Die Putinversteher verstehen Putin nicht

Der doppelte Putin“ hieß der Leitartikel der FR vom vergangenen Samstag. Korrespondent Christian Esch macht sich darin Gedanken über die Psyche des russischen Präsidenten, der manchmal so agiere, „als besäße er eine gespaltene Persönlichkeit“. Etwas leichter macht es sich Buchautor Matthias Bröckers, den ich ebenfalls sehr schätze. Der sagt im FR-Interview „Wir sind immer die Guten“ sinngemäß – ich fasse das mal mit meinen eigenen Worten zusammen und spitze dabei ganz leicht zu -, dass der Westen an allem schuld ist. Man muss es sich indes nicht so schwer machen. In Wahrheit, glaube ich, ist Putin gar nicht so schwer zu verstehen. Nur dass die „Putinversteher“ diejenigen sind, die ihn am wenigsten verstehen. Warum? Weil sie Putins Aktionen fast ausschließlich als Reaktionen auf Aktionen des Westens verstehen. Das sind sie aber nur vordergründig. In Wirklichkeit sind Putins Handlungen absolut russisch und auch aus allein-russischer Motivlage gut verständlich. Man braucht keinen doppelzüngig redenden und moralisch verwerflich handelnden Westen zu unterstellen. Daher mache ich es mir wesentlich leichter als Christian Esch und auch leichter als Bröckers, setze Ockhams Rasiermesser an und sage: Ihr habt Unrecht. Putin ist in Wirklichkeit leicht durchschaubar. Er gibt nur vor, es nicht zu sein.

Ockhams Rasiermesser und unsere geliebten Verschwörungstheorien

„Von mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, die in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.“

Das sind die (vereinfachten) Grundsätze dieser erkenntnistheoretischen Methode aus dem Mittelalter, genannt Ockhams Rasiermesser, zitiert nach Wikipedia. Man kann sie auch auf Verschwörungstheorien übertragen. Demnach ist eine Theorie – auch eine Verschwörungstheorie – umso plausibler, je einfacher sie ist, wenn sie in der Lage ist, den Sachverhalt, um den es geht, zu erklären. Die Verschwörungstheorie im Fall des Putin-Ukraine-Komplexes lautet sinngemäß: Der Westen hat den Kalten Krieg nach dem Ende der Sowjetunion fortgesetzt und die Nato sowie die EU nach Osten erweitert und will nun die Ukraine aus Putins Einflussbereich herausbrechen, um Russlands Machtsphäre zu begrenzen. Dazu werden offizielle, zwischenstaatliche Assoziierungsabkommen ebenso eingesetzt wie CIA-Agenten, ukrainische Faschisten und Blackwater-Söldner. Zu diesem Zweck werden auch europäische Medien benutzt („gleichgeschaltet“), um in Europa eine antirussische Stimmung herzustellen. Das Ganze muss irgendwie von den USA aus gesteuert werden, weil es im Grunde nur darum geht, Europa von den USA aus mit (durch Fracking gewonnenem) Erdgas zu beliefern; und um das zu erreichen, muss Russland als Lieferant ausgeschaltet werden. Putin ist ein Getriebener dieser Entwicklung und ein Spielball jener, die in Washington — oder wo auch immer — die Zügel in der Hand haben.

Ich bin durchaus ein Freund von guten Verschwörungstheorien, aber das setzt voraus, dass sie ein gewisses Etwas leisten, was sie unverzichtbar macht: Sie müssen der Wirklichkeit jenes Puzzlestück hinzufügen, dass diese Wirklichkeit erst richtig erklärt. Wenn ich die Wirklichkeit jedoch verstehen kann, ohne eine Verschwörungstheorie zu Hilfe nehmen zu müssen, dann ist diese Verschwörungstheorie überflüssig. Ein Beispiel für eine sinnvolle Verschwörungstheorie ist die, die Bröckers (keineswegs als erster) in seinem JFK-Buch konstruiert, um den Mord an dem US-Präsidenten zu erklären. Diese Theorie erhellt das Attentat bis in seine Details. Ob sie allerdings zutrifft – darüber ist hiermit noch keine Aussage getroffen. Sie erklärt allerdings die US-Politik der folgenden Jahrzehnte derart schlagend, dass sie vermutlich dicht an der Realität liegt. Zumal die US-Regierung schweigt und die historischen Dokumente weiterhin nicht freigegeben sind.

Ein Beispiel für eine sinnlose Verschwörungstheorie ist hingegen die oben skizzierte von der verdeckten konzertierten Aktion des Westens. Für Verschwörungen gilt normalerweise der Grundsatz: Je kleiner der Kreis der Wissenden, desto eher wird die Verschwörung erfolgreich sein. Eine solche Steuerung der Ereignisse in der Ukraine ist allein schon wegen der katastrophal-chaotischen Außenpolitik der EU nicht vorstellbar. Da sitzen zu viele Akteure, die kakophonisch durcheinanderreden – typisch für die EU. Zudem hat die EU auch keinen gemeinsamen Geheimdienst, der als Akteur auftreten könnte. Und dann auch noch die „Gleichschaltung“ der europäischen Medien! In den USA mögen frühere US-Regierungen (vor allem G.W.Bush) leichtes Spiel gehabt haben, als sie die US-Medien auf den Irak-Krieg einschworen, denn Medienvielfalt war in den USA schon damals ein Fremdwort. Die europäischen Medien jedoch sind nicht in der Hand einiger weniger Oligarchen wie etwa Rupert Murdoch. Es ist schlicht nicht möglich, sie irgendwie zentral zu steuern. Daher ist das Gerede von der Gleichschaltung einfach Unsinn. Dass die CIA Einfluss in Kiew genommen haben könnte, will ich dennoch keineswegs ausschließen, aber wenn dies so war, dann zielte der Geheimdienst vermutlich eher auf die EU als auf Russland. Eine Zuspitzung in der Ukraine, so das Kalkül, könnte den europäischen Protagonisten bewusst machen, dass sie endlich zu einer gemeinsamen außenpolitischen und militärischen Linie finden müssen. Aber das, ich gebe es zu, ist Spekulation.

Was mich an dieser Verschwörungstheorie jedoch am meisten stört – und was sie letztlich auch zu Fall bringt -, ist die Tatsache, dass Putin aus dieser Perspektive nur ein Spielball ist. Er muss wirklich dumm sein, um immer genau die Schritte zu unternehmen, die gerade im Sinne jener sind, die das Spiel steuern. Krim hier, Unterstützung der Separatisten da, dann auch noch MH17 … Das ließe eigentlich nur den einen Schluss zu, dass Putin an der Verschwörung partizipiert, und hier wird es endgültig albern. Diese Verschwörungstheorie ist deswegen unbrauchbar, weil sie die Wirklichkeit verzerrt, statt sie zu erklären. Sie sieht Russlands Präsidenten in der Rolle dessen, der lediglich reagiert. Das ist falsch. In Wirklichkeit ist Putin in diesem Spiel der einzige, der agiert. Er treibt die Regierung in Kiew ebenso vor sich her wie die europäischen Regierungen, Brüssel, die Nato und die USA. Sein Verwirrspiel ist schlicht brillant.

Wir Westler halten uns für den Nabel der Welt

Die Verwirrung über Putins Motive ist im Westen deswegen so groß, weil wir Westler in unserer Eigenzentriertheit – wir sind ja schließlich der Nabel der Welt – die Stoßrichtung von Putins Aktionen missdeuten. Wir sehen sie als Reaktionen auf westliche Aggression, also richten sie sich gegen uns. Das ist falsch. Diese Aktionen richten sich eigentlich nicht einmal gegen die Ukraine, sondern sie zielen aufs Innere Russlands. Auf seine Seele, um es mal pathetisch auszudrücken. Andere würden sagen: auf seinen Nationalstolz, auch wenn das nicht dasselbe ist. Es geht hier um eine Frage der Identität.

Harvard-Professor Samuel P. Huntington (gest. 2006) bezeichnet Russland in seinem epochalen politikwissenschaftlichen Werk „Kampf der Kulturen“ – Originaltitel: „The Clash of Civilizations“, erschienen 1996 – als „zerrissenes Land“, als ein Land, das um seine Identität ringt. Verantwortlich für diese Zerrissenheit, meint Huntington, ist Peter der Große (1672-1725), der das Land modernisieren und verwestlichen wollte. Dafür waren jedoch die Voraussetzungen nicht gegeben. Weder hatte Russland einen selbstbewussten Adel (im Westen zu jener Zeit noch Kulturträger), noch hatte es einen Humanismus durchlebt und sich einen Begriff von Individualität und Idealen erarbeitet. Es gab in Russland schlicht keine Voraussetzungen für einen epochalen Prozess wie die Aufklärung, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Westeuropa im Griff hatte und die Grundlagen für westliche Werte wie die Agenda der Menschenrechte schuf. Trotzdem verordnete Peter der Große Russland eine Modernisierungs- und Verwestlichungskur. Mit dem Ergebnis, dass für die meisten Russen ein völlig anderes Kulturelement identitätsstiftend war: die russisch-orthodoxe Religion.

Während der Sowjetherrschaft schien dieser Riss zu heilen, denn Russland hatte einen Status erlangt, der ihm zu gebühren schien: Es war (als UdSSR) Weltmacht. Die Kirchen waren leer, an die Stelle von christlicher Religion war ein Glaubenskontrukt namens kommunistische Ideologie getreten. Man war wer in der Welt. Doch das Sowjetreich zerbrach (was im Westen irrtümlich für einen Sieg des Kapitalismus gehalten wird) und hinterließ lauter fragile, um ihre Identität ringende Nationen und Splitter davon. Im asiatischen Teil der ehemaligen UdSSR und in Weißrussland kristallisierten sich diktatorische Systeme heraus, während die baltischen Staaten relativ problemlos an ihren eigentlichen Kulturkreis anknüpfen konnten, den Westen, und demokratische Wege gingen. Russland selbst versuchte es zunächst ebenfalls mit der Demokratie, schlug dann aber einen Mittelweg namens „gelenkte Demokratie“ ein, der immer offensichtlicher zur Autokratie wurde; von Diktatur kann man noch nicht reden, aber Russland ist wohl in der Tat nicht weit von einem neuen Zarentum entfernt.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion markiert eine Zäsur der Weltgeschichte ebenso wie eine Zäsur in der Geschichte der russischen Identität. Wie brachial diese Zäsur die Russen erfasste, ließ sich daran erkennen, dass die Kirchen sich plötzlich wieder füllten. Religion begann – nicht nur in Russland -, wieder eine große Rolle zu spielen. Putins Popularität bei den Russen rührt nicht zuletzt auch daher, dass er sich der Unterstützung der orthodoxen Hierarchen sicher sein kann. Patriarch Kyrill I., Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, gilt als Verbündeter des Präsidenten. Noch wichtiger für Putins Popularität dürfte aber sein, dass er auf eine in den letzten Jahren immer deutlicher hervortretende Art die Seele der russischen Nation streichelte, zuletzt bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi. Sein Ziel ist es ganz offensichtlich, den Riss zu kitten, den Peter der Große verursacht hat, und er nutzt die Chancen, die sich ihm dazu in der Ukraine-Krise bieten. Er ist ein Akteur, kein Re-Akteur.

Nach außen verfolgt er eine Strategie der Verwirrung. Jene, denen er die Gegnerrolle zugedacht hat, werden mit einer Fülle widersprüchlicher Statements und Aktionen überschwemmt. Heute so, morgen so. Mal bezeichnet Putin Teile der Ukraine – welche er auch immer genau meint – als Neurussland, mal fordert er „Staatlichkeit“ für diese Landesteile, behauptet aber im nächsten Atemzug, sie weder von der Ukraine abspalten noch sie Russland einverleiben zu wollen. Das zieht dann Kommentare wie die vom „doppelten Putin“ nach sich – siehe oben. Sie sind Beleg dafür, dass die Taktik aufgeht. Ganz anders die nach innen gerichtete, auf die Russen zielende Kommunikationsstrategie: Hier verwendet das staatliche Fernsehen – und in Russland ist mittlerweile so gut wie jedes Fernsehen „staatlich“ – eine klare, absolut eindeutige Bildersprache, die an das große Trauma Russlands rührt: Faschismus als Feindbild. Der Vaterländische Krieg gegen die deutsche Wehrmacht ist in den Assoziationen der Russinnen und Russen vermutlich sofort präsent, wenn sie Bilder von Milizen des „Rechten Sektors“ sehen, wie sie Anfang 2014 auf dem Kiewer Maidan präsent waren. Diese Bilder wurden im russischen Fernsehen rauf und runter gezeigt, Verschwörungstheorien inklusive. Der Blutzoll, den Hitler-Deutschland den Russen abverlangt hat, zeigt Spätwirkungen.

Die Osmanen vor Wien

Solche traumatisierenden Erfahrungen können die Weltpolitik über Jahrhunderte hinweg prägen. Im Westen beispielsweise ist das Trauma, dass die Osmanen vor den Toren von Wien (1529 und 1683) standen, immer noch präsent, und wenn wir heute über den Islam reden, haben wir mehr oder weniger unterschwellig sofort ein Bedrohungs-Szenario im Kopf. Nach diesem Muster nutzt Putin das Trauma des Vaterländischen Krieges für seine Politik. Während im Westen mehr oder weniger selbstgefällig über Schuld und Sühne diskutiert und dabei am Kern des Konflikts vorbeigeredet wird, versichert sich Putin der Unterstützung der Russen, indem er ihre Angst vor dem Faschismus mobilisiert. Er tut also etwas, von dem er glaubt, es sei gut für Russland und gut dafür, ihm selbst noch viele Regierungsjahre zu sichern. Was er da macht, nennt man auf gut Neudeutsch „nation building“: Er versucht, eine Nation aus den historischen Trümmern zu zimmern, die Peter der Große und die Sowjetunion ihm hinterlassen haben. Die Voraussetzungen dafür sind gut, denn die Erinnerungen an die Zeit, als man noch Weltmacht war, sind vielen Russinnen und Russen noch präsent. In Wirklichkeit ist also die Ukraine der Spielball, nicht Putin. Er wird keinen Krieg um die Ukraine führen, denn er weiß genau, dass er dann sein Projekt – und das impliziert seinen eigenen Machterhalt – aufs Spiel setzt. Er riskiert schon jetzt ziemlich viel: Sanktionen, internationale Isolation, Stigmatisierung und inneren Zwist. Wenn die aufgeheizte Stimmung mal verraucht ist, könnte es sein, dass die Russen bemerken, wie viel Schaden Putin ihnen tatsächlich zugefügt hat.

