Integration heißt nicht Assimilation, Fremdsein heißt nur Anderssein

FR-Autor Arno Widmann hat einen Essay geschrieben: „Multikulti muss schon sein„. Der Kampf um Vielfalt und Toleranz ist also im vollen Gang. Dazu erreichte mich auch der nun folgende Leserbrief von Klaus Glaeser aus Frankfurt, den ich für das Print-Leserforum ein gutes Stück kürzen musste. Dafür kommt er nun hier in voller Länge als Gastbeitrag im FR-Blog.

Integration heißt nicht Assimilation, Fremdsein heißt nur Anderssein

Von Klaus Glaeser

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Das Essay von Arno Widmann sollte zur Pflichtlektüre für alle vernunftbegabten Menschen gehören (vielleicht als Lektüre in unseren Schulen). Am Beispiel der lange gehegten Legende vom „Melting Pot“, der übrigens ursprünglich als Anspruch von Ellis Island für die Neuankömmlinge galt, legt uns Arno Widmann dar, dass keine Kultur eines Staatsgebildes zu einer einheitlichen Leitkultur verschmilzt. Anders könnte man die Bewahrung von Idiomen, also Mundarten auch hier in Deutschland nicht erklären.

Assimilation und Integration von Einwanderern in die Kultur eines Landes findet nur in Grenzen statt. Alle Menschen suchen Identität. Die Eingesessenen befürchten Identitätsverlust durch Zuwanderung von Fremden und die Immigranten versuchen, ihre Identität zu bewahren, indem sie Kontakte zu anderen Immigranten des gleichen Kulturkreises pflegen. Nichts anderes haben Migranten zu allen Zeiten überall auf der Welt praktiziert, auch die Deutschen. Es gibt also eine Gleichzeitigkeit von Integration in die Kultur des Aufnahmelandes und einen Hang zur Separierung in die eigene Kulturgemeinschaft.

Im Zeitalter des globalen Warenaustauschs, des World Wide Web und des internationalen Personenverkehrs ist es schlicht nicht mehr möglich, eine Abschottung der Grenzen zum Schutze der eigenen Wirtschaft, Kultur und wahrscheinlich in Zukunft auch der Sprache langfristig durchzusetzen.

Allerdings, so haben wir bei Merkels Öffnung der Grenzen 2015 gesehen, stoßen Migranten, sowie Flüchtlinge nicht bei allen Menschen auf offene Arme. Angst um Selbstbehauptung, Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, die Berührung mit fremder Kultur löst Abwehr aus. Der Ruf nach einer Leitkultur, die sozusagen als Brandmauer fremder Einflüsse betrachtet wird, ertönt deshalb laut und vernehmlich, ist auf lange Sicht jedoch vergeblich.

Frankfurt als kleine, aber internationale Metropole hat diese Klippen früh erkannt und Gott sei Dank, hat sich eine gewisse multikulturelle Gemeinschaft gebildet, die das Fremdsein als Anderssein aufgenommen hat. Es gibt vergleichsweise wenig Konflikte in Frankfurt, die auf Ethnien, Sitten oder fehlendem Sprachverständnis beruhen.

Ein Meilenstein zu dieser friedlichen Koexistenz ist selbstverständlich die Gründung des AMKA (Amt für multikulturelle Angelegenheiten) 1990. Dankenswerter Weise hat Nargess Eskandari-Grünberg 2010 für und mit dem AMKA ein Integrations- und Diversitätskonzept vorgelegt, das die Ausführungen Arno Widmanns vorwegnimmt. Die Vielfalt in einer freien Gesellschaft ist die einzige Lösung der Zukunft. Jeder Versuch, eine einheitliche Leitkultur zum Standard zu erheben wird scheitern. Wenn nunmehr Englisch die Leitsprache der Wissenschaft geworden ist, so zeigt das, dass Leitkulturen (Latein) Machtstrukturen widerspiegeln. Diese Machtstrukturen jedoch auch vergänglich sind. Die heutige Wirklichkeit von Migration anzuerkennen heißt, sich dafür einzusetzen, dass Integration eben nicht Assimilation heißt, sondern dass die Vielfalt von kulturellen Besonderheiten gegenseitige Aufklärung verlangt und damit eine neue Kultur für eine friedvolle Zukunft schaffen kann.

12 Kommentare

  1. Robert Maxeiner sagt:

    Für diesen Beitrag muss ich Sie einfach mal persönlich ansprechen, Herr Widmann, und mich bedanken, dass Sie den Text von Bourne wiederentdeckt, ihn sensibel zusammengefaßt und zeitgemäß einfühlsam kommentiert und durch eigene Recherchen ergänzt haben. Er hat mich zu neuen Gedanken über kulturelle Entwicklung, Demokratieverständnis und Integration angeregt. Multikulti ist der Status Quo. Womöglich ist er dies schon immer gewesen, denn wir stammen alle von Nomaden ab, die sich im Lauf der Jahrtausende über die Erde verbreitet haben und immer wieder neue Wanderbewegungen auslösten.

