Demonstranten suchten unter parkenden Autos Schutz vor den Wasserwerfern

Frankfurter Rundschau Projekt

Wie beeinflusst der Aufbruch von damals unsere Gegenwart?

Von Herbert Messer

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Was zu “dem 1968“ führte, wird durchaus unterschiedlich gewertet und aus persönlicher Sicht durch Ereignisse und Entwicklungen unterschiedlich gesehen. Die Ursachen liegen in Jahren zuvor. Im Vietnam-Krieg der US-Amerikaner? Den Protesten dagegen in USA und bei uns? Im Eintreten der SPD in die Große Koalition? In der Notstandsgesetzgebung?

1961 bin ich in die SPD eingetreten. Meine große Hoffnung auf ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen des Adenauer-Staates war der charismatische Willy Brandt. Als ich 1963 nach Berlin zog, änderte sich mein Blick auf ihn, jetzt sah ich ihn mehr als Populisten. Als er und die SPD die Große Koalition mit der CDU anstrebte, war ich sehr dagegen. Die abgewirtschaftete CDU retten, und dafür im Nachhinein die Folgen einer möglichen Rezession in die Schuhe geschoben zu bekommen, das fand ich unverantwortlich. Die Diffamierungen und Hetze der Adenauer-Administration gegen SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidaten von Schumacher über Ollenhauer und auch Willy Brandt selbst schon bei seiner ersten Kandidatur 1961. Mit einer solch abgehalfterten Partei eine Koalition eingehen – das fand ich unmöglich. Da war ich nicht allein, die – zugegeben wenigen Linken in einer mehrheitlichen rechten Berliner SPD – sahen das ähnlich.

In dieser Zeit lernte ich Harry Ristock  kennen, einen Repräsentanten der Berliner SPD-Linken. Er rief die empörten und austretungswilligen SPD-Mitglieder auf, nicht auszutreten, sondern Gesinnungsfreunde zum Eintritt in die SPD zu gewinnen. „Kippt die Mehrheiten in euren Abteilungen (das sind in Berlin die Ortsvereine) und macht diese Partei zu eurer Partei“.

Im Rathaus Charlottenburg im Bezirksverordneten-Sitzungssaal hielt Harry Ristock Seminare zur politischen Ökonomie. Er fragte die ihm unbekannten Teilnehmer nach ihrem Standpunkt. Viele waren SPD-Mitglieder. Ein bis dato Unbekannter antwortete: “Ich stehe links im SDS“ – es war Rudi Dutschke; ein sehr belesener fleißiger und disziplinierter Mitdiskutant, der damals noch unbekannt und auch ohne Funktion im SDS war.

Am 1. Mai 1967 kam ich mit meinem persönlichen Plakat – getragen mit einer Stange und beidseitig betextet auf dem Weg zur letzten Großkundgebung auf dem Platz der Republik auf der Straße des 17. Juni/Ecke Müller-Breslau-Strasse an einer Gruppe Polizisten vorbei. Die hielten mich an und forderten mich auf, das Plakat runter zu nehmen. Meine Frage warum, beantworteten sie mit Herumdrehen meiner Arme. Ich bestand darauf, ein Recht auf freie Meinungsäußerung zu haben. Sie antworteten, dass der Vietnam-Krieg nichts mit dem 1. Mai zu tun habe. Ich erwiderte dass aller Kampf für Freiheit und gegen Unterdrückung sehr wohl auch was mit dem 1. Mai zu tun habe. Während der Kommissar an der Rufsäule telefonierte, hielten mir die Polizisten  die Arme fest, mit dem Schild am Boden. Die Polizei verdächtigte mich ein Student zu sein (was so ziemlich das Schlimmste für die Berliner Polizei war). Ich sagte, dass ich Arbeiter sei. Ein Einzelner drohte mir, mich über die Mauer zu werfen. Ich sagte, wenn ich es dort besser finden würde, wäre ich schon rüber gegangen. Sie nahmen meine Personalien auf, weigerten sich aber, mir ihre zu geben. Sie nahmen mir das Schild ab und ließen mich laufen.

