Die Ereignisse der 68er Zeit wirkten im Leben weiter

Frankfurter Rundschau Projekt

Die Ereignisse der 68er Zeit wirkten im Leben weiter

Von Konrad Mohrmann

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Die Tatsache, daß die Ereignisse der 68er Zeit mich angesprochen hatten, hat auf jeden Fall etwas mit den Vorerfahrungen zu tun. Sie fielen sozusagen auf fruchtbaren Boden. Und das sie auch nach 68 weiter wirkten, zeigt der kurzgefasste Lebenslauf.

So bin ich 1936 geboren, 1942 ausgebombt in Berlin, 1943 Evakuierung meiner Schulklasse nach Ostpreussen, von dort 1944 Flucht vor der Roten Armee zuerst nach Querfurt, dann nach Niedersachsen zur Großmutter auf dem Lande. 1952 hörte ich dann den AFN in Worms, seitdem Jazzfan. Also Kriegserlebnisse und Fluchterfahrungen. Abitur in Mannheim, Werkstudent bei der BASF in Ludwigshafen.

Mohrmann bearbeitet1956 war ich Student in Graz, zur Zeit des Ungarnaufstandes, erlebte schon damals meine erste Demonstration, nebenher habe ich die Sender der DDR, von Ungarn, Deutschland und Österreich gehört und den Entschluss gefasst, mich selber zu informieren, da einige offensichtlich logen. Als Beifahrer in Rotkreuzwagen fuhr ich nächtens nach Budapest und sah, was wirklich dort geschah. Als Student in Darmstadt hörte ich Eugen Kogon („Der SS-Staat“) und erfuhr über den Krieg das, was mein Vater mir nicht erzählen wollte.

Konrad Mohrmann 1974/75
in Portugal. Bild: privat

1963 bis 1967 war ich Regierungsbaureferendar am Planungsamt in Frankfurt. In meiner Ausbildung kam ich auch zum Institut für Sozialforschung, lauschte in den Seminaren Horkheimer und Adorno, war bei den Treffen des SDS im heutigen Studierenden Haus und war Sympathisant des SDS („Alle reden vom Wetter – wir nicht“). Bei der Bauaufsicht Einblicke in die Genehmigungspraxis für die Hochhäuser im sogenannten Fingerplan, Häufiger Besuch der Burg Waldeck, das letzte Chanson- und Folklore-Festival war 1967 (Degenhardt, Süverkrüp u.a.).

Viele Freunde wohnten in den besetzten Häusern in Frankfurt, auch mein Bruder, als sein Pass bei RAF-Leuten gefunden wurde, Rasterfahndung für die ganze Familie, Telefonüberwachung, Wohnungsdurchsuchung, Autokontrolle durch die Polizei an den Grenzen und auf der Autobahn mit schussbereiten MPs.

In der 70er Jahren wieder zurück zum Planungsamt Frankfurt, Sachgebietsleiter Strukturplanung. Die Stadteilentwicklungspläne wurden mit großer Bürgerbeteiligung durchgeführt. Als die SPD das letzte Mal die absolute Mehrheit bekam wurde die Bürgerbeteiligung auf Druck der SPD Stadtverordneten aufgegeben. Stadtrat Hanns Adrian kehrte nach Hannover zurück, ich ging an die TU Berlin als wissenschaftlicher Assistent, Seminare an der FU Berlin mit Berndt Rabehl. Nach Ende meiner Assistentenzeit arbeitete ich beim Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, an der Städtebaulichen Tragfägigkeitsuntersuchung, dem Räumlichen Entwicklungsmodell und der Bereichsentwicklungsplanung.
1973 Lissabon Nelkenrevolution, ich bin wie damals in Budapest selbst hinfahren, um es selbst zu erleben, da ich nicht auf Presse und Parteien vertraue. Jahrelang habe ich danach Portugal besucht und gesehen, wie alle hoffnungsvollen Projekte erst behindert und dann ausmanövriert wurden.
Es gibt einige Orte, zu denen ich pilgere und mich verneige, so in Spanien: Besuch des Denkmals für Walter Benjamin in Port Bou, Verneigung am Grab von Durutti und der Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkriegs in dem ehemaligen Steinbruch auf dem Montjuich in Barcelona, in Paris Verneigung vor der Mauer der Konföderierten auf dem Père Lachaise.

Die weiteren Arbeitsstationen: 1984 bis  2001 Darmstadt im Planungsstab des Oberbürgermeisters; Lehrbeauftragter TH Darmstadt 1991- 2003. 1997, 2001 Studentenaustausch mit Havanna, 2003 Gastdozent an der CUJAE in Havanna, auch hier wieder; hingehen selbst sehen und mit den Menschen dort leben. Den besonderen Menschen im „real existierenden Sozialismus“ habe ich nicht gefunden.

Nach der Rente: ehrenamtlicher Entwicklungshelfer beim Senior Experten Service und der gtz: 2003, 2004, 2007 in China, 2006 in Bulgarien und auf den Philippinen, 2009 in Banda Aceh (Tsunami), 2010 in Vietnam.

Und heute: Buddhist (Soto-Zen) am Aufbau des Zen-Zentrum Eisenbuch geholfen, immer noch Jazzfan, bei attac tätig, kein Parteimitglied (SPD) mehr und Leserbriefschreiber in der FR.

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Mohrmann heute 2Der Autor

Konrad Mohrmann, geboren 1936. 1956 Studium in Graz. Ab 1963 Arbeit in der Stadtplanung verschiedener Städte,
vor allem Frankfurt und zuletzt von 1984 bis 2001 in Darmstadt. Im Ruhestand engagiert als Entwicklungshelfer.

Bild: privat