Margot Käßmann, bis dato Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, ist zurückgetreten. Mit gut 1,5 Promille im Blut missachtete sie eine rote Ampel, wurde von der Polizei angehalten. Führerschein weg, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Zum Glück kam niemand zu Schaden bei dieser Alkoholtour. Käßmanns Entscheidung fiel schnell und so klar, wie es von dieser Frau nicht anders zu erwarten war: Sie habe „einen schweren Fehler gemacht“ und Schuld auf sich geladen. Jetzt folge sie dem, was ihr ein Ratgeber gesagt habe: Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät. „Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben.“ Ein Rücktritt um des Amtes willen, aber auch aus „Respekt und Achtung vor mir selbst“ und um der „Gradlinigkeit“ willen, „die mir viel bedeutet“. Eine Geradlinigkeit, der die FR-Leser Respekt zollen und die sich bei so mancher anderen Person des öffentlichen Lebens vermissen. So meint Joachim Fischer aus Bremen: 

„Ich zolle Margot Käßmann Respekt für ihren Rücktritt, der eine gewisse Größe zeigt, denn es ist keine Selbstverständlichkeit, das zu tun, wie so manche Politiker gezeigt haben, die nach irgendwelchen Vergehen an ihren Sesseln kleben blieben und bald wieder zum „business as usual“ übergingen. Betrunken Auto zu fahren, ist kein Kavaliersdelikt. Dafür ist Käßmann zu Recht in die Kritik geraten. Es ist aber eine christliche Tugend, Menschen zu vergeben, die ihr Fehlverhalten einsehen und bereuen, egal ob es sich um Trunkenheitsfahrer, Diebe oder sogar Mörder handelt, auch wenn eine strafrechtliche Verfolgung damit natürlich nicht vom Tisch sein kann. Käßmann hat allerdings durch ihren Fehltritt ihrer eigenen Glaubwürdigkeit und der ihres Amtes leider schwer geschadet. Ihr Rücktritt ist daher folgerichtig.“

Pastor i.R. René Leudesdorff aus Flensburg:

„Verehrte, liebe Frau, Pastorin, Kollegin und Schwester Dr. Käßmann,

Sie haben uns dieser Tage in ein lehrreiches Wechselbad gestürzt. Zuerst Ärger und Wut: Hat sie nicht die 20 Euro, um ein Taxi zu nehmen? Fällt ihr keiner ins Steuer? Dann die Autofahrer-Selbsteinsicht: Bist du nicht auch selber schon mal …? Also: Wer unter Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Sie soll nur ja im Amt bleiben!  Dann der Verallgemeinerungseffekt: Wir sind nun allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes vor Gott. Also: Warum soll sie nicht im Amt bleiben und – wie wir Christen – von der Gnade leben dürfen, die sie predigt und die wir glauben? Also, aber schon etwas leiser (und trotzig): Sie ist für den deutschen Protestantismus so wichtig, sie soll, sie muss einfach im Amt bleiben. Dagegen wieder die klare Logik: Wer mit Autorität sprechen will, muss welche besitzen. Und die ist erstmal hin. Also die „menschliche“ Zwischenlösung: eine Auszeit, zwei, drei Monate. Und eine Art „Bußgang nach Canossa“, etwa zu einer Basisgruppe für Straßenkinder in Lateinamerika, um danach geläutert (und alkoholresistent) wieder heimzukehren in ihr altes Amt. Aber dann doch die Angst: Wird das jemals reichen? Und die Einsicht: Muss – und wird – sie nicht, so wie bisher beim Krebs, bei der Scheidung offen, klar, konsequent bleiben müssen und auch bleiben?
Und dann: Genau so Ihre Entscheidung! Und alle ziehen tief den Hut vor Ihrer klaren Selbsteinsicht, Ihrem ehrlichem Mut, Ihrer Geradheit. Sie bleiben sich treu. Wie erlösend! Sie werden, verehrte Pastorin, da bin ich sicher, für diese Klarheit reich „belohnt“ werden – auf eine Weise, die Sie vielleicht noch gar nicht absehen können. Denn Sie haben Ihr ganzes „Vertrauenskapital“ behalten: Mensch, Frau, ja Sünderin geblieben und nicht auf Schleichwegen davongezogen zu sein. Es werden Aufgaben die Fülle auf Sie zukommen. Und die Ökumene wartet: Es muss weitergehen mit den Orthodoxen, der Papstkirche, den Juden und den Moslems. Kraftvolle neue Schritte nach vorn tun Not!
Ihr Wort, Ihre Nähe, Ihr Mitdenken und richtungweisendes Handeln sind jetzt gefragter denn je, als Sie „weit oben“ saßen. Ihnen ist ein neuer Weg bereitet, durch eigenes, schuldhaftes Handeln. Gerade deshalb bleiben Sie für unendlich viele, besonders auch für Frauen, die Bischöfin der Herzen und Köpfe. Wir brauchen Sie. Gott halte Sie fest und segne Sie dazu!“

