Mein 1968 begann am Städtischen Jungengymnasium in Siegen

Frankfurter Rundschau Projekt

Mein 1968 begann am Städtischen Jungengymnasium in Siegen

Von Harald Müller-Rothgenger

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66 bin ich nun. Und Theatermacher. Und Studiendirektor a. D. Mit Wehmut, Revolte-Stolz und Gewissensbissen erinnere ich mich an 68. Am Jungengymnasium in Siegen. 68 ist mehr als eine Jahresangabe. Die Schule heißt damals „Städtisches Jungengymnasium Siegen“. Der Name ist Programm. Ich bin 16 oder 17 und „Obersekundaner“, später „Oberprimaner“. Mit 21 wird man volljährig. Vietnamkrieg, Che Guevara, der „Adenauerstaat“ , Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen Kurt Georg Kiesinger, Bildungsreform und die schwärende Wunde Nazi-Vergangenheit brodeln.

Gegenwind

Viel bin ich von meinem Vater, von Lehrern der Schulen davor geprügelt worden. Lineal auf den Po, Rohrstöcke auf die Finger, Faust ins Gesicht, Ohrfeigen. Im Fach „Religion“ nennt der Lehrer den Vietnamkrieg einen Weg Gottes, mit den Menschen zu sprechen, als Strafe Gottes. Sein Argument gegen unseren Protest gegen den Krieg. Ich trete aus dem Religionsunterricht aus. Mein empörter Vater muss vom Direktor erfahren, dies sei mein Recht, selbst als noch minderjährigen Sohn. Grundgesetz.
Fragen werden nicht beantwortet. Woher kommen die Kinder? Wie funktionieren Sexualität und Liebe? War der Schulleiter vor 1945 an einer Nazi-Elite-Schule tätig? Gifteinsatz in Vietnam gegen die Menschen? Ist Gott tot, wenn er dies alles zulässt? Unsere Fragen werden meist nicht einmal ruhig angehört. Oder ist Gott, wie Freud sagt, nur eine Projektion?
Kalte Diktaturen: Griechenland, später Chile. In der CSSR wird ein demokratischer Sozialismus, – gegen stalinistische Sowjetherrschaft – unter Alexander Dubcek versucht. Warme Hoffnung steigt in uns auf: eine gerechtere Gesellschaft ist möglich. Panzer walzen alle Hoffnungen nieder. „Bild hat mit geschossen“ klagen wir an. Rudi Dutschke wird auf dem Kudamm in Berlin angeschossen. 10 Jahre später stirbt er an den Folgen.

rothgenger 1968Sommerwind

Ein warmer Sommerwind weht durch’s Löhrtor, die Siegener Einkaufsmeile. Er bläht unsere Pullis und lässt den „Republikanischen Club“, den „RC“, erblühen. Der „RC“ ist für uns befreites Gebiet, Ort der offenen Worte und der klaren Fragen. Die Haare und Röcke der Mädchen vom „Mädchengymnasium“ flattern in der milden Brise verführerisch. Freie Gedanken von Rosa Luxemburg, Ideen von Bildungsreform, Karl Marx, Herbert Marcuse und Rudi Dutschke beleben unsere Hirne. Revolution, Befreiung von Elend und Entfremdung, sexuelle Aufklärung und freie Sexualität locken uns wie süße Frühlingsdüfte. „Summerhill“, „Sommerhügel“, heißt eine Freie Schule in England. Wir fangen an zu kämpfen: dass Jungs lange Haare tragen dürfen, dass Mädchen die Pille kriegen, gegen den Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit, gegen die Prügel. In Siegen in der Schule gibt’s wenigstens keine Prügel mehr.
Das Grundgesetz mit seinem demokratischen Auftrag wird eingefordert. Toleranz klagen wir ein, demokratische Freiheiten.
Glaubwürdige Gesprächspartner für uns mit unseren Fragen sind selten. Ein Studentenpfarrer, zwei Priester, wenige Lehrer, auch mein Deutschlehrer sind Ausnahmen. Noch heute denke ich gerne an seinen Deutsch-Unterricht. Ich hab‘ da viel von ihm gelernt, z. B. Bertolt Brechts „Verfremdungseffekt“. Bis heute.

