Draußen Ho Chi Minh, drinnen zwei Gangster

Frankfurter Rundschau Projekt

Draußen Ho Chi Minh, drinnen zwei Gangster

Von Andreas Hermann Kunze

Sonntagvormittag. Sommer 1968. FR, Lokalredaktion. Ich, Volontär, sitze vor Schreibmaschine und Grundgesetz und zerbreche mir – im Auftrag des Politikchefs Rathert und im Sessel des Lokalchefs Heuer – den Kopf über die Notstandsgesetze; soeben sind sie in Kraft getreten.

Draußen Ho Chi Minh. Seit Monaten. Studenten, Schüler, DKP-Aktivisten, Maoisten… Ho, Ho, Ho Chi Minh! Ho, Ho, Ho Chi Minh! All over the place. Ähnlich wie in den USA. Da heißt es: „We shall overcome.“ Ich war dabei, bin grade zurück. Ich blättere im Grundgesetz und in „Macht und Elend der Presse“, Autor: Karl Hermann Flach, einer der obersten FR-Chefs und einer letzten Liberaldemokraten von der traditionalen „fortschrittlichen“ Schule (- und nebenbei bemerkt: würde heute eine unserer Parteien diese Position wieder besetzen, handfest, konkret, als Grundgesetzpartei, so würde sie alle anderen Parteien sofort und bleibend hinter sich lassen).

Drinnen zwei Gangster. Da höre ich hinter mir leises Türe-Öffnen, dann leise Tritte. Sich nähernde Tritte! Ich lege das Buch von KH Flach aus der Hand. Ich sehe mich um, bereit, die FR-Lokalredaktion bis zuletzt zu verteidigen. Und es bauen sich nun hinter meinem Redaktionssessel zwei seltsam anmutende Figuren auf. Zuerst eine Art Kommandeur, klein aber entschlossen; hinter ihm ein grimassierender Riesenmensch, ca. 2.10 m, und etwa anderthalb Redaktionsgemeinschaftstische breit. Zwei Gangster!

Es beginnt ein unterhaltsames Scharadespiel. Die Erinnerung daran werde ich, nebst einer FR-Wochenendausgabe von 1968, mit ins Grab nehmen. Hinter mir also, während ich weiter, halbseitig, über meine Schreibmaschine und KH Flachs Bestseller gebeugt bleibe, mich aber andererseits ebenso halbseits umwende, um die beiden Verbrecher besser im Auge behalten zu können, – hinter mir also guckt der kleinere interessiert auf mein Blatt in der Schreibmaschine, fragt mich recht forsch, was ich da mache, am Sonntag, und erklärt mir das Grundgesetz, leise aber bestimmt, irgendwie altsüdwestbadisch, während der hinter ihm sich aufbauende Mitwirkende jetzt anfängt, mir seltsame Zeichen, in einer Art kriminalistischen Fingerspiels, höchst drängend und alarmierend, über den Kopf des kleineren Gauners hinweg, zukommen zu lassen.

Der Mitwirkende weist wiederholt auf den Kommandeur vor sich. Das heißt, weit unter sich. Und greift sich mit beiden Händen, wie auf dem bekannten Schreckgemälde von Edvard Munch, an den Kopf, reißt den Mund auf, lautlos, bleckt die Zähne, weist auf mich, mit spitzem Finger, dann mit ebenso spitzem Finger auf den Commander, so etwa, als ob ich irgendwie nicht ganz dicht wäre (also so wie Rathert mich immer anguckt, wenn er die dpa-Meldungen verteilt; ich kriege stets die über den Wanderzirkus in Rödelheim, Titel meiner Beiträge etwa „Heu für die vierbeinigen Stars“) – und jedenfalls, der Mitwirkende gebärdet sich überhaupt so, wie man sich eben nur in Frankfurt, und speziell in der FR-Lokalredaktion, gebärden kann.

We shall overcome. Sonntagvormittag also, 1968, FR-Lokalredaktion. Draußen Ho Ho Ho. Drinnen ich im Lokalchef-Sessel, zwei Verbrecher sowie lustige Scharadespiele. What the heck. Ich kapiere nichts. Der hintere Gangster ist am Verzweifeln. Er schüttelt jetzt die Fäuste, irgendwie hinterrücks kopfüber.

