„Wir nehmen hier keine Zigeuner“

„Wir nehmen hier keine Zigeuner“

von Wilfried Böhm

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1931 kam ich in Spachendorf, Kreis Freudenthal / Ostsudetenland zur Welt. Mein Vater war in dem Ort Lehrer, meine Mutter führte den Haushalt und ich hatte einen zwei Jahre älteren Bruder. Wir wohnten von 1937 bis zur Vertreibung in einem Einfamilienhaus. Mein Vater starb leider bereits im Jahr 1938 an den Folgen einer Blinddarmoperation.

Am 6. Mai 1945 besetzten die russischen Soldaten den Ort und bald danach kamen Tschechen, um uns zu enteignen. Am 13.3.1946 erhielten wir den Ausweisungsbefehl. Wir mussten uns am nächsten Morgen an einem Sammelpunkt einfinden. 50 Kilo Gepäck durften wir pro Person mitnehmen. Bei der Kontrolle wurden uns etwa die Hälfte der gepackten Habseligkeiten weggenommen. Lastwagen brachten uns in ein arg verwanztes Lager in der Kreisstadt.

Nach einigen Tagen wurden wir in Viehwaggons verladen, jeweils 30 Leute mit dem Gepäck in einen Wagen. Die Fahrt ging über Königsgrätz, Prag und Pilsen nach Furth im Wald, wo uns die Amerikaner und Hilfskräfte des Roten Kreuzes in Empfang nahmen. Wir wurden ganz intensiv mit DDT-Pulver unter die Kleidung eingestäubt. Das war gar nicht angenehm. Aber die Freude endlich in einem Land angekommen zu sein, wo Recht und Ordnung herrschen, überwog. Nicht mehr der Willkür und völliger Rechtlosigkeit ausgeliefert zu sein, ließ uns so manche Unbill und die Frage, wie unser Leben weitergehen soll, als unbedeutend erscheinen.

Am späten Nachmittag fuhren wir dann über Schwandorf nach München. Dort blieben wir in der Nacht lange stehen. Eine Schießerei mit Polen erschreckte uns. Am nächsten Morgen kamen wir nach Augsburg und wurden am Güterbahnhof ausgeladen. Lkw brachten uns in ein Barackenlager in Haunstetten, einem Vorort von Augsburg. In dem Lager verweilten wir einige Tage, um dann in die einzelnen Landkreise des Bezirks Schwaben verteilt zu werden. Wir, meine Mutter und mein Bruder, kamen nach Friedberg (Bayern) in ein Seminargebäude, das früher der Ausbildung von Kindergärtnerinnen diente. In einem großen Saal schliefen wir – wie viele Leute weiß ich heute nicht mehr – auf Matratzen, die auf dem Boden lagen. Ein paar Tage später erhielten wir amerikanische Feldbetten. Von der Kreisstadt Friedberg wurden wir auf die einzelnen Landgemeinden verteilt.

Papa Oma ErichIn der alten Heimat waren mein Bruder und ich, auf das Gymnasium in Freudenthal gegangen. Wären wir nun auf ein Dorf abseits von Friedberg verwiesen worden, wäre der Besuch solch einer Anstalt unmöglich geworden. Busverbindungen gab es damals nicht und der Besuch eines Internates wäre für uns unbezahlbar gewesen. Außerdem hatte mein Bruder Anfang der vierziger Jahre eine tuberkulöse Hüftgelenksentzündung bekommen. Sie war wohl ausgeheilt, aber die Hüfte war versteift und das Bein verkürzt. Er musste orthopädische Schuhe tragen und beim Gehen einen Stock benutzen. Für die schwere Arbeit auf einem Bauernhof war er nicht geeignet. Augsburg aber liegt nur acht Kilometer von Friedberg entfernt und war mit Bahn, Bus und Straßenbahn gut zu erreichen.

Wilfried Böhm (links)  mit Mutter und Bruder
im Jahr 1953. Foto: privat.