Giftwolken

11. Februar 2003: In der „tageszeitung“ (taz), die über „68 und heute“ kontinuierlich berichtet, finde ich die Überschrift: „Neuer Prozess gegen Weinrich im März. Verurteilter Terrorist wegen sechs weiterer Morde und Explosionen angeklagt“. „Den kannte ich“, sage ich zu meinem nun achtzehnjährigen Sohn. „Wieso?“, fragt der zurück. „68“, antworte ich.
Tatsächlich ist dieser Johannes Weinrich um 1968 Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt (Main). Er kommt ein paar Tage als Revolutionshelfer nach Siegen. Er imponiert uns, ist klug, freundlich, attraktiv für die Mädchen, weiß viel. Ein bisschen überheblich habe ich ihn in Erinnerung. Er agitiert, wie wir damals sagen, mit Megaphon auf dem Schulhof, wird als „schulfremde Person“ des Geländes verwiesen. Er erklärt Zusammenhänge, benutzt faszinierende Begriffe wie „Kulturrevolution“, „Emanzipation“ , „Trikont“ oder „Bewegung“. Deren Bedeutung ahnen wir manchmal nur. Wir lernen viel, bewusst und unbewusst.
Bis heute lese und höre ich gelegentlich von Johannes Weinrichs traurig-grauenhafter Karriere: Er wird Terrorist. Er wird die „rechte Hand“ des venezolanischen Terroristen Illich Ramirez Sanchez alias „Carlos“. Der agiert – meist in Europa – brutal und ohne jede Moral. Entmenschlicht. Nachdem „Carlos“ in Frankreich verhaftet wird, steht Johannes Weinrich, der Revolutionslehrer von unserem Schulhof des „Städtischen Jungengymnasiums Siegen“, weiter auf der internationalen Fahndungsliste. Er wird gefasst. 2000 wird er wegen des Anschlags 1983 auf das französische Kulturzentrum „Maison de France“ in Berlin zu lebenslanger Haft verurteilt. Im zweiten Prozess 2003 werden ihm  sechs Morde und „zig Mordversuche in Frankreich, Deutschland und Griechenland vorgeworfen. Ich versuche, mir Johannes‘ grässliche Verbrechen, sein Leben im Untergrund, seine Attentatsvorbereitungen, seine Seele, ihn selbst tagaus tagein in Haft vorzustellen. Trauer und Empörung steigen in mir hoch. Er war ‚mal einer mit im Sommerwind. Unser Rebellionsfrühling bringt auch dies hervor, das verletzt, tötet, Menschen verbrennt. Welch grauenhafte Ironie! Wir traten an für mehr Menschlichkeit. Einige von uns wurden zu gnadenlosen Verbrechern. Mein süßer Traum trägt mit Schuld.

Blütenträume

Bisher gibt es am Jungengymnasium in Siegen einen Schülersprecher. Wir bilden nun ein Schülersprecher-Kollektiv. Wir sind – nach meiner Erinnerung – vier und tragen gemeinsam das Amt. Das Aufbegehren gegen Einzelkämpfertum und für Gruppenarbeit ist zutiefst demokratisch. Heute wird überall Team-Arbeit praktiziert und verlangt. Wir haben sie versucht, in Auflehnung gegen vereinzelnde Strukturen. Die Schulleitung ist verwirrt. Vier statt einer. Sitzt der Direktor vier kritischen, informierten Gymnasiasten gegenüber, wird’s oft lebendiger, diskursiver. Beim Beginn eines Schülerstreiks versichert uns der Schulleiter immer wieder: „Sie rennen offene Türen ein. Sie rennen offene Türen ein.“ In seiner Stimme schwingt etwas Angst, Weinerlichkeit. Wir ahnen, dass hinter diesen Türen wieder Mauern warten. Wir streiken trotzdem. Und die Mauern hinter den Türen werden schnell sichtbar. Die Schulleitung verbot die Streikversammlung in der Schul-Aula. Es gelang uns, unsere Versammlung in einem Kino abzuhalten. Demokratische Öffentlichkeit gegen Behördenmauern.
Wir träumten von Gleichheit. Unser Kampf für Wahlfreiheiten in der Oberstufe, für gemeinsames Lernen von Mädchen und Jungen ist ein Anfang.
Ich erinnere mich, als Schülersprecher an Gesamtkonferenzen teilgenommen zu haben. Hitzige Diskussionen, empörte Studienräte und Oberstudienräte. Ein Lehrer ist meist diskussionsfreudig auf unserer Seite, verteidigt unsere Aktionen und Forderungen. Ein Lichtblick. Er hat einen sehr schweren Stand. Heute frage ich mich auch, wie oft haben wir – Lehrer und Schüler – aneinander vorbeigeredet? Viel zu undifferenziert denken, sprechen und handeln beide Seiten häufig. Komplexer und komplizierter ist die Welt. Sprach- und Denkblockaden.
Streikende Schüler betreten Tabu-Zonen: die Räume, den Schulhof des Mädchengymnasiums. Allein durch unsere Anwesenheit stiften wir Unruhe. Wir rufen die Schülerinnen zum Mit-Streik auf, diskutieren, provozieren die Lehrerinnen. Scherze und kleine Flirts zwischendurch. Wir laufen weg vor Lehrerinnen, verstecken uns vor der Direktorin hinter Säulen. Auf dem Hof treffen sich alle. Viele Mädchen haben Angst. Wir Jungs fühlen uns prächtig. Für die Schülerinnen und uns ein antiautoritäres Spiel, mit erotischem Kitzel. Aufregender Tabubruch. Es wird ernst. Die Schulleitung ruft die Polizei. Alle Jungs erhalten Hausverbot. Die Polizei rückt an, verfolgt uns Übeltäter. Wir sind als Jungs Im Mädchengymnasium leicht auszumachen und fliehen über die Schulhofmauer. Auf der Straße dürfen wir uns als männliche Wesen wieder legal bewegen. Innerer Jubel über einen aufmüpfigen Sieg gegen Anachronistisches.
2001 erfahre ich, das ehemalige „Jungengymnasium“ besuchen heute Mädchen und Jungen. Das Mädchengymnasium gibt es als solches nicht mehr. Einer unserer Blütenträume wurde also wahr.

