Zehn kleine N-Wortlein und der Z-Wortjunge

Es gibt immer mal wieder Debatten, die eigentlich völlig überflüssig wirken. Haben wir denn keine anderen Probleme?, ist man geneigt zu rufen. Ein zuverlässiger Indikator dafür, ob eine solche Debatte wirklich überflüssig ist oder nicht, sind die Reaktionen, die sie losschlägt. Herrscht Friedhofsruhe, dann – tschüss, Debatte! Aber wenn es hoch hergeht, sobald das Thema gesetzt ist, dann trifft diese Debatte wohl einen Nerv der Zeit. So wie die Debatte um das N-Wort und das M-Wort und auch das Z-Wort.

MohrenapothekeWas ist geschehen? Die Frankfurter Stadtverordnete Mirrianne Mahn von den Grünen wollte mit einer Gruppe junger Verbündeter per Antrag durchsetzen, dass „rassistische Begriffe“ wie das N-Wort und das M-Wort geächtet werden sollten. Doch schon die eigene Fraktion zog nicht vollständig mit, und auch die Römer-Koalition, zu der die Grünen gehören, lehnte den Antrag im Herbst 2021 ab. So wurde daraus ein Stresstest für die Koalition: Die stimmte bei der entscheidenden Abstimmung für Vertagung des Themas.

Grundsätzlich gilt ja bei der Suche nach Gercchtigkeit, dass man jene anhören sollte, die vom jeweiligen Problem betroffen sind. Da sind wir bei Mirrianne Mahn schon mal an der richtigen Adresse, denn sie ist schwarz. Ich kann aus eigener Erfahrung dazu etwas beisteuern: Auch eine Vokabel wie „Schwuchtel“ kommt bei den Gemeinten in der Regel nicht als Kosewort an, und es stimmt mehr als nachdenklich, dass es eine Riege hartleibiger Fußballfans gibt, für die es schlicht zur Fanfolklore gehört (hat), gegnerische Spieler auf diese Weise, wie sie meinen, zu erniedrigen. Von antisemitischen Wendungen ganz zu schweigen.

Gerade die fußballerische „Schwuchtel“ ist aber ein Beispiel dafür, wie man den Hirnen (den meisten zumindest) derlei ätzende Diskriminierungen austreibt: durch Sensibilisierung. Und das geht nur über Gespräche. Dafür haben die Fan-Organisationen vielfach gesorgt. Aus eigenem Interesse, denn sie wollen Spaß am Spiel und nicht ständige Debatten. Nun braucht sich niemand einzubilden, dass man über Gespräche alle Verrannten erreichen könne, aber die Tatsache, dass die „Schwuchtel“ in Fangesängen inzwischen deutlich seltener auftaucht, kann ein Indiz dafür sein, dass diese Strategie verfängt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass Mirrianne Mahn und die Ihren den falschen Weg gehen, wenn sie den Gebrauch eines oder mehrerer Wörter am liebsten einfach verbieten würden. Damit erreichen sie nur eines: Trotzreaktionen. Sensibilisierung geht anders.

Hören wir unseren Minderheiten also zu! Es hat noch nie geschadet, sich für andere Perspektiven und Lebenswege zu öffnen. Das gilt übrigens auch in der Genderdebatte. Hier gibt es unter den Frauen eine Minderheit, die sprachliche Ungerechtigkeiten beklagt – nachvollziehbar, wie ich finde. Denn wenn Frauen – etwa per generischem Maskulinum – ohnehin mitgemeint sind, waum sollte man sich dann nicht die Mühe machen, sie ganz einfach tatsächlich zu nennen? Das ist höflich, das ist respektvoll, es lässt die Frauen anwesend sein, und niemand bricht sich dabei einen Zacken aus der Krone. Nicht vergessen: Die zivilisatorische Reife einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.

fr-debatteMoralische Ersatzhandlung

Wir diskutieren seit geraumer Zeit rassistische und andere gesellschaftliche Probleme immer stärker auf der phänomenologischen sprachlichen Ebene. Das ist letztendlich völlig ein unterkomplexer Ansatz, der auch ein Verlust an intellektueller Auseinandersetzung ist. Grundsätzlich kann ein Wort nicht rassistisch etc. sein. Es ist immer nur der Sprecher oder die gesellschaftliche Struktur. Die Reduzierung auf „Zeichen“ wie z.B. Wörter macht es dem moralisch agierenden Beteiligten nur argumentationstechnisch einfacher, andere moralisch anzugehen statt sich inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen.
Einmal müsste ja auch grundsätzlich geklärt werden, wem überhaupt das Recht zugestanden wird Begriffe etc. irgendwelchen moralischen Kategorien zuzuordnen. Eine solche Instanz gibt es nicht, und so entscheidet im Wesentlichen immer wieder die Durchsetzungsfähigkeit bestimmter Gruppen oder Personen und deren Bereitschaft, moralischen Druck auszuüben, welche Begriffe wie lange „geduldet“ oder „ausgesondert werden. Das ist aber soziologisch gesehen eine relativ zweifelhafte Legitimation, weil das ja weniger mit sachlicher Argumentation und mehr mit moralischer „Anmaßung“ und Durchsetzungsfähigkeit zu tun hat.
Das ist ein Aspekt. Ein anderer ist doch, dass ein Rassist, der auf solche als rassistisch kategorisierten Begriffe verzichtet, immer noch ein Rassist bleibt. Und ein überzeugter Nichtrassist, nur weil er diesen Code nicht kennt und ihn deshalb immer noch anwendet, nicht automatisch zum Rassisten wird. Nach der intellektuellen Schlichtheit der moralischen Sprachsäuberer, wäre das dann nicht so, man hätte ein einfaches Tool geschaffen, das jeder ohne den geringsten intellektuellen Anspruch sofort anwenden kann, um seine moralische Überlegenheit auszuüben. Das ist dann letztendlich nahe an einem sehr fundamentalistischen Denk- und Kommunikationsansatz. Vielleicht ist es deshalb auch so verlockend, solche Beschlüsse in den Gremien zu fassen. Man ist sofort auf der moralisch richtigen Seite und hat eine gute Tat vorzuweisen. Den Rassismus in seiner strukturellen Dimension anzugehen, oder anderen dringenden Problemen wie Klima und Bildung etc. real mit nachhaltigem Handeln zu begegnen kosten eben mehr Gehirnschmalz, Konfliktbereitschaft und Ausdauer.
So hat das Alles – auch unter globalen Aspekten – oft eher den Anschein von billigen, aber moralisierend sauberen Ersatzhandlungen. Auf der ganz banalen Ebene betrachtet bekommt man doch moralisch viel, noch dazu mit dem Vortil, dass es nicht haushaltsrelevant ist.

