Zwei Kulturen in einem Menschen

Der Rassismus-Vorwurf des Mesut Özil gegen den Deutschen Fußballbund liegt noch nicht lange zurück. Auch die Vorgeschichte ist noch nicht vergessen: Der deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln posierte mit dem türkischen Staatspräsidenten T.R. Erdogan. Dabei wurden Fotos gemacht, welche die deutsche Seele tief berührten, gemessen an dem Wirbel, der dann losging. Özil hat sich inhaltlich zu diesen Fotos bis heute nicht geäußert. In Leserbriefen, die mich erreichten und die hier veröffentlicht wurden, wurde unter anderem Unverständnis darüber geäußert, dass jemand, der Deutschland so viel zu verdanken habe, den Wahlkampf eines Politikers unterstütze, welcher alle Werte, die Özil in Deutschland genieße, mit Füßen trete.

Jetzt wird dieses Unverständnis zum Thema. Der Journalist Ali Can hat den Hashtag #MeTwo erfunden und fordert Menschen mit Migrationshintergrund auf, ihre Erlebnisse mit Diskriminierung zu schildern. Die FR hat einige solcher Berichte dokumentiert. #MeTwo hängt sich an die #MeToo-Welle dran, die in bisher beispielloser Form die Übergriffigkeit von Männern nicht nur im Film- und Fernsehgeschäft zum Thema gemacht hat, und ist zugleich ein Wortspiel: Zwei kulturelle Identitäten in einer Person. Das ist Özil wohl, und er scheint alles andere als allein zu sein.

Dazu passt (mit kleinen Abstrichen) der folgende Leserbrief, der mich zur Özil-Debatte erreichte und den in im Print-Leserforum der FR in gekürzter Form gebracht habe. Er thematisiert das Problem der Bi-Kulturalität aus der Sicht eines Menschen aus dem französischsprachigen Raum – also eines Europäers. Auch er hat Rassismus-Erfahrungen gemacht. Wie muss es da in einem Özil zugehen, bei dem zur ausländischen Wurzel auch noch der religiöse Hintergrund kommt? Oder welche Rolle spielt der Islam in Özils Fall?

Hier kommt der Leserbrief von Patrick Gavoille aus Heddesheim in ungekürzter Fassung.

Zwei Kulturen in einem Menschen

Von Patrick Gavoille

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Herr Özil ist in einer türkischen Familie in Deutschland geboren und lebte bisher überwiegend auch in Deutschland. Dies ist ein anspruchvolles Schicksal. Seine Eltern und er selbst hätten es wissen müssen. Wenn man zwei Kulturen in einem Menschen vereint, reiben sich diese aufeinander ein Leben lang. Und es obliegt dem Betroffenen selbst, das Zusammenspiel der Kräfte im tiefen Inneren zu harmonisieren und auch in Krisensituationen das Gleichgewicht immer wieder herzustellen. Kein Wunder, dass dieses Regelwerk ständig Disziplin, Scharfsinn, Kraft und Courage verlangt. Das, was Herrn Özil offensichtlich trotz Hilfe durch Berater gefehlt hat. Alles bezeugt von eklatanter Naivität. Oder vorsätzlichem Kalkül?

In zwei Kulturen leben wollen ist äußerst herausfordernd. Es bedeutet u.a. unmissverständliche Kommunikation und sofortiger Widerstand gegen den/diejenigen, der/die durch fremdenfeindliche Provokation, sofern beweisbar, versucht/en, solche Bürger wie Herr Özil zu instrumentalisieren oder auszugrenzen. Es heisst bestimmt nicht gleich an die Öffentlichkeit zu gehen, um ein Teil der Gesellschaft pauschal anzuprangen.

Als seit 42 Jahren in Deutschland lebender Ausländer und im Gegensatz zu Herrn Özil ohne deutsche Staatsangehörigkeit sowie ohne berufliches Renommée bin ich schon sowohl in Deutschland als böse Ausländer beschimpft, als auch in meinem Heimatland, als ich mit deutschem Kennzeichen am Auto in einer Stadt langsam durchfuhr, persönlich angegriffen worden.
Hätte ich deshalb beide Länder und ihre Menschen als rassistisch einstufen müssen?

Nein, Herr Özil! Es wäre in Ihrem Fall Ihre Pflicht gewesen, der Überzeugung zu sein, dass es trotzdem noch Gerechtigkeit in Deutschland gibt und dass man aus Einzelfällen noch lange nicht auf anderen schließen darf. Daher lohnt sich immer der konsequente und persönliche Widerstand anstelle zur Presse zu eilen und daraus Kapital zu schlagen.

Von einem Nationalspieler der deutschen Fussballmannschaft hätten sich Millionen von deutschen Fussballfans von Herrn Özil mehr Loyalität und Respekt gewünscht, als die deutsche Hymne während der WM 2018 gesungen wurde. Die Lippen Herrn Özils blieben einfach still. Aus meiner Sicht müsste das Mitsingen als unabdingbare Verhaltensregel gelten, weil die Teilnahme am Spiel nicht privater Natur sondern das Ergebnis eines beruflichen DFB-Auftrages ist, den Herr Özil seit einiger Zeit angenommen hat und wodurch er sich verpflichtet, seine ganzheitliche Leistung als Fussballer im Interesse Deutschlands einzusetzen. Wenn er sich aber wegen rassistischer Feindseligkeiten vor einem Spiel persönlich ärgert, hat es beruflich auf dem Fussballfeld nichts zu suchen.
Bevor er dem DFB öffentlich kritisiert, hätte ich erwartet, dass er sich selber fragt, warum die Meinung der Bevölkerung über Deutsche mit türkischen Wurzeln in Deutschland zu leiden hat.

