Burnout und so weiter

Krankenkassen-Chefin Doris Pfeiffer hat der FR ein Interview gegeben. Und wie das so ist im deutschen Gesundheitswesen: Es gibt Gegenstimmen. Frau Pfeiffer empfindet die Bezahlung von Ärzten in Deutschland als ausreichend und fordert eine bessere Notfallversorgung. Nun gut. Ob sie dabei auch die Situation der Psychotherapeuten im Blick hatte? Dazu äußert sich Hildegard Huschka, Psychotherapeutin aus Borken, in einem langen Leserbrief, den ich im Print-Leserforum nur um etwa die Hälfte gekürzt veröffentlichen konnte. Dort gilt nun mal: höchstens 2500 Zeichen! Die ungekürzte Fassung gibt es dafür hier im FR-Blog als Gastbeitrag.

Burnout und so weiter

Von Hildegard Huschka

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Die Äußerungen von Frau Pfeiffer zeigen vor allem eins: Die Uneinigkeit der großen Protagonisten im Gesundheitswesen, Kassen vs. KV/Selbstverwaltung. Das Lippenbekenntnis, endlich die Versorgung vom Versicherten her zu gestalten, wird wahrscheinlich jede/r Versicherte und jede/r im Gesundheitswesen Tätige, auch die ärztliche Selbstverwaltung, unterschreiben.
Verschleiert wird jedoch: Das Gesundheitswesen hat mit dem alles überstrahlenden Wirtschaftlichkeitsgebot längst den Faustschen Pakt geschlossen. Vorstände sowohl der KV wie der Krankenkassen, die Pharmabranche und die IT-Branche melken die Kuh. Zwischen den sich gegenseitig Schuld zuweisenden Protagonisten werden die Schwächsten zerrieben: die Heilhilfs- und Pflegeberufe, die seit Jahren unter den stetig steigenden Bürokratie- und Leistungsanforderungen leiden, und die kleinen Dienstleister wie Reinigungsdienste etc.
Der neueste Coup, der auch im Interview angesprochen wird, die Einführung der „sehr sicheren“ (Beispiele für die Hackbarkeit aller Datennetze gibt es laufend genügend) Telematikinfrastruktur, wird nun auch die Psychotherapeutenschaft besonders hart treffen: Immense Anschaffungskosten, horrende, ungerechtfertigte Folgekosten ohne erkennbaren Nutzen für unsere eigentliche Tätigkeit, Außerachtlassen der Risiken, die ein Kursieren sensibler Psychotherapiedaten in einer so weit gefassten Netzstruktur mit sich bringt, ein weiteres Mehr an Verwaltungsaufwand, geradezu diktatorische, dabei völlig illusorische Fristsetzungen und Honorarabschläge für den Fall einer Weigerung: Das eHealth-Gesetz ist handwerklich so schlecht gemacht, dass man es kaum glauben kann. Die überwiegend in die Jahre gekommenen InhaberInnen kleiner, oft geteilter Praxissitze (mein Durchschnitt: 50 PatientInnen pro Quartal) fühlen sich nicht nur dem Umgang mit den technischen Anforderungen nicht gewachsen, sondern auch aufgerieben durch zahlreiche Neuerungen im Vorfeld, vor allem die umfassende PT-Richtlinien-Reform gerade erst im vergangenen Jahr. Die Rahmenbedingungen geraten aus den Fugen und vergällen die Freude und Motivation an der so wichtigen Arbeit.
Es gibt eine Initiative für eine Herausnahme der Psychotherapie – hierzu läuft eine Petition an die Datenschutzbeauftragte des Bundes Frau Andrea Voßhoff auf avaaz.
All das betrifft auch viele Facharztpraxen. Sinnhaft sind die Telematikstrukturen sicher für große Praxen und Krankenhäuser im Verbund mit den Krankenkassen, aber darüber scheint sich im Vorfeld niemand so wirklich Gedanken gemacht zu haben, wichtiger war mal wieder, eigene Interessen durchzusetzen. Frau Pfeiffer räumt ja auch ein, dass das Ziel ein ganz anderes ist, nämlich der Zugang der Versicherten selbst zu ihren Daten. Warum soll dann jede/r Behandler/in in eine Megastruktur eingebunden werden? Warum gibt es keine Übergangsregelungen? Warum keine Vorgaben für die ausführende IT-Industrie, die die Techniken noch gar nicht entwickelt hat, aber schon genau weiß, welche Preise sie dafür diktiert und uns mit Werbung überschwemmt, deren Kosten in die Preise schon einkalkuliert sind? Und warum lernt niemand aus den Fehlern der Vergangenheit, dass immer weitere Anforderungen Menschen in Burnout und Krankheit treiben?
Quintessenz: Das „Fußvolk“ ist der Leidtragende im Kampf der Großen, der wieder mal Milliarden verschlingen wird, die doch eigentlich den Versicherten zugute kommen sollen. Erst wenn ALLE einsehen, dass Kranke Geld kosten und nicht bringen, dass man Geld weder essen noch mitnehmen kann, wenn man nach (guter oder schlechter, und auch die ist nicht wirklich vom Geld und von Technik, sondern von den MENSCHEN abhängig) Gesundheitsversorgung das Zeitliche gesegnet hat, könnte wieder ein Gesundheitswesen entstehen, das tatsächlich das Wohl des Beitragszahlers (und das sind WIR ALLE) im Blick hat. Grundlegendes Umdenken ist gefragt: weniger Profitgier, Mißtrauen und Schuldzuweisung, Bereitschaft zum konstruktiven Zusammenarbeiten, Sinnhaftigkeit von Strukturen hinterfragen, die eigentlich Betroffenen in Entscheidungsprozesse mit einbeziehen!

