Die 68er-Bewegung wird überschätzt

Frankfurter Rundschau Projekt

Die 68er-Bewegung wird überschätzt

Von Peter Bläsing

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Ich bin Jahrgang 1940, derselbe Jahrgang wie Rudi Dutschke und John Lennon. Eigentlich wollte ich mich zum Thema „AAB“ (Anti-Autoritäre Bewegung – so haben wir uns damals genannt, „APO“ war eine Erfindung der Medien) nicht mehr äußern, obwohl ich von Anfang an mittendrin gesteckt habe.

Ich war am Gründonnerstag 68 mit dem Ruf „Axel, wir kommen“ zum Springer-Haus in Hamburg gezogen und hatte dort, auf der Straße sitzend, „We shall overcome“ angestimmt. Am Ostermontag 68 vor dem Hamburger Polizeipräsidium musste ich das erste (und einzige) Mal Bekanntschaft mit Wasserwerfern und Polizeiknüppeln machen.  Ein halbes Jahr später hatte ich als Mitbegründer des „Republikanischen Clubs Hamburg“ die hitzigen und letztlich völlig unergiebigen Diskussionen tapfer ertragen und war drei Jahre später immer noch dabei gewesen, als wir unseren Club wieder schließen und die Überreste aus den Räumen an der Hamburger Rothenbaumchaussee zur Sperrmüllsammelstelle bringen mussten.

Wenn ich den schönen Vorsatz, den 50 Jahren still zu gedenken, verlasse, dann deshalb, weil es jetzt genug ist mit dem, was an Verfälschendem hier in der FR über diese Zeit zusammenphantasiert wird. Das Fass lief über mit der Behauptung des Herrn Schwoerers in seinem FR-Interview, die Bewegung habe „den Vietnam-Krieg mit beendet.“ So eine Anmaßung! Die 58 000 toten amerikanischen Soldaten und die Erkenntnis der Herren Nixon und Kissinger, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war, haben zum Rückzug der USA geführt!

Bläsing 1968Aber wie der Herr Schwoerer leiden auch die FR-Leser, die sich bisher zu dem Thema geäußert haben, an dieser maßlosen Überschätzung der 68er Bewegung. Dabei fällt auf, dass die meisten von ihnen damals noch Schüler oder Studienanfänger waren und ihre  Erfahrungen aus zweiter Hand stammen.

Peter Bläsing im Jahr 1968.
Bild: privat.

Ich will beileibe nicht behaupten, wir hätten überhaupt nichts bewirkt. Zu allererst ist da zu nennen unsere aktive Unterstützung für die durch Fritz Bauer und den Auschwitz-Prozess eingeleitete Offenlegung der nationalsozialistischen Vergangenheit des deutschen Volkes. Wir haben mit dafür gesorgt, dass die Fortführung des damals Begonnenen bis in die heutige Zeit anhält. Ebenso unbestreitbar erfolgreich war der konsequente Kampf gegen die sachgrundlose Autorität von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten. In den Jahren nach der Wiedervereinigung habe ich während meiner Tätigkeit beim Aufbau Ost an dem zum Teil kuriosen Respekt der ostdeutschen Kollegen vor Obrigkeiten gemerkt, wie nachhaltig wir damals die westdeutsche Gesellschaft befreit hatten. Und letztlich wären Willy Brandt und die Ostpolitik ohne uns zweifellos nicht möglich gewesen.