Heinrich Hörtdörfer, Heidelberg

fr-debatteExistenzielle Verletzungen

Die Grünen-Jugend und Mirrianne Mahn sind mit Recht empört. Die aggressiven Angriffe, denen Letztere ausgesetzt ist, haben in der Tat einen Bezug zu diesen Wörtern aus der kolonialen und der NS-Vergangenheit, die aus unserer Sprache verschwinden sollten. Ich gebe gerne zu, dass ich das lange nicht kapiert habe, wie existenziell die Verletzungen für Deutsche sind, die irgendwann einen fremdländischen Vorfahren gehabt haben. Ich bin heilfroh, dass ich jetzt mit 81 Jahren und etlichen Behinderungen, der mit einem Rollator als „Tattergreis“ durch die Gegend stolpert, eine Art Narrenfreiheit habe. Ich wollte nie verstehen, was es bei einem „echte Frankfurter Mädche“ auslöst, wenn ich sie frage, ob sie aus Marokko stammt, auch wenn es mir nur darum geht, ihr vorzuschwärmen, dass ich dort gern noch hinreisen würde, weil ich in vielen arabischen Staaten gewesen bin. (Eine andere Frage ist, ob Marokko für Berber arabisch ist).
Ich schlage vor, Mirriane, dass Du überlegst, ob Du in der richtigen Partei bist oder Dich lieber den Urgrünen von Ökolinx anschließt. Ich habe in 40 Jahren Mitgliedschaft in der grünen Partei gelernt, dass man ganz schöne Kröten schlucken muss, solange die Wählerschaft noch nicht eingesehen hat, dass wir die absolute Mehrheit verdient haben, um unseren Planeten noch zu retten.

Gerd Wild, Frankfurt

fr-debatteDas Gerede von Schwarz und Weiß ist unterkomplex

Selbstverständlich sollte es keinerlei hautfarbenbasierte Diskriminierungen geben – weder in Werken noch in Worten. Was mich jedoch ziemlich irritiert, ist der undifferenzierende Sprachgebrauch der Wohlmeinenden – und sogar auch mancher Betroffenen: Schwarz-Weiß-(Wort-) Malerei.
Ich kenne keine wirklich Weißen – außer geschminkten Clowns. Und richtig schwarz sind auch fast nur die Struwwelpeter-Buben. Hautfarbe zeigt sich in einem Kontinuum feiner koloristischer Nuancen. Hier irgendwo eine Zweiteilung vorzunehmen, ist willkürlich und unangemessen.
Sprachlich ist die Schwarz-Weiß-Rede – na sagen wir: extrem unterkomplex. Gerade wo es um Differenzierung und Anerkennung von Vielfalt geht, sollte sich solch grobe Dichotomisierung verbieten. „Hellhäutig“ und „dunkelhäutig“ lösen als Begriffe das Abgrenzungsproblem – so es denn eines ist – auch nicht, bleiben aber deutlich näher – und einigermaßen wertfrei – an den Erscheinungen.

Winno Sahm, Rodgau

fr-debatteIst das nicht eher eine Sache der Justiz?

Was soll die inzwischen täglich wiederholte Berichterstattung über die Ächtung verschiedener Worte? Die Leser werden doch wohl die fast wortgleichen Meldungen der Vortage nicht alle vergessen haben.
Wir haben’s mittlerweile begriffen: Eine Dame ärgert sich darüber, dass sie, wenn ich mich recht erinnere, in einem Krankenhaus mit Worten angesprochen wurde, die sie für falsch, unangemessen oder gar rassistisch hält. Und das muss uns Lesern nun täglich erneut erklärt werden? Weshalb regelt Frau Mahn das nicht mit der Klinik? Was haben die Stadtverordnetenversammlung und die Frankfurter Öffentlichkeit damit zu schaffen? Und im Zweifelsfall, wenn’s um Rassismus geht, ist das doch eigentlich eine Sache der Justiz.
Absurd wird das Ganze aber erst dadurch, dass man die unerwünschten Begriffe nicht benennen kann, darf oder will. Der Leser soll also raten, was mit N gemeint ist. Nazi vielleicht? Neudeutscher, Niederländer? Nichtraucher, Neger? Völlig ratlos bin ich dann beim M-Wort, zu dem mir nichts Anstößiges einfällt: Mama, Muttisöhnchen, Mausebär, Matrone? Manche halten ja auch Mueslifresser für falsch. „Menschen“ ganz allgemein? Was soll so was?

Manfred Stibaner, Dreieich

fr-debatteWas soll ich nur meinem Enkel erzählen?