Er ist dafür verantwortlich, dass Russland das „gemeinsame europäische Haus“ verlassen hat – er, kein anderer. Es war seine bewusste, strategische Entscheidung. Vielleicht wird Russland in dieses Haus zurückkehren, wenn Putin demnächst einlenkt, weil er alles erreicht hat, was er erreichen wollte. Vielleicht auch nicht. Augenfällig scheint mir, dass Putins Politik nicht auf dieses „gemeinsame europäische Haus“ abgestellt ist, das er vermutlich ohnehin nie wollte, sondern Huntingtons Theorie von den Kulturkreisen weiterdenkt und eher die Gemeinsamkeiten mit den Menschen in anderen Ländern in den Vordergrund hebt, die dem russisch-orthodoxen Kulturkreis angehören. Das trifft beispielsweise auf viele Menschen in den baltischen Staaten zu – und diese Staaten sind Nato-Mitglieder. Die Ukraine ist dies nicht. So kann er den bedrängten Separatisten in der Ukraine „zu Hilfe kommen“ und sich als Patriarch aller Russen in Szene setzen, ohne einen Konflikt mit der Nato zu provozieren. Er macht damit klar: Dies ist meine Einflussspähre. Er ist in diesem Konflikt nicht nur russischer Präsident, sondern Schutzherr aller Russen. Der Panslawismus kehrt hier auf Schmalspur zurück.

Dieser Konflikt hat sich also, was sich am Beginn des 21. Jahrhundert besonders merkwürdig ausmacht, entlang religiöser Grenzen entzündet – zwischen einem christlich-westlichen Kulturkreis, zu dem die eine Hälfte der Ukraine mehrheitlich gehört, und einem orthodoxen Kulturkreis, zu dem die andere Hälfte mehrheitlich gehört. Huntington hat diesen Konflikt schon vor 20 Jahren prognostiziert. Putin hat seinen Huntington offenbar gelesen – und Macchiavelli obendrein. Für Autoren wie Bröckers war diese Lektüre offenbar zu schwer. Denn sonst müsste auch Bröckers erkennen, dass die EU im Grunde genau richtig reagiert: Sie versucht, Putins Machtstreben mit Mitteln einzugrenzen, die ihn da treffen, wo es am meisten wehtut: in seinem inneren Zirkel. Seinem Netzwerk.

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41 Kommentare zu “Die Putinversteher verstehen Putin nicht

  1. Man sollte sich ernsthaft fragen, was Spekulationen über die Psyche, den vermutlichen Willen, die eindeutige oder zweideutige Taktik eines Politikers und das ganze hintergründige Doppeldenken wohl bezwecken sollen.

    Realität ist: Putin ist der führende Politiker in Russland. Was mehr hat uns zu interessieren?
    Zu interessieren hat uns, welche Auswirkungen seine Entscheidungen auf unsere Realitäten haben.

    Realität ist: Merkel ist die führende Politikerin in Deutschland. Was mehr hat uns zu interessieren?
    Zu interessieren hat uns, ob ihre Entscheidungen durch uns demokratisch legitimiert sind und ob ihre Entscheidungen Auswirkungen auf unsere Realitäten haben.

    Was hat die Russen und die Deutschen (und alle andern…) nicht zu interessieren?

    Es hat sie nicht zu interessieren, welcher Politiker das jeweils andere Land führt, in welcher Verfassung er ist und wie und warum er seine Entscheidungen trifft. Es hat sie nur dann zu interessieren, wenn es ein international legitimiertes Interventionsrecht und einen entsprechenden Interventionsauftrag gibt. (Menschenrechte, Nothilfe etc)

    Es ist schon eine ausgewachsene Überheblichkeit, Staatsoberhäupter von aussen einer solchen psychischen Analyse zu unterwerfen und das willkürliche Ankleben von Oberlippenbärten und Diagnosen als politische Aussage zu werten.

    Das alles hört sich zunächst harmlos an. Tatsächlich sind aber Krieg und Kalter Krieg in einen Informations- und Medienkrieg übergegangen, der sich der Sucht nach Information, Sensation und Interpretation bedient und letztlich die „öffentliche Meinung“, die noch nicht bemerkt hat, daß sie schon keine mehr ist, als einen „Universal Soldier“ in die Konflikte hereinzieht.
    Ohne dies ist es auch nicht zu erklären, daß es Plattformen geben kann, auf denen Mordvideos veröffentlicht werden können über die dann auch noch berichtet wird. Die FR sollte sich ernsthaft Gedanken darüber machen, ob sie nicht schon ein „Universal Soldier“ im Medienkrieg geworden ist. (Andere Zeitungen/Medien sind es schon längst).

    Derzeit scheinen mir die Abgrenzungen zwischen Aussenpolitik und Einmischung durcheinander geraten zu sein. Definieren kann eine solche Abgrenzung nur der Generalsekretär der UN. Ja, richtig gelesen: Ich meine diese eine Person, nicht die Institution!

  2. Wenn im Weltgeschehen urplötzlich riesige Umbrüche auftreten, sieht sich der Zeitbeobachter in einem gewissen Zwang, Interpretationshilfe bei großformatigen Erklärungsmodellen zu erkunden. Dabei stößt man rasch auf ältere Deutungsmuster, die von der in toto pluralistischen Entwicklung moderner Gesellschaften – oder genauer gesagt: i n durchaus auch noch eher archaischen Gesellschaftsformationen wie Clan-Gesellschaften, die aber mit der Moderne eben nicht zurechtkommen- unterdrückt oder einfach überformt worden sind. Zwei Erklärungsmodelle, wie jetzt beim Rußland/Ukraine-Konflikt – bieten sich besonders an: °°° Geopolitik; °°° Hydrauliche (Mastodon)- Gesellschaften.-
    Die Geopolitik ist die Lehre von der geographischen Bedingtheit der Staaten und machtpolitischen Vorgänge auf der Erde. Kjellén, Ratzel, K.Haushofer haben darüber geforscht ; Das Konzept der „Hydraulichen Gesellschaften“ , vor allem der asiatischen, ist von Karl A. Wittfogel entwickelt worden, der auch am Frankfurter Institut für Sozialforschung in der Weimarer Zeit forschte. – Das Wiederaufflammen des russischen Imperialismus kann sehr wohl mit der ungeheuren Landmasse der Russischen Föderation zusammenhängen. Moskau tickt eur-asiatisch, eine enorme Gefahr für Ost-, Mittel- und Westeuropa. — Nachdem die ° pax USamericana° immer brüchiger wird (also die Weltpolizistenrolle der USA) haben wir es immer mehr in den internationalen Machtverhältnissen mit dem °impact° sogenannter hydraulicher Gesellschaften, oberhalb von 100 Mio Einwohnern, zu tun. Diese neigen zu militärischen Eskapaden und un-demkoratischer Ressourcenaneignung. Solche Machtgefüge agieren auch leicht irrational. – Im Französischen gibt es die Redewendung: „il y a des couches sous-jacentes“, was so viel heißt wie: es gibt , wie in der Erdkruste, darunter liegende Schichten, die ursächlich für Zeitbrüche sein können. Deshalb darf man sich auch außenpolitisch nicht durch wohlgemeinte Begriffe wie etwa „strategische Partnerschaft„ vernebeln lassen.-

  3. Es ist unnütz, Herrn Putin oder „die Russen“ zu kritisieren oder mit Worten oder gar noch anders über ihn, Herrn Putin, oder über sie, „die Russen“ herzufallen.
    Beides nützt nichts, es prallt ab.
    Wenn und soweit es etwas bewirkt, steigert es die Überzeugung von der eigenen Stärke, ja von der eigenen Unverwundbarkeit und dem Glauben an die eigene Größe.
    Das Selbstbewusstsein und die Selbsteinschätzung von Herrn Putin wird schlagartig deutlich, wenn man sieht, wie der – kleine – Mann durch die hohen, weiß gestrichenen und mit vielen goldenem Schmuckwerk verzierten Gänge des Kreml schreitet, Schulter links vor, Schulter rechts vor, wie ihm von Zinnsoldaten die riesigen, goldverzierten Türen geöffnet werden … und dann ist ER! da.
    ER und der großzügigste, prachtvollste Regierungssitz, den es auf Erden gibt, sind eins.
    Ich würde auch anfangen, an meine eigene Erhabenheit zu glauben, wenn ich Herr des Kreml wäre und dort residieren würde.
    Auch empfehle ich, Herrn Putin – wenn er spricht oder auch einmal zuhört – in das Gericht zu gucken: Er ist ein Spieler, er pokert, und er hat seinen Spaß daran. Er ist ein Schelm:
    Die ewig lange Kolonne weißer Lkw’s mit „Hilfsgütern“ – hat die Welt je eine so lange Lkw-Kolonne gesehen, und alle ganz in weiß, der Farbe der Unschuld? Zeugt dies nicht von der Größe und der Güte der russischen Menschen und ihres Führers? Dann die maskierten Russen auf der ukrainischen Krim, die sich als Einheimische gaben, die mit Lächeln servierten Falschmeldungen, das von einer russischen Minderheit bewohnte mickrige Territorium als „Neues Russland“ zu bezeichnen, sein Auftreten mit nacktem Oberkörper und einem Gewehr vor der Brust und mit eingezogenem Bauch an einem rauschenden Fluss in einem wilden Wald und vieles andere mehr: er ist wie einer, der „Mensch ärgere Dich nicht“ oder „Monopoly“ spielt, im Bewusstsein, der Herrscher über das größte Land der Erde mit der (fast) stärksten Militärmacht der Erde zu sein, russischer Führer in der Tradition jahrhundertelanger Zarenherrschaft. Gewaltige Energievorräte, riesige Flächen – deren Größe wir uns gar nicht vorstellen können – für Landwirtschaft und Viehzucht und für werdende Industrie. Von – fast – Mitteleuropa bis zur östlichen Grenze Asiens, vom eisigen Gletscherland im Norden bis zur subtropischen Hitze im Süden. Olympische (Winter)Spiele in bisher noch nie gekannter Großartigkeit. Und erst die nächste Fußballweltmeisterschaft (oder ist es die übernächste? Egal – es wird die größte, die es je gegeben hat.)
    Potemkinsches Dorf. Maskerade. Ein Schelm.
    Für sich selbst ist Wladimir Putin der Größte, und – ich vermute – für die meisten Russen auch.
    Wir werden ihn nicht ändern können. Es ist auch nicht so wichtig. Das läuft sich von allein tot.
    Aber wir können den Menschen in Russland und den Anrainern zeigen, dass das Leben nach Art des Westens das bessere ist, wohl sogar das viel bessere.
    Es ist, wie es ist. Nehmen wir die Dinge, wie sie sind, vor allem die Dinge, die wir ohnehin nicht ändern können. Rasseln wir nicht mit dem Säbel, das bringt nur Tod und Elend. Packen wir die Dinge an, die wir ändern können:
    Wenn wir die „Besseren“, die „Klügeren“ sein wollen, müssen wir sehen und uns fragen und anschließend danach handeln:
    Was können wir für die Menschen tun?
    Den Menschen in der Ukraine helfen, mit Rat und Tat. Nicht nur mit den ukrainischen Größen umgehen, sondern den Menschen selbst, durch Bildung – Schulen, Berufsschulen, berufliche Bildung, Universitäten mit den dafür geeigneten Lehrern und anderen Personen, Ansiedlung von (Zweig-) Betrieben und –Niederlassungen, Förderung und weitere Betreuung von Neugründungen, durch Schaffen von Strukturen, soziale Absicherung, Hilfe zur Selbständigkeit des Staates und seiner Bürger und vieles andere dieser Art mehr. Die Besten im Westen sollten nach Osten strömen und bereitwillig helfen, damit die Menschen in der Ukraine die Selbsthilfe lernen, die ihnen den Schwung gibt anzupacken. In der Ukraine gibt es so viel zu tun, und wir können sicher sein, dass die Menschen dort das, was wir aus dem Westen bringen können, mit sehr großer Dankbarkeit annehmen.
    Nicht reden, nicht sich aufregen, schon gar nicht über etwas, was wir nicht ändern können, sondern machen und tun.
    Wo sind die Unternehmer, die noch Unternehmer sind und sagen: Da gehen wir hin. Da ist viel zu tun. Da werden wir mit offenen Armen empfangen. Da packen alle an. Da lohnt es sich. Da ist Perspektive.
    Und wir, gerade wir kennen das doch aus unserer eigenen Geschichte:
    Haben nicht die Einen das Elsass und Lothringen und dort lebende Deutsche und haben die Anderen nicht weite Gebiete im Osten und dort lebende Deutsche „heim ins Reich“ holen wollen – und wie ist unsere Geschichte, unsere Großmannssucht dabei zu Ende gegangen?
    Die Entscheidung, die dort jetzt fällt, ist nicht die Landnahme durch Russland, sondern ob es dem Westen gelingt, zusammen mit den Menschen und um der Menschen willen aus der Ukraine ein blühendes, prosperierendes Land zu machen. Die Ukrainer wollen es ja auch.
    Wenn die Ukraine blüht, dann hat Russland am Ende „verloren“ und sieht vielleicht endlich ein, dass Gewalt nichts bewirkt. Vielleicht strömen dann sogar Hilfsarbeiter aus Russland in die blühenden Industrielandschaften der Ukraine. Und wenn Russen es nicht verstehen sollten, so bedauerlich dies auch wäre, dann ändert das nichts daran, dass alle anderen es mit Sicherheit verstehen – dann womöglich sogar auch die Menschen in Weißrussland.

    Es lebe die freie Ukraine! Es lebe der Friede – endlich und endgültig – in Europa!

