Damenbinden gegen Tränengas

Frankfurter Rundschau Projekt

Damenbinden gegen Tränengas

Von Werner Engelmann

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10- Mai 1968: Paris, Rue Gay Lussac.

Barrikaden. Polizeikordons beiderseits der Straße, Schild an Schild. Und ich plötzlich mittendrin! Wie ich dazu kam? Ich weiß es nicht. Vielleicht nur aus Interesse. Bewegt von dem, was andere bewegt. Sehr rational war das alles nicht, schon in Tübingen:

Der Fachwechsel von Naturwissenschaften zu „Geisteswissenschaften“. Die Begeisterung nach dem deutsch-französischen Studentenaustausch. Schon gar nicht der Entschluss, dies selbst als Organisator und Fahrtenleiter weiter zu führen. Und dann, 1967, zum Studium nach Paris zu gehen.

Etwas politisiert war ich schon. Bei der Demonstration nach dem 2. Juni 67, dem Tod Benno Ohnesorgs, Seite an Seite mit dem verehrten Professor Walter Jens. Bei den Berichten über die Ereignisse in Berlin vor französischen Germanistik-Studenten. Doch worum es bei den „Maiereignissen“, wie man sie später mystifizierend nannte, eigentlich ging, das hätte ich nicht zu sagen gewusst.

Ich hatte von der „Bewegung 22. März“ in Nanterre gehört – meine Freundin studierte da. Von dem Anführer Cohn-Bendit, „roter Dani“, auch „jüdisch-deutscher Kommunist“ genannt – schlimmer ging’s nicht mehr. Und ich hatte ihn kennen gelernt, bei der Diskussion mit dem Philosophen Bloch. Ich kannte die Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen „amerikanischen Imperialismus“. Wusste von dem Brandanschlag der extremen Rechten und dem Versuch von Studenten, die Sorbonne zu besetzen, dass 400 von ihnen festgenommen worden waren. Viel mehr aber nicht.

Und nun war ich mittendrin. Der Zugang zum Quartier Latin von Polizei-Kordons abgesperrt. „CRS-SS“, schallt es ihnen entgegen. „Libérez nos camarades!“ Dann Tränengaseinsatz. Junge Menschen, Damenbinden um Nase und Augen, laufen kreuz und quer. Von den oberen Stockwerken der anstehenden Häuser wird Wasser geschüttet, damit das Tränengas sich legt.

Ich staune. Trotz allem in der Bevölkerung keine aggressive Stimmung, vielleicht sogar Sympathie. Von Berlin habe ich da ganz andere Bilder im Kopf. Viele halten ein Transistorradio ans Ohr. Auf France Inter wird im Minutentakt über die sich ändernde Lage berichtet. Studentenführer profitieren davon, um ihre Order zu verbreiten.

Gegen zwei Uhr morgens Bewegung im Polizeikordon. Vorrücken, erste Schlagstockeinsätze. Jetzt wird klar, dass wir völlig eingekesselt sind. Die Aggressivität steigt, Autos gehen in Flammen auf, Barrikaden werden errichtet. Straßenpflaster wird aufgerissen, aufgehäuft. „Le Pavé“ heißt später eine revolutionäre Zeitung.

Gegen drei Uhr morgens der Aufruf von Journalisten an die Polizei, den Kessel zu öffnen, um wenigstens die Möglichkeit zu geben, sich zu entfernen. Bis dahin war ich mehr staunender Beobachter. Nun bekomme ich es doch mit der Angst zu tun. Nicht um mich, sondern um meine Ente. Sie ist gleich hinter dem Polizeikordon abgestellt. Wie aber dahin gelangen? Ich versuche, über einen kilometerlangen Umweg herauszukommen. Es gelingt.

Ein paar Schritte weiter tobt der Aufstand, doch diesseits des Polizeikordons gähnende Leere, Stille. Voller Angst die letzten Schritte. Ein Polizist bemerkt mich, wirft eine Tränengasbombe auf mich. Sie trifft mich am Fuß. In Panik schaffe ich es zum Auto. Nichts wie weg damit! Humpelnd komme ich in meinem „Chambre de bonne“ in der 6. Etage an. Meine Freundin erwartet mich. Sie war wirklich besorgt.

Offiziell werden in dieser Nacht 376 Verletzte gezählt. Und ich habe verstanden, was „Polizeirepression“ meint.

 

15. Mai: Im Theater „Odéon“ – ein beeindruckendes Erlebnis.

Generalstreik der Gewerkschaften am 13. Mai. Eine Million Menschen – so die Organisatoren – schließen sich den Studenten an. Das Quartier Latin mit der Sorbonne ist nun abgeriegelt. Nicht so das Theater „Odéon“: Von Studenten besetzt, oben die schwarze Fahne der Anarchie. Am Eingang eine Banderole: „Das Odéon ist geöffnet.“ Drinnen Diskussionen Tag und Nacht – heftige Dispute, und dennoch tolerant. Auch Madeleine Renaud, Lebensgefährtin von Jean-Louis Barrault, dem Pantomimen, ist dabei. Er wurde als Direktor entlassen. Ein Hauch von Geschichte: Danton vor dem Revolutionstribunal, exzellente Rhetorik, getragen von begeisterten Massen.

 

Ende Mai:

Werner 1968Ich bin viel zu Fuß unterwegs. Vom eher proletarischen 11e Arrondissement zum gut bürgerlichen 16e, wo meine Freundin wohnt, sind es 16 km hin und zurück. Es gibt kein Benzin mehr, Postbezug ist eingestellt.

Werner Engelmann
im Jahr 1968.
Bild: privat.

Ich mache Besorgungen für meine Nachbarin: viel Mineralwasser und Zucker, „für alle Fälle“. Die Wirtin meiner Freundin, Nichte von Paul Claudel, übt sich in Sarkasmus: „Sind die Bolschewisten schon da?“ Sie hasst die Deutschen, „les boches“. Die kämen ihr nie ins Haus. Zum Glück ist sie schwerhörig.

Man rätselt über den Verbleib General de Gaulles. Auf Truppenbesuch in Deutschland, heißt es. Um einen Militäreinsatz vorzubereiten.

Alle Seine-Brücken sind abgesperrt. Die Atmosphäre merklich aggressiver. Auf den „Champs Elysées“ und am „Rive droite“ Tausende hupender Autos. Das Bürgertum revoltiert gegen die aufmüpfigen Studenten. Die toben sich am „Rive gauche“ aus.

Das gesamte „Quartier Latin“ um die Sorbonne herum ist weiträumig abgesperrt, Polizisten mit Schild Schulter an Schulter, über drei Kilometer. Die Studenten, „Dani, le rouge“ an der Spitze, kreisen um sie herum. „CRS-SS“ und „Fouchet enragé – libérez la Sorbonne!“ tönt es, hektisch skandiert. Fouchet, der Innenminister, wird kurz darauf entlassen.

 

16. Juni:

Die Sorbonne wird mit Polizeigewalt evakuiert. Zum Leidwesen der Clochards, die sich wohlig hier eingerichtet haben. Nur noch ein paar traurige Transparente zieren den Hof, ein paar herumfliegende „tracts“.

Und dann der Pfingstsamstag.

Seit Wochen kein Benzin, kaum noch Straßenverkehr. Und nun das „Wunder“: Es sprudelt wieder. An allen Tankstellen lange Schlangen. Schluss mit „Revolution“, jetzt geht es ab ins Grüne! – Was für ein Schelm, dieser General de Gaulle!

Später wird viel darüber gerätselt, was diese „Maiereignisse“ mit erwachenden Frühlingsgefühlen zu tun haben. – Wie es scheint, eine Menge.

Zwei Wochen später Neuwahlen. Die Gaullisten erringen 362 von 485 Sitzen. Die Gewerkschaften werden im „Abkommen von Grenelle“ durch Zugeständnisse „befriedet“. Ein Jahr darauf tritt General de Gaulle nach einem gescheiterten Referendum zurück.

Und was ist geblieben?

Neben gesellschaftlicher Öffnung einige fantasievolle Sprüche: „Es ist verboten zu verbieten“, „Traum ist Wirklichkeit“, „Seid Realisten, verlangt das Unmögliche“.

Für mich privat mehr als Erinnerung, Weichenstellungen. Meine Kinder heute sind Deutsch-Franzosen, und ich lebe in Frankreich.

17.10.2017

 

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Der Autor

Werner Engelmann
lebt in Frankreich.
Er auch auch zum FR-Projekt
„Ankunft nach Flucht“
einen Beitrag beigesteuert.
Bild: privat-

 

29 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Als Absolvent des Zweiten Bildungsweges bleibt mir für immer verschlossen, weshalb eine Universität wie nicht zuletzt die Sorbonne in Paris als alleiniger Ort kritischen Denkens vor allem im Frühjahr 1968 galt. Nicht im Entferntesten kann ich deshalb den Bericht von Herrn Engelmann nachvollziehen, worin der Sinn ihrer damaligen Besetzung durch Studenten gelegen hat; schlicht, weil Personen meiner Herkunft nicht auf eine Universität angewiesen sind, um eigenständig zu begreifen, was jeweils die Stunde geschlagen hat. Zwar bin ich heute auch ein Studierter. Aber in der Rückschau muss ich sagen, dass eher die Universität von meiner Anwesenheit profitiert hat als ich von ihr.

