Die Arroganz der Großstadt

In Frankfurt wird der Wohnraum knapp und immer teurer. Ein Problem, mit dem die Mainmetropole keineswegs allein ist, das aber zunehmend drängt – zum Beispiel in Gestalt von Bankern, die infolge des Brexit mitsamt ihren Arbeitsplätzen von London nach Frankfurt umsiedeln könnten. Auch ohne sie ist das Problem groß genug. Eine mögliche Antwort: Wohnungen bauen. Es gibt Pläne für einen ganzen Stadtteil im Nordwesten, auf einem Gelände, das von der hier achtspurigen Autobahn 5 und zwei großen Stromtrassen durchschnitten wird. Und es gibt Widerstände, denn auf diesem Gelände gibt es Landschaftsschutzgebiete und es fungiert zugleich als Frischluftschneise für die Frankfurter Innenstadt (besonders wichtig, wenn es im Sommer heiß ist). Der Ortsbeirat 8 hat sich schon quergestellt. Das Frankfurter Stadtparlament wird frühestens in der Dezember-Sitzung vorbereitende Untersuchungen für einen neuen Stadtteil im Nordwesten der Stadt beschließen.

Ein heißes Thema, zu dem mich regelmäßig Leserbriefe erreichen. So auch dieser von Klaus Glaeser, der leider ungefähr doppelt so lang war, wie ich höchstens Platz im Print-Leserforum für einen einzelnen Leserbrief ausgebe. Es sollen ja auch noch andere Leserinnen und Leser zu Wort kommen. So erschien diese Zuschrift im Print rigoros gekürzt. Hier kommt die Langform als Gastbeitrag im FR-Blog.

Die Arroganz der Großstadt

von Klaus Glaeser

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Nachdem im Juni die Entscheidung gefallen ist, das Gebiet westlich von Steinbach bis zur A5 und das Gebiet östlich von Praunheim und Niederursel zu bebauen, hat die FR bereits zahlreiche Stellungnahmen und Gedanken, sowie Proteste zu dem neuen Stadtteil aufgegriffen. Der Koalitionsvertrag von CDU, SPD und Grünen sieht die Suche nach neuen Baugebieten vor: „Um eine gesunde Weiterentwicklung unserer Stadt sicherstellen zu können, werden die zusätzlichen Wohnbaupotenziale im Rahmen der Entwicklung des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes geprüft.“

Damit Sozialwohnungen zu erschwinglichen Preisen überhaupt gebaut werden können, bedient sich die Stadt der „Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“. D.h. Grundstückspreise werden eingefroren, damit keine Spekulation stattfinden und die Ambitionen der Stadt gewahrt werden.Leider ist ein wichtiger Punkt des Koalitionsvertrags nicht berücksichtigt worden:

„Weiterhin ist die Deckung des Wohnbedarfs nur in Zusammenarbeit mit der Region möglich. … Nach Berechnungen des Regionalverbandes müssen wir gemeinsam in der Metropolregion Frankfurt/Rhein Main 184.000 Wohnungen bis zum Jahr 2030 bauen. Dies erfordert eine große gemeinsame Anstrengung, die wir gemeinsam mit der Region meistern wollen. Wir werden, wo immer möglich, Planungsprozesse über Gemarkungsgrenzen hinweg denken. Wir begreifen das Zusammenwachsen unserer Region als große gemeinsame Entwicklungschance. Die wachsende Region wollen wir gemeinsam auf Augenhöhe gestalten.“

Die Konflikte mit Oberursel, Steinbach und Eschborn sind insofern programmiert, weil dieser Anspruch nicht umgesetzt wurde. Die gewohnte Arroganz der Großstadt zu ihrem Umland, man kann auch sagen zu dem Speckgürtel ist deshalb besonders aufgestoßen.