  4. Der Titel, lieber Bronski, trifft den Nagel auf den Kopf.
    Man könnte freilich noch zuspitzen und denen, die sich dabei betroffen fühlen, sein Beileid aussprechen. Denn so viele Purzelbäume, als notwendig wären, um hier noch zu „verstehen“, kann wohl keiner schlagen.
    Da nun hätte doch eine Kritik anzusetzen:
    Ich habe, seit Beginn der Ukraine-Krise, in die Tausende gehende Statements gelesen, die in diese Kategorie fallen. Auch gezielt nach Äußerungen zu den putinschen Winkelzügen gesucht, in der Annahme, hierzu müsste sich jemand, der Putin „verstehen“ will, doch äußern. Doch Fehlanzeige. Und ich wage die Prognose, dass man in der Hinsicht auch weiterhin nicht fündig werden wird.
    Daher mein Schluss: Kaum einer der „Putinversteher“ hat überhaupt die Absicht, ihn zu verstehen. Denn dann hätte er ja als interessierter Bürger schon bei der Krim-Krise – um nur ein Beispiel herauszugreifen – die Frage stellen müssen, wo denn die vielen schönen Second-Hand-Läden zu finden sind, wo man russische Uniformen en masse findet, samt den dazugehörigen Waffen, mit denen sich ein ganzes Land einnehmen lässt. Oder er müsste zum Schluss kommen, dass hier einer die ganze Welt zum Narren hält. Beides liegt wohl nicht in deren Interesse.
    Christian Esch hat die Widersprüche im Leitartikel „Der doppelte Putin“ m.E. sehr gut aufgezeigt. Wobei er – was die meisten der Kommentatoren offensichtlich missverstanden haben – den Ausdruck „gespaltene Persönlichkeit“ erkennbar als politischen und nicht als psychoanalytischen Begriff verwendet.
    Was er über Putin selbst äußert, gilt auch für „Putinversteher“: „Dient das Beschießen ukrainischer Truppen der Vertrauensbildung? Oder ist das nicht vielleicht doch eine militärische Intervention? Wir werden es von Putin nicht hören – denn das hieße ja, sich festzulegen.“
    Doch zurück zum Begriff selbst. Da behauptet z.B. der „bekennende Putinversteher“ Mathias Bröckers im Interview „Wir sind immer die Guten“, es seien „die Medien“, welche das Wort „Putinversteher zum Schimpfwort“ gemacht hätten, um damit seine krude Behauptung von der „grundlegenden Manipulation“ glaubhaft zu machen, „der wir derzeit durch die Medien ausgesetzt sind“. Das ist natürlich so nicht richtig und würde auch nicht funktionieren, wenn nicht die Betroffenen selbst es mit der gleichen negativen Konnotation versehen hätten.
    Denn Medien – dazu herrscht Einvernehmen in der modernen Medienwirkungsforschung – rufen nicht neue Bilder hervor, sondern verstärken nur bereits vorhandene. Und in Deutschland gibt es keine Akademie (wie etwa in Frankreich), welche vorgibt, auf welche Weise ein Wort in öffentlichen Medien zu gebrauchen sei. Und auch der „Duden“ versteht sich deskriptiv und hat die ihm zugeschriebene normierende Funktion (zumindest seit den 60er Jahren) stets bestritten. Bedeutungsfestlegung wie auch konnotative Wertung entstehen gewissermaßen urwüchsig dadurch, dass die überwältigende Mehrheit ein Wort in der gleichen Bedeutung und mit gleicher Konnotation gebraucht.
    Tatsache ist, dass gleich nach Auftauchen des Begriffs „Putinversteher“ – etwa zwei Wochen nach Beginn der Ukraine-Krise – ein empörter Aufschrei der Empörung bei den so Bezeichneten durch die Internetforen ging. Im Wesentlichen haben also diese selbst den Begriff geprägt. Erst einiges später, als sich eine russisch geprägte Sprachregelung (etwa vom „faschistischen“ Majdan) deutlich manifestierte, sind einzelne Versuche festzustellen, den Begriff im Stil von Bröckers durch „Bekenntnis“ umzuwerten. Dass dies im Nachhinein so einfach funktioniert, darf bezweifelt werden.
    Zwar gibt es teilweise erfolgreiche Versuche solcher Umwertung. So der Frauenbewegung der 70er Jahre, welche den seit dem Mittelalter pejorativ konnotierten Begriff der „Hexe“ in positiver Bedeutung für sich in Anspruch nahm. Dies aber nur im Rahmen ihrer Kampagnen. Und dahinter stand eine gesellschaftlich relevante und bereits akzeptierte Bewegung. Und es ging einher mit einer, ebenso gesellschaftlich akzeptierten, generellen Kritik an „sexistischem“ Sprachgebrauch.
    Noch wichtiger scheint mir zu sein, dass eine erfolgreiche Umwertung der Begriffe – wie in der Frauenbewegung erfolgt – auch eine inhaltliche Auseinandersetzung damit voraussetzt. Und das hieße hier, sich inhaltlich mit Putins Politik auseinanderzusetzen. Das aber scheuen „Putinversteher“ wie der Teufel das Weihwasser.

    Wie aber kann – dieser Bedenken zum Trotz – solche Umwertung dennoch funktionieren? Und welches kann der Sinn der Übung sein? –
    Chiffren sind Symbole, die sich von dem ursprünglichen Bedeutungsinhalt gelöst haben. Dementsprechend werden sie (so die Chiffren der Romantik) auch nicht auf ihre Stimmigkeit hin hinterfragt.
    Glaubensgemeinschaften aller Art bedürfen solcher Symbole, hinter deren Banner sie sich versammeln, von den „Ungläubigen“ abgrenzen können. Und ihre identitätsstiftende Wirkung ist umso größer, je mehr ihrem Symbol das Bewusstsein der verfolgten Unschuld anhaftet.
    „Putinversteher“, zur positiven Chiffre für Fundamentalopposition umgemünzt, soll eben solches leisten. Es schweißt die gläubige Putingemeinde zusammen, erspart ihr zugleich, die mantraähnlich vor sich her getragenen eigenen Klischees (so das im Anklagepathos vorgetragene Gerede von „den Guten“ und „den Bösen“ – siehe Bröckers) hinterfragen zu müssen. Und man kann sich auf diese Weise so schön in die Rolle des Gesellschaftskritikers und Moralwächters in einer Person hineinsteigern. Und der These von der allumgreifenden, „grundlegenden Manipulation“ westlicher Medien kommt die Funktion der Löwen zu, welche die in ihrer Unschuld und ihren unerschütterlichen Überzeugungen vereinten Gläubigenschar bedroht.
    Dass die erwählten (oder selbst ernannten) Gurus dazu (wie Bronski es nennt) auch der „Verschwörungsttheorien“ bedürfen, dass sie sich bei ihrer „Beweisführung“ auch der bewährten Technik der (sonst verfemten) BILD-Sprache bedienen, kann da schon nachgesehen werden: So die bei Bröckers unhinterfragte dichotomische Gegenüberstellung gegen eine mit allen Negativattributen versehenen „Wir“-Gruppe, die passend dazu ausgewählten „Belege“ trivialster Art, die Vermengung von Fakten, Mutmaßungen, Unterstellungen und Schuldzuweisungen („Das tun nur die Bösen, Leute wie Putin, die nur aus reiner Machtgier handeln, wenn sie etwa Zivilflugzeuge vom Himmel holen, ohne einen Schuss abzugeben, aber es ist klar dass sie es waren.“) – Was soll’s? Der „Manipulation“ schuldig machen sich nur die anderen. Bezogen auf die eigene Gruppe heißt dies „realistischer Blick“ und „Analyse“.
    Nur, wenn es um die wirklichen Verhältnisse in Putins Reich geht, wird es kritisch. Und daher vermeidet wohl auch Herr Bröckers jede Anspielung darauf, und vor allem die Auseinandersetzung mit dem, den zu „verstehen“ er vorgibt.
    Lediglich „gestandene“ Nationalisten – so Marine Le Pen – reden gelegentlich Klartext, sprechen unverblümt aus, was einen Putin für sie so attraktiv macht: etwa seine Anti-Homosexuellen-Politik. Denn da herrscht noch „Moral“ und ist die Welt noch nicht so „dekadent“. Aber Frau Le Pen kann sich das bei ihrer Anhängerschaft ja auch erlauben.

    @ Horst Hollwegs, #3
    Ich schließe mich diesen Ausführungen weitgehend an. Eine wohltuende Äußerung nach all den defätistischen Diskussionen (im Sinn von „schlechtreden“)!
    Allerdings steht helfender Einsatz für andere nicht in Widerspruch zu Auseinandersetzung im eigenen Land. Letzteres erscheint vielmehr als Voraussetzung für das erste.

  5. Ein besonders guter Putin-Versteher ist Anders Fogh Rasmussen, der kürzlich gefordert hat, die Rüstungsausgaben der Nato nach oben zu schrauben, weil die Mitgliedsstaaten ihre Kriegsetats um 20 Prozent gekürzt hätten. Das Stockholmer SIPRI-Institut hat letztes Jahr ganz andere Zahlen präsentiert. Nach den Erkenntnissen des Instituts gab Russland 88 Milliarden Dollar für Rüstung aus. Die drei Nato-Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien hätten zusammen 168 Milliarden investiert und die USA 640 Milliarden. Ergo: Es steht 808 zu 88 zugunsten von Anders Fogh Rasmussen. Doch mit diesem neunfachen Übergewicht ist er nicht zufrieden. Denn er ist ja einer der besten Putin-Versteher. Da müssen noch einige Milliarden obendrauf gelegt werden, um diesem schlitzohrigen Typen überhaupt beikommen zu können.

    Die FAZ drückt sich nicht so kryptisch aus wie die FR-Redaktion und ihre Claqueure hier im Blog. Herr Busse formuliert das Nato-Ziel direkter und klarer:

    Das vielleicht größte Problem dieser Rückkehr zu einer Politik der Abschreckung besteht darin, dass sie die heimischen Gesellschaften völlig unvorbereitet trifft. Gerade in Deutschland hat man sich an die Stabilität in Europa und die guten Geschäfte mit Russland gewöhnt; Abschreckung und klassische Machtpolitik gehören schon seit ein, zwei Generationen nicht mehr zur politischen Erfahrungswelt der Bevölkerung. Der außenpolitische Diskurs der Eliten ist in Deutschland seit langem von idealistischen Untertönen durchzogen, der der Bürger von isolationistischen. Das erklärt die zum Teil heftigen Reaktionen im Internet auf die westliche Ukrainepolitik. Viele Bürger scheinen zu fürchten, dass Deutschland in einen Krieg mit Russland hineingezogen wird.

    Die vielen Bürger seien also noch nicht so weit, die Abschreckungspolitik und die Aufrüstung gedanklich anzunehmen. Die geistig potenten Kritiker der Nato seien idealistisch benebelt und die eher Ungebildeten dächten vordergründig-isolationistisch. Die versammelte Medien-Elite gibt jedoch ihr Bestes, diesem Geisteszustand entgegenzuwirken.

    Quelle des FAZ-Zitats: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nato-gipfel-im-zeichen-des-ukraine-konflikts-wiederkehr-der-abschreckung-13133531.html

  6. Also, um es mal einfach zu sagen:
    Vor mir braucht keiner Angst zu haben, ich tu keinem was.

    Wer sich anschließen will, kann dies ja tun und dann wickeln wir die Angstmacher mit einer gigantischen Windel aus Unterschriftenlisten und pudern sie mit Vertrauen, damit sie nicht mit jedem Schiß die Welt verstänkern können.

  7. Eine andere Tageszeitung schreibt heute: „Die NATO kommt wieder in Mode“.
    Aha, da könnte man auf die Idee kommen, dass einige der Konflikte der letzten Monate vielleicht bewußt in Szene gesetzt wurden?
    Gerade die NATO brauchen wir, um Konflikte zu lösen. Na toll! Wäre besser, die lösen sich auf, das wäre mal ein Beitrag zum Frieden!

    Gestern, die Menschen atmen auf, endlich Waffenruhe in Ukraine vereinbart.
    Und jetzt lese ich bei N 24 in der Nachrichtenzeile: „Estnischer Sicherheitspolizist nach Russland „verschleppt“.(10:20 Uhr)
    Hätte man quasi drauf wetten können. Mit der Stoppuhr in der Hand.
    Die Scharfmacher werden niemals mehr Ruhe geben.
    Leute, merkt ihr nichts?

    Passend zu allem eine Buchempfehlung: 978-3772526008

  8. @ Siegfried

    Du hast meinen Nicknamen geklaut!! 😉

    Zu Deiner Verschwörungstheorie gibt es eigentlich nur eines zu sagen, ums ie mit einem Schlag zu erledigen. Ich zitiere Bronski. Ihn stört die Tatsache,

    „… dass Putin aus dieser Perspektive nur ein Spielball ist. Er muss wirklich dumm sein, um immer genau die Schritte zu unternehmen, die gerade im Sinne jener sind, die das Spiel steuern. Krim hier, Unterstützung der Separatisten da, dann auch noch MH17 … Das ließe eigentlich nur den einen Schluss zu, dass Putin an der Verschwörung partizipiert, und hier wird es endgültig albern.“

    Genau!

  9. @ Siegfried 2 – entschuldige bitte, dass wußte ich nicht mit deinem Nick.

    Alles andere, ich möchte mich hier nicht streiten, es hat keinen Sinn.
    Ich meinte lediglich, dass 2 Tage, nachdem Obama in Estland war, in der Ukraine Waffenruhe herrscht, nun vielleicht „die nächste Front“ eröffnet wird – von Rasmussen & Co., nicht von Putin. Oder vielleicht auch von beiden?
    Wir durchschauen das nicht wirklich (mehr), weil wir von allen belogen werden. Und beweisen können wir schon gar nichts.
    Ich würde auch nicht (mehr) von VerschwörungsTheorie sprechen, es ist eher bittere, ernste Praxis.
    Schau mal in beiträge der Herren Brzezinski, Huntington usw.
    Wer auf der Welt will seit dem 20.Jahrhundert immer Erster sein?
    Obama ein Friedensfürst? Er muss das machen, was andere vorgeben. Ansonsten: Exitus.
    Putin ist aber nicht viel besser, nein, überhaupt nicht.
    Richte mal den Blick auf die, die zwischen diesen beiden leben – Wir.

    Schönen Samstag

  10. @ Rudi

    Dass die Nato die Gelegenheit ergreift und ihre Interessen in den Vordergrund schiebt, ist Fakt, das stimmt. Sie hat ja nach dem Ende des Kalten Krieges unter mangelnder Legitimation „gelitten“. Da freut sich einer wie Rasmussen natürlich, dass es plötzlich wieder ein klares Feindbild gibt. Es ist nicht nur ein Job, den er da macht, sondern vermutlich handelt er aus Überzeugung. Ich teile seine Begeisterung nicht, sondern sehe die Entwicklung sorgenvoll. Allerdings habe ich auch großes Verständnis für die Sorgen Polens und der baltischen Staaten, die von historischen Traumata herrühren. Plötzlich ist sie wieder da, die Machtpolitik im Stil des 19. Jahrhunderts. Ich hätte das nicht für möglich gehalten.

