Innerlich zerrissen

Ganz Deutschland schaut auf Mesut Özil, den begnadeten Fußballer, der 2014 mit der deutschen Nationalelf Weltmeister wurde und sich im Mai des Jahres 2018 ins Abseits kickte, ohne es zu merken. Auch andere, etwa beim DFB, haben das spalterische Potenzial nicht bemerkt, das Özil mit seinem Posing für den türkischen Autokraten Erdogan in die Mannschaft und in den Verband getragen hatte. Özil hat lange zu den Vorwürfen geschwiegen, die danach auf ihn einprasselten. Jetzt hat er den Knoten durchschlagen, ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und hat seine Rücktrittserklärung mit einem Frontalangriff auf die DFB-Verantwortlichen verbunden, allen voran auf den Präsidenten Reinhard Grindel.

Dies ist nicht bloß der Fall eines Fußballers, der seine Fehler nicht erkennt, sondern dies ist eine türkisch-deutsche Geschichte, die ein Schlaglicht auf die Verfassung Deutschlands und auf das Verhältnis von Deutschen zu Deutschtürken wirft. Der Fall ist kompliziert: viele Akteure, es geht hin und her, es gibt verschiedene Ebenen und verschieden schwere Fälle von Versagen. Wenn wir den Fall verstehen wollen, sollten wir versuchen, die Ebenen auseinander zu halten. Mit der Integration des Mesut Özil bzw. ihrem Scheitern hat diese Geschichte jedoch  nichts oder wenig zu tun, auch wenn viele Medien derzeit gerade auf diesen Aspekt abheben. Özil war und ist gut integriert. Er hat die Chancen genutzt, die sich ihm als Gelsenkirchener Deutschtürken boten, und hat das Beste aus seinen Talenten gemacht. Die sind zweifellos vor allem auf dem Fußballplatz zu verorten. Sie liegen ganz gewiss nicht in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Dennoch ist Özils Geschichte eine Erfolgsgeschichte – bis zu den Fotos mit Erdogan.

Doch der Reihe nach. Dröseln wir den Fall Özil mal auf und scheiden seine Ebenen voneinander. Dazu ist es sinnvoll, zuerst die Chronologie (hier der Link) zu kennen. Hier außerdem Auszüge aus der Rücktrittserklärung.

Die persönliche Ebene

Özil 2Özil als Mitglied der Nationalmannschaft tritt persönlich für eine Nation an. Damit ist er zwangsläufig auch Botschafter der Werte dieser Nation. Meinungsfreiheit ist einer dieser Werte. Özil hat das Recht auf eine freie eigene Meinung. Wenn er der Meinung ist, dass der Autokrat vom Bosporus ein ehrenvoller Mann ist, dann begibt er sich allerdings in Widerspruch zur Meinung der Mehrheit der Deutschen. Das fordert Kritik heraus. Wenn er seine Meinung öffentlich vertritt, rückt er sich wegen seiner herausgehobenen Rolle als Nationalspieler in den Brennpunkt des schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschland und der Türkei. Er wäre daher ungeachtet seines Rechts auf freie Meinung besser beraten gewesen, dies zu unterlassen. Er muss sich entscheiden, welche Botschaften er transportieren will: die, für die sein Verband im Namen Deutschlands steht (Vielfalt, Toleranz, Chancengleichheit), oder die, für die Erdogan steht (Unterdrückung, Nationalismus, Polizeistaat). Er kann nur eine dieser Richtungen vertreten, denn sie sind unvereinbar. Diese Entscheidung wird zwangsläufig seine Karriere beeinflussen. Wenn er darauf besteht, sich öffentlich zu Erdogan bekennen zu wollen, kann er kein Mitglied der deutschen Nationalmannschaft sein.

Dies festzustellen ist kein Rassismus und auch nicht respektlos gegenüber Özil. Die Frage steht im Raum: Für welche Werte will Özil eintreten?

Nun beharrt Özil aber darauf, dass sein Treffen mit Erdogan nicht politisch gewesen sei. Vermutlich ist ihm tatsächlich nicht klar gewesen, dass er sich mit diesem Treffen für den Wahlkampf des Autokraten einspannen ließ. Es ist möglich, dass er die politische Dimension nicht erkannt hat oder vielleicht sogar bis heute nicht begreift, so dass er sich aufrichtig unschuldig und damit zu Unrecht kritisiert fühlt. Da er in England beim FC Arsenal London spielt, ist es vorstellbar, dass er die Verschärfung im deutsch-türkischen Verhältnis nach dem Putsch in der Türkei nicht in dem Ausmaß mitbekommen hat, das er bräuchte, um sein Handeln politisch einordnen zu können. Das ist alles denkbar. Anscheinend hat er die falschen Berater – denn wenn er dies nicht einzuordnen weiß, sollten sie es für ihn tun. Darum sind sie ja seine Berater. Sie sind alle Türken und arbeiten für die Firma „Özil Marketing„, deren Geschäftsführer Harun Arslan für Bundestrainer Joachim Löw schon dessen Trainerverträge mit dem DFB ausgehandelt hat. Ein bisschen deutsche Perspektive hätte diesem Team und Mesut Özil gewiss nicht geschadet. Dieses Team scheint nicht dazu geeignet gewesen zu sein, die Stimmung in Deutschland im Fall der Erdogan-Bilder kompetent einzuschätzen.

Dies festzustellen ist kein Rassismus und auch nicht respektlos gegenüber Özil. Die Frage steht im Raum: Warum hat Özil keine zweite Meinung eingeholt?

Die Verbandsebene

Der Deutsche Fußballbund und seine Protagonisten machen im Fall Özil eine schlechte Figur. Nach den Erdogan-Fotos hätte es zwei Wege gegeben, die Situation zu klären. Der erste: Özil hätte sein Verhalten öffentlich erklären können. Was er dem Bundespräsidenten gesagt hat, hätte er auch den Deutschen sagen können: Für ihn war es keine politische Aktion. Am besten verbunden mit der Bitte um Entschuldigung – womit er allerdings vermutlich die Erdogan-Anhänger gegen sich aufgebracht hätte. Im Idealfall hätte Özil dann gegen Südkorea im richtigen Moment ein Tor geschossen, das Spiel gewendet und die Herzen der Deutschen zurückgewonnen. Dieser Weg, der im positiven Sinn in die Zukunft geführt hätte, wurde jedoch nicht eingeschlagen. Özil entschied sich zu schweigen. Offenbar hat sich während dieses langen Schweigens so viel Zorn in ihm angestaut, dass daraus nun die wuchtige Rücktrittserklärung wurde. Das hätte nicht sein müssen. Aber weder Özil selbst noch seine Berater noch die meisten beim DFB haben das zerstörerische Potenzial dieser Affäre erkannt.

Dies festzustellen ist kein Rassismus und auch nicht respektlos gegenüber Özil. Die Frage steht im Raum: Warum hat der DFB zugelassen, dass Özil in dieser Frage geschwiegen hat?

Die zweite Möglichkeit, die Situation zu bereinigen: Die Verantwortlichen hätten entscheiden können und vielleicht sogar müssen, dass Mesut Özil unter diesen Umständen kein Repräsentant Deutschlands bei der WM in Russland sein kann. Dies wäre vielleicht die beste Option gewesen: Özil hätte nicht für den Kader der Nationalmannschaft nominiert werden sollen. Nicht zur Strafe, sondern zu seinem Schutz, da er die Dimensionen seines Tuns offenbar nicht zu erkennen imstande war. Manchmal muss man die Menschen vor sich selbst schützen. Dann hätte Gras über die Sache wachsen können. Vielleicht hätte Özil sich politisch ein wenig gebildet, hätte sich unabhängig beraten lassen, eine zweite Meinung eingeholt. Die Dinge hätten sich beruhigt, und mit ein wenig Abstand wäre aus dem stürmischen Wind einer Affäre das Lüftchen einer Dummheit geworden, über die man vielleicht sogar hätte lachen können.

KrisengesprächDer DFB wählte jedoch einen dritten Weg nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“: Joachim Löw nahm Özil mit nach Russland, ohne die Sache öffentlich geklärt zu haben. Interne Gespräche hat es wohl gegeben, aber wie sich jetzt zeigt, reicht das nicht. Löw trägt also eine Mitschuld. Er hat die Dinge vermutlich vor allem aus sportlicher Perspektive betrachtet, und daher stand für ihn fest, dass er Özil dabei haben musste. Damit hat er allerdings zugelassen, dass der Konflikt über die Haltung Özils zu Erdogan ins Innere der Nationalmannschaft hineingetragen wurde. „Am Anfang hat das schon ein bisschen gestört in der Mannschaft, war sogar belastend“, hat Nationaltorwart Manuel Neuer zum Einfluss des Wirbels um Özil und Gündogan auf die Nationalmannschaft in der WM-Vorbereitung gesagt.

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. In einem vielbeachteten Interview mit der „Welt“, veröffentlicht am 5.7., wird er mit den Worten zitiert:

„Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.“

In der „Bild“-Zeitung distanzierte er sich später von diesen Worten, die „in keinem Fall bedeuten, dass es im Nachhinein falsch gewesen sei, Mesut mitzunehmen“. Spätestens jetzt war auch Bierhoff beschädigt. Er hatte Özil indirekt eine Mitschuld am Scheitern der Deutschen in Russland gegeben. Das disqualifiziert ihn eigentlich als Teammanager. Löw war schon seit dem Ausscheiden beschädigt.

Und DFB-Präsident Grindel? Der ist eigentlich keiner von den Schlechten, meint FR-Experte Jan-Christian Müller in seinem Artikel „Die Verzwergung des Reinhard Grindel„. Aber er hat in der Affäre ungeschickt agiert. Obwohl DFB-Präsident, hat er es nicht geschafft, dass Özil vor der WM sein Schweigen bricht. Es gibt verschiedene Wortäußerungen von Grindel, die sein Lavieren belegen (dokumentiert in der Chronologie des Falls). Jedoch sprach er als erster Klartext: Es sei „nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für Erdogans Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen“. Vielleicht ahnte er als erster, was da auf den DFB zukommen könnte. Grindel hatte früher als CDU-Hinterbänkler im Bundestag Kontakte ins rechte Spektrum. Darum wohl auch der Rassismus-Vorwurf in Özils Rücktrittserklärung. Doch mir scheint, Grindel habe vor allem versucht, Probleme im Sinne des Verbandes und der Mannschaft rechtzeitig anzusprechen.

Die Frage steht im Raum: Warum hat der DFB nicht entschieden agiert und Özil eine öffentliche Erklärung abverlangt?

Die Anti-Multikulti-Ebene

Den Rechtsextremen und Rechtspopulisten war Özil schon immer ein Dorn im Auge, nicht nur wegen seiner Herkunft, sondern auch, weil er noch nie die Nationalhymne mitgesungen hat. Dieses im Grunde nichtssagende Detail machte Özil für die Nationalisten geradezu zum Hasssubjekt. Ich habe im Laufe der Jahre viele Leserbriefe bekommen, in denen deswegen Beschwerde geführt wurde; allerdings glaube ich nicht, dass die alle von Rechtsextremen geschickt wurden. Das Mitsingen bei der Hymne scheint auch vielen „Normalos“ wichtig zu sein. In diesem Sinne hat sich Özil also schon früh als jemand positioniert, der anders sein will: Er will eben nicht singen. Die Gründe behält er für sich. Das ist sein Recht. Dazu weitere Überlegungen in einem Leserinbrief, der unten folgt. Wichtig ist im hier verhandelten Zusammenhang, dass die Causa „Erdogan-Bilder“ aus der Perspektive der Rechten eine Vorgeschichte hat, in der sie gründet.