Aus ökologischen Gründen dürfte eine Bebauung ähnlich wie im Nordosten der Stadt (Pfingstberg, Dortelweil, Heiligenstock, Bergen-Enkheim) nicht geboten sein, weil gute Böden und Kaltluftentstehungsgebiete für die Stadt unwiederbringlich verloren gehen. Die Stellungnahme von Rosemarie Heilig (Umweltdezernat von den Grünen, dass die ökologische Beeinträchtigung, um nicht zu sagen der Schaden, bei diesem Gebiet am ehesten zu vertreten ist, müsste die Bilanz der angekündigten Untersuchungen belegen.

Zur Gestaltung des Bauvorhabens gibt es allerdings noch Einiges hinzuzufügen. Von den etwa 550 Hektar des Gesamtgebiets sollen nur ca. 190 Hektar bebaut werden, weil die Bachauen von Urselbach und Steinbach naturrechtlich geschützt sind, ebenso weitere Gebiete im Norden des Gebiets, die unter Landschaftsschutz stehen. Es bleiben aber mehrere Problemkomplexe, die nicht so einfach beantwortet werden können.

  1. Die Autobahn A5 (ausgebaut auf 8 Spuren!) durchschneidet das gesamte Gebiet mittig. Wie soll hier ein eigener Stadtteil entwickelt werden.
  2. Die beiden Stromtrassen 110KV bei Steinbach und 380 KV östlich der Autobahn können nicht beseitigt werden. Wie sollen hier die nötigen Abstände umgesetzt werden?
  3. Der Lärmschutz beidseitig zur Autobahn, die ebenerdig verläuft muss gewährleistet sein. Wie soll der errichtet werden und wer wird dafür aufkommen?
  4. Es müssen Einigungen zu den Bebauungsgrenzen gegenüber Steinbach und Oberursel vereinbart werden. Wer vermittelt und moderiert, damit überhaupt eine Änderung des Flächennutzungsplans in der Region mehrheitsfähig ist?
  5. Die Verkehrserschließung des gesamten Stadtteils mit seinen Anrainern erfordert neue Umgehungsstraßen (die seit 30 Jahren umstrittene Umgehung Oberursel und die Umgehung Praunheim) und Bahnanschlüsse (Westtangente, Verlängerung der U6). Wer kann durchsetzen, dass diese Infrastrukturmaßnahmen vor einer Bebauung erstellt werden und wer finanziert sie?
  6. Schließlich die angedachten Landschaftsbrücken. Wer soll die bezahlen?

All diese Luftschlösser sind bislang noch nicht im Ansatz realistisch gelöst! Allerdings fällt mir eine Lösung ein, die viel einfacher in und mit der Region gelöst werden könnte. Warum muss der Stadtteil als eigenständig geplant werden? Wäre es nicht möglich zusammen mit Steinbach und Eschborn eine östliche Ausweitung von Steinbach mit entsprechender Infrastruktur auf Frankfurter Boden in Richtung Autobahn zu planen? Genauso könnte man mit Oberursel die Bebauung südlich von Bommersheim Richtung Urselbach betreiben. Schließlich, was spricht gegen eine Arrondierung von Praunheim und Niederursel, bzw. Nord-West-Stadt in westlicher Richtung. Der Vorteil liegt auf der Hand, fast alle der genannten Problemkomplexe wären einfacher lösbar und gewachsene Infrastrukturen stünden teilweise bereits zur Verfügung und müssten lediglich ergänzt werden.

Ein Kommentar

  1. Josef Ullrich sagt:

    Das Argument vom fruchtbaren Ackerboden, der verloren ginge, zieht bei mir nicht, denn der Ackerbau im Frankfurter Raum lohnt sich wirtschaftlich gar nicht mehr. Das bestätigte mir sogar ein Landwirt aus Kalbach. Ich verstehe die Landwirte aus Eschborn, Steinbach und Weißkirchen, wenn sie für ihre Sache eintreten. Die Frankfurter Politik muss jedoch den Realitäten Rechnung tragen und das sind fehlende bezahlbare Wohnungen. Ich finde es richtig, dass Planungsdezernent Mike Josef das Projekt konsequent angeht.