    @ Siegfried

    Wir werden nicht von allen belogen. Europa ist eine der wenigen Weltregionen, in denen es eine funktionierende freie Presse gibt. Das Problem dabei ist, dass die Menschen nach Deutung und Erklärung verlangen, doch das ist etwas, was Medien nicht liefern können, wenn die Nachrichtenlage undurchsichtig ist. So öffnet sich das Fenster für jene, die Deutungen anbieten, die sich jedoch als nicht haltbar erweisen, wenn man näher hinsieht. Nehmen Sie Rudis Satz:

    „Die versammelte Medien-Elite gibt jedoch ihr Bestes, diesem Geisteszustand entgegenzuwirken.“

    Dem würden Sie wahrscheinlich zustimmen, aber andererseits müsste Ihnen klar sein, dass diese Behauptung mit der Unterstellung arbeitet, dass die „Medien-Elite“ ein gemeinsames Ziel verfolgt, also entweder gesteuert wird oder sich von Chefredakteur zu Chefredakteur abspricht oder wie auch immer das laufen soll. Rudi konstruiert also eine Verschwörungstheorie, die eine Erklärung dafür zu liefern scheint, warum Medien wie die FR nicht so berichten, wie Sie glauben, dass es richtig wäre. Dass diese Verschwörungstheorie Unsinn ist, würde Ihnen bei einem Rundgang durch die FR-Redaktion schnell klarwerden. Warum also glauben Sie, dass die FR nicht richtig berichtet? Vielleicht weil Sie auf der Suche auf Erklärungen gestoßen sind, die Ihnen plausibel erscheinen? Haben Sie aber auch ernsthaft nach der Glaubwürdigkeit dieser Quellen gefragt? Herumspekulieren kann und darf jeder.

  11. @ Siegfried, #7
    „Die Scharfmacher werden niemals mehr Ruhe geben.“ „Leute, merkt ihr nichts?“
    Hinweis: Wer definitiv als „Scharfmacher“ tituliert und damit zum Hauptverursacher allen möglichen Übels erklärt wird, geht aus dem Statement nicht hervor. Mit Sicherheit ist hier die NATO gemeint, aus dem Kontext ist aber sinngemäß auch auf die westlichen Medien zu schließen.

    Werter Siegfried,
    es ist ja beruhigend, unter den Mitbloggern auch Blitzmerker zu wissen, die selbst auf eine bloße Nachricht hin ohne jeglichen Kontext (wie dem des „verschleppten“ estnischen Sicherheitspolizisten) blitzschnell die Verantwortlichen benennen können, die also anderen (wie mir), die etwas schwerer von Begriff sind, so einiges erklären können.

    Ich beziehe mich auf zwei Berichte in FAZ vom 29.8. bzw. 5.9.2014:
    1. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/einsatz-in-ukraine-hinterfragt-moskau-russische-soldatenmuetter-sind-auslaendische-agenten-13125821.html
    „Die russischen Soldatenmütter, die vor allem gegen Missstände in der Armee kämpfen, sind von Moskau als „ausländische Agenten“ eingestuft worden. Sie hatten Informationen über den Einsatz russischer Soldaten in der Ukraine eingefordert. (…)Die Vorsitzende der Soldatenmütter, Ella Poljakowa, hatte diese Woche in ihrer Funktion als Mitglied des russischen Menschenrechtsrates von den russischen Behörden verlangt, sich zu den Meldungen über die Präsenz russischer Soldaten in der Ostukraine zu äußern. Poljakowa hatte im Oppositions-Fernsehsender Doschd gesagt, in St. Petersburg seien etwa hundert verletzte russische Soldaten eingetroffen. Es sei nicht klar, woher sie kämen. Am Donnerstag versuchten dutzende Mütter von Soldaten in Kostroma nördlich von Moskau zu demonstrieren. Sie verlangten von den Behörden, sie über den Verbleib ihrer Söhne aufzuklären.“
    2. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/russisches-fernsehen-berichte-ueber-tote-helden-13137699.html
    „Bislang hat der Kreml immer geleugnet, dass russische Soldaten in der Ostukraine kämpfen. In Meldungen des russischen Fernsehens sieht das nun anders aus. (…) Hier waren es keine jungen Männer, die unter wirtschaftlichem Druck und/oder von Kameraden und Vorgesetzten zum Dienst an der Waffe gepresst werden. Sondern es sind Helden, die ihren Urlaub und letztlich auch ihr Leben für ihre Überzeugung opferten.(…) Im Sender NTW, der Gasprom gehört, war schon einige Stunden zuvor über die Beisetzung Trawkins berichtet worden. Dieser habe immer davon geträumt, Soldat zu werden und habe allen erzählt, er fahre in Urlaub, hieß es hier.“
    Bei „Phoenix“ wird dazu von einem Vorfall berichtet, dass von einem Grab eines in der Ukraine getöteten russischen Soldaten die Inschrift mit Namen entfernt wurde. Ebenso wird den Müttern der getöteten Soldaten, abweichend von der Rechtslage, jegliche finanzielle Unterstützung verweigert.

    Ich bitte Sie, Siegfried, mir diese Vorgänge nach der Logik ihrer „Scharfmacher“-These zu erklären und die Verantwortlichkeit hierfür auf Seiten von NATO und westlichen Medien aufzuzeigen.
    Ich bin ganz Ohr!
    Mit freundlichen Grüßen
    Werner Engelmann

  12. Lieber Bronski, Sie schreiben über mich:

    …dass die “Medien-Elite” ein gemeinsames Ziel verfolgt, also entweder gesteuert wird oder sich von Chefredakteur zu Chefredakteur abspricht oder wie auch immer das laufen soll. Rudi konstruiert also eine Verschwörungstheorie, die eine Erklärung dafür zu liefern scheint, warum Medien wie die FR nicht so berichten, wie Sie glauben, dass es richtig wäre. Dass diese Verschwörungstheorie Unsinn ist, würde Ihnen bei einem Rundgang durch die FR-Redaktion schnell klarwerden.

    Ganz so primitiv, wie Sie mir unterstellen, läuft das nicht, etwa, dass Chefredakteure sich untereinander absprächen. Ich erinnere an die ZDF-Sendung „Die Anstalt“, in der schön aufgezeigt wurde, in welchen Nato-Versteher-Gremien die Journalistenelite sich austauscht. Mit Militärs, Wirtschaftsbossen und Politikern sitzen sie beim diskreten Plausch zusammen. Die Teilnehmer sind handverlesen: FAZ, Die Zeit, Süddeutsche, ZDF, Die Welt sind vertreten. Diese treffen sich nicht nur einmal. Nein, sie tauschen sich ständig aus. Dass sich daraus eine geistige Achse entwickeln kann, wie wir sie seit Monaten in der Berichterstattung und Kommentierung verfolgen müssen, dürfte nicht gleich als Verschwörungstheorie und Unsinn vom Tisch zu wischen sein. Lieber Bronski, die Journalistenwelt ist nicht so heil wie Sie sie darstellen. Aber das wissen Sie besser als ich.

    „Die Anstalt“ ab Minute 36: https://www.youtube.com/watch?v=eY6-KsduC2U

    P.S.: Die zwei erwähnten Zeit-Journalisten haben eine einstweilige Verfügung angestrebt. Alle anderen haben der Darstellung, soweit mir bekannt, nicht widersprochen.

  13. Lieber Rudi,

    ich hab auch meine Probleme mit Josef Joffe und habe mich auch gerade in meiner Huntington-Rezension mit ihm ein wenig beschäftigt. Stefan Kornelius hat neulich bei Beckmann keine allzu gute Figur gemacht. Leider Gabriele Krone-Schmaltz mit ihrer besserwisserischen Attitüde auch nicht. Ich werde am Montag mal im Archiv nachsehen, was die FR über das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine gebracht hat. Ich hoffe, ich vergesse es nicht. Besonders aufregend fand ich den Ausschnitt aus der „Anstalt“ trotzdem nicht. Steht fast alles in Wikipedia, ist also nicht neu. Und dass Journalisten vernetzt sind und auch sein müssen, ist wirklich alles andere als neu. Die Frage ist immer, wie sich das auf ihre Arbeit niederschlägt und ob sie sich instrumentalisieren lassen – das ist doch der Vorwurf, nicht wahr?
    Was mich an Posts wie dem Ihren stört, sind Verallgemeinerungen wie „die Medien“. Gut, in diesem Fall will ich Ihnen zugutehalten, dass Sie von „Medien-Elite“ gesprochen haben und damit vielleicht die FR nicht mitgemeint haben. In der FR werden Sie jedenfalls keinen Jubelkommentar zur Militarisierung der Außenpolitik oder zur Nato-Renaissance lesen. Mit Putin setzen wir uns natürlich trotzdem kritisch auseinander.

  14. Lieber Bronski,

    blicken wir in den EU-Vertrag in der Fassung von 2007, der in Lissabon geschlossen worden ist. Und im Hinterkopf haben wir das Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine. Vielleicht ist es möglich, mal aus russischer Sicht, oder wie Sie es formulieren, aus Putin-Versteher-Sicht, auf das Gebaren der EU zu blicken.
    Im Artikel 42 des Lissabonner Vertrags steht:

    Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern. Die Agentur für die Bereiche Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten, Forschung, Beschaffung und Rüstung (im Folgenden „Europäische Verteidigungsagentur“) ermittelt den operativen Bedarf und fördert Maßnahmen zur Bedarfsdeckung, trägt zur Ermittlung von Maßnahmen zur Stärkung der industriellen und technologischen Basis des Verteidigungssektors bei und führt diese Maßnahmen gegebenenfalls durch, beteiligt sich an der Festlegung einer europäischen Politik im Bereich der Fähigkeiten und der Rüstung und unterstützt den Rat bei der Beurteilung der Verbesserung der militärischen Fähigkeiten.

    Entkleiden wir den Text seiner Camouflage, können wir durchaus von einer gezielten Aufrüstungspolitik der EU sprechen, die auch mit wirtschaftlichen Zielen verbunden ist. Als Bundespräsident Köhler diese Doktrin in einem Interview vertrat und offen die Ziele der Militarisierung ansprach, wurde er zum Rücktritt gezwungen. Er sagte:

    „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“

    Die Nato hat sich entgegen ihrer Zusagen in Richtung Russland erweitert. Die EU hat das Ziel, sich militärisch aufzurüsten und bekennt sich dazu, mit der Nato zu kooperieren. Die Union „achtet die Verpflichtungen einiger Mitgliedstaaten, die ihre gemeinsame Verteidigung in der Nordatlantikvertrags-Organisation (NATO) verwirklicht sehen…“ (Lissabon-Vertrag). Und nun sollte die Ukraine der EU assoziiert werden. Dass Russland, das bekanntlich von den Deutschen überfallen worden ist und mit mindestens 25 Millionen Menschenleben bezahlen musste, sich in Bedrängnis geraten sieht, können zumindest die Putin-Versteher, die nach FR-Auffassung Putin nicht verstehen, nachvollziehen. Doch diese Sichtweise, diese Verstehensbemühung um die russische Sichtweise sehe ich in den deutschen Leitmedien so gut wie nicht. Stattdessen wird Putin stellvertretend für die russische Politik dämonisert und zum Verbrecher stilisiert, während der Westen sich seiner ach so feinen Werte versichert. Doch die Scharfmacher sitzen im Westen. Sie sind deshalb dort zu verorten, weil sie einem Wirtschaftssystem frönen, das nur läuft, wenn es expandiert. (Die FR hat sich gerade mit diesem Thema ausführlicher beschäftigt.)

  15. Lieber Rudi,

    Sie wollen mir eine Debatte nach dem Motto „Wer war zuerst da – die Henne oder das Ei?“ aufzwingen, aber ich folge ihnen nicht. Sie hantieren mit zu vielen Variablen und mit Spekulationen. Das beginnt schon mit dem Passus aus dem Lissabon-Vertrag, den Sie zitieren. Er beschreibt einen Weg, auf den die EU sich verständigt hat, um zu einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik zu finden. Das erfordert die Koordinierung auch der militärischen Anstrengungen. Es geht um die Gründung einer Verteidigungsagentur. Sie, Rudi, deuten dieses Wort in einem offensiven Sinn. Ich kann dafür keine Belege erkennen, und was Sie als Aufrüstung deuten, verstehe ich als Modernisierung. Wenn Sie sagen würden, dass es wichtigere Bereiche als das Militär gibt, um Steuergelder zu investieren, würde ich Ihnen normalerweise recht geben. Vor allem würde ich mir eine Friedenspolitik wünschen, die durch die Förderung von Wohlstand und „good governance“ überall auf der Welt für gute Bedingungen sorgt. Ich habe dazu vor einer Weile einen langen Text veröffentlicht, der auch die US-Politik einbezieht. Stattdessen fährt die EU eine Freihandelspolitik gegenüber Entwicklungsländern, die kaum weniger aggressiv als die der USA ist, und zerstört ökonomische Strukturen in armen Ländern. In diesem Politikfeld ist die EU aggressiv, aber nicht in der Militärpolitik. Bisher jedenfalls. Dem Druck seitens der USA, die Militärausgaben zu erhöhen, haben meines Wissens alle EU-Länder widerstanden. Es ist offensichtlich, dass Reden wie die von Gauck vor der Sicherheitskonferenz dazu angetan sind, ein anderes Klima für das Militär zu schaffen, aber deswegen gleich von Aufrüstung zu reden, halte ich für völlig verfehlt. Vermutlich müsste erst einmal eine Menge Geld ausgegeben werden, um überhaupt wieder die Stärke zu erreichen, die die Bundeswehr am Ende des Kalten Krieges hatte. Zurzeit verfügt die deutsche Luftwaffe über 109 Eurofighter, von denen angeblich nur acht einsatzbereit wären. Fazit: Deutschland wäre zurzeit überhaupt nicht verteidigungsbereit.

    Sie schreiben:

    „Die EU hat das Ziel, sich militärisch aufzurüsten und bekennt sich dazu, mit der Nato zu kooperieren.“

    Den ersten Teil dieser Behauptung habe ich widerlegt. Der zweite Teil ist schwieriger, weil nicht alle EU-Mitglieder auch Nato-Mitglieder sind. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Bemühungen der EU, sich eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu geben, so mühevoll sind. Ich verstehe die EU-Politik in dieser Sache so, dass es um die Formulierung eigener Ziele geht. Sollte es tatsächlich einmal so weit kommen, dass die EU eine solche gemeinsame Sicherheitsdoktrin hat, dann wird das zweifellos auch die Nato verändern.

