Wir lebten in Bunkerkabinen ohne Tageslicht

Wir lebten in Bunkerkabinen ohne Tageslicht

von Rolf Rand

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Ich bin 1947 in einem Dorf in Sachsen geboren. Wegen Arbeitslosigkeit meiner Mutter sind sie und ich im Frühjahr 1951 aus der DDR geflohen. Im strömenden Regen gingen wir durch einen kleinen Grenzfluß und waren im „Westen“. Mit zwei Koffern begann unser Leben neu.

Aufgenommen wurden wir bei der Schwester meiner Mutter in Bonn. Hier lebten dann sieben Personen in drei kleinen Räumen. Nach einem Streit mit der Schwester mußten wir im Herbst 1951 in eine zugige und unisolierte Holz-Baubaracke ziehen und verbrachten dort frierend den Winter 1951/52.

Im Frühjahr 1952 fuhren wir mit einem Lastwagen nach Frankfurt und wohnten in einem Rohbau in der Ulmenstr., Ecke Bockenheimer Landstr. Mein Bett war ein Tisch in einem notdürftig abgedichteten Raum des Hauses. Nach Fertigstellung des Hauses mussten wir im Frühsommer 1952 in den Bunker an der Wittelsbacher Allee ziehen. Der Umzug mit unseren Habseligkeiten fand mit einem zweirädrigen Drückkarren statt, den mein Vater von der Bockenheimer Landstr. in die Wittelsbacher Allee schob, ich lief nebenher. Hier hatten wir zwei Bunkerkabinen, jede etwa sechs Quadratmeter groß ohne Tageslicht. Im August 1952 kam mein Bruder zur Welt, der nicht in den Bunker durfte, sondern ins Kinderheim musste.

Im März 1953 zogen wir dann in eine 38 Quadratmeter große Zweizimmerwohnung in der Mainzer Landstr. mit fließend kalten Wasser am Waschbecken und an der Spüle. Eine Badewanne gab es nicht, aber einen Kohleofen für die gesamte Wohnung im Wohnzimmer. Mein Bruder konnte endlich aus dem Kinderheim raus. Meine Schwester wurde 1953 geboren, somit lebten dann fünf Menschen in den zwei Zimmern. Ohne Warmwasser, ohne Kühlschrank, ohne Waschmaschine. Aber eine Tageszeitung im Abo hatte die Familie, die Frankfurter Rundschau.

Rolf Rand 1955Um Ostern 1954 wurde ich in die Eichendorff Schule in Griesheim eingeschult. Diese Schule war vorher die Verwaltung der Bi-Zone. Sogar der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard soll dort gearbeitet haben. Diese Schule wurde erst mit meinem Einschulungsjahr wieder für den Schulbetrieb freigegeben.

Rolf Rand (Mitte)
an Weihnachten 1955.
Foto: privat.

Es war eine harte und karge Kindheit. Es gab keine staatlichen oder städtischen Hilfen für die Familien, es gab kein Kindergeld. Es gab keine Jugendclubs. Es gab kein Fernsehen aber in Griesheim drei Kinos mit Jugendvorstellung sonntags. Uns wurde nichts geschenkt und nicht geholfen. Trotzdem haben wir das Beste aus unseren Leben gemacht, auch wenn wir Kinder kein Gymnasium besuchen konnten, da das Geld nicht vorhanden war.

Heute ist meine Mutter 92 Jahre und hat Demenz. Jeden Tag gibt es neue Aufregungen deswegen, da Sie noch in der Wohnung bleiben möchte. In Sachen Pflegegeld und Pflegedienst ist dies ein ständiger Kampf mit der Bürokratie und den Ämtern. Es gibt keine umfassende Hilfe und Betreuung, leider alles zu teuer.

Rolf Rand, Obertshausen

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