Sommerwind mit Kreuz

Auch viele Christen rebellieren und lehnen sich auf. Bewusst als Christen. Mit voran Martin Luther King in den USA. Schwarze müssen im Bus hinten sitzen, die Weißen dürfen vorne Platz nehmen. Dagegen kämpft er. Er ist Pfarrer. Sein gewaltloser Kampf gegen den Rassismus ist Beispiel gebend. Seine berühmte Rede heißt „I have a dream“. „Ich habe einen Traum“. Auch wir in Siegen im Jungengymnasium haben einen Traum.
Camillo Torres, ein revolutionärer Priester in Lateinamerika, schließt sich nach Zögern und Suchen der Guerilla an und kämpft als Guerillero gegen die Ausbeuter und Unterdrücker. Bischof Dom Helder Camara in Recife, Brasilien, ist für uns ein Hoffnungszeichen. „Jesus Christus mit der Knarre“ singt Wolf Biemann später über Che Guevara.
Im Arbeiterviertel von Florenz, Isolotto, stellt sich der aufmüpfige Arbeiterpriester Don Mazzi gegen die Amtskirche und die kapitalistische Ausbeutung. Wir fahren zu dritt hin, erleben buntes, kraftvoll-politisches Gemeindeleben in Italien. Der Gottesdienst auf der Piazza ist fröhlich und laut und gut besucht. Das Kirchengebäude ist der rebellierenden Gemeinde verwehrt.
Die Priesterbrüder Berrigan (USA) schütten – aus Protest gegen den Vietnamkrieg – Blut über Einberufungsakten.
Ich erfahre über all dies bei meinem Religionslehrer nichts. Er will nicht einmal mit uns darüber reden.

Winterblüher

Gegen die Ausbeutung der Dritten Welt, den Konsumterror im reichen Mitteleuropa wenden wir uns, gerade angesichts des Hungers weltweit. So protestieren wir an Advents-Samstagen im Konsumzentrum Siegens, der Kölner Straße. Nachmittags, es wird schon dämmrig, ziehen wir vom „Krönchen“, der zentralen Stadtkirche auf dem Hügel, durch die Einkaufsstraße talwärts. Wir stören die Kauforgien. Der Verkehr wird blockiert. Polizei versucht, die Ordnung wieder herzustellen. Unser Zug löst sich auf, wir sammeln uns bald wieder. Es geht weiter. Fantasievoll und flexibel stören wir. Die Polizei kann uns nicht fassen. Verhungern heute im Jahr 2003 weniger Menschen in der Dritten Welt? Ich fürchte: nein. War unser Protest gegen den „Konsumterror“ deshalb sinnlos? Nein.