  2. Stefan Briem sagt:

    Herr Rath, Sie sind unmöglich. Von nichts ne Ahnung, aber überall mitreden, was? Wie kommen Sie dazu, einen Zeitzeugenbericht in die Tonne zu treten mit dem Argument, Sie seien nicht auf eine Universität angewiesen gewesen? Das ist wirklich hanebüchen.

    Hallo Herr Engelmann, vielen Dank für diesen wirklich spannenden Bericht. Sie haben Ihre Erfahrung mit dem Polizeikessel für mich fast sinnlich erfahrbar gemacht.

  3. Anna Hartl sagt:

    @Werner Engelmann
    Sehr „anschaulich“ geschrieben und ein guter Blick in diese Zeit, die ich auf Grund meines Alters nicht selbst erlebt habe.
    Hat das mit den Damenbinden tatsächlich funktioniert? Muss ein sehr ungewöhnlicher Anblick gewesen sein.
    Danke!

  4. Ralf Rath sagt:

    @Stefan Briem
    Um Himmels willen! Wie kommen Sie darauf, dass ich den Bericht von Herrn Engelmann in die Tonne trete? Davon steht kein Wort in meinem Kommentar. Im Gegenteil. Selbst Herr Engelmann räumt ausdrücklich ein, sich keinen Reim auf die Ereignisse im Mai 1968 in Paris machen zu können. Offenbar ist es inzwischen völlig gleichgültig, welche Fragen ich aufwerfe, wenn mir stets unterstellt wird, andere nach Belieben zu attackieren und darüber hinaus ohnehin von nichts eine Ahnung zu haben, aber überall mitreden zu wollen. Es ist übrigens bereits Legion, dass die Integrität meiner Person in Abrede gestellt wird. Damit lebe ich mittlerweile schon seit über zwanzig Jahren. Noch nie habe ich jedoch eine Begründung dafür erhalten und den dadurch eintretenden Mangel an klarer sozialer Struktur stets mit meiner Gesundheit bezahlt.

  5. Ralf Rath sagt:

    Auf die Gefahr hin, von unterschiedlicher Seite wiederholt aus nichtigem Anlass heraus Prügel zu beziehen, möchte ich darauf hinweisen, dass es meinem Dafürhalten nach kein Verbrechen ist, die dunkle Seite insbesondere im Paris des Jahres 1968 zu kritisieren, anstatt bloß den Sonnenstrahlen zu folgen. Damit macht man sich längst noch nicht mit den derzeitigen Hasstiraden etwa der AfD gemein. Vielmehr ist es Teil einer ehrlichen Bestandsaufnahme, ob im Zuge der damaligen Geschehnisse vor allem an der Sorbonne wirklich Neues in die Welt kam.

  6. Ralf Rath sagt:

    Nachdem niemand hier im Blog bislang das Wagnis eingeht, nach 50 Jahren eine Bilanz der damaligen Vorkommnisse insbesondere an der Sorbonne zu ziehen, will ich versuchen, die vielleicht größte Errungenschaft der 68er zu benennen: Sie besteht in der Erkenntnis, dass das soziale Wesen des Einzelnen zu allen Zeiten immer außerhalb der Reichweite Dritter liegt und insofern jedweder Versuch eines externen Zugriffs darauf von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Noch heute stehen wir deshalb beinahe täglich an der Weggabelung, politisch aus freien Stücken heraus sich gegen eine Vergeudung der nur eng begrenzt verfügbaren Ressourcen auszusprechen und das eigene Handeln in diesen objektiven Zusammenhang notwendig einzufügen. Sich widerständig angesichts dessen zu verhalten, zeugt somit vor aller Augen davon, ewiggestrig geblieben zu sein. Solch eine Scheidung in Gewinner und Verlierer ist in der Tat völlig neu.

  7. Jürgen Malyssek sagt:

    Die Maiaufstände 68 in Paris hätte ich im Nachhinein gerne als Augenzeuge erlebt, nach der Chronologie der Ereignisse von Werner Engelmann.
    Der spätere 21. August 68 dort wäre für mich wohl dann nicht so ein Überraschungsmoment gewesen.

  8. Werner Engelmann sagt:

    „Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848.“
    (Die Philosophin Hannah Arendt im Juni 1968 an den Philosophen Karl Jaspers)

    Der FR sei gedankt für ein Projekt, das Zeitzeugen zu Wort kommen lässt zu einem historischen Geschehen, das viele in den Bann schlägt.
    Am meisten wohl Menschen, die in vollmundigen Beschwörungen einer „geistig-moralischen Wende“, einer „konservativen Revolution“ sich krampfhaft abzugrenzen suchen und unfreiwillig gerade dadurch ihre Faszination offenbaren. Die mystifizierend eine „dunkle Seite“ beklagen, die konkret zu benennen sie dann doch tunlichst vermeiden.
    Oder die – so ein Götz Aly – sich nicht zu schade sind, sich in einem Akt der Verleugnung seiner selbst eben denen anzudienen, denen wenig zuvor noch ihr blindwütiger Hass gegolten hatte.

    „Wie ich dazu kam? Ich weiß es nicht. Vielleicht nur aus Interesse. Bewegt von dem, was andere bewegt.“

    Es ist nicht Aufgabe von Zeitzeugen, Nachgeborenen den tiefen „Sinn“ des Menschen als „sozialem Wesen“ im Allgemeinen und ihres Handelns im Besonderen quasi auf dem Silbertablett zu präsentieren. Eine „Erkenntnis“ vorzugaukeln, die sie nicht haben.
    Es ist schlicht ihre Aufgabe, ehrlich zu sein: vor anderen und vor sich selbst. In ihrer ehrlichen Erinnerung, die auch emotionale Befindlichkeiten umfasst, Puzzleteile zu liefern, die in einem Tableau aus bloßen historischen Fakten fehlen. Auf diese Weise beizutragen zu historischer Auseinandersetzung, die hilfreich sein kann auch für die Bewältigung gegenwärtiger Probleme.

    „Sich von dem bewegen zu lassen, was andere bewegt“ ist nicht das schlechteste Motto in einer Zeit, in der Empathiefähigkeit in beängstigender Weise abnimmt. In der immer mehr Menschen sich selbst nur noch als „Objekt“ und die Anwesenheit fremder Menschen nur noch als Bedrohung wahrzunehmen vermögen.
    Ein Motto, das man etwas philosophischer auch umschreiben könnte als Erfahrung, die es erlaubt, sich selbst als handelndes „Subjekt“ zu erkennen, das zu eigenem Denken, eigenen Taten fähig ist, das sich dieser aber auch verantwortlich zu zeigen hat.

    Der Sozialist Maurice Brinton hat die Diskussionen an der besetzten Sorbonne 1968 wie folgt beschrieben:
    „Eine ungeheure Woge von Gemeinschaft und Zusammenhalt ergriff diejenigen, die sich selbst zuvor nur als vereinzelte und machtlose Marionetten angesehen hatten, die von Institutionen beherrscht wurden, die sie weder kontrollieren noch verstehen konnten.“
    (Wikipedia: „Mai 1968“)

    Eine Erfahrung, die Mut gibt und derer man sich nicht zu schämen braucht.

  9. Ralf Rath sagt:

    Zur „dunklen Seite“, die Herr Engelmann vor wenigen Minuten angesprochen hat, zählt zweifellos, was Ralf Dahrendorf anlässlich des 20-jährigen Bestehens der früheren HWP (ehedem Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg) kritisierte, dass der Zweite Bildungsweg inzwischen das „Lazarett hinter den Linien des Ersten“ ist. Dass seinerzeit im Mai 1968 die Sorbonne besetzt war und heutzutage darob verschiedentlich Heldengesänge angestimmt werden, bedeutet im Rückblick, die infolge dessen Versehrten zu vergessen, die solch eine „Aktion“ über die Landesgrenzen hinaus unverändert nach sich zieht.

  10. Ralf Rath sagt:

    Auf eine Erklärung, weshalb mir Herr Stefan Briem kenntnisloses Mitreden hier im Thread zuschreibt, kann ich vermutlich warten, bis ich schwarz werde. Angesichts dessen lässt sich auch resümieren, dass sich seit den Tagen im Mai 1968 nicht das Geringste änderte und insofern die damalige Besetzung der Sorbonne zumindest für meine heutige Lebenslage keine nennenswerten Gewinne erbracht hat. Betrachtet man den stummen Zwang der Verhältnisse aus einer Perspektive, die nicht auf Max Weber und seine Rede von einem „eisernen Gehäuse“ verweist, lässt sich allerdings feststellen, dass sein Stillschweigen lediglich sozioökonomische Mechanismen in Gang setzt, die mich seinem Zugriff entziehen. Sein Vorstoß verliert sich also restlos in der daran anschließend herrschenden Leere.

