Ich war vollauf damit beschäftigt, mein Leben zu organisieren

Frankfurter Rundschau Projekt

Ich war vollauf damit beschäftigt, mein Leben zu organisieren

Von Elke Hahn-Deinstrop

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Mein Lebensgefährte ist in Sachsenhausen aufgewachsen und hat zum Sommersemester 1967 in Darmstadt mit dem Chemiestudium begonnen. In seinem Fachbereich gab es nur einmal eine Störung durch protestierende Studenten im Hörsaal. Ansonsten, meint er, bei einem Chemiestudium hätte man keine Zeit gehabt, sich auf etwas Anderes als auf das Studium zu konzentrieren.

Ich selbst habe die Umbruchzeiten in Hannover ganz anders erlebt. In Niedersachsen gab es keine Lehrmittelfreiheit. Zusätzlich betrug das Schulgeld für das Gymnasium ab 1957 je 40 DM im Monat. Diese Ausgaben konnten meine Eltern sich nicht leisten.

Meine Lehrerinnen setzten sich im letzten Jahr der Mittelschule stark dafür ein, dass ich nach dem Abschluss 1963 doch noch zum Gymnasium wechseln konnte. Leider vergebens. Gern hätte ich im Bereich Mathematik einen Beruf ergriffen. Die heutigen Möglichkeiten gab es damals aber noch nicht. So besuchte ich dann zwei Jahre lang die Chemieschule in Hannover. Das Schulgeld in Höhe von 115 DM pro Monat bezahlte meine Großmutter. Zu Beginn hatte sie mit mir vereinbart, dass sie für die erforderlichen 4 Semester das Schulgeld bezahlen würde. Bei Wiederholungssemestern hätte ich die Summe später zurückzahlen müssen. Diese Ausbildungskosten waren Ersatz für eine Aussteuer.

Elke im Yukata 1970_aus1965 fand ich eine erste Arbeitsstelle durch Vermittlung meines Anorganisch-Lehrers am Institut für Technische Chemie an der Technischen Hochschule (heute Universität) Hannover. Die Entlohnung erfolgte nach BAT 7, aber nur zu 70%, da ich erst 18 Jahre alt war. Das Tarifgehalt begann damals mit 21 Jahren. Pro Jahr vorher wurden 10% weniger bezahlt. Das empfand ich als ungerecht, hatte ich doch bessere Noten als Kollegen, die beim Examen älter waren als ich. Ein Jahr später wechselte ich in die Industrie, wo nach Berufsjahren und nicht nach Alter bezahlt wurde. In den ersten Monaten des Jahres 1966 musste noch an jedem zweiten Samstag bis mittags gearbeitet werden. Die Gewerkschaften konnten sich mit dem Slogan „Samstags gehört Vati mir“ durchsetzen und ab Sommer 1966 gab es in der Industrie auch die 5-Tage-Woche. Ende 1967 gewann ich bei einer Verlosung meines Betriebes das Wohnrecht für eine 1-Zimmer-Neubauwohnung in einem Hochhaus am Rand von Hannover, ca. 6 km vom Werk entfernt. Aus der Liegenschaftsabteilung kam dann die Anfrage, ob ich mit meinem Gehalt von 535 DM überhaupt in der Lage sei, die Mietkosten zu bezahlen. Als ich eine Schrankwand auf Raten kaufen wollte (1500 DM für drei Meter Schrank) musste mein Vater den Vertrag unterschreiben, denn ich war noch keine 21 Jahre alt.

Elke Deinstrop bei ihrem Japan-Besuch
im Jahr 1970 in einem Yakuta,
einem traditionellen Badegewand.
Foto: privat.

Die Tageszeitung (HAZ) bekam ich immer einen Tag später von einem Kollegen. Dort fand ich im Sommer 1968 einen Beitrag über eine Vereinbarung zwischen der deutschen und der japanischen Regierung, im Jahr 1970 einen Jugendaustausch zwischen beiden Ländern zu fördern. Die Kosten für die 3-wöchige Reise beliefen sich auf 1600 DM/pro Teilnehmer (ohne Taschengeld). Das war zu viel für mich. Meine Mutter vermittelte mir daraufhin durch ihr Netzwerk einen Zweitjob in einem Café in Hannovers Innenstadt. Knapp zwei Jahre lang habe ich dann jeden zweiten Samstag von 9 – 17 Uhr und sonntags von 10 – 18 Uhr Kuchen verkauft und konnte so jeden Monat 100 DM sparen.