Die Stadtverordneten sollten über die Ächtung des sogenannten N-Worts und des M-Worts entscheiden. Darüber berichtete die FR und fügte hinzu, dass damit zwei rassistische Begriffe gemeint seien. Beim N-Wort wusste ich sofort, dass damit das Wort „Neger“ gemeint war, beim M-Wort musste ich eine ganze Weile überlegen, bin mir aber mittlerweile ziemlich sicher, dass damit das Wort „Mohr“ gemeint ist. Nun kenne ich noch das Z-Wort, aber bin ich rassistisch, wenn ich unbedacht Wörter verwende, die eigentlich geächtet werden sollten? Soll ich meinem Enkel erzählen, dass es in meiner Kindheit ein Buch gab, das „zehn kleine N-Wortlein“ hieß oder einen Schlager mit dem Titel „Z-Wortjunge“? Oder verschweige ich beides besser schamhaft? Ich würde niemals jemanden mit den in Frage stehenden Begriffen bezeichnen, aber glaubt man ernsthaft, mit ihrer vollständigen Streichung aus dem Wortschatz den Rassismus wirksam bekämpfen zu können?

Gisela Barth, Frankfurt

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14 Kommentare

  1. Tilmann Stoodt sagt:

    Rassist ist man nicht allein schon durch die Benutzung eines bestimmten Wortes, und dessen Vermeidung macht umgekehrt aus einem Rassisten nicht einen toleranten, Vielfalt akzeptierenden, respektvollen Menschen.

  2. Werner Engelmann sagt:

    Heinrich Hörtdörfer bringt es mit dem Hinweis auf „den Anschein von billigen, aber moralisierend sauberen Ersatzhandlungen“, ziemlich gut auf den Punkt.
    In der Tat wird Diskriminierung nicht beseitigt, sondern eher noch verschlimmert, wenn sich bestimmte selbsternannte „Moral“-Wächter berufen fühlen, „andere moralisch anzugehen statt sich inhaltlich mit ihnen auseinanderzusetzen“.

    Im Folgenden ein Beispiel, wie solche „moralische“ Selbstüberhebung zudem noch mit „linguistisch“ verpackter politischer Strategie verquickt wird.
    So instrumentalisiert Anatol Stefanowitsch, Hauptpromotor der Gendern-Bewegung, unter dem Schlagwort „Gerechte Sprache als moralische Pflicht“ die von ihm in Beschlaggenommene „Moral“. Der Impetus „diskriminierungsfreien Sprechens“ wird mit solch diffuser Begrifflichkeit „moralisch“ aufgeladen. Und dies wiederum benutzt er, um Maßnahmen und Verordnungen als „gerecht“ zu feiern und zu fordern, die damit nicht das geringste zu tun haben. So die von Seiten der Universität Leipzig 2013 verfügte radikale Umformulierung der „Grundordnung“ in Gestalt eines frei erfundenen „generischen Femininums“.
    Eine Maßnahme, die zu weiteren administrativen Verordnungen verschiedener Universitäten geführt hat, welche die Abhängigkeit von Studenten und Studentinnen nutzen, um ihr subjektiv als „moralisch“ geortetes „Neusprech“ auf kaltem Wege einzuführen. Dergestalt, dass sanktioniert wird, wer der verfügten Sprachverordnung nicht Folge leistet.
    Die Zahl der entsprechenden Zeugnisse in Kommentaren zu einem von der Youtuberin Alicia Joe veröffentlichten, gut recherchierten Video ist erschütternd. („Warum Gendersprache scheitern muss“, https://www.youtube.com/channel/UCUJueAUOgylAOq5SsFp6NyQ).
    Und der gleiche Herr Stefanowitsch, der nicht müde wird, „Moral“, „Gerechtigkeit“ und „diskriminierungsfreies Sprechen“ zu predigen, beschuldigt auf seinem Twitter-Account alle, die Bedenken haben, der „Realitätsverweigerung“. So antwortet er auf eine Kritik der Kommentatorin Ute Wellstein vom Hessischen Rundfunk höhnisch: „Aber warum sollte die „Gendersprache“ Rücksicht auf Menschen nehmen, die Realitätsverweigerung betreiben?“ (@astefanowitsch, 10.6.2021).

    Wie Herr Hörtdörfer richtig sagt: Wer solchen selbsternannten Sprach-Gurus folgt, ist sich sicher, auf der „richtigen“ und „moralisch überlegenen“ Seite zu sein. Und dazu braucht man nicht einmal „den geringsten intellektuellen Anspruch“.
    Die Folgen für demokratischen Diskurs in der Gesellschaft brauchen hier nicht näher erörtert zu werden.

    Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Problematik findet sich auf der Website, erreichbar unter: Werner Engelmann, Gendern, „politisch korrekte Sprache“ und Moral.

  3. Jürgen Malyssek sagt:

    Den Leserbrief von Heinrich Hörtdörfer habe ich nicht nur mit Interesse gelesen. Er zeigt in einer überzeugenden Weise auf, was die Rassismus-Debatte in Wort und Schrift in ihrer Unnachgiebigkeit und pausenlosen Verfolgungsjagd im Grunde etwas hervorgebracht hat: Eine Moralkeule, die in vielen Fällen an ein Sprachverbot grenzt – welches in einer fast leichtfertigen Weise Rassismus-Unterstellungen nach „Lust und Laune“ liefert, wenn die angesagte und vermeintlich korrekte Wortwahl nicht eingehalten wird.

    Werner Engelmann hat oben bereits das Entsprechende dazu gesagt, dem ich auch zustimme.

    Es ist diese Moralkeule, die sich bei dieser Sprachpolizei- und aufsichts-Entwicklung, sich dabei breit macht und gleichzeitig neue Kluften schafft zwischen den Menschen , die in ihren unterschiedlichen Lebensräumen auch anders sprechen, ohne dass ein Rassismus-Vorwurf Platz finden sollte.