Ich schaffe es allerdings nur in wenigen Fällen, die Beiträge der FR-Leser zu Ende zu lesen – zu sehr erinnern mich die weitschweifigen Texte an die struktur- und ziellosen Diskussionen, die wir vor 50 Jahren geführt haben; denn außer dem fernen Vietnam-Krieg und dem Muff unter den Talaren und außer den ganz eigenen Problemen vieler Genossen mit ihren durch die Nazizeit geprägten Eltern („So etwas hätte es bei Adolf nicht gegeben!“), existierte keinerlei gemeinsame politische, geschweige denn ideologische Basis. Ich konnte da ohnehin nicht mithalten, meine Eltern waren Kommunisten und entschiedene Antifaschisten. In der Gründungsversammlung unseres Clubs war auch nach drei Tagen keine gemeinsame Linie erkennbar, die Redebeiträge befassten sich vor allem mit der Frage, mit wem wir auf gar keinen Fall zusammenarbeiten sollten. Ich hatte dennoch versucht, den Genossen klar zu machen, dass die einzige rote Fahne, vor der die Mächtigen im Westen wirklich Angst hatten, nicht die war, die unsere Mao-Jünger durch die Hamburger Straßen trugen, sondern die rote Fahne mit Hammer und Sichel auf dem Kreml. Wütende Beschimpfungen waren die Folge. Unser Senior, er hatte als Jugendlicher im KZ gesessen und war bis zum Verbot KPD-Mitglied gewesen, hat mich damals getröstet. Und so wurde die Absicht, mit dem Club den durch die Ereignisse im April und Mai 68 politisch Wachgewordenen einen Organisationsrahmen für alle Linken zu liefern, recht bald durch sogenannte „Anarcho-Kollektive“ zunichte gemacht, und der Club geriet in Gefahr, zu einem Sammelpunkt von Aussteigern und Junkies zu werden.

Die AAB war gescheitert, weil der gemeinsame Frust über Eltern und andere Autoritäten, der Kampf gegen den 218, das Einrichten von Kinderläden, das Klauen im Supermarkt, das Rauchen von Haschisch, ja sogar das bei Rot über die Ampel gehen als Basis für eine ernstzunehmende politische Organisation, die eine gerechtere Welt hätte erzwingen können, zu wenig waren. Die  aufgeschreckten Mächtigen konnten beruhigt weitermachen.

 

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Bläsing PorträtDer Autor

Peter Bläsing, geb. 1940 in Berlin,
Abitur in Frankfurt/Main,
Studium in Karlsruhe (Bauingenieur),
danach berufsbedingtes Wanderleben
u. a. in Hamburg, Bochum, Köln,
Basrah/Irak,Bitterfeld, Berlin, Dresden;
seit 2003 im Ruhestand.

Bild: privat

 

12 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Unabhängig von der Auseinandersetzung, ob die soziale Bewegung, die inzwischen unter dem Kürzel „68er“ firmiert, von Lesern der FR über- oder unterschätzt wird, ist nach wie vor festzuhalten, dass der Zugang zum Urquell der Kreativität insbesondere für die Wissenschaften derzeit immer noch von einer Machtstruktur versperrt ist, vor der selbst die gediegenste Sprache, die eleganteste Formulierung und das verständlichste Argument die Flügel strecken. Allenfalls Schizophrenen hält man nicht nur historisch am Beispiel von Hölderlin, Strindberg oder van Gogh zugute, die Barriere überwinden zu können (vgl. Rotzoll, in: v. Engelhardt/Gerigk (Hrsg.), 2009: 347). Insofern geht es politisch um ein äußerst seltenes Vermögen, das Gesunde von Natur aus niemals besitzen. Es scheint daher in der Tat so zu sein, dass die „68er“ auf zentralem Gebiet buchstäblich kein Bein auf den Boden gebracht haben, wie Herr Bläsing im Nachhinein kritisiert, sondern sich in völlig beliebigen Angelegenheiten wie Klauen im Supermarkt, Rauchen von Haschisch oder der Gründung von Kinderläden heillos verloren haben.

