Heimatliche Gefühle

Heimatliche Gefühle

Von Gudrun Nositschka


Vor meiner Einschulung im Frühjahr 1948 zog eine Familie mit Sohn Jürgen ins Haus ein. Vertrieben aus Königsberg/Ostpreußen. „Sie haben ihre Heimat verloren. Schrecklich!“, erklärte mir meine Oma. Vielleicht weint die Frau deshalb manchmal, dachte ich, weil sie keine Heimat mehr hat. „Haben wir eine Heimat, Oma?“ „Aber sicher, mein Dummchen. So weit dein Auge reicht, ist unsere Heimat. Ganz Gladbeck, das ganze Ruhrgebiet, ganz Westfalen. Hier bist du geboren.“ „Aber du bist doch in Ostpreußen geboren. Hast du auch deine Heimat verloren?“ „Ach, mein Sonnenschein, dass ist doch etwas ganz Anderes. Wir wurden nicht vertrieben, sondern sind schon 1907 hierher ausgewandert, damit es uns allen besser gehen sollte. Ich habe mich von Anfang hier wohlgefühlt.“ „War es denn in Ostpreußen nicht schön?“ „Von der Schönheit allein kannst du nicht gut leben. Hier haben wir ausreichend Wohnraum, gute Arbeit, Gartenland und ein milderes Wetter. Hier habe ich geheiratet, meine sieben Kinder großgezogen, kann Schweine, Schafe und Hühner halten. Das alles ist mein Zuhause, meine Heimat – unsere Heimat.“ Wie leicht mir wurde. Ich musste nicht weinen, ich hatte ja eine Heimat.

In der 4. Klasse der Volksschule stand Heimatkunde auf dem Stundenplan. Wie ich dieses Fach liebte! Lehrer Block zog mit uns durch Gladbeck, zur höchsten Erhebung, zur niedrigsten Stelle. Er lehrte uns, nach einer Karte zu gehen, das Auge für die Schönheiten der Landschaft und der Zechen offen zu halten. „Das alles ist eure Heimat, für jeden von euch, ob ihr nun hier geboren wurdet oder in Schlesien und Ostpreußen. Ihr seid alle Kinder Gladbecks und des Ruhrgebiets!“ Das musste ich unbedingt der Oma erzählen. Ob dann auch Jürgens Mutter nicht mehr weinen würde, weil auch ihr Sohn ein Kind Gladbecks war?

Studium, Arbeit und Heirat führten mich nach Berlin, England, USA, Köln und Frankfurt und für alle Orte entdeckte ich in mir heimatliche Gefühle. Meine Eltern und Oma wohnten weiterhin in Gladbeck, die ich so oft wie möglich besuchte. Im Herbst 1977 zog ich mit Mann und zwei kleinen Söhnen in ein Dorf der Eifel. Voreifel sagen einige dazu.

nositschka-heuteDie Eifel! Ich liebe diese sanften Hügel, die weiten Täler, die vielen Dörfer und kleinen Städte, den Klang des Eifeler Platts, die Trompetenrufe der Kraniche im Frühjahr und Herbst, wenn sie über uns fliegen, die Zeugnisse der Römer-, Kelten- und Germanenzeit wie die Matronenheiligtümer in Nettersheim und Pesch. Von hier weggehen wollen? O nein! Weggehen zu müssen? Eine schreckliche Vorstellung! Dann würde ich wie Jürgens Mutter weinen.

Gudrun Nositschka. Geboren 1942.
Arbeitete drei Jahre in Frankfurt,
lebt seit 1977 in der Eifel in Mechernich-Wachendorf.
Schriftstellerin. Verheiratet, zwei Söhne, zwei Enkeltöchter.
Sie hat Kindheitserinnerungen an Flüchtlinge,
ist selbst nicht auf der Flucht gewesen.

Foto: privat

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2 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    Die Gefühle von Gudrun Nositschka bezüglich der Eifel kann ich nachvollziehen.

    Denn dort bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe z.T. dort gearbeitet und freue mich, wenn ich Gelegenheit habe, das Eifler Platt zu sprechen.

    Viele Bewohner meines Dorfes haben sich schon gewundert, dass ich nach jahrzehntelanger Abwesenheit diese ausdrucksreiche Sprache nie verlernt habe.

    Und stolz bin ich auch über die Zeugnisse der Antike und des Mittelalters in dieser Gegend.

    Ein Großonkel von mir, der selbst in frühen Jahren im Ausland war, schrieb mal ein Büchlein mit dem Titel „Oh Eifelland, wie schön bist du“

  2. Henning Flessner sagt:

    Ich sah einmal eine Sendung im ORF, in der eine Frau sagte, dass sie stolz auf die Tiroler Alpen sei. Darauf entgegnete ihr eine andere Frau: „Ach Sie waren das! Ich mich schon immer gefragt, wer die gemacht hat.“