Dann aber, plötzlich, so als ob es hier nichts zu holen gäbe, lassen die ab von mir und machen sich davon, und trollen sich, der kleine zuerst; der Scharade-Riese hinterher, nicht ohne sich noch mal umzudrehen — und mir den Vogel zu zeigen.

Das war meine einzige – und nachhaltige – Begegnung mit dem FR-Herausgeber und aufrechten Alt-Demokraten Karl Gerold. Und seinem Leibwächter.

Nachtrag 1: Umbruch!
Eine heilige Handlung. Mit dem Chef vom Dienst – damals Georg Herda – zwei Stock tiefer zum Umbruch schreiten! „Herr Herda, darf ich mit?“ … Die gewaltigen Heidelbergmaschinen. Das Gerüttel und Geschüttel. Die Drucker, die Setzer. Die Setzkästen! Ja, die gab’s noch. Heute hängen sie an der Wand und sind vollgestopft mit Kitsch und Gerümpel. FR-Zeugnis steht: „Er zeigte einen guten Sinn für Typografie“ …

Nachtrag 2: „Rosa und Karl“
Titel eines FR-Kommentars, von mir, im Lokalteil. Ich meine, es war Januar 1969. Bezug: eine DKP-Veranstaltung im „Volksbildungsheim“ – auch dieses Gebäude eine echt FEntweihung! – In meinem rankfurter Erinnerung. Ich äußerte mich etwas skeptisch gegenüber einer Art (so kam mir das damals vor) „Vereinnahmung“ Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch die DKP. Es gab einen Leserbrief einer höheren Stelle der DKP …

Nachtrag 3: Die 10 Gebote im Treppenhaus.
Zwei Etagen hoch, noch am Eschenheimer Turm natürlich, gab es die Tafel mit den Geboten des „Ethischen Journalismus“ oder so ähnlich … und jeden Morgen, aus Bernem (Im Prüfling) kommend, mit der Straßenbahn, habe ich diese Tafel studiert und habe mir das alles zu Herzen genommen …

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Kunze PorträtDer Autor

Andreas Hermann Kunze, Historiker, Dr.phil., M.Phil., M.A. Ehemals: Assistent in Instruction, Yale University – Beurteilung: „Mr. Kunzes sections are amusing and informative“. FR-Volontär, Redakteur HR-Fernsehen; Studioleiter Sendereihe „Wissenschaft Direkt“.
Lebt in Lachendorf

Bild: privat

 

 

Ein Kommentar

  1. Manfred Schmidt sagt:

    1968 im Sommer, ich war gerade 25 Jahre alt, hatte schon zu der Zeit keine Eltern mehr, war Familienvater mit Frau und Sohn der damals 1 Jahr alt war, und hatte seit 8 Jahren -mit nicht ganz 17- schon eine abgeschlossene Berufsausbildung.
    Sowas war damals in dem Alter möglich und ich wechselte ab 1960 am Ende meiner Lehrzeit mehrere Male meine Arbeitgeber. Dann war irgendwann des Wanderns ein Ende, im Jahr 1965 fand ich in einem mittelständischen Unternehmen in Frankfurt wonach ich beruflich suchte.
    Seit 2 oder 3 Jahren war ich Mitglied der SPD.
    Dass ich keine Teilhabe hatte an den Produktionsmitteln
    -besser Wertschöpfungsmitteln, denn wir produzierten nichts im engeren Sinne- empfand ich nicht als etwas, was unbedingt zu ändern wäre. Mein Beruf forderte mich und ich empfand Befriedigung in dem was ich tat, ich hatte den richtigen Arbeitsplatz für mich gefunden.
    Mit den Empfehlungen, mit denen studentische Verbindungen die „lohnabhängig Beschäftigten“ beglückte, konnte ich nichts anfangen. Dass das ganze System aber, so wie es bis dahin bestand, einmal richtig durchgepustet und durcheinander gewirbelt wurde, war schon in meinem Sinne.
    Der Aufbruch war Flügel verleihend….
    An den Ostermarschschlusskundgebungen auf dem Römerberg zu der Zeit nahm ich teil, ebenso wie anschließend an dem legendären Versuch damals, die Auslieferung der Bildzeitung vom Druckort in der Mainzer Landstraße in Frankfurt zu verhindern.
    Auf dem Römerberg sprach Joan Baez und „we shall overcome“ durfte nicht fehlen.
    Es zaubert mir heut‘ noch ein Lächeln in’s Gesicht…..

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