An der Stelle frage ich weiter, was die Türkei und ihre Amtsträger generell alles unternehmen, um das Image des Türken in Deutschland zu verbessern. Solange nur Propagandaparolen und Berichte über den repressiven Staat zu uns strömen, wie können sich bitte die Menschen in Deutschland eine positive, wohlwollende Meinung dieses Landes und seiner hierzulande lebenden Bürger bilden? Ein kurzer Urlaub an der türkischen Riviera verbringen, reicht sicherlich nicht aus.

Herr Özil wird sehr wahrscheinlich sein fremdgesteuertes und viel zu schnell gezogenes Urteil in Bezug auf den DFB nie zurücknehmen. Ob ihn allerdings im puritanischen England, wohin er bestimmt zurückkehren wird, all seine Mitstreiter mit offenen Armen kritiklos empfangen werden, ist fragwürdig. Denn seine britische Berater haben ihm geraten, ausgerechnet gegen seine kulturelle Hälfte, nämlich seine deutsche Identität öffentlich zu klagen. Wie sollen sie sich nun verhalten, wenn Herr Özil bald nach London umzieht? Als ob er nur Türke wäre, nachdem das Deutsche an ihm nun verpönt ist? Das geht nicht. Bi-kulturell bleibt man überall sein leben lang, Herr Özil. In Deutschland wie in England oder der Türkei. Es gibt kein Entrinnen.

4 Kommentare

  1. Matthias Aupperle sagt:

    @ Bronski

    ich kann aus Patrick Gavoilles Text keine Rassismus-Erfahrung herauslesen. Nicht jede Beschimpfung bedeutet Rassismus. Rassismus liegt nach meinem Verständnis dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit (Rasse gibt es m. E. nicht) aufgrund unterstellter genetischer Defizite als minderwertig behandelt werden. Jede Beschimpfung gleich als Rassismus anzuprangern, verharmlost m. E. den tatsächlichen Rassismus.

  2. Jenni Gröhlich sagt:

    Durch diesen Özil und seine angefeuerte Debatte fühle ich, alter Kanake, mich doch glatt verpflichtet „Deutschland“ zu verteidigen. Ja, das Land, in dem ich als türkisches Gastarbeiterkind geboren bin, ja, das Land, in dem meine Eltern herzlich aufgenommen wurden, ja, das Land, in dem meine Eltern Freunde und eine neue Heimat gefunden haben.
    Deutschland ist das Land, in dem ich als türkische Staatsbürgerin lebe. Mir stehen und standen immer alle Türen offen. Wenn ich nicht durchgegangen bin, lag es nicht an der deutschen Gesellschaft, sondern an mir. Mir persönlich ist auch kein liberaleres Land als Deutschland bekannt. Natürlich gibt es hier auch Ausgrenzung. Ja, aber weil ich arm bin, weil ich Frau bin oder weil man mich einfach nicht leiden kann. Aber nicht weil ich Türkin bin. Und ja, es gibt Rassismus wenn Asylheime brennen. Oder schaut euch den NSU Skandal an, da hätte ich mir mehr Aufschrei gewünscht.
    Und jetzt nochmal zu Mesut. Ich empfinde es als unfassbar was er da angezettelt hat. Und ja, ich unterstelle „wohl überlegt“: Mesut Özil steht für „nicht integrierte AKP Wähler“ in Deutschland. Warum er überhaupt diesen Bambi für Integration bekommen hat, ist mir ein Rätsel, denn ein Vorbild für Integration war er noch nie.
    Sollte ich mit dieser Unterstellung im Unrecht sein, wird Herr Özil ja wohl in den nächsten Tagen in der Türkei, mit seinem anderen Herzen, sich für Menschenrechte und gegen Faschismus einsetzen.

  3. Werner Engelmann sagt:

    Ich gebe Herrn Aupperle Recht: Zum Thema „Rassismus“ trägt der Text von Patrick von Patrick Gavoille wenig bei. Und auch die Problematik von „zwei Kulturen in einem Menschen“ ist nur sehr oberflächlich erfasst. Da sind die Beiträge im Thread „Ich trage nicht freiwillig zwei Kulturen in mir“ erheblich aufschlussreicher.

    Das Özil-Thema ist ja nun – man muss sagen: zum Glück – ausgelutscht, und es lohnt sich wohl kaum, sich dazu noch weiter zu äußern.
    Mit ihrer Einschätzung dürfte Jenni da auch nicht ganz falsch liegen. Wenn es vorher noch nicht klar war, dann dürfte die unverfrorene Instrumentalisierung durch den Erdogan-Clan und Teilen der türkischen Presse im Sinne der Hetze hier endgültig Klarheit geschaffen haben.
    Wer das mit sich geschehen lässt, ohne den Mund aufzumachen, der ist entweder völlig damit einverstanden oder er ist ein Feigling. In beiden Fällen hat er jedenfalls keinen Respekt verdient.
    Zur Aufklärung zum Thema „Rassismus“ ist der Fall jedenfalls ziemlich ungeeignet.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    „Zur Aufklärung zum Thema „Rassismus“ ist der Fall (Özil)jedenfalls ziemlich ungeeignet.“

    Stimmt!