    Hörtdörfer spricht von „moralischen Sprachsäuberer“. Daraus kann eine feste Ideologie werden.

    Ich will hier nur drei für mein Empfinden anstrengende Dinge nennen, die die Welt nicht besser machen und die mich einfach unangenehm berühren bzw. berührt haben:

    – Was soll etwa (in welchen Kontext auch immer) dieser ständige Hinweis auf das „N-Wort“. Jeder weiß, was gemeint ist und wenn es denn ins Gespräch kommt, dann ist es doch keine Todsünde das Wort auch auszusprechen, und eben in dem Kontext dessen, was gerade besprochen wird. Es ist ja in der Literatur da schon genug herumzensiert worden.

    Es ist doch absurd ein Wort, dass zwar inzwischen – sagen wir mal so – aus dem Sprachgebrauch getilgt worden ist, nicht doch in einem bestimmten Zusammenhang aussprechen zu dürfen, ohne dass damit eine Rassismus-Unterstellung automatisch folgen muss.

    – Ein anderes Beispiel, das ich vor paar Jahren während eines Hotelaufenthaltes auf dem alten Fabrikgelände der ehemaligen „Sarotti-Werke“ in Berlin kennenlernte, waren der bekannte „Sarotti-Mohr“ in weiß auf Tischkarten und Wänden. Das hehre Publikum hatte abgestimmt und die Hotelbetreiber mussten diese Anpassung vollziehen.
    Warum kann man diese Dinge nicht so lassen, wie sie ihre Historie hatten und dabei eine souveräne intellektuelle Einstellung haben? Nicht um zu provozieren, aber um die Widersprüche der Zeiten halt zu aufzuzeigen. Darüber vernünftig zu sprechen. Ich verstehe das nicht.

    – Schließlich, auch wenn das freilich gerne missverstanden werden kann (Moral!), noch ein Gedanke. Dazu zitiere ich gerne Kurt Tucholsky:

    „Der liebe Gott macht nicht viel Federlesen.
    „Herr Tiger!“ ruft er. „Komm hervor!“
    Wie siehst du aus, lädiertes Wesen?
    Und wo – wo hast du den Humor?“

  4. @all
    Es scheint doch Einhelligkeit zu bestehen, dass das diktatorische Neusprech nicht jedermanns Sache ist. Es macht eben aus einem Rassisten noch keinen freundlichen Mitmenschen von N-Wort und ähnlichen Unsinn zu reden und zu schreiben .
    Etwas ganz anderes finde ich noch irritierender. Was befähigt die Erfinder dieser ganzen neuen Schreibweisen zu ihrem dogmatischen Tun ? Genderei inklusive ? Mit den ganzen daran hängenden Problemen ? Wie spreche ich eine diverse Person an ? Sehr geehrter Taucher Xy ? Es ist aber vor allem die sture Borniertheit mit der alles vorgetragen wird als hinge der Lauf der Welt davon ab. Dabei ist es meist nur die Meinung eines /einer einzelnen Person. Warum kümmert uns das also ? Ohne das marktschreierische Gewese in den „sozialen Medien“ merkt man davon meist nicht viel und wenn man da nicht teil nimmt hat man ein ruhiges Leben. Was da das M-Wort sein sollte weiß ich auch nicht. Es sind also nicht nur die Erfinder dieses Unsinns, sonder die die da meinen sofort Taten folgen zu lassen sind die eigentlichen Spitzbuben (geht das noch, nicht auf dem Index?) Da muss man doch gleich die Spitzmädel dazu erfinden ! In Zeiten von Klima und Artenschutz ist da jedes Wort zu viel und Stromverschwendung.

  5. Konrad Mohrmann sagt:

    Amartya Sen, Inder, Ökonom – Preisträger, mit weiteren Identitäten schrieb das Buch „Die Identitätsfalle“, in der er betont, das jeder Mensch viele „Identitäten“ hat, was er als kostbares Gut bezeichnet. Er hat die leidvolle Teilung seines Landes in den muslimischen Pakistan, Bangladesh und den hinduistischen Indien erfahren, anhand der Reduzierung der viele Identitäten in nur noch zwei: Muslim – Hindu. Und beschreibt wie viele Menschen heute deswegen auch in eine „Identitätsfalle“ geraten. Oder wie Almeida Assmann schreibt: „Die Gefahr der einen Geschichte“.
    Wir kennen doch aus den Geschichtsbüchern die Folgen der Glaubenskriege und ihre heutigen Auswirkungen der Taliban in Afghanistan, des IS im Nahen Osten, der Protestanten und Katholiken in Nord- Irland. Die alle Menschen nur auf zwei Identitäten reduzieren. Oder, wie in meiner Familie, da meine Uroma unehelich war, konnte mein Vater keine „arische Großmutter“ nachweisen und nun heisse ich auch deshalb „Mohrmann“, meine Uroma kam aus dem Teufelsmoor. Der erste Teil rassistisch, der zweite sexistisch. Und können wir uns nicht mehr erinnern, welche Folgen daraus erwuchsen? Könnten wir uns nicht endlich den wahren Problemen widmen?

  6. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Konrad Mohrmann

    Danke für die Buchtitel-Hinweise!
    Ja ja, die „Identitätsfalle“!

    Einen Menschen mit seinen unterschiedlichen Schicksalen und Erfahrungen in eine Schublade zu stecken – das ist doch vollkommen daneben.

    Was sollen etwa die vielen Emigranten/Exilanten der Geschichte dazu sagen? Die Flüchtlinge heute?
    Oder die Wohnungslosen, die Ortlosen?

    Man lese zum Beispiel auch den Literaten Georges-Arthur Goldschmidt.

