

    Die Einrichtungen bundesweit sind durch ihre jahrelangen Erfahrungen in der Arbeit mit den Grenzen der Hilfen und den subjektiven und objektiven Krisen auf vieles zwar nicht immer vorbereitet, aber: krisenerfahren.
    D.h. heißt, bei allen Einschränkungen und vor allem im Umgang mit den verantwortbaren Kontakten zu den Menschen und der eigenen Sicherheit, immer auch für eine Umstellung der Arbeit gewissermaßen gerüstet.
    Flexiblität, Pragmatismus, Veränderungsbereitschaft, Umbau usw. sind tägliches Brot und ich kenne keine Einrichtung, die nicht entsprechend ihrer Rahmenbedingungen, nicht die notwendigen Umstellungen vornehmen und Kontakt- Begegnungs- und Versorgungsmöglichkeiten schaffen, die Hilfe in machbarer Form aufrechterhalten. Bis hin zu allen aufsuchenden Hilfen.

    Die Betroffenen sind natürlich unterschiedlich belastbar und unterschiedlich drauf. Aber unter dem Strich, und das erfahre und sehe ich in den Einrichtungen, mit denen ich weiter in Kontakt stehe, sie machen mit, sie haben sich auf dieses Neue insofern eingestellt, als dass sie nach Kräften mitmachen. Das hängt natürlich auch mit den unterschiedlichen Strukturen von stationären, teilstationären und ambulanten zusammen. Jedes System hat dann entsprechende Voraussetzungen zur Veränderung und Anpassung an die Krise.

    Wenn Sie z.B. in unserem Buch den Praxisbericht von Harry Fenzl bei der Caritas-Wohnungslosenhilfe Limburg lesen (Schlusskapitel, S.255-258), dann können Sie erleben, wie stark viele Wohnungslose in schweren Zeiten sind und wie sie mit Veränderungen des täglichen Lebens umgehen. Wie verantortlich sie sich zeigen, wenn es drauf ankommt. Harry Fenzl schreibt am Schluss seines Berichtes:
    „Beteiligen wir Menschen ernsthaft. gewinnen wir alle – und wir finden gemeinsam hilfreiche Wege, von denen wir ohne die Betroffenen nie erfahren würden. Reduzieren wir sie allerdings auf Fürsorgebedarfe, werden wir ihnen weder gerecht noch ändern wir etwas an den Strukturen, die zu Ausgrenzung und Benachteiligung führen. Wohnungslose als reine Opfer zu verstehen, verkennt die Realtät.“

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    Das ändert jetzt nichts an den Grenzen, Schwierigkeiten und oben beschriebenen Konflikten, die auch Klaus Störch aus der lebendigen Praxis schildert.

    In der Wohnungslosenhilfe liegen die Möglichkeiten und Grenzen dicht nebeneinander und sind Teil der Sozialen Arbeit, damit lernen umzugehen.

  90. Bronski sagt:

    Hoppla, Stromausfall? Bin gespannt, wann der behoben sein wird.

    Herr Malyssek, Sie sprechen mehrere Punkte an, die wir bisher allenfalls angetippt haben. Gehen wir jetzt also mal kurz weg vom System und der Frage, wie die Bedürftigen versorgt werden müssen oder sollten, rüber zu der Frage: Welche Probleme bringen die Wohnungslosen mit, wenn sie Hilfe suchen? Vorhin haben Sie angedeutet, dass es häufig Vorerkrankungen gibt wie

    Alkoholismus
    Drogenkonsum
    psychische Erkrankungen

    Darüber redet man natürlich nicht gern, aber die Menschen, die sich in der Wohnungslosenhilfe engagieren, müssen damit ja irgendwie umgehen. Wie machen sie das?

  91. Klaus Störch sagt:

    @ Bronski

    Der Stromausfall hatte unseren Server in die Knie gezwungen, aber unsere IT hat alles wieder zum Laufen gebracht! Ich bin wieder da!

    Ja, wir haben das eingermaßen hinbekommen, obwohl wir unsere Angebote doch sehr stark einschränken mussten. Wir haben – wie andere Einrichtungen auch – einen umfangreichen Pandemieplan erarbeitet und alle Szenarien bis hin zum Worst Case durchgespielt. Das Planspiel beginnt bei der routinemäßigen Durchführung der Hygienemaßnahmen, der Einhaltung der Abstandregeln bis hin zum Fall Schließung der Einrichtung im Coronafall. Die Entscheidung einer Schließung trifft am Ende das Gesundheitsamt.

    Um auf einen zweiten Lockdown vorbereitet zu sein und um möglichst zu verhindern, dass wir „schließen“ müssen, haben wir externe Kolleg:innen darauf vorbereitet, damit sie im Notfall einspringen können und die Arbeit weiterläuft.

    Auf den zweiten Lockdown waren wir also relativ gut vorbereitet gewesen. Die Rahmenbedingungen waren auch etwas günstiger, da die Kitas geöffnet und die Schulen Wechseluntericht bzw. Homeschooling angeboten haben.

    Bis dato ist uns auch noch kein Fall von Covid-19 bei unseren Klienten bekannt geworden. Die Wohnungslosen haben sich relativ gut auf die neue Situation eigestell, kennen sie doch den harten Überlebenskampf auf der Straße. Auch das Hilfesystem hat reagiert, nicht zuletzt auch die Sozialverwaltungen der Landkreise, Städte und Kommunen. So wurden die z.B. die Auszahlungsmodalitäten bei der Sozialhilfe großzügiger geregelt, Übernachtungsregeln (Hattersheim: 7 Übernachtungen per Monat) wurden gelockert bzw. für die Dauer des Lockdowns (aktuell 7. März)ausgesetzt – dazu aber später mehr.

    Ich habe jetzt gleich eine Videokonferenz und bin gegen 16 Uhr wieder auf „Sendung“.

    https://www.fnp.de/lokales/main-taunus/hattersheim-ort87439/hattersheim-quotkeiner-weiss-wann-und-wie-es-einen-trifftquot-90080652.html

  92. Bronski sagt:

    Ja, die Sache mit den Auszahlungsmodalitäten interessiert mich auch noch. Mir war nicht bewusst, dass die Wohnungslosen durch dieses System offenbar regelrecht dazu gezwungen werden zu reisen. Das ist wohl eines der Details, die kaum jemand über das Leben auf der Straße weiß. Also: Die Menschen bekommen ihre „Sozialhilfe“ in Form von Tagessätzen bei Ihnen ausgezahlt, aber nur für eine begrenzte Zeit?

    Stichwort AHA-Regeln: Ich könnte mir vorstellen, dass wohnungslos lebende Menschen wenig Probleme damit haben, zu anderen auf Abstand zu gehen. So verhalten sie sich ja auch auf der Straße. Im Tunnel der Frankfurter Hafenstraße lebte lange ein Mann auf Pappdeckeln als „Matratze“ und mit zwei Schlafsäcken, der sehr deutlich angezeigt hat, dass er nicht angesprochen werden will, wenn man ihm zu nahe kam, und als andere Wohnungslose daherkamen, wohl auf der Suche nach einem Platz, da gab es sofort Streit. Das konnte ich beobachten, weil die Stelle an meinem Weg in die Redaktion liegt, wenn ich mit dem Fahrrad fahre. Inzwischen bin ich dort fast ein Jahr lang nicht mehr vorbeigekommen. Ich muss aber manchmal an den Mann denken: Wie kommt einer, der vollständig auf der Sraße lebt, mit der Pandemie klar? Im Moment ist das Hilfsangebot pandemiebedingt reduziert; Sie haben es ja geschildert. Manche Einrichtungen sind sogar geschlossen. Aus Angst vor Infektionen wird also lebenswichtige Hilfe reduziert. Das kann zu Todesopfern führen, oder? Nicht so wichtig, weil es ja nur um Menschen geht, die ohnehin am niedrigsten Punkt der Hackordnung stehen?

  93. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Hallo Herr Büge „Bronski“.

    Klaus Störch wird sich sogleich melden, wenn er wieder in Netz kann.

    Zu den individuellen Problemen der zu uns kommenden wohnungsloen habe ich weiter oben schon einiges gesagt (16.02., 0:11h).

    Ich liste einfach nochmal auf:

    Und noch vorab ein Aspekt: Nicht alle Wohnungslosen trinken (übermäßig) Alkohol, aber die die Folgekrankheiten von Alkohol spielen eine entsprechende Rolle beim gesundheitlichen Status der Betroffenen. Bei jungen Wohnungslosen sind die illegalen Drogen ein spezielles Thema.

    Wichtig auch noch die sozialgesetzlichen Vorraussetzungen für die Hilfe für wohnungslose nach §§ 67 ff. SGB XII – die Leistung, die die (teil-)stationäre Arbeit der Wiedereingliederung bestimmt, den Anspruch auf Gewährung von Leistungen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten, die wiederum mit „besonderen Lebensverhältnissen“ verbunden sein müssen, usw.
    Das bedeutet, es muss eine vielschichtige Verflechtung und Verbindung objektiver und subjektiver Kriterien vorliegen.

    Das können folgende Probleme/Kriterien sein (Auswahl):

    – Wohnungslosigkeit
    – soziale Schwierigekeiten
    – materielle Armut
    – Verschuldung
    – Arbeitslosigkeit / „Arbeitsstrich“
    – fehlende Ausweispapiere
    – Suchtabhängigkeit **
    – andere gesundheitliche Schäden
    – Probleme der Bewältigung des Lebensalltags
    – Belastbarkeitsprobleme (psychische Erschöpfung, am Ende der persönlichen Kräfte)
    – Probleme im Umgang mit anderen Mitmenschen
    – Stigmatisierungserfahrung /Selbststigmatisierung
    – soziale Isolation, etwa nach Verlust/Tod wichtiger Bezugspersonen, Familienlosigkeit …
    – Psychiatrieerfahrung
    – Traumatisierung
    – Straffälligkeit /Knastentlassung
    – Gewalterfahrung
    – evtl. Prostitutionskarriere bei Frauen

    ** dazu zählen auch mehrfache chronische Abhängigkeit, Medikamente, Drogen, Spielsucht …

    Die Vorerkrankungen Alkoholismus, Drogenkonsum, psychische Erkrankungen sind Problembereiche, die erstens mit sich bringen, dass die Sozialarbeit sich mit den Krankheitsbildern beschäftigen muss (Basiswissen).

    Die Fachkompetenz besteht dann darin, dass man die zur richtigen Behandlung weiteren fachlichen Einrichtungen und Stellen kennt und entsprechend vermittelt.

    Sie finden in der Wohnungslosenhilfe nichts, was es nicht gibt. Und insofern muss man mit der Zeit lernen a) gut vernetzt zu sein, b) auch eine Zusatzausbildung in XYZ sich angedeihen zu lassen und c) seine fachliche Grenzen kennen (lernen).

    Das alles passiert nicht am ersten Tag, aber das macht das menschliche und fachliche Rüstzeug aus, die Grenzen des eigenen Machbaren zu kennen und etwa in Sucht-Therapie, Psychiatrie oder in die Schuldnerberatung
    weiterzuvermitteln.

    Das ist das Handwerkszeug des Sozialarbeiters.

    Die menschliche Kompetente in einem oft längeren Hilfeprozess ist dann, sich auf die Menschen einzulassen und in Kontakt bleiben.

    Und lernen (das braucht seine Zeit), dass nicht alles lösbar ist und die eigenen Kräfte nicht immer reichen oder Vorstellungen vom richtigen Leben zu überdenken sind. Offensein für Überraschungen.
    Und überhaupt: Teamwork!

  94. Bronski sagt:

    Männliche Prostituierte gibt es unter wohnungslosen Menschen nicht? Das wundert mich aber. Immerhin ist Prostitution ja ein Weg, an Geld ranzukommen.