Für die Fahrten in die Innenstadt benutzte ich die Straßenbahn. Von dort aus erlebte ich mehrmals Demonstrationen der Studenten. Die Polizei war präsent, schritt aber kaum ein. Andere Fahrgäste diskutierten über die Forderungen der Studenten und bemängelten die Vorgehensweise der jungen Leute. Mich berührten die Gespräche der Anderen nicht, denn ich war vollends damit beschäftigt, mein Leben zu organisieren und mit dem wenigen Geld auszukommen. Kino, Konzerte, Theaterbesuche: Fehlanzeige! Ich beantragte ein Telefon und wartete zwei Jahre auf den Anschluss. An ein eigenes Auto war überhaupt nicht zu denken. Ich fuhr mit dem Fahrrad bei Wind und Wetter zur Arbeit. An meinem freien Wochenende hatte ich mich noch um eine kranke Großmutter zu kümmern und den dortigen Garten zu pflegen.
Aus der Zeitung erfuhr ich mehr über die Geschehnisse in Berlin und Frankfurt. So ganz verstand ich die Welt der Studenten nicht. Mich fragte auch keiner, ob mir meine Arbeit gefällt. Ich hatte einfach zu funktionieren.

Im Sommer 1970 flog ich in einer Gruppe von 160 jungen Leuten nach Japan. Das hat mein weiteres Leben bis heute geprägt. So hatte ich eingelöst, was ich im April 1959 meiner Mutter prophezeit hatte: bei der Übertragung der Hochzeitsfeierlichkeiten des damaligen Kronprinzen Akihito mit Fräulein Michiko Shoda sagte ich zu ihr: „Da fahre ich einmal hin!“ Mein Mutter antwortete nur: „Lern du erst einmal deine englischen Vokabeln, dann sehen wir weiter!“

Im Sommer 2017 übergab die japanische Malerin Atsuko Kato der Goetheschule in Dieburg ein von mir in Auftrag gegebenes Gemälde mit Goethes Gedicht über den Ginkgo in zwei Sprachen (siehe Bericht im Anhang). Im Schuljahr 2017/2018 förderte ich die „Japan-AG“ an der gleichen Schule mit dem Ziel, auch Schülern außerhalb von Frankfurt das Land Japan, seine Menschen, die dortige Kultur etc. etwas näher zu bringen.

+++ Das Projekt „Mein 1968“ – Der Aufruf +++ Schreibtipps +++ Ein Beispiel +++ Kontakt +++

Die Autorin

Elke 2018Elke Hahn-Deinstrop, geboren 1947 in Hannover,
arbeitete dort zwölf Jahre lang in Forschungslaboratorien (Chemie und Medizin),
bevor sie an die Universität Erlangen und danach zu einem mittelständischen Pharmaunternehmen in Nürnberg wechselte.
Publizierte nach dem Wechsel in den Ruhestand
den Kriminalroman „Ausgerechnet Maui“.
Lebt heute in Groß-Umstadt und hat eine Stiftung gegründet,
um Frauen zu einem Studium in den MINT-Fächern zu ermutigen.

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. runeB sagt:

    Ich kann Ihrem Lebensgefährten nur zustimmen. Chiestudium war äußerst zeitintensiv.Selbst habe ich ab 1963 in München u.a. bei E.O. Fischer Chemie studiert. Im Studium gab es noch am Samstag Praktika .. obligatorische. Für Demonstrationen hatte man keine Zeit. In dem Semesterferien gab es die Ferienpraktika, ohne diese zusätzliche Aktivitäten wäre das Studium endlos lange geworden, vverbunden mit der gefahr, vom Studium wegen Bummelei ausgeschlossen zu werden.