    Und nun noch ein Wort zur Ukraine. Sie ist ein souveräner Staat, der, weil nur wenig in übernationale Strukturen eingebunden, zum Spielball der Mächte wurde. Ich glaube, das wird niemand bestreiten. Von daher ist der ukrainische Wunsch, eingebunden und Teil von etwas zu werden, wohl nur zu verständlich. Für die russische Außenpolitik gilt sie als „nahes Ausland“, das Russland als seine Interessensphäre definiert. Das ist eine ebensolche Hegemonialpolitik, wie sie die USA anderswo betreiben. Aus diesem Grund ist es auch nicht zur Nato-Mitgliedschaft Georgiens gekommen. Auch die EU versucht eine Politik, die man als Hegemonialpolitik bezeichnen könnte, wenn es denn in der EU eine entsprechende Doktrin gäbe, also eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Weil es die nicht gibt, versucht es die EU via Handelspolitik, denn in diesem Punkt ist man sich einig: Handel schafft Verbindung und Einbindung. Das Ergebnis sind solche Assoziierungsverträge wie der, den der frühre ukrainische Präsident Janukowitsch erst ausgehandelt und dann nicht unterzeichnet hat und der die Maidan-Revolution ausgelöst hat. Russland hatte zeitgleich eine ähnliche Politik gefahren und wollte die Ukraine in seine eurasische Zollunion einbinden. Im Grunde hat also Janukowitschs Hin und Her die Ukraine in die Katastrophe gestürzt. Grundsätzlich aber ist es das Recht der souveränen Ukraine, jederzeit Abkommen mit anderen Staaten zu unterzeichnen, wie es ihr beliebt, und sie zu ratifizieren – oder eben nicht. Das gibt keinem Staat der Welt das Recht, sich militärisch auf ihrem Gebiet zu engagieren und Teile ihres Staatsgebiets zu annektieren.

    Wie soll jemand, der so etwas tut, noch ein Partner für ernsthafte politische Gespräche sein? Ich rede jetzt von Putin, und ich kann nicht erkennen, dass er dämonisiert und zum Verbrecher stilisiert wird. Ich habe in meinem Eingangsartikel gezeigt, dass er klaren und nachvollziehbaren Motiven folgt. Das ist das Gegenteil von Dämonisierung. Und Verbrecher … Na ja, das haben Sie gesagt. Er hat das Völkerrecht gebrochen, kein Zweifel. Aber das haben andere auch. Solange es kein ordentliches weltjuristisches System gibt, dem auch die USA unterworfen sind, wird das auch weiterhin passieren. Dazu habe ich mich schon klar positioniert.

    Im Westen sitzen Scharfmacher, das stimmt. Im Osten jedoch auch.

  16. Zu „Putins Schlachtplan“:

    Nach Information der FASZ vom 7.9.2014 (eine entsprechende Meldung in der FR liegt nicht vor) sei die Invasion der Ukraine seit Anfang 2013 geplant worden. (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/putin-hat-invasion-der-ukraine-seit-2013-geplant-13139313.html)
    Die Zeitung bezieht sich vor allem auf eine Rede des russischen Generalstabschefs Walerij Gerassimow Ende Januar 2013 vor der Jahresversammlung der Russischen Akademie für Militärwissenschaft. Diese Rede war auf der Website der Akademie für Militärwissenschaft veröffentlicht worden, bei westlichen Sicherheitsfachleute macht sie erst seit Juni Furore,
    seit eine englische Übersetzung vorliegt.
    Dazu heißt es:
    „Im 21. Jahrhundert, so sagte Gerassimow damals, lösten sich die Grenzen zwischen Krieg und Frieden auf. Kriege würden nicht mehr erklärt, und sie verliefen nach einem ‚ungewohnten Muster‘. Es zeige sich, dass ein ‚blühender Staat in wenigen Monaten oder sogar Tagen in eine Arena für erbitterte bewaffnete Auseinandersetzungen verwandelt werden kann, dass er Opfer einer ausländischen Intervention werden kann und in Chaos, einer humanitären Notlage und Bürgerkrieg versinkt‘. (…) Politische Ziele seien nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern durch den ‚breit gestreuten Einsatz von Desinformationen, von politischen, ökonomischen, humanitären und anderen nichtmilitärischen Maßnahmen, die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen‘. Kurz gesagt, plädiert Gerassimow dafür, dass die imperiale Macht Russland sich Methoden von Guerrillakämpfern aneignet. (…) ‚Der offene Einsatz von Truppen – oftmals unter dem Deckmantel von Friedenserhaltung und Krisenbewältigung – kommt erst zu einem späten Zeitpunkt in Betracht, vor allem, um in einem Konflikt endgültig zu gewinnen.“
    Zu den Großmanövern „Zapad“ (Westen) von 2013 in der Exklave Kaliningrad(früher Königsberg)und Weißrussland heißt es:
    „Beide Staaten meldeten 12.900 Soldaten für die Übung an, sie blieb damit knapp unterhalb der Schwelle, von der an westliche Beobachter hätten zugelassen werden müssen. Die Nato beschwerte sich früh darüber, dass das Ausmaß der Übung viel größer gewesen sei – in Wirklichkeit wohl eher 70.000 Soldaten.“
    In einer Anlayse von Stephen Blank, heißt es, „dass die ‚illegalen bewaffneten Gruppen‘ gemäß dem Manöverplan aus Litauen stammten. Ihre Aufgabe habe darin bestanden, ‚in Weißrussland Operationen gegen den Staat durchzuführen und dabei ihren unterdrückten ethnischen Landsleuten zu Hilfe zu eilen‘. In Wahrheit gibt es keine litauische Minderheit in Weißrussland. ‚Jene russischen Einheiten, die gemäß dem Manöverdrehbuch die Angreifer spielten, haben einen Einsatz geübt, wie wir ihn später auf der Krim und heute im Osten der Ukraine erleben‘, sagt Blank heute. Und das ist keine Theorie. Denn es handelte sich sogar um dieselben Bataillone. (…) Das Manöver ist noch aus einem zweiten Grund von Bedeutung: Der Gegenschlag der Verteidiger war nach heutiger Einschätzung der Nato auf die Eroberung des gesamten Baltikums angelegt.“
    Und zur „Chronologie der Krim-Invasion“:
    „Nach amerikanischen Berichten wurde das Weiße Haus erstmals im Dezember 2013 vor einer Invasion der ukrainischen Halbinsel gewarnt. Die Nachrichtendienste hatten beobachtet, wie Spezialkräfte über Monate hinweg in kleinen Gruppen dorthin verlegt worden waren. (…) Im selben Monat äußerte sich Putin erstmals besorgt über das Schicksal seiner ‚Landsleute‘ auf der Krim. Ein Abgeordneter des Regionalparlaments rief die russischen Streitkräfte zu Hilfe. Im Februar sollte Janukowitsch nach ukrainischen Berichten ein Dokument unterzeichnen, mit dem er Russland formal um militärische Hilfe bat – was der ukrainische Präsident jedoch ablehnte.“ –
    Fragt sich freilich, wie „Putinversteher“ all das verstehen. In einem Kommentar vom 7.9. in FR.online heißt es:
    „Meine Hoffnung richtet sich an Putin und sein Volk. Er muss die Kraft haben, den Provokationen und Intrigen zu widerstehen.“

  17. Werter Herr Engelmann,

    klar, man braucht, um etwas zu belegen, immer die richtigen Gewährsleute. Sie beziehen sich auf Stephen Blank, ohne ihn der Leserschaft näher vorzustellen. Sie schreiben: „In einer Analyse von Stephen Blank, heißt es, „dass die ‚illegalen bewaffneten Gruppen‘ gemäß dem Manöverplan aus Litauen stammten.

    Blank ist Professor für Krieg, denn er lehrt am United States Army War College. Er selbst ist ein profunder Guerilla-Taktiker, der schon vor mehr als fünf Jahren forderte, das Anliegen der USA müsse es sein zu verhindern, dass in Zentralasien „russische Energiemonopole entstehen“. Das Leitmotiv der US-Energiepolitik müsse „die Entwicklung diverser Pipelines und Verbindungslinien zu auswärtigen Nutzern und Energieproduzenten“ sein, mit denen die Kontrolle dieser regionalen Rivalen umgangen werde. Gemeint waren jene Regionen in Zentralasien, in denen die USA sich niedergelassen hatten.

    Das US-Problem: Sie mussten ihre militärischen Basen aufgeben. Zeit-Online dazu 2009:

    Kirgistans Präsident Kurmanbek Bakijew hatte bereits im Februar gedroht, die US-Basis zu schließen. Gleichzeitig hatte Russland eine Finanzhilfe von rund zwei Milliarden Dollar zugesagt. Die Regierung in Moskau fordert die früheren Sowjet-Staaten immer wieder auf, sich militärisch nicht an den Westen zu binden. Nach dem Abzug der westlichen Truppen, sollen russische Soldaten in der Region Präsenz zeigen.
    (http://www.zeit.de/online/2009/09/us-basen-zentralasien)

    Deshalb verwundert es schon, dass das Gerassimow-Papier angeblich Wellen schlagen soll. Es wird von den westlichen Medien, insbesondere den konservativen Konfrontationsdenkern, hochgeschaukelt. Dabei hat Gerassimow nur beschrieben, was ist. Man könnte auch einen Blick nach Nicaragua werfen, wo die US-Amerikaner mit den Contras kooperierten, oder nach Chile, als es um den Sturz einer nicht genehmen Regierung ging, oder nach oder nach Afghanistan, wo der CIA mit dem Drogenhändler Ahmed Wali Karsai zusammenarbeitete. Genau so wird Krieg geführt – undercover. Die Nachrichten aus Hamburg oder Mainz sind nichts anderes als eine Simplifizierung, die darauf hinausläuft, in Gut-und-Böse-Schemata zu indoktrinieren.

  18. @ Rudi, #18

    Erst mal danke, dass Sie überhaupt auf meine Information reagiert haben. Immerhin. Nach vielfachen Erfahrungen (siehe auch Siegfried,#7) ist das keineswegs die Regel.
    Freilich ist damit noch kein Dialog in Gang gesetzt. Es gibt ja auch das, was der Franzose „dialogue de sourds“ (Taubstummendialog) nennt. Und das ist bei der Ukraine-Debatte wohl die Regel. So sind die folgenden Hinweise auch nicht als persönliches Problem zu betrachten.

    Zu Ihren Einlassungen:
    1. Ich nenne weder „Gewährsleute“ noch brauche ich welche. Ich fasse unter #17 Zeitungsmeldung nach Stichworten eine zusammen, konkret: 3 belegte Meldungen und eine Analyse dazu. Jeder kann die Richtigkeit und weitere Informationen anhand des Links selbst überprüfen. – Aber offenbar wusste man nicht nur im antiken Griechenland nicht, zwischen einer Nachricht und deren Überbringer zu unterscheiden.
    2. Mag sein, dass ein gewisser Stephan Blank durchaus interessengeleitete Analysen abgibt (was bei anderen ja auch vorkommen soll). Deswegen ist er noch kein „Professor für Krieg“. Ihn zu überführen, setzt die Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Meldung voraus. Stigmatisierung ist keine Form der Auseinandersetzung.
    3: „Die Nachrichten aus Hamburg oder Mainz sind nichts anderes als eine Simplifizierung, die darauf hinausläuft, in Gut-und-Böse-Schemata zu indoktrinieren.“
    Nun sind massive Pauschalurteile dieser Art schon allein ein Hinweis darauf, dass man Ausflüchte sucht, um zur Sache nichts zu sagen zu müssen. Sonst hätte man das ja nicht nötig. Wenn dann keinerlei Beleg dazu folgt sowieso.
    4. Nun will ich nicht ungerecht sein: 2 Sätze zur Sache bringen Sie in der Tat (auch dies im Unterschied zu vielen anderen): „Dabei hat Gerassimow nur beschrieben, was ist.“ Und: „Genau so wird Krieg geführt – undercover.“
    Aber eben diese Äußerungen entlarven die Ungereimtheiten der „Putinversteher“-Position (was ja an sich nichts Ehrenrühriges wäre). Denn natürlich stellt dies eine Rechtfertigung für den unerklärten Krieg Putins dar. Und die offenbart eben dieses Gut-Böse-Schema, das pauschal der deutschen Presse unterstellt wird – nur eben umgekehrt: die „bösen“ Amis und der „tapfere“ Putin, der sich „nur“ dagegen „wehrt“. – Komisch, dass alle Nachbarstaaten, die alle konkrete Erfahrungen mit „russischer Hilfe“ aufzuweisen haben, das ganz anders sehen. Sind die auch alle die „Bösen“ – oder sind sie nur zu blöde, um zu begreifen: „Genau so wird Krieg geführt – undercover.“? Oder sind sie zu blöde, um zu begreifen, was US-Imperialismus ist?

    Was also soll der Quatsch? Wozu diese Ausflüchte in die heißeste Phase des kalten Kriegs vor über 40 Jahren, nach Nicaragua und Chile?
    Ich habe dazu nur eine Erklärung:
    In fast allen Erklärungsversuchen von „Putinverstehern“ wird der „faschistische“ Majdan als Ausgangspunkt des Konflikts verstanden. Manchmal wird dies gekoppelt mit der Einkreisungstheorie. Was wiederum belegt, dass man im Denken in Kalten-Kriegs-Kategorien stecken geblieben ist, die Welt in imperialistisch bestimmte Einflusssphären einteilt und mit demokratischen Grundprinzipien wie demokratische Selbstbestimmung und nationale Souveränität eigentlich nichts anfangen kann.
    Nun von diesem Putin selbst vorgeführt zu bekommen, dass alles von Anfang an inszeniert war, dass nicht nur „der Westen“, sondern auch die eigene Bevölkerung genarrt wurde, am meisten aber die „Putinversteher“: Das ist natürlich schmerzhaft. Verständlich, dass man dann lieber verdrängt, die Auseinandersetzung mit ihm scheut. Doch ist damit auch eine Chance vertan, über das eigene Schwarz-Weiß-Denken hinauszukommen.

    Nun aber à propos Chile:
    Schließlich ist heute nicht nur der Jahrestag von 9/11, sondern auch der 41. Jahrestags des Sturms auf die Moneda, der den Putsch der Junta einleitete – ein Tag, der (mindestens ebenso wie der Vietnamkrieg) Erschütterung ausgelöst und Biographien geprägt hat (darunter meine eigene). Der Belege für die Machenschaften der CIA geliefert und damit natürlich auch die Sicht auf die USA verändert hat.
    Lächerlich, wenn man dies nun, nach über 40 Jahren, als „neue Erkenntnis“ meint auftischen zu müssen. Das aber ist nicht das Schlimmste. Weit schlimmer, wenn das nun zur Rechtfertigung eben solcher völkerrechtswidriger Praktiken benutzt wird.
    Man kann ja den 68ern vieles vorwerfen, so etwa Theorielastigkeit, Überspitzungen und Moralisierung. Eines aber sicher nicht: Sie hat sich, bei aller Schärfe der Kritik am US-amerikanischen „Imperialismus“ (von wenigen abgesehen) nicht von der anderen Supermacht instrumentalisieren lassen – nicht einmal bei ihren „Che“- und „Ho-Ho-Ho“-Rufen. Ihre Sympathien galten ausschließlich den Völkern und Führern, die sich gegen imperialistische Übergriffe zur Wehr setzten, niemals einem Führer, der völkerrechtswidrig in souveräne Staaten einfällt und Teile annektiert. –
    Einer der Gründe, warum ich in dem „Putinversteher“-Gerede einen deutlichen (und auch gefährlichen) Rückfall hinter Erkenntnisse der 68er sehe.