    Apropo Geld: Es gibt ja neben den staatlichen Quellen noch ein paar andere Wege für mittellose Menschen, z.B. Betteln oder Sammeln von Pfandflaschen. Beides ist in Pandemiezeiten viel schwieriger bis unmöglich. Auf der Zeil in Frankfurt, wo es immer viele Bettler gab, ist derzeit praktisch nichts los. Wenn alle Welt nur noch online einkauft, leiden die Wohnungslosen Mangel – oder nehmen Sie dann verstärkt die staatlichen Hilfsangebote wahr?

  95. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Das mit den Tagessätzen-Auszahlungen ist in der Tat seit ewigen Zeiten ein Idiotenspiel. Was maximal bei der jeweiligen Kommune zu erreichen ist, sind längere Auszahlungszeiten.

    Wir nennen das im Jargon „Vertreibende Hilfe“.

    Als das alte SGB noch galt, also vor SGB II und SGB III usw., da hatten wir viel mehr Möglichkeiten individuell nachzusteuern und auch bot die sozialrechtliche (etwa durch den Tatbestand der „Bedarf des Einzelfalles“) Lage einen „Ermessensspielraum“ für den Einzelnen.

    Aber auch in alten Zeiten, war es immer ein Kampf mit den Sozialverwaltungen, bis hin zu Fragen der örtliche Zuständigkeiten, die Rechte der Wohnungslosen umzusetzen.

    „Wie kommt jemand, der vollständig auf der Straße lebt, mit der Pandemie klar“?

    Dass es so wenige festgestellte infizierte Wohnungslose gibt, liegt bestimmt daran, dass sie sowieso unter sich bleiben, also recht isoliert von der Restbevölkerung sind.

    Diejenigen, die dauerhaft auf der Straße leben, auch diejenigen, die es ablehnen in eine Einrichtung zu gehen, die kommen dann zurecht, weil sie genügend Erfahrung mit diesem Leben „Platte machen“ haben und oft auch das entsprechende Rüstzeug für ihre Schlafplätze haben. Rüstzeug (v.a. Schlafsack). Klaus Störch erwähnte oben

    Der weitere Anker ist das, was in dem oben genannten FR-Artikel berichtet wird: Die aufsuchenden SozialarbeiterInnen, die nach dem rechten sehen, sowas wie die Kältebusse mit medizinscher Notversorgung. Aber auch Ordnungskräfte nachts spielen eine Rolle, sofern sie mit Augenmaß und einer entsprechenden Einstellung ihre Aufgaben verrichten.

    Klaus Störch erwähnte ja weiter oben die „1-Zimmer-Wohnung“ (Rucksack, Isomatte, Schlafsack, Kocher)

  96. Jürgen Malyssek sagt:

    Doch, doch, sicher gibt es männliche Prostituierte! Steht nicht so im öffentlichen Aufmerksamkeit.

    Ansonsten ist zum Geld verdienen immer noch das Betteln ein Job. Pfand sammeln, wenn auch jetzt eine dünnes Geschäft.

    Da gab es übrigens unter der Überschrift „Apokalypse“ im ZEIT-Jahresrückblick vom 7. Dezember 2020, Seite 48, einen aussagekräftigen Text zur leeren Stadt:

    „Als im März 2020 die Ausgangssperre über Italien verhängt wurde und bleierne Stille sich über das Land senkte, schrie ein Obdachloser auf einer menschenleeren Piazza: „WO SEID IHR DENN ALLE?“ Es war eine endzeitliche Frage: Ist sich in der Not jeder selbst der Nächste, oder stehen wir einander bei?!

    Diese paradoxe Situation kann man nicht besser und kürzer beschreiben!

  97. Bronski sagt:

    Was das Pfandsammeln betrifft, verschärft sich derzeit doch sicher die Lage, oder? Es gibt viel weniger zu finden, aber die Zahl derer, die sammeln, ist nicht kleiner geworden. Führt das zu mehr Gewalt untereinander?

  98. Jürgen Malyssek sagt:

    Ich will’s mal so ausdrücken:

    Das gibt natürlich erhöhten Konkurrenzdruck unter den Pfandsammlern, die ja auch meistens ihre festen Reviere haben und verteidigen wollen.

    Meine Wiesbadener Beobachtungen in der Innenstadt sehen eher so aus, als wenn auch von vielen Pfandsammlern der Rückzug angetreten worden ist. Auch unser wohnungsloser Nachbar hier am Bahnhofsgelände schleppt nur noch spärliche Beute an.

    Also ich gehe davon aus, dass die Sammlerkolonne kleiner geworden ist.
    Ich würde ja auch nicht mehr den ganzen Tag auf die Suche gehen, wenn’s sich nicht mehr rentiert.

    Ich glaube nicht, dass es zu mehr Gewalt untereinande führt. Man darf auch nicht vergessen, dass gerade der Anteil von Frauen bei den Sammlern nicht unwesentlich ist.

    Ich habe noch nie wahrgenommen, dass die sich gekloppt hätten. Die sammeln oft ganz diskret.

    In Berlin oder Hamburg etwa mögen die Bedingungen noch etwas anders aussehen als bei uns im Rhein-MainGebiet. Jedenfalls habe ich in Dokus noch keine Gewaltgeschichten gesehen. Frust von den Betroffenen, ja.

  99. Bronski sagt:

    Herr Malyssek, Sie haben vorhin beschrieben, dass Sozialarbeit gründliche Ausbildung braucht. Wenn man auf der Straße arbeitet, kann es offenbar auch nicht schaden, wenn man außerdem noch ein bisschen Psychologe oder Ärztin ist. Klaus Störch hat gleich zu Eingang unserer Unterhaltung die Geschichte einer Frau erzählt, die einen Obdachlosen möglicherweise vor dem Erfrieren gerettet hat. Sehr tatkräftig. Werner Engelmann berichtet von einer Situation, die zwar nicht direkt vergleichbar ist, von Berührungsängsten und einer gewissen Hilflosigkeit, als er versucht hat, mit dem Elend der Geflüchteten umzugehen. In Deutschland – das hat der Herbst des Jahres 2015 gezeigt, es zeigt sich aber auch in der weiterhin sehr hohen Spendenbereitschaft der Deutschen – ist die Hilfsbereitschaft groß. Wie hätten Sie – und auch Sie, Herr Störch – dieses Engagement am liebsten, wenn Sie darüber zu bestimmen hätten? Und was raten Sie den hilfsbereiten Menschen vor der bevorstehenden Begegnung mit dem Elend?

  100. Klaus Störch sagt:

    @Bronski

    Lieber Herr Büge „Bronski“,

    die Auszahlung von Tagessätzen bei den Landkreisen, den Städten und Gemeinden an Wohnungslose ist ein leidiges Thema. Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch (SGN) bestehen dort, wo der Bedürftige nach Hilfen vorspricht. Dabei ist die physische Präsenz völlig ausreichend. Trotzdem gibt es Kreise und Kommunen, die die Auszahlung der Sozialhilfeleistungen an Wohnsitzlose limitieren. Durch die zeitliche Begrenzung sollen die betroffenen Menschen aufgefordert werden die Stadt oder den Landkreis wieder zu verlassen und Andernorts vorzusprechen. Dieser Umgang mit den Ärmsten der Armen hat eine lange Tradition. Bereits zaristischen Russland, so berichtet Maxim Gorki in seinem Roman „Der Landstreicher“ von dieser Praxis, die wir in der Fachwelt „vertreibende Hilfen“ nennen. Man gibt einem Bettler ein paar Rubel/Euro und zwingt ihn in die nächste Stadt zu reisen, um dort wiederum um die – so nennen es die Wohnungslosen – „Verpiss-dich-Prämie“ abzuholen. Die Wohnungslosenhilfe brandmarkt dies Praxis schon seit vielen Jahrzehnten. Einige Bundesländer haben darauf positiv reagiert. In Hessen gibt es allerdings noch Landkreise, die an dieser überholten Praxis festhalten. Im Main-Taunus-Kreis und im Hochtaunuskreis, zwei der reichsten Landkreise nach Einkommen in Deutschland, praktizieren das weiterhin. Im MTK gibt es 10 Tagessätze im Monat, d.h. zwei Tagessätze in der Woche und einmal im Monat einen Wochenendsatz (Tagessatz derzeit 14,60 Euro). Für diese Praxis bekam der Landkreis in der Vergangenheit den „Verbogenen Paragrafen“. In Zeiten von Corona allerdings zeigen manche Landkreise Erbarmen und haben die Praxis zugunsten der Wohnungslosen verbessert. Allerdings weiß noch keiner so genau, ob dies in Post-Covid-19-Zeiten so bleiben wird. Ich hege hier gewisse Zweifel, ob die kommunalen Verwaltungen wirklich aus der Pandemie die richtigen Lehren ziehen werden. Wie meinte Hegel: „Wir lernen aus der Geschichte, dass wir überhaupt nichts lernen.“ Ich hoffe, er hat Unrecht!

  101. Klaus Störch sagt:

    Nun begebe mich auf den Nachhauseweg, beantworte die Fragen nach bürgerschaftlichem Engagement und alle weiteren ab ca. 22 Uhr.

  102. Jürgen Malyssek sagt:

    Ja, lieber Bronski, die Sozialarbeit bedarf einer guten Ausbildung. Deshalb sprach ich auch (relevante) Zusatzausbildungen oder überhaupt turnusmäßige Supervision an. Menschenkenntnis gehört auch dazu, dass man nicht in jede sich bietende Selbstfalle stürzt. Das Ärztliche sollte man getrost den Ärzten überlassen, Notfallversorgung, ja.
    Jeder, der sich für den Beruf eines Sozialarbeiters oder Sozialarbeitern entscheidet, hat ein inneres Motiv, das einen da hintreibt. Das gilt es mit Hilfe der Praxis zu erkennen und daran zu arbeiten. Sonst kann es als „hilfloser Helfer“ (Wolfgang Schmidbauer) enden. Nur so ensteht die besagte professionelle Distanz, die aber nicht zu Empathieverlust und Leidenschaft führen sollten. Das ist alles ein Prozess, wo man immer wieder was dazulernt.
    Die Vermögen der Selbstreflexion, verbunden mit der Erkennung der eigenen Macken, sind weitere wichtige Faktoren, um in einem auch anstrengenden Sozialberuf bestehen zu können – und vor allem auch Freude daran zu haben.
    Man muss wirklich auch eine Grundfreude an dem haben, was man tut. Alles andere ist eine Qual und niemandem ist wirklich geholfen.

    Die Frau, von der Klaus Störch berichtete, hat bestimmt eine besondere Begabung im Umgang mit Menschen ganz unten gezeigt. Das kann nicht jede Person.

    Ich bin auch der Meinung, dass nicht jeder helfen muss, wenn er/sie sich nicht wirklich dazu in der Lage fühlt. Man muss auch nicht jedem Bettler was geben, wenn man sich nicht sicher ist.
    Aber man kann natürlich versuchen, mit dem Jemand auf der Straße vielleicht ins Gespräch zu kommen. Man erfährt dann ja auch, was es mit einem macht und wie Gegenüber reagiert.

    Berührungsängste und gewisse Hilflosigkeit, dass ist auch sowas, was immer auch da ist. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht auch manchmal hilflos gefühlt habe und vielleicht auch nicht Berührungsprobleme hatte. Es gab durchaus auch Betroffene, zu denen ich keinen Draht finden konnte. Das aber auch auf Gegenseitigkeit beruhte. Und da ist es besser Kollegin oder Kollege übernimmt das dann.

    Letztlich erfährt man nur, was los ist, wenn man in die Situation reingeht.