Sam More aus Dresden:

„Frau Käßmann wird ihre Gründe für den Rücktritt haben. Gründe, die sicherlich ihre Ursache nicht im Verstoß gegen Verkehrsvorschriften haben, sondern im Arbeitsumfeld der EKD. Wenn sie ihrer Vorbildfunktion hätte gerecht werden wollen, wäre eine Handlung angebracht gewesen, bei der der Normalbürger sie zum Vorbild hätte nehmen können.
Was hätten wir von einem Familienvater gehalten, der, beim Alkoholtest erwischt, seinen Job gekündigt hätte, oder, um bei Käßmann zu bleiben, seinen Arbeitgeber gebeten hätte, ihn hierarchisch abzustufen?  Ohne Rücksicht auf sein Team? Wir hätten uns gewundert.  Bewundert hätten wir eine Konsequenz, die wehtut. Also nicht gemütlich sich in einen ruhigeren Job zurückzuziehen, sondern offen zu sagen: Alkohol kann das Urteilsvermögen und die Fahrsicherheit beeinträchtigen. Konsequenz: Ich trinke nicht mehr. Nie wieder, auch wenn es schwer fällt.  Und dann dabei bleiben. Öffentlich. Apfelsaft statt Messwein. Das wäre es gewesen, was Vorbild für die etwa 2.5 Mio. Alkoholiker in Deutschland, darunter statistisch gesehen etwa 1 Mio. Angehörige ihrer Kirche hätte sein können. So bleibt nur zurück: ein laues Gefühl von Unbehagen.“

Irene Ortbauer aus Rodgau:

„Margot Käßmann ist zurückgetreten. Es war ein mutiger und richtiger Schritt, der sie als Person vollumfänglich rehabilitiert. Es war aber auch ein nötiger Schritt, eben weil es reiner Zufall war, dass sie niemanden gefährdet, verletzt oder gar getötet hat bei dieser völlig unnötigen Aktion.  Ohne den Rücktritt hätte sie ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, ihr Wort als Ratsvorsitzende der EKD und damit als moralische Instanz hätte an Gewicht verloren. Gut, dass sie gehandelt hat.
Mancher Mann hätte sich da anders verhalten. Wir erinnern uns an Dieter Althaus, der nach seinem Skiunfall keinerlei Probleme damit hatte, mit zweifelhafter Rückendeckung durch die Bildzeitung auf die Politbühne zurückzukehren. Aber nur weil dieser emotionslose Pappmaché-Politiker nicht die moralische Größe hatte zurückzutreten, kann man daraus nicht folgern, dass es generell falsch ist, aus einem Fehler Konsequenzen zu ziehen. Käßmann hat in einer Welt der zunehmenden politischen Unmoral bewiesen, dass es auch anders geht: Davor ziehe ich den Hut.
Aber man muss auch sagen: Bis auf ihren richtigen und wichtigen Beitrag zur Afghanistan-Debatte hat sie bislang nichts getan, dass es rechtfertigt, sie zur absoluten politischen Hoffnungsträgerin hochzustilisieren. Die Zeit hätte zeigen müssen, ob sie tatsächlich weitere mutige Vorstöße gewagt hätte oder ihre Anfangseuphorie in der allgemein vorherrschenden politischen Rückgratlosigkeit versandet wäre. Die Tatsache, dass sie ein Buch über Brustkrebs, Scheidung und Wechseljahre geschrieben hat, ist für mich nicht so sehr ein Zeichen von Mut, als vielmehr ein geschickter Schachzug innerhalb eines Selbstvermarktungskonzepts. Denn mal ehrlich: Mit Büchern über Brustkrebserfahrungen und Wechelsjahrsbeschwerden von Promis kann man eine Regalwand füllen, mit der sich mühelos die Distanz Frankfurt/New York überbrücken ließe.
Immerhin: Sie wird uns in Erinnerung bleiben durch diesen Rücktritt in Würde. Mag Margot Käßmann durch ihre Alkoholfahrt an moralischem Gewicht verloren haben, ihr Gesicht hat sie gewahrt.“

