Verluste an Menschenleben von unvorstellbarem Ausmaß

In seinem Essay „Der ehrenvolle Ausgang des Krieges“ zum 75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats legt FR-Autor Arno Widmann Gedanken nieder, die offenbar für manche schwer nachvollziehbar oder verkraftbar sind:

Wolfsschanze„Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist. Ohne die vernichtende Niederlage Deutschlands, ohne die brennenden Städte wäre denen, die ganz Europa sich unterworfen hatten, der Glaube an die eigene Herrenrassenherrlichkeit nicht auszutreiben gewesen.“

Eine verstörende Schlussfolgerung – doch so, wie Widmann sie herbeiführt, erscheint sie doch zwingend. Wir sind daran gewöhnt, Claus Schenk Graf von Stauffenberg als Widerständler zu sehen, als Hitler-Attentäter und als Held. Doch was wäre geschehen, wenn das Attentat geklappt, Hitler getötet worden wäre und die Pläne der Gruppe um Stauffenberg umgesetzt worden wären? Hätte dies auch das Ende des Weltkriegs bedeutet? Die Kapitulation? Offenbar nicht. Die Pläne der Widerständler sahen vor, Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben zum Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu ernennen. Dieser Mann, dessen Befehl an die Soldaten vorliegt, wollte den Krieg weiterführen, „um zu verteidigen und zu retten, was uns teuer ist, bis ein ehrenvoller Ausgang des Krieges gesichert ist“.

Eine Facette in einem facettenreichen Geschehen. Eine andere Facette ist die, dass die Alliierten sich schon 1943 auf das „Kriegsziel einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands“ geeinigt hatten. „Deutschland musste besetzt und radikal reformiert werden“, schreibt Widmann, und vor diesem Hintergrund gewinnt sein Satz, dass wir froh über das Scheitern des Attentats sein sollten, einen anderen Klang. Denn was wäre das für ein Land gewesen, in dem Militaristen vom Schlage Witzlebens den Ton angegeben hätten? Die Bundesrepublik, wie sie dann entstand, wäre nie gegründet worden.

Balken 4Widmanns These löst Entsetzen aus

Nach Ansicht des Autors bedurfte es nicht nur „der totalen Niederlage“, sondern auch „der brennenden Städte“, damit die deutsche Bevölkerung von ihrem Stolz herunterkam, von ihrer „HerrenmenschenIdeologie“. Solche apokalyptischen Strafen, bei denen nicht nur die Verursacher selbst, nein, zusätzlich unschuldige Menschen, “„büßen““ mussten, sehen wir u..a. im Alten Testament (die Arche Noah). Solche Strafen aus vorgeschichtlicher Zeit lassen sich wahrscheinlich auf Naturkatastrophen zurückführen, diejenige, um die es hier geht, diese „Strafe“ ist menschengewollt und müsste den Verursachern selbst angelastet werden.
Die These des Autors ist mir unverständlich, löst Entsetzen und Beklemmungen aus. Wodurch lässst sie sich stützen? Es ist eine Hypothese. Den Blick nicht verengend, könnten auch noch denkbar minimale andere Lösungen für den Ausgang des Krieges, insonderheit für unser Land, ins Auge gefasst worden sein. Wie kann man von „Glück“ sprechen, wenn gerade in den letzten 9 Monaten bis zur Kapitulation noch weitere Millionen Menschen ums Leben gekommen sind?
– Angehörige der kämpfenden Truppen auf allen Seiten,
– ausländische Kreigsgefangene, besonders russische, in deutschen Lagern (zahlenmäßig weitaus mehr als in sowjetischen Lagern)
– deutsche Kriegsgefangene in alliierten Lagern, in der weitaus größten Mehrheit in sowjetischer Haft)
– die nicht schätzbaren Verluste in der Zivilbevölkerung, (in den besetzten Gebieten, in den Konzentrationslagern, in „den brennenden Städten).
Diese menschlichen Verluste unvorstellbaren Ausmaßes, zum größten Teil vermeidbar, wenn das Attentat geglückt wäre, wurden auch von einigen Rednern, auch von der Bundeskanzlerin, anlässlich der Gedenkstunde im Hof des Bendlerblocks am 21. Juli 2019 benannt und der Opfer gedacht.
Die These des Autors wird auch all‘ denen – zumeist ungenannten – Menschen aus der Zivilgesellschaft nicht gerecht, die unter schwierigsten Bedingungen und unter Aufopferung ihres Lebens, an der Überzeugung festhielten, dem „Rad in die Speichen fallen zu müssen“ (D. Bonhoeffer), festhielten an der Hoffnung des „dennoch“.
Zuletzt eine Anmerkung zu dem Satz des Autors „wessen Vater war schon Oberhofmarschall des letzten Königs von Württemberg, wer war schon in einem Schloss aufgewachsen?“ Dieser Satz suggeriert, dass es sich hier um Sitten und Gebräuche und Lebeweisen längst vergangener Zeiten handelt, die auf uns heute äußerst befremdlich, wenn nicht gar lächerlich wirken. Warum sollte aufgrund dieser Biographie, C. Von Stauffenberg nicht „einer von uns“ sein? Disqualifiziert etwa die Herkunft eines Menschen ihn von einer Tat, die zwangsläufig vielleicht nur „einer von uns“ hätte begehen können? Vielleicht spielte bei obigem Satz eine unterschwellige Faszination von vielen von uns auch heute noch für das Leben von Königen, Grafen, hohem Adel mit. Diese Faszination war auch bei der Gedenkstunde in Berlin erkennbar, als die Kamera bei den Aufnahmen der Teilnehmenden mit Vorliebe die in der ersten Reihe sitzenden Angehörigen der Familie Stauffenberg in’s Bild nahmen, zu meinem Erschrecken auch mehrmals die jüngsten Kinder.