    Ja, die Spendenbereitschaft, das ist auch so eine unendliche Geschichte mit allen möglichen Motiven und Irrtümern der Spender.
    Am besten ist es, so habe ich die Entwicklung insbesondere in Limburg erlebt, dass die Menschen, die etwas Spenden wollten, sich direkt mit der Facheinrichtung in Verbindung setzen und damit gemeinsam drauf zu schauen, für was es sinnvoll ist zu spenden und nicht ungefragt die Kleiderschränke der Verstorbenen und Vorfahren auszuräumen und einfach an Ort und Stelle abzuladen. Oft Dinge, die gar nicht gebraucht werden.

    Ansonsten ist die Hilfsbereitschaft eine schöne Sache, wenn sie von Sorge und Mitgefühl für die betroffenen Menschen getragen ist. Wenn Menschen sich für die sichtbare Not und das Elend in unserer Wohlstandsgesellschaft sensibilisieren lassen.

    Gespräche mit Ehrenamtlichen und gemeinsames Vorgehen zwischen den Fachstellen und interessierten Bürgern, haben immer zu einer gegenseitigen tragfähigen und oft langfristigen Beziehung geführt, die wirkich hilfreich war für die Arbeit, für die Ehrenamtliche, für die Betroffenen.

  103. Werner Engelmann sagt:

    Ich habe nochmal zwei Fragen:
    1) Klaus Störch spricht von einer (von Wohnungslosen so genannten) „Verpiss-dich-Prämie“ gewisser Kommunen.
    Da wir (vor allem meine Frau) in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, fällt mir da ein Begriff ein, der ein Äquivalent zu sein scheint: „Abschiebeprämie“. Wobei (um den Zynismus perfekt zu machen) bei „Prämie“ wohl eher an den Abschiebenden gedacht wird.
    Analog dazu erfolgen (vor allem in eher rechts stehenden Kreisen) Versuche, Randgruppen, insbesondere Flüchtlinge und Wohnungslose gegeneinander auszuspielen. Etwa derart, dass die Hilfe, die Flüchtlingen zukommt, bei letzteren ja viel besser angebracht wäre.
    Wäre dies ernst zu nehmen, so könnte man ja annehmen, dass die Hilfsbereitschaft gerade aus diesen Kreisen zugenommen haben müsste. Und das wiederum müsste dann ja auch von den Hilfeleistenden konkret erkennbar sein.
    Verallgemeinert also die Frage: Sind im Zusammenhang mit der „Flüchtlingskrise“ irgendwelche Veränderungen in dieser Hinsicht erkennbar, und wenn ja, in welcher Weise?

    2) Zu der von Jürgen Malyssek angesprochenen echten und scheinbaren „Spendenbereitschaft“:
    Das kennen wir natürlich auch. Etwa so, dass wir Anrufe bekommen, dass wir Mobiliar oder anderes für Flüchtlinge abholen können, und wenn ich dann mit dem Anhänger anrücke, stelle ich fest, dass wir mit dem unentgeltlichen Schrott-Entsorgungsdienst „verwechselt“ wurden.
    Gibt es vergleichbare Erfahrungen auch, und wie schützen Sie sich davor?
    Anders ausgedrückt: Wie wäre die Einsicht zu vermitteln, dass „Spendenbereitschaft“ sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Empfänger zu orientieren habe?

  104. Bronski sagt:

    Es sind ja noch Fragen offen, so dass ich heute Abend keine weiteren mehr einspeisen werde. Als Aussicht auf die beiden noch kommenden Tage unseres Blogtalks möchte ich vier Themenblöcke ansteuern, die teilweise auch schon angetippt worden sind, und das gebe ich hier schon mal in die Debatte hinein:

    1. Wohnungs- und Obdachlose als Ziel rechter Gewalt
    2. Niedrigschwellig, hochschwellig – wie viel Bevormundung verträgt ein Mensch, der auf der Straße lebt?
    3. Wege raus aus der Wohnungslosigkeit – „Housing first“ ist schon angesprochen worden
    4. Und last but not least: Ihr Buch! Dazu möchte ich gern schon noch ein bisschen was über Ihre Motivation erfahren, so einen Brocken, in dem so viel Praxiserfahrung steckt, zehn Jahre nach der ersten Auflage zu überarbeiten und eine zweite Auflage rauszubringen.

    Zu Ihrer Kenntnis. Vielleicht können wir uns am Donnerstag und Freitag bitte wenigstens ungefähr an diese Gliederung halten. Gerade der Freitag ist für mich ein redaktioneller „Großkampftag“, da ich das Forum für Samstag, Montag und möglicherweise auch noch für den Regionalteil am Montag produziere. Also wirklich viel Arbeit neben dem Blogtalk!

    Halt, mir ist bei der Durchsicht meines Katalogs noch eine Frage für heute Abend eingefallen, die ich nicht missen möchte. Wie wichtig sind für obdach- und wohnungslose Menschen Angebote wie zum Beispiel das traditionelle Gänseessen im Ratskeller am Römer in Frankfurt? Das musste in der vergangenen Saison pandemiebedingt ausfallen. Stattdessen sind die Helfer:innen mit Fahrrädern in der Stadt ausgeschwärmt und haben Hilfspäckchen mit Kleidung, Essen und Gutscheinen unter den Bedürftigen verteilt.

  105. Jürgen Malyssek sagt:

    Melde mich so gegen 21:45 wieder nach TV-film-schauen.

    Themen für Do./Fr. ok so

  106. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Habe schon gesagt, dass der Themenplan für Do/Fr ok ist. Es es wohl auch sinnvoll, diese Gliederung so einzuhalten, um das Programm in der verbleibenden Zeit zu schaffen.

    Was meinst Du, Klaus?

    Zum 2.Punkt habe ich noch die Frage: Ich versuche gerade den Begriff „Bevormundung“ mit dem Leben der Menschen auf der Straße zusammenzubringen. Verstehe den Hintergedanken dieser Fragestellung nicht richtig?

  107. Klaus Störch sagt:

    Zurück von einem virtuellen Heringsessen zum Aschermittwoch, möchte ich Ihre letzte Frage, lieber Bronski, zu beantworten versuchen:

    Auch in unserer Einrichtung gibt es traditionell eine Weihnachtsfeier mit Gänsekeule, Rotkraut und Klößen, die von einer Stiftung ausgerichtet wird. Außerdem gibt es für jeden ein kleines Geschenk mit praktischen Dingen für den Alltag und ein Päckchen Tabak. Die Wohnungslosen genießen diesen Tag – und manche stimmen sogar in die Weihnachtslieder mit ein. Die Einrichtung ist an diesem Tag übervoll. Es ist ein besonderer Tag im oft trostlosen Alltag, eine Auszeit vom harten, kräfteraubenden Leben auf der Straße und in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Manche werden sentimental. Die Feier löst Emotionen und Erinnerungen aus, die eng verknüpft ist mit ihren Biografien. Weihnachten das Fest der Freude und der Familie. Die Menschen genießen die Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird. Dadurch werden sie wieder (wenn auch nur für eine kurze Zeit) Teil der Gesellschaft. Es ist ein soziales Ereignis.

    Die menschliche Lebensform, so hat der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth einmal sinngemäß gesagt, ist geprägt durch die Tatsache, dass die Menschen nur durch wechselseitige Anerkennung zu sozialer Mitgliedschaft und damit zu einer positiven Selbstbeziehung gelangen.

    Aktionen wie das Gänseessen oder die Hilfeaktion der Helfer:innen auf Fahrrädern, die nützliche Dinge verteilen, sind Ausdruck der Anerkennung für Menschen, die im Alltag als Wohnungslose vor allem Nicht-Anerkennung und Ausgrenzung erfahren.

  108. Klaus Störch sagt:

    @ Bronski
    @ Jürgen Malyssek

    Ich werde mich diszipliniert an den Fahrplan halten und meine noch nicht gemachten Hausaufgaben nachholen. Werde mich noch einmal mit der Frage des bürgerschaftlichen Engagements in der Wohnungslosenhilfe befassen.

    Ich wünsche eine gute Nacht!

  109. Bronski sagt:

    @ Klaus Störch

    Ich nehme an, auch in Ihrer Einrichtung ist das Gänseessen 2020 ausgefallen?

  110. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Was Klaus Störch zum Thema Weihnachten und Gänseesse sagt, dem kann ich mich gut anschließen. Man kann es drehen und wende wie man will mit Weihnachten, aber es ist halt ein besonderer Tag so zusammensitzen zu können und sich so schön bedienen zu lassen.
    Letztlich geht es um die Anerkennung dieser gestrandeten Menschen als Teil unserer ganzen Gesellschaft und diese besondere öffentliche Wertschätzung. Das ist gut so.

    Der Sänger Frank Zander in Berlin macht auch jedes Weihnachten eine festliche Verköstigung für Wohnungslose in Berlin.
    Musste 2020 ausfallen.

  111. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Die vergleichbaren Beispiele für misslingende Spendenbereitschaft habe ich oben genannt.

    Was man machen kann: In der Wohnungslosenhilfe eben öffentlich machen, dass man vorher mit den Fachstellen sprechen soll. Wie auch immer man das am eigenen Standort kommunizieren kann.

    Zur Not muss man auch mal Spenden ablehnen, die einfach keinen Sinn machen.

    Die (Vor-)Weihnachtszeit ist halt immer etwas problematisch.

  112. Klaus Störch sagt:

    Guten Morgen, lieber Bronski! Ja, leider musste die „klassische“ Weihnachtsfeier ausfallen, trotzdem gab es Geschenkpakete und eine „Gulaschsuppe to go“. Ein Hattersheimer Bürger hatte eine großzügige Spende gemacht, sodass wir jedem Gast ein kleines Weihnachtsgeld von 20 Euro auszahlen konnten. Mal sehen, wie Weihnachten 2021 gefeiert werden kann.

  113. Klaus Störch sagt:

    Zur der Frage mit dem „Abstand“: Ich denke, es gibt, wie überall, verschiedene Typen. Es gibt die Einzelgänger, die einsamem Wölfe, wie Jürgen Malyssek sie nannte, und es gibt die Geselligen, wie ich sie einmal nennen möchte. Der einsame Wolf meidet alle unnötigen Kontakte, kommt vielleicht auch nicht in die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Die Geselligen, die gemeinsam trinken, rauchen und klönen, die kommen sich eher zu nahe, nehmen die Pandemie nicht so ernst, gemäß dem Motto „ich habe schon andere Sachen überstanden“. Konkret heißt das, dass wir immer wieder auch auf die AHA-Regelungen hinweisen müssen.

    Ein anderes Problem stellt die Maskenpflicht dar. Viele haben keine Mund-Nasen-Maske, wieder andere haben ihre Maske Tage und Wochen in Gebrauch.

    Deshalb – Thema Spenden – sagen wir ganz konkret, welche Bedarfe wir haben: Masken, Desinfektionsmittel, Konserven etc. Und im aktuellen Wahlkampf entdecken auch die Parteien die Wohnungslosen und spenden z.B. FFP2-Masken.

    Die Spendenbereitschaft ist sehr groß, manchmal zu groß, vor allem wenn es um abgelegte Bekleidung geht. Da sind die Kapazitätsgrenzen schon lange erreicht. Die Geldmittel setzen wir zweckgebunden ein.

  114. Klaus Störch sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,

    haben Sie vielen Dank für Ihre anregenden Beiträge. Auch über ihr Statement zu Friedrich Nietzsche habe ich mich gefreut.

