Eine Nacht unter einer Seinebrücke

Frankfurter Rundschau Projekt

Eine Nacht unter einer Seinebrücke

Von Jürgen Malyssek

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1968 war ich noch kein Student. Erst paar Jahre später. Ich arbeitete noch in einer Zeitschriften-Druckerei in Wiesbaden als Schriftsetzer (im Bleisatz). Auch im Betrieb war eine Stimmungsänderung zu spüren (zwischen alt und jung). Die gesellschaftlichen Unruhen gingen nicht spurlos an den Belegschaften vorbei. Auch die Gewerkschaft Druck + Papier machte mächtig Dampf. Es war Aufbruch angesagt.

Ich lebte mit meiner damaligen Freundin in „wilder Ehe“ in einem ganz normalen Häuserblock in einem Arbeiter-Stadtteil. Einerseits heikel, andererseits dem aufkommenden Zeitgeist geschuldet. Meine weiteren Lebensfelder waren der Fußball und die Kneipen. Die Szenenkneipe „Bumerang“ war der entscheidende Ausgangspunkt konspirativer Treffen der politisch angefixten Szene und damit der Reisen nach Paris (meist per Trampen), um an der Veränderung der Welt mitzumachen. Paris war ganz klar das geistige, kulturelle und politische Zentrum, von dem aus wir uns neue Anregungen für eine neue Lebensgestaltung versprachen Paris ist ein Fest (Hemingway).

Im musikalischen Mittelpunkt standen unter anderem: Jimi Hendrix, The Byrds, The Who (My Generation), Frank Zappa & Mothers of Invention, The Kinks, The Doors und selbstverständlich The Beatles. Auf deutscher Seite: Franz-Josef Degenhardt. Unsere Gedanken schwirrten aber auch in das ferne Haight Ashbury, dem damaligen Viertel der Hippies in San Francisco (Kalifornien), dem Mekka der Flower-Power-Bewegung. Damit war auch meine musikalische Berührung mit der amerikanischen Rockband Grateful Dead entstanden, einer Band, die auch für die kommende Gegenkultur stand.

Zurück zu Paris: Die Mai-Revolte war für uns damals das Ereignis, das uns beginnende Aufmüpfige besonders anzog. Die Studentenunruhen in Berlin (u.a. das Attentat auf Rudi Dutschke) oder Frankfurt selbstverständlich auch. Aber Paris besaß diese besondere Attraktion, symbolisierte den Puls der Zeit, die Rebellion und hier hauchte ich auch den Geist des Existenzialismus (Camus, Sartre, Beauvoir usw.) ein. Und was Paris betrifft, möchte ich nur auf ein bsonderes Ereignis eingehen, das mir 1968 bis heute als Zeitzeuge am stärksten in Erinnerung geblieben ist.

Malyssek 1Ich war wieder mal (mit Freundin) nach Paris getrampt. Ankunft am 19. August, Gare de l’Est. Wir steuerten sofort auf das Zentrum um Notre Dame zu und empfanden alles, was wir an internationalem Flair wahrnehmen konnten, wahnsinnig aufregend, freizügig, ja tolerant. Bis hin, dass wir uns auch zutrauten, uns auf das Abenteuer einzulassen, eine Nacht unter einer Brücke der Seine zu übernachten. Wie die Clochards. Bestimmt etwas naiv, aber es funktionierte.

Jürgen Malyssek
in Paris 1968.
Foto: Privat.

Zwei Tage später, am 21. August wurden wir dann Zeugen eines Ereignisses, das zwar in Prag passierte, aber hier in Paris heftige Straßenkämpfe verursachte. Es war der Tag des Einmarschs der sowjetischen Armee mit Panzern in Prag. Wir hielten uns gerade um den Platz St. Michel auf, als wir von einer Protestmasse, einem Riesenauflauf Menschen überrascht wurden und wir zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatten, um was es überhaupt ging. Es wurden Feuermelder eingeschlagen, Szenen von Massenschlägereien und wir plötzlich mitten drin und versuchten uns aus den Gefahrenzonen zu bringen.