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    Den nüchternen Blick von Herrn Bläsing auf die Erfolge der „68er“ halte ich durchaus auch für angebracht, weil es tatsächlich nicht darum gehen kann, die Revolte (maßlos) zu überschätzen. Dennoch: Das Bewahrenswerte aus dieser Ära gilt es herauszustellen und die Fähigkeit den status quo so in Frage zu stellen, dass eine andere (kritische) Unruhe in diese Gesellschaft gelangt, als – so wie zur Zeit passiert – die falschen Feindbilder auf lange Sicht festzumachen (die Migranten, die Asylanten, die Flüchtlinge):

    „Nun steh ich auf, ich weiß Bescheid:
    Nach jener winzigen, großen Zeit
    sei dies der Wahrspruch des Geschlechts:
    Der Feind steht rechts! Der Feind steht rechts!“
    (Kurt Tucholsky, 1919)

    „Heillos verloren“ (Ralph Rath) haben die „68er“ dennoch nicht.

  3. Werner Engelmann sagt:

    Lieber Herr Bläsing,

    zunächst einmal – da es sich hier um ein seriöses Blog handelt – verlinke ich (was Sie versäumt haben) hier das Interview von Herrn Schwoerer, das mit den 68ern so gut wie nichts zu tun hat, und gebe hier das Originalzitat wieder, das Sie so erregt:
    „Diese Demonstrationen waren damals ein wichtiger Beitrag dazu, dass der Vietnam-Krieg zu Ende ging.“
    (http://www.fr.de/politik/zeitgeschichte/die68er/68er-serie-der-militaerische-weg-hat-einen-zu-hohen-preis-a-1450771)

    Sie machen daraus die Behauptung, die Bewegung habe „den Vietnam-Krieg mit beendet.“
    Dass Sie sowohl die Relativierung „wichtiger Beitrag“ als auch das Subjekt „Demonstrationen“ unter den Tisch fallen lassen und statt dessen ein neues („die Bewegung“) konstruieren, um Ihrer Entrüstung über deren „Anmaßung“ wenigstens etwas Glaubwürdigkeit zu verleihen, sagt eigentlich schon genug über Ihren Umgang mit Aussagen anderer Menschen aus. Doch es kommt ja noch viel schlimmer.

    Ihre Aversionen gegen Herrn Schwörer werden von Ihnen nahtlos auf „die FR-Leser“ übertragen, „die sich bisher zu dem Thema geäußert haben“.
    Nun steckt schon in dieser apodiktischen Verallgemeinerung reichlich Unverfrorenheit.
    Die wird allerdings dadurch noch gesteigert, dass Herr Schwoerer – 1968 gerade 10 Jahre alt! – seine Einschätzung als „Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ abgegeben hat, mithin mit den 68ern nichts zu tun hat und dies auch an keiner Stelle behauptet.
    Während die in der FR-Dokumentation zu Wort Gekommenen ausnahmslos als Zeitzeugen von ihren subjektiven Erlebnissen und Erfahrungen berichten. Ich kann mich auch nicht erinnern, bei einem/einer von ihnen überhaupt eine Einschätzung gelesen zu haben, die sich auf den Nenner einer „maßlosen Überschätzung“ bringen ließe. Schon gar nicht derart, dass sie mit der von lächerlicher Kommunarden wie Kunzelmann oder Langhans verglichen werden könnten.
    Aber das interessiert Sie offenbar genau so wenig wie korrekter Umgang mit Aussagen anderer.

    Nun gibt es ja über „die 68er“ wie auch über deren Wirkung sowie deren Einschätzung noch 50 Jahre danach durchaus einiges Kritische zu sagen, über das sich reden ließe. Ich habe es bei meinem Beitrag auch reichlich getan und verzichte hier auf eine Wiederholung.
    Vorausgesetzt, man geht in sachlicher und fairer Weise mit Aussagen anderer um und weiß auch subjektive Erfahrungen von politischen Einschätzungen zu unterscheiden. Und man ist selbst zu einem Lernprozess bereit.