4 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Solange nicht auf einer ganz elementaren Ebene erörtert wird, welche gesellschaftlichen Verhältnisse pathogen sind und wovon daher schleunigst Abstand zu nehmen ist, könnte es müßiger nicht sein, wie Frau Huschka etwaige Fehler zu reklamieren und den Willen zu äußern, daraus zu lernen. Zwar gibt es weltweit einige wenige Ansätze, die ermöglichen, notwendig darüber Aufschluss zu gewinnen. Sie werden aber weder ideell noch materiell gefördert. Ob der einzelne Mensch gesund bleibt, ist somit nach wie vor dem schieren Zufall geschuldet. Ohne eine dementsprechende Untersuchung der Grundlagen wird sich daran auch künftig nichts ändern. Mithin erweckt die neue Bundesregierung dadurch den Eindruck, es vor allem auf solch einem zentralen Gebiet nicht so genau wissen zu wollen.

  2. Sebastian Rühl sagt:

    In dem Interview geht es eigentlich nicht um den neuen Gesundheitsminister, sondern um PR für die Krankenkassen. Wer die PR der Krankenkassen verfolgt, könnte wissen, dass Zahlen, mit denen argumentiert wird, oft aus dem Zusammenhang gerissen werden oder sogar falsch sein könnten: Z.B. die Steigerung von etwa 90 000 Ärzten 1990 auf aktuell knapp 160 000 Ärzte ist zwar formal richtig, aber verschweigt, dass das eigentliche Kriterium nicht die Anzahl der Ärzte, sondern die Anzahl der Arztsitze ist und dass das eigentliche Problem nicht die Menge der Ärzte sind, sondern deren Verteilung im ländlichen Raum.
    Aber auch die Steigerung der Anzahl der Ärzte an sich ist kritisch zu hinterfragen und bedeutet aus vielen Gründen kein echtes Wachstum der Versorgungskapazität. Z.B. fällt in die Steigerung die Aufnahme von etwa 20 000 Psychotherapeuten, die vorher im sogenannten Kostenerstattungsverfahren außerhalb der KBV gearbeitet haben. In die Steigerung fällt eine deutliche Zunahme von Jobsharing und Aufteilungen von Sitzen hinein, dass sich immer öfter zwei oder drei Ärzte in Teilzeit einen Sitz teilen. In diese Steigerung fallen Arztsitze in Ostdeutschland, die aus der staatlichen Versorgung der Polikliniken in die ambulante Versorgung durch die KBV gewechselt haben. Gleichzeitig wurden im Ruhrgebiet sogar über tausend Arztsitze der Bergbaugenossenschaften 1993 nicht in die KBV überführt, was dort zu einer erheblichen Mangelversorgung geführt hat. Oder auch das vergleichbare Bruttoeinkommen von angeblich 190 000 Euro. Die Zahlen sind schlichtweg falsch und verschweigen zudem die hohen Einkommensunterschiede unterschiedlicher Arztgruppen von rund 600 Prozent. Zwischen Facharbeiterlohn und Vorstandseinkommen ist alles dabei. Ca. 20 Prozent der Ärzte und Psychotherapeuten arbeiten z.B. für diesen Facharbeiterlohn, weil die Krankenkassen das so durchsetzen konnten. Hier allgemein von so hohen Einkommen von Ärzten und Psychotherapeuten zu sprechen, ist nichts als Hohn.
    Aber woher kommt dann der gefühlte Mangel der Patienten tatsächlich? Schon seit Beginn der Budgetierung werden Leistungen indirekt von den Krankenkassen rationiert in dem die finanziellen Mittel rationiert und gesteuert werden. Budgetierung, Leistungsbegrenzungen, Fallpauschalen und Regressforderungen sind aktuell die Instrumente des GKV Spitzenverband zur indirekten Rationierung von Leistungen. Die Vorsitzende des GKV Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, versucht von Versäumnissen und evtl. Fehleinschätzungen des GKV Spitzenverbands im Zusammenhang mit Budgetierung und anderen Steuerungsinstrumenten zur indirekten Rationierung von Leistungen abzulenken. Den schwarzen Peter dafür sollen alleine die Ärzten und Krankenhäuser bekommen. Das soll gleichzeitig über das eigentliche Ziel des GKV-Spitzenverbands hinwegtäuschen. Es geht da um nicht weniger als die komplette Kontrolle des Gesundheitssystems bis auf Patienten und Behandlerebene durch möglichst direkten Zugriff auf die Daten der Patientenakte mit der Möglichkeit entsprechender Kontrolle und weiterer Rationierung von Leistungen. (Ob diese Rationierungen sinnvoll sind sei jetzt mal hinten angestellt). Ärzte und Psychotherapeuten können oder dürfen auf Grund der durch Krankenkassen eingeführten Regeln aber oft gar nicht mehr Arbeiten, da entweder bestehende Regeln das verbieten oder es zeitlich gar nicht mehr möglich ist mehr zu leisten. Von Frau Pfeiffer bemängelte Wartezeiten und Mangelversorgung lassen sich auf die auf Wunsch und mit den Stimmen der Krankenkassen entschiedenen Rationierungen bzw. auf die damit zusammenhängenden Fehlsteuerungen der finanziellen Mittel zurückführen.
    Zu vermissen ist in diesem Interview eine selbstkritische Distanz von Frau Pfeiffer zu ihrem eigenen Verband und dessen handeln. Wer die Fehler auf diese Art nur woanders sucht macht den eigenen Verband immer unglaubwürdiger und diskreditiert damit leider zu unrecht auch die gesamte Selbstverwaltung des Gesundheitssystems – und damit auch die in Deutschland an sich gute Gesundheitsversorgung mit ihrem qualitativ sehr hohen Niveau.