Jutta-Maria Roth, Königswinter

Begraben wir den Glauben an das Heldentum

Danke für Arno Widmanns mutige These, wonach das Scheitern des Hitlerattentats Deutschlands Glück war, weil es ohne die „vernichtende Niederlage“ nicht aus seiner Ideologie herausgefunden hätte. Sie wird vielen nicht schmecken, die immer noch vom Auftritt einzelner Helden zur Rettung unserer Welt träumen. Aber muss diese Befreiung mit der Zerstörung des Bisherigen bezahlt werden? Das muss man sich heute doch fragen, wo wir im Grunde tun können, was wir wollen. Die Crux des Hitlerattentats lag vielleicht darin, dass die Protagonisten glaubten, es tun zu müssen, und sich darüber die Erlaubnis gaben. Freiheit aber heißt zu tun, was man nicht tun muss, und auch nicht glaubt, tun zu müssen. Wir leben hierzulande zunehmend in einer weichen Zwangsgesellschaft: Nicht dass uns jemand wirklich vorschreibt, was wir zu tun hätten. Wir übernehmen die Zwänge freiwillig. Wie etwa den zur Digitalisierung, der uns alle zu Robotern machen will. Hiergegen braucht es keinen heldenhaften Kampf, auch keine bestimmte politische Gesinnung, sondern nur uns selbst. Wir müssen also nicht nur den Glauben an das Heldentum begraben, sondern auch den fehlenden Glauben an uns, dass wir als einfache Menschen selber etwas bewegen können.

Werner Schieferstein, Frankfurt

Millionen Menschen hätten den Krieg überlebt

Der zentrale Satz in Arno Widmanns Aufsatz „Der ehrenvolle Ausgang des Krieges“ lautet: „Wir können froh sein, dass der Putsch vom 20. Juli 1944 gescheitert ist.“ Ohne die vernichtende Niederlage Deutschlands und die brennenden Städte hätte man nach seiner Ansicht den Deutschen ihre „Herrenrassenherrlichkeit“ und den Nationalsozialismus nicht austreiben können. Ich erkenne, was gemeint ist, und stimme der Auffassung zu, dass die Art, wie das Hitler-Regime ausgelöscht wurde, für uns Nachgeborenen von Vorteil war. Dennoch empfinde ich Unbehagen dabei, das Attentat alleine aus unserer Sicht zu bewerten, das heißt auszublenden, welche Folgen der gescheiterte Putsch für die damals lebenden Menschen in Deutschland und Teilen Europas hatte. Dazu ein paar Zahlen: In den fast fünf Jahren zwischen dem Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 und dem 20. Juli 1944 verloren 2,8 Millionen Deutsche, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben. In den kaum zehn Monaten nach dem 20. Juli 1944 bis zum Kriegsende waren es 4,8 Millionen tote deutsche Staatsangehörige oder im Tagesdurchschnitt gerechnet 16 600 verglichen mit 1 590 in den fünf Jahren davor (Zahlen aus Joachim Fest „Staatsstreich“). Auch die Bombenschäden des letzten Dreivierteljahres übertrafen die vorherigen beträchtlich. Millionen Deutsche hätten also den Krieg überlebt wie auch ungezählte Kriegsopfer in anderen Ländern, in denen der Krieg noch einige Zeit andauerte, und die Opfer der bis zuletzt weitergeführten Vernichtungspolitik. Den Warschauer Aufstand von August 1944 und seine grausame Niederschlagung hätte es nicht gegeben. Dies alles gehört mit ins Bild über das Attentat vom 20 Juli 1944 und die „Freude“ darüber, dass es gescheitert ist.