    Da Sie und Ihre Frau sozial sehr engagiert sind und sich auch als Bürger:in an den gesellschaftlichen Diskursen beteiligen, möchte ich Ihnen ein Zitat der US-amerikanischen Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez (Demokratische Partei nicht vorenthalten:

    „Hoffnung ist nichts, was man hat. Hoffnung ist etwas, das du herstellst durch gemeinsames Handeln. Hoffnung ist etwas, das du in der Wel sichtbar machen musst.“

    Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

    Herzlich
    Ihr

    klaus störch

  115. Klaus Störch sagt:

    @ Bronski
    @ Jürgen Malyssek

    Work-Life-Blog-Balance

    Lieber Bronski, lieber Jürgen, ich finde es gut, dass wir die kommenden Tage gut strukturiert haben, muss allerdings anmerken, dass ich mich an manchen Diskussionen nicht intensiv beteiligen kann, da die Arbeit heute und morgen dominiert. Die Zeifenster die offenstehen, werde ich nutzen. Heute Abend bin auf der Stadtverordnetenversammlung in Flörsheim, morgen in Vorbereitung, Durchführung und Präsentation einer Foto-Ausstellung im öffentlichen Raum mit Pressetermin. Faktisch muss ich morgen gegen 11 Uhr aus der Debatte aussteigen. Deshalb wäre es nett, lieber Bronski, wenn Sie heute Abend/Nacht die offenen Fragen in das Blog stellen, damit ich sie morgen in der Früh bereits beantworten kann. Danke! Ich wünsche einen guten Tag! Herzlichst

    Kunst und Kultur am Autoberg in der FR

    https://www.fr.de/rhein-main/main-taunus-kreis/hattersheim-ort87439/kunst-haus-obdachlose-hattersheim-13432518.html

    https://www.verlag-dreisbach.de/home/hattersheimer-stadtanzeiger/veranstaltungen-hattersheim/sympathisch-maske-id20723.html

  116. Bronski sagt:

    Guten Morgen, alle miteinander!
    Bevor wir auf das Thema „Wohnungs- und Obdachlose als Ziel rechter Gewalt“ kommen, würde ich gern einen oder zwei Schritte zurücktreten und versuchen, eine erweiterte Perspektive zu bekommen. Wohnungs- und Obdachlosigkeit fällt ja nicht irgendwie aus dem Himmel und ist dann einfach da, sondern es muss Gründe dafür geben, dass sie existieren. Was meinen Sie, könnte man das so formulieren: Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist eine Facette unserer gesellschaftlichen Realität?

    Wir haben schon von individuellen Gründen für das Scheitern von Menschen gesprochen. Jetzt frage ich nach den Ursachen. Klaus Philipp Mertens hat in einem Kommentar die Metapher eines Treppenhauses eingebracht, in dem es nur nach unten zu gehen scheint. Sie, Herr Störch und Herr Malyssek, sprechen in Ihrem Buch „Wohnungslose Menschen“ von der Überforderung und Entwurzelung des modernen Menschen …

  117. Bronski sagt:

    @ Klaus Störch, 9:31 Uhr

    „… wenn Sie heute Abend/Nacht die offenen Fragen in das Blog stellen, damit ich sie morgen in der Früh bereits beantworten kann.“

    Sie sind Frühaufsteher, was? Aber ja, das kann ich gern tun.

    Zu aller Info: Ich werde meine Fragerunde am Freitag beenden, aber das heißt nicht, dass dann auch diese Diskussion enden muss. Der Thread bleibt noch für mehrere Wochen offen, es kann weiter kommentiert werden, und es ist Ihnen, liebe Herren Störch und Malyssek, dann noch möglich, Antworten nachzutragen, die Ihnen jetzt vielleicht durchgerutscht sind. Am Wochenende soll das Wetter ja schön werden, so dass wir alle auf jeden Fall rausgehen sollten, aber vielleicht bleibt ja trotzdem ein Stündchen, um unseren Blogtalk noch mal durchzulesen auf den Verdacht hin, dass vielleicht das eine oder andere noch gesagt werden sollte.

  118. Werner Engelmann sagt:

    @ Klaus Störch, Jürgen Malyssek

    Danke für Ihre Antworten und die Anregungen im Sinne „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“.
    Ich werde mich heute aufgrund verschiedener anderer Aktivitäten zurückziehen müssen.
    Ihnen und allen Diskutanten weiterhin ein gutes Gelingen!

  119. Jürgen Malyssek sagt:

    Guten Morgen zusammen!

    Soviel Klaus Störch und ich auch gemeinsam haben.
    Mit dem Frühaufstehen erreichen sie einen Endpunkt.
    Melde mich gleich wieder und würde mit dem Gewaltthema beginnen.

    Lieber Bronski, noch immer ist mir der Hintergrund des 2. Themenpunktes nicht klar.
    „Bevormundung ertragen?“ und „Leben auf der Straße“?? Siehe oben (17.02. 22:35h)

    Lieber Klaus,
    frohes Schaffen. du weißt, dass ich großen Respekt vor „Werktätigen“ habe!

  120. Bronski sagt:

    „Lieber Bronski, noch immer ist mir der Hintergrund des 2. Themenpunktes nicht klar.“

    Beunruhigen Sie sich nicht. Wenn die Frage kommt, wird das schon klar werden.

    Sie haben gesehen, dass ich einen gewissen Anlauf nehme, um dann auf das Gewaltthema zu kommen?

  121. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Auch Ihnen ein Dankeschön für das Interesse und die guten Wünsche!

  122. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Zu den Ursachen von Wohnungslosigkeit …

    Um nicht zu kategorisch nach der ultimativen Überschrift für die Gründe von Wohnungslosigkeit zu sein, sind schon unterschiedliche Überschriften geeignet, das Phänomen grundsätzlich zu benennen.

    Wohnungslosigkeit dockt immer an an die Armutsfrage in der Gesellschaft an. Von der bürgerlichen Armutsfürsorge über die Wanderarmenhilfe (Nichtseßhaftenhilfe) im Zeitalter der Industrialisierung und der Verarmung der Arbeitslosen, der Wanderarbeiter usw.

    Wohnungslosigkeit ist eine der extremsten Formen der Armut.
    Die soziale Isolation und Randständigkeit ist als ein herausragendes Merkmal der Lebenslage von wohnungslosen anzusehen.

    Die moderne Wohnungslosigkeit ist eine Antwort auf das Auseinanderfallen von herkömmlichen sozialen Zusammenhängen und Lebensräumen, auch Nischen. die auf Hochtouren laufenden Modernisierungsprozesse bringen Obdachlose hervor und bilden neue soziale Randgruppen heraus, die der unglaublichen Geschwindigkeit in der Gesellschaft nicht mehr gewachsen sind.

    Ilja Trojanow spricht in seinem Buch „Der überflüssige Mensch“ (2015) von den vielen Menschen, „die im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit leben. Sie kämpfen darum, nützlich zu bleiben, wesentlich zu werden – nicht abzustürzen in den spätkapitalisitischen Müllhalden, aus denen es keine Rettung gibt. Es geht um alles.“

    Insofern passt auch unsere Formulierung von der „Überforderung und Entwurzelung des modernen Menschen“
    Ihre Betitelung „Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist eine Facette der gesellschaftlichen Realität“ (nämlich der Realität der gesellschaftlichen Ungerechtigkeitsstrukturen) kann man auch nehmen.

    Worauf wir in unserem Buch auch wertlegen, ist diese Facette des Fremdseins in der Spätmoderne, des Aus-der-Welt-fallen, die oft verzweifelte Suche des Einzelnen einen Platz in der Welt zu finden. Und dabei häufig scheitert. Das ganze Kapitel „Der Wohnungslose als tragische Figur?“

    Insofern ist es vielleicht nicht nur DIE Überschrift, die wir suchen müssen, aber eine von den hier genannten stehen zur Verfügung, ohne das Thema zu verfehlen.

  123. Klaus Störch sagt:

    Armut ist ein gesellschaftliches Problem mit schwerpunktmäßig ökonomischen, in jedem Fall strukturellen Ursachen, das zu bestimmten Folgeerscheinungen bei den Betroffen führt. Wenn Armut also im Wesentlichen gesellschaftliche Ursachen hat und wenn Wohnungslosigkeit eine spezifische Ausdrucksform von Armut ist, dann ist es die vorrangige gesellschftliche Aufgabe die Ursachen von Armut zu bekämpfen. Natürlich wird es immer einen Anteil von Wohnungslosen an der Gesamtbevölerung geben, das steht für mich außer Frage,aber ich bin relativ sicher: Wenn der gesellschaftliche Rahmen stimmt, d.h. gute Arbeit, gute Bildung, gute Infrastrutur und bezahlbarer Wohnungen ausreichend zur Verfügung stehen, dann wird auch die Zahl der Wohnungslosen zurückgehen. Auch über das bedingungslose Grundeinkommen muss in diesem Zusammenhang zwanglos diskutiert werden, da viele Menschen dem Tempo, der Verdichtung gesellschaftlicher Prozesse nicht mehr folgen können. Stichworte: Überforderungsgesellschaft/Selbstoptimierungswahn.

  124. Bronski sagt:

    Gute Arbeit, gute Bildung, gute Infrastrutur und bezahlbarer Wohnraum – an all diesen Punkten krankt es aber in unserem Land. Wir erleben Druck auf die Löhne und einen großen Niederiglohnsektor. In Sachen Bildung hinken wir anderen hinterher, sei es bei der Pisa-Studie oder der Digitalisierung. Die Infrastruktur verkommt, und beim Wohnraum sieht es gerade in den Ballungszentren, wohin es auch die meisten Wohnungslosen zieht, besonders düster aus. Wagen Sie vor diesem Hintergrund eine Prognose über die künftige Entwicklung, z.B. was die Zahl der Wohnungslosen betrifft?

  125. Bronski sagt:

    Und gleich noch die nächste Frage, da ich dann bis gegen 15:30 Uhr weg sein werde:

    Es ist an verschiedenen Ecken und Enden zu beobachten, dass das Gewaltpotenzial in der Gesellschaft steigt. Hass und Hetze im Netz, Politiker:innen müssen sich beschimpfen lassen, kriegen Morddrohungen oder werden tatsächlich umgebracht. NSU, Hanau, Halle – die Rechtsradikalen werden immer auffälliger. Diese sich ansammelnde Gewalt muss irgendwohin, sie sucht sich Ventile – auch bei den Wehrlosesten der Wehrlosen, den Wohnungssuchenden und Obdachlosen? Welche Erkenntnisse und Erfahrungen haben Sie damit?

  126. Klaus Störch sagt:

    Wäre ich Wahrsager, dann könnte ich mein Geld leichter verdienen. Ich kann hier wirklich keine seriöse Schätzung abgeben.

    Derzeit sind in Deutschland nach Schätzung im Jahr 2018 der insgesamt ca. 542.000 Menschen wohnungslos, davon ca. 140.000 Wohnungslose im kommunalen und frei-gemeinnützigen Hilfesystem und ca. 402.000 wohnungslose anerkannte Geflüchtete in zentralen Gemeinschaftsunterkünften oder in dezentraler Unterbringung. (Zahlen zitiert nach BAG Wohnungslosenhilfe, Berlin)

    Aber ich kann sagen, wie viele Wohnungen z.B. im Raum Frankfurt/Rhein-Main beötigt werden: Das Instititut Wohnen und Umwelt (IWU) hat in einer Bedarfsprognose errechnet, dass von 2017 an bis 2030 rund 234.000 Wohnungen benötigt werden.

    Wir werden abwarten müssen, welche Auswirkungen auch die Covid-Krise auf den Wohnungsmarkt und die Zahl der Obdachlosen (kommunal) und die Wohnnungslosen haben wird. Ein Freund, der in der Bankenbranche arbeitet, rechnet damit, dass die Zahl der Zwangsversteigerungen in den kommenden Jahren steigen wird. Die Zahl der Räumungen in Mietwohnungen, so seine Ein schätzung, ebenfalls. Was wir heute sehen, das ist nur die Spitze des Eisbergs.

  127. Jürgen Malyssek sagt:

    Jetzt zu Wohnungs- und Obdachlose als Ziel rechter Gewalt:

    Das Thema hat eine größere Dimension, als es umfänglich im Buch behandelt werden konnte. Deshalb hole ich nochmal etwas aus mit Rückblick auf die Geschichte (und ob wir als Gesellschaft daraus gelernt haben?), nämlich auf die „Asozialen- und Arbeitsscheuenfrage“ während des nationalsozialistischen Terrorregimes.