Als Özil mit Erdogan posierte, bestätigte er das gesammelte „Wissen“ der Rechten über Özil auf geradezu blendende Weise. Die Rechte nutzte die Gelegenheit und blies zum Shitstorm auf Özil: Integration gescheitert! Dahinter stand ganz sicher nicht die Sorge um Integration oder sportliche Erfolge bei der WM. Özil stand für die Rechten sinnbildlich für das Konzept des DFB, denn er hatte 2010 den „Bambi“ für Integration erhalten und war so zur Galionsfigur gemacht worden. Doch danach hat der DFB ihn anscheinend nicht mehr angemessen beraten. Özil hätte des Schutzes vor dem Rassismus aus der rechten Ecke bedurft, und mit ihm die deutsche Gesellschaft.

Spätestens auf dieser Ebene wird der Fall Özil wirklich kompliziert, weil er von Gruppen instrumentalisiert wird, denen nicht an gelingender Integration, Toleranz und Vielfalt gelegen ist. Der eigentliche Fall wird von politischen Interessen überlagert, er wird zum Spielball der Extremisten. Özils Person, der Mensch Özil, ist den Aktivisten völlig egal. Hier gerät die Sache aus dem Ruder. Özil selbst befeuert die weitere Zuspitzung in seiner Rücktrittserklärung, indem er vor allem Grindel Rassismus attestiert und damit den DFB konkret ins Visier der Rechten rückt. Eine bemerkenswerte Verschiebung. Sie geht vermutlich vor allem auf das Konto seiner Berater, die nach dem Motto vorgehen, Angriff sei die beste Verteidigung.

Die Frage steht im Raum: Wo ist in dieser Debatte wirklich Rassismus zu erkennen? Beim DFB? Ernsthaft?

Die deutsch-türkische Ebene

Aber jetzt wird es erst richtig kompliziert. Vor fünfzig bis sechzig Jahren sind Deutsche und Türken eine Art wilder Ehe eingegangen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Gastarbeiter kamen ins Land, und niemand dachte daran, dass sie vielleicht hier bleiben könnten, um hier zu leben. Das aber taten sie, ohne dass sich die Deutschen und ihre Politiker groß um diese Türken kümmerten. Die blieben trotzdem da, bildeten eigene Communities und schickten sich an, das zu werden, was wir heute Deutschtürken nennen. Soll heißen: Es gibt keinen Ehevertrag, keine standesamtlichen Dokumente, aber diese Menschen leben hier und haben Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg mitentwickelt. Trotzdem sind sie keine Deutschen, sondern eben: Deutschtürken. Mal ganz weg von der Staatszugehörigkeit. Manchmal fühlen sie sich mehr als Türken, so hat es aus deutscher Perspektive jedenfalls den Anschein, wenn sie in großer Zahl für den Autokraten Erdogan stimmen, obwohl der für alles steht, was diese Menschen in Deutschland nicht haben. Diese Zustimmung befremdet.

So einer scheint auch Özil zu sein – das Resultat einer jahrzehntelangen Geschichte, in der die Türken in Deutschland weitgehend auf sich selbst gestellt waren bei dem Versuch, sich in diesem Land zurecht zu finden. Denn damals, als die Gastarbeiter kamen, hat niemand von Integration geredet. Wo hinein hätten sich die Türken auch integrieren sollen? Die Deutschen hatten genug damit zu tun, ihre Wunden zu lecken und zu versuchen, wieder auf die Beine zu kommen.

Die Deutschtürken gehören also zu Deutschland, und trotzdem sind sie eigen, so wie Özil. Uns Biodeutschen ist es ein Rätsel, was Menschen wie Özil, die der dritten Generation der Deutschtürken angehören, an einem wie Erdogan finden. Was sehen sie in ihm? Etwas, was er nicht ist? Überhöhen sie ihn also, idealisieren sie ihn und machen darum Fotos mit ihm? Irren sie sich also? Lassen sie sich verführen? Sind sie Erdogan auf den Leim gegangen? Oder sehen sie etwas in ihm, was er auch ist und was wir Biodeutschen nicht sehen? Nicht sehen können? Oder wollen?

Wie auch immer – es muss etwas sein, was stark genug ist, um Menschen wie Mesut Özil alle Maßstäbe vergessen zu lassen. Wenn der Präsident der Heimat seiner Familie ruft, macht Mesut Özil Fotos mit ihm. Egal, ob der Erdogan heißt, egal, was das für Folgen haben könnte. Und so steht zuletzt von vielen Fragen eine letzte im Raum: Wie können Deutsche und Deutschtürken einander besser verstehen?

Die Antwort ist vielleicht nicht so fern. Sie könnte heißen: Wir müssen, statt einfach nebeneinander zu leben, mehr miteinander reden.

Balken 4Leserbriefe

Nick Timm aus Neu-Isenburg

„Herr Özil ist zurückgetreten und man könnte meinen, eine Staatskrise wäre ausgebrochen. Die Nation ist zerknirscht und zerfleischt sich in Ursachenforschung darüber, was wir alles versäumt haben.
Der Fall Özil zeigt, dass mit der Integration vor allem von türkischstämmigen Mitbürgern einiges im Argen liegt. Wenn der DFB hier ein Führungsproblem hat, so muss das selbstverständlich aus der Welt geschafft werden. Dass wir insgesamt noch daran arbeiten müssen, versteht sich von selbst. Integration ist aber keine Einbahnstraße, sondern setzt die Bereitschaft voraus, mit Toleranz und Verständnis aufeinander zuzugehen. Das friedliche Zusammenleben mit Millionen von Mitbürgern türkischer Herkunft beweist, dass wir in Deutschland auf keinem schlechten Weg sind.
Was mich aber erheblich stört, ist die Einseitigkeit der Empfindlichkeiten in einer Art Opferrolle, die Muslime und nicht zuletzt türkischstämmige Muslime für sich in Anspruch nehmen. Ich fühle mich als Deutscher provoziert, wenn ich sehe, mit welch griesgrämigen Gesicht und zusammengekniffenen Lippen Özil die deutsche Nationalhymne über sich ergehen lässt, gleichzeitig aber mit verklärtem Lächeln, „unserem verehrten Herrn Präsidenten“ sein T-Shirt überreicht, dem Diktator eines Polizeistaates, der Hunderttausende von Menschen einsperrt und mit seinen Minderheiten genau das praktiziert, was Özil hier anprangert. Haben wir vergessen, dass Erdogan dazu aufgerufen hat, sich nicht zu integrieren?
Ich fühle mich provoziert, wenn deutschstämmige Türken mir gegenüber zum Ausdruck bringen, dass sie unsere Kultur und Gesellschaftsform nicht akzeptieren oder sogar verachten und das damit begründen, sie würden hier nicht ernst genommen. Herr Özil, der Geld und Ruhm in Deutschland erarbeitet hat, ist eine Person des öffentlichen Lebens mit der Möglichkeit und der Verantwortung, Brücken zu schlagen. Nach vier Wochen Schweigen in englischer Sprache den Zurückgestoßenen zu spielen ist erbärmlich.“

Barbara Fuhrmann aus Frankfurt:

„Sätze wie „Sie hängen an ihren traditionellen Werten“ und „Sie fühlen sich nicht richtig aufgenommen“ gehen ebenso wenig dem Problem auf den Grund wie der Kommentar von Özils Vaters, sein Sohn sei „geknickt, enttäuscht und gekränkt“. Im Fokus der Aufmerksamkeit sollten mehr die Alten, die Eltern und Großeltern der jungen Türken stehen, denn das Problem der angeblich mangelnden Integrationsbereitschaft liegt tiefer.
Als die ostdeutschen Flüchtlinge nach dem Krieg in Scharen bei uns ankamen, hörte ich bei Diskussionen oft den mahnenden Satz meiner Mutter: Die Erde, über die das Kinderfüßchen läuft, ist seine Heimaterde. Die ostdeutschen Frauen, die beim Einkaufen meist Kopftuch trugen, wurden herablassend bis unfreundlich bedient, denn Kopftuch trugen hier nur die Bäuerinnen beim Einkaufen oder eben arme Frauen, die sich kein Shampoo leisten konnten. Die Kinder der Ostdeutschen wurden häufig ausgegrenzt, auch wegen ihres andersartigen Akzents .
Schließlich nahm sich das Kabarett des Problems an. Ich erinnere mich lebhaft an eine Szene, in der Dieter Hildebrandt den „Sohn“ eines ostdeutschen Flüchtlings mimte und Hans Jürgen Diedrich dessen „Vater“.
Vater: „Jung, sech maa: Keeenichsbeerch is meeine Heeimat.“ Sohn: „Königsberg ist meine Heimat.“ Vater: „Nee, Jung, sech maa: Keeenichsbeerch is meeine Heeimat.“ Sohn: „Königsberg ist meine Heimat.“ So ging das hin und her, bis der Junge es im Sinne des Alten richtig wiederholte. Daraufhin der Alte, zufrieden: „Na, geht doch!“
Ich habe mich oft gefragt, warum die Alten dieser Welt nicht verstehen wollen, dass Einwanderung in ein Land bedeutet, dass man die Kinder freigeben muss. Wie soll ein deutscher Nationalspieler die Nationalhymne mitsingen können, wenn er vielleicht zu Hause von seinem türkischen Vater zu hören bekommt: „Einigkeit und Recht und Freiheit“ haben wir in der Türkei sowieso und „für das deutsche Vaterland“ geht schon mal gar nicht, denn, mein Jung, Deutschland ist nicht deines Vaters und Großvaters Land.“ Der Junge kann doch gar nicht anders, als den Alten zuliebe eben nicht mitzusingen. Nach meinen Erfahrungen sind viele Kinder türkischer Eltern innerlich zerrissen, weil sie sich im Herzen längst als Deutsche fühlen, aber gegen die Enge der Community nicht ankommen.“

Jürgen Koenig aus Hirschberg

„Die Kritik an Mesut Özil ist leider völlig überzogen. Genauso daneben ist aber auch seine Antwort darauf. Hier werden Dinge miteinander vermischt, die nicht vermischt gehören.
Özil hat schlecht Fußball gespielt und er hat sich mit Präsident Erdogan auf einem Bild ablichten lassen. Das ist zu kritisieren. Seine Entschuldigung, dass er damit seine Verbundenheit zur Türkei ausdrücken wollte, ist eine faule Ausrede. Daraus aber ein Problem der doppelten Staatsbürgerschaft zu machen oder sich zu rassistischen Kommentaren hinreißen zu lassen, geht entschieden zu weit. Frankreich und Belgien, für mich die beiden besten Mannschaften dieser WM, haben etliche Spieler mit Migrationshintergrund in ihren Teams, und die spielen sehr guten Fußball. Was soll also eine solche Debatte?
Die Sportfunktionäre sind für mich völlig unglaubwürdig und reagieren heuchlerisch. Die WM fand in einem Land statt, in dem Kritiker des Systems oder der Herrschenden mit Gefängnis und Tod bedroht sind. Trotzdem spricht Fifa-Präsident Infantino von der besten WM aller Zeiten. 1978 fand die WM in Argentinien statt, einem Land, in dem der Diktator Jorge Rafael Videla tausende Menschen foltern und töten ließ. Die Olympischen Sommerspiele haben 2008 in China stattgefunden, und die Winterspiele werden 2022 in China stattfinden, einem Land, in dem die Herrschenden Völkermord in Tibet vollziehen und Kritiker mit dem Tode bestrafen. 2022 soll die Fußball WM in Katar stattfinden, einem Land, in dem die Stadien mit Hilfe von Sklavenarbeit gebaut werden. Wer hat die Fußballfunktionäre daran gehindert, Forderungen an Katar zu stellen wie z.B. menschliche Arbeitsbedingungen? Stattdessen wird Fußballgott Beckenbauer geehrt, der sich ganz naiv hinstellt und sagt, er habe keine Sklaven in Katar gesehen.
An wem soll sich Mesut Özil ein Beispiel nehmen?“

