Der normale Alltag der 68er bestand aus Studieren, Demonstrieren und endlosen Diskussionen

Frankfurter Rundschau Projekt

Der normale Alltag der 68er bestand aus Studieren, Demonstrieren und endlosen Diskussionen

Von Annemarie Melcher

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Das legendäre Jahr 1968 habe ich auf drei Ebenen erlebt. Ich greife heraus einige Veränderungen der Alltagsatmosphäre; Erlebnisse rund um den „Prager Frühling“ und die Aufbruchsstimmung in der katholischen Kirche. Gendersprache lasse ich jetzt bewusst außer Acht, um die Atmosphäre zu illustrieren.
Ende 1946 geboren, war ich damals gerade 21 Jahre alt, studierte an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz Katholische Theologie und Geschichte und wohnte im Studentenheim der Katholischen Hochschulgemeinde „Newmanhaus“, damals noch (bis Ende 1969) aufgeteilt in „Damenbau“ und „Herrenbau“. Wir diskutierten z.B. heftig über „Besuchszeiten“ in den Zimmern. Von anfangs 10 Uhr bis 22 Uhr wurden sie in dieser Zeit ausgedehnt auf 9 Uhr bis 23 Uhr! Ich habe mich dort wohl gefühlt. Neben den drei geläufigen studentischen Wohnformen (daheim bei den Eltern oder in Untermiete in ehemaligen Kinderzimmern irgendwelcher Wirtsleute oder im Studentenheim) entstanden allmählich „Wohngemeinschaften“. Sie galten bei uns damals als extrem linke politische Nester mit sexueller Promiskuität („wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“). Als „anständige“ katholische Theologiestudentin habe ich es nicht gewagt, dort einzuziehen. Heute bedauere ich, dass diese Wohnform damals an mir vorbei gegangen ist. Der ganz normale Alltag 1968 bestand aus Studieren, Demonstrieren und endlosen politischen Diskussionen. Zu Feiern galt als unpolitisch und war verpönt oder mit heftigen Provokationen verbunden. So hat angeblich einmal ein Paar während einer Uni Party auf der Theke kopuliert.
In den Gremien des Studentenheims und auch der Uni probten wir Mitbestimmung. Sehr genau kannten wir die Regeln der Diskussion und wussten Veranstaltungen durch endlose Anträge zur „Geschäftsordnung“ oder durch Änderungen des Quorums bei Abstimmungen zu manipulieren. Demonstrieren und Studieren gehörten für mich untrennbar zusammen. Ich habe mich an der Uni fremd gefühlt als die Hochzeit der Studentenunruhen anfangs der 70er Jahre abebbte, mich dann sehr bald zum Examen gemeldet und die Uni verlassen.
Meine Eltern habe ich damals immer wieder befragt über ihre Zeit im sogenannten 3. Reich und im 2. Weltkrieg. Sie erzählten viel über Evakuierung, Bombennächte im Luftschutzkeller, das Ausgebombtsein, das Hungerjahr 1946 und die Nachkriegszeit. Auf Fragen nach ihrer Haltung zur Ideologie der NS-Zeit gab es eine Standardantwort: „Kind, das war alles so schrecklich. Davon wollen wir nichts mehr wissen. Hör auf mit dem Fragen“. Lange dachte ich, dass nur meine Eltern so waren. Heute weiß ich es besser; und ich verstehe auch, dass sie auf diese Weise (sicher unbewusst) einer möglichen Retraumatisierung entgegengewirkt haben. Ob ihr Schweigen eine Überlebensstrategie war?

Melcher 1968Eine Gruppe der Katholische Studentengemeinde (KHG) war Ausgangspunkt meiner Kontakte in die DDR, für mich die hoch willkommene Gelegenheit, in „Mitteldeutschland“ (wie es damals noch hieß) Land und Leute kennenzulernen. Mir war das wichtig, weil unsere Familie keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen hinter den „Eisernen Vorhang“ hatte. Praktisch sah es so aus, dass ich eine Studentin aus Halle/Saale zugeteilt bekam, zu der ich Brief- und Besuchskontakte pflegen sollte. Die KHG-Gruppe bewegte sich im Geheimen, weil den Hallensern (wie allen DDR-Bürgern) Westkontakte verboten waren. Ich war mir sicher, dass ich das hinkriegen würde, ohne jemanden zu gefährden. Ein Unrechtsbewusstsein gegenüber dem DDR-Regime hatte ich dabei nicht.

