Mein politisches Bewusstsein wurde geprägt und geschärft

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Mein politisches Bewusstsein wurde geprägt und geschärft

Von Manfred Kirsch

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Wenn ich an 68 denke, fallen mir, damals 13 Jahre alt, aber schon politisch sehr interessiert und engagiert, vor allem zwei Daten ein, die für mein weiteres politisches Engagement prägend waren. Ein drittes Datum war bereits der 2. Juni 1967, als die Staatsgewalt der noch jungen Bundesrepublik mit den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg offensichtlich ein Exempel statuieren wollte. Damals hatte sich die politische Elite dieses Landes mit den Jubelpersern des Schahs von Persien verbündet, um die Proteste gegen das menschenverachtende Regime niederzuknüppeln. 1968 war dann für mich dadurch gekennzeichnet, dasss angesichts der Ermordung von Martin Luther King am 4. April und des Attentats auf Rudi Dutschke am Gründonnerstag in meiner Heimatstadt Neuwied Demonstrationen stattfanden, die hauptsächlich von den Studierenden der damals hier befindlichen pädagogischen Hochschule und kritischen Mitarbeitern des damals hier ansässigen Luchterhand-Verlags ausgingen. 1968 war auch der Startschuss für ein stärkeres politisches Engament links stehender Sozialdemokraten im Komitee Notstand der Demokratie, das gegen die Notstandsgesetze Front machte. Es war die Zeit, in der die SPD sich schon jungen, kritischen Menschen öffnete und im linken Parteibezirk Hessen-Süd Jungsozialisten ihre Bundestagsabgeordneten aufsuchten, um sie lautstark protestierend aufzufordern, den Notstandsgesetzen ihre Stimme zu verweigern. In Neuwied war damals spürbar, dass die Jugendbewegung nicht nur eine Studenten- und Schülerbewegung war, sondern auch eine Bewegung der arbeitenden und lernenden Jugend, und im vom Kreisjugendausschuss des DGB organisierten Neuwieder Lehrlingszentrum trafen sich Jugendliche aller Schichten, um Aktivitäten gegen das Establishment vorzubereiten. Diese Aktivitäten auch mit Beteiligung der Jusos erstreckten sich von einer Rote-Punkt-Aktion gegen Fahrpreiserhöhungen bis zu einem Kinderfest in einem Innenstadtpark, bei dem die Jusos die Kinder aufforderten, die Rasenfläche zu betreten, was verboten war. Zwischen den links Orientierten gab es aber auch heftigen Streit – beispielsweise über die Okkupation der CSSR durch die Warschauer-Pakt-Staaten. Lautstarken Krawall gab es, wenn die moskauorientierte DKP und ihre Jugendorganisation SDAJ sich mit den Maoisten der Liga gegen den Imperialismus stritten.

Fazit von 68 ist für mich, dass sich die Bundesrepublik kulturell und politisch so verändert hat, dass man sagen kann, dass infolge der APO, wozu übrigens auch die FR mit ihrem engagierten Herausgeber Karl Herold zählte, eine liberale Demokratie entstanden ist, deren Feinde sich aber heute schon wieder formieren. Der sich nicht radikalisierende Teil der 68er Bewegung fand zu den Jungsozialisten in der SPD oder zu den Jungdemokraten in der damals sozialliberalen FDP, und die erste sozialliberale Bundesregierung unter Willy Brandt und Walter Scheel machte die Bundesrepublik erst zur richtigen Demokratie. Ich möchte die Zeit zwischen 1968 und meinem Eintritt in die SPD 1970 auf keinen Fall missen, weil damals mein politisches Bewusstsein geprägt und geschärft wurde.

 

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Manfred Kirsch

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