    Es gibt so etwas wie eine Beharrlichkeit von traditionellen Denkweisen im Umgang mit Wohnungslosen und anderen gesellschaftlichen Aussenseitern. Und wir erkennen es heute wieder mit der existierenden Verachtung von sozial benachteiligten Menschen (s. Buchkapitel).

    Während der Nazizeit wurden die Wohnungslosen, „Nichtsesshaften“, Landstreicher, „Asozialen“, „Volksschädlinge“, „Arbeitsscheuen“ verfolgt, vernichtet, verwahrt oder mit Zwang zur arbeit der Armenfürsorge übergeben. Nicht viel anders erging es auch den Psychisch Kranken im Psychiatriebereich. Die nationalsozialistische ausrottungspolitik fand ohne großen Widerstand der damaligen „Wanderarmenhilfe“ statt!

    Damals sollten (wenn es überhaupt noch zu Differenzierungen kam)die ‚arbeitswilligen‘, unverschuldet in Not geratenen Arbeiter von den ‚arbeitsunwilligen‘ Vagabunden unterschieden werden.

    Hier höre ich mal auf und mache einen Sprung in das Geistesdenken beim Zustandekommen der Agenda 2010, vor und nach dem Jahre 2005:

    Die Renaissance des Zwang / die Bestrafung von Nichtarbeitenden /

    Es geht also um die Wachsamkeit gegenüber politischen Strömungen und Denkweisen, die Zeiten überdauert zu haben scheinen und die Ausgrenzung von Armen, Stigmatisierung von Menschen, die außerhalb der bürgerlichen Normalitätsvorstellungen leben (müssen), immer und immer wieder hervorbringen.

    Das könnte ich jetzt historisch und ideologisch mit weiteren Untaten beschreiben. Mir geht es nur darum vorsichtig aufzuzeigen, wie gefährlich der Zeitgeist (etwa Agenda 2010) auf die Bevölkerung wirken kann und es über den Hass und die Verachtung von gesellschaftlichen Aussenseitern, Armen, Kranken zu Gewalt kommen kann, wenn schon die politischen Vorbilder (siehe Zitate wie folgt) zu Anstiftern der Verachtung von den Unterprivilegierten werden.

    Ich zitiere:

    „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“ (Franz Müntefering)

    „Hartz IV nur gegen Arbeit“ (Glos, CSU, 2007): keine Leistung ohne Gegenleistung.

    „Es gibt kein recht auf Faulheit“ (Gerhard Schröder, 2001)

    „Faulheit ist Gift, zersetzt Moral, Charakter und Kultur“ (Poschardt, Die Welt, 11.07.2006)

    – Zwischenstopp und dann komme ich zur heutigen Gewalt gegen Wohnungslose –

  128. Jürgen Malyssek sagt:

    Zu Gewaltpotenzial in der Gesellschaft:

    Ich denke, dass sich gerade der Blick zurück lohnt, um sich der dieser Frage anzunähern.

    Ich beschreibe jetzt noch die aktuelle Situation der Gewalt gegen Wohnungslose und schaue nochmal auf die Frage von 14:08 h.

  129. Jürgen Malyssek sagt:

    Fortsetzung:
    Die Wohnungs- und Obdachlosen als Ziel rechter Gewalt („Das Treten nach unten“)

    Die Gewalttaten sind häufig rechtsextrem und rassistisch motiviert, kommen aber auch aus der Mitte der Gesellschaft. Wohnungslose werden dann als „gesellschaftlich unproduktiv“, als Parasiten“, „Penner“ und „Assis“ angesehen. Es spielen aber auch andere gesellschaftlichen Missstände eine Rolle, da etwa bei jugendlichen Tätern eine große Gefühlskälte, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit, verbunden mit einem erdrückenden Zustand der Langeweile, festgestellt werden kann.

    Beispiele sind in unserem Buch per Zeitungsberichte dokumentiert.

    Die BAG Wohnungslosenhilfe schreibt in ihrer Themen-Schwerpunkt-Ausgabe „wohnungslos 2/2020:

    Gewalt gegen Wohnungslose ist leider immer noch Alltag. Vor allem jene Menschen, die ohne Unterkunft auf der Straße leben und somit über keinen privaten Rückzugsraum verfügen, werden immer wieder Opfer von menschenverachtenden Angriffen. sie werden bedroht, erniedrigt, erpresst, geschlagen und getreten, vergewaltigt, im Schlaf angezündet, gefoltert und ermordert.

    Die BAG dokumentiert seit 1989 entsprechende Straftaten mittels einer systematischen Presseanalyse. Mehr als 2.200 Fälle umfasst heute die Gewaltstatistik – 565 davon mit tödlichem Ausgang (Stand 29.04.2020). Diese Zahlen sind schockierend. Gleichzeitig ist klar, dass die Dokumentation der BAG W nur die Spitze des Eisberges zeigt. ein Großteil der Taten wird nicht öffentlich […]
    Medien berichten zudem nur über ausgewählte – meistens über besonders brutale oder absurde – Fälle. Nach einer kurzen Weile der öffentlichen Empörung verhallen dann schnell die Forderungen nach Aufklärung, Zivilcourage und Schutzräumen in der hohen Taktwelle der sensationsorientierten Berichterstattung […]

    Anders als die „milieuinterne“ Gewalt, die vielfach das Resultat zwischenmenschlicher Konflikte um knappe Ressourcen ist, ist die Motivation für Angriffe von außen vor allem von Vorurteilen, Ablehnung und Hass geprägt.
    Die Tat richtet sich nicht nur gegen das Opfer selbst, sondern häufig auch gegen die Gruppe, der es angehört oder zugeschrieben wird. Die Abwertung von Armen und Wohnungslosen ist als eine Form der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit nachweislich in weiten Teilen unserer Gesellschaft verankert.

    Ende Text BAG W

    Ich denke, das ist eine sehr gute Gesamtanalyse.

  130. Bronski sagt:

    Sie sprechen es an: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist weit verbreitet. Obdachlose sind für viele Menschen anscheinend regelrechte Hassfiguren. So wird zum Beispiel im Zusammenhang mit der Frankfurter Einkaufsmeile, der Zeil, über sie geredet:

    „Die Zeil wird immer ekelhafter! Es entwickelt sich immer mehr zum Treffpunkt für Obdachlose Alkoholiker, die dann im eigenen Urin einschlafen. Das dies nicht nur ekelhaft anzuschauen ist, hinzu kommt auch der Gestank. Mit Familie und Kindern kann man dort nicht mehr entlang. Die Stadt Frankfurt verliert immer mehr an Ruf. Weder Einkaufen noch Essen macht noch Spaß. Diese Herrschaften sollten gebeten werden, zumindest die Zeil zu räumen.“

    Quelle: Frankfurt fragt mich – Bürgerbeteiligungsportal der Stadt Frankfurt am Main, gepostet am 15.11.20. Da fließen alle Stereotypen zusammen, oder? Natürlich riechen die „Herrschaften“ mitunter tatsächlich etwas scharf …

  131. Jürgen Malyssek sagt:

    Die Zeil:
    Sie sehen, die Anklagen, Diffamierungen, dieser Hass, kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Es will nicht in das Bild des Gutbürgerlichen passen, dass sich diese ekelhaften Typen in der Fußgängerzone aufhalten.

    Sicher ist es nicht schön anzusehen, aber diese einbaute Abwehr gegen die Realität von Armut und Elend in der heilen Welt, das ist fester Bestand der Verachtung der sozial Untenstehenden.
    Diese Berichte über solche Bürgermeinungen, die finden sich in regelmäßigen Abständen wieder.

  132. Bronski sagt:

    Dabei ist es ja schon irgendwie bezeichnend, wie da argumentiert wird, oder? Warum kann man dort mit Kindern und Familie nicht mehr entlang? Wenn die Kinder fragen, was das für Menschen sind, die da liegen, könnte man es ihnen vielleicht erklären. Und dann geht es dem Beschwerdeführer noch um den Ruf der Stadt Frankfurt und um seinen Spaß.

  133. Jürgen Malyssek sagt:

    Noch zu den künftigen Entwicklungen der Wohnungslosen-Zahlen:

    Ich nenne hier keine Zahlen, kann ich auch nicht. Aber soviel kann ich ohne prophetische Begabung sagen: In der bestehenden Verfassung der Republik mit der Vergrößerung der Armut, der desolaten Situation auf dem Wohnungsmarkt sowie der unsicheren Zeit nach Corona auf dem Arbeitsmarkt (gerade für weniger Qualifizierte und Geringverdienende), ist eine weitere Vergrößerung der Wohnungslosenzahlen eigentlich ziemlich klar.

    Das korreliert auch mit der Frage oben, den Auswirkungen des Wohnungsmangels, der Covid-Krise und der Zahl der kommunalen Obdachlosen usw. Die Prognose des Bankmannes (Klaus Störch 14:08 h), dass die Zwangsversteigerungen steigen werden, dürfte absolut treffsicher sein!
    Ebenso durch die Zahl der Räumungen in Mietwohnungen (Investoren, Umwandlung in Eigentumswohnungen, Gentrifizierung usw.) wir nur die Spitze des Eisberges sehen.

  134. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Sie sagen es: Man kann es den Kindern erklären, wer diese Menschen da sind und warum. Die werden das verstehen. Stattdessen gibt es Eltern, die ihre Angst und Unsicherheit auf ihre Kinder verlagern.
    Die Angst vor den Armen!

  135. Bronski sagt:

    Ich werfe hier gleich mal ein paar Fragen in den Ring, der Aufforderung von Herrn Störch folgend, denn ich möchte jetzt noch eine Runde spazieren gehen. Nach einem Tag vorm Rechner muss man auch raus, nicht wahr?

    Um die Metapher vom Treppenhaus noch mal aufzunehmen: Herr Mertens fragte danach, ob es nicht möglich sei, einen weiteren Absturz Betroffener aufzuhalten, wenn dieser Absturz doch absehbar sei. Dazu hat Herr Störch geantwortet, dass es wohl Mittel und Wege gebe, dass die Betroffenen aber häufig zu spät zur Beratung kämen. Mich interessiert nun, ob die Wohnungslosenhilfe auch Mittel und Wege kennt, um Betroffene vielleicht sogar wieder auf den Weg hinauf im Treppenhaus zu bringen. Gibt es da auch ein Dienstleistungsportfolio?

  136. Bronski sagt:

    Wohnungslose haben die unterschiedlichsten Biografien. Das wurde schon gesagt. Aber möglicherweise haben sie es gar nicht in der Hand, wieder selbstbestimmt zu wohnen. Ich denke zum Beispiel an Frauen, die vor häuslicher Gewalt, also einem wütigen Lebenspartner, ins Frauenhaus flüchten, möglicherweise auch noch mit Kindern. Ich bin allerdings nicht sicher, ob solche Fälle überhaupt zu den Wohnungslosen gezählt werden. Sei’s drum: Wenn der Ex die Frau erneut bedrängt, falls er rauskriegt, wo sie hingegangen ist, hat sie ihren weiteren Lebenserfolg nicht in der Hand. Hat unser Rechtsstaat die nötigen Mittel, einen solchen Neustart abzusichern?

  137. Bronski sagt:

    Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, sich kaum wieder eingliedern lassen – und dies vielleicht auch gar nicht wollen. Haben Sie von Schicksalen oder Fällen gehört, in denen die Betroffenen es zwischen vier Wänden schlicht nicht ausgehalten haben? Sie müssen vom Einzug in eine Wohnung an ja auch Regeln einhalten: Nachtruhe, Kehrwoche … Von heute auf morgen zwischen Wänden klarzukommen, erfordert Fertigkeiten, die viele Obdachlose möglicherweise gar nicht mehr haben. Empfinden sie solche Regeln dann nicht vielleicht sogar als Bevormundung im Vergleich zu ihrem früheren „freien Leben“?