  7. Neger, Farbiger, Dunkelhäutiger, Schwarzer, People of Colour – was bezwecken diese Kategorisierungen? Klassifizieren sie in diskriminierender Weise eine bestimmte Sorte Menschen? Oder stellen sie lediglich Stationen einer Sprachentwicklung dar? Ist es überhaupt notwendig, evolutionsbedingte Merkmale als Unterscheidungskriterien zu nutzen? Sagen solche Attribute etwas aus über den Wert eines Menschen? Vielfach deuten sie, weil sie zumeist für Minderheiten gelten, auf soziale Deklassierung hin. Aber auch deren Ursachen sind weitestgehend identisch mit denen der allgemeinen sozialen Ungleichheit und können nur zusammen überwunden werden.

    Manche Äußerungen aus der schwarzen deutschen Community gehen über die legitime Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung hinaus. „Schwarzsein“ wird mitunter zu einer besonderen Qualität stilisiert, so wie jahrhundertelang „Weißsein“ als typische äußere Erscheinungsweise zumindest des europäischen Menschen galt. Anstatt aus der vermeintlichen Not eine Tugend zu machen, sollten die multiplen Arten von Normalität betont werden. So wie unterschiedliche sexuelle Orientierungen normal sind und ihre Normalität nicht von ihrem quantitativen Anteil in der Gesellschaft abhängt.

    Würde man dem Schwarzsein eine außergewöhnliche Qualität zubilligen, wo wäre die Abgrenzung beispielsweise zu Idi Amin oder Mobutu Sese Seko oder anderen dunkelhäutigen Diktatoren und Menschenschindern vorzunehmen? Oder zu Bildungsfernen und Dummköpfen wie der amerikanischen Schauspielerin und Produzentin Whoopi Goldberg, deren Unkenntnis über den NS-Rassismus Schlimmstes befürchten lässt.

    Die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (ein Begriff von Erich Fromm) verläuft nach meinem Verständnis nicht entlang von Hautfarben und Ethnien. Eher vermute ich, dass die Linie zwischen Lebensbejahung, Solidarität und Gewaltfreiheit einerseits und Selbstbezogenheit, Besitzstreben, Gewaltbereitschaft und Hang zur Grausamkeit andererseits zu ziehen ist. Folglich kann Hautfarbe kein Maßstab sein. Und sie verleiht niemandem das Recht, andere, die anders aussehen, deswegen zu diskreditieren – aber sie auch nicht zu bevorteilen.

    Vor diesem Hintergrund erscheinen mir auch Forderungen wie jene, dass die deutsche Literatur diverser werden müsse, als falscher Schluss aus einer unzureichend beschriebenen Ausgangssituation. Niemand hindert Migranten und Nichtweiße daran, zu schreiben und ihre Manuskripte Verlagen anzubieten. Die einzigen Voraussetzungen sind die Beherrschung des literarischen Schreibens und die Fähigkeit, Erwähnenswertes in künstlerischer Weise zur Sprache bringen zu können. Dies gilt für alle, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung. Und unabhängig davon, ob man ein Eingeborener aus Dortmund oder Oberammergau ist oder aus Bagdad, Wladiwostok, Saigon, Accra oder Gaborone stammt.
    Als besonders abschreckendes Beispiel fällt mir in diesem Zusammenhang Sharon Dodua Otoo ein. Für ihren Text „Herr Göttrup setzt sich hin“ wurde ihr 2016 der Ingeborg-Bachmann-Preis zuerkannt. Worin dessen Literarität besteht, vermag ich nicht zu erkennen; sie erschließt sich mir nicht, obwohl ich vom Fach bin. Zu Ihrer schriftstellerischen Motivation äußerte sich Frau Otoo im Deutschlandfunk so:
    „Ein Ziel, das ich hatte, war, Literatur zu schreiben aus der Perspektive einer schwarzen Frau, einer schwarzen Mutter, weil ich finde, es gibt so wenig darüber in der deutschen Literatur, wo es mit Leichtigkeit, mit Humor, mit Irritation arbeitet und diesen Tiefgang trotzdem auch hat. Es hat sich so entwickelt, dass mein Aktivismus jetzt sehr eng verknüpft ist mit Kunst.“ Das klingt wenig eloquent und lässt schriftstellerische Fertigkeiten vermissen. Setzt die Autorin darauf, dass ihre offenkundigen Defizite durch den Hinweis auf ihre ethnische Abstammung aufgewogen werden? In ihrem Debütroman „Adas Raum“, der 2021 erschien, setzte sie ihr Stakkato-ähnliches Schreiben fort. Ich war entsetzt. Über das Literaturverständnis der Autorin, aber auch über das Lektorat des S. Fischer Verlags, der so etwas akzeptiert.

    Auch der Aktionismus der Frankfurter Stadtverordneten Mirianne Mahn (Grüne) erscheint mir als suspekt bis reaktionär. Beispielsweise ihr Auftritt bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Tsitsi Dangarembga in der Paulskirche im vergangenen Oktober. Dass auf der Buchmesse schwarze Besucher bedrängt wurden, habe ich weder persönlich erlebt noch aus anderen seriösen Informationsquellen erfahren. Falls es tatsächlich dazu gekommen sein sollte, hätten die Strafverfolgungsbehörden längst ermitteln müssen. Doch Frau Mahn ließ völlig offen, welche nachweisbaren Vorgänge sie gemeint hat.
    Fragen warf auch ein Video auf, in dem sie einen rassistischen Übergriff auf sich in einem Frankfurter Krankenhaus öffentlich beklagte, aber kaum Details nannte. Mich irritierte zudem, dass sie sich dabei einer Facebook-Plattform (Instagram) bediente. Denn es entwertet jeden Protest, wenn dieser auf Foren stattfindet, die sich zu Hotspots von Rechtsradikalen, Verschwörungsideologen und Persönlichkeitsgestörten entwickelt haben. Ganz zu schweigen davon, dass Facebook mit Absicht gegen den in Europa geltenden Datschenschutz verstößt. Es scheint so, als sei Frau Mahn nicht wählerisch bei der Wahl ihrer Verbündeten.