Hans-Peter Basler, Frankfurt

Problematische These

Zugegeben; der Umgang mit Wörtern wie „hätte“, „wenn“ und „vermutlich“ sind in der Geschichtsschreibung immer hypothetisch. Aber dennoch halte ich die von Herrn Widmann vertretene These vom „großen Glück des misslungenen Attentats auf Adolf Hitler“ für sehr problematisch.
Man kann davon ausgehen, dass die Verschwörer nicht von den Untergangsphantasien des „Führers“ beseelt waren, sonst hätten sie ja wohl kaum diesen Schritt gewagt. Die Macht des damals militärisch Faktischen (Zusammenbruch der mittleren Ostfront, Durchbruch der Amerikaner bei St. Lo‘ in der Normandie und die uneingeschränkte Luftherrschaft der Westalliierten über dem Reichsgebiet) hätten wahrscheinlich auch einen Generalfeldmarschall von Witzleben von der Aussichtslosigkeit weiterer Kriegsführung überzeugt. Zudem kann man durchaus davon ausgehen, dass der Terrorapparat des damaligen faschistischen Regimes, der seit 1942/43 eine entscheidende Stütze der Kriegsführung war, nach der Beseitigung seines „Obersten Befehlshabers“ erodiert wäre. Ein Kriegsende in Europa deutlich vor dem 08. Mai 1945 wäre durchaus denkbar gewesen.
Auf jeden Fall wurden nach dem 20.Juli 1944 noch hunderttausende ungarische Juden deportiert und ermordet, es fielen noch Millionen sowjetischer und deutscher Soldaten, zehntausende Angehörige der westalliierten Streitkräfte und es wurden unzählige Zivilisten durch Bombenangriffe, V 2-Beschuss, durch Kampfhandlungen und Flucht und Vertreibung getötet. Es ist zu vermuten, dass der größte Teil dieser Menschen das Kriegsende und die Niederlage des Dritten Reiches liebend gerne überlebt hätten.
Unter diesen Umständen gibt es für den gesunden Menschenverstand in der Historie durchaus „Glücksfälle“, auf die man auch im nachhinein gerne verzichten würde.