Frühlingstöne

Wir organisieren ein Konzert. Der linke Barde Franz-Josef Degenhardt kommt. Ort: Bühne der Stadt Siegen, zugleich die Aula unserer Schule. „Jener Tag, an dem die Sonne tanzt/Jener Tag der Freiheit in Athen/Jener Tag, an dem wir auf den Straßen tanzen/und uns wiederseh’n“ singt er. Das Lied richtet sich gegen Diktaturen überall. Besonders aber gegen die Junta der Generäle in Athen. Griechenland ist die historisch Heimat der Demokratie. Putschisten hatten einen demokratischen Wahlsieger der Linken vertrieben und sich selbst zur herrschenden Unterdrücker-Junta gemacht. Folter, Unterdrückung, Abschaffung demokratischer Rechte vergiften das politische Griechenland. Oppositionelle müssen ihre Heimat verlassen.
Und Franz-Josef Degenhardt behielt Recht. Als die Demokratie nach Griechenland zurückkehrt, tanzen die Griechinnen und Griechen auf den Straßen. König Konstantin kehrte heim aus dem Exil. Der Musiker Mikis Theodorakis darf wieder in Griechenland auftreten.
Im „Republikanischen Club“ diskutieren wir nach dem Konzert mit Franz-Josef Degenhardt. Ich erschrecke. Er verteidigt die DDR, den Stacheldraht, die Mauer. „Wo der Feind des Imperialismus sitzt, sitzen unsere Verbündeten,“ proklamiert der Sänger. „Die DDR, die Sowjetunion unterstützen Kuba. Also sind wir auf deren Seite.“ Das Unbehagen in mir wird größer: sieht so eine befreite Gesellschaft aus? Nein. In der DDR saßen viele wegen ihrer Ideen und Aktionen im Knast. Der Einmarsch in die CSSR? Stalins Massenmorde und Lager? Das ist nicht meine Vorstellung von gerechter Gesellschaft.

1970 spielt die Polit-Band „Amon Düül II“ ihren Experimental-Rock in der Siegerlandhalle. Rolf Schwendter mit der Blechtrommel singt heißer „Klebt überall Rote Punkte dran!“. Veranstalter sind der „Kritische Konsum“ und die „Aktionsgemeinschaft Notunterkunft“, zwei neue Initiativen in Siegen im Zuge von „68“. Progressive Musik gegen den Trend, verfremdende Töne für’s politischen Wachwerden, rauchiger Sprechgesang als kritische Aufklärung.

Sommerwind vom Sommerhügel

Schulreform ist Teil unserer Träume und konkrete Forderung. Wir wollen Wahlfreiheit. Wir wollen rauchen dürfen in der Schule. Wir wollen Räume für ungestörte Kommunikation. Wir wollen radikale Schülermitbestimmung. Wir wollen mit Mädchen zusammen lernen. Und freie Sexualität. Ein lustvoller Traum: Der Unterricht sei freiwillig. Ich dürfte als Schüler dann selbst bestimmen, ob ich am Unterricht teilnähme oder nicht.
In „Summerhill“, England, in der freien Schule Alexander Sutherland Neill’s ist das Wirklichkeit. Sein Buch „Antiautoritäre Erziehung in Summerhill“ wird ein Bestseller. A. S. Neill kannte Wilhelm Reich, berief sich auf diesen Psychoanalytiker und auf Sigmund Freud. Seine Pädagogik basiert auf der Liebe zum Kind, der Bejahung des Lebens und der Sexualität, auf Achtung und Toleranz. Nicht mittels Angst und Druck, sondern mit Ermutigung, Partnerschaft und gemeinsamen Regeln lenkte er seine Schule.
Die Schulversammlung in „Summerhill“ beschloss Regeln für alle, sowohl für die Lehrkräfte als auch für die Schüler. Jeder hatte eine Stimme, egal wie alt. Man hat z. B. als Schülerin das Recht, ein Jahr oder länger nicht im Unterricht zu erscheinen. A. S. Neill war davon überzeugt und legte dies überzeugend dar, dass dieses Mädchen später um so besser und engagierter lernte. Er weist es nach an Beispielen.

Frühlingsdüfte

Die Frankfurter Schule duftet anregend und elektrisierend. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Diesen Satz lernen wir von Theodor Wiesengrund Adorno. Der Philosoph der „Kritischen Theorie“ wird verehrt, aber auch verachtet. Weil er nicht so revolutionär-praktisch werden will wie wir. Ich lese sein Buch „Minima Moralia“ . Mich begeistert das kritische Hinsehen und die treffenden, aufklärerischen Aphorismen. Andererseits sagt der Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ vielleicht auch „Hat alles keinen Sinn.“? Wenn wir in der repressiven Gesellschaft kein besseres Leben führen können, sind dann nicht Flucht oder Terrorismus die einzigen Auswege? Aber T. W. Adorno weist auch – durch aufklärerisches Tun, z. B. im Hessischen Rundfunk – auf notwendige Sozial- und Bildungsreformen hin. Erfrischend steigt uns in die Nase, wenn er notiert: „Geliebt wirst du einzig da, wo Schwäche du zeigen kannst, ohne Stärke zu provozieren“. Der sanfte Fliederhauch gegen Leistungs- und Konkurrenzgehabe in der Liebe verzaubert uns.
Herbert Marcuse analysiert, der Mensch in der Gesellschaft heute sei “ Der eindimensionale Mensch“. Wer will schon eindimensional sein? Bunt und vielfältig wollen wir sein, also lehnen wir uns auf gegen die eindimensionale Gesellschaft.
Ernst Bloch mit dem „Prinzip Hoffnung“ und der Suche nach humaner Heimat lerne ich im Religionsunterricht kennen. Ich war wieder eingetreten in dieses „Fach“. Ein katholischer Priester bietet einen ökumenischen Religions-Unterricht an meiner Schule an. Eine faszinierende Welt der Philosophie, der Religionen und Religionskritiken öffnet sich mir ein wenig und es duftet nach Welterkenntnis und frischem Grün.

