Die Präsidentin im braunen Hosenanzug

Frankfurter Rundschau Projekt

Die Präsidentin im braunen Hosenanzug

Von Gaby Friesel

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Die 68er Jahre erlebte ich in Kiel. Ich war Mitglied im SDS und arbeitete in verschiedenen Universitätsgremien mit. 1969 wurde ich zur Präsidentin des Studentenparlaments gewählt. Rektor war damals Prof. Weisbecker, der mit Eugen Kogon („Der SS-Staat“) im KZ Buchenwald eingesperrt war, wo sie aktiv an der Befreiung des KZs mitwirkten.
Dieser Prof. Eugen Kogon hielt also einen Vortrag an der Kieler Universität, und ich sollte/ musste den Vortrag und vor allem die Diskussion moderieren. Ich war total aufgeregt, da ich keinerlei Erfahrungen mit solchen Großveranstaltungen hatte. Es ging dann aber doch ganz gut.
Abends war dann ein Empfang in der Kieler Kunsthalle, zu dem ich als einzige Studentin eine Einladung hatte – Einladung an den „ Herrn Präsidenten und seine Begleiterin ”. Ich nahm dann meinen damaligen Freund mit, der Mühe hatte, eingelassen zu werden. Aber das regelten Weisbecker und Kogon, die uns dann – statt den Reden zu ihren Ehren zuzuhören – Ratschläge erteilten, wie wir uns strategisch geschickt zu verhalten hätten, wenn die Schlacht am Büfett losginge. Wir verbachten dann den ganzen Abend an einem Vierer -Tisch mit lebhaften Diskussionen. Derweil warfen uns die Honoratioren scheele Blicke zu, wären sie doch zu gern an unserer Stelle gewesen.
Am nächsten Tag stand natürlich ein ausführlicher Bericht über den Vortrag in den Kieler Nachrichten. Besonders wichtig war dem Reporter, dass die Präsidentin des Studentenparlaments, Gabriele Dolezal, die Veranstaltung in einem braunen Hosenanzug geleitet hatte. Mein Vater, der strikt gegen mein politisches Engagement war, hat diesen Artikel aufgehoben und mir Jahre später gegeben.
Während meiner Referendarzeit kam es dann 1975 zu einem Berufsverbotsverfahren, das aber zu meinen Gunsten ausging.

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Friesel PorträtDie Autorin

Gabriele Friesel, geb. 1948 in Büsum.
Studium der Romanistik und Geographie
in Kiel, Paris und Heidelberg.
Bis 2011 im Schuldienst in Ba-Wü.
Verheiratet.
Engagement in der Friedensbewegung,
im örtlichen Personalrat und
seit 2015  Deutschunterricht für Flüchtlinge.

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Bild: privat