Künstliche Intelligenz ist vor allem für eines gut: dafür, Angst zu verbreiten. Vor etwas, das die Mehrheit von uns kaum versteht. „Kein mythisches Wesen“ ist der FR-Leitartikel überschrieben, der versucht, unseren Fokus auf das zu richten, was wir im Umgang mit KI vor allem brauchen: Willen zur Gestaltung des Umbruchs.
Bisher ist KI nur etwas, das mehr oder weniger nachplappert, was Menschen geschaffen haben. So wird es vermutlich nicht bleiben, aber es ist ein weiter Weg hin zu Künstlichen Intelligenzen wie Pioneer oder Ciah aus meinen Romanen „Virenkrieg“ und „Genetics“, bis zu HAL 9000 aus „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder Skynet aus den Terminator-Filmen – um nur einige wenige Beispiele dafür zu nennen, dass KI die Menschen schon seit langem beschäftigt.
Was fremd ist, hat Menschen schon immer geängstigt. Es geht um Urängste, die unser Tun und Handeln weit mehr beschäftigen, als wir uns das eingestehen wollen. Solche Urängste haben ihre Berechtigung als Alarmfunktion zum Schutz vor Feinden. Urmenschen mussten stets auf der Hut vor Fressfeinden sein – oder vor anderen Urmenschen. Doch sind solche Ängste auch heute noch berechtigt? Nur weil wir etwas nicht verstehen, muss dieses Etwas nicht gleich feindselig sein. Doch eben dies unterstellen wir von vornherein.
Der Mensch (als Spezies) hat sich permanent weiterentwickelt. Heutzutage wird seine Evolution allerdings nicht mehr von biologischen Prinzipien und Gesetzen dominiert. Von denen haben wir uns durch Medizin und Technik zum Teil entkoppelt. Unsere Evolution – verstanden als Prozess – beginnt jetzt, über den Menschen selbst hinauszugehen. Wir entkoppeln uns weiter. KI ist ein Anzeichen dafür, dass dieser Prozess noch lange nicht zu Ende ist. Möglicherweise sind wir sogar gerade dabei, auf diesem Planeten eine neue Spezies zu erschaffen, eben jene Künstliche Intelligenz. Für KI müssen nicht dieselben Evolutionsmechanismen gelten wie für Menschen. Einfaches Beispiel: So was wie die Partnerwahl zur Fortpflanzung fällt bei KI weg. Kulturtechniken sind nicht mehr zwangsläufig an menschliche Verhaltensmuster gebunden. Wenn KI mit der nötigen Souveränität ausgestattet wird und eigenständig zu denken beginnt, könnte der Mensch überholt und überflüssig sein.
Das alles sind keine neuen Gedanken zu diesem Thema. Was ist der Unterschied zu jenen Zeiten, als „2001“ oder „Terminator“ oder auch meine Romane zu diesem Thema entstanden? In meinem Fall ist das mehr als 30 Jahre her. Der Unterschied ist ganz einfach, dass es jetzt passiert. Und obwohl es passiert, wissen wir nicht, was da passiert. KI kommt über uns wie eine Naturgewalt. FR-Leitartikler Steffen Herrmann hat völlig recht: Wir müssen unbedingt versuchen, diesen Prozess zu gestalten und die Kontrolle darüber zu behalten.
Wir gründen keinen Arbeitskreis
Wenn man als Kind zum Zahnarzt geht, sagen Eltern gerne: „Das tut nicht weh.“ Das funktioniert aber nur ein einziges Mal. Genauso wirkt der aktuelle Leitartikel zur KI. Sicher gut gemeint. Er soll beruhigen, Ängste nehmen, Vertrauen schaffen. Doch genau das ist das Problem: Es gibt keinen Grund, beruhigt zu sein. Nicht für Millionen Menschen. KI ist kein Werkzeug, das man „einführt“. Sie ist ein gigantischer Staubsauger, der rund um die Uhr alles einsaugt, was digital existiert – millionen-, milliardenfach, jede Minute. Texte, Bilder, Gedanken, Entscheidungen. Alles. Und wir füttern sie freiwillig. Wer glaubt, hier noch Zuschauer zu sein, hat bereits verloren.
