Unsere liberale Demokratie ist ohne den Anschub durch 68 nicht denkbar

Frankfurter Rundschau Projekt

Unsere liberale Demokratie ist ohne den Anschub durch 68 nicht denkbar

Von Michael Wackermann

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Endlich konnte er studieren. Es war das Wintersemester 1968 in Hamburg. Vor einem Jahr ging das Foto mit dem Transparent um die Welt, das bei der Semestereröffnung 1967 Hamburger Studenten vor den Ordinarien entrollten:„Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Im Sommer 68 hatte er an Demonstrationen gegen Springer teilgenommen.“Haut dem Springer auf die Finger“. Die Auslieferung der Bildzeitung konnte kurzzeitig verhindert werden.
Wackermann 1968Er war 30 Jahre alt, Zimmermann, Hauptgefreiter der Marine (inzwischen anerkannter Kriegsdienstverweigerer) und hatte im Frühjahr 1968 die Fremdenreifeprüfung in Hamburg bestanden: Endlich Abitur! Georg Picht beschrieb 1964 die deutsche „Bildungskatastrophe“. Der akademische Nachwuchs war für die Anforderungen der Industriegesellschaft zahlenmäßig viel zu gering und es wurde der „2.Bildungsweg“ propagiert. Also los, Abitur nachholen!
Konzentriert auf gesellschaftswissenschaftliche Fächer wollte er ein umfassendes Studium beginnen. Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaft, Germanistik, Philosophie, Sexualwissenschaft. Ziel: Lehrer für Haupt- und Realschulen, keinesfalls Gymnasium. Die Kinder der unteren Schichten sollten es sein.
Und vielleicht promovieren, um nach einiger Schulpraxis an die Universität zurückkehren zu können.

Das erste Semester: kann er den Anforderungen genügen? Die Antwort darauf musste noch warten, denn es gab wichtigeres: ehe nicht mindestens die marxschen Feuerbachthesen diskutiert wurden, konnte kaum eine Vorlesung oder ein Seminar beginnen. Auf diesem Gebiet war er gut vorgebildet. Im 3.Radioprogramm des NDR diskutierten u.a.Ernst Bloch, Hans Mayer, Walter Jens, Theodor W.Adorno. Gelesen wurde alles, was an kritischer Theorie zu haben war, Damit hatte er sogar seine Prüfer beim Abitur beeindruckt. Außerdem musste gegen den Vietnam-Krieg demonstriert werden. Auch das war wichtiger als manche Vorlesung. Weitere Anlässe für Demonstrationen waren der Einmarsch der Warschauer Truppen in die Tschechoslowakei unter Beteiligung von DDR-Truppen. Die Gesichter der am Rand der Straßen stehenden Passanten drückten meist Unverständnis aus, trotzdem wurde ihnen flyer in die Hand gedrückt. „Nieder mit…“ stand immer am Ende der Texte. Heute fällt ihm auf, dass nur gegen etwas demonstriert wurde. An Demonstrationen für etwas kann er sich nicht erinnern. Auch auf einer DBG -Kundgebung zum 1.Mai, auf der Willy Brand vom Balkon des Hamburger Rathauses sprach, wurde nur gepfiffen.

Die Ordinarien machten z.T. einen hilflosen Eindruck, wenn sie über die Relevanz ihres Themen vor dem Hintergrund internationaler Klassenkämpfe Auskunft geben sollten. Hilflos war der Versuch, Links und Rechts gleichsetzen zu wollen. Hilflos war die Diffamierung kritischer Theorie als „linker Faschismus“. Erfolge gab es in der universitären Selbstverwaltung: Drittelparität wurde erreicht. Professoren, Mittelbau und Studenten lieferten sich in den Gremien zeitraubende, nicht immer zielführende Diskussionen. Er war als studentischer Vertreter in den Fachbereichsrat gewählt worden.

Aus finanziellen Gründen war er wieder zuhause eingezogen. Die Großzügigkeit der Eltern wurde als selbstverständlich hingenommen. Die Auseinandersetzungen mit dem Vater (Tätergeneration!)
wurden heftiger. „Die Welt“ und die „Deutsche Nationalzeitung“ kam ins Haus und waren für ihn eine tägliche Provokation.
Auch er war eine Provokation für den Vater. Sie hatten nach dem Krieg einen so schönen Staat aufgebaut und es ging allen so gut. Und das wollten die linken Studenten alles infrage stellen oder kaputtmachen. Die CDU ist ein Garant gegen den Kommunismus, während die SPD der „Steigbügelhalter“ für den Kommunismus ist. Wenn es euch hier nicht passt, könnt ihr ja nach drüben gehen. Das hörte er nach jedem Versuch, eine Diskussion mit dem Vater über die Unruhen der Jahre 1967/1968 oder die Nazi-Zeit zu beginnen. Dieser hatte bis 1950 im ehemaligen KZ Sachsenhausen gesessen, verurteilt wegen Parteizugehörigkeit von einem russischen Militärgericht zu 25 Jahren.
Schließlich zog er in eine WG. Er bekam ein Vollstipendium nach dem „Honnefer Modell“.
Die „FR“ wurde abonniert und ist seitdem ununterbrochen Tageszeitung. „Das Argument“ und das „Kursbuch“ kamen bald hinzu.