Schon bald bekam ich eine Einladung zur verantwortlichen Vernehmung. Kurze Zeit zuvor hatte ich eine neue Arbeitsstelle angenommen und wollte nicht gleich mit einem solchen Anlass um Arbeitsunterbrechung bitten müssen, und damit evtl. meine wirtschaftliche Existenz zu gefährden. Deshalb teilte ich dem Kommissariat mit, dass es vielleicht zweckmäßiger wäre, den damals diensthabenden Offizier vom Polizeirevier 126 zu vernehmen. Es würde mich interessieren, mit welcher Begründung die Polizei mir das Plakat wegnahm. Es gab noch einigen Schriftwechsel. Inzwischen ereignete sich am 2. Juni vieles, was Polizei und Staatsanwaltschaften beschäftigte, dass die meinen Fall loswerden wollten. Am 23. Juni wurde mir dann mitgeteilt, dass ich mit dem Text meines Plakats gegen die VO 501 – abfällige Bemerkung gegen eine Besatzungsmacht – verstoßen habe. Er, der erste Staatsanwalt, konnte aber nicht erkennen, dass sich die Parole (die Mörder in Vietnam), gegen Angehörige der US-Schutzmacht in Berlin(West) gerichtet habe, sie könnte sich auch gegen die Vietkong gerichtet haben. Diese VO 501 galt nur in Berlin. Alle Gesetze, die in der Bundesrepublik Deutschland erlassen wurden, mussten vom Alliierten Kontrollrat genehmigt werden, bevor sie vom Berliner Abgeordnetenhaus übernommen werden konnten. Die Alliierte Kommandantur saß in Berlin-Schöneberg, ihr gehörten alle vier Besatzungsmächte an.

Der Polizei-Einsatz anlässlich des Schah-Besuchs am 2. Juni 1967 und die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg durch den Polizisten Kurras in zivil gehörte auch zu den Vorläufern der „68er-Bewegung“. An diesem Wochenende 2./3. Juni war ich in Düsseldorf auf der Drupa (Messe der Druck- und Papierbranche). Am Sonntagmorgen rief ich meine Frau an, sie erzählte mir, was sie in der Berliner Abendschau und aus den Nachrichten erfahren hatte und bemerkte, dass sie froh sei, dass ich am Vorabend nicht zu Hause (in Berlin) war.

Berlin war danach nicht dasselbe. Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, der den Polizei-Einsatz in dieser Form ausdrücklich nicht gewollt hat, trat danach zurück. Sein Widerpart, der SPD-Rechte Innensenator Neugebauer blieb. Auch das ein unmissverständliches Signal an die Parteilinke. Der Freund von Heinrich Albertz, Prof. Helmut Gollwitzer, übernahm später die Patenschaft des damals noch nicht geborenen Sohnes von Benno Ohnesorg. Wir erlebten später Helmut Gollwitzer als Redner nach einem Ostermarsch vor dem Römer in Frankfurt. Es ging damals um die Aufstellung von Mittelstrecken-Raketen in der Bundesrepublik. Er rief, wenn Abgeordnete des Bundestages dieser Aufstellung zustimmten, dann seien diese Verbrecher. Diese damals ca. Vierzigtausend Zuschauer werden das bestimmt nie vergessen. Die Zustimmung war überwältigend. Ich schöpfte wieder Hoffnung, dass wir diese Welt doch noch zum Guten verändern.

Doch wieder zurück zur chronologischen Entwicklung: Am 17./18. Februar 1968 kam es nach einem vom SDS initiierten Vietnam-Kongress zu Demonstrationen, an denen Harry Ristock, damals Stadtrat für Volksbildung in Charlottenburg, und Erwin Beck, Bezirksbürgermeister in Kreuzberg, teilnahmen. Sie trugen Plakate mit Slogans gegen den Vietnam-Krieg, mit dem Zusatz „Ich bin SPD-Mitglied“. Bereits am 26. Februar wurde vom Landesvorstand der Berliner SPD eine Feststellungs-Kommission eingesetzt. Am 14. März beschloss der Landesvorstand mit 11:4 Stimmen den Partei-Ausschluss der beiden Mitglieder. M. E. hat die rechte Mehrheit nur auf einen passenden Anlass gewartet. In einem Rundschreiben an die Mitglieder, appellierte der Landesvorstand an die inaktiven Mitglieder, sich wieder aktiv an der Meinungsbildung zu beteiligen, weil allzu sehr festgefügte Minderheiten in einigen Abteilungen die Politik bestimmten. Da hatte doch der Aufruf von Harry Ristock einiges bewirkt! Es bleibt noch anzumerken, dass Ristock später wieder in die Partei aufgenommen wurde, er wurde sogar Landesvorsitzender und Senator für Bau- und Wohnungswesen. In der „Garski-Affaire“ stürzte er mit dem Senat Stobbe. Nach der Empfehlung des CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz trat sein Freund Garski in die FDP ein („Da bist du immer dabei“). Garski betätigte sich als Bau-Spekulant im Ausland und schädigte das Land Berlin um viele Millionen Mark.