Wenn KI etwas noch nicht weiß, halluziniert sie, erfindet, lügt. Na und? Auch daraus lernt sie. KI schämt sich nicht, hat auch keine Moral. Ob man das nun „echte Intelligenz“ nennen will, ist eine akademische Frage. Fakt ist: Dieses System ist schon heute schneller, billiger und oft besser als der Großteil der Menschen in ihren Büroberufen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob KI Arbeitsplätze vernichtet. Sondern wie schnell deiner dran ist.
Fast schon tragikomisch sind Vorschläge, man könne KI „gemeinsam mit dem Betriebsrat einführen“. Das ist, als würde man bei einem heranrollenden Tsunami erst einmal einen Arbeitskreis gründen in dem diskutiert wird, in welche Richtung man laufen oder ob man überhaupt flüchten sollte. Ebenso hilflos der Ruf nach der Politik, sie möge doch bitte Fortbildungsprogramme auflegen. Als ließe sich eine technologische Zeitenwende mit staatlichen Bildungsprogrammen steuern. Die Verantwortung liegt längst beim Einzelnen. Und zwar jetzt. Wer seinen Bildungsurlaub lieber für „Yoga mit Alpakas“ oder „Bauchtanz zur Stärkung des Selbstbewusstseins“ nutzt (beides reale Angebote), entscheidet sich bewusst gegen Überlebensfähigkeit im digitalen Raum. Stattdessen müsste man lernen: Wie formuliere ich Prompts, die Ergebnisse liefern? Wie funktionieren Algorithmen? Wie erkenne ich KI-generierte Lügen? Wem kann ich überhaupt noch trauen?
Die Wahrheit ist brutal und nicht verhandelbar: Feuer. Rad. Dampfmaschine. KI. Jede dieser Innovationen hat Gewinner hervorgebracht – und Verlierer zurückgelassen. Wer glaubt, diesmal sei es anders, verwechselt Hoffnung mit Naivität. Und die Debatte, ob KI „gut“ oder „gefährlich“ sei, ist zwar gut gemeint, lenkt aber nur ab. Einen Tsunami bewertet man auch nicht moralisch. Man rennt. Oder man wird überrollt.
Robert Hermanowski, Frankfurt
Erschreckende Prognosen
Der Autor meint, wenn KI als Werkzeug eingesetzt wird, ist kein drastischer Job-Verlust durch KI zu befürchten. Aber wenn ein Unternehmer, der Gräbern aushebt, Bagger einsetzen kann, wird er 199 Männer mit Schaufeln entlassen und einen zum Baggerfahrer ausbilden. Gerhard Hauptmann beschreibt in „Die Weber“ drastisch die Auswirkungen des Werkzeugs „Webstuhl“. Wenn durch ein Werkzeug die Produktivität jeder Arbeitsstunde drastisch erhöht wird, sinkt zwangsläufig die Gesamtzahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstunden. Wenn das allmählich geschieht, wandelt sich die Gesellschaft mit. Wenn es aber zu schnell passiert, ist der soziale Rechtsstaat massiv in Gefahr. Und genau das prognostizieren alle Experten bezüglich der KI.
Es ist erschreckend, dass dieser Aspekt der KI, der sich schon jetzt bei Verwaltungs-Jobs, aber auch bei „kreativen“ Tätigkeiten wie Software, Journalismus, Film oder Musik bemerkbar macht, von der Politik nicht öffentlich und mit der notwendigen Dringlichkeit diskutiert wird.
Michael Schnell, Krefeld
Politik muss den Umbruch gestalten
Der Leitartikel spricht mir und vielen Freund*innen, die Bedenken vor KI haben, aus der Seele! „Ängste vor der KI sind unbegründet, wenn sie klug genutzt und der Umbruch gestaltet wird“ – genau! Das muss die Politik selbstbewusst umsetzen. Am besten gemeinsam mit der gesamten EU!
Zum Schluss schreiben sie: „An der Intelligenz gut ausgebildeter Menschen sind auch Firmen interessiert“. Was mir hier fehlt: Warum müssen sich Firmen an der guten Ausbildung ihrer neuen Mitarbeiter*innen nicht beteiligen? Dafür sollen sich auch die Gewerkschaften und die Politik bemühen. Warum gibt es keine Ausbildungssteuer, die der Schul- und Bildungspolitik zu gute kommt?