!968/69 fielen in den Geisteswissenschaftlichen Fächern manche Vorlesungen und Seminare aus. Dafür genügte die Feststellung, dass die Veranstaltung wegen fachfremder Diskussionen durch Studenten gestört sei, dann wurde sie abgebrochen. Die willkommene Folge waren selbstorganisierte Seminare, die ein hohes Maß an Disziplin erforderten. Damit hatte er als 30 jähriger Student keine Probleme. Man machte „Kapital“-Schulungen in Kleingruppen. Verschiedene Sozialismen“ wurden angeboten: Jusos, Spartakus, KB, KBW, Maoisten u.a. Am interessantesten schien ihm die „Gruppe internationaler Marxisten“ (GIM) des belgischen Marxisten Ernest Mandel. Ein eloquenter Professor, der seine Zuhörer fesseln konnte. Dessen Vorstellungen von einer sozialistischen Gesellschaft deckten sich weitgehend mit den seinen. Die GIM-Gruppen tagten allerdings so konspirativ, dass er nur sporadisch Kontakt halten konnte. Aus der SPD trat er aus, als die Partei den SDS ausschloss. Manche Kommilitonen gingen in die Produktion, um dort , wie es hieß, Arbeiter zu agitieren. Er war der Meinung, dass er auf dem Bau genug produziert hatte. Als Kollege Bauarbeiter wurde er bei den Baubuden-Diskussionen akzeptiert. Als Student über die notwendige Vereinigung der Proletarier aller Länder zu dozieren, hätte den Rauswurf aus der Baubude bedeutet. Er genoss das Studium als besonderes Privileg, denn er hatte lange dafür kämpfen müssen.

Der Sohn eines Professors, bei dem er späterer promovierte, war zum Studium an die Universität Frankfurt gegangen. Dessen Mutter bat ihn, nach Frankfurt zu gehen, um den Sohn vor den Gefahren der unruhigen Frankfurter Uni zu bewahren. Auch er hätte gern bei der „Frankfurter Schule“ studiert, waren deren Veröffentlichungen für linke Studenten doch immer inspirierende Quelle . Ein Studienplatzwechsel ging aber nicht mehr, denn er hatte die Frau seines Lebens gefunden, eine echte Hamburger Deern, die schließlich das konservative Elternhaus hinter sich ließ und eine kritische Studentin wurde. Die üblichen Probleme von Wohngemeinschaften führten schließlich zur ersten gemeinsame Wohnung.
Der Auffassung, dass es vom sozialistischen Standpunkt aus unverantwortlich sei, Kinder in der Kleinfamilie aufwachsen zu lassen, konnte man theoretisch einiges abgewinnen. Aber nicht nur da klaffte Theorie und Praxis weit auseinander. Auch offene Beziehungen waren meistens eine Überforderung des eigenen psychischen Grundgerüstes.
Schließlich wuchsen seine Kinder doch in der Kleinfamilie auf. Mit fortschreitendem Alter konnte er mehr Verständnis dafür zeigen, wie sich die Einstellungen des Vaters entwickelt hatten, sodass die Eltern ohne Groll gegen ihn sterben konnten.
Heute fragt er sich, wo denn die Konservativen und Rechten in Politik und Gesellschaft die „links versiffte Republik“ (AfD) sehen. Die CSU (Dobrindt) propagiert gar eine „konservativ-bürgerliche Revolution“. Eine „geistig-moralische Wende“ (Kohl) haben wir schon hinter uns. Man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Unsere Utopien hatten das Schicksal der meisten Gesellschaftsentwürfe: gescheitert an den real existierenden Verhältnissen. Aber:
die Bilanz nach 50 Jahren ist dennoch positiv: durch 1968 wurde die Lähmung der Adenauer-Jahre überwunden und viele Bereiche der Gesellschaft für Reformen geöffnet. Er ist der Überzeugung, dass unsere liberale Demokratie ohne den Anschub von 68 nicht denkbar ist.

Michael Wackermann, Halstenbek


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Wackermann heuteDer Autor

Michael Wackermann, geboren 1938 in Rostock, eingeschult 1944 in Sachsen. 1950 Flucht aus der DDR. 1956-59 Zimmererlehre in Brackwede-Bielefeld. 1959-62 Bundesmarine. Arbeit als Zimmermann, abends Vorbereitung auf die Fremdenreifeprüfung in Hamburg.1968 Abitur. Studium der Erziehungswissenschaft, Germanistik und Soziologie an der Universität Hamburg. !971 erstes Staatsexamen für Lehramt an Volks-und Realschulen, 1975 Referendariat und 2. Staatsexamen. 1976 Promotion zum Dr.phil. 1976 -2000 Lehrer an einer Gesamtschule in Hamburg.Fächer Arbeitslehre, Deutsch, Pädagogik. Daneben mehrere Jahre Lehrbeauftragter im Fach Erziehungswissenschaft an der Uni Hamburg. Nach der Pensionierung engagiert in der Ukraine. Neue Fremdsprache Russich, gelernt in 12 Semestern und zahlreichen Reisen in die GUS. 2017 Austritt aus der GEW wegen deren mangelnder Distanz zu Putins Rußland.
Verheiratet seit 1973. 2 Kinder, 3 Enkel.

 

Bild: privat