Die Tumulte und Proteste dauerten stundenlang bis in den Abend hinein, bis sich die Lage langsam etwas beruhigte. Die französische Öffentlichkeit reagierte spontan auf dieses politische Ereignis. Die französische Polizei („flics“), wenig beliebt, räumte an diesem Tag ziemlich radikal in der Protestmasse auf und scheute keine drastischen körperlichen Maßnahmen. Ich hörte Stimmen und Flüche über den ‚Polizeistaat Frankreich‘ und – irritierenderweise – Komplimente an die Demokratie in Deutschland. Mir sind jedenfalls die gewaltigen und gewaltsamen Szenen des Protestes, der polizeilischen Angriffe bis heute stark in Erinnerung geblieben.

Historisch war der 21. August, wie allen bekannt, die blutige Niederschlagung der Reformbewegung in der Tschechoslowakei unter Alexander Dubcek. Das Ende des „Prager Frühlings“.

Die Erlebnisse in Paris, die Studentenunruhen in Deutschland, die gesellschaftliche Aufbruchstimmung, haben für mich prägenden Einfluss genommen, sowohl auf die persönliche als auch auf die weitere berufliche und politische Orientierung. Freiheitliche Rechte, Widerstand, Mitbestimmung, Solidarität sind zu Säulen meiner politischen Einstellung geworden. Aus der betrieblichen Ausbildung kommend, zweiter Bildungsweg usw., führte mich in eine lange Phase des Ausprobierens unterschiedlicher Lebensentwürfe, der Suche nach Alternativen und der kritischen Begegnung jedweder freiheitsrechtlichen Einschränkungen von politischer Herrschaft. Im Geiste bin ich ein Alt-68er geblieben. In der sozialen Randgruppenarbeit und der Wohnungslosenhilfe habe ich schließlich meine berufliche Heimat gefunden. Auch wenn das unvermeidbare zunehmende Alter und die Erfahrungen einige Wogen geglättet haben und Abnutzungsspuren zurückgelassen haben.

Was ist heute geblieben? Vom Geist der 68er ist in der deutschen Gesellschaft(-spolitik) nicht mehr viel übrig geblieben. Heute dominieren die Anpassung an die ökonomischen Verhältnisse und das Leistungsdenken in Reinform. Die immer wieder aufkommenden Diffamierungen und Schuldzuschreibungen gegenüber den 68ern (sogar von den Protagonisten jener Zeit), sind ein ganz merkwürdige Form des Waschzwangs dieser alten Akteure. Diese Selbstbezichtigung, Selbstverleugnung und Abrechung mit der eigenen Generation hat teilweise alberne Dimensionen (etwas Götz Alys „Unser Kampf“ oder Peter Schneiders „Rebellion und Wahn“). Daniel Cohn-Bendit ist sich wenigstens bis heute treu geblieben. Man kann und darf sicher kritisch und selbstkritisch auf Irrwege der 68er blicken. Das ist nicht der Punkt. Es reicht aber schon, was aus den reaktionären Lagern an Angriffen kommt.

Ein vorläufiger Höhepunkt des sozialpolitischen Rollbacks in Deutschland – weit hinter der Zeit von Willy Brandt und seiner noch erkennbaren Sozialdemokratie -, war die Geburt der Hartz-Gesetze. Diese wurden von einer Generation ins Leben gerufen, die eigentlich hätte wissen müssen, was Zwang zur Arbeit, Sanktionierung, Verfolgung und Diffamierung von Arbeitslosen u.v.a.m. für Folgen für das weitere politische Klima in Deutschland haben würden. 1968 bedarf einer Neuauflage!

„Wenn wir uns nicht selbst befreien, bleibt es für uns ohne Folgen.“ (Peter Weiss, Schriftsteller, gest. 1982)

 

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malyssek-heuteDer Autor

Jürgen Malyssek. Jahrgang 1945.
Seit 1964 in Wiesbaden lebend.
Gelernter Industriekaufmann und Schriftsetzer.
Von 1980-2005 Sozialarbeiter und
Fachreferent in der Wohnungslosenhilfe
und Schuldnerberatung in Mainz und Limburg.
Seit Dienstende engagiert in Fragen Armut
und sozialer Ausgrenzung.
Verheiratet und ein Sohn (32 Jahre).
Muttersprache Norwegisch.
Er hat auch einen Beitrag zum FR-Projekt
„Ankunft nach Flucht“ beigesteuert.
Foto: privat