„Sein ungepflegtes Aussehen beschämt uns sehr“, sagte mein Vater

Frankfurter Rundschau Projekt

„Sein ungepflegtes Aussehen beschämt uns sehr“, sagte mein Vater

Von Horst Adamitz

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„Du studierst nicht! Du wirst Beamter bei der Deutschen Bundesbahn!“ Mit diesen Worten reagierte mein Vater auf meinen Wunsch zu studieren. Ich wollte Jurist werden.

Das Jahr 1968 war für mich eigentlich ein recht erfolgreiches Jahr. Ich machte mein Abitur an der Liebigschule in Frankfurt am Main. Meine Durchschnittsnote war zwar mittelmäßig. Doch für ein Arbeiterkind und einen „Bub aus der Gosse“ war es damals schon etwas Besonderes, aufs Gymnasium zu gehen und das Abitur abzulegen. Meine Mutter war Buchbinderin und arbeitet in der Union-Druckerei in Bockenheim. Mein Vater verdingte sich als Werkzeugmacher und Dreher im Bundesbahn-Ausbesserungswerk in Nied. Ich war ein sogenanntes „Schlüsselkind“.

Ich wuchs zunächst im berüchtigten Kamerun auf. Später zogen wir in die Kuhwaldsiedlung, wo überwiegend Bedienstete von Bahn und Post wohnten. Adamitz 1968Die Zeit bis zum Studium wollte ich als Bademeistergehilfe bei der Stadt Frankfurt überbrücken. Das verbat mir mein Vater. Denn ich sollte ja nun einen „anständigen“ Beruf erlernen. Und Originalton: „Wir haben Jahre lang für dich bezahlt, nun solltest du uns etwas zurückgeben!“ Ich aber wollte studieren, meine Eltern wollten das nicht. Dieses Problem musste erst einmal gelöst werden, denn ohne die Einwilligung meines Vaters ging damals gar nichts. Im Jahr 1968 war man erst mit 21 Jahren volljährig, ich war 19. Also nix mit Studium? Ich ließ nicht locker und rang meinem Vater einen Kompromiss ab: Er unterstützte meine vorzeitige Volljährigkeit und ich sollte für immer und ewig auf finanzielle Unterstützung durch meine Eltern verzichten.

Horst Adamitz im Jahr 1968.

Foto: privat.

Im Sommer konnte ich mein Studium an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität beginnen. Das waren damals bewegte Zeiten: Eine Demo nach der anderen, Sit-ins, Sprengungen von Vorlesungen. Und ich mitten drin. Von Studieren war da nur am Rande die Rede. Man konnte sich den „Bewegungen“ und Ereignissen kaum entziehen. Es hatte aber auch etwas Aufreizendes. Aufmüpfigkeit gegen die bestehende Ordnung und die Forderung nach einer gerechteren Welt waren die Utopie dieser Tage und auch die meine. Ja, sogar andere Gesellschaftsformen wurden heiß diskutiert. Und ich mitten drin – naja eigentlich mehr so am Rande.
Ich ließ mir die Haare lang wachsen und einen Bart. Mein Vater war verzweifelt ob meines „beschämenden“ Aussehens, was gerade in der Kuhwaldsiedlung, wo jeder jeden kannte, schon Aufsehen erregte. Und so forderte er von mir den Verzicht auf Bart und lange Haare. „Sein (also mein!) ungepflegtes Aussehen beschämt uns sehr“.
In einem späteren Schreiben an das Amtsgericht Frankfurt bedauerte mein Vater: „Er (also ich!) ging zu den Kriegsdienstverweigerern, lehnte den Militärdienst ab und betätigte sich in linksradikalen Kreisen.“ Damit war wohl mein Engagement in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes gemeint.

Da gab es für mich aber keine Kompromisse. Und die Auseinandersetzung mit meinem Vater eskalierte in seiner Drohung, mich aus der Wohnung zu verbannen. Nachdem ich dann auch noch sein autoritäres Verhalten meiner Mutter gegenüber kritisierte, war die Grenze für ihn wohl überschritten. Er schmiss mich aus der Wohnung und ich war von einem Moment zum anderen „obdachlos“. Glücklicherweise konnte ich bei einem ehemaligen Klassenkameraden unterkommen, bis ich etwa eine Woche später ein Zimmer im Fritz-Tarnow-Heim – einem Wohnheim der AWO für Jungarbeiter und Studierende – beziehen konnte.
Ich konnte zwar jetzt mein Jura-Studium aufnehmen, war aber, um zu überleben, gezwungen, nebenbei zu arbeiten. Und so studierte ich am Tag, arbeitete nachts als Zeitungsausträger und tagsüber sporadisch als Friedhofsgärtner. Zusammen mit dem einen und anderen Job hatte ich ein Auskommen zum Überleben. Es war aber nicht immer einfach, Job und Studium in Einklang zu bringen.

Das Jurastudium lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Irgendwie passte ich nicht in diese“ Juristen-Gesellschaft“. Ich besuchte damals unter anderem Vorlesungen und Kolloquien bei einem Professor, der sich als ausgesprochen homophob gebärdete und immer wieder Homosexuelle und Triebtäter in einem Atemzug als Kriminellen (damals gab es noch den § 175) bezeichnete und uns entsprechende Fälle zur juristischen Bearbeitung vorlegte.

Ich sollte für eine Hausarbeit einen Fall bearbeiten, in dem ein Mann im Wiederholungsfall Damenunterwäsche stahl, um sich daran zu befriedigen. Nach juristischer Würdigung kam ich zu dem Ergebnis, dass dieser Mann nicht bestraft werden sollte, sondern in psychologische oder psychiatrische Behandlung gehöre. Das brachte mir die Note Mangelhaft ein mit dem Hinweis, in der Jurisprudenz werde keine psychologische, sondern eine juristische Entscheidung verlangt. Dieses Schlüsselerlebnis brachte mich zu einer Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue: Ich wechselte von Jura zu Erziehungswissenschaften mit dem Ziel Lehramt am Grund-, Haupt- und Realschulen.

Nach dem ersten und zweiten Staatsexamen arbeitete ich dann lange Jahre als Lehrer, Stufenleiter, Pädagogischer Leiter einer IGS und Gesamtschuldirektor. 2018 werde ich 70 Jahre alt. 1968 war für mich ein ganz entscheidendes und wichtiges Jahr.

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Der Autor

Adamitz heuteHorst Adamit, Horst Adamitz, Jahrgang 1948.
1981 Mitbegründer des Antifa-Langen.  1983/84 Veröffentlichungen von zwei Büchern über die Zeit des Nationalsozialismus in Langen  1984 – 1989 Mitglied des Bundesvorstands der VVN/BdA.  1984 – 1988 stellvertretender Vorsitzender des DGB-Ortskartells Langen. 1984 – 1988 Stadtverordneter der GRÜNEN in Langen. 1996 – 2006 Pädagogischer Leiter einer IGS.  2006 bis zum Ruhestand Gesamtschuldirektor als stellvertretender Schulleiter einer IGS

Bild: privat