  19. zu 18 Rudi
    Wer hat hier eigentlich wen mit feindlichen Aktionen konfrontiert? Doch nicht die Ukraine den übermächtigen Nachbarn Russland auf dessen eigenem Territorium.
    Wer hat ein Interesse, die Ukraine zu schwächen, zu destabilisieren? Doch nicht die Ukraine.
    Putin steht irgendwann (das dürfte nur eine Frage der Zeit sein) mit dem Rücken zur der Wand. Eine Politik als Großmacht (das hat Putin wörtlich erwähnt samt Atomwaffen) mit der wirtschaftlichen Größe Italiens im Rückwen wirkt schon ein wenig realitätsfern, um nicht zu sagen grotesk überzogen. Und darin besteht ein Gefahrenpotential.
    Jetzt müssen erst einmal all die Toten der „Befreiungsaktion in der Ukraine“, die nach Russland zurückgebracht werden, den Angehörigen gemeldet und eingestanden werden. Man versuchte das zu verheimlichen, aber das gelingt(zum Glück) auch nicht problemlos.
    Das dürfte daher nicht gerade einfach werden.
    Wie erklärt es sich, dass die „Separatisten in der Ostukraine“ der ukrainischen Armee in Sachen Ausrüstung so überlegen waren? Ein Schelm wer dabei Böses denkt. Diese hocheffizienten Ausrüstungen sind nicht (wie weiland angeblich) Manna vom Himmel gefallen. Da hat Väterchen Putin kräftig mitgeholfen.

    In der Zeit des „Kalten Krieges“ hatten sich beide Parteien an gewisse Regeln und Verträge gehalten. Das ist nun nicht mehr der Fall, weil Putin alle Regeln und Verträge (Die Ukraine vertraglich von Russland als Staat mit Außengrenzen anerkannt worden) offenbar als null und nichtig erachtet.
    Putin und seine Gefolgschaft brauchen den, um nach Innen Stärke zu demonstrieren. Putin und seine Gefolgschaft haben (außer der Macht) auch viel Materielles zu verlieren.
    Das macht sie so unberechenbar berechenbar. Nur im Westen will man dies nicht sehen. Weil es verdammt unbequem ist, die Augen davor zu verschließen.

    zu 19 Werner Engelmann
    Sie haben einen sehr ausgewogenen Kommentar abgegeben. Dafür sei Ihnen gedankt.

    Ein kurzes Resümee:
    Der Westen ist (wie üblich und von Putin einkalkuliert) uneins. Daher kann Putin seine Politik des Auslotens, wie weit er gehen kann, unvermindert praktizieren. Dank unter anderem wegen der „Putin-Versteher“.

    Eine Frage noch zum Schluss:
    Wer hat die Passagiermaschine in 10 km Höhe perforiert zum Absturz gebracht und 298 Menschenleben ausgelöscht?
    Eine der schönsten Versionen der russischen Seite lautete, die ukrainische Armee vermutete in dem Flugzeug Putin an Bord und hatte deshalb diese Maschine abgeschossen.
    Erinnert nicht das an alte Zeiten, wo Russland mit Unwahrheiten großzügig um sich warf? Darf man sich da nicht an den „Kalten Krieg“ erinnert fühlen?

  20. @ Werner Engelmann

    Ich las gerade Deinen Kommentar und fühlte mich gereizt, einen Gedanken aufzugreifen, der vielleicht ein bisschen untergegangen ist. Meines Erachtens ist die gesamte Verschwörungstheorie ja bereits durch Putins Verhalten enttarnt, denn Putin tat immer genau das, was in der Logik dieser Theorie zur nächsten Zuspitzung im (unterstellten) Sinne der Nato führte, d.h. er müsste tatkräftig daran mitgewirkt haben, die neu-alte antirussische Zielrichtung der Nato zu fördern. Dieser Gedankengang ist so absurd, dass es nur so kracht, denn Putin weiß genau um die technologische Überlegenheit der Amerikaner und kann eine solche Entwicklung nicht wollen. Sie ist nicht im Sinne Russlands. Auf einer Meta-Ebene dieses Diskurses, da hast Du völlig recht, scheinen die Verschwörungstheoretiker wirklich noch im Denken des Kalten Krieges verhaftet zu sein. Der Hintergrund dieser Verschwörungstheorie scheint ja zu sein, die Nato und ihre Stoßrichtung zu diskreditieren und damit das Faule im Inneren des westlichen Bündnisses bloßzulegen. Auch hier gilt: Cui bono. Wem nützt diese Verschwörungstheorie? Ich blicke da ehrlich gesagt nicht durch.
    Mir wäre sehr daran gelegen, einmal eine Grundsatzdebatte über „westliche Werte“ zu führen. In diesem Gewand würde auch die „deutsche Leitkultur“ thematisiert. Es steht für mich außer Zweifel, dass der Westen sich spätestens mit dem Angriff auf den Irak (2003) moralisch und ethisch diskreditiert hat. Von diesem Urteil nehme ich Deutschland nicht aus, denn auch wenn Schröder „Nein“ zur deutschen Beteiligung am Irakkrieg gesagt hat, hat Deutschland logistische Unterstützung geleistet. Das war wohl so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner, nachdem zuvor der Nato-Bündnisfall ausgerufen worden war (womit die Bush-Regierung als Hegemonialmacht auch die Nato beschädigt hat). Und nun ersteht der Nato Russland als quasi „natürlicher“ Feind von Neuem, und das Meinungsforschungsinstitut Allensbach misst bei den Deutschen eine relativ hohe „Grundzufriedenheit“

  21. Lieber Herr Engelmann,

    Sie bedanken sich, dass ich überhaupt reagiert hätte. Nun, das muss nicht zwingend an mir liegen, schließlich obliegt mir nicht die Möglichkeit, direkt zu reagieren, da ich auf die Gnade Bronskis angewiesen bin, der meine Beiträge zwischenlagern lässt. Darin liegt ein Grund meiner verhaltenen Teilnahme.

    Vielleicht können wir uns ein wenig über die FR entgegenkommen, die heute einen Text von Andreas Buro und Karl Grobe „Konkrete Schritte zum Frieden“ veröffentlichte. Für die darin enthaltenen Vorschläge habe ich Sympathie, auch deshalb, weil der Westblick auf den Konflikt nicht als einziger zugelassen und die Sichtweise der russischen Seite einbezogen wird:

    Am Ende des West-Ost-Konflikts hatte der Westen zugesichert, dass die Nato sich nicht auf die Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes ausdehnen werde. Das Gegenteil geschah. Georgien, Moldavien und die Ukraine sind die nächsten Kandidaten. EU-Assoziierungsabkommen dienen als Vehikel. Zweifelllos empfindet der Kreml die Nato-Einkreisung als Bedrohung.

    Wenn diese von Buro und Grobe genannten Fakten in die Argumentationen einbezogen würden, würde das Putin-Bashing als solches leicht zu entlarven sein. Doch die in die Nato-Strategie involvierten West-Journalisten, die bei FAZ, Süddeutsche Zeitung und anderen zu finden sind, legen darauf keinen Wert. Sie sind us-embedded. (Stephan Kornelius, SZ, ist involviert bei: American Institute for Contemporary German Studies, Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Deutsche Atlantische Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik „Internationale Politik“, Körber-Stiftung, Münchner Sicherheitskonferenz.) Diese berufliche Sozialisation spricht Bände.

    Inzwischen warnen sogar ehemalige CIA-Mitarbeiter vor den Westmanipulationen in der Öffentlichkeitsarbeit in einem offenen Brief an unsere Bundeskanzlerin. Einer der Mitunterzeichner McGovern sagte in einem Interview:

    Wir, die acht Offiziere, die diesen Brief an Angela Merkel unterschrieben haben, verfügen zusammengenommen über 225 Jahre Erfahrung im Nachrichtendienst, meist auf sehr hoher Ebene. Wir konnten Missbrauch und Manipulationen von Informationen sehen. Vor zwölf Jahren haben wir beobachtet, wie unser Beruf korrumpiert wurde, nur um einen Aggressionskrieg zu rechtfertigen. …„. (Quelle: http://weltnetz.tv/video/585)

    Ich trete der Allianz der Mainstream-Medien dieser Republik und der regierenden Parteien samt der Scharfmacheroppositionspartei „Die Grünen“ nicht bei. Allein diese große Übermacht, die die veröffentlichte Meinung dominiert, müsste einen Beobachter des Kriegstreibens doch kritisch werden lassen. Spätestens wenn etwa FAZ, Die Welt, Bild, Die Tagesschau die selbe Sichtweise hätten wie ich, müsste ich merken, falsch zu liegen.

  22. Was auch immer Putin und seine Oligarchenfreunde beabsichtigen, eines ist doch auf jeden Fall klar: Es geht ihnen nicht um das Interesse ihres Volkes, sondern darum, die eigenen Pfründe zu sichern und auszuweiten und die russische Bevölkerung zum eigenen Vorteil auszubeuten. Wäre es anders, hätte Putin, der nun lange genug an der Macht ist, sich endlich darum bemüht, die bittere Armut in seinem Land, das so reich ist an Bodenschätzen,zu beseitigen und die Straflager, von denen die beiden Mitglieder von Pussy Riots ein Lied singen können, abzuschaffen. Leider scheint dies vielen Russen nicht klar zu sein, stattdessen lassen sie sich verdummen von nationalistischem Tamtam, das nur von Putins Versäumnissen ablenken soll. Er warnt vor dem Faschismus von außen, dabei holt er selbst nach bewährtem Vorbild die Krim „heim ins Reich“. Macht sich dieser Mann nicht unglaubwürdig bei der eigenen Bevölkerung, z. B. auch, wenn er sich plötzlich auf die Seite der Kirche stellt, nachdem er diese als überzeugter Kommunist bis vor 20 Jahren als „Opium des Volkes“ bekämpft hat? Den Eltern der in der Krim gefallenen und gefangen genommenen Soldaten scheint ja allmählich zu dämmern, mit was für einem Lügensystem sie es zu tun haben. Man kann nur im Interesse des russischen Volkes hoffen, dass diese Erkenntnis allmählich Kreise zieht.

  23. Oh Mann. Das hat aber gedauert. Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt! Liebe Brigitte Ernst, allerherzlichsten Dank für diese klaren, einleuchtenden Zeilen.

    Aber auch an Rudis Adresse ein paar Worte. Es wird mir auf ewig unerklärlich bleiben, wie jemand, der so tut, als ob er ein kritischer Kopf wäre, auf Putins Seite stehen kann. Aber gleichzeitig Gerhard Schröder kritisieren, der ihn mal „als lupenreinen Demokraten“ bezeichnet hat, nicht wahr? Wer nach Beispielen für heutige Doppelmoral sucht, der ist bei Ihnen wirklich gut aufgehoben.

  24. Brigitte, Sie schreiben:

    Was auch immer Putin und seine Oligarchenfreunde beabsichtigen, eines ist doch auf jeden Fall klar: Es geht ihnen nicht um das Interesse ihres Volkes, sondern darum, die eigenen Pfründe zu sichern und auszuweiten und die russische Bevölkerung zum eigenen Vorteil auszubeuten.“

    Und davor müssen die mit westlichen Werten ausgestatteten Staaten, die sich u.a. mit der Nato vor dem Iwan absichern müssen, die russische Bevölkerung, die Ukrainer und weitere Anrainerstaaten schützen. Ist Ihnen noch nicht in den Sinn gekommen, dass Kriege aus kapitalistischem Expansionsstreben angezettelt werden könnten? Dass etwa führende westliche Politiker mit frei erfundenen Behauptungen in den Irak einmarschiert sind? (Weitere Beispiele habe ich zuvor genannt. Sie sind allerdings von Werner Engelmann als „lächerlich“ abgetan worden.)

    Ich lege Ihnen das Interview mit dem ehemaligen CIA-Offizier nahe, auf das ich oben verlinkt habe. Er sagt u.a. über den Majdan-Putsch:

    „Also, unterm Strich: Es war ein vom Westen gesponserter Putsch. Es gibt kaum Zweifel daran. Und wie das vor Ort organisiert wurde, das wissen wir vom Bericht des estnischen Außenministers für Catherine Ashton, die so was wie eine EU-Außenministerin ist. Er sagte zu ihr: „Wussten Sie, dass laut Aussage von Ärzten in Kiewer Krankenhäusern, die gleichen Geschosse aus den gleichen Waffen von den gleichen Scharfschützen nicht nur die Polizei sondern auch die Demonstranten trafen?“

    Nun, wer waren die Scharfschützen? Es waren Agents provocateurs.

    Wessen Anweisungen folgten sie? Nun, wir wissen, dass John Kerry Janukowitsch überzeugen konnte, seine Sicherheitskräfte zurückzuziehen. Wir wissen es, weil Putin Janukowitsch sagte, „um Himmels willen, tu das nicht. Das wäre verrückt.“ Doch er tat es und wir wissen, wie die Geschichte ausging. Am nächsten Tag musste er fliehen. Also wer waren die Scharfschützen? Wer versuchte einen Putsch zu machen, der eine verfassungsmäßig gewählte Regierung beseitigen und am Ende Leute an die Macht bringen würde, von denen man bereits wusste, dass sie von den USA gesponsert wurden. Nicht nur das, sondern auch vier Ministerien gingen an Protofaschisten. Ich wiederhole: Protofaschisten.“

    Das alles klingt für deutsche Mainstream-Mediennutzer wahrscheinlich ziemlich abstrus. Abstrus deshalb, weil sie sich von diesen Medien haben kritiklos sozialisieren lassen und sich dann noch wohlig dabei fühlen. Ich kann Ihnen nur empfehlen: Setzen Sie doch mal – versuchsweise – die russische Brille auf. Einfach um Ihren Blick in Richtung Westen zu schärfen. Andreas Buro und der alte FR-Haudegen Karl Grobe, wahrlich ein Experte fürs Außenpolitische, haben das getan und sind meiner Meinung nach zu realistischen Vorschlägen gekommen, die sie „Konkrete Schritte zum Frieden“ nennen. Nachzulesen in der FR vom 12.09.14.

