Ludwig Erhard nannte die Studenten „Pinscher“

Frankfurter Rundschau Projekt

Ludwig Erhard nannte die Studenten „Pinscher“

Von Carsten Dietrich Brink

.

Ich fange einmal etwas früher an. Im Februar 1966 gehörte ich zum letzten Jahrgang, der zu Ostern seine Abiturprüfungen ablegte. Danach folgte ein Fachpraktikum, das für das Ingenieurstudium in Darmstadt notwendig war. Ich arbeitete in der Lehrwerkstatt des Hessischen Rundfunks in Frankfurt, es war der Sommer, in dem „Summer in the City“ ein Hit war. Ich hatte Gelegenheit als Kabelträger bei den Aufnahmen für die Fernsehsendung „Beatclub“ dabei zu sein, die, wenn ich recht erinnere, in einer Halle beim US-PX stattfanden. Das Musikprogramm im Rundfunk war in diesem Sommer dürftig, denn die Plattenfirmen verweigerten gerade (und in Zukunft) die kostenlose Hergabe von Tonträgern an die Rundfunkanstalten.

Ludwig Erhardt hatte sich von der US-Regierung mit neuen Stationierungsabkommen über den Tisch ziehen lassen und nannte die Studentensemester vor mir „Pinscher“. Er stürzte und 1966 herrschte die erste Große Koalition unter „König Silberzunge“, Bundeskanzler Georg Kiesinger, einem Politiker der CDU mit Erfahrungen aus der NS-Zeit. Vizekanzler war Willy Brandt. Im Herbst 1966 wurde der Bundestag neu gewählt und die CDU verlor mit dem Slogan „sicher in die 70er Jahre“. In meinem Elternhaus wurde Zeitung gelesen, der Vater die FAZ, die Mutter die Taunus-Zeitung, ich nun in Darmstadt ließ mich von der Frankfurter Rundschau anwerben, die ich seither beziehe. Die SPD unter Willy Brandt bildete zusammen mit der FDP die erste sozialliberale Koalition. Dabei halfen zwei hessische FDPler: Wolfgang Mischnik und Karl Hermann Flach (ehedem stellvertretender Chefredakteur der FR!).

In dieser Zeit mauserte sich die NPD in Hessen, sie drängte in den Landtag. Ich erinnere meinen ersten „politischen“ Einsatz als Student in Darmstadt: Wir waren lauter als die Lautsprecher der NPD-Wahlversammlung, ich glaube, es waren sogar mehr demonstrierende Studenten anwesend als Zuhörer, Herr von Thadden kam kaum zu Wort. Bei anderer Gelegenheit protestierten wir gegen das Verhalten des Springer-Verlages, der in Darmstadt eine große Druckerei unterhielt. Auf dem Luisenplatz kreuzen sich alle Straßenbahnlinien Darmstadts. Mit einem Sit-in auf den Schienen legten wir den Gesamtbetrieb still. Im jugendlichen Elan kaufte ich einem Bildzeitungsverkäufer den ganzen Vorrat an Bildzeitungen ab und beförderte sie in den Mülleimer der Straßenbahnhaltestelle.

Brink 1968Ein Go-in in das Amtsgerichtsgebäude prägte mich für den Rest meines Lebens. Warum ein Student vor Gericht stand, weiß ich nicht mehr. Wir bevölkerten das geräumige Treppenhaus des Amtsgerichts und übergingen die Aufforderung der Polizei, das Gerichtsgebäude zu verlassen. Es erging der Befehl „Räumen“ an die Polizisten. Diese bildeten eine Kette und Demonstrant für Demonstrant wurde „weitergereicht“ von Hand zu Hand durch das Foyer und die Außentreppe hinunter. Dieser Vorgang beschleunigte sich von Person zu Person… schließlich stürzten die  Demonstranten kopfüber die Treppe hinunter. Ich höre mich noch rufen: „Ihr seid wohl wahnsinnig geworden!“ Einigermaßen unbeschadet bin ich davongekommen.

Carsten Dietrich Brink im Jahr 1971.
Foto: privat

Dies war die eine Seite der Darmstädter Polizei, die andere hatte einen Namen und stand dem Revier 1 im Schloss vor. Den Dienstgrad weiß ich nicht mehr, er hieß mit Namen Berst und war bei allen Studenten nur als „Papa Berst“ bekannt. Dieser Mann hatte Autorität bei allen und hat sicher manches Mal für Frieden und „Ordnung“ (im Sinne von friedlichem Nebeneinander) gesorgt.

Ich stamme aus einem großbürgerlichen Elternhaus, meine Erziehung kann ich für die damalige Zeit als fortschrittlich, repressionslos und modern beschreiben. In der Familie wurden Probleme ausdiskutiert, man behandelte sich auf Augenhöhe. Auch das Gymnasium in Kassel war seiner Zeit voraus und galt damals als „Kaderschmiede der SPD“.