    Man sollte es Rassisten nicht dadurch einfach machen, indem man in einen platten Schwarz-Weiß-Antagonismus verfällt. Die Welt der Menschen ist viel zu komplex, als dass Vereinfachungen ein taugliches Mittel für Problemlösungen sein könnten.

  8. Werner Engelmann sagt:

    Jürgen H. Winter fragt zu Recht:
    „Was befähigt die Erfinder dieser ganzen neuen Schreibweisen zu ihrem dogmatischen Tun ?
    Etwas vereinfachend könnte man antworten: Sprachliche Ignoranz und völliger Mangel an Sensibilität.

    Ein Blick etwa in „Genderwörterbücher“ wie „gendern.de“ oder „geschicktgendern.de“, die sich der Beratung in Sachen „gendersensibles Sprechen“ verschrieben haben, reicht da aus.
    Die befreien uns endlich von so schrecklichen Wörtern wie „Wirten“, „Staatsbürgern“, Bäckern“ oder „Hexen“. Und mit „Gaststättebetreibenden“, „Staatsbürgerschaftsinhabenden“, „Backwaren produzierenden Personen“ oder „Zauberkraft innehabenden Personen“ führen sie uns vor Augen, wie „elegant“ ihr Neusprech sein kann.

    Nun könnte man einwenden, das seien ja nur Exzesse, die man doch vermeiden kann.
    Nein, das kann man eben nicht. „Ein bisschen gendern“ ist ebenso ein Widerspruch in sich wie „ein bisschen schwanger“.
    Sprache als wertvollstes Kommunikationsinstrument unbeschädigt zu erhalten ist Voraussetzung für den Zusammenhalt einer Sprachgemeinschaft. Sie dient allen und gehört niemandem.
    Wer sich auf die Gendern-Ideologie einlässt, die darin besteht, dass Sprache ungestraft zu politischen (und sei es zu noch so „gut gemeinten“) Zwecken zu gebrauchen – besser: zu missbrauchen – sei, der beeinträchtigt nicht nur Sprache in ihrer kommunikativen Funktion.
    Einmal seiner Sprechblase entkommen und in der Realität gelandet, gerät er unwillkürlich auf diesen Weg der Selbstkarikatur.

    So begegnet uns die „schöne neue Welt“ des Neusprech, in der „Forschende“ und „Studierende“ Tag und Nacht über Büchern brüten, auch in der FR auf Schritt und Tritt.
    Die Ideologie, die ihnen verwehrt, jemals „Schlafende“, „Essende“ oder „Feiernde“ sein zu dürfen, deformiert mit der Sprache auch hier die Fähigkeit zu adäquater und präziser Wirklichkeitswahrnehmung.

    Ganz zu schweigen, wenn die Verbreitung der „Allergie gegen das Maskulinum“, welche die Gendern-Apologetin Luise Pusch auf die Fahnen ihrer Heilslehre schreibt, auf das Problem der deutschen Wortbildung trifft. Wie soll es denn nun heißen, um auch das anrüchige Wort „studentisch“ in den Orkus zu jagen: „studierendenisch“ oder vielleicht doch lieber „student:innenisch“?
    Wer sich so in des Teufels Küche begibt, sollte sich vielleicht doch davor um einen Pakt mit dem Teufel bemühen.
    Denn nicht nur hier es ist wie verhext: Meint man das verflixte Maskulinum im Plural endlich entsorgt zu haben, da taucht es im Singular als DER Forschende und DER Studierende auch schon wieder auf.
    Was auch die selbst ernannten Sprachtherapeuten tun, die verflixte deutsche „Herrensprache“ entzieht sich hartnäckig ihrer mit „radikalfeministischer Verve“ und „entschlossener Parteilichkeit“ vorgenommenen „Therapie“.
    (Luise Pusch, „Das Deutsche als Männersprache“, 22017 (11984), S. 9 f. und S. 46)

    „Rache des verdrängten Sprachsystems?“, fragt sich dazu die Sprachwissenschaftlerin Gisela Zifonun. („Die demokratische Pflicht und das Sprachsystem“, in: Sprachreport Jg. 34 (2018), Nr. 34, S. 44-56)
    Vielleicht ist es aber auch eine mephistophelische Erfahrung für sprachliche Kleingeister in den Siebenmeilenstiefeln von Jahrtausend-„Reformern“:
    Die deutsche Sprache, „diese plumpe Welt, soviel als ich schon unternommen, ich wusste ihr nicht beizukommen. (…) So geht es fort, man möchte rasend werden.“
    („Faust“, „Studierzimmer“)

    Jürgen Malyssek merkt zu den Bemühungen von „moralischen Sprachsäuberern“ an: „Daraus kann eine feste Ideologie werden.“
    Meine Antwort dazu: Wie man sieht, ist es das ja schon geworden.

    „Ideologie“ dient nach Karl Mannheim der „Instrumentalisierung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit“. (Ideologie und Utopie. 8. Auflage. Frankfurt 1995, S. 55)
    Ihre Methode ist nach Karl Popper gekennzeichnet durch „dogmatisches Behaupten absoluter Wahrheiten“ und von „Werturteilen als Tatsachen“, „utopische Harmonieideale“, „Immunisierung gegen Kritik“ und ggf. auch „Verschwörungstheorien“.
    (Vgl. Wikipedia, „Ideologie“, „kritischer Rationalismus“)
    Für die Gendern-Ideologie treffen diese Merkmale (bis auf, eingeschränkt, das letzte Merkmal) erkennbar zu.
    (Dazu auf meiner Website: „Feministische Liguistik – Luise Pusch“ und „Identitäre Ideologie und ‚Sichtbarkeit‘ in der Gendern-Bewegung“ – W.E., Gendern-Analysen.)

