Kein mythisches Wesen
Künstliche Intelligenz: „Kein mythisches Wesen“, FR-Meinung vom 8. Januar
Wir gründen keinen Arbeitskreis
Wenn man als Kind zum Zahnarzt geht, sagen Eltern gerne: „Das tut nicht weh.“ Das funktioniert aber nur ein einziges Mal. Genauso wirkt der aktuelle Leitartikel zur KI. Sicher gut gemeint. Er soll beruhigen, Ängste nehmen, Vertrauen schaffen. Doch genau das ist das Problem: Es gibt keinen Grund, beruhigt zu sein. Nicht für Millionen Menschen. KI ist kein Werkzeug, das man „einführt“. Sie ist ein gigantischer Staubsauger, der rund um die Uhr alles einsaugt, was digital existiert – millionen-, milliardenfach, jede Minute. Texte, Bilder, Gedanken, Entscheidungen. Alles. Und wir füttern sie freiwillig. Wer glaubt, hier noch Zuschauer zu sein, hat bereits verloren.
Wenn KI etwas noch nicht weiß, halluziniert sie, erfindet, lügt. Na und? Auch daraus lernt sie. KI schämt sich nicht, hat auch keine Moral. Ob man das nun „echte Intelligenz“ nennen will, ist eine akademische Frage. Fakt ist: Dieses System ist schon heute schneller, billiger und oft besser als der Großteil der Menschen in ihren Büroberufen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI Arbeitsplätze vernichtet. Sondern wie schnell deiner dran ist.
Fast schon tragikomisch sind Vorschläge, man könne KI „gemeinsam mit dem Betriebsrat einführen“. Das ist, als würde man bei einem heranrollenden Tsunami erst einmal einen Arbeitskreis gründen in dem diskutiert wird, in welche Richtung man laufen oder ob man überhaupt flüchten sollte. Ebenso hilflos der Ruf nach der Politik, sie möge doch bitte Fortbildungsprogramme auflegen. Als ließe sich eine technologische Zeitenwende mit staatlichen Bildungsprogrammen steuern. Die Verantwortung liegt längst beim Einzelnen. Und zwar jetzt. Wer seinen Bildungsurlaub lieber für „Yoga mit Alpakas“ oder „Bauchtanz zur Stärkung des Selbstbewusstseins“ nutzt (beides reale Angebote), entscheidet sich bewusst gegen Überlebensfähigkeit im digitalen Raum. Stattdessen müsste man lernen: Wie formuliere ich Prompts, die Ergebnisse liefern? Wie funktionieren Algorithmen? Wie erkenne ich KI-generierte Lügen? Wem kann ich überhaupt noch trauen?
Die Wahrheit ist brutal und nicht verhandelbar: Feuer. Rad. Dampfmaschine. KI. Jede dieser Innovationen hat Gewinner hervorgebracht – und Verlierer zurückgelassen. Wer glaubt, diesmal sei es anders, verwechselt Hoffnung mit Naivität. Und die Debatte, ob KI „gut“ oder „gefährlich“ sei, ist zwar gut gemeint, lenkt aber nur ab. Einen Tsunami bewertet man auch nicht moralisch. Man rennt. Oder man wird überrollt.
Robert Hermanowski, Frankfurt
Erschreckende
Prognosen
Der Autor meint, wenn KI als Werkzeug eingesetzt wird, ist kein drastischer Job-Verlust durch KI zu befürchten. Aber wenn ein Unternehmer, der Gräbern aushebt, Bagger einsetzen kann, wird er 199 Männer mit Schaufeln entlassen und einen zum Baggerfahrer ausbilden. Gerhard Hauptmann beschreibt in „Die Weber“ drastisch die Auswirkungen des Werkzeugs „Webstuhl“. Wenn durch ein Werkzeug die Produktivität jeder Arbeitsstunde drastisch erhöht wird, sinkt zwangsläufig die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstunden. Wenn das allmählich geschieht, wandelt sich die Gesellschaft mit. Wenn es aber zu schnell passiert, ist der soziale Rechtsstaat massiv in Gefahr. Und genau das prognostizieren alle Experten bezüglich der KI.
Es ist erschreckend, dass dieser Aspekt der KI, der sich schon jetzt bei Verwaltungs-Jobs, aber auch bei „kreativen“ Tätigkeiten wie Software, Journalismus, Film oder Musik bemerkbar macht, von der Politik nicht öffentlich und mit der notwendigen Dringlichkeit diskutiert wird.
Michael Schnell, Krefeld
Politik muss den Umbruch gestalten
Der Leitartikel spricht mir und vielen Freund*innen, die Bedenken vor KI haben, aus der Seele! „Ängste vor der KI sind unbegründet, wenn sie klug genutzt und der Umbruch gestaltet wird“ – genau! Das muss die Politik selbstbewusst umsetzen. Am besten gemeinsam mit der gesamten EU!
Zum Schluss schreiben sie: „An der Intelligenz gut ausgebildeter Menschen sind auch Firmen interessiert“. Was mir hier fehlt: Warum müssen sich Firmen an der guten Ausbildung ihrer neuen Mitarbeiter*innen nicht beteiligen? Dafür sollen sich auch die Gewerkschaften und die Politik bemühen. Warum gibt es keine Ausbildungssteuer, die der Schul- und Bildungspolitik zu gute kommt?
Franz Roth, Weiterstadt