Reinhard Schemionek aus Wustrow:

„Özil, Özil, Özil … Geht’s noch? Liebe Medien, haben wir in Deutschland keine anderen Sorgen? Würden sich die Medien um folgende Themen kümmern, würde der Tag mit 24 Stunden sicher nicht ausreichen: Rente, Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Gesundheitsreform, Pflege, marode Schulen, marode Bundeswehr, marode Infrastruktur, abgehängte Regionen, Digitalisierung …“

Gert Gätke aus Weilrod:

„Zum Thema „Amateure im DFB-Vorstand“: Ehrlich gesagt, mir sind Amateure im DFB wesentlich lieber als Profis im Bereich  „Steuerhinterziehung“, „Uhrenschmuggel“ und „Manipulation“ in der Führungsetage eines süddeutschen Fußballvereins.“

Detlef Klöckner aus Frankfurt:

„Warum hat er nicht weiter geschwiegen! Dann hätte man sich denken dürfen, er ist jung, bockig und kann das Höherwertige nicht vom Unwesentlichen unterscheiden. Aber nun wurde ihm offensichtlich von seinen exorbitant bezahlten Beratern fürchterlicher Unsinn diktiert, und er twittert es genauso unbedarft, wie er sich simple Sprüche auf den Körper tätowieren lässt. Nach diesem Erguss hat es die Öffentlichkeit Schwarz auf Weiß: Er ist schlicht gestrickt und ein Opportunist dazu. Oder soll man ihn gar einen Reaktionär schimpfen? Erdogan mit May und der Queen zu vergleichen und etwas von Respekt vor dem Amt des Herkunftslandes seiner Familie zu faseln hat in etwa das wirre Niveau der Äußerungen Trumps nach dem Besuch bei Putin. Mit dem feinen Unterschied, dass man sich als Spitzenpolitiker seine Gegenüber nicht unbedingt aussuchen kann.
Der Besuch Erdogans sei kein politisches Statement gewesen. Wie ist er denn dahin gekommen? Ist Erdogan etwa ein naher Bekannter des Hauses Özil? Selbst die Begründung der Ausrede ist noch lächerlich. Das ist vergleichbar, als wenn ihn ein Fotograf im Bordell erwischt hätte und er sagen würde, da habe ihn halt so eine nette Dame auf der Straße angesprochen. Da kann er doch nicht unhöflich sein.
Gerade weil zwei Herzen in seiner Brust schlagen, sollte er zwischen dem Bundespräsidenten und der Demokratie, für die er spielen durfte, und einem aggressiven Despoten und einer Diktatur trennen. Ein Südafrikaner, der für Menschenrechte, gegen Rassismus und Korruption eintritt, ließe sich auch nicht nebenher mit Zuma und den Gupta-Brüdern ablichten aus Respekt vor Amt und Einfluss. Gerade die Achtung vor einer präsidialen Position, aber vielmehr noch vor den in der Türkei politisch Inhaftierten, sollte dazu führen, Figuren wie Erdogan zu meiden. Mesut Özil entpuppt sich als die Sorte Karrierist, die vor jedem Machthaber buckelt.
Noch schlimmer aber: Was haben die Herren des DFB eigentlich mit ihm beredet, da sie doch zu wissen glauben, wie „Türken ticken“? Diese Affäre ist und bleibt auch ein Desaster der Führungsebene des Verbands. Es ist zu befürchten: Mesut Özil und die DFB-Verantwortlichen wissen nicht, was sie da anrichten.
Was war die Nationalmannschaft seit 2006 für eine Freude! Sie hat durch ihre multikulturelle Zusammensetzung positive Signale nach innen gegeben und nach außen entscheidend zur liberalen Reputation der Bundesrepublik beigetragen. Es braucht prinzipiell viele Jahre und viel Energie, Fragiles und Komplexes auf einen positiven Weg zu bringen, es braucht aber nur ein verkorkstes Turnier und insbesondere ein verheerendes Krisenmanagement, um alles wieder einzureißen. Die AfD wird es begrüßen. Jetzt sollte die Reset-Taste gedrückt werden und der DFB auf vielen Ebenen neues Personal präsentieren. Philipp Lahm und andere wären sicherlich geeigneter.“

44 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Der Fall des Mesut Özil erinnert mich an eine Deutschstunde vor langer Zeit. Die Studienrätin fragte: Was sind Riesenzwerge? Und was sind Zwergriesen? Eigentlich wusste es jeder, selbst wenn manchem die Definition des Unterschieds etwas schwer fiel. Doch am Ende hatten wir kapiert, was das Determinans (der bestimmende Teil eines zusammengesetzten Worts) und was das Determinatum (das Wort, das in der Verbindung näher bestimmt wird) ist.

    Warum mir das einfiel? Weil ich mich mal wieder frage, was der Begriff „Deutsch-Türke“ meint. Er scheint zu einem Sammelbegriff geworden zu sein für alle hier lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln, unabhängig von ihrer Präferenz für das jeweilige Land. Die logische Umkehrung, also „Türk-Deutscher“, hört man weniger bis gar nicht (leider auch nicht in den Qualitätsmedien, also der Welt außerhalb von Facebook und Twitter).
    Ersterer ist gemäß der Sprachlogik ein türkischer Staatsbürger (Türke ist das Determinatum), hat aber eine deutsche Sozialisation erfahren (Deutsch als Determinans). Letzterer hingegen ist Deutscher, hat aber türkische Wurzeln, die er mehr oder minder deutlich betont.
    Und es gibt selbstverständlich auch noch Deutsche, die dieses Land (Sprache, Kultur, Werte) vollständig annehmen und ihre Herkunft allenfalls in nostalgischen Momenten in Erinnerung rufen.

    Mesut Özil ist formal (rechtlich und von den Bedeutungsinhalten der deutschen Sprache her) ein Türk-Deutscher, also deutscher Staatsbürger mit türkischen Wurzeln und spielte bis vor wenigen Wochen in der deutschen Fußballnationalmannschaft. „Sein“ Präsident ist folglich der Präsident der Bundesrepublik Deutschland; ein Amt, das derzeit Frank – Walter Steinmeier innehat. Özil fühlt sich jedoch ebenfalls (oder besonders?) Recep Tayyip Erdoğan, dem Staatspräsidenten der Türkei, verbunden. Dieser muss sich nachsagen lassen, für die fortschreitende Entdemokratisierung der Türkei (verbunden mit der Aufhebung der Pressefreiheit, der Inhaftierung und Misshandlung politischer Gegner sowie diversen Korruptionsskandalen in seiner persönlichen Umgebung) verantwortlich zu sein.

    Daraus lässt sich schließen, dass der Fußballer nicht nur ein Problem mit seiner Identität hat (was an seiner Erziehung liegen könnte), sondern auch mit der Demokratie. Der sich so gründlich missverstanden fühlende Jungmillionär, der zunächst keine Stellung zum Fototermin bei Erdogan bezog, reagierte nunmehr mit einer Botschaft in englischer Sprache, in der er sich über Ausgrenzung und Rassismus beschwerte. Mutmaßlich wurde diese Klage von Leuten verfasst, von denen sich Özil leichtfertig instrumentalisieren lässt. Dieses Geflecht von gegenläufigen sportlichen und politischen Interessen durchschaut er nicht.

    Vor diesem Hintergrund gibt der Fall von Mesut Özil Anlass zu dem Hinweis, dass Integration der Bereitschaft zur Bildung und der uneingeschränkten Zustimmung zu demokratischen Werten bedarf.

  2. «Özil als Mitglied der Nationalmannschaft tritt persönlich für eine Nation an. Damit ist er zwangsläufig auch Botschafter der Werte dieser Nation.“
    „…unter diesen Umständen kein Repräsentant Deutschlands bei der WM in Russland sein kann.“
    Mal abgesehen davon, dass es mMn so etwas wie eine Nation gar nicht gibt, frage ich mich welche Werte dieser Nation ein Fußballspieler vertritt, wenn er einen Gegenspieler foult? Welche Werte dieser Nation vertreten die Spieler, wenn sie ihre Prämien aushandeln.
    Wer entscheidet eigentlich, wer Deutschland repräsentiert? Ich war immer der Meinung, dass das in einer repräsentativen Demokratie der Wähler macht.
    Wir haben einen Bundespräsidenten, eine Bundeskanzlerin, Bundesminister, ein Bundesverfassungsgericht. Da empfinde ich die Bezeichnung „Bundestrainer“ als anmaßend.
    Hier wird eine Unterhaltungsshow und das ist Profisport letzten Endes mit nationalen Symbolen aufgeladen und zur gleichen Zeit beschwert man sich über zunehmenden Nationalismus. Wenn man mir als 25jährigen gesagt hätte, dass ich als Botschafter der Werte der Nation agiere, wenn ich gegen den Ball trete, dann hätte ich wohl nur Luftlöcher produziert.
    Warum wollen Sportler gerne in einer Nationalmannschaft spielen? Aus dem gleichen Grunde aus dem man auch gerne in der Dorfauswahl spielen möchte. Weil man gezeigt bekommt, dass man zu den Besten gehört.
    Für Profisportler kommt noch ein zweiter Punkt dazu. Sobald man Nationalspieler ist, steigt der Marktwert und damit das Gehalt.
    Eine Ebene fehlt in der Einleitung und das ist die Ebene der Medien.
    Man soll doch bitte jetzt diesen vollkommen überforderten jungen Mann in Ruhe lassen und eine andere Sau durch Dorf treiben.

  3. Ralf Rath sagt:

    Laut dem Duden-Herkunftswörterbuch entstammt der im 19. Jahrhundert aus dem Englischen eingedeutschte Begriff „Sport“ dem altfranzösischen Wort „desport“ und bedeutet ursprünglich „sich zerstreuen, sich vergnügen“; was auch Formen der Entspannung sein können. Inzwischen scheint sich aber das, was unter Sport verstanden wird, diametral in sein Gegenteil verkehrt zu haben. Ist heute von Sport die Rede, ist damit allerhöchste Anspannung gemeint. Von solch einer pervertierten Auffassung gilt es sich demnach zu distanzieren, wenn die Debatte um einen Fußballspieler wie Özil nicht in kompletten Irrsinn umschlagen soll. Jeder, der seinen Verstand behalten will, entzieht sich insofern aus politischen Gründen einer Veranstaltung wie vor allem dem FIFA World Cup, der vom eigentlichen Sinn des Spiels sich dermaßen weit entfernt hat, dass jener ohnehin nicht mehr zu erkennen ist.