    Als Beitrag dazu verstehe ich auch die FR-Reihe „1968“, die Sie in reichlich anmaßender Weise in Bausch und Bogen meinen verurteilen zu können.
    Dass dazu auch ein realistisches Bild einer zunehmend in Sektierertum abgleitenden „Bewegung“ gehört, versteht sich von selbst. Aber auch die Analyse, von WEM denn nun die Wirkungen der 68er maßlos übersteigert werden und WARUM. Was es etwa mit dem Bedürfnis nach einem passenden Sündenbock zu tun hat, auf den alles und jedes projiziert werden kann. Den z.B. Demagogen wie Alexander Dobrindt brauchen, um ihrem Geschwätz von der Notwendigkeit einer „konservativer Revolution“ den Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen. Und die zugleich – reichlich paradox – jegliche gesellschaftsverändernde Wirkung der 68er abstreiten.

    Tendenzen, denen gegenüber es sich gerade als 68er, der aus Irrtümern gelernt haben will, zu positionieren gilt. Davon kann ich bei Ihnen aber nicht einmal in Ansätzen etwas erkennen. Dazu müsste man ja auch argumentieren.
    Dagegen erkenne ich sehr wohl das hohe Ross der pauschalen Verurteilungen anderer Einschätzungen und Erfahrungen wieder, von dem herabzusteigen, wie es scheint, Sie auch nach 50 Jahren noch nicht geschafft haben.

  4. Ralf Rath sagt:

    Übrigens: In der Zentrumslosigkeit und der eklatant daraus folgenden Unfähigkeit, mit einer Herrschaft und Machtstruktur aus Verbänden einschließlich den Gewerkschaften, politischen Apparaten und Bürokratien zu brechen, erkennt Didier Eribon in seinem am 18. April 2017 aktualisierten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine sogar den „Geist von ’68“, den es sich um der Erneuerung willen heute wieder zu eigen machen gilt. Der französische Soziologe, der spätestens seit seiner Monographie mit dem Titel „Rückkehr nach Reims“ auch dem deutschen Publikum bekannt sein sollte, spricht demnach nicht zuletzt Hölderlin („Es ereignet sich aber das Wahre“, siehe die Kritik von: Böhmer, Otto A., in: Frankfurter Rundschau v. 26. Juni 2018)) kurzerhand jeglichen Geist ab und betreibt nach Belieben die Ausrottung solch einer Art des Denkens, das für das Gemeinwohl unverzichtbarer nicht sein könnte.

  5. Ralf Rath sagt:

    @Jürgen Malyssek
    Am Anfang der kritischen Theorie, wie sie die Vertreter der so genannten Frankfurter Schule ausarbeiten, steht erklärtermaßen die Frage nach der sozialen Lebenslage eines „Krüppels“ (Marcuse, H.: Kultur und Gesellschaft I, Frankfurt am Main, 1965, S. 105). Anstatt die Früchte solch eines in der tagtäglichen Praxis hoch leistungsfähigen Geistes zu ernten, wird den Trägern ihre Begabung, den Stier gleichsam bei den Hörnern zu packen, um es in den Worten von Joschka Fischer zu sagen, willkürlich in Abrede gestellt. Ein Stiefel zertritt also bereits die Saat, noch bevor sie aufgehen kann. Dass „68er“ angesichts dessen die Flucht vor der Notwendigkeit eines dringend gebotenen Widerstands gegen den besagten Frevel antraten und lieber im Supermarkt klauten, Haschisch rauchten oder Kinderläden gründeten, wovon Herr Bläsing berichtet, kann ohne viel Federlesen keineswegs als ein Sieg bezeichnet werden.

  6. Ralf Rath sagt:

    Der Ehrlichkeit halber will ich nicht verhehlen, dass ich große Mühe hatte, meine Tränen zu verbergen, als ich eine Ausstellung der Werke des als „Ikarus vom Lautertal“ gescholtenen Gustav Mesmer vor Jahren im Ulmer Stadthaus besuchte. Manche sagen mir zwar in einem ungeheuren Anflug von Häme ein großes Herz nach. Aber es ist immerhin nicht aus Stein. Angesichts des industriell inszenierten Wahnsinns mancher zeitgenössischer Künstler überkommt mich deshalb inzwischen das kalte Grausen. Was das mit „68“ zu tun hat, müsste insofern ärztlich noch diagnostiziert werden.