  11. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Das, was Sie oben gesagt und reflektiert haben, habe ich nochmals nachvollziehen können („sich von dem bewegen lassen, was andere bewegt“; sich durch Erfahrungen von Gemeinschaft und Zusammenhalt nicht mehr machtlos fühlen“; „Erfahrungen machen, die Mut machen“). Das sind auch so meine Erfahrungen und gute Gefühle aus dieser Zeit, die nun 50 Jahre zurückliegen. Das ist nicht verträumt gemeint. Das sind bleibende Prägungen und sie haben auf den Wegstrecken oft geholfen, wieder aus dem Loch zu kommen.
    Sie haben’s, Herr Engelmann, jedenfalls für mich gut nachvollziehbar beschrieben.
    Ich glaube, deshalb sind wir uns hinsichtlich eines Renegaten wie Götz Aly, auch ziemlich einig.
    Nein, man braucht sich nicht davor zu schämen, eine befreiende Epoche bzw. analoge Erlebnisse gehabt zu haben.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Ralf Rath

    Wenn ich Sie einigermaßen richtig verstanden habe, dann hat das Ereignis Sorbonne 1968 bei Ihnen „dunkle Stellen“ hinterlassen, die nur Sie deuten können. Aber zu sagen, dass sich seit den Tagen 1968 nichts geändert hat, kann ich nicht unterschreiben. Und damit meine ich nicht den teils deprimierenden Zustand, in dem sich unsere Welt heute befindet und all die aktuellen Brennpunkte, die uns in den vielen Debatten verfolgen. Sondern ich meine, die vielen Veränderungen und Befreiungsformen, die es eben nach ’68 gab und über die es sich durchaus lohnt wieder nachzudenken. Gerade, weil das, was wir heute erleben müssen, an sozialem Rollback, an Reaktionärem, an Freiheitsverlusten, an Menschenfeindlichkeit, an Konsumterror usw., nicht zwangsläufig eine Folge von 1968 ist. Die wild gewordenen Mechanismen der ökonomischen Macht, die haben zumindest nachfolgende Generationen mit zu verantworten. Ich denke nicht, dass man das damalige 1968 verantwortlich für das heute machen kann. Sicher gibt es eine Kontinuität der Geschichte, die man nicht genau genug betrachten könnte.

  13. Ralf Rath sagt:

    @Jürgen Malyssek
    Im Südwesten Deutschlands aufgewachsen, entstamme ich einer völlig anderen, bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Tradition der Elitenbildung, als sie etwa die französische Republik bis heute betreibt. Während insbesondere in Württemberg sehr streng darauf geachtet wird, dass die Kandidaten für eine höhere Bildung zuvor vielfältige praktische Erfahrungen mit der Transformation von abstrakter in konkrete Arbeit gesammelt haben, scheint das an den Hochschulen Frankreichs nach wie vor keine Bedingung zu sein. So sind hiesig die Studienanwärter wie beispielsweise die Absolventen der Technischen Oberschule also bereits eigenständig, noch bevor sie sich immatrikulieren können. Sie wissen deshalb, dass sie autonome Subjekte sind und müssen daher nicht mehr darum streiten. Aus diesen Unterschieden resultiert mein Unverständnis angesichts der Besetzung der Sorbonne in Paris als auch der Besetzung des Instituts für Sozialforschung (IfS) im selben Jahr in Frankfurt am Main und dem dortigen Kampf um Autonomie. Von meiner Warte aus betrachtet, sind das Schlachten, die längst geschlagen sind.

  14. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 20. März 2018 um 0:53

    Lieber Herr Malyssek,
    danke für die Rückmeldung.
    Ich möchte das zum Anlass nehmen für ein paar grundsätzlichere Überlegungen zu dem Verhältnis von 68ern zu dem, was sich heute als nationale „Bewegung aus dem Volk“ ausgibt (und umgekehrt). Dazu bedarf es freilich noch etwas Zeit.
    Im Vorgriff erst mal zwei Punkte:

    (1) Die Hinweise auf die „dunklen Seiten“ der 68er-Bewegung sind so trivial wie die Aussage, dass ein Mensch ein Mensch ist. Nicht nur, dass das alles bereits bis zum Erbrechen ausgeschlachtet ist. Wofür gälte das eigentlich nicht? Eine Erwiderung erübrigt sich daher.
    Die einzigen, die keine „dunklen Stellen“ an sich oder ihrer Religion zu entdecken vermögen, sind dogmatische Fundamentalisten nach dem Stil von Islamisten oder pathologische Apologeten ihrer selbst im Stil eines Donald Trump, dessen Selbstbeweihräucherung schon zum Himmel stinkt.

    (2) Ein Götz Aly ist mir persönlich so egal wie sonst noch was. Weshalb solches Renegatentum der Erwähnung bedarf, ist dessen Methode und die Tatsache, dass dies für gesellschaftliche Tendenzen steht.
    Es sei darauf verwiesen, dass Aly 2007 von Bundespräsident Köhler das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam. Freilich kurz vor seinem Machwerk „Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück“ (2008), aber nach „Hitlers Volksstaat“ (2005), dessen „monokausale Erklärungsstruktur“ (Wikipedia) schon damals entschieden kritisiert wurde, aber eben bestimmte gesellschaftliche Bedürfnisse befriedigte.
    Methodisch kennzeichnend ist – so der Historiker Norbert Frei -, dass „der 68er-Generation eine 33er an die Seite zu stellen (…) allein der Provokation, nicht der historischen Erkenntnis“ dient. Und er fährt fort: „Ich meine, hier hat sich einer um des medialen Knalleffekts willen zu einer historiographisch völlig überzogenen Darstellung hinreißen lassen.“ (Wikipedia, „Götz Aly“)
    Götz Aly steht also nicht nur für Unehrlichkeit par excellence, indem er für seine „Beweisführung“ einer an den Haaren herbeigezogenen Analogie bedarf, was dialektischem Denken und einem seriösen Historiker Hohn spricht. Er hat selbst auch längst schon diese gemeinsame Basis verlassen, die Maurice Brinton als Erfahrung von „Gemeinschaft und Zusammenhalt“ beschreibt und die ich nicht nur als bleibendes „Gefühl“ bewahrt habe, „sich von dem bewegen zu lassen, was andere bewegt“.

    Statt geifernder „Kritiker“ von außen bedarf es also einer Auseinandersetzung von innen heraus. Diesem „Zusammenhalt“ in seiner ganzen Widersprüchlichkeit – und auch inneren Problematik – auf die Spur zu kommen, darauf kommt es wohl an.

  15. Ralf Rath sagt:

    Korrektur meines um 11:19 Uhr geposteten Kommentars: Das IfS wurde nicht 1968, wie von mir versehentlich geschrieben, sondern im Januar 1969 besetzt. Die Besetzung der Seminare an der Goethe-Universität erfolgte im Dezember 1968.

  16. Ralf Rath sagt:

    Ergänzung zu meinem heute um 11:19 Uhr an die Adresse von Herrn Jürgen Malyssek gerichteten Kommentar: Sie erinnern mich mit Ihrer Deutung der Lage der Dinge in der sozialen Welt zunehmend an Harald Wolf, der noch vor wenigen Monaten öffentlich forderte, eine „Bresche“ in die angeblich vorherrschende Heteronomie zu schlagen, um autonomen Formen menschlichen Lebens den Weg zu bahnen (in: Dörre et al. (Hg.), 2018: 313); oder an Martin Kronauer, der zuvor ebenfalls für eine „Schneise“ plädierte (ders., 2002: 7). Bedenkt man, dass insbesondere menschliche Arbeitskraft keine Ware wie jeder andere ist, weil sie erwiesenermaßen unauflöslich an ihren Träger in seiner empirisch stets vollständigen Wirklichkeit gebunden ist, können Sie vielleicht verstehen, wie wenig ich solch eine Flucht vor der Notwendigkeit gutheißen kann. Zwar hielt man mich während meiner inzwischen zwei Jahrzehnte zurückliegenden Zeit am Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen noch vor meinem ersten Arbeitstag auch dazu an, für „Breschen“ zu sorgen. Dem habe ich aber nie entsprochen, um nicht die Wahrheit meiner eigenen Befunde zum Konstituens einer modernen Gesellschaft zu verraten. Im Gegenzug warf man mir vor, ein Versager zu sein, der allerdings eine zweite Chance verdient hätte, wie es damals hieß.

  17. Werner Engelmann sagt:

    Die 68er und „populistische“ Bewegungen

    Die 68er werden wohl noch für einige weitere Jahrzehnte eine Herausforderung bleiben. Den Gründen hierfür nachzugehen, sollte auch zu einer Dokumentation von Zeitzeugen gehören.
    Wie ich zu einer solchen Einschätzung komme? Dafür sorgen in erster Linie diejenigen, welche seit Jahrzehnten schon die 68er zum Buhmann erklärt haben, gegen den sie mit Wut und Verbissenheit anrennen – ohne doch deren Nimbus schmälern zu können.