  138. Bronski sagt:

    Wegen der Pandemie stehen derzeit viele Hotels leer. Könnte man die Menschen nicht einfach dort einquartieren, wenigstens vorübergehend? Der Platz wäre doch da, alle von der Straße zu holen!

  139. Jürgen Malyssek sagt:

    Den eigenen Spaziergang habe ich heute nicht mehr geschafft.

    Zu den Fragen, die ich glaube recht zügig beantworten zu können. Ich versuch’s:

    – Metapher vom Treppenhaus:

    Ja, die Wohnungslosenhilfe hat Mittel und Wege, dass Betroffene wieder einen Weg „nach oben“ schaffen!

    Der ganze Hilfeprozess nach §§ 67 ff. SGB XII etwa (Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten, siehe auch weiter oben) ist so ein Mittel, ein Weg. Vor allem, weil auch entsprechende Zeit zur Verfügung steht.

    Wobei wir in der Wohnungslosenhilfe auch das Erreichen von Zwischenzielen als Erfolge werten. Allein, dass ein Mensch, der seit Jahren auf Achse war und alle früheren sozialen Bindungen verloren hat, sich entscheidet zu bleiben, wo er sich inzwischen angekommen ist, dass ist ein Erfolg.

    Oder das Betreute Wohnen ist so eine weitere Treppenstufe nach oben.

    Klaus Störch kann für die ambulante Beratung bestimmt noch was zu Erfolgsmeldungen beitragen.

    Generell treffen wir in der Wohnungslosenhilfe eine Aussage wie diese: Hilfe ist möglich!

    – Unterschiedliche Biografien und Beispiel Frauen mit häuslicher Gewalterfahrung:

    Auch hier haben sich im Laufe der letzten Jahre für Frauen mehr Angebote entwickelt, die auch bei diesen Problemen Hilfe möglich machen. Frauenhäuser sind eine Möglichkeit. Aber auch frauenspezifische Anlaufstellen Standardangebote.

    – Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben:

    Es gilt als eines der obersten Gebote in der Arbeit, die Autonomie des Einzelnen zu wahren.

    Es gibt da ein schönes englisches Sprichwort: „You can lead the horses to the water – but you can’t make them drink“. Was gleichzeitig auf die Selbstbeschränkung des Helfers weist.

    Die Vielfältigkeit der Einzelschicksale trifft auf die Verschiedenheit der Betroffenenbedürfnisse.

    Und so ist es auch, dass es Menschen gibt, die so lange anders gelebt haben, dass entweder nicht in eine eigene Wohnung wollen bzw. sie es zwischen diesen vier Wänden auch nicht lange aushalten würden. Da sind die Grenzen der Hilfe, jedenfalls, was unsere Vorstellung von einem „normalen“ Leben wären.
    wir sollten immer die Lebenswirklichkeiten der verschiedenen Menschen erfassen und versuchen zu verstehen. Das hat auch was mit Fachkompeten zu tun.

    Ah ja -ich sehe gerade, das jetzt die „Bevormundung“ auftaucht!

    Im Vergleich zu dem „freien Leben“ draußen, ist die Anpassung an die gutbürgerlichen Wohnverhältnisse und Regeln schon eine Zumutung. Das Gefühl bevormundet zu werden, ist gerade bei den Betroffenen mit einem bisher weitestgehend von eigenen Regeln bestimmten Leben wahrscheinlich nicht zu beseitigen.

    – Hotels für Wohnungslose:

    Das gibt es schon in Städten und Kommunen.
    Auch einfache Pensionen, was früher gang und gebe war, weil es für die Ordnungsämter eine billige Unterbringungslösung war.

    Vielerorten werden ja von Initiativen Stimmen laut, leerstehende Hotels für Wohnungslose zu öffnen. Kommunen hätten ja auch die Möglichkeit der Unterbringung in Wohnungsleerständen.

    Da geht es natürlich bei der Umsetzung um den entsprechenden öffentlichen Druck auf die Ämter und. Wie sinnvoll das dann immer ist für die Betroffenen, das muss sich dann zeigen.

    Also bloß räumlich gesehen gibt es schon Möglichkeiten.

  140. Bronski sagt:

    Noch mal Stichwort Bevormundung: Reagieren diese Menschen also empfindlich auf Bevormundung, weil die nach dem Motto verläuft: Dir wird geholfen, aber nur zu unseren Regeln?
    Muss das für diese Menschen nicht wie ein Dé jà-vu sein, wie ein Nachklang einer Welt, die eigentlich hinter ihnen liegt? Wie groß die Bereitschaft ist, sich wieder einzugliedern, hängt wohl auch hier sicher wieder vom Einzelfall ab, nicht wahr?

  141. Bronski sagt:

    Gleich noch eine weitere Frage in diesem Zusammenhang:

    Sollte sich die Hilfe nicht am Bedarf der Bedürftigen orientieren statt an den Regeln der helfenden Institutionen? Die Sieben-Tage-Regel, von der Herr Störch oben gesprochen hat, klingt doch wie ein Musterbeispiel für „Nur zu unseren Bedingungen“ .

  142. Bronski sagt:

    Es wurde bereits angesprochen: Es gibt ein grundlegendes Recht auf Wohnen.

    Prof. Nikolaus Meyer von der Hochschule Fulda forscht in Sachen Wohnungslosenhilfe. Um die Menschen in Wohnung zu bringen, schlägt er im FR-Interview ein Konzept namens „Housing first“ vor. Derzeit gibt es in Deutschland eine Art Stufenmodell. Als obdachloser Mensch landet man zunächst in einer niedrigschwelligen Einrichtung und muss sich dann bis zur eigenen (Miet-) Wohnung emporarbeiten. Also: Man muss eine Leistung erbringen, sich als würdig erweisen. Der „Housing-First“-Ansatz kehrt dieses System radikal um. Wohnungslose bekommen sofort einen regulären Mietvertrag, zunächst bezahlt von der öffentlichen Hand. Kann das wirklich funktionieren mit Menschen, die sich auf der Straße eine Art Faustrecht antrainieren mussten?

  143. Bronski sagt:

    Ich möchte dann durchaus auch noch konkret zu Ihrer Arbeit an Ihrem Buch befragen, aber diese Fragen stelle ich jetzt noch nicht online. Ich möchte zunächst Herrn Störch Gelegenheit geben, sich zu dem zu äußern, was hier im Lauf des Donnerstags gefragt bzw. besprochen wurde.

    Gute Nacht Ihnen allen. Ich bin morgen gegen elf Uhr wieder hier für Sie online.

  144. Jürgen Malyssek sagt:

    Bevormundung:

    Ja, diese Menschen reagieren empfindlich auf Bevormundung, wobei die alten Erfahrungen damit eine Rolle spielen (und da ist natürlich jeder unterschiedlich empfindlich).
    Das Gefühl, dass über sie bestimmt wird, sie sich gegängelt fühlen und ein teilweise besonders ausgeprägter Freiheitsdrang, das sind schon die Voraussetzungen für ihren inneren Widerstand gegen Vorschriften,gegen Bestimmungen usw.
    Insofern ist Wiederingliederung ein großes Wort. Eingliederung in eine Welt, die ihnen früher Kränkungen und Ablehnung beschert haben.

    Hilfebedarf:

    Sicher sollte die Hilfe sich am Bedarf der Hilfesuchenden orientieren. Aber da tauchen wir auch tief in die Geschichte der Sozialhilfe ein:

    Das SGB I, wenn man so will, das, was von der alten Sozialhilfegesetzgebung noch Bestand hat nach den Hartz-Gesetzen, sagt eben klar aus, dass die Sozialhilfe, mit dem Recht auf persönliche und wirtschaftliche Hilfe, dem besonderen Bedarf des Hilfeempfängers entsprechen soll, um ihm die Teilnahme am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen und die Führung eines menschenwürdigen Leben zu sichern …

    So das Gesetz, aber die Hilfepraxis ist gerade bei Menschen, die unterwegs sind und auch ihre Aufenthaltsorte wechseln (müssen), ist eine, wie Klaus Störch es mit dem „Verbogenen Paragraphen“ aufgezeigt hat, eine verdrängende, vertreibende, die immer wieder von örtlichen Vereinbarungen bestimmt wird und so geregelt ist (siehe Tagessätze für Durchwanderer oder Kurzeitübernachter), dass so der individuelle Hilfebedarf so nicht realisiert wird, sondern es ist pauschaliert, ohne weitere Ermessensspielräume.
    Es war auch früher, als es die Hartzgesetze noch nicht gab, nie einfach die Hilfeansprüche des Einzelnen durchzusetzen. Aber heute bestimmen die Hartz-Sätze pauschaliert die Höhe der Ansprüche.
    Klaus Störch kann das ja nochmal bestätigen oder aus der Erfahrung des Tagesgeschäfts ergänzen oder korrigiern.
    „7-Tage-Regelungen“ und so, sind von den örtlichen Sozialhilfeträgern festgelegt oder mit den Hilfeeinrichtungen vereinbart worden, um überhaupt eine Auszahlungspraxis zu garantieren, die zumindest dann einheitlich funktioniert. Natürlich geht es immer politisch darum auch darum Kosten zu sparen.

    Insofern ist es so: Sozialhilfe, Tagessätze zu „Nur zu unseren Bedingungen“!

    „Housing First“:

    Hatten wir schon drüber gesprochen. Das ist ja alles schön und gut mit diesem Stufenmodell. Es ist theoretisch auch schlüssig. Aber jemanden, der sagen wir mal schon sehr lange unterwegs war, auf der Straße gelebt und einige Einrichtungen schon versucht hat, den kann man nicht einfach so in eine Wohnung setzen und ab geht sie Post. Jedenfalls stehe ich diesem Modell aus Erfahrung bei der Arbeit mit den Menschen, die eine ganz andere Anlaufzeit brauchen, um wieder Fuß zu fassen (siehe die besonderen schwierigen Lebensumstände, Probleme der Wohnungslosen) zurückhaltend gegenüber.

    Die Hilfekonzepte, die die Wohnungslosenhilfe für die sog. Wiedereingliederung in die Gesellschaft seit Jahren praktizieren, haben einen anderen Ansatz und sind meines Erachtens realistischer, was längerfristige Erfolge betreffen.

    Aber da müssten wir in einer anderen Konstellation drüber sprechen, weil es bei beiden Konzepten, „Housing First“ und der „klassischen“ Resozialisierung oder auch beim „Betreuten Wohnen“ um sehr komplexe Hilfe-konzepte geht.

    Mein Friedensangebot wäre so: „Housing First“ für diejenigen, die mit dem Wohnen als Lebensform schon vertraut sind oder klar diesen Wunsch nach Mietvertrag und den anderen Bedingungen aussprechen.

    Den „klassischen“ Weg der Eingliederung nach dem SGB XII für diejenigen, die Zeit, Betreuung und noch viel Kraft und Ausdauer brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen.

    Jedenfalls kann man das „Housing First“ nicht einfach als die neue Wunderwaffe auf den Markt bringen, ohne auch zu sehen, dass es ganz unterschiedliche wohnungslose Menschen gibt, die mit keinem Einheitsmusterhilfe-Konzept wieder selbständiges Wohnen und Leben schaffen.

    Gute Nacht!

  145. Anna Hartl sagt:

    Zur Frage von Herrn Mertens, ob es möglich ist, den weiteren Absturz Betroffener zu verhindern:
    ich kenne einen Fall, in dem durch den Einsatz vieler Menschen, Kolleg*innen, Freunde und Nachbarn, der Absturz auf die Straße verhindert werden konnte.
    Als schwierig an diesem Fall habe ich die Überwindung der persönlichen Grenzen empfunden. Sowohl die eigenen inneren Grenzen, als auch die zur Verhinderung der Selbstaufgabe nötigen Schritte zu gehen, sprich, auch über die Grenzen desjenigen zu gehen um ein völliges Abgleiten zu verhindern.

