Ich lief davon vor diesen grauen, glatten Leuten

Frankfurter Rundschau Projekt

Ich lief davon vor diesen grauen, glatten Leuten

Von Peter Weidhaas

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1968, eine Zeit des Aufbruchs. Die Jugend unseres Landes machte mobil gegen die Verlogenheit der fünfziger Jahre, in denen der wirtschaftliche Wiederaufbau einherging mit der Verdrängung des Gewesenen. Die Zeit der „vaterlosen Gesellschaft“ und der „Unfähigkeit zu trauern (Mitscherlich) sollte abgelöst werden durch eine nicht-autoritäre Herrschaft sozial engagierter Vernunftmenschen.

Wir alle wissen, wie schnell und wie schmählich dieser Aufbruch misslang, wie die Protagonisten dieser Revolution abschwirrten, entweder in den Terrorismus der RAF oder in die Sekten des Bhagwan und anderer.

Aber man unterschätze nicht die Veränderung, die sich in uns jugendlichen Zeitgenossen von damals vollzog, die diesem Aufbruch mit Sympathie und Aufmerksamkeit folgten. Wir zogen zwar nicht täglich bei Demonstrationen durch die Straßen. Wir verbrachten auch nicht unsere Nächte bei heißen politischen Diskussionen im Club Voltaire. Wir wohnten nicht in Wohngemeinschaften und hatten auch nicht gleich teil an der sexuellen Befreiung, von der die Illustrierten  so gern in diesem Zusammenhang berichteten. Doch wir blickten fasziniert auf das Geschehen, reihten uns auch hier und da unbeholfen in eine Demonstration ein.

Etwas brach in uns auf. Aus der Enge erwuchs ein Gefühl der Weite. Freiheit war keine literarische Kategorie mehr, sondern plötzlich zum Greifen nahe. Alles war nun möglich, was vorher unmöglich gewesen war.

 

Die Bedrückung ein Deutscher zu sein, hatte mich sehr früh aus meinem Elternhaus vertrieben. Das Bewusstwerden jener Grausamkeiten, die in deutschen Namen geschehen und von diesem Volk begangen worden waren, von dem ich ein Teil war, war für den Heranwachsenden kaum tragbar und löste Fluchtverhalten aus.

Ich wollte kein Deutscher mehr sein, ich wollte nicht mehr deutsch sprechen, und vor allem wollte ich nichts werden, was mich in diese Gesellschaft eingliedern würde. Ich lief davon. Ich lief davon vor diesen grauen, glatten Leuten in den Straßenbahnen. Ich lief davon vor den Lehrern. Ich lief davon vor allem, was in diesem Land Autorität beanspruchte. Ich trampte durch Europa. Frankreich, England, Spanien, – Griechenland und die Türkei standen auf meinem rastlosen Fluchtplan.

Als ich mich schließlich unter Selbstzweifel bereit fand, wenigstens eine Berufsausbildung abzuschließen – meine bürgerliche Erziehung hatte doch noch die Oberhand gewonnen – gelang das nur mittels einer starken Selbstdisziplin, begleitet allerdings von einer das ganze Leben erfüllenden Traurigkeit und Bedrücktheit.

Heute kann ich feststellen, dass erst die Studenten von 1968 uns Jugendlichen von damals so etwas wie eine Selbstachtung zurückgaben, indem sie darangingen, die überkommenen Autoritäten, die vielfach noch mit den Autoritäten der Nazizeit, zumindest mit großen Teilen von deren Gedankengut identisch waren, in Frage zu stellen.

Das was 1968 geschah, war für die Jungen in Deutschland-West, wie immer man das heute sehen mag, eine befreiende Kulturrevolution, und vieles von dem liberalen Gedankengut, das unsere alte Bundesrepublik auszeichnete und das vielleicht auch heute noch in dem sich schwerfällig annähernden Gesamtdeutschland hier und da den Ausschlag gibt, stammt aus jener bewegten Zeit.

Aber der Aufbruch der 68ger wirkte auch auf vielfältig andere Weise  auf uns Junge von damals: Wir wurden unverschämter. Wir kuschten nicht mehr wie früher, wurden aufmüpfiger, ja taten sogar hin und wieder einfach, was uns passte. Das war neu und eine wunderbare Erfahrung. Alles war plötzlich offen und grenzenlos geworden, die Möglichkeiten, die Lebensfreude…

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Der Autor

Weidhaas heute kleinPeter Weidhaas, geboren 1938, Kindheit in Berlin,
Schulzeit in Braunau am Inn und Mülheim an der Ruhr,
Jugend als Tramper in Europa,
Buchhändlerlehre,
Studium der Grafischen Techniken in Kopenhagen;
Produktionsleitung einer dänischen Buchbinderei,
Buchhersteller in einem wissenschaftlichen Verlag in Stuttgart,
seit 1968 Mitarbeiter beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt,
1975-2000 Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse

Bild: privat