    Es versteht sich von selbst, dass Selbstbeweihräucherungsversuche, etwa von Kommunarden à la Kunzelmann, nicht ernst zu nehmen sind. Ebenso wie ein jeder – ob 68er oder nicht – sich kritischen Einwänden zu stellen hat. Natürlich auch, was das Abgleiten von Teilen der „Bewegung“, etwa in RAF-Terrorismus betrifft.
    Wobei die These, dass dies vorwiegend auf das Wirken „der 68er“ zurückzuführen sei, doch mit einem großen Fragezeichen zu versehen ist. Denn – wie bei Renegaten vom Stil eines Götz Aly – fand hier die Trennung von wesentlichen Prinzipien dieser Bewegung schon vorher statt: „Gemeinschaftsgefühl und Zusammenhalt“ wurde durch elitäres Sendungsbewusstsein ersetzt, gekoppelt an zynische Menschenverachtung (besonders deutlich am Konflikt zwischen Ulrike Meinhof und Andreas Bader). Freilich wurde das manchen der 68er erst ziemlich spät bewusst.
    Ein anderer Punkt ist die Blindheit der macho-dominierten ersten Führungsriege für frauliche Belange. Dass Frauenbewegung und auch Grüne sich im Wesentlichen (sicher in Konflikten) vorwiegend aus dieser Bewegung regenerierten, spricht letztlich aber auch für die in den 68ern angelegte Fähigkeit zu Reflexion und Selbstveränderung .

    Der Hauptkritikpunkt ist sicher die unklare, schillernde Haltung zur Frage der Gewalt, mit der spitzfindigen Unterscheidung von „Gewalt gegen Personen“ und „Gewalt gegen Sachen“ nur mühsam verkleistert.
    Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Gewaltausübung per se eine Faszination ausübt, die sich verselbständigen und ursprünglichen Zielen diametral entgegen laufen kann. Das ist aber die Problematik aller sozialen Bewegungen, besonders deutlich erkennbar im Umschlag der französischen oder auch der proletarischen Revolution in blanken Terror.
    Auch das von Maurice Brinton als „Gemeinschaft und Zusammenhalt“ beschriebene Gefühl gemeinsamen Handelns in der Masse ist ambivalent. In der Selbsterhöhung als „Teil einer Masse“ erstickt es zugleich das nötige Pendant, die Empathie, die immer auf einzelne Individuen gerichtet ist. Die einen Perspektivenwechsel erfordert, alles auch aus der Perspektive von „unten“, der Perspektive derer betrachten zu können, denen Gewalt angetan wird. Und sei es „nur“ desjenigen, dessen Auto in Flammen aufgeht.
    Ein zwiespältiges Gefühl, das auch den jungen Mann, der ich war, im Kessel des Quartier Latin nicht verließ, das bei allem Mitgerissen-Sein in ihm einen Rest von Fremdheit bewahrte.

    Und damit zu den „Volksbewegungen“ von heute – oder solche, die sich dafür halten.
    Dem äußeren Anschein nach gibt es durchaus Gemeinsamkeiten.
    Da ist zunächst (1) hier wie dort das Gefühl der Machterfahrung in der Masse, durch das der einzelne – und sei auch nur symbolisch oder fiktiv – sich als „Subjekt“ vom Gefühl befreit, lediglich „Objekt“ zu sein. Natürlich war die Besetzung der Sorbonne 1968 ein ähnlich symbolischer Akt wie die „Tradition“ der „Montagsdemonstrationen“ von „Pegida“.
    Dann (2) der Hass auf „das Establishment“, nicht unähnlich dem Anrennen der 68er gegen „das System“ und dessen Repräsentanten.
    Und auch (3) die studentischen Aktionen gegen die Springer-Presse als Inkarnation von Massenlenkung und Manipulation – nicht ganz zu Unrecht – finden ihre Entsprechung im „Lügenpresse“-Geschrei heutiger „Populisten“.

    Und doch zeigen sich wesentliche Unterschiede:
    Zu (3): Die insgesamt vielfältige heutige Presse ist mit der fast monopolähnlichen Macht der Springer-Presse des Jahres 68 nicht vergleichbar. Besonders skurril und absurd aber, wenn ausgerechnet ominöse Online-Foren, für jede Art von „fake news“ offen, als „wahre“ Informationsquellen gegen die „Lügenpresse“ in Stellung gebracht werden.

    Zu (2): Auf universitärer Ebene richtete sich der Kampf der 68er gegen den „Muff von tausend Jahren“, also sehr wohl gegen ein unreflektiert tradiertes, dysfunktional gewordenes „System“ – wiewohl repräsentiert durch einzelne Professoren und insofern auch mit Exzessen verbunden.
    Der heutige Hass gegen „das Establishment“ ist in höchstem Maße diffus. Er betrifft alle – ob Parteien oder Personen -, die in irgendeiner Weise dem dogmatischen Denken selbsternannter „Volkstribune“ nicht entsprechen. Er entlarvt sich selbst, wenn – so im AfD-Programm – gerade der Stärkung von Kapitalmacht gegenüber sozialen Interessen das Wort geredet wird.

    Zu (1): Zu den Kernüberzeugungen der 68er gehörte die Identifikation mit Befreiungsbewegungen der 3. Welt, also mit Opfern, insbesondere des Vietnam-Kriegs. Sie waren elementar internationalistisch ausgerichtet.
    Die „populistischen“ Bewegungen von heute erweisen sich als das gerade Gegenteil. Sie suchen ihre (Pseudo-)“Identität“ in bornierter Abgrenzung. Sie errichten Mauern, wo die 68er (und Politiker in deren Folge) sie eingerissen haben.
    Und – schlimmer noch: Sie richten ihre ganze Aggressivität gegen Schwächere und gegen Fremde. Sie verkörpern eben den Untertanengeist, gegen den die 68er mit aller Leidenschaft gekämpft haben.

    Es ist wohl die Fähigkeit der Empathie, die auf den anderen als Individuum gerichtet ist, deren eine soziale Bewegung – die immer Massenbewegung ist – als eines Korrektivs bedarf, um den Umschlag in Zynismus, vielleicht gar Terror zu verhindern.
    Besonders bedenklich, wenn es heute selbst bei reflektierten Menschen lediglich eines singulären Ereignisses wie etwa der Kölner Silvesternacht bedarf, um ein ganzes positives Menschenbild in sein Gegenteil zu verwandeln, um Empathie mit dem fremden Einzelnen zu verschütten, um im anderen, im Fremden nur noch das Bedrohliche wahrnehmen zu können.
    Und so sein eigenes Menschsein elementar zu reduzieren.

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Lieber Herr Engelmann,
    danke für die ausführlichen Überlegungen!
    Ich melde mich bei Tageslicht wieder. Bin spät nach Hause gekommen und rechtschaffen müde.

  19. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Ralf Rath,

    auch bei Ihnen, Herr Rath, melde ich mich tagsüber zurück: „Schlachten, die längst geschlagen sind.“ ??

  20. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Dass die Rechten und Reaktionären die 68er zum Buhmann für alles machen, was ihnen quer im Hals steckt, das könnte man insofern noch vertragen, weil man wenigstens weiß, wo’s herkommt.
    Aber dass die ehemaligen Akteure, nicht so klein an der Zahl, mit ihrer Buße, Reue und ihrem Waschzwang daherkommen, das kann einen schon bitter machen.
    Kritisches und Selbstkritisches gehört beim Rückblick sicher dazu, aber nicht diese Selbstbezichtigungen und gleichzeitig dieser Lagerwechsel.

    Insofern finde ich Ihre Überlegungen sehr hilfreich und ermutigend. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht im universitären Bereich war und erst später zum Studium kam (nach 11 Jahren Lehre und Betriebsarbeit), so war gerade für mich und mein direktes Umfeld ganz klar dieser Zeitenwandel, diese Aufbruchstimmung und dieses aufkommende Freiheitsgefühl (wir wurden richtig mutig) erfahrbar, greifbar, spürbar.

    Das bleibt richtig hängen. Und meine Kontakte zu Frankfurt und damit das zeitweilige Miterleben der Proteste, Straßenkämpfe und Häuserbesetzungen waren allgegenwertig.