    Es ist psychisch kranken Menschen oft nicht möglich, selbst aktiv Hilfe zu suchen.

  146. Klaus Störch sagt:

    @ Bronski
    @ Jürgen Malyssek

    Guten Morgen, lieber Bronski, lieber Jürgen,

    ich bin nun gerade im Büro angekommen und werde mit meinem Team „den Tag“ besprechen. Ab ca. 9 Uhr werde ich versuchen, die Fragen zu beantworten, allerdings nicht in epischer Breite, sondern eher im Telegrammstil. Sonst, fürchte ich, schaffe ich das Pensum nicht. Nach einem ersten Überblick, den ich mit gerade verschaffen konnte, sind es dann eher nur noch Fußnoten zu den umfassenden Ausführungen von Jürgen Malyssek. Gegen 11 Uhr sind wir dann mit dem Aufbau der Ausstellung „Hattersheimer:innen – auch mit Maske sympathisch“ beschäftigt.

    Vielleicht schon ein erstes Resümée: Ja, lieber Bronski, es hat mit sehr viel Spaß gemacht und ich möchte mich noch einmal recht herzlich für die Einladung zum Blogtalk bedanken. Es war, wie ich bereits gesagt habe, eine Premiere für mich und am Anfang musste ich mich erst einmal „freischwimmen“. Es war nicht ganz einfach für mich, Beruf, Privates und Blog im Alltag zu organisieren. Heute fühle ich mich ein bisschen wie ein Langstreckenläufer, dem die Luft auszugehen droht. Ja, ich habe Konditionsschwächen und bin dankbar, dass nun ein erstes Zwischenziel erreicht ist. Danken, lieber Bronski, möchte ich mich bei Ihnen auch für die sehr gute Moderation und Navigation in diesem Forum. Ich werde sicher hin und wieder reinschauen. Danken möchte ich auch dir, lieber Jürgen, dass wir in diesem Blog wieder einmal sehr intensiv zusammenarbeiten durften. Ich denke, wir haben uns sehr gut ergänzt. Der Blogtalk war eine schöne Herausforderung, unsere Thesen auch noch einmal zu überprüfen und kritisch zu reflektieren. Also noch einmal: Dankeschön. Ich denke ich werde künftig nicht nur die gedruckte FR lesen sondern hin und wieder im Blog reinschauen. Herzlichst , klaus

  147. Klaus Störch sagt:

    Rechte Gewalt:

    Jürgen Malyssek hat das Wesentliche gesagt.Die Ausgrenzung Wohnungloser hat eine lange Tradition. Höhepunkt der Verfolgung: im Nationalsozialismus. Kulmuniert ist sie in ihrer Vernichtung in den Konzentrationslagern. Dort mussten sie den schwarzen Winkel tragen für die sogenannten Asozialen tragen.

    Und der Schoß ist fruchtbar noch …. Gewalttaten gegen Wohnungslose heute sind die extremste Folge von Ausgrenzungsprozessen, sofern sie keine Beziehungstaten sondern als Hasskriminialität identifiziert werden. Die Berliner Soziologin Susanne Gerull, bezeichnet damit Straftaten, die politisch motiviert sind.

    Hasskriminalität richtet sich gegen Personen und Gruppen, aus Gründen ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder aufgrund ihres sozialen und gesellschaftlichen Status.

    Wohnunslose zeigen mehrheitlich die gewaltsamen Übergriffe nicht bei der Staatsanwaltschaft an. Hasskriminalität hat (auch) eine einschüchternde Wirkung, da sie ein auf die Identität des Opfers hat.

    Zitat: „Im Zusammenhang mit Gewalttaten gegen Wohnunslose kommt es (…) zur scheinbaren Bestätigung der Vorurteile der Täter:innen, denn nur ‚Obdachlose, die dem beschriebenen Stereotyp entsprechen, (werden) als solche erkannt'“ (Susanne Gerull). (Typologie: „Unangenehm“, „Arbeitsscheu“, „Asozial“).

  148. Hannes Bartels sagt:

    @ Klaus Störch

    Ich versuch es noch einmal und an das Papierhaus, Klaus, habe ich wirklich nicht gedacht. Leider finde ich das Projekt 100 Dollar Haus nicht mehr. Dafür hier: https://www.abodshelters.com/
    Sehr beeindruckend, allerdings 6000 Dollar. An so etwas habe ich gedacht, auf unsere Verhältnisse angepasst. Für alles, was geschrieben wurde, höchste Anerkennung. Meine Träume an so einer Lösung bleiben.
    Gruß Hannes

  149. Klaus Störch sagt:

    Fahrstuhl nach oben – oder kann man die individuelle Wohnungslosigkeit überwinden?

    Ja, man kann! Jürgen Malyssek hat bereits einiges zu den geseztlichen Rahmenbedingungen (§67 SGB XII) und zur Praxis in der Wohnungslosenhilfe gesagt.

    Fast täglich treffen wir in unserer Arbeit auf Menschen, die weg wollen von der Straße, die müde sind von den Anstrengungen des Alltags auf der Straße: den Tagessatz abzuholen, einen Schlafplatz zu suchen, von körperlichen Angriffen bedroht zus sein, keine Gesundheitsversorgung zu haben.

    Viele von ihnen kommen täglich in unsere Tagesstätte und brauchen Wochen und Monate, bis sie das Gespräch mit uns suchen. Das erfolgt wenn sie Vertrauen zu uns gefunden haben (hier: Niedrigschwelligkeit, kein „Zwang“ seine Identität preiszugeben oder in die Beratung zu gehen usw.) Alles ist freiwillig!

    Am Anfang steht das Gespräch. Der Wohnungslose äußert den Wunsch nach einer Wohnung. Es erfolgt eine Bestandsaufnahme: Ursache des Wohnungsverlustes, Motivation, Abklärung der besonderen sozialen Schwierigkeiten (vgl. Jürgen Malyssek): Wohnung, Schulden, Alkohol,Drogen, psychische Erkrankung (Mehrfachprobleme = Besondere soziale Schwierigkeiten). Auf diesem Hintergrund wird dann ein Hilfeplan verabredet, in welchen Schritten die verabredeten Ziele erreicht werden sollen – hier beginnt die Zusammenarbeit. Da es sich quasi um eine Verabredung, einen Vertrag handelt, sind die Akteure „frei“ – insofern findet keine „Bevormundung“ statt.

    Die viel größere Herausforderung ist es, die gesetzten Ziele auch zu realisieren: Die Lage am Wohnungsmarkt, die Vergangenheit, die den Klienten wieder einholt, wenn er denn eine Wohnung damit eine Meldeadresse hat. Dann kommt Post: Von der Staatsanwaltschaft, von der Inkassogesellschaft, die die Schulden aus den Schwarzfahrten eintreiben will, von der Unterhalstvorschusskasse, von den Gläubigern.

    Hier wird die Motivation auf eine harte Probe gestellt. Deshalb ist die sozialarbeiterische Unterstütung so wichtig. Wir kennen das, wenn was zu erledigen ist, und sei es der Abwasch des Geschirrs, mit Unterstützung geht es leichter. Trotzdem gibt es häufig Fälle der Überforderung mit der Konsequenz die Wohnung aufzugeben, wieder den Rucksack und den Schlafsach zu packen und zurück auf die Straße zu gehen. Manche brauchen zwei, drei, vier Anläufe bis sie es endlich schaffen.

    Kann man es schaffen? Ja!

  150. Bronski sagt:

    Bevor ich zur Schlussrunde komme, möchte ich Sie bitten, noch einmal glasklar herauszustellen, wie Sie sich Spenden an die Wohnungslosenhilfe wünschen – dies als Service für alle, die nach diesem Talk den Wunsch haben zu helfen. Ich filtere mal heraus:

    – Sie möchten KEINE Kleiderspenden.
    – Auch sonstige Sachspenden sind schwierig.
    – Geldspenden sollten NICHT zweckgebunden sein.

    Und sonst?

  151. Jürgen Malyssek sagt:

    Spenden an die Wohnungslosenhilfe:

    – nicht ungefragt etwas in den einrichtungen abgeben!

    – sich vorher mit dem Hilfesystem in Verbindung setzen und miteinander abklären, was passt und was nicht.

    – gerade Kleiderspenden können überhand nehmen und letztlich wenig Nutzen bringen. Also auch vorher fragen, ob und was.

    – Es gibt (fast) in jeder Stadt/Kommune sowas wie Kleiderkammern, die nicht unmittelbar mit der Wohnungslosenhilfe zusammenhängen

    – bei Sachspenden gilt gleiches: vorher in den Fachstellen nachfragen, ob es passt oder nicht.

    – bei Geldspenden: Beides ist ok, zweckgebunden oder nicht. Auch da wieder: kann alles vorher mit den Einrichtungen abgesprochen werden.

    – wir haben neulich in Wiesbaden für die dortige DW-Teestube Geld gespendet und ich habe vorher den Einrichtungsleiter gefragt, was jetzt gerade hilfreich wäre. Und so ist es beispielsweise in eine Einzelbetreuung eines aus dem Krankenhaus entlassenen Betroffenen gegangen (für tägliche Versorgung, z.B. Essen auf Rädern). Der kranke Mann (EU-Migrant ist ohne Krankenversicherung).

    – die Bürger, die spenden wollen (und das ist ein gutes Zeichen) sollen einfach vorher das jeweilige Hilfesystem kontaktieren und dort gemeinsam klären, was wirklich hilfreiche Hilfe ist. So erfahren die Spender dabei auch mehr über das, was wirklich passiert und was passend ist.

  152. Gerhard Mantel sagt:

    Wenn es um Spenden geht rede ich gerne ein Wort mit, obwohl ich beruflich nicht mit Sozialarbeit konfrontiert war. Ich bin Vors. eines AWO-Ortsvereines im MTK. Auf der jährlichen Weihnachtsfeier sammeln wir für einen sozialen Zweck. Unsere , meist schon älteren Mitglieder, haben bereits zweimal das Haus St. Martin und damit auch die Arbeit von Klaus Störch mit einer jeweils recht beträchtlichen Spende bedacht. Der Wunsch wohnungslosen Menschen zu helfen trifft besonders in der älteren Generation auf viel Verständnis, da die Nachkriegszeit und die eigene Wohnsituation vielen noch sehr deutlich ist. Die zweite Spendensammlung in 2019 erfolgte auf konkreten Wunsch der Mitglieder. Ein kürzlich verstorbenes AWO-Mitglied hat in seinem letzten Willen ausdrücklich eine größere Spende für die Arbeit mit wohnungslosen verfügt. Es war der ausdrückliche Wunsch der Mitglieder, nicht nur über Solidarität zu reden, sondern auch für die Menschen einen Beitrag zu leisten, die von unserer Leistungsgesellschaft abgehängt sind.

  153. Klaus Störch sagt:

    Ich kann mich den Ausführungen von Jürgen Malyssek nur anschließen.

    Und noch einmal ein Dankeschön an die AWO Kriftel und dem Vorsitzenden Gerhard Mantel.

    Ich verabschiede mich für heute! Allen einen schönen Tag.

  154. Bronski sagt:

    Nun denn – wie gesagt: Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht wollen Sie aber auch später noch was zu meiner Frage sagen, die ich jetzt erstmal an Herrn Malyssek wende.

    Ihr gemeinsames Buch „Wohnungslose Menschen“ ist 2009 erschienen. Sie haben es überarbeitet, so dass eine zweite Auflage erscheinen konnte. Was hat Sie dazu bewogen?