Ich schaute mich also in Darmstadt um und fand Anschluss beim Studentischen Filmkreis und beim Internationalen-Studenten-Kreis (ISK), der ein Studentenlokal an der Mathildenhöhe betrieb. Als Kino- und Bar-Betreiber wurde man bekannt, wie der sprichwörtliche bunte Hund. Offen nach allen Seiten, ließ ich mich sogar von einer schlagenden Verbindung anwerben, die ich aber nach der ersten (erfolgreichen) Partie wieder verließ. Die beginnende politische Ausrichtung der Burschenschaft nach rechts gefiel mir gar nicht. Mir blieb aber die Kandidatur zum Studentenparlament, zu der mich die Burschenschaft überredet hatte. Als nunmehr unabhängiger Kandidat (und bunter Hund) schaffte ich die Wahl und erlebte so den Kampf um die Drittelparität in den Hochschulgremien. Der spätere Rechtsanwalt Sebastian Cobler, er nannte sich „individueller Sozialist“, wurde AStA-Vorsitzender. (Nach Mathematikstudium in Darmstadt studierte er Jura in Frankfurt und wurde durch den Abtreibungsprozess in Memmingen bekannt.)

Neben dem steten Streben nach der Drittelparität wurde die Militärforschung eines Physikinstituts für die USA zum Politikaufreger unserer Amtszeit. Beweiskräftige Akten des Instituts fanden sich eines Morgens im Flur vor dem AStA-Büro, nachdem sie aus dem Institut entwendet worden waren. Der AStA dokumentierte den Inhalt der Akten in einem Buch, bevor er die Akten zurückgab. Das große Ziel des Studentenparlaments war die Einführung und Durchsetzung der Drittelparität in den Gremien der Universität. Wir erreichten unser Ziel, indem wir gegen alle Einwände immer die Frage stellten: „Wollt ihr Frankfurter Zustände?“ Das wirkte bei der Professorenschaft und bei der Hochschulverwaltung. Erst das neue Hochschulrahmengesetz von Minister von Friedeburg beendete unseren Erfolg per Gesetz. Manche Professoren hatten von uns gelernt und blockierten ihrerseits durch Abwesenheit drittelparitätische Gremien. In Darmstadt waren Pragmatiker am Werk, man einigte sich, Theoriediskussionen waren verpönt.  Die einzige Opposition im studentischen Bereich, der RCDS, erhielt stets nur einen Stimmenanteil im 5%-Bereich. Bestreben auch der studentischen Linken in Darmstadt war und blieb, Forschungsfelder transparent zu machen, Studiengänge zu entstauben, Ziele die auch vom sogenannten „akademischen Mittelbau“, den Assistenten, geteilt wurden.

Als Hochschulrahmengesetz und Notstandsgesetze „gelesen“ waren, wendete ich mich praktischer Arbeit zu. Über den Studentischen Filmkreis entstand ein Kontakt zum ZDF, dort gab es Arbeit als studentischer Filmtonmann. Andere Kommilitonen wurden Redakteure bei der Jugendsendung „direkt“. Wir machten viele Einsätze zusammen. Das Redaktionsprinzip war: Jugendgruppen die Möglichkeit geben ihr Anliegen selbstbestimmt in die Sendung zu bringen. Für meine Freunde entwickelte sich daraus ihre Firma „docfilm“. Ich selbst fand über die Tätigkeit zur Gewerkschaft, der ich noch heute verbunden bin.

Ein großer Schock ereilte mich zu Hause bei meinen Eltern, ich nehme an, es war ein Wochenende, der 21. August 1968. Aus dem Radio kam die Nachricht vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei. Tagelang verfolgte ich vor dem Fernsehgerät den Widerstand, den die Menschen in Prag und anderen Orten gegen die Besatzer leisteten. Ein Gefühl des Gleichklangs hüben und drüben vom Eisernen Vorhang erstarb.  Die Hoffnung auf einen neuen Weg für Europa erstarb zum ersten Mal in mir.

Kurz darauf stand eine schwarze Wolga-Limousine vor einem Darmstädter Studentenwohnheim. Besitzer war ein Studentenpaar aus der Tschechoslowakei, das Auto war der Dienstwagen eines Vaters…  Das Dableiben in Deutschland war damals einfacher, doch Sankt Bürokratius forderte auch damals schon Opfer. Die ausländischen Kommilitonen, auch die aus den heutigen EU-Ländern, mussten sich regelmäßig je nach Genehmigung die Aufenthaltsgenehmigung beim Einwohnermeldeamt verlängern lassen. Je länger der Aufenthalt dauerte, desto weniger oft mussten sich die ausländischen Kommilitonen melden.

+++ Das Projekt „Mein 1968“ – Der Aufruf +++ Schreibtipps +++ Ein Beispiel +++ Kontakt +++

brink-kleinDer Autor

Carsten Dietrich Brink,
Jahrgang 1947, lebt heute in Gauting bei München
und ist nach einem Arbeitsleben in der EDV seit 2013 Rentner.

Bild: privat