    Schließlich haben wir Studenten dann in den 1970ern (damals Fachhochschule Wiesbaden, FB Sozialwesen) im Grunde da weiter gemacht, wo es 1967/68 angefangen hatte. Von wegen, nach 1968 kam nichts mehr. Ein Großteil unseres Studiums bestand aus den Themen Selbstverwaltung, Mitbestimmung, Hochschulrahmengesetz, Demos, bis hin zu Groß-Demos, Sit-Ins in den Zeitungsredaktionen, Basigruppen-Bewegung, Sozialistes Büro, Sozalialistische Hochschulgruppe, selbstorganisierten Lehrveranstaltungen, Mitbestimmung bei Berufungen, Vetos, Lehrversanstaltungen zur politischen Ökonomie, Systemkritik, Kritische Theorie (gibt es heute da nicht mehr), Widerstandsbewegungen gegen städtische parteipolitische Einmischungen in den Hochschulbetrieb. Auseinandersetzungen mit dem Gewaltthema und der RAF und was weiß ich nicht noch alles. Das ist heute dort nicht mehr.

    Dann, was Sie hervorheben und an der Sorbonne persönlich erlebt haben: Die Erfahrung und das Gefühl von „Gemeinschaft und Zusammenhalt“.

    Also ich kann da bei allem, was Sie beschreiben, mitschwingen. Und da gibt es nichts für das man sich schämen oder Reue zeigen muss.
    Euphorie, manchmal auch Selbsüberschätzung, Mut, System knacken, Grenzüberschreitung, Grenzerfahrungen, das alles gehört dazu.

    Zum Renegaten-Prototyp Götz Als ist fast alles gesagt. Ich habe auch keine Lust mehr, mich jetzt damit aufzuhalten. Aber es ist traurig, wie diese klugen Köpfe irgendwo ihre Feindbilder verwechseln.

    Ich hatte gestern bei einer Veranstaltung zu „Karl Marx“ die Gelegenheit mit dem Referenten, dem Schriftsteller und Theaterschreiber „Michael Schneider (Jg. 1943) und Ex-68er ein paar Sätze zu wechseln. Und er sagte mir, auch hinsichtlich des Renegatenwesens à la Götz Aly, dass er das nicht verstehen könne, wie man sich so wenden und aus der 68er Erfahrungen stehlen könne. Er habe durch diese gegensätzlichen Einstellungen auch Freunde verloren und findet das ganz traurig.

    Zum Schluss noch die Erwähnung eines Interviews aus der FAZ vom 7. März mit dem Soziologen Wolgang Eßbach, emeritierter Professor an der Uni Freiburg, mit der Headline: „Achtungsechzig war das Ende einer Reformphase – Mythen und Irrwege der Achtunsechziger und ihren Einfluss auf die Universitäten.
    Der Titel sagt auch schon viel, und das, was Prof. Eßbach aus ’68 mitnimmt und bewertet ist – für meinen Geschmack – ähnlich enttäuschend, wie bereits bisher besprochen. Und nüchtern, distanziert und mit Anflügen von Geringschätzigkeit der Bedeutung und Wirkungskraft dieses Zeitereignisses.

  21. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    „Besonders bedenklich, wenn es heute selbst bei reflektierten Menschen lediglich eines singulären Ereignisses wie etwa der Kölner Silvesternacht bedarf, um ein ganzes positives Menschenbild in sein Gegenteil zu verwandeln, um Empathie mit fremden Einzelnen zu verschütten, um im anderen, im Fremden nur noch das Bedrohliche wahrnehmen zu können. Und so sein eigenes Menschsein elementar zu reduzieren.“

    Zwar geben sie am Anfang Ihrer Ausführungen vor, einen Vergleich zwischen den 68ern und populistischen Bewegungen anstellen zu wollen, deutliche Indizien zeigen mir aber, dass Sie hier unversehens, nachdem Sie sich aus der Flüchtlingsdebatte im Nachbarthread ausgeklinkt haben, mit Ihrem Beitrag genau da anknüpfen und dabei noch einen Seitenhieb auf diejenigen loslassen, denen Sie bereits, in Zustimmung zu Herrn Lübbers, Menschenverachtung vorgeworfen haben. Jetzt heißt das Verdikt Reduktion des eigenen Menschseins.
    Wie ich darauf komme? Erstens würden Sie Populisten vom Schlage der AfD nicht als reflektiert bezeichnen, zweitens war bei besagter Gruppierung ohnehin nie ein positives Menschenbild vorhanden, und drittens kann es kein Zufall sein, dass Sie das Beispiel „Kölner Silvesternacht“ ausgerechnet zu dem Zeitpunkt anführen, als ich dieses gerade als Anlass zum Zweifeln an der uneingeschränkten Willkommenskultur genannt habe.

    Debattenkultur? Na ja. Immerhin erhebt sich jetzt die Frage, wo eine Erwiderung zu platzieren sei, hier oder da, wo das Thema hingehört, nämlich in den Thread zur Fake-Flüchtlingsdiskussion.
    Ich antworte mal hier und überlasse es Bronski, meinen Text wenn nötig umzulenken.

    Wenn ich die Kölner Silvesternacht genannt habe, dann natürlich als ein Beispiel für mehrere Ereignisse, die vorher so in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht stattgefunden haben. Einkesselungen von Hunderten von Menschen, vorwiegend Frauen, also völlig argloser Passanten, sexuelle Massenattacken nie dagewesenen Ausmaßes, einfach so aus heiterem Himmel. Und nicht nur in Köln, sondern in abgeschwächter Form auch in anderen Großstädten. Das allein, so meine ich, reichte als Anlass für einen gewaltigen Schock (zugegebenermaßen wohl eher bei Frauen, weniger bei Männern, die ja nicht das vorrangige Ziel der Attacken waren). Ein Jahr darauf konnte man eine Wiederholung solcher Ereignisse nur durch ein Polizeiaufgebot verhindern, das man sonst nur in Notstandszeiten erwarten würde. Im Anschluss daran wurden aber auch andere Vorkommnisse bekannt, gehäufte Belästigungen und Übergriffe auf Frauen und Mädchen in Schwimmbädern und an Stränden, ein Anstieg von Gewaltdelikten im Allgemeinen und Messerattacken sowie Angriffen auf die sexuelle Selbstbestimmung im Besonderen, der in einer wissenschaftlichen Untersuchung in ursächlichen Zusammenhang mit der Zuwanderung gesetzt wurde. Der Kriminologe Pfeiffer, nicht des Rassismus verdächtig, gab als eine Ursache für dieses Phänomen die importierte Machokultur aus arabischen Ländern an. Und eine solche in der Sozialisation verankerte Haltung ist, wie Sie selbst im Nachbarthread zum Islam bestätigen, nur schwer zu verändern.
    Als weitere Verunsicherung kam dann noch der Terroranschlag vom Breitscheidtplatz dazu.

    Die Folge dieser Schocks war dann ja mitnichten die völlige Umwandlung eines positiven Menschenbildes in sein Gegenteil, wie Sie behaupten, sondern ein Erwachen aus der blauäugigen Illusion, von Frau Göring-Eckardt und anderen Wohlmeinenden verbreitet, dass erstens allen Zugewanderten gleichermaßen der Flüchtlingssatus zustehe, egal ob sie aus Bürgerkriegsländern entkommen sind oder bei uns eine bessere wirtschaftliche Zukunft suchen, und zweitens dass mit den Flüchtlingen keine Islamisten ins Land kämen, weil erstere ja alle vor dem Islamismus geflohen seien.
    Ich wüsste nicht, warum jemandem, der da mittlerweile Unterschiede macht und dafür plädiert, dass mit scharfem Blick herausgefunden werden muss, wen man bei dem jeweiligen Zuwanderer vor sich hat und welche wahren Gründe ihn/sie zur Einwanderung nach Deutschland veranlassen, das Menschsein absprechen muss. Dass man durch eine gewisse Wachsamkeit Fremden gegenüber, verursacht durch schlechte Erfahrungen, sein Menschsein reduziere, ist eine böswillige Behauptung.
    Überhaupt frage ich mich, auf welcher Grundlage Sie, Herr Engelmann, ihr Urteil fällen, da Sie doch die meiste Zeit des Jahres im fernen Frankreich verbringen, das im Jahr 2015 ganze 80 000 Asylbewerber aufgenommen hat. Dieses Land hatte viel unter Terroranschlägen zu leiden, zugegeben, aber die gingen auf das Konto von muslimischen Eigengewächsen. Gegen neu zuwandernde Flüchtlinge hat sich Frankreich doch schon lange erfolgreich abgeschottet (s. Zeit Online „Kein Durchkommen zur Cote d’Azur“ vom 19. 07. 2017).
    Wenn man nicht betroffen ist, kann man gut verurteilen.

  22. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 21. März 2018 um 16:01

    Vielleicht ließe sich die Debatte über ein Thema, das auch in Jahrzehnten nicht versiegen wird, zu einem wenigstens einigermaßen befriedigenden Abschluss bringen.
    Danke jedenfalls für die Rückmeldung. Auch wenn mir ein Eingehen auf das fehlt, worauf es mir wirklich ankommt. Vielleicht habe ich mich in der kompakten, 50 Jahre übergreifenden Thesenform auch nicht klar genug ausgedrückt.