  7. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Ralf Rath

    Ich will nicht zu weit ausholen, weil ich mich zu den „68ern“ schon mehrfach geäußert habe. Ich mag jedenfalls nicht die „Renegaten“, die vom Selbstwaschzwang geplagten Ehemaligen, die mal dabei waren und später – und das bis heute – dann weiter Asche auf ihr Haupt schütten, um die Bewegung, die Revolte in ihre Einzelteile zerlegen, bis dass jeder reaktionäre Zeitgenosse bzw. Zeitgenossin sich mit seiner/ihrer vernichtenden Kritik („linksversiffte 68er“) von daher auch noch bestätigt fühlen kann.
    Deshalb halte ich wenig davon, „Freveltaten“ wie im Supermarkt klauen, Haschisch rauchen oder Kinderläden gründen, irgendwelche Selbststigmatisierungen vorzunehmen. Auf Herbert Marcuses Grabstein im Dorotheenfriedhof steht übrigens das eine Wort: WEITERMACHEN!
    Das scheint mir optimistischer zu klingen.

  8. Brigitte Ernst sagt:

    Ich sehe die Zeit um 1968 als Phase in einem längeren Prozess des Umbruchs, des Umdenkens, als eine Strömung, die alle westlichen Länder erfasste. Sie dockte an das Civil Rights Movement in den USA an, an das Free Speech Movement an der Universität Berkeley, und äußerte sich in Deutschland und Frankreich im Aufbegehren gegen autoritäte Strukturen an den Universtäten und in der Gesamtgesellschaft. In Deutschland kam die längst überfällige Auseinandersetzung mit der Nazizeit hinzu, die Proteste gegen die Notstandgesetze, während die Kritik am Vietnamkrieg international war.

    Wenn sie, Herr Bläsing, bemängeln, es habe „keinerlei gemeinsame ideologische, geschweige denn politische Basis“ existiert, kann ich Ihnen nur antworten: Das konnte sie auch gar nicht, aber ihrer Wirkung in der gesamten Generation, weltweit, hat das keinen Abbruch getan. Der SDS, der Republikanische Club oder wie die sonstigen Splittergruppen hießen, mussten sich nicht als Parteien etablieren. Worin ihre Leistung besteht, ist, dass ein kritisches Denken entstand, das sich löste von dem Glauben an bisher Unhinterfragbares, und bis in die etablierten Parteien, vor allem die SPD und die FDP, und später in die neu geründeten „Grünen“, einfloss und weiterwirkte.
    Sie selbst, Herr Bläsing, nennen doch eine Fülle von Auswirkungen und Erfolgen, die auf die Gedanken dieser Bewegung zurückzuführen sind: die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, den Kampf gegen die „sachgrundlose Autorität von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten“, die Ostpolitik Willy Brandts. Und man kann noch hinzufügen: die Befreiung von sexuellen Zwängen, die Beendigung der Diskriminierung sexueller Minderheiten und sogar – wenn auch nicht unbedingt von den SDS-Männern gefördert, wie Gretchen Dutschke heute erzählt – die Emanzipationsbewegung der Frauen.

    Wenn Sie auch recht haben mögen mit der Zerfaserung und partiellen Infantilisierung einiger politischer Gruppen, so war es doch der Geist, der in die gesamte Gesellschaft hineinwehte, es waren die Samenkörner, die gelegt wurden und die vielfältigsten Früchte trugen. Das klingt jetzt sehr pathetisch, ja fast biblisch, aber so habe ich persönlich das empfunden.

    Im Übrigen sollten die Texte der FR-Leser ja einen Einblick in die subjektiven Erfahrungen und Einschätzungen der Autoren vermitteln und keine historisch-poltische Analyse liefern. Schließlich laufen sie unter dem Titel „Mein 68“ und nicht unter „Kritische Aufarbeitung der 68er-Bewegung“.