  4. hans sagt:

    Bierhof hat vor der WM gesagt das man im Trainingslager der Nationalmannschaft im Pokalendspiel den Bayern die Daumen gedrückt hat. Sind jetzt Frankfurter Deutsche zweiter Klasse oder hat die Eintracht zu viele Ausländer im Kader? Sorry Maas hat recht Özil ist kein Fall er irgendwas aussagt sondern Sommertheater.

  5. Anna Hartl sagt:

    Finde die Art, wie Bronski die verschiedenen Ebenen der Vorgänge um Özil aufzeigt, gut. Wo ich mit Herrn Flessner gehe, ist die Rolle der Medien, die Bronski nicht beleuchtet hat, sie fehlt als 3. oder 4. Strang.

    Barbara Fuhrmann hat etwas für mich wichtiges gesagt:“ dass Eltern und Grosseltern die jungen Menschen freigeben müssen.“ Mein Eindruck ist, dass sich die Klammer der türkischen Identität, immer weiter schließt. In einem Gespräch mit einer jungen Frau, hier geboren, Eltern aus der Türkei, kam genau dieses Thema auf. Sie wehrt sich mit allem, was ihr zur Verfügung steht, vehement gegen diese Form der Vereinnahmung. Als sie beschloss, mit ihrem Liebsten unverheiratet zusammen zu leben, hat ihre Mutter der Verwandtschaft erzählt, dass sie im kleinen Kreis nur standesamtlich geheiratet hätten. Die Lüge flog auf, das Theater war groß. Auf meine Frage, wie sie sich denn selbst fühlt im Bezug auf ihre Zugehörigkeit sagte sie, weder noch. In der Türkei fühlt sie sich als Deutsche, bzw. wird dort so gesehen und hier fühlt sie sich als zwar hier geboren, aber doch nicht nur deutsch. Nicht resultierend aus negativen Erfahrungen hier, sondern aus sich heraus. Aber sie fühlt sich hier Zuhause und möchte auch nur hier leben.

    Ich weiß nicht, wie sich Mesut Özil fühlt, kann mir aber vorstellen, dass dort ähnliche Mechanismen greifen.
    Ich mag seine eher scheue Art und seine intelligente Art und Weise in einem Fussballspiel zu agieren.
    Ob sein Vorwurf des Rassismus an den DFB gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen. Offensichtlich sind die Fehler die gemacht wurden. Es hat sich wohl keiner in der Lage gefühlt, das Wirrwarr aufzudroeseln und sich klar und eindeutig vor ihn zu stellen gegen die rassistischen Anfeindungen, denen er ausgesetzt war. Ich fand und finde den Umgang mit ihm beschämend. Ja, das Foto mit Erdogan war dämlich und die nach Wochen Erklärung ebenso. Es rechtfertigt nur in keiner Weise den Müll, der über ihm ausgegossen wurde.

  6. Bronski sagt:

    @ Anna Hartl

    Skitzzieren Sie doch mal, was Sie an der Rolle der Medien auszusetzen haben und was das Ihrer Meinung nach für den Verlauf des „Falls“ bedeutet.

  7. Reinhold Hinzmann sagt:

    Die ganze Debatte klammert die eigentlichen Fragen aus; Özil hat dem türkischen Despoten ein T-Shirt geschenkt, hat ihn offensichtlich hoffiert. Das ist indiskutabel. Aber wie verlogen ist es, wenn CDU-Politiker Özil diffamierend angreifen, er hätte Wahlkampf für Erdogan gemacht.
    Schon vergessen: Während der vorletzten Wahlen in der Türkei war die Bundeskanzlerin unzählige Male in der Türkei. Nur hat sie dem Diktator keine T-Shirts geschenkt, sondern lukrative Waffendeals ausgehandelt. Die Kurdenmorde in Afrin und anderen Orten geschahen mit deutschen Waffen. In den letzten drei Monaten wurden Waffen für fast eine halbe Million Euro an die Türkei geliefert. Özils Geste war eine riesen Dummheit, die Unterstützung der Kurdenmorde durch unsere Regierung ist ein Verbrechen. Nur noch mal in Erinnerung: Die Lieferung von Waffen in Spannungsgebiete ist illegal.
    Die Hetze gegen Özil soll davon ablenken. Dass die Ansammlung faschistischer Demagogen (AfD) dabei mitspielt überrascht mich überhaupt nicht.

  8. Anna Hartl sagt:

    @Bronski
    Für mich war es in erster Linie das „Überbordende“, das Gefühl, dass keine Zeitung ohne mehrseitige Artikel über das Thema in den Handel kam. Im Netz fanden sich Artikel, die sich der anderen Themen angenommen haben unter ferner liefen. Der völlig überzogene Stellenwert der dem Austritt von Özil aus der Nationalmannschaft gegeben wurde. Gab es um ein anderes Thema in den letzten Wochen oder Monaten einen solchen Hype?
    Wie wird denn das Angebot der Medien aussehen, wenn etwas wirklich dramatisches stattfindet?

    Der Verlauf des „Falls“, bzw. die Folgen machen mir Angst. Bezogen auf Özil habe ich den Eindruck, dass egal was er jetzt noch sagt oder tut, das Kind ganz tief in den Brunnen gefallen ist. Ein Rücktritt vom Rücktritt ausgeschlossen ist. Eine Heilung der Verletzungen ausgeschlossen ist. Ja, es steht nicht gut um die Beziehungen zur Türkei, mit guten und vielen Gründen und ja, das Unverständnis für die Handlungen von Teilen der sog. Deutsch-Türken wird auch nicht geringer, im Gegenteil. Aber das Thema Özil wird völlig überfrachtet mit dem Thema Integration. Die gefallene Galionsfigur der deutschen Integration?
    Können die Ereignisse um ihn noch mehr aufgebauscht werden?

    Was mir Angst macht ist die Vermutung, dass die Gräben in Deutschland immer tiefer werden, dass es keine wirkliche und konstruktive Diskussion über das Thema Integration geben wird. Die nötig ist. Das zu den Gräben auch noch die Mauern hochgezogen werden. Was soll uns das bringen?
    Integration ist doch kein Thema das man dem Anderen um die Ohren hauen kann.
    Auch hier gilt für mich, dass jeder Journalist eine Verantwortung für das trägt, was er in die Welt setzt und wie. Ich wünsche mir einfach, das auch hier über die Folgen vorher nachgedacht wird, bzw. die Motivation hinfragt wird, die eigene Haltung. Zuviel verlangt?

  9. Matthias Aupperle sagt:

    …..das Özil-Sommerloch-Theater hat nicht nur Verlierer, sondern einen großen Gewinner:

    Erdogan.

  10. Bronski sagt:

    @ Reinhold Hinzmann

    „Nur hat sie dem Diktator keine T-Shirts geschenkt, sondern lukrative Waffendeals ausgehandelt. Die Kurdenmorde in Afrin und anderen Orten geschahen mit deutschen Waffen.“

    Bitte belegen Sie diese Tatsachenbehauptungen, am besten mit Links zu Berichterstattung.

    @ Anna Hartl

    Im Grunde ist es jedes Jahr dasselbe Problem um dieselbe Wahrnehmung: Themen werden unangemessen hochgekocht, weil sich Medien, so die Wahrnehmung, in unangemessener Breite damit beschäftigen. Man nennt es Sommerloch. Ihre Kritik höre ich tatsächlich jedes Jahr wieder, unverändert, seit ich diesen Job mache. Es ist wohl richtig, dass sich die Medien auf solche Themen stürzen, wenn es sonst keine gibt. Deswegen sollte eine kluge Beratung – das zielt jetzt auf Özils Berater – beachten, dass der Schützling in dieser sensiblen Zeit ruhig bleibt. Tatsächlich wurde die Rücktrittserklärung aber genau in dieser Zeit platziert, und das weckt bei mir den Verdacht: weil Özils Berater wussten, dass der Nachricht dann wegen des Sommerlochs die größtmögliche Aufmerksamkeit zukommen würde. Nach allem, was bisher über die Beratungstätigkeit bekannt wurde, kann man wohl Zweifel haben, dass das eine im Sinne des Klienten gute Beratung war, aber dieses Gesetz der Pressekommunikation dürften sie trotzdem kennen. Es gilt seit Jahrzehnten.

  11. Was lernen wir aus Bronski Beitrag? Im Sommer werden Themen unangemessen hochgekocht. Daran ist aber nicht schlechter Journalismus schuld, sondern der Klimawandel, Entschuldigung, das Sommerloch. Aber eigentlich ist auch das Sommerloch nicht schuld, sondern die Berater von M. Özil, denn die wissen ja, dass es das Sommerloch gibt und da werden Themen unangemessen hochgekocht. Deshalb hat Bronski den Verdacht, dass die Berater wollten, dass das Thema hochgekocht wird. Aber eigentlich ist M. Özil selber schuld, denn er beschäftigt ja seine Berater. Wenn also das Thema unangemessen hochgekocht wird, gibt es nur einen Schuldigen: M. Özil.
    Damit wir durch das Sommerloch nicht demnächst leere Zeitungsseiten und stumme Moderatoren vor uns sehen, schlage ich vor das Thema auszuweiten. Der Bundestrainer als weltweiter Vertreter der Werte der deutschen Nation hat auch die Dienste eines türkischen Beraters in Anspruch genommen.
    Ist jemand mit einem türkischen Berater als Vertreter der Werte der deutschen Nation noch tragbar?

  12. Josef Ullrich sagt:

    Für mich ist Özil der Komplexität der Sache einfach intellektuell nicht gewachsen. Er wurde doch nur von anderen benutzt, wie von Erdogan für seinen Wahlkampf und jetzt vom türkischen Fußballverband, um Stimmung für sich zu machen bei der Bewerbung um die EM 2024. Nur zu Erinnerung: Mit 18 Jahren gab Özil seine türkische Staatsbürgerschaft ab, um in der deutschen Nationalmannschaft zu spielen und um Weltmeister zu werden. Vom sportlichen Ehrgeiz verständlich – nicht von einem ausgeprägten Nationalbewusstsein. Im Länderspiel gegen die Türkei 2010 wurde er von den türkischen Zuschauern ausgepfiffen. Die Rolle des DFB spricht nicht gerade für Souveräntität. Herr Grindel als ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter hätte die Brisanz früher erkennen müssen.

  13. Reinhold Hinzmann sagt:

    @bronski
    Konkrete Links kann ich nicht nennen, ich beziehe mich auf die Berichterstattung in den Medien, auch der FR, aber auch auf die „Junge Welt“ oder die Nachrichten von ARD oder ZDF

  14. Manfred Schmidt sagt:

    Was in diesem Falle des Spielers Özil auffällt, ist sein reflexartiges Begeben in die Opferrolle, was gleichzeitig mit dem Vorwurf einhergeht, -dem alltäglichen-Rassismus ausgesetzt zu sein. Bezeichnenderweise fand er sofort in der Person von Herrn Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralverbands der Muslime in Deutschland einen eifrigen Fürsprecher. Dieser Herr besitzt ebenfalls eine große Kompetenz darin, wann und wem Rassismus zu bescheinigen ist.