Krokusse

„Gegen den Strom“ und „Iskra“ nennen wir unsere Schülerzeitungen. Auf Wachsmatrizen tippen wir sie mühsam, mit Kuli zeichnen wir politische Karikaturen rein. Auf speziellem Saugpapier vervielfältigen wir sie selbst per Hand und heften sie einzeln. Die Anleihen bei der Oktoberrevolution in Russland – allein schon mit den Zeitungsnamen – waren provokativ, sind gewollt schockierend. Ein existenzieller, ehrlicher Wunsch nach radikaler Veränderung lässt uns naiv diese russischen Namen wählen.
Taizé, das ökumenische Kloster in Burgund zieht mich mit seiner offenen Spiritualität an. Schon damals treffen sich dort viele junge Menschen aus der ganzen Welt. Sie suchen Sinn, das ehrliche Nachdenken über Gott und das praktische Tun für eine bessere Welt.
In Frankfurt/Main im ersten Semester nach dem Abitur erlebe ich Joschka Fischer als Häuserkämpfer. Die Revolution dauert länger, viel länger als wir dachten. Wirkliche Veränderungen brauchen langen Atem, sind mühsames „Bohren dicker Bretter“. „Der Marsch durch die Institutionen“ (Rudi Dutschke) hatte begonnen. Später ist Joschka Fischer bündnisgrüner Außenminister des vereinten Deutschlands. Ich durfte in einem Kultusministerium Schulreformen planen und durchführen.

Sag‘ mir, wo die Blumen sind…

Es gäb‘ noch viel zu erzählen. Erinnerungsarbeit. … ‚mal mit anderen drüber reden. Eine kritisch-historische Rückschau zu „68 und das Siegener Jungengymnasium“ wird vom Freundeskreis des Gymnasiums nicht gewünscht.
Frühling 2003. Krieg im Irak. Es ist der Krieg der USA unter Präsident George W. Bush. Parallelen zum Vietnamkrieg drohen. Friedenskräfte und -tendenzen stärken der Regierung Deutschlands – unter den „Alt-68ern“ Gerhard Schröder und Joschka Fischer – den Rücken. Die Regierung tritt konsequent gegen den Krieg ein.
Rebellion und Fragen begegnen wir Erwachsenen von heute offener, glaubwürdiger. Sexuelle Aufklärung ist in der Schule Thema und in vielen Familien – offen und angemessen. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist gestärkt. Die Berufsverbote der 70er Jahre sind meist wieder abgeschafft. Das Grundgesetz wird als vielfältiger Auftrag mehr gelebt und verwirklicht. Die Nazi-Vergangenheit ist vielfach aufgeklärt, wird weiter erforscht und breit diskutiert. Neben dem Brandenburger Tor entsteht ein großes nationales Mahnmal gegen den Holocaust. Hoffnungsvolle Zeichen …

Das alles hat für mich im „Jungengymnasium Siegen“ angefangen. Auch im Deutschunterricht. Wir lasen und diskutierten „Der Prozess“ von Peter Weiss, „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth. Bertolt Brechts Idee vom epischen Theater, vom V-Effekt begeisterte mich. Durch Verfremdung Neues zeigen, aufklären, das fasziniert mich noch heute. Und noch heute bin ich beim Zurückschauen kritisch, vielleicht auch zornig. Aber an vielen Stellen bin ich auch dankbar. So ist, wie immer, alles widersprüchlich, dialektisch.
Dem „Städtischen Jungengymnasium Siegen“ sei Dank! „Meiner“ Schule und „meinen“ Lehrern ein „herzlich-kritisches Dankeschön“!

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rothgenger heuteDer Autor

Harald Müller-Rothgenger

1952 geboren in Altdorf bei Nürnberg,

Bild: privat

 

 

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