Bruchlinien zwischen den Siedlergruppen

Bruchlinien zwischen den Siedlergruppen

von Heidemargreth Spielbrink-Uloth

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Ein eigenes Plumpsklo war tatsächlich eine Art Luxus. Fast überall mussten sich viele Menschen den noch vorhandenen Wohnraum teilen und damit auch die sanitären Anlagen. Auf dem Lande war das Misstrauen möglicherweise größer als in den Städten. Die Situation unterschied sich jedoch von der heutigen grundlegend: Damals trafen Ostflüchtlinge, Vertriebene, Binnenflüchtlinge, Evakuierte und Ortsansässige aufeinander. Die Wohnungswirtschaft tat ein Übriges.

Meine Familie war in Kassel ausgebombt und in einen kleinen Ort nahe Fulda evakuiert worden. Meine hochschwangere Mutter sollte mit dem nächsten „Schub“ nachkommen. Unterwegs kam sie mit mir nieder; sie hat sich immer wieder dankbar über jene Bäuerin geäußert, die sie aus dem Pulk an Flüchtlingen herauspickte und sie in ihr Haus aufnahm, wo ich geboren wurde. Sie unterstützte sie ein paar Monate, bis meine Mutter kräftig genug war, den Weg allein fortzusetzen.

Am Evakuierungsort kam die Familie bei Bauern unter. Sie arbeiteten von sechs bis sechs oder sieben Uhr gegen Kost und Logis und ersetzten die Söhne des Hauses, die noch in Gefangenschaft waren. Bäuerin und Hausmagd hatten mich ständig im Schlepptau und taten das offenbar ganz gern.

Während dieser Zeit starb mein Großvater. Als der erste Sohn aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, verstärkte mein Vater seine Suche nach einem Ort für einen Neuanfang und „landete“ nördlich von Frankfurt in einem Ansiedlungsprojekt der EKD-HN. Siedlungsgebiet war ein ehemaliger Truppenübungsplatz. Von Anfang an wurden alle Gewerke angesiedelt, in leer stehenden Gebäuden der Truppen wurde eine Jugend-Lehrwerkstatt eingerichtet und jugendlichen Waisen und anderen Jugendlichen qualifizierte Ausbildung geboten. Bald gab es Kindergarten, provisorische Grundschule, einen kleinen Laden und eine Poststelle. Die ersten Wohnhäuser waren aus dem Material errichtet, das vor Ort vorhanden war, aus Lehmziegeln und Lehmmörtel.

1948 kam die Restfamilie nach. Straßen bestanden aus Lochplatten, die ineinander verhakt wurden, damit Lkws nicht im Matsch versanken. Ohne Kanalisation gab’s auch keine Wasserklos, sondern „Plumpser“ und Klärgruben, aus denen die Abwässer regelmäßig abgepumpt wurden.

Die verschiedenen Siedlergruppen lebten im Großen und Ganzen friedlich zusammen, aber es gab verschiedene „Bruchlinien“. Auslöser einer solchen war der sogenannte „Lastenausgleich“, der an Ostflüchtlinge und Vertriebene gezahlt wurde, an Einheimische aber nicht. Das führte da und dort zu Reibereien und abgrenzendem Gerede. Obwohl ich damals etwa vier Jahre alt war und den Inhalt des Gehörten nicht verstand, blieb der „Spott“ im Gedächtnis haften. Ein Nachbar hatte sich über Leute aus dem Baltikum geärgert und „für Spaß“ einmal nachgerechnet, welche Fläche sich denn aus den Größenangaben der „Rittergüter“ dieser Flüchtigen ergäbe. Er kam zu dem Schluss, dass die Balten, die in diesem Projekt mitmachten, das gesamte Estland besessen haben müssten.

Eine andere Grenzlinie ergab sich aus den verschiedenen Landsmannschaftszugehörigkeiten. Jede Gruppe gründete ihren Verein zur Erhaltung ihrer Herkunftstraditionen und –besonderheiten. Dabei wurde auf „Bestandserhaltung“ geachtet, Heiraten mit Vorliebe „intern“ geregelt und der Vertriebenenstatus gewissermaßen weitervererbt.

Eine weitere Grenzlinie ergab sich aus der unterschiedlichen Kirchenaffinität der Menschen. Hilfsaktionen der Kirche schienen bevorzugt an fleißige Kirchgänger zu gehen, nicht immer nach dem Kriterium der Bedürftigkeit. Auch hier gab es Getratsche und Gerede. Auch bei den spöttisch „Oberfrommem“ genannten war es wichtig, „interne“ Familiengründungen zu forcieren.

Eine Gruppe blieb von diesen Grenzziehungen weitgehend frei, das waren die Kinder. Für uns „Lütte“ waren Spielkameraden wichtig, und die hatten wir. Als dann die Hauptstraßen der Siedlung gebaut waren, spielten wir alle Spiele, die die Kinder mitgebracht hatten: Hickeln, Wimmeln, Hölle, „Fischer, wie tief ist das Wasser?“, Kreisspiele mit und ohne Begleitlieder, die Klassiker Verstecken und Fangen.

Anfang der Fünfzigerjahre gab es die Schule, die Zwangs-Wohnungsbewirtschaftung wurde schrittweise zurückgenommen, die Siedlergemeinschaft wuchs weiter, es gab wieder Arbeitsplätze. Die landsmannschaftlichen Parallelwelten wurden weiter gepflegt, wurden aber offener. Die Nachwachsenden fühlten sich oft nicht mehr an die Vorgaben gebunden. In den ersten Häusern wurden Nachhol-Investitionen getätigt. Die Entwicklung vom Plumpsklo zum WC und von der Zinkwanne in der Küche zum modernen Kombibad, von Kohleöfen zur Zentralheizung zeigte die Wirtschaftswunderzeit.

Heidemargreth Spielbrink-Uloth, geboren 1945, lebt in Bad Vilbel.
Sie ist Mitgründerin der Musikschule Bad Vilbel und Karben
und war bis ins Jahr 1997 im Schuldienst.
Sie ist verheiratet und hat zwei adoptierte Kinder.

Der Text ist auch eine Reaktion auf den Bericht „Ein eigenes Plumpsklo als besonderer Luxus“ von Rainer W. Hoffmann vom 24.12.2015.

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