    Ich möchte in Erinnerung rufen, dass der Bundestrainer Verständnislosigkeit und Kritik dafür erntete, dass er einen Spieler wie z.B. Sané nicht in den Kader berief. Thomas Müller wurde für sein harmloses Spiel vor dem Tor kritisiert, Sami Khedira für das Nichtvorhandensein von Grundschnelligkeit und somit ein
    schnelles Umschaltspiel so gut wie nicht stattfinden konnte.
    Und, zugegebenermaßen, war die Leistung von Mesut Özil auf dem Platz schon länger nicht mehr so prickelnd, ebenso wie die der gesamten Mannschaft.
    Solches kann im Sport immer passieren und ein Spieler, Teile einer Mannschaft oder auch das gesamte Ensemble sieht sich dann eben einer kritischen Betrachtung unterzogen. Genau das ist in diesem Falle geschehen und die kritisierten Spieler und der Trainer haben das hinzunehmen.
    Warum Mesut Özil sich in Larmoyanz flüchtete wegen des Fotos mit Erdogan bleibt sein Geheimnis, er hätte aber wissen müssen dass die Ereignisse der letzten Jahre in der Türkei und der Blick aus Deutschland auf diese Ereignisse durch ein solches Foto zwangsläufig Irritationen erzeugen musste.
    Übrigens habe ich noch nie ein Foto von Mesut Özil gesehen, auf dem er ein fröhliches Gesicht zeigte, außer auf dem mit „seinem Präsidenten“.

  15. Jürgen Malyssek sagt:

    Die besten Analysen und Kommentare zum Fall Özil, der ein Fall aller führenden Köpfe des DFB ist, lese ich im Fachblatt ‚Kicker‘: „Es gibt nur Verlierer!“ Eine außer Kontrolle geratene Debatte überlagere viele weitere Probleme.
    Es werden Probleme in die Debatte gebracht, die mit dem Fall wenig zu tun haben (Doppelte Staatsbürgerschaft, Einwanderungsprobleme türkischer Familien, Integrationsprobleme, Rassismus usw.).
    Im ersten Teil seines Leserbriefes gibt Jürgen König (25. Juli) für mich die passenden Antworten.
    Auch der Kommentar von Jan Christian Müller („Türöffner gesucht“, 27. Juli)ist hilfreich, die Angelegenheit fokusierter anzupacken.
    Besonders seine Fragezeichen beim Bundestrainer Löw für sein fast unerträgliches Schweigen!

    Es bleibt so: Nur Verlierer. Präsident Grindels Führungsschwäche und verspätete Wortmeldung.
    Bierhoffs unglücklicher Versuch die belastende Stimmung im WM-Kader und mögliche Konsequenzen aus dem Özil – Erdogan – Gündogan-Auftritt – wiederum zu spät – zu kommunizieren. Löws Talent zu schweigen, wenn’s kniffelig wird und seine Entscheidung weiter zu machen – was überhaupt nicht gutgehen kann!

    Über Özil selbst (nebst seinen/m Berater) gibt es nicht mehr viel zu sagen: Von vorne bis hinten alles schief gelaufen. Gündogan hat anscheinend noch die Kurve gekriegt.

    Jetzt lastet zu allem Unglück auch noch die Vergabeentscheidung für die EM 2024 (Türkei oder Deutschland)auf den Schultern der DFB-Führung.
    Fällt die Entscheidung am 29. September zugunsten der Türkei, ist der Ofen aus für Reinhard Grindel und sein Amt.

    Sagen wir’s mal so: Der Karren ist verfahren!
    Alle Führungspersonen sind angeschlagen.

  16. Anna Hartl sagt:

    @Juergen Malyssek
    Stimmt, Herr Malyssek. Der Karren ist verfahren und zwar auf vielen Ebenen. Bin über die Aussagen von Cacau bei Twitter und metwo gelandet. Habe einen Teil der bis gestern 44 000 Einträge zum erlebten Rassismus in Deutschland gelesen. Teils beschämend, teils absurd wobei ich mich fragte, wenn ich als Scheissdeutsche bezeichnet werde, ob das auch unter den Begriff Rassismus fällt!? Oder wie hart und beleidigend es ist, als Nazi bezeichnet zu werden. Auf jeden Fall scheint etwas in Gang zu kommen in Bezug auf die Integrations- und Rassismusdebatte, auch wenn es zunächst wie bei metoo wohl darum geht, „Dampf“ abzulassen, mitzuteilen, wie Rassismus den Menschen im Alltag begegnet. Vieles ähnlich unreflektiert wie die Vorwürfe von Özil, da der eigene Part völlig aussen vor gelassen wird. Nach dem Motto, was ich tue ist meine Sache und ihr habt gefälligst die Klappe zu halten? Nur leider ist gerade auch aus dem Versuch, sich nicht zu äußern auch von Bierhoff „es wäre jetzt aber gut“, ein Riesending geworden. Ilkay Gündogan war da wohl etwas klüger oder besser beraten.

  17. „Es werden Probleme in die Debatte gebracht, die mit dem Fall wenig zu tun haben (Doppelte Staatsbürgerschaft, Einwanderungsprobleme türkischer Familien, Integrationsprobleme, Rassismus usw.).“ (Jürgen Malyssek)
    Es mag ja sein, dass die angeführten Probleme nichts mit dem Fall zu tun. Andererseits würde es diesen Fall gar nicht geben, wenn der Profisport nicht mit nationalen Symbolen aufgeladen wäre. Ohne den Fußballnationalismus gäbe es den Fall Özil gar nicht. Ohne den Fußballnationalismus hätte Erdogan auch gar kein Interesse daran, sich mit M. Özil zu zeigen.
    Früher musste man als Fußballspieler gut Fußballspielen können. Inzwischen werden sie auch geschult, wie man die Reporterfragen beantwortet. Vielleicht braucht man in der Zukunft auch eine politische Schulung, eine Überprüfung der politischen Einstellung. Darf ein z. B. AfD-Mitglied, -wähler oder -sympathisant Nationalspieler oder Bundestrainer sein?
    Die Geschichte wird vermutlich nicht so schnell vorbei sein. Die Medien beginnen sich jetzt auf das Schweigen der anderen Nationalspieler einzuschießen.

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    So betrachtet, haben Sie natürlich nicht unrecht. Daher rührt der weitere Stoff, aus dem diese fast uferlose Debatte ihren Lauf genommen hat.
    Ich rechne auch nicht damit, dass die Geschichte so schnell vorbei sein wird.
    Siehe EM-Vergabe und der wacklige Stuhl von Grindel. Löws ‚unmögliche Aufgabe‘ eines Neuaufbaus und die aktuell erhitzte Diskussion zur Integration und …

  19. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle, 26. Juli 2018 um 22:39

    „…..das Özil-Sommerloch-Theater hat nicht nur Verlierer, sondern einen großen Gewinner: Erdogan.“

    Ich finde, Sie treffen hier den Nagel auf den Kopf.
    Ich habe auch keine Lust mehr, mich zum Fall „Özil“ zu äußern. In Wirklichkeit handelt es sich doch um einen Fall „Erdogan“. – Den wievielten eigentlich?

    Nun habe ich noch vor kurzem Özil bezüglich der Kritik verteidigt, die deutsche Nationalhymne nicht lauthals mitzusingen. Was er sich aber weiterhin geleistet hat, lässt mein Verständnis für ihn auf null sinken. Bzw. für sein Beraterteam, auf das Bronski zu recht verweist.
    Drei Punkte finde ich unerträglich:
    – Dass ein für die deutsche Nationalmannschaft spielender Millionär seinen Rücktritt öffentlich und auf englisch verfasst (bzw. verfassen lässt), ist eine bloße Provokation und glatte Unverschämtheit. Zivilisierte Umgangsformen sehen anders aus.
    – Dass er zu dem eindeutigen und unakzeptablen eigenen Fehlverhalten nicht nur nichts zu sagen hat, sondern sich darüber hinaus noch feige hinter seiner Mutter versteckt, die ihm „Respekt“ vor einem Staatsamt gelehrt habe (aber offenbar nicht vor Menschenrechten und zivilen Umgangsformen), ist nicht nur unglaubwürdig, sondern infantil und eines erwachsenen Menschen unwürdig.
    – Der „Rassismus“-Vorwurf an den DFB – dessen Berechtigung von Außenstehenden überhaupt nicht überprüft werden kann – zielt nicht nur auf Türkenhasser, sondern auf die deutsche Gesellschaft insgesamt (die ihm die Chancen gegeben hat, das zu werden (und u.a. Millionär). Sein Beleidigtsein und seine Larmoyanz wirken vor diesem Hintergrund lächerlich.

    An den genannten Punkten wird wohl recht eindeutig die Handschrift von türkischen Nationalisten erkennbar, die in Özil das geeignete Objekt gefunden haben, um ihrer Hetze (in Dienstendes des türkischen Diktators) entsprechende Publizität zu verleihen. Die so zur Einschüchterung der türkischstämmigen Community den langen Arm Erdogans demonstrieren.
    Besonders aberwitzig die Kommentare türkischer Hofberichterstatter, wenn man bedenkt, dass es ursprünglich die nationalistischen Erdogan-Fans waren, die sich einen Özil als Opfer ihrer Hetze auserwählt hatten. Dazu der Bericht von Frank Nordhausen: „Türkische Medien tadeln Deutschland“ (http://www.fr.de/politik/der-fall-oezil-tuerkische-medien-tadeln-deutschland-a-1550388)

    Das Kapitel „Özil“ sollte man wohl endgültig abschließen. Leider kann man das gleiche nicht vom Kapitel „Erdogan“ sagen – schon gar nicht von dessen unerträglichem Einwirken auf in Deutschland lebende Menschen. Er scheint wohl zu diesem Zweck genügend Mistreiter in Deutschland zu haben, die zu allem bereit sind, wenn es um die Interessen des Diktators aus Ankara geht.
    Ein Özil erscheint in diesem Zusammenhang höchstens als nützlicher Idiot und kleiner Narr.

  20. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 28. Juli 2018 um 1:09

    „Es werden Probleme in die Debatte gebracht, die mit dem Fall wenig zu tun haben (Doppelte Staatsbürgerschaft, Einwanderungsprobleme türkischer Familien, Integrationsprobleme, Rassismus usw.).“

    Darum geht es bei dem lächerlichen Spektakel den nationalistischen Hetzern von beiden Seiten wohl in erster Linie.

    Beispiel „doppelte Staatsbürgerschaft:
    Mit Hetze dagegen hat ein Roland Koch ja schon 1998 die hessische Landtagswahl gewonnen. Wobei es nicht allein um Doppelstaatler türkischer Herkunft geht, sondern um Ausländer generell. (Beobachtung an CDU-Wahlständen: „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“)
    In einem Protestscheiben an Wolfgang Schäuble (damals Innenminister) hatte ich u.a. auf die doppelte Staatsbürgerschaft unserer Kinder verwiesen. Im Antwortschreiben unterstellt Schäuble diesen daraufhin „gespaltene Loyalität“ – quasi eine Form der Schizophrenie.
    Ein Beispiel dafür, wir nationalistische Hirne „ticken“ und wie sich ihre Komplexe gegenüber Menschen mit breiterem Erfahrungshorizont in Aggressivität umsetzt.