Der Potsdamer Platz in Berlin
im Jahr 1968.
Foto: privat

Diese Kontaktpflege wurde vom Innenministerium der Bundesrepublik Deutschland gefördert, um der Entfremdung der beiden Deutschen Staaten entgegenzuwirken. So war ich 1968 mehrmals in Ostberlin und in Halle. Im Sommer 1968 trafen wir uns am Plattensee in Ungarn mit einer Gruppe Hallenser Studenten, um gemeinsame Zeit zu verbringen und nächtelang zu diskutieren. Tief in mein Gedächtnis eingegraben hat sich die Rückkehr von diesem Aufenthalt am Morgen des 20. August 1968: Am Plattensee wurde die Rückfahrt nach Hause organisiert. Dafür standen zwei (West-) Autos zur Verfügung. Eines sollte nach Mainz direkt über Wien fahren, das andere über Prag. Ich wollte und sollte zunächst im Prager Auto fahren und schrieb meinen Eltern, dass ich zwei Tage später heimkäme. Dann hatte sich aber ergeben, dass ich ins Wiener Auto musste. Als ich am Mittag des 20. August bei meinen Eltern klingelte, empfing meine Mutter mich nicht freudig erregt sondern tränenüberströmt. Was war passiert? Sie hatte gerade meine Postkarte aus Ungarn bekommen und kurz vorher im Radio gehört, dass die Russen in Prag einmarschiert seien (was ich noch nicht wusste). Das war das Ende des „Prager Frühlings“, der Hoffnung, ein kommunistisches System liberalisieren zu können. Lange habe ich bedauert, dieses historische Ereignis nicht vor Ort in Prag miterlebt zu haben. Später hörte ich, dass es dort heftigen Streit zwischen den Mainzern und den Hallensern gegeben habe. Die Hallenser hatten inständig gebeten, mit in die BRD genommen zu werden, weil sie überzeugt waren, dass die Grenze zwischen (damals noch) Tschechoslowakai und BRD bei diesem ganzen Chaos offen sei. Die Mainzer hatten sich nicht getraut und ließen die Hallenser in Prag zurück. Die Grenze war tatsächlich für mehrere Stunden offen!!

In guter Erinnerung habe ich die Aufbruchszeit in der katholischen Kirche wenige Jahre nach dem Vatikanum II. Auch hier ging es um das Aufbrechen veralteter Strukturen („Demokratie in der Kirche“). Bislang war Seelsorge den Klerikern vorbehalten. Laientheologen (im Kirchenjargon: nicht geweihte Menschen) taten sich 1968 zusammen, um hauptberuflich in der Kirche arbeiten zu können. Die KHG (Katholische Hochschulgemeinde) Mainz war auch Initiator vieler Diskussionsgruppen, die an der Uni/im Studium keinen Platz hatten. Z. B. Medizinerkreis zu Fragen der ärztlichen Gesprächsführung; 3. Welt-Arbeit; Club Behinderter und ihrer Freunde. Viele der Themen haben sich später verselbständigt und von der KHG abgekoppelt. Ich selbst habe mir einen Arbeitsplatz in der Kirche erkämpft und war schließlich 1972 die erste Pastoralreferentin im Bistum.

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Der Autor

Melcher heuteAnnemarie Melcher, geborene Dane; Ende 1946 in Saarbrücken zur Welt gekommen;
studierte 1966-1972 katholische Theologie und Geschichte in Mainz und Münster;
baute die neue Berufsgruppe „Pastoralreferent*in“ mit auf;
arbeitete fast 40 Jahre für die Kirche des Bistums Mainz;
lebte im Ruhestand als Volontärin ein Jahr am See Genezareth und in Jerusalem;
vielfach ehrenamtlich tätig im kirchlichen und gesellschaftspolitischen Bereich;
wohnt in Darmstadt, hat Tochter, Sohn und zwei Enkelkinder.


Bild: privat

 

 

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