    Worum es nicht geht:
    Die Befindlichkeiten eines jungen Mannes, der ich war, zu bewerten oder gar zu rechtfertigen. Das ist für Menschen außerhalb meines Wirkungskreises ohne jede Bedeutung und selbst für mich längst abgeschlossen.
    Worum es geht:
    Wer sich als Zeitzeuge für ein Geschehen zur Verfügung stellt, in das er zufälligerweise involviert war, erstellt ein Dokument der Zeitgeschichte. Er übernimmt damit auch eine Verantwortung gegenüber der Nachwelt, die ein Recht hat auf zwei Dinge: Ehrlichkeit und Bemühen um Klarheit. Und zwar sowohl was (1) das historische Geschehen betrifft, als auch (2) den Blick auf eine Gegenwart, in die wir alle involviert sind und die noch offen ist.
    Denn Beschäftigung mit Geschichte ist nicht Selbstzweck, sondern gewinnt ihre Relevanz aus deren Bedeutung für die Gegenwart.

    (1) Historisches Geschehen von 1968:
    Ich nehme Ihr Zitat dazu zum Ausgangspunkt:
    „Euphorie, manchmal auch Selbstüberschätzung, Mut, System knacken, Grenzüberschreitung, Grenzerfahrungen, das alles gehört dazu.“
    Ja. Damit hat man sich auseinanderzusetzen. Doch der Zeitzeuge hat aus der Distanz dazu auch einen nüchternen, unbestechlichen Blick zu gewinnen, der individuelle Interessen abstreifen muss, sich allein der Ehrlichkeit verpflichtet fühlt.
    Das erfordert die Abgrenzung von Haltungen, die im Nachhinein sich selbst zu beweihräuchern oder zu rechtfertigen oder mittels fragwürdiger Analogien Zusammenhänge zu verfälschen suchen. Die sich damit als Zeitzeugen selbst disqualifizieren. Dafür steht z.B. ein Götz Aly. Mehr als eine Erwähnung haben solche falschen Zeugen auch nicht verdient.

    Wesentlich dagegen ist aber die Entstehung dieser Bewegung, vor allem in Deutschland: Aus der Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration, die (meist aus Schuldbewusstsein) drängenden Fragen massives Schweigen, totale Verdrängung entgegensetzte. Was die Rigorosität, auch die Ungerechtigkeit der 68er gegenüber dieser Kriegsgeneration erklärt, wenn auch nicht vollständig rechtfertigt.
    Ohne dies wären einerseits die zugrunde liegenden Strukturen niemals aufgebrochen worden. Andererseits bleiben aber auch Verletzungen bei Menschen zurück, die nicht als Menschen, sondern nur als Symbol einer Ideologie begriffen wurden, was Inhumanität des Denkens, Umschlag in Gewaltexzesse bereits impliziert.
    (Dies betrifft mich allerdings nicht persönlich: Ich habe diese Fragen nicht gestellt, dazu war ich viel zu schüchtern.)
    Neben dem bereits ausgeführten „Bewegt Werden durch das, was andere bewegt“ ist also auch intellektuelle Rigorosität hervorzuheben. Durchaus eine Qualität, aber nur, solange dies mit ehrlicher Auseinandersetzung mit sich selbst verbunden ist.

    (2) Der 68er-Blick auf die Gegenwart:
    Es ist sicher diese intellektuelle Rigorosität, mit der sich die 68er schon von Anfang an die massive Feindschaft breiter Kreise zugezogen haben, mit z.T. übelsten Unterstellungen. Eine Feindschaft, die bis heute anhält. (So etwa ein Artikel von Bild-Boenisch aus dem Jahr 1970, indem er revoltierenden Studenten die Verantwortung für einen Brand an einem jüdischen Altersheim zuschiebt.)
    Eine Rigorosität, die durch einen distanzierten Blick zu ergänzen ist, der aus der Auseinandersetzung mit Vergangenem resultiert. Mit diesem distanzierten Blick auch Gegenwärtigem entgegenzutreten ist eine Verpflichtung des Zeitzeugen, die aus der ehrlichen Beschäftigung mit Geschichte resultiert.
    Eben dem dient die Auseinandersetzung mit „populistischen“ Strategien und ihren Auswirkungen, exemplarisch aufgezeigt am Beispiel der „Kölner Silvesternacht“. Die nun schon seit über zwei Jahren zu allen möglichen Zwecken ausgeschlachtet wird, vorrangig zur Zerstörung von Empathie, besonders gegen Fremde. Die Denken und Empfinden breiter Massen verändert hat, bis hin zu intellektuellen Kreisen. Die Bereitschaft eines Uwe Tellkamp, sich von rechtsradikalen Strategien vereinnahmen zu lassen – bis hin zu Übernahme von Terminologien („illegale Masseneinwanderung“, „Gesinnungskorridor“) – sei nur als Beispiel genannt.
    Gelinde gesagt ein Rückfall in ideologische Denkformen von 68ern, Individuen nur unter Vorgabe ideologischer Betrachtungsweisen wahrnehmen zu können, nicht mehr als Menschen.
    Wobei noch ein Punkt hinzukommt: 68er haben sich nie als „Opfer“ inszeniert, wie dies heute massenhaft geschieht. So ernst das Kölner Ereignis auch war, Konsequenzen erfordert: Empathie, Mitempfinden für sich selbst einzufordern, dasselbe aber Menschen zu verweigern, die sich in weit existentielleren Nöten befinden, ist zu einem Massenphänomen geworden, das nichts Gutes für die gesellschaftliche Entwicklung verspricht.
    Insbesondere, wenn man die Blindheit in Betracht zieht nach dem Motto „Aus den Augen – aus dem Sinn“. Die aberwitzige Erwartung, sich zunehmend verschärfende Weltkrisen „beseitigen“ zu können, wenn man sie nur hinter eine Mauer außerhalb der eigenen Grenzen „verbannt“.
    Dies mit gebotener Klarheit zu benennen gehört auch zu dem, was ich zu einer der Ehrlichkeit verpflichteten Zeitzeugenaussage zähle. Selbst, wenn darauf ein Aufschrei der „Betroffenheit“ erfolgt. Das ist dann wohl zu ertragen.

    Ein Letztes:
    Ich habe mit vollem Bewusstsein die Kubakrise 1962, das bis zum Exzess getriebene Wettrüsten Anfang der 80er Jahre erlebt. In dem Bewusstsein, in welchem Maße das Schicksal unseres Planeten an einem seidenen Faden hängt. (In diesem Zusammenhang seien Pentagon-Planungen erwähnt, nach denen der Atomkrieg in Deutschland stattzufinden habe, inklusive der radikalen Auslöschung des Landes.)
    Angesichts sich zuspitzender weltpolitischer Krisen treibt mich ein Gedanke um, inwiefern denn ein „neues 68“ notwendig, zu verantworten wäre angesichts eines ins Unermessliche gestiegenen Gewaltpotentials, unüberschaubar gewordener Verflechtungen.
    Und mir fallen geradezu diabolische Strategien etwa eines Steve Bannon ein, der das alles als ein „intellektuelles“ Spiel betrachtet – mit ebenso diabolischer Freude daran.
    Und die Ahnung, dass solche Rechnungen aufgehen könnten, dass dies um einiges wahrscheinlicher erscheint als alle nur denkbaren linken Utopien, wird zum Alptraum.
    Ein Alptraum, der nicht mich betrifft, denn ich glaube nicht, dies noch zu erleben. Wohl aber unsere Kinder.
    Ängste, angesichts derer alles, was so an „Ängsten“ reklamiert und propagiert wird, geradezu lächerlich erscheint.

  23. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ihre Überlegungen habe ich sehr gespannt gelesen. Und ich glaube, Sie wirklich verstanden zu haben, worauf es Ihnen ankommt: „Individuelle Interessen abstreifen, sich allein der Ehrlichkeit verpflichtet fühlen.“
    Die späte Stunde sagt mir, dass ich erst morgen wieder einsteigen sollte.
    So wird es sein. Gute Nacht!

  24. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Sicher ist es so, dass die Befindlichkeiten von uns als junge Menschen, die Euphorie, der Mut oder die Freiheitsgefühle, für andere ziemlich ohne Bedeutung ist. Das wollte ich mit meiner Gefühlslagen-Beschreibung auch gar nicht überbewerten. Trotzdem ist es ein Teil der Ehrlichkeit des eigenen Rückblicks. Und auch hat es insofern für mich eine weitergehende prägende Wirkung gehabt. Ich kann es kurz sagen, wie es gemeint ist:
    Ich habe in meiner Arbeit mit wohnungslosen Menschen frühzeitig erkannt, dass „Freiheit“, auch Entscheidungsfreiheit, raus aus den Ghettos eine wichtige Grundlage von Veränderung der Lage dieser Menschen ist (das ist jetzt wirklich nur eine Kurzversion meiner Ideen).
    Und dann kommt folgendes: Man kan nur so etwas von Freiheit postulieren,vertreten, wenn man auch selbst dieses Gefühl von innerer Freiheit hat, kennengelernt hat.
    Soweit in Kürze.