Wir mussten also alles tun, um in Friedberg bleiben zu können. Infolgedessen ging meine Mutter zum Friedberger Landrat und bat ihn, in Friedberg bleiben zu dürfen. Er überlegte ein wenig und sagte: „Na gut, einmal müssen wir ja auch in Friedberg mit Flüchtlingen anfangen.“ Wir waren mit dieser Entscheidung sehr glücklich, wohlwissend, dass die Versorgung mit Lebensmitteln auf dem Land besser funktioniert hätte. In Friedberg herrschte sehr große Wohnungsnot. Die Amerikaner hatten in der Nacht vom 25. Zum 26. Februar 1944 in Augsburg vor allem Wohngebiete zerbombt. 85 000 Augsburger hatten ihr Zuhause verloren und so manch einer hatte in Friedberg Zuflucht gesucht.

Der Wohnraum war bewirtschaftet. Wir wurden zu einer dreiköpfigen Familie eingewiesen. Die Tür war verschlossen, man ließ uns wissen, dass sie Zigeuner nicht aufnehmen. Ein Polizist musste mit uns gehen und den Wohnungsinhaber an seine Nazivergangenheit erinnern, dass uns geöffnet wurde. Das Zimmer, etwa 16 Quadratmeter groß, war völlig leer, nur ein eiserner Kanonenofen stand darin. Zuerst besorgten wir uns drei Strohsäcke und das nötige Stroh, um nicht auf dem blanken Boden schlafen zu müssen. Zum Mittagessen gingen wir in ein Gasthaus. Es gab nur ein Einheitsessen, das uns nicht immer gut schmeckte. Um einmal baden zu können, gingen wir zum Holzsammeln in einen Wald. Dort gab es nach vielem Suchen nur ganz wenige dünne Ästchen. Zu viele Leute suchten Brennmaterial. Lebensmittel gab es nur auf Karten. Vor allem das Brot war wenig. Wir waren jung, in den Entwicklungsjahren und hatten immer wieder Hunger. Wie glücklich waren wir, wenn uns die Bäckerin ein wenig Brot ohne Marken zustecken konnte!

Als uns die Hausleute nach wenigen Tagen näher kennenlernten, unser Herkommen und unser Schicksal erkannten, änderte sich ihr Verhalten uns gegenüber. Sie wurden freundlicher und halfen uns auch mal. Sie erfuhren z.B., dass ich so gerne male. Da schenkten sie mir einen Aquarell-Malkasten mit Pinsel. Nur Aquarellpapier fehlte mir. Ich fuhr nach Augsburg zum einzigen Fachgeschäft für Künstlerbedarf. Die Verkäuferin aber sagte mir, dass ich nur mit einem Künstlerausweis welches bekommen könnte. Sie flüsterte mir aber zu, ich sollte doch ein wenig warten. Nach über einer Stunde Wartezeit, als niemand sonst im Laden stand, schob sie mir ein paar Blätter unterschiedlicher Größe und Qualität zu. Wie war ich froh! Viele Jahre kaufte ich Papier und Farben in diesem Geschäft bei der hilfsbereiten Verkäuferin.

ElternhausSchon bald nach der Ankunft in Friedberg fuhr meine Mutter nach Augsburg, um uns am Gymnasium in Augsburg anzumelden. Als der Schulleiter erfuhr, dass mein Bruder zwei Jahre verloren hatte, eins durch seine Erkrankung und ein zweites, wie wir alle, durch die Kriegseinwirkung, Besetzung und Vertreibung, da verlangte er, dass mein Bruder bis zu Ferienende, diese beiden Jahre nachholen müsste.

Das Elternhaus von Wilfried Böhm
in Spachendorf/Sudetenland

im Jahr 1940. Foto. privat

Meine Mutter geriet über diese nicht zu erfüllende Forderung so in Rage, dass sie dem Herrn Oberstudienrat sagte: „Da müssen ja ihre Schüler allesamt Idioten sein, wenn sie acht Jahre bis zum Abitur brauchen.“ Er kam ins Grübeln, reduzierte seine Forderung auf ein Jahr und gab meiner Mutter die Adresse einer guten Nachhilfelehrerin. Nach der ersten Nachhilfestunde bezahlte mein Bruder den vereinbarten Preis. Nach der zweiten Stunde aber nahm die Lehrerin kein Geld an und ließ meine Mutter wissen, es sei ihr eine Ehre solch einen begabten Schüler unterrichten zu dürfen.