    Um eben darum geht es wohl den nationalistischen Özil-„Kritikern“ wie auch ihren Geistesgenossen auf türkischer Seite.

  21. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Özil wird zum Symptomträger für alles, was heute die Masse in ihrem Befinden stört und zur Allzweckwaffe für die ganz nationalistischen Unbelehrbaren, die Hardliner.
    Das hätte die DFB-Führung, wenn nicht verhindern, sich so doch gegen eine solche vorhersehbare Instrumentalisierung klar positionieren können.

  22. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Das ist es ja: Gehen Sie ins Netz und schauen sich die Unzahl von Einträgen an, dann erleben Sie die Sinnlosigkeit dieser Auswürfe. Ich kann auch eine Mülltonne in die Fußgängerzone stellen und „Ihre Meinung, hier bitte wegwerfen!“ drauf drucken, dann habe ich wenigstens das passende Behältnis für dieses Zeugs. Es muss nur noch entsorgt werden.

    In manchen Wechselfällen des Lebens ist mir auch schon „Scheissdeutscher“ und „Nazi“ entgegengeschleudert worden. Immerhin habe ich gehört und gesehen, wer es war. Diese Unmittelbarkeit ist eine Möglichkeit angemessen zu reagieren.

    özils Rassismus-Vorwurf sehe ich eher im Zusammenhang seines schlechten Beraterumfeldes.

    In dem einen Punkt würde ich sogar Loddar Matthäus zustimmen, als er vor einiger Zeit – während der Gruppenphase der WM sich in etwa so zu Wort meldete: „Özil fühlt sich nicht mehr wohl im deutschen Nationaltrikot!“
    Sein Rücktritt ist keine Katastrope, durchaus nachvollziehbar, aber befeuert leider die Rassismus- und Integrationsdebatte.

  23. „Özil fühlt sich nicht mehr wohl im deutschen Nationaltrikot!“
    Da frage ich mich, woher der Loddar das schon wieder weiß.

  24. Jürgen Malyssek sagt:

    Naja, bisschen Ahnung vom Fußball und vom Innenleben eines Nationalspielers hat der Loddar schon, auch wenn seine Kommentare manchmal in der ewigen Zitatensammlung landen.
    Darüber hinaus ist er gebürtiger Franke. Die kennen sich in der deutschen Mentalität gut aus.

  25. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek. 29- Juli 17:41

    „Sein Rücktritt ist keine Katastrophe, durchaus nachvollziehbar, aber befeuert leider die Rassismus- und Integrationsdebatte.“
    Warum „leider“? Soll über dieses Problem, das Özil ja selbst in die Diskussion eingebracht hat, in Zukunft geschwiegen werden?

  26. Manfred Schmidt sagt:

    @Brigitte Ernst,
    Ihr letzter Satz mit der Frage „Warum ‚leider‘?“ halte ich für mehr als angebracht. Bei jedem Pups in einer Debatte, bei der es in irgendeiner Form um Migranten und deren Leben in Deutschlan geht, findet sich sofort jemand, der bereit ist, sich der Rassismuskeule zu bedienen. Gerne würde ich z.B. Katharina Barley von meiner Partei fragen, wo Mesut Özil in der hier zu diskutierenden Angelegenheit mit Rassismus begegnet wurde….

    Andernorts erwähnte ich schon mal, dass ich selbst im Ausland lebe. Vom Augenschein alleine werden meine Frau und ich von denen, die schon immer hier lebten als Ausländer erkannt. Angesprochen werden wir deshalb häufig in mehr oder weniger gutem Englisch. Der Einwand, wir sprechen die Landessprache wird erstaunt, aber positiv aufgenommen. Häufig wird dann auch die Frage gestellt, woher wir (ursprünglich) kämen. Unsererseits erfolgt bereitwillig die entsprechende Auskunft und in fast allen Fällen entwickelt sich daraus eine ungezwungene und amüsante Konversation über das, was so mit „Gott und die Welt“ bezeichnet wird.

    Häufig lese ich, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland schon durch die Frage „woher kommen Sie?“deshalb diskriminiert fühlen oder sich dem sogenannten „alltäglichen Rassismus“ ausgesetzt sehen.

    Meine Frau und ich fragen uns dann häufig, „wieso stellt sich bei uns bei dem was wir genau so erleben, nicht das Gefühl ein, diskriminiert zu werden, von entgegengebrachtem Rassismus ganz zu schweigen?……

  27. Manfred Schmidt sagt:

    @Jürgen Malyssek
    hallo Herr Malyssek, ist die letzte Zeile Ihres Kommentars vom 30.07. um 2:49h
    „Darüber hinaus ist er gebürtiger Franke. Die kennen sich in der deutschen Mentalität gut aus“ jetzt als ironischer oder positiv besetzter Rassismus zu bewerten?😊 Wie sagt der Hesse? „nix fer ungut“.

  28. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Damit ist gemeint, dass die Debatte bereits läuft, aber sie weiter befeuert wird. Das wahrscheinlich in einer Weise, die die Sache nicht besser macht. Vielleicht passt das Bild mit den Waldbränden. Die Brände sollten eine Chance haben gelöscht zu werden. Bevor es zu einer Katastrophe wird. Ein bestimmter Teil der Debattenführer sollten vielleicht wirklich schweigen.

  29. Anna Hartl sagt:

    @Manfred Schmidt
    30.07.18, 17.05
    Ich denke der Unterschied liegt darin, dass Sie – war es Portugal -? dort nicht geboren sind und sich evtl. auch nicht wie ein „Einheimischer“ fühlen, bzw. fühlen wollen.
    Das was Sie beschreiben kenne ich auch. Es ist sozusagen die Gesprächseröffnung mit einem ehrlichen Interesse daran woher der Andere kommt und wie es ihm vor Ort so geht und gefällt.
    Das schwierige mit manchen Doppelstaatlern ist, dass bei der Nachfrage gleich die Klappe fällt und der Teil, wie geht es ihnen hier, überhaupt nicht mehr vorkommt. Denn auch hier besteht von meiner Seite ein ehrliches Interesse daran, wie es dem Anderen geht und zwar in dem Bewusstsein, dass es wohl nicht immer so einfach ist, sich in zwei Nationalitäten zu bewegen. Hier der „Türke“ dort der „Deutsche“. Vielleicht legt man aber gerade da immer den Finger in die Wunde der innerlichen Zerissenheit. Nur sorry, dafür kann ich auch nichts.
    Am Sonntag lief in einem Kiosk Musik die Ähnlichkeit mit der indischen hat und ich kam mit der Inhaberin ins Gespräch. Sie stammt aus Peshawar und hat mir nicht „den Kopf abgerissen“, dass ich das miteinander verwechselt habe. Ihr und ihrer Familie geht es gut hier, da u.a. hier die Gesetze geachtet werden. Die gibt es in Pakistan auch, werden aber nach ihrer Aussage, nicht befolgt oder umgangen. Was ihr fehlt sind die fröhlichen Feste ihrer Heimat. Eine Zeit des “ nur glücklich seins“.
    Fand ich schön und traurig zugleich.

  30. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Manfred Schmidt

    Ironisch zu bewerten, Herr Schmidt.
    Ich mag übrigens den Matthäus irgendwie und ich mag als Wahlhesse und Wahlhunsrücker das Fränkische, besonder dieses rollende R.
    Also: „Nix fer ungut“.

    Vielleicht noch zwei Bonmots von Loddar:
    „Wir dürfen jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken!“
    „Heute haben wir uns gut aus der Atmosphäre gezogen.“

  31. Werner Engelmann sagt:

    @ Manfred Schmidt, 30. Juli 2018 um 17:05

    „Häufig lese ich, dass sich Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland schon durch die Frage „woher kommen Sie?“deshalb diskriminiert fühlen oder sich dem sogenannten „alltäglichen Rassismus“ ausgesetzt sehen. Meine Frau und ich fragen uns dann häufig, „wieso stellt sich bei uns bei dem was wir genau so erleben, nicht das Gefühl ein, diskriminiert zu werden, von entgegengebrachtem Rassismus ganz zu schweigen?…“

    Ihre Beobachtungen teile ich, der ich seit über 25 Jahren im Ausland lebe (mit 3 Kindern doppelter Staatsangehörigkeit) und stimme Ihren Schlussfolgerungen auch insgesamt zu.
    Dazu nur ein Beispiel: Das eines Luxemburgers, der auf einer wenig befahrenen Straße dahergerast kam und dabei meinen Außenspiegel beschädigte. Was ihn zum Rasen brachte, war nicht einmal, dass ich ihn deswegen zur Rede stellte, sondern weil ich das auf Deutsch tat: „Und nicht einmal ein Luxemburger!“ Die für ihn wohl schlimmste Form der Verachtung.

    Natürlich könnte jeder in unserer Situation haufenweise solche Geschichten erzählen, ohne auf die Idee von Rassismusvorwürfen zu kommen.
    Das Problem scheint aber nicht vor allem zu sein, dass Menschen türkischer Herkunft hier eine besondere „Sensibilität“ (oder falsch verstandenen Nationalstolz) zeigen (ich habe viele türkische Schüler der 2. Generation unterrichtet).
    Das Hauptproblem liegt wohl darin, dass dieses Gefühl der Diskriminierung – seit Erdogan in zunehmendem Maße – gezielt geschürt und ausgebeutet wird.
    Daher auch meine Einschätzung, dass dies ein Fall von Erdogan (und dessen Umfeld) ist und weit weniger von Özil. Der bietet sich (da sowohl berühmt als auch naiv genug) hier nur als besonders geeignetes Modell an, um jegliche Form von Integrationsbemühungen in Deutschland im Sinne Erdoganschen Machtanspruchs über „seine“ Hirne („wo ein Türke ist, ist Türkei“) kaputt zu reden.

    Als Beleg hierfür dient auch die Beobachtung gezielter Manipulation eines Mezut Özil durch seine „Berater“: http://www.fr.de/politik/meinung/kommentare/mesut-oezil-der-irrsinn-mit-mesut-oezil-a-1549158
    Dass ein Özil selbst nach der unglaublichen Instrumentalisierung seiner Person zum Zweck antideutscher Hetze in türkischen Medien (vgl. Link in meinem Beitrag vom 28.7.) keine Veranlassung sah, sich davon zu distanzieren, ist zusätzlich ein Hinweis darauf, dass er – einst Feindbild türkischer Nationalisten – wohl vollständig „umgedreht“ wurde. –
    Was für ein gefundenes Fressen für die Erdogan-Clique!

  32. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Wenn man zwei Seelen in seiner Brust hat, wird es nur dann zum Problem, wenn man manipuliert/instrumentalisiert wird oder sich manipulieren/instrumentalisieren lässt.
    Das wird im Falle Özil der Fall gewesen sein (Anmerkung Werner Engelmann oben).

    „Wer Wurzeln in zwei Ländern hat, so wie Mesut Özil, sollte nicht gezwungen werden, die Hälfte davon auszureißen“, mahnt Wolfgang Schmidbauer, Psychoanalytiker, München. Zu lesen in Welt am Sonntag, 29. Juli.
    Es bleibt dabei: Dieses politische Spiel hat nur Verlierer! Und der DFB und seine Schergen sehen dabei ganz ganz alt aus.