  25. Lieber Schneider,

    Sie schreiben: „Es wird mir auf ewig unerklärlich bleiben, wie jemand, der so tut, als ob er ein kritischer Kopf wäre, auf Putins Seite stehen kann. Aber gleichzeitig Gerhard Schröder kritisieren, der ihn mal “als lupenreinen Demokraten” bezeichnet hat, nicht wahr? Wer nach Beispielen für heutige Doppelmoral sucht, der ist bei Ihnen wirklich gut aufgehoben.

    Gerhard Schröder kritisiere ich immer wieder gerne, diesen Genossen der Bosse. Es kann doch aber sein, dass der an seiner eigenen sozialen Frage ständig arbeitende Sozialdemokrat mal einen außenpolitischen Lichtblick hatte. Wobei ich ihm bei der Aussage, Putin sei ein lupenreiner Demokrat, nicht folgen würde. Auch wenn er dies von Merkel behaupten würde, die mit Hilfe der Demoskopie regiert, kämen mir Zweifel.

  26. Lieber Rudi,
    ich bin kritisch genug, sehr wohl zu wissen, dass die westlichen Kapitalisten auch keine Unschuldslämmer sind. Das ändert meine Einschätzung von Putins Handlungsmotivation aber nicht im Geringsten. Wird jemand zu einem besseren Menschen, nur weil es auch andere gibt, die sich nicht an die Grundregeln der Moral halten?

  27. Erfreulich, dass die Diskussion, die schon eingeschlafen schien, wieder in Gang gekommen ist. Und dass dabei auch Aspekte angesprochen wurden, die noch nicht ausreichend berücksichtigt sind. Dabei denke ich vor allem an den Beitrag #23 von Brigitte Ernst. Darauf kann aber nicht in einem einzigen Posting eingegangen werden. Daher greife ich erst mal 2 Beiträge auf:

    Rudi, #25:

    „Weitere Beispiele habe ich zuvor genannt. Sie sind allerdings von Werner Engelmann als “lächerlich” abgetan worden.“ –
    In #19 habe ich, eindeutig bezogen auf das Beispiel der Beteiligung des CIA am Putsch gegen Allende vor 41 Jahren (und nur darauf), geschrieben: „Lächerlich, wenn man dies nun, nach über 40 Jahren, als ‚neue Erkenntnis‘ meint auftischen zu müssen.“
    Hier wird weder ein Plural verwendet noch werden die Sachverhalte selbst in Frage gezogen. Als „lächerlich“ bezeichnet ist ein Vorgehen, einen politischen Sachverhalt, der Jahrzehnte zurückliegt und über Jahre diskutiert wurde, in einem ganz anderen Zusammenhang als „neue Erkenntnis“ zu präsentieren, und das gegenüber Menschen, die vielleicht selbst involviert waren und diesen Sachverhalt bestens kennen.
    Zur intellektuellen Redlichkeit gehört es, Äußerungen von Diskussionspartnern in eben der Weise zu verwenden, wie sie geäußert wurden, und sie nicht zu einem Popanz aufzubauen. Wer also an einer sachorientierten Diskussion interessiert ist, der möge sich bitte auch daran halten.
    Ich betone dies deshalb, weil dies kein individuelles Problem von Ihnen ist und ich auch keineswegs die subjektive Aufrichtigkeit in Frage stelle. Es ist, bei der Ukraine-Debatte besonders deutlich (und anhand zahlloser Beiträge in Internetforen nachweisbar, vor allem solchen, die einen Abstimmungsmodus vorsehen“), ein allgemeines Problem vor allem der Internetdiskussion, wo Formen gezielter Desinformation längst Einzug gehalten haben. – Keine Behauptung von mir oder „manipulierender westlicher Medien“, sondern strategische Richtlinie von Putins Generalstabschef Gerassimow höchst persönlich, von Januar 2013, also deutlich vor dem Ukraine-Konflkt (vgl. #18):
    „Politische Ziele seien nicht mehr allein mit konventioneller Feuerkraft zu erreichen, sondern (u.a.) durch den ‚breit gestreuten Einsatz von Desinformationen (…) die in Verbindung mit dem Protestpotential der Bevölkerung zum Einsatz kommen‘“.
    Noch länger vor dem Ukraine-Konflikt, von Februar 2012, ein dem entsprechender „Welt“-Bericht über den Einsatz bezahlter Blogger zum Zweck der „Desinformation“: (http://www.welt.de/politik/ausland/article13857923/Wie-die-Putin-Jugend-das-Internet-manipulierte.html).
    Intellektuelle Redlichkeit, wie oben eingefordert, ist danach im wohlverstandenen Eigeninteresse jedes Bloggers: Nicht nur geht – wie vor allem bei „Putinverstehern“ üblich – beim Zusammenwürfeln aller möglicher, aus dem Kontext gerissener „Belege“ die kritische Absicht verloren und mutiert zu ihrem Gegenteil, der Rechtfertigung (hier: Putinscher Annexionspolitik). Man macht sich sonst auch verdächtig (was im juristischen Sinn wohl niemals nachweisbar sein wird), sich für solche Desinformationskampagnen instrumentalisieren zu lassen – ob bewusst oder unbewusst, ist dabei unerheblich.

    Bronski, #21

    Wenn ich recht verstanden habe, denkst Du an 2 Diskussionsthemen:
    1. „Sündenfälle“ der NATO, am Beispiel Irak-Krieg.
    2. „Westliche Werte“.
    Dem ersten stehe ich prinzipiell positiv gegenüber, das zweite sehe ich – zumindest in der allgemeinen Form – sehr skeptisch.
    Zu 1:
    In der Tat erscheint mir der Irak-Krieg der Prototyp des westlichen „Sündenfall“, der, wenn überhaupt, mit dem putinschen Vorgehen im Fall Ukraine zu vergleichen wäre (etwa durch vorgeschobene Begründungen und Heraushalten der UN, auch durch Bestreben auf Erhalt oder Wiedererrichtung von Einflusssphären). Allerdings sind auch die Unterschiede deutlich. So war der Irak-Krieg, auch von US-Seite, zu keinem Zeitpunkt auf territoriale Veränderung oder gar Annexion gerichtet. Wenn (im Zusammenhang mit IS) Derartiges tatsächlich herausspringen sollte, so ist das mit Sicherheit kein Beleg für eine derartige Strategie (auch eine der „Verschwörungstheorien“), sondern ein Hinweis auf die Unbedarftheit amerikanischer Außenpolitik.
    Eine Diskussion im Zusammenhang der Ukraine-Debatte halte ich daher für bedenklich: Es würde (wie aus meinen obigen Anmerkungen ersichtlich) immer wieder in Rechtfertigungsversuche münden. Eine sinnvolle Diskussion erscheint mir nur bei klarer Abgrenzung der Thematik (und strikter Überwachung des Themenbezugs der Beiträge) und möglichst auch etwas zeitlicher Distanz sinnvoll.
    Zu 2:
    Beim Thema „westliche Werte“ sehe ich die Gefahr der Entartung zu einem ideologischen Schlagaustausch als noch erheblich größer, bedingt durch die unklare Definition und den sehr hohen Allgemeinheitsgrad. Und wenn dann noch eine Diskussion über „Leitkultur“ daraus wird (Gott bewahre!) – dann wäre das eine Steilvorlage für Ideologen und Reaktionäre jeglicher Couleur.
    Zudem ist der Begriff „westliche Werte“ selbst schon ideologisch geprägt und auch falsch. Bestenfalls ließe sich über „demokratische Werte“ diskutieren (wobei ich hier auch die Entartung zum bloßen „EU-Bashing“ befürchte).
    Oder – sinnvoller – über Menschenrechte. Das aber sind universale Werte, die auch in ihrem universalen Anspruch als „unveräußerliche Menschenrechte“ diskutiert werden müssten. Hier könnten auch die Versuche ihrer Relativierung zur Sprache kommen, die gerade in ihrer Reduzierung zu „westlichen Werten“ angelegt ist: In Form von Verhöhnung von „Gutmenschen“ (kein Zufall, dass der Begriff ursprünglich aus rechtsradikaler Feder stammt), aber auch der Unterordnung unter ein Prinzip der „Nichteinmischung“, die von Autokraten jeglicher Couleur vorgebracht wird. Dem aber auch anerkannte Analysten das Wort reden – so leider auch Peter Scholl-Latour in seinem letzten Interview mit „Phoenix“ von März 2014.
    Dabei beruht jegliche Aktivität in Sachen „Menschenrechte“ auf – legitimer und notwendiger – „Einmischung“. Bei Amnesty sogar ausdrücklich, in Form des Verbots, im eigenen Land tätig zu werden – aus Gründen weltanschaulicher und parteipolitischer Neutralität.
    Eine sinnvolle Möglichkeit, auf einer etwas konkreteren Ebene (immer noch sehr weit) auf universale „Werte“ einzugehen , sehe ich bereits jetzt im Thread „Was ist gerecht?“. Ich habe dies auch selbst vor und möchte auch Mitblogger ermuntern, sich in diesem Sinne einzubringen.

  28. Zur intellektuellen Redlichkeit gehört es, Äußerungen von Diskussionspartnern in eben der Weise zu verwenden, wie sie geäußert wurden, und sie nicht zu einem Popanz aufzubauen. Wer also an einer sachorientierten Diskussion interessiert ist, der möge sich bitte auch daran halten.

    Ich betone dies deshalb, weil dies kein individuelles Problem von Ihnen ist und ich auch keineswegs die subjektive Aufrichtigkeit in Frage stelle.

    Werter Herr Engelmann,

    bedauerlicherweise zwingen Sie wie üblich dazu, in eine Metaebene auf Ihren Diskussionsstil einzusteigen. Sie neigen zur Rabulistik. Genauso wurden und werden Streitigkeiten geführt, wenn es um die Auslegung heiliger Schriften geht. Irgendwann bleibt dann nur noch der Scheiterhaufen. Ihre eigene moralische Erhöhung, indem Sie anderen Diskussionsteilnehmern die intellektuelle Redlichkeit absprechen, können Sie sich mir gegenüber ersparen.

    Ich habe sogar noch die harmlosere Variante gewählt, als ich schrieb, dass Sie meine Beispiele als „lächerlich“ bezeichneten. Sie schreiben etwas über Singular und Plural, das ist ein Exempel Ihrer rabulistischen Vorgehensweise, und meinen damit, mir Unfähigkeit zur sachorientierten Diskussion vor die Füße werfen zu können. In Ihrem selben Statement schreiben sie nämlich: „Was also soll der Quatsch? Wozu diese Ausflüchte in die heißeste Phase des kalten Kriegs vor über 40 Jahren, nach Nicaragua und Chile?“ Aber das nur nebenbei. Ich bitte einfach, Ihren moralisierenden Zeigefinger in der Tasche zu lassen und das eigene Spannungsverhältnis zur Sachlichkeit kritisch zu reflektieren.

    Nicht unerwartet ist, nachdem Sie einen amerikanischen Professor für Krieg als Kronzeugen ins Feld führten, dass Sie nun auch noch auf Springers „Welt“ verlinken, um denjenigen, die sich darum bemühen, die Welt von der anderen Seite zu sehen, zu diskreditieren. Dass in Russland Blogger 2012 bezahlt wurden, mag sein. Das müsste jedoch noch genauer untersucht werden. Aber vielleicht erinnern Sie sich an einen Fall aus dem Ukraine-Konflikt, dass zwei russische Panzerbataillone in die Ukraine eingefahren seien und deshalb erst den Siegeszug der Separatisten ermöglicht hätten. Die Süddeutsche titelte: „Poroschenko meldet Invasion durch russisches Heer“, Die Welt: „Poroschenko spricht von russischer Invasion in der Ukraine“, Stern: „Kiew meldet russische Invasion im Südosten“, Bild: „Russland hat Invasion begonnen“. Später berief man sich auf zwei britische Journalisten, die einen Militärkonvoi gesehen haben wollen, der in die Ukraine eingedrungen sein soll. Belege, die dem journalistischen Ethos entsprechen, können sie keine vorlegen. Doch die westlichen Medien springen darauf an und berichten über dieses vermeintliche Eindringen in epischer Breite. Das nennt man Kriegspropaganda.

    Im Weltspiegel (ARD) gibt es dazu einen Filmbericht von ihrem Korrespondenten Lielischkies. Er kommentiert dazu aus dem Off über die Phantomtruppen: „Die ukrainische Armee ist durch die unerwarteten Offensiven der moskau-treuen Separatisten und russischen Truppen in die Defensive geraten….” oder: „Aus dem Südosten rücken russische Einheiten vor, so ukrainische Quellen.

    Die Bundesregierung braucht keine Blogger zu bezahlen, um ihr eine genehme Resonanz zu ermöglichen. Die Verschränkungen von Politik und den Mainstream-Medien erzeugen eine um Potenzen breitere Wirkung.

  29. @ Rudi

    Kurzer Zwischenruf in meinem Trubel vorm Aufbruch. Sie schreiben:

    „Die Süddeutsche titelte: „Poroschenko meldet Invasion durch russisches Heer“, Die Welt: “Poroschenko spricht von russischer Invasion in der Ukraine”, Stern: “Kiew meldet russische Invasion im Südosten”, Bild: “Russland hat Invasion begonnen”.“

    Die ersten drei Überschriften sind journalistisch absolut sauber. Sie transportieren die Information, dass Poroschenko eine Invasion wahrgenommen hat oder haben will. Damit wird nicht gesagt, dass diese Invasion Fakt ist. Das war die Nachricht des Tages. Journalistisch unsauber hat nur „Bild“ gearbeitet, indem sie eine Tatsache behauptete — wenn die zitierten Schlagzeilen so stimmen. Ich habe das nicht überprüft und glaube es Ihnen einfach mal.