Klaus Lelek aus Usingen:

„Bevor die bigotte Bischöfin und gefeierte Bestsellerautorin mit ihrer Luxuslimousine (Wert: Jahresgehalt von vier Kindergärtnerinnen) im Rausch über eine rote Ampel raste, hat sie noch andere Dinge verbockt, über die so mancher Christ – nicht Kirchgänger – nur den Kopf schütteln kann. „Reichtum und Luxus sind gar nicht so schlimm, nur die Gier“, blökte sie vorlaut in die Medienwelt, in der sie sich gleich einem „Model im Talar“ vorzüglich bewegte. Eitelkeit war nur eine ihrer Todsünden. Mal war sie die kesse Powerfrau, dann wieder die fromme Helene mit den entrückten Engelsaugen. Ihren Brustkrebs vermarktete sie ebenso medienwirksam wie ihre Scheidung.
Käßmann war Repräsentantin einer Kirche, die eigentlich nur noch als teure, vom Staat finanzierte Immobilie dasteht. Besser gesagt: eine Ruine am Abgrund. Käßmanns Rauschfahrt während der Fastenzeit ist beinahe eine Art „Gottesbeweis“. Jetzt können sogar Atheisten wieder glauben.“

Merve Hölter aus Frankfurt:

„Wie viele alkoholisierte Autofahrten haben (männliche) Politiker und sogar Verkehrsrichter schon medial überlebt und flockig weggesteckt? Es musste eine Frau sein, die darüber stolpert und erhobenen Hauptes die Konsequenzen zieht. Chapeau! Es freut mich, dass Bischöfin Käßmann jetzt erst recht ganz viel Zuspruch erhält.“

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10 Kommentare zu “Lehrreiches Wechselbad

  1. Der Rücktritt ist absolut überflüssig
    Wenn jeder wegen solcher Fälle zuzück treten wollte gäbe es bald keine Führung mehr. Da sind wir in Hessen von Bankern und christlichen Politikern anderes gewohnt

  2. Hierzu habe ich folgenden Leserbrief geschrieben, der auch veröffentlicht wurde:

    ***
    Der Rücktritt war leider unumgänglich!

    Die Paparazzi und *Volksvertreter“, die gestern noch ihre öffentliche Hinrichtung vorbereitet und gefordert haben, vergießen heute die größten *Krokodilstränen*. Das finde ich schon scheinheilig. Auch ich bedauere den Vorfall bzw. den Rücktritt. Doch wenn sie das nicht getan hätte, dann hätten ihre „Nicht-Freunde“ sie zu Tode gesteinigt und eimerweise Fäkalien über ihren Leichnam geschüttet. So sind nun mal die teuflischen Mitmenschen.

    Erhard Jakob, Pulsnitz
    ***

  3. Gottesfurcht ist das eine ,aber nichts muß ein Mensch in Amt und Würden mehr fürchten als die, die lings und rechts neben einem stehen.
    „Den Menschen“
    Fazit: wenn wir alle Menschen so behandeln würde wie in der Grabrede,wäre die Gesellschaft auf dem richtigen Weg.
    Es war ,Sie war ein guter …..
    Zu spät????