    Konrad Mohrmann hat mit dem Hinweis auf die „Identitätsfalle“ dazu das richtige Stichwort geliefert.
    Gendern-Ideologie ist eng mit „identitärer“ Ideologie verknüpft. Diese wiederum definiert sich selbst durch die Abgrenzung von „anderen“ und verabsolutiert (ob mit „rechtem“ oder „linkem“ Anspruch) einzelne Merkmale von „Identität“:
    „Man definiert sich über sein Anderssein, will aber zugleich nicht über dieses Anderssein definiert werden.“ (Bernd Stegemann, Die Moralfalle: Für eine Befreiung linker Politik, Berlin 2018)
    Ebenso leugnet auch die Gendern-Ideologie gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse.
    So etwa der Soziologie, die schon lange weiß, dass jeder Mensch nicht nur durch eine geschlechtliche Rolle bestimmt ist, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Rollen ausfüllt.
    Sie verabsolutiert insbesondere Geschlechtlichkeit und fällt in ein dualistisches Geschlechter- und Frauenbild des 19.Jahrhunderts zurück.
    Dazu die Schriftstellerin Nele Pollatschek: „Deutschland ist besessen von Genitalien.“
    (https://www.tagesspiegel.de/kultur/deutschland-ist-besessen-von-genitalien-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer/26140402.html)
    Und Besessenheit kennt bekanntlich keinen Spaß.

    Um solche immanenten Exzesse als „fortschrittlich“ und „gerecht“ zu verkaufen, okkupiert nun eine Gendern-Apologetin wie Luise Pusch die zweifellos verdienstvolle Frauenbewegung für sich. Und dazu genügt ein einfacher definitorischer Trick:
    Sie unterscheidet zunächst terminologisch zwischen der (älteren) „Frauenbewegung“ und ihrem eigenen (Radikal)-„Feminismus“.
    Dann behauptet sie, der Schwerpunkt der ersten habe „im Praktischen, vor allem in der Organisation“ gelegen. Demgegenüber sei „Theoriebildung“ das „Spezifikum der Neuen Frauenbewegung“.
    Dann fügt sie die beiden Elemente definitorisch wieder zusammen: „Feminismus ist die Theorie der Frauenbewegung.“
    (Das Deutsche als Männersprache, S. 134)
    Und wie mit einem Zaubertrick ist so ihre „feministische Linguistik“ definitorisch als „legitime“ Erbin und Fortsetzung der älteren Frauenbewegung inthronisiert:
    Eine definitorische Selbstermächtigung, welche „Gläubige“ des beschwerlichen Gangs der ersten Frauenbewegung enthebt, Rechte in der realen Wirklichkeit (wie etwa in Dax-Vorständen) zu erkämpfen. Welche die Selbstbeweihräucherung der Teilhabe an einer „fortschrittlichen“ Bewegung erlaubt. Und die zugleich einen Blankoscheck für alles erteilt, was auch immer unter diesem Label kommen mag – und sei es noch so kindisch.

    Nun steckt dahinter gewiss eine gehörige Portion Scharlatanerie.
    Deren Zweck ist in diesem Fall, genügend „Gläubige“ zu finden, die sich im festen Glauben an ihre auf Sprache transponierte Heilsbotschaft und an die wirklichkeitsbildende Kraft der Sprache für die gewünschten Zwecke einspannen lassen.
    Zu einfach wäre aber, mit dem Finger auf die Gutgläubigen zu zeigen, die darauf hereinfallen.
    Denn um sich einer solchen Ideologie zu entziehen, muss man sie erst einmal durchschauen.
    Und das ist, namentlich unter einem Gruppendruck, wie er offensichtlich vor allem an Universitäten gegenwärtig stattfindet, nicht ganz so einfach.

  9. Jürgen Heck sagt:

    Ich stimme der exzellenten Analyse von Herrn Klaus Peter Mertens in dessen Leserbrief vom 08.02.22 vorbehaltlos zu.
    Und im Übrigen allen Leserbriefschreibern, die sich von der völlig absurden und überdrehten Sprachpolizei irritiert fühlen. Bei der leider übermäßigen Berichterstattung der FR zum Thema „XY-Worte“, „Gendern“, „Divers“ und auch „Erinnerungskultur“ blättere ich inzwischen einfach um.

  10. Werner Engelmann sagt:

    @ Klaus Philipp Mertens

    „Man sollte es Rassisten nicht dadurch einfach machen, indem man in einen platten Schwarz-Weiß-Antagonismus verfällt.“

    Ein wichtiger Satz, dem man sich selbstverständlich anschließen kann, wie auch den übrigen Ausführungen von Klaus Philipp Mertens. Der in seiner kompakten Aussage aber auch zu präzisieren und zu ergänzen ist.