Der Mordanschlag an Rudi Dutschke durch den Anstreicher Bachmann kurz vor Ostern 1968, war eine der Folgen andauernder Hetze der Springer-Presse gegen Studenten im Allgemeinen und die Linken im Besonderen. Indem die Studenten als Schmarotzer dargestellt wurden, die herrlich und in Freuden auf Kosten der Arbeiter lebten und auf diese hochnäsig und verachtend herabsehen würden. Springer hatte das Monopol auf dem Berliner Zeitungsmarkt und die Meinungsbildung fest im Griff. Außer dem Tagesspiegel für die gutbürgerlichen und konservativen Leser und der vom gleichen Verlag herausgegebenen Abendpost gab es nur noch Bild, BZ und Berliner Morgenpost. Den Berliner Telegraph und das Spandauer Volksblatt hatte Springer schon erledigt. Springer initiierte und förderte später sogar die Gründung einer neuen Partei, den „Bund freies Deutschland“.

An einem Sonntag nach dem Attentat riefen linke Gruppen zu einer Demonstration auf dem Kurfürstendamm auf. Gut gekleidet kam man als Flaneur unauffällig an der Polizei vorbei.  So kam ich mit meiner damals schwangeren Frau auf den Kurfürstendamm. Bald schon ertönten Megaphon-Durchsagen „Machen sie den Damm frei“. Die Polizei hatte alle Seitenstraßen abgeriegelt und kam mit Wasserwerfern und knüppelnden Beamten auf den Damm. Wir flüchteten in eine Seitenstraße, gingen in ein Speiselokal und warteten bis die Polizei ihren Einsatz beendet hatte. Ich habe Leute gesehen, die vor den Wasserwerfern unter Autos krochen.

Zum Schluss noch etwas Positives: Im Spätsommer 1968 wurde unsere Tochter geboren. Sie war gesund und munter. Neue Aufgaben forderten mein Engagement. Initiierung und Gründung einer Eltern-Kinder-Gruppe und einer Initiative Abenteuer-Spielplatz. 1974 verließen wir Berlin.

 

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Der Autor

Herbert Messer, Jahrgang 1944,
aufgewachsen in Niederrodenbach (Hanau),
seit 1963 in West-Berlin gearbeitet,
gewohnt und Familie gegründet.
Seit 1974 wieder im
Main-Kinzig-Kreis ansässig.
Die 60er Jahre begründeten seine
politische Sozialisation.

Bild: privat

 

2 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Eine Frage von Nietzsche, deren Kontext mir leider trotz aufwendiger Recherche noch immer unbekannt ist, die aber nach dem us-amerikanischen Exil am 14. November 1951 in Frankfurt am Main anlässlich der Wiedereröffnung des Instituts für Sozialforschung gestellt wurde, lautet: „Wie kann man nur weise sein in einer toten Gesellschaft?“ (in: FR v. 1. April 2011, S. 29). Wie Herr Messer für ein lebendiges Gemeinwesen zu kämpfen, heißt demnach zuvörderst, nicht vollends den Verstand zu verlieren. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um den Vollbesitz der geistigen Kräfte könnte angesichts dessen noch heute avantgardistischer nicht sein. Die politische Preisgabe nicht zuletzt von Nietzsches Arbeit zieht insofern nicht zufällig nicht nur seine spätere geistige Umnachtung nach sich.

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    Eine gute Replik der Berliner Ereignisse um ‚1968‘. Zudem tauchen die Namen Helmut Gollwitzer und Heinrich Albertz wieder auf. Beide wichtige Zeitfiguren. Mich hat die persönliche Wandlung des Heinrich Albertz nach seinem Rücktritt als Reg. Berliner Bürgermeister sehr beeindruckt.
    Zu Helmut Gollwitzer hat Herbert Messer das Wichtige gesagt.