  3. Hildegard Huschka sagt:

    zu Ralf Raths Kommentar: Dann fangen wir doch mit der elementaren Erörterung an! Ob der einzelne Mensch gesund bleibt, ist ausschließlich dem Zufall geschuldet? Entscheidender für Lebensqualität scheint doch viel mehr zu sein, wie wir mit unseren körperlichen und/ oder seelisch-geistigen Krankheiten umgehen. Und da gibt es immer wieder ähnliche Kriterien: ein gutes, emotional unterstützendes soziales Umfeld – Zutrauen in die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten – Vertrauen in die BehandlerInnen und eine Zukunftsperspektive mit/nach der Erkrankung, um einige zu nennen ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Alles keine Frage des Preises bzw. materiellen Wertes, sondern der menschlichen Fähigkeiten und zwischenmenschlichen Qualitäten. Ich erlebe Gesundung und Krankheitsbewältigung immer dann, wenn die Fähigkeiten zur Selbststeuerung (wieder) wachsen, wenn das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten (wieder) entstanden ist. Und wenn dann ein möglichst gutes Netzwerk vorhanden ist: neben mir als unterstützender Therapeutin ein Hausarzt, dem vertraut wird, eine Krankenkassenmitarbeiterin, mit der man reden kann, ein Arbeitgeber, der Verständnis zeigt: schlichte Mitmenschlichkeit trägt erheblich zur Gesundung bei. Und entsprechend krankt unsere Gesellschaft an Isolation, Desinteresse, gegenseitigen Schuldzuweisungen, statt zu erkennen, dass es vor allem ein respektvolles Miteinander ist, das gesunde, funktionale Systeme auszeichnet. Das kann man lernen. Und es gilt zu respektieren, dass Krankheit zwar auch Reaktion auf kränkende Strukturen und Bedingungen ist, aber auch eine zum Leben gehörende Grunderfahrung, ohne die man Gesundheit nicht wirklich erleben und vor allem nicht schätzen kann.

  4. Ralf Rath sagt:

    Insofern in einer modernen Gesellschaft das Begreifen dessen, was die Welt dem einzelnen Menschen angetan hat, stets der Aufgabe des Kurierens vorausgeht, genügt es nicht, bloß das Handeln von Ärzten oder Therapeuten in den Blick zu nehmen, wenn die Pathogenität von Sozialverhältnissen auf einer elementaren Ebene erörtert werden soll. Ohne solch eine notwendige Begriffsbildung gibt es schlicht kein Versprechen auf Heilung. Gefordert ist daher in erster Linie eine empirische Sozialforschung, die organisatorisch nicht von der Philosophie getrennt ist. Die gestrige Einlassung von Frau Huschka greift angesichts dessen zu kurz.

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