  33. Anna Hartl sagt:

    @Juergen Malyssek
    „Wenn man zwei Seelen in seiner Brust hat, wird es nur dann zum Problem ….“
    Ist nicht mein Eindruck. Auch diejenigen die sich nicht instrumentalisieren lassen, mit Erdogan nichts am Hut haben, fühlen sich zerissen.
    Andererseits sehe ich, durch wessen Betreiben auch immer, die zunehmende Spaltung und Aggression derer, die sich verstärkt eher türkisch definieren.
    Was mir noch auffällt, ist das immer gleiche Muster, wie auch auf Twitter, wo die Meinung vertreten wird “ wir sollten es nicht wagen, über den Inhalt der Statements zu diskutieren“. Egal wie und wo, die Brocken werden hingeworfen, darüber zu reden, Fehlanzeige.
    Verstehe diese Haltung nicht und einem Weiterkommen ist sie im evtl. Austausch nicht dienlich. Gesprächsverweigerung vertieft die Gräben und lässt mich ratlos zurück.

    Freut mich, dass Sie die Franken mögen. Komme ursprünglich aus Franken, rolle aber kein R. Bei mir ist es am N zu hören.
    Danke für die „Sprüche“ von Loddar. Auch Mal was zum Schmunzeln.

  34. Manfred Schmidt sagt:

    @Anna Hartl, ja, es ist Portugal und die Temperaturen sind hier im Moment etwas angenehmer als in weiten Teilen Deutschlands (kleiner Schlenker).

    Im ersten Kommentar, verfasst von Klaus Philipp Mertens, legt er anschaulich dar, was bei zusammengesetzten Hauptwörtern die Begriffe Determinans und Determinatum ausmachen. Ob aber -als Schlussfolgerung daraus- richtigerweise die Verwendung von „Türkdeutschen“ in diesem Falle etwas Positives auslösen würde/ausgelöst hätte, ich weiß es nicht.
    Werner Engelmann weist auch darauf hin, dass unter Erdogan der Anspruch „wo ein Türke ist, ist Türkei“ wieder verstärkt betont wird und die
    im Ausland lebenden Türkischstämmigen angehalten sind, dies auch zu verinnerlichen.
    Neu ist diese Haltung nicht, sie führte in den Siebzigerjahren zum Zypernkonflikt, als nach der Unabhängigkeit der Insel unter den Zyprioten eine Diskussion entstand, sich eventuell an Griechenland anzuschließen (Bischof Makarios).
    Aufgrund des auf der Insel durch Arbeitsmigranten entstandenen türkischstämmigen Bevölkerungsanteils intervenierte die Türkei militärisch, um einen solchen Anschluss zu verhindern. Die Folgen sind bis heute nicht ausgeräumt.
    Darüberhinaus, was ist mit dem „Türkentum“, gegen das man in der Türkei Verbrechen begehen kann? Wieviel der in EU-Staaten lebenden Türkischstämmigen haben das „Türkentum“ verinnerlicht oder sich wieder einpflanzen lassen?
    Die Zustimmung zu Erdogan drückt es deutlich aus und wen wundert da die enstandenen Probleme?

  35. Ute Vogell sagt:

    Leider verplappert, Herr Timm, und eine vertane Chance Ihrerseits, Brücken zu bauen!
    Denn Ihr Leserbrief zeigt, dass der alltägliche Rassismus im sprachgewandten deutschen Bürgertum angekommen ist.
    Sie fühlen sich erheblich gestört durch die Opferrolle, die sich Mitbürger anmaßen. Provoziert fühlen Sie sich, wenn Menschen behaupten, dass sie unsere Kultur und unser Gesellschaftssystem ablehnen, weil sie sich nicht ernst genommen fühlten.
    Diese persönliche Empfindsamkeit will ich Ihnen gerne zugestehen.
    Perfide (oder rassistisch) wird Ihr subjektives Empfinden allerdings dann, wenn Sie diese Opferrolle einseitig an einer bestimmten Gruppe festmachen – in Ihren Worten „nicht zuletzt türkischstämmige Muslime“.
    Haben Sie sich noch nie mit Mitbürgern aus der ehemaligen DDR oder Angehörigen der sogenannten „unteren sozialen Schichten“ unterhalten? Dann wüssten Sie nämlich, dass sich die von Ihnen beklagte „Opferrolle“ und dass sich das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, genauso bei Deutschen findet.
    Ihre Ausführungen zum Absingen der Nationalhymne sind ahistorisch. Sie zeigen wenig Einblicke in die Geschichte der Nationalmannschaft in der Bundesrepublik und wenig Kenntnis über Videobilder von Einzelspielern, als dann irgendwann das Singen der Nationalhymne verpflichtend wurde. Ich erinnere mich noch gut an Meisterschaften, in denen – aus damals gutem Grund – niemand die Nationalhymne sang bzw. auch „Biodeutsche“ vor sich hin grummelten.
    Was den Umgang mit Machthabern anbelangt – wo bleibt hier Ihre (in anderen Leserbriefen durchaus geäußerte) Kritik an der Strategie des DFB oder an dem Verhalten deutscher Politiker, die sich mit Umstrittenen nicht nur fotografieren lassen, sondern sogar auf Augenhöhe mit ihnen verhandeln wollen? Und sich außerdem gern selbst im Schein der Nationalmannschaft sonnen – wobei keinem Spieler durch Medien oder Leser verübelt wird, wenn er das zulässt.
    Sehr geehrter Timm, vielleicht tue ich Ihnen Unrecht. Aber leider ordnet sich für mich Ihr Leserbrief in die Reihe der Bildungsbürger ein, die im sogenannten 3. Reich dem Faschismus durch Rassismus den Weg ebneten. Denn solange Sie durchaus kritikwürdige Haltungen nur einer bestimmten Herkunft oder „Rasse“ („türkisch-stämmige Muslime“) zuordnen, betreiben Sie das Geschäft der rechten Volksverhetzer, die ausgrenzen statt integrieren wollen. Und das müsste Ihnen eigentlich klar sein.

  36. Brigitte Ernst sagt:

    @ Ute Vogell

    Ich gehe davon aus, dass Sie die bisherige Debatte im Blog nicht verfolgt haben und dass Bronski Ihren Leserbrief, der bereits in der Printausgabe der FR veröffentlicht wurde, nachträglich hier im Blog eingefügt hat.
    Ich würde Ihnen empfehlen, sich die bisherigen Beiträge zu diesem Thema durchzulesen, um sich mit einem Gegengewicht zu Ihrer harschen einseitigen Kritik bekannt zu machen, die Sie nicht nur an Nick Timms Leserbrief, sondern sogar an seiner gesamten Persönlichkeit üben.

    Vom Rassismusvorwurf – der in letzter Zeit ja, wie Manfred Schmidt richtig bemerkt, schon inflationär verwendet wird – überzugehen in eine Attacke, die Herrn Timm auf eine Stufe stellt mit Deutschen der 1920er/30er Jahre, die dem Faschismus den Weg ebneten, halte ich doch für starken Tobak.

    Man gewinnt den Eindruck, als hätten Sie den Leserbrief mit seinen vorsichtigen Nuancierungen gar nicht richtig gelesen. Die rote Lampe „Rassismus“ leuchtet auf, und schon sind manche Leute nicht mehr in der Lage, geradeaus zu lesen und zu denken.

    Am Anfang schreibt Herr Timm: „Der Fall Özil zeigt, dass mit der Integration vor allem von türkischstämmigen Mitbürgern einiges im Argen liegt. […] Dass wir insgesamt noch daran arbeiten müssen, versteht sich von selbst.“
    Er sagt nicht „alle Türken“ und er räumt ein, dass „wir insgesamt“, also auch die Herkunftsdeutschen, aufgerufen sind, an einer besseren Integration zu arbeiten. Rassismus kann ich hier nicht entdecken, zumal Herr Timm im folgenden Satz sogar das „friedliche Zusammenleben mit Millionen von Mitbürgern türkischer Herkunft“ rühmt. Aber das müssen Sie überlesen haben.

    Wenn der Leserbriefschreiber danach die „Einseitigkeit der Empfindlichkeiten in einer Art Opferrolle, die Muslime, nicht zuletzt türkischstämmige Muslime für sich in Anspruch nehmen“ kritisiert, so wählt er diese Ethnie, weil auch Mesut Özil, um den es in diesem Thread ja geht, türkische Vorfahren hat. Mit keinem Satz behauptet er, dass er diese Opferrolle NUR bei dieser Bevölkerungsgruppe entdeckt.
    Dass eine ähnliche Opferhaltung auch gern von gewissen Herkunftsdeutschen eingenommen wird, hat Herr Timm nicht bestritten, aber um die geht es hier ja nicht. Diskussionsgegenstand sind Menschen mit Migrationshintergrund, speziell, türkischstämmige. Und es geht um (vermeintlichen) Rassismus, über den sich Özil beklagt, über den sich aber weder jammernde Bürger der ehemaligen DDR noch Angehörige der unteren sozialen Schichten beschweren. Ihr Vergleich hinkt also gewaltig.

    Was im Mittelpunkt von Nick Timms Kritik an Özil steht – so wie ich ihn verstanden habe – ist der Widerspruch, den man bei ihm und denjenigen türkischstämmigen Mitbürgern, die Erdogan hinterherlaufen, entdecken kann. Einerseits fühlen sie sich in Deutschland rassistisch diskriminiert (und Erdogan betont das ja gerne), hofieren dann aber (Zitat Nick Timm) „den Diktator eines Polizeistaates, der Hunderttausende von Menschen einsperrt und mit seinen Minderheiten genau das praktiziert, was Özil hier anprangert“ und der alle Türkischstämmigen dazu aufruft, sich nicht zu integrieren.
    Sehen sie das nicht als Widerspruch, liebe Frau Vogell?
    Hier schließt sich nämlich der Kreis von Nick Timms Argumentationskette: Es sind türkischstämmige Mitbürger, die dieses spezielle Integrationsproblem haben, und zwar nicht wegen ihrer Gene – das wäre Rassismus – sondern weil die derzeitige türkische Regierung einen extremen demokratiefeindlichen Nationalismus praktiziert und diesen den Angehörigen ihrer Ethnie einimpft.

    In diesem Zusammenhang hinkt auch ein weiterer Vergleich, den Sie, Frau Vogell, anstellen. Dass sich Politiker mit umstrittenen Machthabern anderer Staaten treffen und sich mit ihnen ablichten lassen, gehört zu ihrem Beruf. Oder plädieren Sie dafür, dass sie Verhandlungen mit Diktatoren einstellen sollen? Da müssten wir ja nachträglich auch die Ostpolitik Willy Brandts verurteilen.
    Anders ist da ein Gerhard Schröder zu bewerten, der sich als nicht mehr aktiver Bundeskanzler als Cheflobbyist von Putin verdingt und sich als dessen Busenfreund inszeniert. Aber der wird deswegen ja auch häufig kritisiert.

    Dass sich Fußballer mit Politikern zeigen, wird ihnen ja nicht generell verübelt, es kommt nur darauf an, mit wem. Hätte sich Özil mit Theresa May, der Regierungschefin des Landes, in dem er derzeit lebt, getroffen, hätte niemand ein Wort darüber verloren, denn an ihrer demokratischen Haltung gibt es keinen Zweifel.