  4. Könnte der Rücktritt nicht auch andere Gründe haben? Wer mit 1,54 Promille ein so schweres Auto sicher und schnell steuert hat m.E. schon einige Erfahrung mit Alkohol. Sollte dies der Fall sein, würde Frau Käsmann dies sicher nicht recherchiert sehen wollen. Dann lieber ein „ehrenvolles“ Ende, dass von den meisten Leuten auch noch bewundert wird.

  5. Sie ist zurückgetreten von allen herausragenden Ämtern.
    Es war allein ihre Entscheidung.

    Ein funkelnder Stern, der in unserer Gesellschaft, der Politik und den Medien
    leuchtete, ist verschwunden.

    Er kann nicht mehr bewundert, kritisiert und
    verspottet werden.
    Wie viele hätten es lieber gesehen, wenn alle paar Tage mit neuen hämischen Bemerkungen über sie hergefallen worden wäre, bis sie endlich völlig entnervt schließlich doch „das Handtuch“ hätte werfen müssen ?

    Man sollte jetzt ihren Schritt respektieren und Ruhe geben.

  6. Wenn doch alle Politiker nach Verfehlungen so ehrenvoll handeln würden. Aber in solche Positionen zieht es nunmal traditionell Menschen mit einem zweifelhaften Verständnis von moralischer Integrität, die an ihren Stühlen kleben, bis die Presse wieder von ihnen abläßt.

    Als evangelische Christin achte ich den konsequenten Schitt von Frau Käßmann. Sie hat meinen vollen Respekt.

  7. Für die ev. Kirche bedeutet der Rücktritt von Frau Käßmann einen schweren Verlust. Sie hat poltisch Stellung bezogen und konnte gesellschaftliche Probleme in verständlicher Sprache thematisieren. Auch wenn ich nicht immer ihre Meinung teilte, so muss man anerkennen, dass sie die etwas verstaubte ev. Kirche geöffnet hat und lebendig werden ließ- in der kurzen Zeit ihres Amtes.

    Nach ihrer Fahrt in angetrunkenem Zustand blieb ihr keine andere Möglichkeit als zurückzutreten. Aber selbst damit hat sie noch ein Vorbild abgegeben- v.a. für jene Politiker oder auch Banker, die ihren Verantwortungsbereich ebenfalls maßlos überzogen bzw. mißbraucht haben.

  8. Ich bedaure den Rücktritt der Frau Käßmann sehr wie selbstverständlich auch das dazu führende Ereignis. Sie ist aber konsequent und gradlinig auch in dieser Entscheidung, die bewundert werden muß. Ich kann sie gut verstehen, sie wäre nur weiter gejagt worden.
    Hätte es nur entfernt so ein Theater gegeben, wäre sie ein Mann???

  9. @ Cora: Sie schreiben mir aus der Seele! Wenn ich da nur an unseren Landesvater Koch samt Konsorten denke.

    Frau Käßmann verdient meinen vollsten Respekt, auch wenn ich ihren Rückzuck bedauere.

    In diesem Sinne: Wer ohne Fehler ist, schmeiße den ersten Stein.

  10. Das „Steinewerfergleichnis“ wird hier, so denke ich, falsch angewendet.

    Es ist nicht notwendig, dass Richtende frei von Schuld sind. Schuldige dürfen nur kein endgültiges Urteil fällen. (Steinigung=Tötung) und müssen die eigene Fehlbarkeit bedenken.

    Es wird im Gleichnis eine Verhältnismäßigkeit gefordert, im Bezug auf die Besinnung auf eigene Schuld und das resultierende Verstehen und Relativieren der Schuld und das Eröffnen einer Möglichkeit zu Reue und Umkehr.

    Insofern hat Frau Käßmann sehr seltsam der Scheinheiligkeit Vorschub geleistet: Sie fühlt sich nicht mehr als moralische Autorität, weil sie einen Fehler gemacht hat. Sie hält damit aber die Illusion aufrecht, es gäbe Menschen, die moralisch unfehlbar sind und deshalb richten dürften.
    Sehr weit gefehlt und komischerweise aus der evangelischen Ecke sehr katholisch-päpstlich gedacht.

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