Wulfhard Bäumlein, Bad Vilbel

Diesmal muss ich Widmann entschieden widersprechen

Ich habe, wenn ich nicht gerade verreist war, noch nie einen FR-Text aus Arno Widmanns Feder nicht gelesen. Auch seine kritische Würdigung der in Stauffenbergs Anschlag auf Hitler kulminierenden Widerstandsbewegung lohnt die Lektüre. Ich muss ihm diesmal aber in zweierlei Hinsicht entschieden widersprechen.
Weder die Deutschen noch andere Nationen haben einen Grund, das Scheitern des Putschversuchs vom 20. 7. 1944 zu begrüßen. Die Zahl der Kriegstoten in den letzten 9 1/2 Monaten des II. Weltkrieges lag deutlich über dem Durchschnitt der vorangegangenen 59 Monate; das schließt auch die vom Naziregime Ermordeten, die Bombenkriegsopfer und die Opfer kriegsbedingter Hungersnöte ein. Eine möglicherweise für manche auch gesellschaftspädagogisch motivierte Großaktion wie die Niederringung des Herrenmenschentums legitimiert in keiner Weise die Fortsetzung des Zigmillionensterbens im II. Weltkrieg. Erstens haben im Verlauf des Hitlerkrieges auch in Deutschland Millionen von Menschen, die vorher noch verblendet gewesen sein mögen, das Naziregime verachten und hassen gelernt. Ein Kollege meines Vaters offenbarte diesem bei einem (Ost-)Fronturlaub (1941 oder 1942), er habe bislang immer geglaubt, Deutschland führe einen gerechten Krieg, jetzt aber wisse er, dass dieser Krieg ein einziges Verbrechen sei – er war als Wehrmachtsoldat zusammen mit seinen Bataillonskameraden gezwungen worden, eine Judenvernichtungsaktion der SS abzusichern. Zweitens feiert andererseits das rassistische Herrenmenschentum schon seit einigen Jahren wieder fröhliche Urständ; es war nie wirklich gelungen, die Wurzeln dieser immer wieder auch mordgeilen Menschenfeindlichkeit aus dem Boden Deutschlands und Europas herauszureißen.
Erwin v. Witzleben vorzuwerfen, er habe „nichts begriffen“, geht vollkommen an der Sache vorbei. Witzleben hatte als einer der ersten in der deutschen Generalität Kollegen, die er für ansprechbar hielt, 1937 vor Hitlers Plänen gewarnt. Ihm war klar, dass diese Pläne auf einen Angriffskrieg abzielten, und er wollte deshalb einem Militärputsch gegen den „Führer“ den Boden bereiten – dass die „Appeasement“-Politik der europäischen Westmächte 1938 einen solchen Putsch vorerst unrealisierbar machte, belastet nicht das Schuldkonto Witzlebens und seiner Mitverschworenen. Jedenfalls kann Witzleben unmöglich den 1939 entfesselten Krieg für ursprünglich „ehrenvoll“ gehalten haben. Seine geplante Ansprache an die Soldaten der „Wehrmacht“ offenbart, das stimmt, ein Denken in sehr traditionellen militärischen Bahnen und ein ausgeprägt standesgebundenes Ethos, und genau dieses Denken und dieses Ethos hatte Hitler instrumentalisieren können. Eine „völlige Uneinsichtigkeit in die Situation“ demonstriert die vorbereitete die (und sicher mit anderen Verschwörern abgesprochene) Rede trotzdem gerade nicht. Denn es gab ja 1944 nicht nur die vielen Millionen, die unbedingt endlich Frieden wollten, sondern auch – gerade im Offizierskorps – die anderen, für die ein Strecken der Waffen – Hitler hin, Hitler her – eine Selbstaufgabe Deutschlands bedeutet hätte; Arno Widmann räumt das an einer Stelle auch ein. Witzleben, der sein militärisches Milieu kannte, musste versuchen, möglichst viele Vertreter dieses zweifellos im Kern wahnhaften Denkens zu sich und seinen Mitverschwörern hinüberzuziehen. Er bewies damit sehr wohl Gespür für die Situation; der Putsch hätte auch nach einem gelungenen Anschlag auf Hitler noch scheitern können.

Jürgen Kasiske, Hamburg

Ungenannte Widerständlerinnen

Der Artikel „Hitler-Attentat“ zeigt den Widerstand Einzelner gegen die Nazi-Herrschaft auf und erwähnt die ausdrückliche Würdigung des Widerstandes von Frauen durch den Bundestag. Da wäre es doch schön gewesen, der Autor hätte bei der Nennung der „Weißen Rose“ neben Hans Scholl und Alexander Schmorell auch Hans Scholls Schwester Sophie erwähnt. Und ebenso wichtig wie das Gedenken an Sophie Scholl ist das an die ebenfalls  nicht genannte Cato Bontjes van Beek aus Fischerhude. Cato Bontjes van Beek schloss sich, christlich motiviert, in Berlin der Widerstandsgruppe Schulze-Boysen an, von den Nazis „Rote Kapelle“ genannt, und nach 1945 im Kalten Krieg als kommunistische Spionageorganisation diffamiert. Erst 1958 erreichte Catos Mutter Olga Bontjes van Beek nach einem langen quälenden Rechtsstreit schließlich vor dem Landgericht Stade die Rehabilitierung ihrer Tochter als Überzeugungstäterin im Widerstand gegen Hitler. Cato wurde am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, 22 Jahre jung.

Cornelia und Werner Hagedorn, Rotenburg (Wümme)

4 Kommentare

  1. Christian Horz sagt:

    Arno Widmann mangelt es offenbar an genügend Selbstzweifeln, wenn er sicher zu wissen meint, wie es nach einem am 20.07.1944 gelungenen Attentat weiter gegangen wäre, und selbst wenn man seinem Gedankengang im Ansatz folgen wollte, bleiben die von einigen Lesern bereits genannten Gründe, weshalb seine kühne Formulierung, „wir“ könnten „froh“ sein, dass der Putsch scheiterte, nur unangenehm aufstossen läßt.Im übrigen sei bemerkt, dass es ganz unsachlich erscheint, Wilhelm Leuschner und Julius Leber als „uneheliche“ Söhne zu bezeichnen; zum einen sollte das diskriminierende Wort „unehelich“ schon seit Jahrzehnten aus jedem ordentlichen Wortschatz gestrichen sein, zum anderen sind beide Politiker von ihren Vätern als ehelich anerkannt oder adoptiert worden.