    Ich habe ein wenig im Netz recherchiert und eine interessante Äußerung Mesut Özils aus dem Jahr 2012 gefunden, als er in Spanien spielte:
    „Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht – bin ich dann ein deutsch-türkische Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Warum denken wir immer so in Grenzen? Ich will als Fußballer gemessen werden und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“ (Quelle Wikipedia)
    Und dann beruft er sich doch auf die Wurzeln seiner Familie, wenn er sein Treffen mit Erdogan damit begründet, er habe dem Präsidenten des Herkunftslandes seiner Familie Respekt erweisen wollen. Etwas widersprüchlich das Ganze.

  37. Matthias Aupperle sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Vielen Dank für Ihre klare und sachliche Stellungnahme zu der ärgerlichen und unfairen Rassismuskeule von Frau Vogell. Sie haben mir die Arbeit eines Kommentars erspart.

  38. Manfred Schmidt sagt:

    @Brigitte Ernst
    was Matthias Aupperle zu Ihrer Stellungnahme zum Kommentar Frau Vogells zu sagen hat, entspricht genau dem, was ich auch beim Lesen deren Kommentar empfand. Da sie sich allerdings persönlich an Herrn Timm wandte,
    glaubte ich, dass diesem das „Vortrittsrecht“ einzuräumen sei, um darauf zu antworten.
    Sie haben -und ich will es nicht einschränken durch „meines Erachtens“- nein, Sie haben wirklich die richtige Antwort darauf gegeben.

  39. Nick Timm sagt:

    Liebe Frau Vogell, ich fürchte, Sie prügeln bei mir auf den Falschen ein. Ich bin ein glühender Verfechter von Integration und ein scharfer Kritiker unterlassener Maßnahmen von Politik und Institutionen wie dem DFB. Ich bin ein politisch aktiver GRÜNER und allein schon von der politischen Grundüberzeugung her jemand, dem dieses Thema am Herzen liegt. Ich beobachte mit Ungemach, wie sich Fremdenhass und Rassismus in immer breitere Gesellschaftsschichten einschleicht und von der AFD sowie von nach Landtagswahlen schielenden Politikern auch noch forciert wird.
    Dass hier massiv gegengesteuert werden muss und dass gerade der DFB in diesem Fall hinweg keine sehr rühmliche Rolle gespielt hat, habe ich wegen der zur Verfügung stehenden Textmenge nur kurz angerissen. Hier hat Herr Özil sicherlich Recht.
    Es bringt aber auch nichts, wenn Diskussionen zu diesem Thema mit klischierten Vorurteilen geführt werden, für die Einen bin ich dann der naive Gutmensch, und für die andere Seite der Rassist. Glauben Sie mir, ich bin gesellschaftlich so vernetzt, dass mir die sehr unterschiedlichen Anpassungsprobleme von Mitbürgern mit Migrationshintergrund vertraut sind. Und als ehemaliger Berliner kenne ich die West/Ostprobleme sehr genau.
    Mit dem Islam und der türkischen Ethnie ist aber ein neues Element aufgetaucht, der den Brandsatz aus Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder auch nur Angst vor dem Unbekannten leider beschleunigt. Der friedliche Islam, mit dem sich gut leben lässt, das beweisen die vielen Muslime, die sich integriert haben, wird leider begleitet von gewaltbereiten religiösen Fundamentalismus und von politisch motivierter Steuerung einer türkischstämmigen Einwohnerschaft, auf die man mit Druck und Agitation einwirkt, sich nicht zu integrieren, weil man sie politisch benutzen will. Hier wird durch staatliche Lenkung und mit Hilfe von Ankara hörigen Imamen Menschen suggeriert etwas „Besseres“ zu sein und unserem gesellschaftlichen System mit Verachtung zu begegnen.
    Und kommen Sie ja nicht auf die Idee, etwas für die kurdische Minderheit zu tun, es könnte Ihnen schlecht bekommen.
    Das, liebe Frau Vogell ist Rassismus, und dagegen wehre ich mich. Hier werden türkischstämmige Meinungsbildner für einen Brückenschlag mit ihren türkischstämmigen Mitmenschen gebraucht. Und da hat Özil gekniffen. Das was Herr Özil hier einbringt in geschliffener englischer Sprache, ist eine PR-Kampagne seiner Berater, um nun auf der anderen Seite den Volkshelden zu spielen. Da ist mir ein Herr Özdugan viel sympathischer, der offen und ehrlich zugegeben hat, dass er materielle Interessen in der Türkei hat.
    Und zum Schluss noch ein Wort zu Ihrem Argument, dass sich ja auch die Politiker mit Herrn Erdogan treffen. Herr Gott noch mal, das ist ihr Job. Aber Frau Merkel wird sicherlich nicht mit einem Präsent auf ihn zueilen, „für meinen verehrten Herrn Amtskollegen“. Und sollte von Ihrer Seite jetzt das Argument kommen, „aber sie liefern ihm ja doch auch Waffen“, glauben Sie mir, das verurteile ich auch.

  40. Brigitte Ernst sagt:

    Zum jetzt wieder hochgekochten Thema Rassismus äußert sich in der FR vom 7. August auf SS. 30/31 die iranischstämmige Professorin Katajun Amirpur.
    Dass sie sich für eine Reform des Islam einsetzt, ist erfreulich, bei dem, was sie aber zum „Alltagsrassismus“, den sie selbst erlebt, beizusteuern hat, bleibt mir die Spucke weg.

    „Inzwischen sagt die Integrationsforscherin Naika Foroutan, Deutschland sei in einer präfschistischen Situation. Holla, die Waldfee!“

    Alarmiert wartet die Leserin auf Belege für diesen erschreckenden Befund, und Frau Professorin fährt fort:
    „Wenn ich die Dinge schonungslos betrachte, muss ich aus eigenem Erleben sagen: Der Alltagsrassismus ist so häufig und scheinbar so normal, dass er mir manchmal nicht einmal mehr auffällt.“
    Und dann bringt sie als Beispiele das häufig ihr gegenüber geäußerte Erstaunen, dass sie so gut Deutsch spreche (welche Beleidigung!) sowie den Stolz des Schulleiters, weil ihre Tochter „mit Migrationshintergrund“, aber schon in der dritten Generation in Deutschland lebend, den Lesewettbewerb der Schule gewonnen hatte.
    Alles Rassismus einer präfaschistischen Situation in Deutschland? Ich glaub es nicht!
    Erstens kann man es jemandem mit etwas „exotischem“ Aussehen und einem fremd klingenden Namen nicht ansehen, wie lange sich ihre/seine Familie schon in Deutschland aufhält, und zweitens gibt es genug Fälle, vor allem wenn sich die Familie nur in der Parallelgesellschaft bewegt, nur innerhalb dieser geheiratet hat und zu Hause nur die Herkunftssprache gesprochen wird, in denen auch die Angehörigen der dritten Generation nicht „in der Lage sind, unfallfrei zu sprechen und gerade Sätze zu schreiben“. Aber solche Erfahrungen macht eine iranischstämmige Professorin, die sich wahrscheinlich seit Generationen nur in Akademikerkreisen bewegt, natürlich nicht.

    Vollends schräg wird es dann, wenn sie die Tatsache, dass ihre Tochter während ihres Aufenthalts in den USA darauf bestand, Iranerin zu sein, obwohl sie selbst und ihre Eltern in Deutschland geboren und deutsche Staatsbürger sind, mit verständlichem Trotz erklärte, da sich das Mädchen in Deutschland nicht angenommen fühle. Auf den Gedanken, dass sich ihre Tochter deshalb anders fühlt, weil beide Eltern möglicherweise Wert darauf legen, dass zu Hause die persische Sprache und iranische Sitten gepflegt werden und dass sich die Mutter sogar beruflich mit der Herkunftsreligion beschäftigt, kommt Frau Amirpur wohl nicht.
    Eigentlich traurig, dass offensichtliche Bemühungen seitens der Aufnahmegesellschaft, Zugewanderte welcher Generation auch immer nett zu behandeln, so negativ bewertet wird!

  41. @Brigitte Ernst
    Ich hatte das «Holla, die Waldfee» als ein ironisches «Na, sowas» verstanden. Früher sagte man «welch ein Unsinn».
    Kaum hat meine Frau einen Satz gesagt, wird die Frage gestellt, woher sie kommt. Wenn sie dann «Bad Zwischenahn» antwortet, wird solange nachgefragt, bis sie sagt, woher sie aus Frankreich stammt. Weil wohl fast jeder deutsche Spanienurlauber dort schon mal im Stau gestanden hat, müssen wir uns dies auch noch anhören. Dann kommt jeden Fall noch das obligatorische «Sie sprechen aber gut Deutsch.» Was aber in Wirklichkeit bedeutet, dass sie einen französischen Akzent hat und Fehler macht.
    Das ist kein Rassismus, ist sogar nett gemeint, aber es geht einen irgendwann fürchterlich auf den Geist.

  42. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Nun glaube ich zwar nicht, dass der Fall der iranischen Professorin typisch ist für Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt, für den Fall Özil schon gar nicht. Aufschlussreich ist es immerhin für den Missbrauch des „Rassismus“-Vorwurfs.
    Nun liegt der Verdacht nahe, dass Menschen, die mit diesem Vorwurf um sich werfen, damit selbst ein nicht unerhebliches Problem haben. Auch wenn ich im Fall der von Erdogan aufgehetzten Deutschen türkischer Abstammung, so auch der Özil-„Berater“ lieber von türkischem Nationalismus sprechen möchte.

    Sicher ist Ähnliches auch bei manchen Iranern zu beobachten. Wie unsere iranischen Freunde auf meine Nachfrage bestätigten, gibt es sehr wohl so etwas wie iranischen „Rassismus“ – oder Überlegenheitsdünkel -, insbesondere gegenüber Afghanen. (Vielleicht haben ja auch die „Jubelperser“ vom 2. Juni 67, die auf deutsche Studenten eindroschen, damit zu tun.)
    Dies entspricht auch den Beobachtungen in meiner Theatergruppe mit Flüchtlingen. Während es in der afghanischen Gruppe (was die Zusammensetzung betraf) keine Probleme gab, waren die in der iranischen Gruppe z.T. beträchtlich. Nur mit erheblichem Druck (einschließlich der Drohung, die Szene ganz zu streichen) gelang es mir, dass die Beteiligung eines Kurden und eines Jungen aus Bangla Desh akzeptiert wurde.

    Es versteht sich von selbst, dass sich Verallgemeinerungen verbieten.
    Ich stimme aber völlig zu, dass man bei dem Spruch vom „alltäglichen Rassismus“ schon sehr genau hinschauen und genaue Belege einfordern sollte. Und schon gar nicht sollte man sich auf das durchsichtige Spiel einlassen, das Profiteure vom Stil eines Özil im Sinne des Diktators aus Ankara veranstalten.
    Die Grenze des Verständnisses ist für mich (wie ich andernorts bereits ausführte) da erreicht, wo die Grundlage des demokratischen Rechtsstaats und der Respekt vor anderen verlassen wird (und das betrifft beide Seiten.).

  43. Matthias Aupperle sagt:

    …..und das muss man erst mal verdauen. Da ist alles drin, was hier diskutiert wird.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/migrationsforscherin-naika-foroutan-es-ist-unser-land-verteidigen-wir-es-gemeinsam/22830476-all.html

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