    „Die Beschäftigung mit der GEschichte ist nicht Selbstzweck, sondern gewinnt ihre Relevanz aus deren Bedeutung für die Gegenwart.“
    Absolut d’accord!
    Deshalb gibt es auch einen Sinn, über den Wert der Erinnerung nachzudenken. Und im Kontext des zeitgeschichtlichen Rahmens.
    Diese Einsicht hilft dabei, bei Schwärmereien oder Schönfärbereien stecken zu bleiben.
    Was einem ja ganz schnell nachgerufen wird, wenn man mit dem Rückblick kommt.

    Der „Ehrlichkeit verpflichtet“ – das habe ich auch nachvollzogen.

    „Entstehung der Bewegung … und Auseinandersetzung mit einer schweigenden Elterngeneration“. Ja!

    Heinz Bude stellt übrigens in seinem aktuellen Buch: „Adorno für Ruinenkinder (Eine Geschichte von 1968)“ so eine Kernfrage, was 1945 mit 1968 zu tun hat (insbes. S. 41-55).

    Dann die von Ihnen angesprochene „ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst“, die anschließt an die soziologische und historische
    Auseinandersetzung.

    Dann wiederum „der distanzierte Blick, um der Gegenwart entgegen zu treten.“

    Sie werden bestimmt unschwer erkennen, dass ich erkannt habe, worauf es Ihnen ankommt. Ich greife diese Gedanken gerne auf, weil es gerade bei der Begegnung mit der Gegenwart und den Gegenwartsmenschen – so erlebe ich es momentan häufig – gar nicht so nachvollziehbar erscheint, sich jetzt rückblickend mit den 1968ern zu beschäftigen.
    Ja, so dass ich auch Abwertendes zu ’68 heraus zu hören glaube. Und das unter Altergenossen/-innen! Auch in Abwesenheit von G. Aly. Auf einmal wird man sich auch etwas fremd. Ganz komisch ist das.

    „…68er haben sich nie als „Opfer“ inszeniert, wie dies heute massenhaft geschieht.“ Und dann kommen Sie auf das Kölner Ereignis: „Empathie, Mitempfinden für sich selbst einzufordern, dasselbe aber Menschen zu verweigern, die sich in weit existentielleren Nöten befinden …“

    Das verbinde ich auch mit der Forderung nach Ehrlichkeit und menschlicher Haltung.

    Noch Kubakrise (1962):
    Ich erinnere mich noch, auch wenn politisch noch unbedarft, ich am Radio gezittert habe, vor Angst, dass jetzt etwas Schlimmes passieren könnte.

    Tellkamp lasse ich jetzt ausfallen. Der hat mich ziemlich erschrocken, mit seinem Zorn und seinen Ressentiments und Angriffen auf alles, was Zeitungen, Medien „falsch“ berichten.

  25. Werner Engelmann sagt:

    Jürgen Malyssek, 23. März 2018 um 17:10

    Ich war wieder einen Tag unterwegs, daher erst jetzt meine Reaktion.
    Natürlich ist es auch wichtig zu wissen, wenn persönliche Empfindungen von anderen geteilt werden.
    Lassen Sie mich auch einige – teilweise persönlichen – Hinweise hinzufügen

    (1) 68er und 1945 – prinzipiell positives Weltbild:
    Das Werk von Heinz Bude („Adorno für Ruinenkinder“) kenne ich nicht. Der Feststellung, dass 1968 etwas mit 1945 zu tun hat, kann ich aber zustimmen.
    Das wirft die Frage nach der – eigentlich sehr eng begrenzten – „Generation“ der 68er auf: zwischen 1942 und 1950 geboren. In anderem Zusammenhang auch „Kriegskinder“ genannt, im Sinne der von Kriegsereignissen selbst Betroffenen. (Über den „Kriegskinderkongress“ 2005 habe ich bereits berichtet.)
    Menschen, die im gleichen Zeitraum geboren sind, stellen (in anderem Sinn als „Familie“) eine Art Schicksalsgemeinschaft dar – mit sehr ungerechter Verteilung der Chancen.
    So war mein französischer Schwiegervater 1920 geboren. Wie viele seines Jahrgangs hatten überhaupt die Chance, über das 20.-24. Lebensjahr hinaus zu kommen?
    Schlimmer noch die im 1. Weltkrieg faktisch total ausradierten Jahrgänge. Ein Besuch auf dem Hartmannsweiler Kopf oder in Verdun lehrt da Demut – und Dankbarkeit für das eigene Schicksal.
    Dazu kommen Traumatisierungen durch individuelle Erlebnisse. Meine älteste Schwester (inzwischen verstorben) war als damals 15-Jährige einzige Zeugin, wie mein Vater von (tschechischen) Arbeitern seiner Firma misshandelt wurde. Sie hat das ihr Leben lang nicht überwunden.
    Traumata hat die 68-er Generation auch kennen gelernt (Flucht, Nachkriegszeit), haben sich auch bei mir in Form extremer Hemmungen gezeigt (noch bis kurz vor dem Abitur). Und doch waren sie nicht so extrem, als dass sie nicht (in einem langen Prozess) überwindbar gewesen wären.
    Daher wohl einerseits eine starke emotionale Identifikation mit Menschen, die Ungerechtigkeit erfahren, andererseits der Glaube an die Möglichkeit der Veränderung, auch von Herrschaftsstrukturen.

    (2) Herausforderungen:
    Natürlich wurde dieses prinzipiell positive Menschenbild auch Prüfungen unterworfen. Die „Rache der Mächtigen“ ließ nicht lange auf sich warten. Als solche wären wohl die flächendeckenden Berufsverbote von 1972 bis 1991 (nach dem „Radikalenerlass“) zu qualifizieren.
    Die schwierigste Prüfung, für mich sinnlich erfahrbar, 1975. Die „Staatsmacht“ (in Person des stellvertretenden Schulsenators), ein eingefleischter Antikommunist, saß mir ja direkt gegenüber, über 3 Stunden lang. In deren Hand meine berufliche Zukunft und die meiner Familie (wir hatten da schon 2 Kinder). Ihr Ziel blanke Erpressung: Schriftliche Distanzierung von einer zugelassenen Partei, der ich nie angehörte (der SEW – Westberliner Pendant zur neu gegründeten DKP).
    Es war wohl auch das Gefühl der Verachtung, das mir half, nicht schwach zu werden, mir eine Distanz (die ich längst hatte) nicht abpressen zu lassen: Nicht von diesen Typen!
    Wie bedeutsam dies für die eigene Selbstachtung war, wurde mir erst in der Begegnung mit anderen klar, die ihr Gewissen „verkauft“ hatten.
    (Nebenbei: Für einen Götz Aly – obwohl als aktives Mitglied der „Roten Hilfe“ an Gewaltaktionen beteiligt- hat Derartiges nie stattgefunden. Der hatte sich bereits vorher angedient – was sich dann 30 Jahre später in seiner „Abrechnung“ mit den 68ern niederschlug.)

    (3) „Innere Freiheit“:
    „Man kann nur so etwas von Freiheit postulieren, vertreten, wenn man auch selbst dieses Gefühl von innerer Freiheit hat, kennengelernt hat.“
    Ein wahres Wort. Die vorweg beschriebene Aktion der Selbstbefreiung ist ein wesentlicher Teil davon. Und das gilt es zu bewahren.
    Davon gibt es ja auch heute Beispiele, noch weit beeindruckendere. Und ich denke an die bewundernswerte Haltung der Familie Ladenburger, die ihren Schmerz über ihre (von einem Flüchtling) ermordeten Tochter in eine großartige Aktion der Menschlichkeit transponierte, mit dem Namen ihrer Tochter eine Stiftung für Flüchtlinge gründete. (http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/mord-in-freiburg-ein-urteil-und-ein-zeichen-a-1472404)
    Es ist mir ein Bedürfnis, mit dieser Familie Kontakt aufzunehmen (zumal ich ja lange in Freiburg gelebt und da auch mein Abitur gemacht habe).
    Ich zögere nicht, dies in eine Reihe etwa mit dem Kniefall von Willy Brandt in Warschau zu stellen: Es sind solche Gesten und Symbole, die festgefahrene Verhältnisse aufweichen, in Bewegung bringen.

    Ein Letztes: Sie haben verschiedentlich Ihre Arbeit mit wohnungslosen Menschen erwähnt. Ich halte die Darstellung einer solchen Erfahrung durchaus für bedeutsam. Vielleicht ließe sich das ja – sofern Bronski einverstanden ist – im Rahmen eines Erfahrungsaustausches, wie ich ihn im Nachbarthread angeregt habe („Ein Problem mit der Identität“, 22. März 2018 um 20:53) einmal anbringen.

  26. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Jetzt habe ich gerade festgestellt (im Eifer der anderen „Gefechte“), dass ich Ihnen hier noch eine Antwort schuldig geblieben bin.
    Ich hole das noch über Ostern nach und bitte um Entschuldigung.
    Bis später.