1950 legte mein Bruder am Peutinger Gymnasium ein Abitur mit derart guten Noten ab, wie es seit vielen Jahren nicht mehr der Fall gewesen war. Einige Lehrer rieten ihm, sich um das Hundhammer-Stipendium zu bewerben. Alois Hundhammer war damals in Bayern Kultusminister. Doch plötzlich flammte im Lehrkörper eine Diskussion auf, ob man einem „Flüchtling“ dieses Stipendium geben dürfe, es sei doch schließlich ein bayerisches Stipendium. Zum Glück waren die Befürworter in der Mehrzahl. Mein Bruder bekam das sehr hoch dotierte Stipendium und konnte an der Universität München das nicht billige Chemiestudium beginnen.

Ich erlebte in meiner Klasse am Gymnasium nie eine Ausgrenzung, Benachteiligung oder Beschimpfung. Es gab nur noch einen zweiten Vertriebenen, der aus Oberschlesien stammte und zufällig auch in Friedberg wohnte. Mit ihm befreundete ich mich bald. Die Cliquenbildung geschah nicht nach Herkunft, sondern wie wohl auch heute noch, zwischen Wohlhabend und Arm. Es gab damals auch unter den Einheimischen arme Schüler, welche durch die Bombenangriffe alles verloren hatten. Es fehlte an allem. Es gab keine Schulbücher. Nur in der amerikanischen Bücherei konnten wir Bücher ausleihen. Hefte und Schreibmaterialien waren, wenn überhaupt zu haben, miserabel. Kleidung konnte man nicht kaufen. Ich weiß nicht mehr wie lange ich nur mit einer einzigen Hose leben musste. Die Amerikaner spendierten uns eine Schulspeisung und hin und wieder kam auch von ihnen eine Kleiderspende. Manchmal war dann ein hochmodisches Kleidungsstück dabei, welches wir an betuchte Mitschüler verkaufen konnten.

Nach der Währungsreform im Jahr 1948 füllten sich überraschend schnell die Schaufenster der Geschäfte, doch vielfach fehlte das Geld, um die so lang ersehnten Waren erwerben zu können. Aber langsam wurde die Lage besser, das Wirtschaftswunder breitete sich aus.

Wir wurden immer wieder Flüchtlinge genannt, wir waren jedoch keine. Wir waren vor nichts und niemandem geflohen, wir waren von den Tschechen gewaltsam aus unserer angestammten Heimat vertrieben, „ausgesiedelt“ worden, um sich an unserem Hab und Gut bereichern zu können.

Natürlich gab es von Seiten der Einheimischen auch Ablehnung und gar Beschimpfungen. Man ging diesen Leuten aus dem Weg und dachte sich seinen Teil. Das übelste Schimpfwort war „Huraflüchtling“. Diesen Ausdruck gebraucht der Bayer für ein besonders schlechtes Teil, z.B. Huraglump. Doch nach ein paar Jahren konnte man erleben, dass dieses Wort augenzwinkernd als besondere Anerkennung für einen tüchtigen Ausgewiesenen Verwendung fand.

Böhm Wilfried kleinMit der heutigen Flüchtlingskatastrophe kann man die damaligen Ereignisse nicht vergleichen. Die Ausgewiesenen hatten die gleichen Wertvorstellungen, Rechtsauffassungen, die gleiche Religion, Ausbildung und Sprache. Nur die Mundart war unterschiedlich. Teure Integrationsmaßnahmen waren nicht notwendig. Die Ausgewiesenen halfen, das zum Teil zerschundene Land wieder aufzubauen.

Wilfried Böhm
lebt heute Dasing.
Er hat als Lehrer
gearbeitet wie sein Vater.
Foto: privat.



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