    Was Stefan Kornelius betrifft, ist nachzutragen, dass er neben den genannten „westlichen“ Think Tanks auch Mitglied des Deutsch-Russischen Forums ist. Das kann jeder bei Wikipedia nachlesen. Ich habe — nicht nur daher — schwere Bedenken gegen Formulierungen wie „Sie sind us-embedded“. Das ist eine Unterstellung, die solchen Leuten die Fähigkeit zum eigenen Denken abspricht. Genauso könnte man möglicherweise von Ihnen sagen, Sie seien Nachdenkseiten-embedded, was meines Erachtens als Vorwurf wegen des manipulativen Charakters der NDS genauso schlimm wöge. Um das noch einmal klar zu trennen, obwohl sie das sicher wissen: Es gibt unterschiedliche journalistische Formen. Es gibt die rein nachrichtlichen Artikel (siehe die von Ihnen oben genannten Texte), es gibt Features und Reportagen, in die persönliche Beobachtungen einfließen und die daher zwangsläufig eine subjektive Färbung haben, es gibt Analysen, Gastbeiträge und Glossen, und es gibt Kommentare. Wenn jemand in einem Kommentar eine putinkritische Haltung einnimmt, dann ist das sein gutes Recht, genauso wie es Ihr Recht ist, in einem öffentlichen Forum wie dem FR-Blog eine nicht-putinkritische Position einzunehmen. Dadurch, dass ein solcher Beitrag als Kommentar gekennzeichnet ist, ist für alle Welt ersichtlich, dass es sich um eine persönliche Einschätzung handelt. Ein Journalist wie Kornelius ist nicht sofort „us-embedded“, nur weil er die Reaktionen der USA und der Nato für richtig hält. Er hat das Recht auf diese Einschätzung als frei denkender Mensch mit einem Weltbild, das von Ihrem abweicht, und er hat auch das Recht, diese Meinung in der Zeitung zu artikulieren, so wie die Leserinnen und Leser das Recht haben, mit Leserbriefen kritisch zu reagieren. Mit Ihrem Vorwurf des „embedded-Seins“ konstruieren Sie ein ideologisches Lager, das Sie scharf kritisieren und das Aussagen darüber ermöglicht, wer — ich sag’s mal zugespitzt — unser eigentlicher Feind ist. In Wirklichkeit weist dieses Lager aber viele Facetten auf und ist deutlich vielfältiger, als Ihre Einordnung vermuten lässt. Bei aller Kritik an den USA: Wie haben ihnen einiges zu verdanken.

  30. Lieber Herr Bronski,

    vordergründig stimmt Ihre Behauptung, was Sie zu den Überschriften schreiben: „journalistisch absolut sauber“, weil eine Aussage wiedergegeben und keine Tatsachenbehauptung aufgestellt wird. Doch: Ist es journalistisch absolut sauber, diese Aussage ohne Gegencheck zu übernehmen und zu verbreiten? Ich habe, da Sie mich mit den Nachdenkseiten in Verbindung bringen, dort nachgeschaut. Ihr Journalistenkollege Jens Berger schreibt auf Spiegel-Online bezogen, der in gleicher Weise wie die von mir genannten Medien titelte: „Man spekuliert munter drauf los, überprüft Nachrichten nicht auf deren Wahrheitsgehalt, verbreitet mutwillig Hysterie und schürt damit das Feuer, aus dem ein Krieg zwischen West und Ost entfachen könnte.“ Damit liegt er genau richtig. Insofern können Sie sich bestätigt fühlen, dass ich Nachdenkseiten-embedded sei.

    Berger beschäftigt sich etwas näher mit der Spiegel-Meldung. Im sich anschließenden Spiegel-Blog [als screenshot abgebildet] fragt ein User:

    „Gibt es konkrete Belege für die vom Spiegel verbreiteten Meldung, russische Truppen hätten die Grenze zur Ukraine überschritten? (…)“

    Die Antwort des Spiegelredakteurs fiel so aus:

    Gibt es eigentlich konkrete Belege, dass dem nicht so ist?

    Berger kommentiert die Antwort des Spiegel so:

    „Für den Online-Ableger eines – zumindest nach Eigendarstellung – seriösen Nachrichtenmagazins ist eine solche Antwort natürlich ein Offenbarungseid. (…) Schon beinahe tragikomisch liest sich da das „Dementi“, dass SPIGEL-Autor Christian Neef (Print-SPIEGEL und nicht SPIEGEL-Online) am Samstag veröffentlichte. Darin rechtfertigt Neef in Grundzügen das Vorgehen seiner Kollegen (Agenturen und andere Onlinedienste titelten schließlich auch „Militärintervention in der Ukraine“), gesteht aber gleichzeitig ein, dass „so manche Mitteilung der Kiewer Militärs nicht stimmt“. Wie passt das zusammen? Wenn man doch weiß, dass Meldung aus Kiew den Wahrheitsgrad einer Scripted-Reality-Show von RTL haben, dann ist dies doch erst recht ein Grund, Vorsicht walten zu lassen. Und sich dann als reichweitenstärkstes deutsches Online-Portal mit „Das haben die anderen doch auch gemacht“ herauszureden, ist unwürdig und beschämend.“

    (…)

    Das, lieber Bronski, ist der Punkt, auf den es ankommt. Man kann Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und kritisch kommentieren. Man kann Aussagen, wohl wissend, dass sie fragwürdig sind, auf die erste Seite einer Zeitung hieven oder als Top-Meldung in die Nachrichten bringen. Bedauerlicherweise haben die von mir zitierten Medien sich auf letztere Variante beschränkt, um die Eskalation zu befördern.

    (…) Passage gelöscht, Anm. Bronski

  31. Bei den Demonstrationen am Maidan waren 300 Söldner von Blackwater (private Sicherheitsfirma aus USA) unterwegs. Was hatten die dort zu tun, haben sie vielleicht den Putsch organisiert? 60 Menschen wurden dort erschossen, die Untersuchungen verlaufen im Sande. Blackwater hat sich im Irakkrieg besonders hervorgetan durch Massaker an der Zivilbevölkerung, na passt doch. Wer es nicht glaubt kann im Internett unter Blackwater viel über diese Truppe erfahren. Und die Berichterstattung über die Banditen die das abgestürzte Flugzeug ausplündern!!! Es war nur ein Bild, dazu gehört auch ein Film der uns verschwiegen wird. An der Absturzstelle die abgeschirmt war zeigte ein Polizist ca. 50 Journalisten ein Stofftier, er legte es wieder auf den Boden nahm seine Mütze ab und bekreuzigte sich. Das ist die Wahrheit, aber die passt nicht zur Kriegshetze. Dies soll nur ein kleiner Beitrag zur Diskussion sein.

  32. @ Rudi

    Sie irren sich. Wenn Poroschenko behauptet, dass russische Truppen einmarschiert seien, dann ist das eine Nachricht, die eine Schlagzeile wert ist. Mir ist es völlig egal, was Jens Berger oder Spiegel-Redakteure dazu sagen. Der Punkt ist nicht, dass russische Truppen einmarschiert sind, sondern der Punkt ist, dass Poroschenko dies behauptet. Nichts anderes wird in den von Ihnen zitierten Schlagzeilen transportiert. Die Aussage, ob russische Truppen wirklich einmarschiert waren, ließ sich zu diesem Zeitpunkt nicht belegen bzw. überprüfen. Selbst die Tagesschau konnte das nicht. Deswegen hat auch kein seriöses deutsches Medium behauptet, dass dem so sei. Es wurden zwar Satellitenbilder veröffentlicht, aber was von derlei möglicherweise zu halten ist, das kann man gern mal den früheren US-Außenminister Powell fragen, der vor dem Irakkrieg einen der desaströsesten Versuche der Meinungsmanipulation vor der UNO versucht hatte, die es jemals gegeben hat. Misstrauen ist angesagt.

    Bezüglich der Löschung in Ihrem Kommentar verweise ich auf unsere Blog-Regel Nr. 8.

  33. Hinweis an alle: Ab jetzt kann nur noch moderiert kommentiert werden. Das führt leider wieder zu Verzögerungen beim Freischalten, aber gerade treffen Kommentare ein, in denen Behauptungen aufgestellt werden, die sich nicht beweisen lassen, und solche Kommentare will ich mir vor der Veröffentlichung ansehen.
    Ich bitte um Verständnis.
    Viele Grüße, Bronski

  34. @ G.Krause

    „Bei den Demonstrationen am Maidan waren 300 Söldner von Blackwater (private Sicherheitsfirma aus USA) unterwegs.“

    Das ist eine Tatsachen-Behauptung. Können Sie das beweisen? Wenn ja, bitte sehr. Ich habe auf meiner Recherche keine einzige verlässliche Quelle gefunden, sondern nur jede Menge „Rote Fahne“ und Blogs von Autoren, die sich zu profilieren versuchen, um Bücher zu verkaufen. Damit will ich nicht sagen, dass die Anwesenheit von Academi- (nicht Blackwater) oder Greysstone-Söldnern ausgeschlossen wäre, und ich halte es durchaus für möglich, dass da was dran ist. Es würde gut in die Ideologie des Blackwater-Gründers Erik Prince passen, eine angespannte Lage zuzuspitzen und einen solchen Konflikt zu eskalieren, zumal gegen den Erzfeind Russland. Und das wäre sicher nicht ohne Wissen von US-Geheimdiensten passiert. (Wer mehr darüber wissen will, dem sei das überaus spannende Buch „Blackwater“ von Jeremy Scahill ans Herz gelegt.) Alles gut möglich. Aber nicht beweisbar. Auch zwischen März und Mai gingen noch einmal Meldungen durch die Medien – auch die FR hat darüber berichtet -, dass Academi-Söldner in der Ostukraine gesehen worden seien. Academi hat das dementiert, die staatliche russische Nachrichtenagentur Ria hat die Beobachtungen bestätigt. Selbst für den Spiegel waren diese Meldungen nicht überprüfbar; die Spiegel-Berichterstattung ist in diesem Fall ein Musterbeispiel dafür, was journalistisch sauber ist. Ich verlinke hier einen Text aus der Serie der Mai-Berichte.

    Wenn sich so was nicht verifizieren lässt, sollte man es nicht als Tatsache hinstellen, liebe/-r G.Krause. Wir als FR können das jedenfalls nicht tun. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, und gerade in diesem Konflikt, der von eingeübten Verhaltensmustern aus dem Kalten Krieg überlagert wird, sollte man ganz besonders vorsichtig sein. Meines Erachtens gilt das nicht nur für Medien, sondern auch für Userinnen und User, die sich solche Behauptungen zueigen machen, ohne sie überprüft haben zu können.

    Für mich stellt sich diese Meldung zum gegenwärtigen Zeitpunkt als Teil der Propagandaschlacht dar, der dazu geeignet ist, die Maidan-Revolution zu diskreditieren. Das heißt aber nicht, dass es wirklich so gewesen ist. Seriöse Medien müssen an diesem Punkt äußerst vorsichtig sein. Und mündige Internet-Nutzer sollten genau darauf achten, welchen Informationsquellen sie vertrauen.

  35. @ Rudi, #29
    Ich erspare mir eine Antwort. Ich sehe auf dieser Ebene keine Chance für einen vernünftigen Dialog.

  36. Pauvre Natalie Soondrum! Was fuer ein Erbe treten SIe da an…..Ich wuensche Ihnen, dem Thema mit unbelastetem, frischen WInd entgegenwehen zu koennen….unausufernd auf AUsuferndes reagieren zukoennen.

  37. Ich finde die Einleitung von Bronski sehr interessant. Wir glauben immer, dass die Aktionen der Politiker an uns gerichtet sind und nicht an die eigene Bevölkerung. Deshalb haben wir Muammar al-Gaddafis Operettenuniformen auch nie verstanden. Es ist m. E. schon interessant, die Motivation der anderen Seite zu kennen.
    Leider scheint das hier im Blog niemand zu interessieren.
    Ich war gerade zehn Tage in Savoyen und habe gelernt, dass Savoyen erst 1860 endgültig zu Frankreich gekommen ist und zwar auf Grund einer Volksabstimmung.
    Im Rahmen des Ukraine-Konflikt heisst es, dass Grenzänderungen auf Grund von Volksabstimmungen nicht akzeptabel sind. Gilt das nur hier oder immer und warum? Wenn wir schon nicht über Bronski Einleitung diskutieren, warum nicht darüber?

  38. Guten Tag Frau Soondrum !

    Nicht jede einfache Erklärung ist auch eine richtige Erklärung. Bronski hatte in seinem Eingangsstatement ja behauptet, dass es Unfug wäre zu unterstellen, es würde eine Art „konzertierter Aktion“ der Medien in Deutschland geben, damit der Ukrainekonflikt einseitig zulasten Russlands dargestellt wird.

    Nun hat aber der Programmbeirat der ARD genau diese einseitige und tendentiöse Berichterstattung schonmal für das Fernsehen festgestellt- ob Herr Bronski das in sein Weltbild von freiem Journalismus einfügen kann oder nicht.

    (Quelle hierfür: http://www.heise.de/tp/artikel/42/42784/1.html ).

    In den Zeitungen ist die Einseitigkeit mindestens genauso schlimm- auch wenn es da wahrscheinlich keinen Beirat gibt, der das offiziell feststellen kann.

    Ob die sich bei der ARD vorher alles mal zusammengesetzt haben und ihre Berichte in der Tendenz abgesprochen haben oder wie auch immer diese Einseitigkeit zustandegekommen ist, weiß ich auch nicht- aber Fakt ist, es gibt einseitige und damit falsch informierende Berichterstattung in den Medien- daran kommt auch Bronski mit seinem Messer nicht vorbei.

  39. Vielleicht lesen die Russland- und Putin-Kritiker, die sich in diesem Blog so mächtig ins Zeug legten und von Bronski flankiert wurden, die Stellungnahme des ARD-Programmbeirats, der die Berichterstattung der ARD-Sender zum Ukraine-Komplex einer massiven Kritik unterzog. Da ist von Einseitigkeit und tendenziöser Wortwahl die Rede. Nur wenige Zeitungen, wie etwa das Handelsblatt, berichteten darüber. Telepolis (Heise-Verlag)stellt das Protokoll des Programmbeirats ins Netz. Darin heißt es u.a.:

    „Berichtet werden müssen hätte über die Faktoren, die ursächlich am Entstehen der Krise beteiligt waren, darunter die Politik von EU, USA und NATO und deren Interessen gegenüber der Ukraine und Russland. Stattdessen wurde die Verantwortung für die Krise fast ausschließlich der Regierung Janukowitsch und Russland, genauer: Putin persönlich zugeschrieben. Differenzierte Berichterstattung war das nicht. Eine gewisse Einseitigkeit ließ sich manchmal auch in der Wortwahl erkennen, im mehr oder weniger unterschwelligen Transport von Meinung durch Moderatoren/innen und Reportern/innen und in der Auswahl von Berichtsgegenständen, die selbst in der Zusammenschau aller zehn Ukraine- „Brennpunkte“ kein einigermaßen umfassendes Bild der Krise ergaben. (…)

    Bei den Talkshows fiel auf, dass die Titel häufig antirussische Tendenzen erkennen ließen bzw. den Konflikt auf die Person Putin fokussierten und weder eine mögliche westliche Mitverantwortung am Entstehen der Krise thematisierten noch beispielsweise die demokratische Legitimation der Übergangsregierung oder der Maidan-Bewegung in der Ukraine infrage stellten.“

    Quelle Protokoll: http://www.heise.de/tp/artikel/42/42784/42784_1.pdf

    Mitglieder des ARD-Programmbeirats: http://www.daserste.de/service/kontakt-und-service/ard-programmbeirat/mitglieder/beirat/alle-mitglieder-filter-100.html

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