  9. Ralf Rath sagt:

    @Jürgen Malyssek
    Vor rund 100 Jahren zu Beginn der 1920er Jahre konnte Karl Jaspers noch schreiben: „Wie eine kranke Muschel Perlen entstehen lässt, so könnten schizophrene Prozesse einzigartige geistige Werke entstehen lassen“. Gegenwärtig indes nimmt die Stigmatisierung dermaßen massive Formen an, dass laut einem Bericht, den das Handelsblatt heute veröffentlichte, so genannte „grün-linke Gutmenschen“ vor aller Augen als „geistig-psychisch krank“ bezeichnet werden. Die brachiale Ausrottung des Geistes, durch den eine offene, nicht-determinierte Zukunft möglich ist, ist mittlerweile in vollem Gange. Insofern trifft ihre Kritik ins Schwarze, wenn sie fordern, darüber hinaus Selbststigmatisierungen umgehend zu beenden. Die sich spätestens mit der Erkenntnis von Jaspers bietende Chance würde sonst auch noch eigenhändig verbaut.

  10. Ralf Rath sagt:

    Ein einzigartiges geistiges Werk, nach dem Jaspers seinerzeit dringend verlangte, könnte eine empirisch kontrollierte Konstitutionstheorie der Lebenswelt sein, die jeglicher Naturerkenntnis stets vorauszugehen hat, wie sie Habermas im Jahr 1971 anlässlich seiner Christian Gauss-Lectures an der Princeton University in Aussicht gestellt hat. Bleibt das Konstituens weiterhin unbegriffen, verfügen in arbeitsteiligen und insofern modernen Gemeinwesen insbesondere die Ärzte über keinerlei Orientierung für ihr Handeln. Die Milliardensummen, die in der Bundesrepublik Deutschland allein die gesetzliche Krankenversicherung für Gesundheit ausreicht, dienen deshalb in Wirklichkeit lediglich einem Blindflug. Dass Hans-Jürgen Krahl beanspruchte, eine „ausformulierte Theorie revolutionärer Bewegungen“ zu erarbeiten, darf angesichts dessen nicht gering geschätzt werden. Läge sie heute vor, könnten sämtliche Sozialversicherungen immense Beträge einsparen, anstatt immer mehr Gelder im Unverstand zu verbrennen. Fraglich daher, weshalb momentan Dritte keine Gelegenheit auslassen, den schizophrenen Prozess als die entscheidende Voraussetzung nach Kräften zu sabotieren.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    @ Peter Bläsing

    Noch eine Ergänzung:
    Es wundert mich, dass Sie das Rauchen von Haschich, das Klauen im Supermarkt und die Gründung von Kinderläden in einem Atemzug nennen. Die ersteren beiden Aktivitäten können unter der Rubrik „spätpubertäre Verirrungen“ verbucht werden. Aber was haben Sie gegen Kinderläden? Ihre Einrichtung (auch wenn der dort praktizierte Erziehungsstil vielleicht nicht jedermanns Sache ist) war dagegen Grundvoraussetzung für die Teilhabe von Frauen am Wissenschaftsbetrieb und am Erwerbsleben und wegweisend für die heutige Ausweitung der Kinderbetreuung und -förderung. Alles andere als ein pubertärer Irrweg.

  12. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ich schließe mich Ihren Ausführungen in beiden Beiträgen an.
    Ihre Einwände werden zudem durch den selbstgerechten Duktus und Verallgemeinerungen bestätigt. Hinweise darauf, dass es Herrn Bläsing weniger um eine abwägende Einschätzung geht als darum, ehemaligen „Genossen“ (und einigen anderen) im Nachhinein eins auszuwischen. Weshalb ich auch scheinbar selbstkritische Äußerungen („Ich konnte da ohnehin nicht mithalten“) nicht ernst nehmen kann.