  27. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Nach dem ich mich gestern den Banalitäten des Fußballs im Duisburger Wedau-Stadion gewidmet habe (Lautern gewinnt gegen MSV), komme ich heute endlich wieder auf unseren Dialog zurück. Tut mir leid, aber ich war wohl zu sehr mit den anderen Geschehnissen abgelenkt worden.

    (1) Was die Verbindungen von 1945 und 1968 betrifft:
    Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema „Kriegskinder“ und in meinem Fall, mit den Folgen des 2. Weltkrieges (mein Vater war Besatzersoldat in Norwegen), der Nachkriegszeit,den Traumata und inneren Verletzungen aus den Schicksalen der Familien der „Kriegskinder“. Auch in Klausuren. Da wird – außer dem Anstoss von Heinz Bude („Wieviel 1945 ist in 1968?“) – klar, dass die 1968-Rebellion noch tiefere Wurzeln hat, als nur das Auflehnen gegen das Schweigen der Eltern und Protest gegen die noch vorhandenen alten Naziköpfe, gegen fragwürdige Autoritäten. Nein, auch ein Befreiungsschlag aus alten Ängsten und auch ein Versuch gegen tiefsitzende Schuldgefühle (aus dem Krieg geboren), Familiendramen und …
    Sie haben ja auch vom Kriegskinderkongress von 2005 berichtet.
    Auch ich kenne, wie Sie’s schreiben, die Formen persönlicher Hemmungen, die ebenfalls lange Prozesse von Überwindbarkeit mit sich trugen.
    Sicher ist auch deshalb mein Gerechtigkeitsgefühl ziemlich ausgeprägt. Das sich aber durch die weiteren Begegnungen mit Ungerechtigkeit, Armut und Verachtung von sozialen Außenseitern manifestiert hat. Abgehobenheit und Arroganz von Wohlsituierten und Milieufremdem sind für mich bis heute nicht leicht zu ertragen.
    Der Wille „Systeme zu knacken“ und hinter die Kulissen der Scheinwelten zu schauen, ist mir erhalten geblieben. Wenn „etwas faul ist im Staate Dänemark“, dann bleibt es nicht unterm Tisch.
    Sie sprechen davon, dass das eigene (positive) Menschenbild auch Prüfungen unterworfen wurde/wird. DAS WALTE HUGO!
    Meine Berufsarbeit mit den sozial am tiefsten abgestürzten Menschen (v.a. den Wohnungslosen) waren immer wieder Bewährungsproben, den Diskrimierungen, Anfeindungen, Verachtungen, Vorurteilen von außen die Stirne zu bieten. Es war eine Schule des Lebens und bedenkenswerter Weise hat mich das ganz frühe Leben (nach 1945), auf Umwegen, aber auch mit traumwandlerischer Sicherheit, dahin geführt.

    (2) Herausforderungen:
    Zu den bereits genannten Prüfungen zählen dann in der Folge, die Begegnungen mit den offensichtlichen Verlogenheiten und menschenverachtenden Haltungen der „staatlichen Macht“, der Politik und einem nicht unwesentlich großen Anteil von Bürgern im öffentlichen Leben.
    Ein Höhepunkt der jüngsten Geschichte, war das Inkrafttreten von der Agenda 2010, das bis heute unser aller soziales Leben in einem ungeheuerlichen Maße beeinflusst hat, und der Politik im wahrsten Sinne des Wortes, die „Maske von Gesicht gerissen hat“.
    Darüber hinaus vergesse ich natürlich nicht den von Ihnen erwähnten „Radikalenerlass“, die Berufsverbote, die auch einen großen Schatten auf die Ära Willy Brandt werfen.

    Ich hatte das Glück – das kann man auch so ausdrücken -, dass ich über viele Jahre nach diesen eigenen prägenden Nachkriegszeiten, dann diesen Momenten von Verachtungen (siehe Berufsarbeit)ständig begegnet bin, standzuhalten, so dass sich, bei Erhaltung der eigenen geistigen Kräfte, daran auch nichts mehr ändern wird.
    Und da wir mehrfach über den Renegaten Götz Aly gesprochen haben, ich mich freue, dass Sie’s auch so sehen, kann ich – etwas flapsig ausgedrückt – es überhaupt nicht ab, wenn solche ehemaligen aktiven ’68er sich in den Staub werfen und sich vor lauter Selbstbezichtung (bei gleichzeitiger Anklage der eigenen Zeitgenossen) in die totale Selbstverleugnung katapultieren; damit für mich jede Glaubwürdigkeit verlieren. Traurig zugleich.

    (3) „Innere Freiheit“

    Bei allen eigenen inneren und äußeren Krisen – daran sollte es nicht gemangelt haben -, die „innere Freiheit“ bzw. das Gefühl, sich nicht allem Zwangsläufigen ausliefern zu müssen, das ist ein hohes Gut. Ich verurteile „unfreie“ Menschen nicht, bin ich ihnen doch reihenweise begegnet. Aber auf den Ebenen der Entscheidungen, der Herrschaftsansprüche, des Politischen, da wird es zu Konfrontationen kommen (müssen).

    Was die Familie Ladenburger betrifft, kann ich auch nur sagen: Das ist großartig, wie sie mit dem schrecklichen Tod ihrer Tochter umzugehen vermögen!
    Das wird sie ganz stark machen.

    Zur Symbolik des Kniefalls von Willy Brandt in Warschau: Das plant man nicht, aber das ist von solch einer Kraft und Wirkung – ohne Worte!
    Ich denke da auch an die jüngsten Beispiele bei den Protesten der Schüler/innen von Parkland gegen die Waffenlobby: Dieses Schweigen von 6:20 Minuten von Emma Gonzalez! Das bleibt und wird nicht ohne Wirkung bleiben.

    Zu Ihren Vorschlag eines Erfahrungsaustausches zur Arbeit mit wohnungslosen Menschen, kann ich jetzt nicht viel sagen. Das liegt nicht in meiner Hand. Zu sagen gibt es einiges. Mein Ex-Kollege Klaus Störch und ich haben dazu ein Buch (Lambertus 2009) geschrieben: „Wohnungslose Menschen – Ausgrenzung und Stigmatisierung“. Es ist ausverkauft und wir brüten gerade über einen Nachdruck mit Aktualisierung. Man findet uns unter den Stichworten im Internet.
    Danke für Ihre Anregungen! We will see what tomorrow brings.
    Alles Gute, Herr Engelmann, schöne Ostern!

  28. Werner Engelmann sagt:

    Lieber Herr Malyssek,

    danke für die ausführliche Antwort.
    Es it nicht viel zu erwidern, da ich nicht sehe, wo ein Dissens vorläge.
    Bemerkenswert erscheint mir doch immerhin, dass bei aller Unterschiedlichkeit individueller Erlebnisse etwas Übergreifendes zu existieren scheint, das vor allem Menschen etwa gleichen Alters, oft aber auch verschiedene Generationen miteinander verbindet. Ersteres ist insofern tröstlich, als man sich dann nicht so allein gelassen fühlt, Letzteres ist eine Chance, weil eine andere Generation auch ggf. unbefangener fortführen kann, wozu die ältere Generation nicht mehr imstande ist.
    So etwa war meine 12 Jahre ältere Schwester nach der Lektüre meiner Roman-Trilogie erstaunt, was ich als kleiner Knirps so alles mitbekommen und dann auch ausgedrückt habe, was sie wohl empfunden hat, nicht aber hätte ausdrücken können.
    Und eine Polin, die ich bei den EU-Institutionen unterrichtete, erzählte einmal von ihrem Vater, der als Solidarnosc-Kämpfer zweimal Weihnachten im Gefängnis verbracht hatte, aber dann nicht mehr in der Lage war, seine Erfahrungen auszudrücken. Ich darauf zu ihr: „Dann ist es wohl deine Aufgabe, das in Worte zu gießen, was er nicht mehr kann.“

    Vielleicht ein recht ordentlicher und auch tröstlicher Schluss derart, dass es doch weitergeht, auch wenn das manchmal unmöglich erscheint.
    Ich halte recht viel von dem Spruch Hölderlins: „Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

    Ich wünsche Ihnen noch einen recht schönen Ostermontag.

  29. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Herr Engelmann,

    auch Ihnen mein Dankeschön für diesen nachdenklichen Diskurs.
    Das ist mehr als eine Ehrenrettung der 1968er, aber auch fordert es zum Weiterdenken heraus.

    Ihr Beispiel mit der Polin im Unterricht ist so ein eine Anregung.

    Der Spruch Hölderlins ist mir auch nicht fremd und ich weiß ihn sehr zu schätzen.

    Sodann noch ein tröstlicher Schluss meines geistigen Mentors Albert Camus:
    „Der Hoffnung beraubt, dennoch nicht verzweifeln.“

    Einen schönen Ostermontag-Abend und bis demnächst.