  155. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Sie sprechen etwas an, was die Möglichkeiten und Grenzen des Machbaren betrifft. Es kann passieren, dass man beim Helfenwollen an seine eigenen Grenzen kommt, sei es, weil man das Helfen an eine bestimmte Erwartung an den Hilfeempfänger knüpft und möglicherweise enttäuscht wird, dass der Gegenüber so nicht funktioniert. Das sind Erfahrungen, die in der Sozialarbeit unvermeidbar sind und die bei Bearbeitung zu neuen Erkenntnissen führen (können).

    Hilfreiches Helfes, mit Herz und Verstand helfen, Grenzen des Machbaren akzeptieren, Helfen kann auch müde machen, Hilfe kann auch scheitern usw. Einige Stichworte zum Thema.

    Wenn wir es mit psychisch erkrankten Menschen zu tun haben, muss man gerade dann schauen, dass man sich nicht selbst überfordert.

    Generell ist es hilfreich, wenn es eine helfende Gemeinschaft gibt, mit unterschiedlichen Ressourcen.
    Erfahrungen mit dem Helfen können sehr unterschiedlich ausfallen.

  156. Jürgen Malyssek sagt:

    Was hat uns dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben und noch eine 2. Auflage zu machen?

    Ich versuche mal und versuche es so, dass wir beide, Klaus und ich, auch eine Stimme sind. Denn so war über die vielen Jahre auch unsere Zusammenarbeit.

    Die Motivation:

    Die Geschichte fing so an: Klaus und ich, wir saßen zu irgendeiner Besprechung im Sozialarbeiterbüro Haus Sankt Martin (2007, 2008??) zusammen. Nach der Besprechung, so meine Erinnerung, fragte ich Klaus: Was hältst du davon, wenn wir beide zusammen ein Buch schreiben? Dreimal darfst du raten, worüber!

    Ganz schnell kam geistige Bewegung in den Raum: Flipchart, Stifte, Stichworte, Themen …

    Wir waren uns beide ziemlich schnell einig darüber, dass unsere langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit Wohnungslosen eine entsprechende Form in diesem Buch finden sollte.

    Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits in Rente, mit einem gewissen gewonnenen Abstand zur Praxis, keine diesbezüglichen Arbeitsverpflichtungen mehr und Klaus derjenige, der noch in der Praxis steckte. Eine gute Mischung.

    Man kann die Arbeit mit und für Wohnungslose als eine „Schule des Lebens“ sehen. Ob noch in der Praxis oder bereits draußen, es hat uns schon lange als Personen geprägt und zum bleibenden Nachdenken geführt.

    Das Buchvorhaben wollten wir zu zweit machen.

    Das gegenseitige Vertrauensverhältnis und die entsprechende gemeinsame Zeit der fachlichen Zusammenarbeit (Konzeptarbeit, Aufbau der Einrichtung, Praxisreflexion) waren gute Voraussetzungen dafür.

    Es sollte kein typisches Fachbuch werden, sondern eine „Lesebuch“ für unterschiedlich Interessierte. Die Wohnungslosen sollten im Zentrum des Geschehens stehen und dazu die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die kritische Beleuchtung der Sozialarbeit.

    Dazu weitere Facetten und Zugänge zum Stoff:
    Literatur, Philosophie, Theater, Film, Musik, Projekte aus der Praxis …

    Entscheidend: Platz für den Blick auf diese besonderen Menschen und ihre Schicksale, ihre Eigenschaften, ihre Lebensleistungen.

    Was in unsere Motivation mitschwingt, ist die Erkenntnis, dass wir diese Arbeit nur so machen können, wenn wir diese Menschen auch mögen und schätzen.
    Es sollte deshalb auch ein Buch werden, das etwas zum Ausdruck bringen sollte, nämlich Dankbarkeit für die Lebenschance, mit all diesen Menschen, die unten gelandet sind, über viele Jahre arbeiten und zusammensein zu können: Mit Hochs und Tiefs, Freude und Trauer, Erfolg und Scheitern.
    Darüber hinaus mit Konzeptionsarbeit in vielen Jahren vieles auf die Beine gestellt zu haben, was das Leben der Menschen im Hilfesystem verbessert hat und darüber hinaus immer mehr für sie eine öffentliche Anerkennung erreicht zu haben.

    Die Motive und die „Philosophie“ des Weitermachens, die Grundhaltung in der Arbeit, sich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen, anwaltlich für diese Menschen da zu sein, Aushalten können, Lernen auch Scheitern zu akzeptieren …

    Dass nach der ersten Auflage im Jahre 2009, die schon für so ein Nischenthema eine beachtliche fachliche Aufmerksamkeit erreichte, die Idee zu einer 2. Auflage geboren wurde, war lange Zeit eigentlich gar nicht so klar. Aber schließlich verlangten uns die gesellschaftlichen Entwicklungen mit neuen Herausforderungen in der Sozialarbeit und in der Wohnungslosenhilfe doch die Entscheidung ab, aktuell und neu auflegen zu lassen.

    Wir machen’s!

    Beide hatten wir in den Jahren 2019 und 2020 unsere persönlichen und unplanmäßigen Ausfallzeiten, so dass es mit den 10 Jahren danach („Ten Years After“) nicht gepackt wurde. Aber so ist es auch jetzt gut.

    Zum Schluss noch zwei Gedanken, die auch aus einem anderen Textzusammehang stammen, aber hier unsere Motivationslage nochmals beleuchten und sowas wie Leitplanken der Liebe zu unserem Arbeitsbereich bilden:

    . Die SozialarbeiterInnen in der Wohnungslosenhilfe sehen sich als „Spezialisten für all das, was sonst nicht geht“. Die Vielfältigkeit innerhalb des Hilfesystems ist ein Ergebnis ihrer aufmerksamen Beobachtung der Veränderungen in der Gesellschaft und ihrer Fähigkeit, sich auf die Menschen, die ins Hilfesystem kommen, einzulassen, Vertrauen aufzubauen, ihre Ressourcen wahrzunehmen und zu stärken. Und nicht nur auf die Defizite zu schauen. Die Wohnungslosenhilfe arbeitet mit denen, die auf der Strecke geblieben sind.

    . „Mitarbeitende der sozialen Berufe bilden oft die einzige Brücke zwischen den Lebenswelten der bürgerlichen Mehrheit und den Menschen am Rande der Gesellscahft. Bedankt wird ihnen häufig mit Frustattacken statt mit Respekt (aus: E. Engelke: „Brückenmenschen“, in: Neue caritas 18/2010).

    Jürgen Malyssek und Klaus Störch

  157. Bronski sagt:

    Genau dieser Punkt interessiert mich noch ein bisschen eingehender: „die gesellschaftlichen Entwicklungen mit neuen Herausforderungen in der Sozialarbeit und in der Wohnungslosenhilfe“, wie Sie schreiben.
    Was hat sich denn in diesen zehn Jahren entwickelt oder verändert?

  158. Jürgen Malyssek sagt:

    Seit dem Erscheinen der 1. Auflage des Buches hat sich folgendes in der Gesellschaft verändert, was auch in der Sozialarbeit nach neuen Lösungen sucht:

    – Die Zahl der Arbeitsmigranten bzw. der hier gestrandeten EU-Bürger, etwa aus Rumänien, Bulgarien, Polen oder Slowakei ist stark gestiegen. Das neue Subproletariat auf den Straßen und Plätzen. Es hat vor allem auch in der Wohnungslosenhilfe dazu geführt, dass zu den sozialarbeiterischen Hilfen für diese Menschen, die Sprachprobleme gewachsen (Verständigung) gewachsen sind und fremdsprachige MitarbeiterInnen neu in das Hilfsystem kommen mussten, um mit dieser Arbeit zurecht zu kommen.
    Dazu diese steigenden Fälle, derjenigen Menschen auf der Straße oder in Behelfsunterkünften, die weder sozial- noch krankenversichert sind und deshalb neue Arbeitsprojekte entwickelt werden müssen, um die soziale Versorungssituation und die medizinsche Behandlungen zu ermöglichen.

    Die weitere umfängliche Entwicklung in diesen Problemfeldern ist noch nicht abzusehen.

    – Darüber haben wir auch geschrieben:
    Die vermehrt wohnungslosen Jugendlichen auf der Straße oder auch in entsprechenden Anlaufstellen, eigentlich in allen größeren Städten der Republik. Neue Hilfekonzepte, die die Bedarfe von diesen jungen Menschen auch entsprechen.

    – Nach der Flüchtlingswelle 2015 hat sich die Stimmung im Lande etwas beruhigt. Aber geblieben ist der Konflikt, dass etwa die Flüchtlinge (einschließlich der Situation dr Unterkünfte) gegen die Obdachlosen ausgespielt werden (Sündenböcke für die Misere des fehlenden Wohnraums und der Beanspruchung durch die Flüchtlinge und andere Fremde im Lande)

    In diesem Zusammenhang der gewachsene Hass und das Gewaltpotenzial der Rechtsextremen, der Pegidas, der immer weiter sich entwickelte Rassismus in unserer Gesellschaft, der dann halt ausschlägt auf die Ärmsten der Armen. Siehe Gewaltpotenzial und die Gefahr für Menschen auf der Straße. All das hat jetzt auch die Inhalte der Wohnungslosenhilfe verbessern, verändern müssen.

    Dann natürlich die neue Situation in den Städten durch Lockdown, Corona und die Verlassenheit der Wohnungslosen auf der Straße.
    Die Situation der Hilfeeinrichtungen insgesamt in den Zeiten der Infektionsgefahren und der Versorgung der Menschen überhaupt.

    Schließlich haben wir zu verfolgen, wie sich insgesamt die soziale Lage in Deutschland entwickelt, wie die materielle Versorgung der Armen und Bedürftigen angesichts der staatlichen Sozialhilfe, der Tafeln (kritisches Thema!!), der Armenküchen in Folge der Corona-Krise aussehen wird.

    Wir leben in einer neuen Übergangszeit, von der aus wir noch gar nicht wissen, wie es wirklich weitergehen wird und was es mit den Menschen in der Krise macht, wer neu auf der Strecke bleiben wird und wie stark der Sozialstaat ist, um seinen Aufgaben gerecht zu werden.

    Mit all diesen Fragen und den vielen Veränderungen in der Szene der Armen und Wohnungslosen wird sich die Wohnungslosenhilfe auseinandersetzen müssen.

    Für die Sozialarbeit an sich sind das keine handwerklichen Probleme. Diese ist fachlich gut aufgestellt.
    Aber die finanziellen Resssouren, die Bereitschaft des Staates da Geld in die Hand zu nehmen, wo die neuen sozialen Brennpunkte sind und noch hinzukommen.

    Das sind hier zunächst auch viele offene Fragen und auch das Unvorhersehbare bleibt uns erhalten.

    Kann sein, dass ich was vegessen habe. Das ist jetzt alles im Eilschritt passiert.

  159. Jürgen Malyssek sagt:

    Bin jetzt mal eine Stunde unterwegs und so gegen 18.00 h wieder on line.

  160. Bronski sagt:

    @ all

    Ich danke Ihnen allen für das aufschlussreiche Gespräch, aus dem sicher viele Menschen Gewinn ziehen werden. Ich ziehe mich nun hier raus, aber wie gesagt: Es ist weiterhin möglich, das Thema zu kommentieren und zum Thema zu diskutieren.

    Ihnen allen ein schönes Wochenende!

  161. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Bronski

    Danke Ihnen auch für die intensiven Gespräche, diese besondere Möglichkeit der Reflexion und die gute Moderation. Das war eine dichte Woche, eine Herausforderung an die Kondition, aber es hat sich auch gelohnt.

    Ihnen, lieber Bronski, ein angenehmes Wochenende!

  162. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Klaus Störch

    Lieber Klaus, auch Dir danke ich für unser gutes Zusammenarbeiten. Dabei hattest Du auch noch Dienst und Offizielles an der Backe. Chapeau!

    Ein erholsames Wochenende!
    Jürgen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um Spam zu vermeiden, füllen Sie bitte das Captchafeld aus. * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.