  2. Wieder mal ein guter Artikel von Herrn Widmann.
    Als ich noch Ausländer war, hatte auch ich den Eindruck, dass die Inländer das eigentliche Problem sind. Aber damit habe ich immer nur Kopfschütteln geerntet.

  3. deutscher Michel sagt:

    Arno Widmann zitierte:
    „Sie kamen nicht, um sich der Kultur der amerikanischen Indianer anzupassen.“
    Deren Schicksal (das Leben in Reservaten) ist ja hinreichend bekannt.

  4. Brigitte Ernst sagt:

    Der Einwand des deutschen Michel ist hier mehr als berechtigt.
    Sollen wir uns ausgerechnet die Geschichte und Gegenwart eines Landes wie der USA zum Vorbild nehmen, in dem Europäer in Horden die Gebiete anderer zur Verwirklichung ihrer eigenen Träume und ihres eigenen Freiheitsstrebens eroberten und diese Ureinwohner gnadenlos niedermetzelten oder in unfruchtbare Randgebiete verbannten? In das
    mehrere Millionen von Menschen keineswegs freiwillig einwanderten, sondern als Sklaven verschleppt wurden? Und in dem Diversität heute immer noch so aussieht, dass – so schwierig das aufgrund der Bevölkerungsvermischung z.B. bei den Immigranten aus Süd- und Mittelamerika auch sein mag – die Rasse in den Pass eingetragen werden muss, wonach man – zu welchem Zweck auch immer – in Gruppen wie „Caucasian“, also weiß, „Black“ (auch wenn man mehr weiße als afrikanische Vorfahren hat), „Hispanic“, „Asian“ etc etc. aufgeteilt wird. Wenn das die Diversität ist, die unter „multikulturell“ verstanden wird, kann ich darauf verzichten. Solche Einkastelungen fördern eine Ghettobildung und ein Identitätsgefühl, das in einer Nation eher zu einem Gegeneinander als zu einem Miteinander führt.

    Was die Einwanderer, die zu uns nach Deutschland kommen, anbetrifft, so begrüße ich jede(n), egal, woher er/sie kommt, der (die) unsere Gesellschaft durch uns ungewohnte Kleidung, Haartracht, Musik, Esswaren etc. bereichert (was ja längst geschehen ist). Was ich mit Unmut und Sorge beobachte, sind Lebensweisen und Auffassungen, die eine in unserem Land zum Glück weitgehend überwundene Unterdrückung von Frauen und Kindern wiedereinführen, die die freie Entfaltung des Individuums behindern. Deshalb gebe ich offen zu, dass ich solchen Einwanderern – und es sind nicht nur Muslime – mit Vorbehalt gegenüberstehe. So viel Assimilation muss ich verlangen, dass sie solche Sitten und Auffassungen ablegen.

  5. Stefan Briem sagt:

    @ deutscher Michel, Brigitte Ernst

    Du meine Güte, müssen Sie eine Heidenangst vor den Muslimen haben, dass Sie sie mit Amerikanern vergleichen, die damals mit Kavallerie und Hightech (Dampfrösser) das Leben der Indianer veränderten und vielfach auch beendeten. Was haben diese schwerbewaffneten und mit modernster Technik ausgestatteten Aggressoren Ihnen bloß getan? Es muss etwas Fürchterliches gewesen sein.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Stefan Briem

    Etwas genauer lesen wäre manchmal wünschenswert. Mir ging es um die ungute Trennung einzelner ethnischer Gruppen voneinander und eine daraus resultierende Ghettobildung, die ich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht für hilfreich halte.
    Und was die von mir beobachtete Einfuhr rückschrittlichen und undemokratischen Gedankenguts anbetrifft, so findet sie sich, wie ich eigens betont habe, auch bei Nichtmuslimen, z.B. bei homophoben Immigranten aus Osteuropa.

    Für meine Person habe ich überhaupt keine Angst, denn meine Gedankenwelt bewegt sich auf der Grundlage unserer Verfassung. Entsprechendes erwarte ich auch von allen, die in unser Land einwandern.

  7. Stefan Briem sagt:

    Bravo! Gut gesprochen, liebe Frau Ernst. das Grundgesetz sei unsere Wagenburg, wenn die „Amerikaner“ (Muslime) kommen. Ich bin ganz bei Ihnen. Aber hatten Sie den Einwand von „deutscher Michel“ nicht als „mehr als berechtigt“ bezeichnet? Das heißt, Sie sehen wie Michelchen voraus, dass die Deutschen einst in Reservaten leben werden, weil ihr Land von den Muslimen übernommen worden ist?
    Nein, das glauben Sie nicht. Ich muss etwas falsch verstanden haben.