    Ergänzend zunächst der Hinweis, dass dieser „platte Schwarz-Weiß-Antagonismus“ nur einer von mehreren ist.
    Den gleichen Mechanismus benutzt z.B. Anatol Stefanowitsch, bezogen auch auf andere Minderheiten, etwa die LGBTQ+ Community, wenn er sich, kombiniert mit moralischer Aufladung, zum „Beschützer“ dieser Minderheiten aufschwingt. Dabei instrumentalisiert er sie in Wahrheit zu seinen Zwecken: konkret zur Rechtfertigung von „political correctness“ einerseits, der Gendern-Bewegung andererseits.
    (Dazu der Hinweis in meinem Beitrag vom 18.2.22 im Thread „Seedless grapes with you everey step“ unter (1) und (2): http://frblog.de/anglizismen/#comment-65694)

    Zur Präzisierung:
    Es ist erkennbar, dass dies dazu dient – wie auch Klaus Philipp Mertens aufzeigt – einen „Aktionismus“ zu befördern, dem es an sonstiger Legitimation fehlt. Man könnte es auch als eine Form des „Kulturkampfes“ bezeichnen.
    Dabei bleibt freilich die Frage, warum dazu ausgerechnet permanent die „Rassismus“-Karte gezogen wird.
    Diese Frage zu beantworten ist aber nicht sehr schwer. Denn „Rassismus“ gab und gibt es ja tatsächlich. Und es ist leicht, einen solchen Vorwurf auf andere, etwa „alte weiße Männer“ umzulenken. Rassismus-Verdacht zu schüren ist ein Totschlag-Argument, das jede weitere Diskussion von vornherein erstickt – ideal also, wenn es darum geht, sich eben dieser mangels Argumenten zu entziehen.
    Allerdings wäre dies, wie ich in meinem oben genannten Beitrag aufzuzeigen versuche, in einem breiteren politischen Rahmen zu sehen und nicht nur auf Einzelfälle zu beziehen.

  11. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann …

    Das Stichwort des Totschlags-Argument und die permanente Ziehung der „Rassismus“-Karte, das sind so Punkte, die mir nochmal wichtig sind hier kurz aufzugreifen.
    Mehr noch in der konkreten Begegnung im Falle eines Falles. Man muss ja nicht nur die Debatte hochleben lassen. Man muss auch ganz konkret Flagge zeigen und Kontra geben. Beziehungsweise deutlich die eigene Abneigung gegen diese Trends, Moden zeigen.

    Wie überhaupt der Alltag voller eingebauter Ressentiments und Vorurteilen steckt. angeheizt durch diese genannten Bestandteile des Zeitgeistes:

    – „Alter weißer Mann!“ – Na ja, irgendwann ist es auch regelrecht abgedroschen und man kann ja schon durch bloßes Abnicken die ganze Luft rauslassen usw.
    Es ist traurig, dass die ganzen Entwicklungen von „political correctness“ gerade aus und im universitären Sektor so und dort diesen einen Raum eingenommen haben. Wie bei der alten Feminismus-Debatte und bei der neuerlichen Gendern-Bewegung, stecken soviel von Lebensfremdheit und Abgehobenheit.

    Was ist nur aus Stéphane Hessels „Empört Euch!“ geworden?

  12. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Was ist nur aus Stéphane Hessels „Empört Euch!“ geworden?

    Die Frage ist berechtigt. Heute „empören“ sich ganz andere und mit ganz anderen Zielen.
    Ich habe Stéphane Hessel ja (ich glaube, es war 2010) noch in Luxemburg bei einer Podiumsdiskussion erlebt. Höchst beeindruckend – schon, was sein Gedächtnis mit 93 Jahren anging.

    Ich habe nun in meinem Bücherregal gestöbert und sein Gespräch mit dem Dalai-Lama gefunden, aber nur auf Französisch: „Déclarons la Paix!“
    Ich übersetze einige Passagen, die mir gerade jetzt beachtlich erscheinen:
    (SH: Stéphane Hessel, DL: Dalai Lama)

    „Wir müssen unseren Begriff von Würde der Natur erweitern. Denn die Natur kann auch empört sein und verdorben werden.“ (SH)
    „Niemand hart das Recht zu sagen: weil ‚meine‘ Menschenrechte verletzt wurden, wende ich Gewalt an. (…) Sich empören, ja, aber im Namen menschlicher Werte, die uns alle betreffen.“ (SH)
    „Manche asiatische Machthaber behaupten, Menschenrechte würden nur vom Westen gefordert und seien in Asien und der 3. Welt nicht anwendbar. (…) Ich glaube das nicht, und ich bin überzeugt, die Mehrheit der asiatischen Völker auch nicht. Denn es ist der Natur des Menschen inhärent, nach Freiheit, Gleichheit, Würde zu streben.“ (DL)
    „Erinnern wir uns daran, dass Ghandi Gewaltlosigkeit predigt nicht im Namen der Moral, sondern im Namen des ‚Verstands‘. (…) Gewaltlosigkeit ist alles andere als ein passiver Zustand.“ (Nachwort des Herausgebers)

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Wir haben heute – und das lässt sich ganz gut an den Corona-Protesten festmachen – Empörungen und des Empörens willen. Das hat nichts mit Widerstand gegen die Ungerechtigkeit und die sozialen Missstände in unserer Gesellschaft zu tun oder gegen die die Macht der Finanzmärkte oder gegen Umweltzerstörungen.
    Ich tue mir schwer mit den Worten und Auftritten des Dalai Lama. Nicht, dass er dem Grunde nach etwas Falsches tut und sagt. Nein, es ist verbunden mit dem Prädikat „Eure Heiligkeit“ und dieses Spektakel der öffentlichen Auftritte, die so eine ehrfurchtsvolle Anhängerschaft nach sich zieht.
    Ich bin da sehr viel näher bei Stéphane Hessel, dessen Vermächtnis doch eher aus dem Geist der Revolte, für den die Franzosen berühmt sind. Dieser Geist der Résistance, des überzeugten Widerstands, gegen die Lethargie, für eine Überzeugung.
    Diese will ich dem Dalai Lama natürlich nicht abspreche. Aber seine fast volkstümlichen Auftritte finden bei mir keinen wirklichen Anklang.

    „Denn es ist der Natur des Menschen inhärent, nach Freiheit, Gleich, Würde zu streben.“ (DL).
    Ja und nein.

  14. Jürgen Malyssek sagt:

    Es heißt natürlich „Empörungen um des Empörens willen“.