  2. Gottfried Ahrendt sagt:

    Das Thema des Artikels von Thoralf Cleven berührt uns nun seit über 70 Jahren. Ich kenne Herrn Cleven nicht, aber er liegt sehr daneben, wenn er schreibt: „In der 80er Jahren wurden plötzlich Mut und Edelmut der NS-Widerstandskämpfer entdeckt – und aufs Volk übertragen.“ Ich nehme an, er war noch nicht geboren oder ist in merkwürdiger Abgeschiedenheit aufgewachsen. Seit den 50er Jahren wurde das Thema bei uns sowohl in der Schule als auch in den (beruflichen) 60er Jahren ganz intensiv und jährlich wiederkehrend wahrgenommen, recht ausführlich diskutiert und – eben nicht – ausgeklammert. Man betrachte nur die zahlreichen Namensnennungen der Straßen jener Zeit!

  3. Brigitte Ernst sagt:

    Grundsätzlich halte ich es nicht für sinnvoll, sich mit Spekulationen „Was wäre gewesen, wenn..?“ im Irrealen zu bewegen. Auf eine solche Frage kann es keine Antwort geben.

    Zwei Dinge fallen mir allerdings auf:
    Der Autor widerspricht sich selbst, wenn er einerseits davon ausgeht, dass Witzleben im Falle der sofortigen bedingungslosen Kapitulation mit einem Bürgerkrieg hätte rechnen müssen, ihm andererseits aber vorwirft, dass er diese Kapitulation nicht sofort angestrebt habe. Will er damit sagen, Witzleben hätte einen Bürgerkrieg riskieren sollen?

    Zum anderen klingt es bei Widmann so, als wären alle Deutschen von ihrem „Herrenmenschentum“ überzeugt gewesen. Dass ein nicht unerheblicher Teil der Soldaten notgedrungen aufgrund von Falschinformationen (Angriff durch Polen) und weil sie es, autoritär erzogen, für ihre Pflicht hielten, in den Krieg gezogen sind, scheint
    er nicht für möglich zu halten.
    Mein Vater z.B. war 1937 ins Berufsleben eingetreten, hatte geheiratet und zu Kriegsbeginn eine drei Monate alte Tochter. Der hätte sich wahrlich etwas Besseres vorstellen können, als im Alter von dreißig Jahren nach sechswöchiger Militärausbildung in den Krieg geschickt zu werden.
    Und meine Mutter, mit ihrer kleinen Tochter bereits vor den Bombardierungen zweier Großstädte geflohen, hörte 1944 in der Evakuierung längst den Feindsender und sehnte das Kriegsende und die gesunde Rückkehr ihres Mannes herbei – und sie war mit Sicherheit nicht die einzige.

    Zwischen dem, was kluge Leute wie Herr Widmann 75 Jahre später zu wissen glauben, und der Realität besteht möglicherweise ein erheblicher Unterschied.

  4. Ganz im Gegensatz zu Gottfried Ahrendt: ich (Jg 1937, Schule in Dortmund bis 1954) stimme dem Autor Cleven zu. In unserer Schule gab es keinen geschichtlich-aufklärenden Unterricht über die Nazi-Zeit, auch nicht Weimar oder WK I. Wenn Lehrer über Kriegserlebnisse berichteten, dann war das subjektiv – und dann waren diese Kerle zu ertragen. Ich selbst habe, unwissend wie ich war, die Leute vom 20. Juli für Helden gehalten – ganz im Gegensatz zu unserem gesellschaftspolitischen Umfeld, da waren diese Leute bis in die Sechziger, Siebziger hinein Landesverräter. Aber dann gab es einen gegenläufigen Erkenntnisprozeß: ich habe zunehmend den 20. Juli durchschaut – aber „Oben“ setzte die Läuterung ein. Bis zur heutigen Heldenverehrung. Nun steht wieder alles zur „Fahne“ (AKK und andere, die Sozen vor allem). Der Soldatenrock gehört wieder in die Mitte des Lebens. Ich sehe 1944/45 wieder vor mir. Es geht abwärts mit uns – und alle machen im politischen Gleichschritt mit. Die Reihen immer fester geschlossen…