  8. deutscher Michel sagt:

    @Stefan Briem:
    Michelchen hat sich zur Situation in Deutschland überhaupt nicht geäußert – ich habe lediglich auf eine nicht unerhebliche Tatsache der Geschichte (nicht nur der) USA hingewiesen, die auch von
    Arno Widmann zitiert wurde.
    Aber: insofern haben Sie mich wahrscheinlich richtig interpretiert – ich hege wenig Neigung, mein Zusammenleben mit Einwanderern täglich neu aushandeln zu müssen, wie es von Aydan Özoguz gefordert wird.

  9. Brigitte Ernst sagt:

    Es muss Ihnen entgangen sein, lieber Herr Briem, dass es weder der deutsche Michel noch ich waren, die das o.g. Zitat von Randolph Bourne als Beispiel für die übliche Form von Einwanderung in ein anderes Land verwendet haben, sondern Arno Widmann.
    Ob der deutsche Michel mit seiner Anmerkung die europäischen Einwanderer in den USA mit den Muslimen, die nach Deutschland kommen, gleichsetzen wollte, kann ich nicht beurteilen. Ich jedenfalls halte es für unpassend, ja zynisch (seitens Bournes und Widmanns), die Nichtachtung, ja Zerstörung der indianischen Kultur als nachahmenswertes Beispiel für den Umgang von Immigranten mit der Kultur des Aufnahmelandes zu benutzen, nicht mehr und nicht weniger.
    Des Weiteren habe ich Kritik an der in den USA gepflegten Form von Diversität (nämlich akribische Einkastelung in unterschiedliche Rassen, die möglichst wenig miteinander zu tun haben wollen) geübt und meine eigene Auffassung von einer wünschenwerten Unterschiedlichkeit und Anpassung geäußert. Damit wollte ich nicht ausdrücken, dass ich muslimische Zuwanderer mit den europäischen Eroberern Amerikas gleichsetze.
    Sollte ich mich so unverständlich ausgedrückt haben, dass das nicht klar wurde, tut es mir leid.
    Ganz am Rande: ihr Bild von der Wagenburg passt nicht. Es waren nicht die Indianer, die sich hinter Wagenburgen vor unbefugten Landräubern verschanzten, sondern die Eindringlinge selbst vor den rechtmäßigen Eigentümern des Landes.

  10. hans sagt:

    Mit Zuwanderung wird man die Lebenswirklichkeit der Menschen auf diesem Planeten nicht um 1% verbessern. Das kann man nur mit Entwicklungshilfe. Mit Zuwanderung holt man zum Teil noch die Menschen die vor Ort am nötigsten gebraucht werden weg. Also , warum soll man Zuwanderung begrüßen?

  11. hans sagt:

    Wie war das denn mit den USA damals. Soweit ich weiß sind die Menschen dorthin die in ihrer Heimat keine Perspektive hatten. So das 3. oder 4. Kind. Ist das wirklich mit Heute vergleichbar? Heute kommen Leistungsträger aus armen Ländern die in der Lage sind viel Geld für Schlepper zu bezahlen und man will Einwanderungsgesetzte erlassen die das noch verschärfen. Diese Leute schwächen die Länder aus denen sie kommen und das Geld das wir für die Integration ausgeben ist für Entwicklungshilfe nicht mehr vorhanden. Die Ärmsten kommen eh nicht als Flüchtlinge zu uns. Das Ganze erinnert mich daran das wenn wieder 5 Terrortote zu beklagen sind alle Zeitungen voll stehen aber die tausende von Toten im Verkehr oder anderem niemand interessieren der nicht direkt betroffen ist.

  12. hans sagt:

    Ich war dieses Jahr in Urlaub im Marokko. Da habe ich eigentlich wieder erwarten ein Land vorgefunden das offensichtlich auf dem richtigen Weg ist. Diesen Staat als sicheres Herkunftsland zu benennen würde ich klar als richtig erachten. Das „Kapital“ hat dieses Land wohl schon vor Jahren entdeckt. Ich auf jeden Fall bin aus dem Staunen nicht raus gekommen als ich durch Marakesch oder Agadier gefahren bin. Da ist aber leider schon eine Immobilienblase am entstehen. Die Regierung hat dagegen aber eine Maßnahme ergriffen die dem Parteiprogramm der SPD gut zu Gesicht stehen würde. Man hat Mindesthaltefristen von 5 Jahren eingeführt. Das scheint mir besser zu sein als eine nicht funktionierende Mietpreisbremse. Außerdem das alle Personen die in diesem Land studieren zu 51 % weiblich sind setzt dieses Land auch noch auf die Solarindustrie. Da Marokko die ganze Zeit seinen Strom aus Spanien bezieht und als ehemalige französische Kolonie gut an die EU angebunden ist sind die Voraussetzungen Energie auch zu exportieren sehr gut. An diesem Land kann man sehen wo man in Nordafrika hinkommen müsste mit Entwicklungshilfe um wirklich für die Menschen vor Ort was zu erreichen.